Beiträge von Tom

    Mein nächster Roman, der aller Voraussicht nach im Frühjahr 2024 erscheint, will geschrieben werden, und außerdem gehen zwei noch zu überarbeitende Kurzgeschichten, die bei den 42ern auch Besprechungstexte waren (was die Überarbeitung stark vereinfacht), in einem besonderen Format zur Buchmesse 23 an den Start, mehr dazu demnächst. Ich will außerdem zwei Herzensprojekte vorantreiben, nämlich einen Science-Fiction-Stoff, an dem ich schon lange laboriere und den ich fürs Langformat auszuarbeiten auch schon begonnen habe, und ein Jugendbuch, das ich zusammen mit meinem Sohn entwickle.

    Außerdem werde ich - wie in jedem Jahr - alles lesen, was mir vor die Füße fällt. Und ich möchte helfen, die Besprechungsrunde der 42er wieder etwas zu beleben.

    Welchen ähm Diskurs gilt es angesichts von toxischen Begriffen wie "Blackwashing" oder "Staatsfunk" und absolut indiskutablen Vergleichen anzustreben?

    Diese Toxizität, die Polarisierung und Fraktionierung gehen tatsächlich von beiden "Seiten" aus, aber es ist auch nach meinem Dafürhalten eher die Linke, die sie intensiv vorantreibt, etwa dadurch, dass jeder Acker, bei dem mal ein AfDler in eine Randfurche gepinkelt hat, umgehend als vollständiges Nazigebiet ausgewiesen wird. Selbst hochgradig differenziert und mit bestechender Argumentation ist es beispielsweise kaum mehr möglich, gegen "gendergerechte" Sprache zu sein, weil sofort in den braunen Sack kommt, wer das tut (dazu gibt es haarige Sharepics in den sozialen Medien). Diese extreme und ausschließliche Abgrenzung, verbunden mit einer schwer haltbaren Axiomatik und dem oben erwähnten Ertappenwollen, ist diskursfeindlich und kontraproduktiv, und sie treibt Leute in die Arme der Weitrechten, die da eigentlich nie hinwollten. Inzwischen ist es sogar kaum noch möglich, sich zum Universalismus zu bekennen, weil nur gut sein kann, wer partikular unterwegs ist. Die Atmosphäre wird immer giftiger, worüber sich die Nazipropagandisten natürlich freuen, aber die Unversöhnlichkeit, das Spalterische, diese ausschließliche und kategorische Trennung kommen keineswegs nur von denen.


    Auf das Bierchen freue ich mich! :prost

    Freund-Feind-Schema, Täter-Opfer-Umkehr, Holocaust-Relativierung, Hitlervergleich, "Staatliche Gehirnwäsche". Ist bei weitem noch nicht jedes Buzzword aus der rechten Schwurbler-Bubble dabei, aber schon eine ordentliche Menge. Trotzdem sollten wir uns nicht täuschen lassen - ingesamt verfängt das giftige Zeug meiner Beobachtung nach nicht mehr so gut wie zu den Corona-Goldgräberzeiten.

    Was wiederum auch einiges aus dem Arsenal der Kampfrhetorik enthält, lieber Jo, und damit ebenfalls meilenweit von Diskurs, Differenzierung oder sogar Konsens entfernt ist. Sicher nicht ganz so weit wie bei unserer fantasievollen potentiellen Wiedergängerin, aber nur weil man sich näher am Guten wähnt, bleibt schlechtes Verhalten ungut.

    Oder warum nicht?

    Ich denke, da sind noch einige unentdeckte Novellen draußen unterwegs, weil die Verlage einfach auf alles "Roman" klatschen, ganz egal, was wirklich drin ist, von autobiografischer Erzählung über den fiktional aufgemotzten Sachtext bis zum Monolog in Briefform. Weil offenbar das Lesepublikum mit jeder feineren Unterscheidung auch überfordert wäre - oder man das annimmt.

    Wobei ich durchaus zustimmen muss, dass die derzeitige Entwicklung auch stark bedenkliche Komponenten hat. Da ist einerseits der fast absolutistische Anspruch, das Gute zu vertreten, ohne Wenn und Aber, womit die Feststellung einhergeht, dass jeder, der sich nicht vollumfänglich anschließt, der auch nur in Teilen widerspricht, ohne jeden Zweifel zu den Schlechten gehört, und das führt direkt zu dieser Ertappenwollen-Kultur, zur "proaktiven" Suche nach Leuten, die sich vermeintlich gegen diesen Anspruch vergehen, und denen geht es an den Kragen. Da sich alle Multiplikatoren und Verantwortlichen extrem zurückhaltend geben, weil sie nicht selbst auf die Abschussliste kommen wollen (eine befreundete Verlegerin sprach kürzlich davon, dass es unter den Verlagen - vor allem unter den Kinderbuchverlagen - eine große Angst davor gäbe, den nächsten Shitstorm abzukriegen, und dass man deshalb vorauseilende Gehorsamkeit praktiziert), stehen die betroffenen Künstler und -innen in dieser Situation vollständig alleine da, nicht selten in existenzbedrohender Weise. Und, ja, einige, die sich als Vorreiter der Wokeness inszenieren, machen sich dabei auch ganz schön lächerlich. Aber das ist normalmenschliches Verhalten.

    Ich muss feststellen, dass ich die erste Staffel der Serie "Die Ringe der Macht" ziemlich gut fand, wenn ich auch mit noch keiner Figur so richtig warmgeworden bin. Und eine TV-Serie, in welchem fiktiven Zeitalter sie auch angesiedelt ist, ist immer ein Abbild ihrer Produktionszeit. Würde man Sprache und Konflikte nicht adaptieren, fänden sich keine Zuschauer. Die Autoren und -innen historischer Romane praktizieren das seit Erfindung des historischen Romans. Im Science-Fiction-Bereich verhält sich das ähnlich. Man kann in der noch so fernen Zukunft landen, der Umgang ist jetztzeitig.

    Diese ganze Woke-Bewegung macht sich in ihrer zunehmenden Radikalität total lächerlich und verkörpert damit genau das, was sie zu bekämpfen vorgibt.

    Nun, es liegt in der Natur von Gegenbewegungen, dass sie heftiger unterwegs sind als das Ergebnis, das sie selbst erwarten. Wenn Revolutionäres geschieht oder geschehen ist, dann war eine starke, fast gewalttätige Präsenz der Revolutionäre immer fast obligatorisch, während die Resultate dann doch in Konsensnähe kamen. So und nicht anders entwickeln sich Gesellschaften.


    Niemand ist lächerlich, sondern Leute formulieren Haltungen und Standpunkte, und das ist eine gute Gelegenheit, um über das Tradierte und eigene Verhaltens- und Denkmuster in die Reflexion zu gehen. Aber es ist natürlich einfacher, die anderen als lächerlich zu diskreditieren. Was übrigens für alle Seiten gilt. Die ad-hominem-Attacke als kampfrhetorisches Mittel ist tatsächlich unter jenen besonders verbreitet, die eigentlich für sich in Anspruch nehmen, überdurchschnittlich achtsam zu sein.

    Sekundärliteratur aus erster Hand


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    Der britische Romancier Ian McEwan gehört zweifelsohne zur Champions League der europäischen, möglicherweise sogar der globalen Literaturszene. Vom legendären „Der Zementgarten“ über das geniale „Abbitte“ bis zu aktuelleren und nicht minder beeindruckenden Werken wie „Kindeswohl“ oder „Maschinen wie ich“ - McEwan blieb sich qualitativ und thematisch treu, und auch wenn es gelegentlich autobiografische Anklänge gab, etwa beim sich durch mehrere Romane ziehenden Thema Kindesmissbrauch, war auf erzählerische Klasse, Anspruch und eine besondere Form von intellektueller Spannung Verlass.


    Das ist beim Siebenhundertseiter „Lektionen“ leider anders.


    McEwan fährt eine Hauptfigur auf, die wie er selbst im schottischen Aldershot und als Sohn eines hochrangigen Militärs geboren wurde, weshalb Original und Alter ego einige Jahre in fernen Ländern verbrachten. Und auch sonst hat der Lebenslauf seines Roland Baines einiges mit der Vita McEwans gemein, während andere autobiografische Elemente auf weitere Figuren verteilt werden, wobei Baines‘ Ehefrau Alissa eine ganz besondere Rolle spielt. Der Roman begleitet die Hauptfigur durch sechzig Jahre seines Lebens. Er setzt im elften Lebensjahr ein, als der überaus talentierte Baines Klavierunterricht bekommt. Seine Lehrerin, nur zehn Jahre älter als das Kind, wird sexuell übergriffig. Daraus entwickelt sich drei Jahre später eine spektakuläre Amour fou, die sich auf den jungen Roland lebenslang auswirken soll. Das zweite einschneidende Erlebnis findet zwanzig Jahre später statt, als der Held des Romans von der Ehefrau Alissa verlassen wird, und zwar zunächst spurlos, weshalb Baines sogar kurz (allerdings nicht sehr ernsthaft) des Mordes verdächtigt wird. Er bleibt mit dem sieben Monate alten Lawrence und einer früh versandeten Pianistenkarriere in einem unansehnlichen Londoner Haus zurück.


    Womit die interessant zu lesenden Abschnitte bereits aufgezählt sind. Ab da, wir haben ungefähr ein Fünftel des Romans hinter uns, begleitet man den wenig ambitionierten und sehr durchschnittlichen Roland durch dessen wenig ambitioniertes und sehr durchschnittliches Leben, in dem es Freunde und hin und wieder Liebeleien gibt, in dem Diskussionen, Begegnungen und Wiederbegegnungen stattfinden, und in das die Weltgeschichte hineinstreut, mal eher diffus, etwa während der Tschernobyl-Katastrophe, dann wieder sehr direkt, etwa beim Mauerfall in Berlin, bei dem Roland Baines zufällig dabei ist, wie Ian McEwan übrigens seinerzeit auch. Und überhaupt sind dieser Roland Baines, einige Freunde, der Sohn Lawrence und die treulose Ehefrau Alissa letztlich nichts weiter als Vehikel, um die opake Autorenfigur auf ihren Schultern durch diese sechzig Jahre zu tragen, während derer nicht wirklich eine Geschichte stattfindet, aber dafür jede Menge Geschichte - gewürzt mit McEwans Ansichten. Was an und für sich interessant ist, denn der Autor zählt fraglos zu den klügsten Köpfen unserer Zeit, aber nicht interessant genug, um diesen vor sich hin mäandernden, anstrengenden, berichthaften und leider ziemlich oft ziemlich langweiligen Roman zu tragen. Wenn sich McEwan etwa, ungefähr im letzten Zehntel des Textes, Gedanken über die Zukunft der Meinungsfreiheit macht und Parallelen zwischen Jetztzeit und Mittelalter zieht, dann geschieht das auf sehr bemerkenswerte Weise - wie auch bei seiner Unterscheidung zwischen „Portalereignissen“ und weniger wirkungsstarken Höhe- oder Tiefpunkten der Menschheitsgeschichte. Aber das tröstet nicht über die lahme, mit uninteressanten, blassen, schwer unterscheidbaren Figuren geflutete, breitgetretene und leider auch nicht wirklich gut erzählte Lebensgeschichte jenes Roland Baines hinweg, der nach den zwei bemerkenswerten Anfangsereignissen nichts weiter als eine immer wackligere Klammer um Episoden aus McEwans eigenem Leben sein darf. Besonders schwach aber wird „Lektionen“, wenn der Autor in den Zusammenfassungsmodus wechselt, und etwa die Inhalte von Alissas Romanen aufzählt, denn Baines‘ abtrünnige Ehefrau ist zu nicht weniger als einer der wichtigsten Literaturfiguren Europas geworden, wenn auch zugleich selbstzerstörerisch und sozial vollständig inkompetent.


    „Lektionen“ ist wie Sekundärliteratur aus erster Hand. Es ist nach meinem Dafürhalten der bislang schlechteste (aber trotzdem hoffentlich nicht letzte) Roman von McEwan, dramaturgisch schwach und meistens viel zu zäh, und ich habe es als anstrengend und im schlechtesten Sinn zeitraubend empfunden, diese knapp 720 Seiten zu lesen.


    ASIN/ISBN: 3257072139

    Gibt es eigentlich irgendwo signierte Exemplare?

    Ich habe erst zwei Exemplare. Die Auslieferung beginnt offiziell am 15. November.


    Aber ich habe eine Kooperation mit der Buchhandlung Holzapfel in Berlin-Zehlendorf. Wenn man bei denen ein Buch von mir bestellt und bei der Bestellung angibt, dass es bitte signiert werden soll, melden sich die bei mir und ich dackel dann zum Unterschreiben vorbei. Und dann kann man es abholen oder sich zuschicken lassen.