Ravensburger nimmt aufgrund eines Shitstorms Kinderbücher aus dem Programm - und entschuldigt sich

  • Das ist wirklich die Form von Honkismus, von dem ich weiter oben gesprochen habe. Irgendein Schlagerfutzi erklärt, er werde jetzt erst recht seine bahnbrechende Hymne vom Lasso und von den Cowboys und Indianern singen (ich habe diesen Mann in einer Après-Ski-Bar in den österreichischen Alpen mal "live" singen hören), Bibliotheken und Buchhändler sichern ungefragt zu, die Bücher von Karl May weiterhin in der Ausleihe und im Sortiment zu halten, obwohl das nie zur Disposition stand, und dann ist da unter vielem anderen auch noch diese wirklich, wirklich fantastische Aufregung darüber, dass die ARD die Filme angeblich "aus dem Programm nimmt". Wenn man in dieser Sache argumentieren und ernstgenommen werden möchte, sollte man solchen Unfug weiträumig umfahren. Das gilt für alle Perspektiven auf den Diskurs. Ich habe wirklich große Schwierigkeiten, mit Leuten ernsthaft zu diskutieren, die davon schwadronieren, ihre Kinderbücher im Keller zu sichern, oder die erklären, Ravensburger hätte doch nur ganz frei und unbeeinflusst etwas ganz Normales getan, und überhaupt ist diese ganze Diskussion nur den Rechten (also eigentlich: Nazis) zu verdanken, die wieder aus Mückenlarven Elefantenherden machen, um den Linken ans Bein zu pissen und sie vorsorglich für den Untergang des Abendlandes verantwortlich zu machen. Nichts davon trifft zu oder hat etwas mit der Sache zu tun, und das ist alles ziemlich undifferenziert, um es noch nett zu sagen.

  • @Wally: In diesem wirklich bahnbrechenden Kommentar im österreichischen Boulevardmedium "eXXpress", den Du vermutlich meinst, erklärt selbst Heinzlmaier, dass die ARD die Lizenzverlängerung für die Filme schon vor zwei Jahren nicht mehr vorgenommen hat, was der Kommentator auf "vorauseilenden Gehorsam" zurückführt, was möglicherweise aber ganz andere Ursachen hat (es wird durchaus auch daran liegen, dass man die Filme nicht mehr zeitgemäß findet, aber vielleicht schaut auch einfach keiner mehr zu, wenn sie laufen). Bislang gibt es zu den aktuellen Geschehnissen von der ARD nur ein Statement der "BILD" gegenüber, das ich aber nirgendwo im Wortlaut gefunden habe (möglicherweise gibt es das in/bei der "BILD" selbst, aber ich suche kein Online-Angebot von denen auf).


    Ich halte entspannten und emanzipierten Umgang mit der eigenen Kulturgeschichte auch für den Weg der Wahl, aber solche Proteste, die sich an Albernheiten abarbeiten, dienen niemandem; dabei geht es nur darum, zu polarisieren und Öl ins Feuer zu gießen. Und, mit Verlaub. Ich bin sehr froh darüber, dass einiges, was in den späten Vierzigern, den Fünfzigern und Sechzigern noch für opportune Unterhaltung gehalten wurde, gut verschlossen im Giftschrank steht. Und da auch bleibt. Womit ich keinem Verbot der Karl-May-Filmadaptionen, das auch nirgendwo gefordert wird, das Wort reden möchte, sondern einfach darauf hinweisen, dass wir uns tatsächlich (auch) weiterentwickeln und dabei Ballast abwerfen - was kulturhistorisch ein ganz normaler Prozess ist (solange er aus dieser Motivation geschieht und nicht von einzelnen diktiert wird, ja). Wer sich aus historischen Gründen mit solchen Sachen auseinandersetzen möchte oder das nach wie vor unterhaltsam findet, dem steht alles offen, aber wenn eine öffentlich-rechtliche Anstalt einen Film nicht mehr zeigen will, in dem der Papa die Mama verhaut und dann auch noch den Filius, weil man das früher so gemacht und es ja auch niemandem geschadet hat, dann gibt es nachvollziehbare Argumente für eine solche Entscheidung. Ganz zu schweigen von der ganzen Propaganda, die im vergangenen Jahrhundert produziert wurde.


    Was ich sagen will. I beg to differ.

  • Sehr gut, der Kommentar von Denniz Yücel. Nur in Sachen Karl May hat er nur teilweise recht. Das dort die Kulturen so eindeutig und klar getrennt wird trifft nur auf die klischeehaften Verfilmungen und Freilichtbühnenaufführunge und natürlich die zugrunde liegenden wenigen Texte zu. Der Autor hat sich davon aber gelöst und ist mit seinem "Et in terra pax/Und Friede auf Erden" später in Konflikt mit Verleger und seinen Fans gegangen. Genau in diesem Werk plädiert er auch für die Vermischung von Kulturen (und in einigen weiteren Texten seines Alterwerks finden sich ähnliche Gedanken). Das alles ist aber nicht mehr "populär" und mit der Ravensburger-Sache hat das auch nichts zu tun.

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    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • erklärt selbst Heinzlmaier, dass die ARD die Lizenzverlängerung für die Filme schon vor zwei Jahren nicht mehr vorgenommen hat, was der Kommentator auf "vorauseilenden Gehorsam" zurückführt, was möglicherweise aber ganz andere Ursachen hat

    Heinzelmaier spricht in seinem Artikel nicht von einer zweijährigen Zeitlinie, wie du anführst, er erwähnt nur die Tatsache, dass ARD und ORF diese Filme nicht mehr zeigen. Mag sein, dass dieser Fakt in seiner Suada untergegangen ist. Dennoch halte ich seinen Beitrag für einen guten Artikel. Es geht ja nicht nur um literarische Bevormundung. Dieses Zensurverhalten hat längst so gut wie alle Bereiche unseres Zusammenlebens erfasst. Natürlich sind Menschen, die solches vorantreiben, Überzeugungstäter mit geradezu religiösem Eifer: Als Minderheit terrorisieren sie die Mehrheit, als Mehrheit terrorisieren sie die Minderheit.


    P.S.

    Die Karl May-Filme empfand ich immer schon als billigen Abklatsch der Bücher.

    Man bediente sich einfach der Figuren von Karl May, gab ihnen teils andere Namen und bastelte irgendwelche Handlungen zusammen, die kaum oder bestenfalls rudimentär mit der literarischen Vorlage zu tun hatten. Eigentlich eine Gemeinheit, sich derart schamlos an Mays Figuren zu vergreifen.

  • und mit der Ravensburger-Sache hat das auch nichts zu tun

    In der Ravensburger-Sache geht es nicht zuvorderst um den Umgang mit Vergangenheitskultur, sondern um den souveränen Umgang mit der Art von Protest, die sehr gerne genutzt wird, um Druck aufzubauen und politische Interessen durchzusetzen. Deniz fasst zusammen, was ich weiter oben auch schon ausgeführt habe. Dass sich die Verlage, Redaktionen, Booker, Veranstalter, Agenturen und Managements dem Protest beugen, statt einfach zu erklären: Hey, wir nehmen das zur Kenntnis, und wir nehmen auch hin, wenn Ihr unser Zeug nicht mehr kauft, aber unsere Künstler sind unsere Künstler, fertig., das ist der eigentliche Skandal. Kritik und Proteste sind okay und manchmal möglicherweise auch berechtigt, aber dass hier aus Sorge vor Konsequenzen, die meistens wahrscheinlich ausbleiben würden, die völlig falsche Reißleine gezogen wird (inzwischen auch oft schon im Vorfeld), das ist besorgniserregend.

  • @: Siegried: zu deinem Beitrag möchte ich mich zurückhalten, sonst gehen mit mir die Pferde durch. Diese Antwort eines in Deutschland lebenden Syrers macht mich nur noch sprachlos.

    Zuächst: Schenk mir bitte ein "f" ... sonst lande ich aus purem Versehen in der "m/w/d"-Diskussion! :)


    Dann muss ich ein Missverständnis aufklären:

    Nicht der Syrer hat so reagiert - im Gegenteil: Als ich ihn gefragt habe, ob seine Flucht aus Syrien über die Türkei und den Balkan bis nach Deutschland nicht etwas wäre, was man den Menschen hierzulande in Form eines Buches bekannt machen sollte, war er der Idee sehr zugetan, nur sah er sich wegen fehlender Sprachkenntnisse dazu nicht in der Lage.


    Ich habe die Idee der Syrer-Flüchtlingsbuches dieser "Kultur-Prüfungs-Kommission", besser bekannt als "sensitive reader", vorgelegt. Von da kam postwendend die Aussage: "Auf gar keinen Fall! Wenn, dann muss der Syrer das Buch selbst schreiben! Kein weißer deutscher Mann hat in diesem Buch etwas zu suchen."


    Ich habe beide Ideen - die Geschichte des Syrers und die von mir erfundene Geschichte des algerischen Jugendlichen - zwei anderen Personen vorgestellt: Einem türkischstämmigen Deutschen, der sehr konservative Ansichten zu Politik, Religion und gesellschaftlichen Themen wie Frauenrechte hat (und Erdogan gut findet); die zweite Person ist eine gebürtige Kurdin mit sehr fortschrittlichen Ansichten ("Geh weg mit dem Kopftuch!"). Beide haben mir gegenüber keinerlei Einwände gemeldet zu beiden Themen.


    Ich frage mich jetzt, aus was für Personen so eine Gruppe von "sensitive reader" besteht. Ich vermute, es sind Personen, die mit dem Kulturkreis, um den es geht, nichts zu tun haben, aber vorsorglich schon mal in den Kotau gehen und ihn auch anderen empfehlen.


    Zu der Diskussion allgemein: Ich bin da ganz auf Toms Linie. Es geht nicht um Winnetou oder Pippi Langstrumpf oder Tom Sawyer (oder - was jetzt gerade durch gewisse Kommentarzeilen schimmert - um Bastian Bux und Atreju, wo letzterer ja auch ein "romantisiert dargestellter, klischeehafter Indianerjunge" ist). Es geht um Macht. Und es geht darum, dass die Zielgruppen des Angriffs (Personen, Unternehmen, Organisationen) diskussionslos den Rückzug antreten. Eine vernünftige (!) Diskussionskultur existiert nicht mehr, weil jeder den Shitstorm fürchtet. Loyalität, etwa vom Verlag gegenüber den eigenen Autorinnen und Autoren, gibt es nicht mehr. Angst ist kein guter Ratgeber.


    Halten wir es lieber mit Luther: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." Meinung haben und dazu stehen.


    Nachtrag: "Indianer" heißen bei mir Indianer, weil die älteste Bürgerrechtsbewegung der Indianer sich selbst als "American Indian Movement" bezeichnet und nicht "Native Americans" oder "First Nations" oder sonstwie. Und wenn die sich selbst so bezeichnen, warum sollte ich das nicht?

  • Daß die ARD die Filme nicht mehr zeigt, liegt gewiß nicht an schlechten Einschaltquoten, denn auf Kabel 1 kommen regelmäßig an Feiertagen Karl-May-Filme und werden anscheinend auch gerne geschaut. Und ich denke, noch mehr Fans würden diese Filme gerne im ÖR ohne Werbeunterbrechungen sehen, wenn sie es denn könnten.

    Wenn man weiß, daß >80% der Redakteure im ÖR grün-links eingestellt sind, wundert einen das nicht mehr.

    Meines Erachtens gehören diese Anstalten wieder auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt. Früher wurde von 16 Uhr bis Mitternacht gesendet, es gab drei Programme, statt 20 und der Programmauftrag wurde besser erfüllt als mit der Grütze, die heute 24/7 läuft. Die Zwangsgebühren müssen abgeschafft werden. Wenn das Programm so gut und wertvoll ist, wie ihre Macher behaupten, würden doch ganz bestimmt Millionen Zuseher freiwillig zahlen, so wie sie auch freiwillig für Netflix & Co. zahlen, oder etwa nicht? :saint:

  • Daß die ARD die Filme nicht mehr zeigt, liegt gewiß nicht an schlechten Einschaltquoten, denn auf Kabel 1 kommen regelmäßig an Feiertagen Karl-May-Filme und werden anscheinend auch gerne geschaut. Und ich denke, noch mehr Fans würden diese Filme gerne im ÖR ohne Werbeunterbrechungen sehen, wenn sie es denn könnten.

    Sie laufen doch im ZDF. Soll das ZDF jetzt auch einen Tatort produzieren oder weshalb muss Winnetou auf beiden ÖR-Sendern laufen?

    Wenn man weiß, daß >80% der Redakteure im ÖR grün-links eingestellt sind, wundert einen das nicht mehr.

    Meines Erachtens gehören diese Anstalten wieder auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt. Früher wurde von 16 Uhr bis Mitternacht gesendet, es gab drei Programme, statt 20 und der Programmauftrag wurde besser erfüllt als mit der Grütze, die heute 24/7 läuft. Die Zwangsgebühren müssen abgeschafft werden. Wenn das Programm so gut und wertvoll ist, wie ihre Macher behaupten, würden doch ganz bestimmt Millionen Zuseher freiwillig zahlen, so wie sie auch freiwillig für Netflix & Co. zahlen, oder etwa nicht? :saint:


    Das Argument, dass der ÖR nicht gut sein kann, weil niemand freiwillig dafür zahlen würde, ist leider schwachsinnig, sorry. Es zahlt auch niemand freiwillig Tabaksteuer, trotzdem ist die eine gute Sache. Zumal, mangelnde Investitionen in Bildung sei Dank, es noch nie eine gute Idee war, "das Volk" mit dem Geldbeutel oder den Füßen abstimmen zu lassen, ob xy erhalten werden soll oder nicht. Ruckzuck wäre vom Sozialstaat nichts mehr übrig.


    Der ÖR ist prinzipiell eine gute Sache, gehört aber von den Füßen auf den Kopf gestellt.

  • Warum sind das Rote Kreuz, die Heilsarmee, Greenpeace und alle die Freikirchen noch nicht schon längst Pleite, wenn angeblich die Leute nicht frewillig für gemeinnützige Dienste oder andere Formen der Wohlfahrt bezahlen würden?

    Ich finde es grundsätzlich verdächtig, wenn etwas als so segensreich angepriesen wird, daß man die Leute mit Waffengewalt und Androhung von Kerker zu ihrem (angeblichen) Glück zwingen muß.

    Wie viele Kriege gäbe es wohl auf der Welt, wenn sich das Militär ausschließlich durch Spenden finanzieren müßte? :/

    Und woher kommt die Idee, daß eine kleine Clique von Funktionären schlauer, einsichtiger und moralisch integrer sei, als die Mehrheit ihrer Untertanen? Und wenn das Volk zu dumm oder ungebildet wäre, um über solche Fragen abzustimmen, wie kann es dann gleichzeitig kompetent genug sein, um an Wahlen teilzunehmen? Wäre dann eine Diktatur nicht die bessere Regierung?

  • Das DRK ist ein Wirtschaftsbetrieb, der Millionenumsätze macht. Es gehört zu den größten Arbeitgebern im sozialen Bereich. Wäre das DRK alleine auf Spenden oder freiwillige Leistungen angewiesen, gäbe es den Laden längst nicht mehr. Und ein Großteil der Spenden an NGOs ist nur deshalb möglich, weil Spenden an gemeinnützige Organisationen steuerabzugsfähig sind, was unterm Strich bedeutet, dass sie durch die Steuern aller gegenfinanziert werden (genau wie die Kircheneinnahmen übrigens). Letztlich ist es eine staatlich mitorganisierte, halb(und in vielen Fällen un)freiwillige Solidarsache.


    Du solltest Dich mal über das Unwesen von Privatarmeen und privaten Milizen informieren*. Und über Epochen, in denen sich jeder Hinterhofgraf oder Nebentalstammeshäuptling sein eigenes Militär geleistet hat. Weshalb es während dieser Epochen jahrzehnte- und jahrhundertelang nur Krieg gab, weil diese Leute beschäftigt werden wollten. In nicht wenigen Regionen der Welt ist das immer noch so.


    Ärgerlich, wenn solche Diskussionen dafür genutzt werden, ziemlich armselige AfD- und Reichsbürgerpropaganda zu streuen, etwa zu den linksgrünversifften öffentlich-rechtlichen Anstalten, die abgeschafft, eingedampft und privatisiert gehören, damit endlich freie Meinungsbildung (wieder) Oberhand hat. Ich glaube aber, dass Du für diese Argumentation hier wenige Freunde findest, Katze.


    *Sich zu informieren bedeutet, sich nicht nur auf die "Quellen" zu stürzen, die das Verschwörungsdenken bestätigen.

  • Der "Hirnkost-Verlag" hat ein Buch zum Thema "Kulturelle Aneignung" ausgeschrieben und sucht dafür noch Beiträge. Nämlich dort.


    Was der Verlag von Autor:innenrechte hält ist ebenfalls auf der Verlagshomepage nachzulesen (bisschen scrollen).

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


    Einmal editiert, zuletzt von Horst-Dieter ()

  • Welcher Stoff würde euch mehr reizen:


    1. Die Lebensgeschichte eures Nachbarn und Grillbuddies Hans-Egon Müller, seit 48 Jahren verheiratet mit Annegret, geborene Becker, mit der er zwei wundervoll langweilige Kinder, den Frachtexpedienten Sven und die Parfümeriefachverkäuferin Nadine, großgezogen hat, und der jetzt nach 45 Jahren im Dienste der Landesfinanzverwaltung NRW in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet wurde.


    2. Die Geschichte eines Serienkillers, der als Frau verkleidet ausschließlich freitags und in den Toilettenräumen von Chinarestaurants überwiegend ältere Frauen mit den Vornamen Hildegard, Elke und Martina tötet und am Tatort stets eine weiße Chrysantheme hinterlässt.


    3. Die bewegenden Schicksale der Japanerin Keiko, die von Moussa aus Burkina Faso, Arvo aus Estland, Kala aus Indien, Jonas aus Köln-Sülz und Luana aus Brasilien, die in der Geschichte des Restaurants „No One’s Cuisine“ miteinander verschmelzen, einer Geschichte über sechs Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen schon am Boden waren und sich wieder ins Leben zurückgekämpft haben, die über viele Missverständnisse und Konflikte schließlich zueinanderfinden und die gemeinsam ein Restaurant eröffnen, in dem sämtliche angebotenen Speisen mindestens eine Zutat von jedem Kontinent enthalten mit Ausnahme der Antarktis, und die das „No One’s Cuisine“ binnen kurzem zu einem Tempel der Crossover-Küche werden lassen - zwei anrührende Liebesgeschichten inklusive.


    Wir schreiben über das, was wir nicht sind. Über den anderen. Die anderen. Das Andere. Fremdartige. Über das uns Wesensfremde. Weil wir instinktiv wissen, dass sich nur zwischen dem Pol des Gekannten und Bekannten sowie jenem des Unbekannten das Kraftfeld aufbauen kann, in welchem im Aufeinandertreffen mit dem Andersartigen, dem Abweichenden, dem Nonkonformen jene Konstellationen und Dynamiken mitsamt der daraus resultierenden Konflikte und einer oftmals skurrilen Komik entstehen können, die eine Geschichte überhaupt erst erzählenswert und lesenswert machen. Darin besteht der Reiz des Fiktionalen, nicht in seinem Wahrheitsgehalt.


    Wir nehmen wahr und halten das, was wir für wahr nehmen, oftmals für die Wahrheit selbst, die sie aber niemals ist, die niemand kennt, weil wir kein Sinnesorgan dafür haben, um sie in ihrer Unteilbarkeit erfassen zu können. Es ist unsere eigene Perspektive, die wir mit keinem anderen Menschen teilen, die darüber entscheidet, was wir wahrnehmen und wie wir dies tun und das schließt unsere Selbstwahrnehmung mit ein. Unsere Wahrnehmung ist so richtig oder falsch wie die eines jeden anderen Menschen. Und in der Kunst im Besonderen geht es nie um richtig oder falsch. Jedes literarische Werk ist das Ergebnis der ganz persönlichen Auseinandersetzung einer Autorin oder eines Autors mit einem frei gewählten Stoff. Nicht mehr und nicht weniger. Insofern kann Kunst niemals ein perfekter Spiegel der Realität sein, selbst dort nicht, wo ein Künstler dies anstrebt. Aber zu meinem Verständnis künstlerischen Schaffens gehört auch eine Sorgfalt, die sich unter anderem darin äußert, so weit wie irgend möglich Stereotype und Klischees zu vermeiden, weil sie fast immer die Gefahr beinhalten, andere Menschen zu verletzen und herabzusetzen. Eine Ausnahme ist das bewusste Spielen mit Klischees, um diese aufzubrechen.


    Ob mir bei alldem aber Sensitivity Reader zu helfen vermögen, bezweifle ich hingegen sehr stark. Sie sind auch nur Menschen und keine unfehlbare Instanz, dürften also gleichfalls nicht vor Stereotypen und Klischees gefeit sein, positiven im Blick auf die Gruppen, denen sie selbst angehören oder nahestehen, und negativen gegenüber der sogenannten weißen Mehrheitsgesellschaft und dementsprechend ihre Wertungen Vorurteile mit umgekehrten Vorzeichen transportieren.


    Verstärkt wird meine Skepsis noch dadurch, dass sich in den Köpfen vieler Menschen Überzeugungen festgesetzt haben, die angesichts des Grades ihrer Verallgemeinerung bereits eine Diffamation darstellen:

    Weiß = Täter

    Nicht-Weiß = Opfer

    Von dieser Grundannahme ausgehend fächert sich das immer weiter auf:

    Weiß, männlich und heterosexuell = rassistisch, sexistisch, homophob

    Nicht-Weiß und/oder schwul/lesbisch und/oder trans = diskriminiert, edel, hilfreich und gut

    Differenzierungen finden aufgrund eines ideologischen Dogmatismus, der eine kritische Überprüfung eigener Positionen von vornherein als unzulässig erklärt, kaum noch statt. Stattdessen verfestigen sich diese pauschalisierenden Zuschreibungen zu Stereotypen und Vorurteilen, die ihrerseits rassistisch sind. Das trägt in der Praxis zu einer Diskreditierung der überwiegend berechtigten Anliegen bei und schafft ein Klima des wir gegen sie, das am allerwenigsten denen hilft, die tatsächlich Diskriminierung erfahren.


    Was mich aber mehr als alles andere pessimistisch stimmt, was die etwaige Überwindung des Grabens zwischen woken Aktivisten und den Verfechtern der künstlerischen Freiheit betrifft, ist das Kunstverständnis jener Aktivisten, falls es überhaupt ein Kunstverständnis zu nennen ist:

    Kunst hat eine dienende Funktion und ist als Lehrmittel im Sinne einer notwendigen Umerziehungskampagne zu begreifen.

    Was dabei noch an Literatur übrigbleiben wird: Autobiografien im Stil reportagenhafter Nacherzählungen und Betroffenheitsliteratur.


    Aber ist das noch Kunst?


    Zum Schluss möchte ich noch folgende Annahmen zur Diskussion stellen (vielleicht in einem eigenen Thread):

    1. Es gibt keine kulturelle Reinheit.

    2. Kultur ist dynamisch.

    3. Jede Kultur bedient sich der kulturellen Aneignung.

    4. Kulturelle Aneignung auf der Basis von Wertschätzung ist die Voraussetzung für das Schaffen und die Weiterentwicklung von Kunst.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • Ich stimme Tom hinsichtlich mancher äußerst fragwürdiger Meldungen hier im thread ausdrücklich zu und wundere mich - wieder mal - wie so manche Leute Informationen erhalten/verarbeiten/prüfen. Und dann kommen so Forderungen, man möge die "Zwangsgebühren abschaffen", es wird mit Begriffen wie "Staatsfunk" hantiert, von "terrorisieren" gesprochen, als ob wir hier in Russia-Today leben. Wat is nur mit den Leuten los?

    Richtet sich übrigens selbstverständlich nicht gegen das Thema des Freds selbst.

  • Zum Schluss möchte ich noch folgende Annahmen zur Diskussion stellen (vielleicht in einem eigenen Thread):

    (...)

    3. Jede Kultur bedient sich der kulturellen Aneignung.

    4. Kulturelle Aneignung auf der Basis von Wertschätzung ist die Voraussetzung für das Schaffen und die Weiterentwicklung von Kunst.

    Lieber Jürgen,


    mir scheint, die Verfechter des Begriffs "kulturelle Aneignung" definieren ihn gerade mit mangelnder Wertschätzung. Ansonsten sprechen sie von "kulturellem Austausch". So schreibt es zumindest Wikipedia:


    "Kulturelle Aneignung müsse gemäß dieser Definition von „kulturellem Austausch“ abgegrenzt werden: Bei kultureller Aneignung würden die übernommenen Bestandteile kultureller Identität zur Ware gemacht und damit trivialisiert. Zudem würden die angeeigneten Kulturelemente oftmals falsch oder verzerrt reproduziert, was zur Förderung von Stereotypen führen könne. Kultureller Austausch dagegen basiere auf Wertschätzung und Respekt und finde meist im Rahmen eines gegenseitigen Kennenlernens der Träger der unterschiedlichen Kulturen statt."


    Ich bin optimistisch, was den Austausch der unterschiedlichen Auffassungen angeht. Ich glaube an Popper und die Offene Gesellschaft. Dieses Konzept lebt von verschiedenen Meinungen und ist wohlerprobt. Andere Themen bereiten mir mehr Sorgen. Mit Putin und der Inflation kann man nicht diskutieren.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • ... mir scheint, die Verfechter des Begriffs "kulturelle Aneignung" definieren ihn gerade mit mangelnder Wertschätzung.

    Danke für den Hinweis, Alexander. Für mich ist der Begriff nicht negativ besetzt, weil ich Wertschätzung als Voraussetzung für meinen Wunsch begreife, Elemente einer Kultur, die nicht meiner eigenen entstammen, in mein Leben und in meine Arbeit zu integrieren. Etwas anderes ergibt für mich keinen Sinn. Aber natürlich hast du recht. Die Mehrzahl der Beteiligten in solchen Diskussionen benutzt den Begriff "Kulturelle Aneignung" als Kampfbegriff. Das hätte ich bedenken sollen.

    Und natürlich hängt die Definition dieses Begriffes auch maßgeblich davon ab, ob ich Kultur als etwas Statisches begreife, infolgedessen jede Kultur messerscharf von jeder anderen Kultur zu unterscheiden wäre. Was nicht der Fall ist. Abgesehen von indigenen Völkern, die völlig abgeschottet vom Rest der Welt leben, ist der Austausch zwischen Kulturen, zumindest zwischen Handel treibenden Gesellschaften, seit jeher Normalität. Komplette Musikgenres wie zum Beispiel der Jazz in seiner ganzen Bandbreite würden ohne diesen Austausch nicht existieren, was schon mit den benutzten Instrumenten beginnt.


    Eine Kultur ist niemals "rein". Diskussionen darüber könnten angesichts der globalen Probleme sowie deren Dringlichkeit anachronistischer nicht sein. Die Polkappen werden auch weiterhin schmelzen, wie besessen Menschen russische, chinesische, amerikanische, englische oder welche Fähnchen auch immer schwenken mögen. Auch viele woke Aktivisten scheinen mir nicht frei zu sein von dieser Besessenheit, wenn sie sich der grundsätzlichen Wichtigkeit der von ihnen vertretenen Anliegen zum Trotz manchmal an Dingen abarbeiten, die ... ich will es mal sehr, sehr zurückhaltend ausdrücken ... nicht gerade zu den TopTen der aktuellen ToDo-Liste der Menschheit zählen, wie zum Beispiel diese Winnetou-Geschichte und regelmäßig auch noch in der Wahl ihrer Mittel und/oder deren Verhältnismäßigkeit danebengreifen. Hat sich irgendein Apache beim Ravensburger Verlag beschwert? Nicht, dass ich wüsste. So what?

    Ich bin optimistisch, was den Austausch der unterschiedlichen Auffassungen angeht. Ich glaube an Popper und die Offene Gesellschaft.

    Ich kämpfe mit dieser Aussage. Einerseits stimme ich zu, doch ein ums andere Mal bringt mein Verstand gewichtige Argumente vor, die dagegen sprechen.

    Und dennoch ... Optimist sein ... Ich glaube, wir haben da keine Wahl. Aber dann sollten wir schleunigst wieder damit anfangen, miteinander zu reden. Fragen zu stellen. Die Fragen anderer verstehen wollen. Ihre Argumente. Wenn nötig nachhaken. Antworten. Und zuallererst und mehr als alles andere dem anderen zuhören. Einer dem anderen. Aufrichtig darum bemüht sein, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen. Sein Leiden. Seine Verletzungen. Seine Sorgen. Seine Ängste. Seine Befindlichkeit zu ergründen. Anders geht es nicht. Alles andere ist der sichere Weg ins Desaster, alles andere als sich auf einen Austausch einzulassen, der diesen Namen verdient, der also auch die ehrliche und permanente Überprüfung des eigenen Standpunkts einschließt.


    Herzlich Grüße,


    Jürgen

  • Ich habe die Idee der Syrer-Flüchtlingsbuches dieser "Kultur-Prüfungs-Kommission", besser bekannt als "sensitive reader", vorgelegt. Von da kam postwendend die Aussage: "Auf gar keinen Fall! Wenn, dann muss der Syrer das Buch selbst schreiben! Kein weißer deutscher Mann hat in diesem Buch etwas zu suchen."

    Das ist ein Punkt, der mir in der Diskussion Unbehagen bereitet (Passenderweise 🙂): Dieser Anspruch, dass niemand über etwas zu schreiben habe, das er nicht aus eigener Erfahrung kenne, bedeutet doch auch, dass manche Themen bzw. Einstellungen überhaupt nicht oder nur am Rande vorkommen. Das kann es nicht sein, wenn nicht jedem die gleichen Fähigkeiten gegeben sind, sich zu äußern.

  • Mir geht dieser ganze Gesinnungsterror total auf die Nerven, weil er einfach nur noch lächerlich ist.

    Wieso sollen Bücher, die schon unsere Eltern und Großeltern gelesen haben, auf einmal schlecht für Kinder sein und sie auf rassistische Gedanken bringen?

    Weder die Winnetou Bücher, noch die Jim Knopf-Romane sind in irgendeiner Form rassistisch.

    Im Gegenteil, es gibt doch kein besseres Plädoyer für Toleranz als die Winnetou-Bücher, die Freundschaft zwischen ihm und Old Shatterhand lehrt Kinder doch Toleranz und nicht Hass.

    Diese ganze Woke-Bewegung macht sich in ihrer zunehmenden Radikalität total lächerlich und verkörpert damit genau das, was sie zu bekämpfen vorgibt.