Beiträge von Tom

    Erhard ist lustig gewesen, Morgenstern auch, aber der einzige Lüriker, der mich wirklich beeindruckt hat, ist Ernst Jandl*. Eines meiner Lieblingsgedichte von ihm ist "zweierlei handzeichen", in dem er sich vor einer Kirche bekreuzigt und vor einem Obstgarten bezwetschkigt. Aber tatsächlich wäre das einzige Gedicht, das ich auch noch halbwegs frei vortragen könnte, "Weihnachten" von Joseph von Eichendorff. Mit "Markt und Straßen stehn verlassen" begann für mehr als ein Dutzend Jahre meinerseits fast jede Bescherung.


    *Stimmt nicht ganz. Ich habe "Besternte Ernte" von Robert Gernhardt und F. W. Bernstein zigfach gelesen und war jedes Mal beeindruckt, amüsiert und irritiert.

    Hallo, Horst-Dieter.


    Der Begriff "Handy" hat sich, wie viele andere Neologismen gleich welcher Herkunft, sozusagen an der Basis entwickelt, ist der Legende nach von Nutzern zuerst verwendet worden und hat sich dann etabliert, wobei der Ritterschlag dadurch erfolgte, dass erste Hersteller damit anfingen, das Wort für ihre Produkte zu verwenden. Hinter diesem Begriff stand auch keine Konnotation, und es gab keine damit verbundene Absicht, außer der vielleicht, ein einfacheres und, wie man damals noch glaubte, gleichsam cooleres Wort für "Mobiltelefone, die man in der Hand halten kann" zu verwenden. Nur sehr wenigen Menschen, die den Begriff verwenden oder verwendet haben, ist je eine bestimmte Haltung oder das Fehlen einer solchen Haltung unterstellt worden. Für mich ganz persönlich ist der Begriff immer noch, äh, problematisch, weil er ein so unbeholfener, denglischer Scheinanglizismus ist, über den sich Angelsachsen prächtig amüsieren.


    Das Gendern in seiner aktuellen Form - der Verwendung des Sternchens oder eines Unterstrichs oder Doppelpunkt vor der Zusatzendung - markiert den vorläufigen Endpunkt eines Versuchs, der in den Siebzigern begonnen hat und dessen prominentestes Ergebnis bislang das Binnen-I war, das immer noch von einigen Menschen verwendet wird. So, wie das Konstrukt selbst, ist auch die Debatte darüber kein Ergebnis eines Vorgangs, der durch die Sprachnutzer ausgelöst wurde, sondern erdacht, konzipiert und geplant (wobei es sich nur teilweise um eine koordinierte und strukturierte Planung handelte). Die dahinterstehende Absicht ist fast ausnahmslos eine politische, und das Gendern ist ein Haltungskennzeichen. Eine vermeintliche Sprachgerechtigkeit zu etablieren, ist längst nicht sein einziger, möglicherweise nicht einmal sein Hauptzweck. Der besteht darin, jene zu markieren, die sich der damit verbundenen Haltung nicht anschließen wollen.


    Das eine ist ein klassischer sprachevolutionärer Vorgang, eine aus ökonomischen und anderen Gesichtspunkten erfolgte Anpassung eines marginalen Sprachaspekts durch die Nutzer. Das andere ist gezielte Spracharchitektur, die politische Absichten verfolgt. Dass es Debatten über beides geben mag, hat damit fast nichts zu tun.

    Don’t judge this book by its cover


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    Malta im Jahr 2015. Die ehemalige Journalistin Melita Micaleff arbeitet als freie Rechercheurin für eine Anwaltskanzlei in Valetta. Matthew Buttigieg, der sie gelegentlich für bemerkenswerte Honorare beauftragt, war früher Regierungsmitglied und ist nicht nur deshalb extrem gut vernetzt. Als er Melita jetzt bittet, sich mit einem Mordfall zu befassen, überrascht sie das, denn einen solchen Auftrag hat er ihr noch nie erteilt. Ein Student ist mit mehreren Messerstichen getötet und anschließend ins Meer geworfen worden. Ein anonymer Mandant der Kanzlei will wissen, was die Hintergründe der Tat sind, und das möglichst, bevor die Polizei das in Erfahrung gebracht hat.


    JM Stim folgt in dieser dichten und klug erzählten Geschichte direkt und ohne Unterbrechung seiner Hauptfigur, einer etwas ruppigen, schlauen, umsichtigen Frau, die nicht mehr ganz jung ist, aber auch längst noch nicht alt. Melita ist dem Alkohol sehr zugeneigt und trinkt große Mengen Cisk, ein sehr bekanntes maltesisches Bier, gerne ergänzt um einige Gläschen Absinth. Sie ist lesbisch und war lange Zeit sehr promisk, hat sich aber auf die kleinere, ruhigere Insel Gozo zurückgezogen, um sich wieder zu kalibrieren. Durch den neuen Auftrag muss sie allerdings deutlich länger auf der Hauptinsel bleiben, als geplant war, was auch gewisse emotionale Risiken mit sich bringt.


    „Malta Transfer“ ist wie kein Krimi, den ich bisher gelesen habe. Der ungeheuer detailreichen und atmosphärischen Erzählung merkt man an, dass es ein ortskundiger Journalist ist, der sich hier an Prosa versucht, was wirklich vortrefflich gelingt, aber eben auch gewissermaßen journalistisch ausfällt – Stim beobachtet und beschreibt, er wertet nie und überlässt die Meinungsbildung vollständig seiner Hauptfigur, die beeindruckend plastisch geformt ist. Melita Micaleff ist nicht liebenswürdig und eigentlich auch nicht nur cool, sie ist sie selbst – und es ist ein Vergnügen, sie dabei beobachten zu dürfen. Gleichzeitig erfährt man eine Menge über diesen eigenartigen, gleichsam hybriden Inselstaat zwischen Sizilien und Libyen, über dessen Geschichte und Gegenwart, über Wirtschaft, Kultur und politische Strukturen – und seine Rolle bei dem, was im Jahr 2015 als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wurde, denn die stellt, wie nach und nach immer klarer wird, den Hintergrund der Geschehnisse dar.


    Der mit großer Präzision erzählte Roman kommt leider etwas schnell zu seinem Ende, als wäre dem Autor im fünften Fünftel die Luft zu früh ausgegangen, aber das schmälert den großartigen Leseeindruck kaum. Schade nur, dass die Story so unschön verpackt ist – das Buch ist bestenfalls mäßig ausgestattet und nicht sehr wertig hergestellt, und warum alle Dialoge zusätzlich zur Hervorhebung durch Anführungszeichen auch noch kursiv gesetzt werden mussten, erklärt sich nicht. Aber man macht einen Fehler, wenn man dieses wirklich gute Buch nur nach seinem Umschlag beurteilt. „Malta Transfer“ ist ein großartiger, dunkler, politischer Krimi, der auch auf der menschlichen Ebene exzellent funktioniert. Lesenswert!


    ASIN/ISBN: 1639721614

    Sprache ist ein System, das nach eigenen Gesetzen und sozusagen unabhängig funktioniert? Aha. Welche Rolle spielen dann die Menschen darin? Ich stimme allerdings zu, dass Sprache nicht dumm ist. Sprache ist auch nicht klug, sie ist nicht gerecht oder ungerecht, sie versagt sich der Meinung, sie ist ein Werkzeug - Sprache ist passiv. Sprache wird durch die Nutzung aktiviert, und aus dieser Quelle speisen sich auch Konnotation und transportierte Anschauungen. Im Übrigen ist "Gerechtigkeit" eine relativ beliebige und wandlungsfähige moralische Kategorie, und kein absolutes Merkmal wie Farbe, Größe, Geruch oder Gewicht. Gerechtigkeit ist keine Eigenschaft von etwas, sondern ein Zustand, der Ergebnis von Situationen ist, und das, was wir heute unter Gerechtigkeit verstehen, käme Menschen aus anderen Epochen sehr merkwürdig vor. Und umgekehrt.

    Sprache wiederum ist das Ergebnis und die Implementierung eines Regelwerks, das wir anwenden und dabei verändern und interpretieren, und durch die gemeinsame Anwendung verändern wir wiederum die Regeln, die auf dieselbe Art überhaupt erst entstanden sind. In seltenen Fällen einigen wir uns auch aktiv auf Sprachregelungen, oder die Sprache verändert sich aufgrund einer politischen Entscheidung, etwa bei der Nichtmehrnutzung des Begriffs "Fräulein" als Markierung noch unverheirateter Frauen im heiratsfähigen Alter - und offiziell als Anrede noch bis 1972 so zu verwenden. Im Alltagsgebrauch hört man den Begriff höchstens noch in der Ansprache nicht folgsamer Mädchen im späteren Teenageralter, und verwendet wird sie dann meistens, aber nicht nur von den Großeltern.

    Guter Film, stimmt. :)


    Einer meiner Lieblingsfilme rund um die Schriftstellerei ist das Low-Budget-Debut von Christopher Nolan, der später mit spektakulären und actiongeladenen Filmen wie "Inception" oder "Telnet" (dem gefühlt einzigen neuen Film, der im vergangenen Jahr in die Kinos kam) das Weltpublikum begeistert hat: "Following". Den gibt es allerdings bei keinem Streaming-Anbieter und in keiner Mediathek, sondern nur auf Datenträgern. Er erzählt vom erfolglosen Schriftsteller Bill, der einem Kriminellen folgt, um dessen Geschichte nutzen zu können.


    Aber es gibt verblüffend viele Filme, die von Schriftstellern erzählen. Einer der ersten Filme der Coen-Brüder war "Barton Fink", den ich damals sehr mochte, der aber leider nicht gut gealtert ist. Und, nicht vergessen: "Die Wonder-Boys" nach dem hinreißenden Roman von Michael Chabon.

    Das ist nicht ganz zutreffend, Horst-Dieter.


    Sprachwandel hat sich aus Sicht der historischen Linguistik überwiegend aus sprachökonomischen Gründen ergeben, in erster Linie also durch Vereinfachungen, die sich im direkten Sinne des Wortes herumgesprochen haben. Leute haben beispielsweise damit angefangen, zu Mobiltelefonen "Handy" zu sagen, bis einzelne Hersteller die Geräte in Werbung oder als Produktnamen auch so bezeichnet haben - so wurde dieser unglücksselige Scheinanglizismus zu einem Sprachbestandteil, und bei anderen Neologismen, aber auch sprachlichen Verkürzungen und anderen Veränderungen war es ganz ähnlich. Dann gibt es den politisch intendierten Sprachwandel, oder Bezeichnungsdiskurse wie etwa beim in den Achtzigern geführten Kleinkrieg um die Bezeichnungshoheit bei Kraftwerken, in denen Energie durch Atomkernspaltung gewonnen wird. Die einen wollten "AKW" bzw. "Atomkraftwerk" durchsetzen, um den negativ konnotierten bzw. zu konnotierenden, etwas archaischeren Begriff politisch für sich nutzen zu können (schließlich lautete der Kernslogan der Kampagne "Atomkraft nein danke"), während die gegenseitige Fraktion "KKW" bzw. "Kernkraftwerk" bevorzugte, quasi die Verniedlichung, vor allem aber einen Begriff, der zwar pseudowissenschaftlicher daherkam, aber vom Problem abzulenken versuchte. Aus wissenschaftlicher Sicht sind beide Begriffe falsch.


    Das Gendern unter Verwendung von Sonderzeichen inmitten von Substantiven und Fürwörtern ist tatsächlich ausgedacht, also eine entwickelte Methode. Natürlich sind viele Veränderungen der Sprache gleichsam erdacht und - eher zufällig - erfunden, während sich andere (der Großteil) auch durch Nachlässigkeit und Weglassung aus Faulheit ergeben haben, aber sie haben sich dann durchgesetzt, weil Sprachnutzer die Verbesserung für sich zu erkennen glaubten - oder das unbewusst getan haben, wie bei den meisten sprachmodischen Phänomenen. Das Gendersternchen mit seinen Erklärungshintergründen ist als zu etablierendes orthografisches Element u.a. von Translationswissenschaftlerinnen der Uni Wien gezielt etabliert und forciert worden. Die westeuropäischen Unis und hier vor allem die soziologischen Faktultäten haben das aufgenommen und einen Durchsetzungsfeldzug initiiert, begleitet und unterstützt durch die Aktivist_*:*_innen aus dem LGBT-Umfeld. Bündnis 90/Die Grünen haben im Jahr 2015 durch einen Parteitagsbeschluss für sich selbst festgestellt, dass das Gendersternchen geeignet wäre, die vermeintlich fehlende Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache zu etablieren und deshalb durchzusetzen sei. Das ist ohne jeden Zweifel eine politisch motivierte und von den Hochschulen vorangetriebene Veränderung, die sich nicht durch sprachökonomische oder vergleichbare Entwicklungen ergeben hat. Es dient als Kennzeichen, und bei Nichtanwendung als Erkennungsmerkmal für politische Gegner.

    Und meinst Du, dass das auch für nicht so uhlmannempathische Nicht-Tomte-Liebhaber funktioniert? Ich habe damals, als das Buch erschien (2016 oder 2017), einen Blick in die Leseprobe geworfen, und bekam dezente Zweifel.


    Wobei ich bei solchen Büchern nicht mehr zuerst an Regener denke, der m.E. tatsächlich zum Romancier taugt(e), sondern an Jochen Distelmeyer (Blumfeld erwähntest Du) und sein vergurktes, totalgeflopptes Debüt "Otis", bei dem vor allem die spekaktulären Vorschussverhandlungen zu den Nachnulljahrebuchbranchenlegenden gehören.

    Für mich ist das, was Nils zitiert hat, keine indirekte Rede. Es wird die Notation der indirekten Rede verwendet, aber es ist keine:


    Ich sage, gute Nacht. Mach nicht mehr so lange. Er sagt, ja. Mal sehen. -> Ich sage: "Gute Nacht. Mach nicht mehr so lange." Er sagt: "Ja. Mal sehen."

    Der Bauer heißt übrigens Arild

    Ich habe tatsächlich ein grundsätzliches Problem mit der Wahrnehmung von Figurennamen. Manchmal muss ich für die Rezensionen sogar nachschlagen, wie die Hauptfigur hieß. Oder ich schreibe einfach auf, wie ich's gelesen habe und wie es sich nach der ersten Begegnung als Klangbild in meiner Wahrnehmung festgesetzt hat. Wie hier, bei der norwegischen Variante von "Arnold". Aus der bei mir etwas Kurdisches geworden ist, ts, ts. Gut möglich, dass mir auf diese Weise ein ganzes Hochhaus aus Metaebenen entgeht. :/

    Siegfried_der_Alte - wie lange ist das eigentlich her, dass wir genau diese Diskussion unter, äh, energischen Bedingungen in der 42er-Mailingliste geführt haben? Meine Mailarchive reichen leider nicht weit genug zurück dafür. Es muss in den Neunzigern gewesen sein.

    Ich bitte um Vergebung für die etwas knurrige Antwort gestern. <3


    Du hast mit dieser Anmerkung, die Du ohne Verweis auf mögliche Metaphorik noch einmal wiederholt hast, und auch im kurzen Dialog mit Horst-Dieter den Eindruck erweckt und verstärkt, es gäbe irgendwie eine paranormale Ebene, oder möglicherweise sogar eine humorige, aber beides ist nicht der Fall, darauf wollte ich lediglich hinweisen. Tatsächlich vermuten beide Jungen zu keiner Zeit, dass es irgendwie spuken könnte, und obwohl der Mann, der dann, äh, zur Hilfe kommt, ziemlich fette persönliche Dämonen besitzt, ist auch er keineswegs auf der Jagd nach Geistern. "Geisterjäger" ist Venkman-Stantz-Spengler-Zeddemore-mäßig besetzt, aber der Eindruck, es könne in diesem Buch auch nur ansatzweise in diese Richtung gehen, könnte falscher nicht sein.

    Ich würde das Buch nicht auf eine einsame Insel mitnehmen, selbst wenn ich die Hälfte meiner Bücherregale mitschleppen dürfte, und, nein, liebe Karen, das ist kein Geisterjäger, den die Jungs rufen. Übrigens heißt der Autor A. J. Gnuse, und nicht A. N. Gnuse (Threadtitel). Hier ist mein Eindruck:


    Leben in der Zwischenwelt


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    Ein elfjähriges Mädchen wird traumatisiert, als es bei einem Verkehrsunfall den Tod der eigenen Eltern miterleben muss. Es kommt zu einer Pflegefamilie, reißt aber gleich wieder aus - und kehrt in das Haus zurück, in dem ihre Familie vor einiger Zeit gelebt hat: Ein großes, verwinkeltes, gleichsam verbautes Haus, nicht weit entfernt vom Deich, der die Bewohner vor dem Mississippi schützt. Da dieses Haus aber inzwischen von anderen Leuten bewohnt wird, versteckt sich Elise, baut sich ein Nest unter den Sperrholzdielen im Dachboden und nutzt die Zwischenräume der Wände, um von einem Stockwerk ins andere zu gelangen, aber auch, um die Bewohner zu beobachten. Wenn die Familie - der dreizehnjährige Eddie, sein drei Jahre älterer Bruder Marshall und die Eltern - aus dem Haus ist, übernimmt sie das Gebäude, aber sie ist gut darin, keine Spuren zu hinterlassen. Und auch nachts, etwa, wenn sie heimlich auf die Toilette geht, bleibt sie unbemerkt.

    Beinahe jedenfalls.

    Denn Eddie spürt sie, fühlt sich beobachtet, ahnt, dass da jemand ist. Und auch sein großer, ruppiger und unempathischer Bruder hat etwas bemerkt, wie Eddie erfährt, als die Eltern, die ihnen, wie Marshall meint, nicht glauben würden, für ein Wochenende verreisen. Aber Marshall hat sich in Internet-Foren umgehört, ist auf diesen Typen gestoßen, der sich offenbar auskennt, und der jetzt kommen will, um gemeinsam mit ihnen den heimlichen Mitbewohner zu finden und zu verjagen.


    In den Danksagungen erzählt A. J. Gnuse davon, wie er die Idee zu dieser Geschichte hatte, als er auf einen Dachboden geklettert ist, aber ich muss leider feststellen, dass die Idee für mich diesen doch recht seitenmächtigen Roman nicht wirklich trägt. Der Autor will einerseits die Existenz von heimlichen Mitbewohnern ganz unmetaphorisch als Phänomen verkaufen, als etwas, über das sich verschwörerische Communitys austauschen, das aber auch faktisch von Bedeutung ist. Dabei sind die Berichte davon, wie Menschen unbemerkt Häuser mitbewohnt haben (meistens in den Kellern), selbst über einen jahrzehntelangen Zeitraum hinweg an einer Hand abzuzählen. Andererseits bleibt er an vielen dramaturgisch relevanten Stellen Nachvollziehbarkeit schuldig. Die Entscheidung des jungen Mädchens dafür, dieses schwere, einsame, entbehrungsreiche, gefährliche und sehr unglückliche Leben zu führen und, vor allem, durchzuhalten, muss man einfach hinnehmen, und auch wenn recht eindringlich geschildert ist, wie sich dieses Leben darstellt, wird man das Fragezeichen während der gesamten, in der ersten Hälfte ziemlich zäh verlaufenden Erzählung nicht los. Ähnliches gilt für das Verhalten der Brüder.


    Aber das größte Problem hatte ich mit der Art, wie Gnuse diese Geschichte erzählt. Gleichsam fragmentiert, in viele Teile zerhackt, reihen sich Kapitel und Kapitelchen aneinander, die zuweilen nur eine halbe Seite lang sind und mit irritierenden Überschriften daherkommen, die oft naiv und deplatziert wirken. Der Autor springt dabei zwischen den Figuren hin und her, und die einzige, der man Denken und Handeln wirklich abkauft, ist ausgerechnet der Psychopath, den Marshall zur Hilfe ruft.


    „Girl in the Walls“ ist zweifelsohne ein originelles und interessantes Buch, das viele sehr schöne Abschnitte enthält, aber stark darunter leidet, dass es nicht gelingt, das hohe Maß an Unglaubwürdigkeit - man muss Elise einfach abnehmen, dass sie durch dieses Leben in den Wänden die Verbindung zu ihren toten Eltern aufrechtzuerhalten versucht - durch unkonventionellen Aufbau und die erst im letzten Drittel aufkommende Spannung zu kompensieren. Das schleift dann auch Motive und Themen wie Einsamkeit, Traumata, Heimatverbundenheit, Trauer, Verlust und Vertrauen. Tatsächlich habe ich mich beim Lesen das eine ums andere Mal dabei erwischt, wie ich an Joscha Sauers Cartoonfigur „Der Mann in der Wand“ („Nichtlustig“) denken musste, und dann geschmunzelt habe, obwohl etwas vermeintlich Dramatisches passierte. Was sich gegen Ende tatsächlich so sehr steigert, dass „Girl in the Walls“ vorübergehend zum Pageturner wird, mit allerdings nur mäßig gelungenem Ausgang.

    In einer Short Story oder in einem Kurzroman hätte die Idee vermutlich besser funktioniert. Hier scheitert sie daran, dass ihr Personal sie nicht glaubhaft zu vermitteln vermag.