Beiträge von Tom

    Ich denke, ich weiß, was hier passiert.

    Das ist die eine Variante dessen, was passiert. Die andere Ursache für diese Überbemühungen, auf jeden Fall "People of Color" oder offenkundig nichtheterosexuelle Menschen oder in irgendeiner anderen Hinsicht vom gesellschaftlichen Mainstream abweichendes Personal zu zeigen, sind wütende Shitstorms, die sich Firmen und Agenturen dafür einfangen, eine statistisch wahrscheinlichere, aber nicht übermäßig diverse Zusammensetzung ihrer Werbeträger gewählt zu haben. Angefangen hat das meiner Erinnerung nach vor einigen Jahren mit einer Kampagne der Deutschen Bahn, die schließlich abgeblasen werden musste (nein, nicht die, gegen die Boris Palmer agitiert hat, sondern eine frühere).


    Es gefällt mir außerordentlich, wenn in Unterhaltung und Werbung versucht wird, darauf hinzuweisen, dass die Gesellschaft nicht nur aus weißheterochristlichem Mittelstand besteht. Und bei diesem auch noch aus der Teilgruppe der besonders attraktiven Menschen. Aber ich glaube ebenso wie Du, Silke, dass dieses deutliche Übers-Ziel-Hinausschießen eher etwas mit Ängsten und Bedürfnissen der Macher und -innen zu tun hat als mit dem Wunsch, die Vielfalt als Normalität zu verkaufen (die sie tatsächlich auch längst noch nicht ist), für Toleranz und Akzeptanz und Respekt zu werben (was als ständige Motivation sowieso irritierend und unglaubwürdig ist). Und, ja, es sind sehr oft gutaussehende, nicht übermäßig schwarzhäutige, durch irgendein Merkmal (Frisur) auch noch ethnisch-kulturell leicht verortbare Menschen, die besetzt werden, um diese Rollen zu übernehmen - also quasi "die Anderen" zu spielen. Asien, der Nahe Osten, überhaupt alles östlich der Oder, aber auch viele andere Regionen spielen als Irgendwann-Herkunftsländer fast keine Rolle.


    All das ist oft bigott und nicht selten ziemlich scheinheilig. Aber es zeigt auch das Problem, vor dem als Abgrund gerade die gesamte amerikanische Unterhaltungsindustrie steht: Es ist vollständig unmöglich, in jeder Gruppe jederzeit alle denkbaren Formen von Diversität zu zeigen und authentisch abzubilden (bzw. abbilden zu müssen). Und das ist nur der Anfang des Problems. Die, die man besetzt, und zwar erkennbar aus solchen Gründen, nehmen eine besondere Position ein, weil sie umso mehr für "ihre Gruppe" stehen, und jede dramaturgische Entscheidung ist zugleich eine für oder gegen diese Gruppe.


    Andererseits sind natürlich Werbung und Unterhaltung nie ein Abbild der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil. Im Kleinen wie im Großen hat beides mit der Realität oft nahezu nichts zu tun, und es ist manchmal auch dramaturgisch vollkommen unmöglich, auch nur ansatzweise realistisch zu sein (oder es zu wollen). Dieser Ansatz ist in jeder Hinsicht verkehrt, und er erreicht sehr wahrscheinlich auch nicht das, was er zu erreichen als Aufgabe oktroyiert bekommen hat.

    Sorry fürs ungenaue Lesen. Ja, schwappen. Der Tee schwappt hin und her, er kann auch überschwappen. Schönes Wort übrigens.

    Eine Fortsetzung ist nicht das gleiche wie der zweite Band einer Reihe oder einer -logie. Ich habe das eine ums andere Mal darüber nachgedacht, eine Fortsetzung von "Leichtmatrosen" zu schreiben, aber hätte ich die Erzählung von vornherein als Reihe oder -logie geplant, hätte das erste Buch nicht so geendet, wie es das getan hat. Und eine -logie ist auch nicht das gleiche wie eine mehrbändige Erzählung. Bei einer -logie erzählen die einzelnen Romane durchaus ihre eigenen Geschichten, die aber Bestandteil einer Gesamtgeschichte sind. Eine mehrbändige Erzählung - wie etwa die umfangreichen Space Operas von Peter F. Hamilton - ist eine sehr, sehr lange, in sich abgeschlossene Geschichte, die sozusagen räumlich aufgeteilt wurde.

    Wie nennt man es denn dann?

    Es ist eine Geschäftsanbahnung. Du bietest ein Produkt einem Vertrieb an. Das Produkt besteht in erster Linie aus Deinen Texten und in zweiter aus Dir selbst. Man bewirbt sich nicht um einen Programmplatz, man bietet etwas an. Es wird zwar leider immer wieder von Bewerbern gesprochen, zuweilen (aber selten) auch von Seiten der Verlage, aber es handelt sich weder um eine Bewerbung, noch später dann, sollte die Anbahnung von Erfolg gekrönt werden, von einem Verhältnis, das einem Angestelltenverhältnis auch nur entfernt ähneln würde.

    Man muss unterscheiden zwischen "Das bietet sich für eine Fortsetzung an" (wie etwa "Die Dienstagsfrauen" von Monika Peetz, woraus aufgrund des Erfolgs eine Reihe geworden ist) und einer Erzählung, die auf mehrere Bände angelegt ist, die also nach dem ersten Ende nicht oder nicht vollständig endet. Es gibt aber sicher auch Hybridformen.


    Nein, die Verlage schrecken vor Mehrbändern nicht zurück - wenn der erste Band okay läuft oder sogar ein Longseller wird, sind die Folgebände ganz im Gegenteil ziemlich sichere Banken. Aber das Risiko ist beim ersten Band nahezu gleich klein oder groß wie bei einem in sich abgeschlossenen Band - entweder, es läuft, oder es läuft nicht. Wenn aber gleich alle drei bis zehn Bücher eingekauft werden, ist das Risiko aus Verlagssicht natürlich ein bisschen höher. Aber da wird es bei Debütanten eher auf ein Optionskonzept hinauslaufen - also ein Vorkaufsrecht, das man sich mit einer geringen Garantiesumme einkauft.


    Ja, man sollte erwähnen, wenn etwas als Einteiler funktionieren würde, aber als Mehrteiler geplant ist.


    Aber, nein. ES. IST. KEINE. BEWERBUNG. :cursing:

    Nein, Auftragsarbeiten sind das meistens nicht. Es gibt aber auch Projekte, an denen mehrere Autoren arbeiten, oder bei denen Verlage die Reihenrechte gekauft haben und neue Autoren hinzuziehen. Aber das ist eher die Ausnahme.


    Wenn der erste Teil einer Reihe okay lief, dann steigen die Nachfolgebände fast automatisch hoch ein, weil sehr viele Leute, die den ersten Teil über eine längere Zeit gekauft und gelesen haben, schnell zum zweiten Teil greifen. Deshalb findet man in den Bestenlisten auch häufiger Folgebände als erste Teile.


    Man bringt das so an den Verlag, wie man auch in sich abgeschlossene Romane an den Verlag bringt - man baut ein (dann möglichst alle Teile umfassendes) Exposé, skizziert die wichtigsten Abschnitte, die Positionierung und die Zielgruppe, und liefert eine Hammer-Leseprobe aus dem ersten Teil. Ich denke, ergänzend sollte erklärt werden, wie sich die Teile voneinander entscheiden (möglichst sogar noch, wie sie heißen werden usw.), oder man bietet das als Option an. Ich mache das auch gerade mit einem Stoff, von dem ich denke, er würde sich für zwei Teile lohnen, aber ich habe zugleich avisiert, dass ich das auch in einem Buch schaffen würde.


    Ob der Verlag gleich alle Bände sehen will oder mit dem ersten zufrieden ist, hängt von Deiner Erfahrung ab, aber wenn Du mit noch wenig Erfahrung gleich einen überzeugenden ersten Band lieferst, würde auch das vermutlich klappen.

    Großartig


    fuenfsterne.gif


    Noch so ein Buch, das irrtümlich lange im Regal mit ungelesener Lektüre lagern musste, bis der Bereich so stark ausgedünnt war, dass ich keine Wahl mehr hatte. Dabei hatte ich Ann Patchetts unglücklich betiteltes „Die Taufe“ (OT „Commonwealth“) ungeheuer gerne gelesen, aber „Das Holländerhaus“ mit dem eigenartigen, nach Historienschwarte klingenden Titel und diesem merkwürdigen, nostalgisch-verklärenden Gemälde auf dem Cover, das hielt mich quasi antimagnetisch von sich fern.

    Dabei ist der Roman absolut hinreißend. Und er ist weder historisch, jedenfalls nicht im Sinne von „Die Päpstin“ oder „Die Wanderhure“ oder ähnlichem Gequirle, noch ist er nostalgisch-verklärend. „Das Holländerhaus“ ist eine „great american novel“, eine amerikanische Familiengeschichte, eingebettet in die amerikanische Geschichte. Und zwar eine großartig erzählte.


    Es beginnt in den späten Sechzigerjahren. Die Geschwister Maeve und Danny leben in einem noblen Vorort von Philadelphia. Der Vater ist Immobilienunternehmer, und der junge Danny, der als Ich-Erzähler auftritt, darf ihn samstags begleiten, um die Mieten zu kassieren - damals noch in bar, und so ganz verschwunden ist das bis heute noch nicht aus dem amerikanischen System - und alle Zahlungen ins große Hauptbuch einzutragen, die Gespräche und Ausreden mitanzuhören, und das oft altruistische Verhalten des Vaters zu erleben. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden, angeblich ist sie eines Nachts einfach nach Indien aufgebrochen, sagen jedenfalls Sandy und Jocelyn und Fluffy, die Hausbediensteten. Weil sie es im Haus nicht mehr ausgehalten hätte. Im Holländerhaus, durch dessen Erdgeschoss man hindurchblicken kann, und das im zweiten Stock sogar einen Ballsaal hat.


    Das beeindruckende und auf seine Art wunderschöne, originelle Haus haben reiche Kaufleute gebaut, nach denen nicht nur das Gebäude, sondern auch die Straße benannt ist, in der es steht, es ist wirklich ein Juwel, und sehr ungewöhnlich, verwinkelt, immer ein bisschen zu kalt, riesengroß, voller Geheimnisse, aber auch wertvoller Möbel, Intarsien und Kunstwerke. Der Vater hatte es seiner Frau zum Geschenk gemacht, vom ersten größeren Profit, den er erwirtschaften konnte, aber die Frau konnte darin nicht glücklich werden. Und auch für den Rest der Familie steht es nicht zum Guten. Der Mann heiratet schließlich eine neue Frau, die willensstarke, egoistische Andrea, die kurz nach seinem Tod - vier Jahre später - seine Kinder kurzerhand vor die Tür setzt. Aber die nicht weniger starke Maeve und der kluge Danny haben einander, und so überstehen sie das. Davon erzählt der Roman genau genommen: Dass sich Maeve und Danny haben, und dass sie so alles überstehen.


    Fortan und über die Jahrzehnte - Ann Patchett erzählt in diesem Roman fast die ganze Lebensgeschichte der beiden - treffen sich die Geschwister, die einander alles bedeuten, manchmal an Freitagabenden und betrachten das Haus von der anderen Straßenseite aus, Danny kommt dafür extra aus New York, und dann sitzen sie im Auto, rauchen, reden, und haben ein bisschen Angst davor, dass Andrea herauskommt, aber das geschieht nie. Maeve - die übrigens auf dem Gemälde zu sehen ist, das das Cover des Buches ziert - hat ihr Studium abgeschlossen und einen einfachen, aber guten Job gefunden, der sie sehr ausfüllt, ihr aber genug Raum lässt, um sich um den kleinen Bruder zu kümmern. Danny wird von ihr genötigt, Arzt zu werden, um das einzige, was ihnen geblieben ist, nämlich einen Ausbildungsfonds, von dem auch Andreas Kinder etwas hätten, wenn noch etwas bliebe, maximal zu schröpfen. Er schließt mit Bestnoten ab, dabei würde er lieber Immobilienunternehmer sein, wie der Vater. Er heiratet, bekommt Kinder, aber die Verbindung zu Maeve bleibt jederzeit intensiv.


    Ann Patchetts große Erzählung ist selbst wie dieses Haus - verwinkelt, komplex, verschachtelt, überraschend. Vor allem aber ist „Das Holländerhaus“ wirklich wunderschön, obwohl es oft tragisch, selten einfach und oft herausfordernd ist. Ein starker, fesselnder Roman über die Liebe, über Familie, über Selbstverwirklichung, Tapferkeit, die Schatten der Vergangenheit und die Verantwortung - für andere, aber auch für sich selbst.

    ASIN/ISBN: 3827014174

    So, so.


    Es ist keineswegs Frau Göring-Eckardt, die das ausgedacht hat oder unbedingt haben will, sondern es war eine Gruppe aus drei Autoren und Autorinnen, die den Vorschlag gemacht hat, darunter übrigens Simone Buchholz, die live zu erleben wirklich einen Höllenspaß macht. Frau G-E hat diesen Vorschlag nur begrüßt, im Sinne von: Man sollte über solche Sachen nachdenken, auch um der Sprache und des Sprachgebrauchs willen. Sie hat nicht gesagt: Her damit, das brauchen wir auf jeden Fall.


    Hier kann man das alles noch ein wenig genauer nachlesen: https://www.rnd.de/politik/bea…I6BRDWBBDUFCNLWFBKBQ.html


    Eigentlich ist das eine hübsche Idee. Fragt sich nur, wer seine Künsterkarriere dadurch vergurken möchte, dass er oder sie im Auftrag der Regierung künstelt.

    Andererseits. Gegenden gönnen sich Stadtschreiber und Stipendiaten, und was könnten sich Künstler und -innen mehr wünschen als an der Wurzel (oder wichtigsten Astgabel) der Demokratie in Lürik oder Prosa auf das Geschehen reagieren zu dürfen, und das mit garantierter Resonanz? Das wäre sozusagen ein zweites Bundespräsidialamt, zwar mit noch weniger Kompetenz, dafür aber mehr Anspruch an die rhetorisch-künstlerische Qualität.


    Ich muss jetzt wirklich mal nachlesen, was Frau G-E damit eigentlich beabsichtigt. Oder ob das sowieso nur ein Ulk war.

    Allerdings waren Hofnarren ja nicht dazu da, den Herrscher zu belustigen, sondern ihm ungeschminkt sagen zu können, was er falsch machte.

    Es sei denn, der Herrscher hatte schlechte Laune.


    Im Übrigen gerät die ungeschminkte Meinungsäußerung immer mehr in Verruf, so sie denn mit den moralisch-paradigmatischen Leitplanken kollidiert, die quasi täglich enger gesetzt werden, was sogar für in Kunst, gar in Satire gekleidete Meinungen gilt.


    Wahrscheinlich aber hat Frau G-E da eher etwas wie die Inaugurationslürikerin Amanda Gorman im Sinn, die ja allen Wokern weltweit multiple Orgasmen verschafft hat*. Also jemanden, der in schönen, aber etwas kitschigen Worten die Ungerechtigkeit der Welt deklamiert, verbunden mit dem Hinweis darauf, dass die Helden der Ampelkoalition zur Rettung geeilt sind.


    (* das ist eine Analogie)

    Man wählt für einen Umstand einen Anglizismus, den man mit einer Bedeutung auflädt, die die deutsche Entsprechung nicht hätte. Das ist die Grundlage vieler Fremdwörter. Ich finde das an dieser Stelle tatsächlich nicht übermäßig zynisch, aber, klar, einen gewissen Verniedlichungsfaktor soll derlei wohl immer haben.

    Schon ulkig, wenn Leute, die Linguisten und Germanisten sind, mit so einer Wortschöpfung daherkommen, ja. Echt ein Unding. ;)


    Aber, um für die Idee eine Lanze zu brechen - es geht ja darum, Wörter (und deren Schöpfer/Nutzer) zu benennen, die stellvertretend in besonderer Weise den allgegenwärtigen Versuch zeigen, durch Sprachgebrauch Vorgänge zu entkräften, zu legitimieren, vor der gesellschaftlichen Ächtung zu bewahren, oder ihnen schlicht den Schrecken zu nehmen, aus welchen Gründen auch immer. Wofür "Pushback" eigentlich kein gutes Beispiel ist, denn Zurückstoßen ist genau das, was den Menschen dort passiert, im physischen wie im politischen Sinn. Aber das ist wie bei Literaturwettbewerben: Wenn alle eingereichten Geschichten schlecht sind, schmückt sich jener Mensch, der die beste der schlechten Geschichten geschrieben hat, obwohl er dennoch kein guter Autor ist.

    Den Begriff kenne ich nicht.

    Das sind die, die die Unwörter entlarven. So werden sie jedenfalls in den Medien bezeichnet, für sich selbst haben sie eigentlich keinen gesonderten Terminus. Es handelt sich um eine recht kleine Gruppe von Leuten aus dem Umfeld der Philipps-Universität Marburg.

    ... ist das "Unwort" des Jahres 2021.


    Das ist für mich ganz persönlich die zweituninteressanteste Schlagzeile dieser Woche, nach der davon, dass die "Golden Globes" wohl verliehen worden sind.


    Womit ich nicht das grauenhafte Geschehen an den Flüchtlingsrouten verniedlichen will. Oder den grauenhaften Umgang mit Sprache. Auch durch die "sprachkritische Aktion". Der ist echt ein Unding. Und verursacht nur Unkosten.

    Interessante Besprechung, interessantes Buch - recht kurz (nur knapp 150 Seiten) und lange vor dem aktuellen Genderntsunami (im Jahr 2004) erschienen. Aber, liebe Petra - ich entnehme Deiner Rezension keine Bewertung, keine Information über Dein Vergnügen oder Missvergnügen bei der Lektüre. Ich würde gerne wissen, ob es Dir gefallen hat. Büdde. 8)