Beiträge von Tom

    Schauer, ja.


    Ein Schauder ergreift einen, dieses Kältegefühl, vor allem im Rückenbereich. Ein Schauer ist ein mit Angst oder Lust (!) verbundenes körperliches Phänomen, das sich bewegt, das einen überkommt. Schauder liest man seltener, Schauer passt.

    Man darf die Texte nicht unter Einschluss der Vorgaben verwerten, ohne diese (also mit anderen, eigenen Einleitungen) durchaus. Und niemand ist gezwungen, bei sowas mitzumachen. Die bisherigen Teilnehmer haben jedoch mehrere weitere Projekte veröffentlicht, und neben der Verwertung bei „Rotation“ wird außerdem ein Hörbuch für Argon produziert. Aber wer sich zu fein für Rowohlt ist, wird wohl bessere Angebote in der Pipeline haben. 8)


    Warum die Verlage sowas machen? Die unverlangt eingesandten sind zu 99 Prozent Schrott, und außerdem kann man sich auf diese Weise als autorennah geben.

    Auch die Talentiertesten üben, und gerade diejenigen, die anerkannte Meister*_:_*innen sind, tun dies zuweilen rund um die Uhr. Nahezu jede Fähigkeit oder Tätigkeit hat Luft nach oben, die verringert werden kann, indem man intensiv übt. Was man aber kaum (er)üben kann, das ist das Gefühl für bestimmte Eigenschaften, die die Kunst haben wird, die man gerade herstellt.


    Aber diese Diskussion ist endlos und müßig. Sie wird geführt, seitdem erstmals eine Person gerufen hat: "Hey, ich habe hier Kunst gemacht!" und wird geführt werden, solange Personen das tun.

    Nebenbei bemerkt. So irritierend ich den Aktivismus gegen J. K. Rowling finde, so eigenartig finde ich die hier mehrfach wiederholten Anmerkungen, die "Harry Potter"-Romane würden für vermeintliche Außenseiter und gelebte Inklusion eintreten. Tatsächlich habe ich mich beim (Vor)Lesen häufig an den Aufzählungen vor allem optischer Eigenschaften offensichtlich böser Figuren gestört, und diese optischen Eigenschaften waren selten gute oder positiv konnotiert, allen voran die Fettleibigkeit. Dies, wie erwähnt, nur am Rande.

    Hallo, Wally.


    Dir ist offenbar nicht klar, worauf sich Frau Rowling da bezieht. Sie argumentiert nicht gegen die Rechte von Transpersonen o.ä., sondern gegen Vorgehensweisen wie etwa den irischen Gender Recognition Act, nach dem sich Menschen quasi jederzeit frei und ohne Ansatz irgendwelcher Mechanismen für ein Geschlecht entscheiden und diese Entscheidung auch jederzeit revidieren können.


    Aber danke für Deine Belehrungen. :)

    Achtzig Prozent


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    In Rhode Island, dem so genannten „Ocean State“ und zugleich kleinsten Bundesstaat der U.S. of A., gibt es entlang der Küste die noblen Strandhäuser der Reichen. Weiter im Hinterland, etwa im weniger pittoresken Ashaway, befinden sich die allmählich verfallenden Häuser derer, die es qua Geburt nicht so gut getroffen haben. Dazu gehört die Familie der Spätteenagerin Angel, die mit der Mutter und der jüngeren Schwester Marie in einem schäbigen Häuschen direkt gegenüber der vor Jahren stillgelegten Line & Twine-Fabrik lebt. Die dreizehn Jahre alte Marie, im Gegensatz zur großen Schwester still und weit weniger attraktiv, erzählt die Geschichte manchmal aus der Ich-Perspektive, aber O’Nan wechselt auch personal in die Mutter, in Angel – und in deren Kontrahentin Birdy, die eine Affäre mit Angels festem Freund Myles anfängt, dessen wohlhabende Eltern unter anderem eines der Strandhäuser besitzen. Diese Affäre wird Birdy das Leben kosten, wie wir gleich am Anfang des Romans erfahren. Wie es dazu kommt und welche Konsequenzen es haben wird, davon erzählt „Ocean State“.


    Der Text erinnert mich stark an einen von O’Nans früheren Romanen, nämlich an „Eine gute Ehefrau“, der von auswegloser Treue erzählt, vor allem aber von Ausweglosigkeit. Hier wie dort sind die Hauptfiguren in ein Schicksal hineingeboren, das wie zähes Baumharz an ihnen zu kleben scheint, bewirken die wenigen Stellschrauben, die sie bewegen können, kaum etwas, zeigt sich Lebensqualität höchstens im Klitzekleinen, und sei es in einem Stück Mikrowellenpizza. Hier wie dort geht es um einen nicht beabsichtigten Mord und die daraus entstehenden Konsequenzen vor allem für die Menschen in der zweiten Reihe des Geschehens – die Eltern, die Freunde und die Angehörigen. Es geht aber auch um Alkoholismus, um Vernachlässigung, um geplatzte kleine Träume, um den Versuch, einen Zipfel vom Glück zu erreichen, um Selbsttäuschung. Es geht um die Dummheit, die die Liebe bewirkt, und umgekehrt. Es geht ums Erwachsenwerden, was auch immer das eigentlich ist. In diesem Fall hauptsächlich die Erkenntnis, dass sich nichts ändern wird.


    Die Milieustudie, die im Zentrum steht, ist von hoher Dichte und Anschaulichkeit. O’Nan hält sich wie immer gekonnt zurück, überlässt das Feld vollständig seinen plastisch gezeichneten, lebensechten Figuren, die in ihr Unglück stolpern, weil das eben so ist. Aber anders als in „Eine gute Ehefrau“ oder in den Emily-Henry-Geschichten erdrücken die Detailfülle und erzählerische Präzision in diesem Buch einen Großteil der Emotionen, und das vergleichsweise hastige, gedrängte Ende wirkt dramaturgisch wie ein plötzlicher Sturz von der Klippe nach einer langen Wanderung. Ich habe das Gefühl, O’Nan hat sich hier ein früheres Projekt noch einmal vorgenommen und zu Ende geführt, was nur zu siebzig, achtzig Prozent gelungen ist. Ein achtzigprozentiger O’Nan lässt vieles von dem, was es sonst zu lesen gibt, immer noch weit hinter sich, aber der Meister kann es eigentlich besser.

    ASIN/ISBN: 3498002686

    Es ist weder die gesamte Öffentlichkeit, die sich abwendet, lieber Nils, noch tut sie (also ein Teil der Öffentlichkeit) das aufgrund ausführlicher Stellungnahmen, sondern gerade und besonders gerne unter Bezugnahme auf die Verkürzung und Marginalvorgänge (wie dieses versehentliche "Like"). Es ist wie immer in solchen Situationen überhaupt kein Diskurs gewünscht, sondern lediglich der Beweis dafür, dass unsere Gesellschaften latente und immanente Feindlichkeiten aufweisen, wie sogar an ihrer Prominenz gut zu erkennen ist. Es ist einfach besonders spektakulär, sich an einer Figur wie Frau Rowling abzuarbeiten, und es geht in dieser Situation ja nicht um die Frage, ob Frau Rowling transphob ist (also, um das auch mal klarzustellen, Ängste vor Transsexualität empfindet - der Suffix "phob" wird hier und in ähnlichen Zusammenhängen absichtsvoll missverständlich verwendet, eigentlich müsste es um Ismen gehen), sondern darum, die Deutungs- und, vor allem, die Definitionshoheit in diesem Bereich an sich zu reißen bzw. bei sich zu behalten. Dahinter stecken die gleichen Leute, die lesbischen Frauen Bigotterie unterstellen, wenn sich diese dagegen aussprechen, Transpersonen zu daten, die (noch) keine körperliche Umwandlung hinter sich haben - eine Vorwurfskonstellation, die Rowling in ihrer Stellungnahme ja auch erwähnt, und die an Absurdität kaum noch zu übertreffen ist. Meint man. Vorläufig.


    Andererseits, ja. Man hätte ja auch einfach die Schnauze halten und brave Schriftstellerin bleiben können (in deren Werk längst auch nach Beweisen für ihre "Haltung" gesucht wird). Warum in gesellschaftliche Konflikte eingreifen, wenn man doch bitteschön liebenswürdig bleiben könnte? Das ist eine ernstgemeinte und vermutlich gute Frage. J. K. Rowling agiert mit einem Sicherheitspolster, das nur wenige Künstler und -innen haben, aber selbst ihr geht es nicht nur im sprichwörtlichen Sinn an den Kragen. Die Schäden, die bei Menschen hervorgerufen werden, deren Stürze nicht so weich abgefangen würde, sind andere. Und mit Diskursen hat das alles nichts mehr zu tun.