Beiträge von Horst-Dieter

    „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ ganz klar Hilde Domin und Rose Ausländer.


    Hilde habe ich mal besucht. Ist hier in unserem Blog nachzulesen.


    Und bei Harry Heine war ich auch, obwohl ich bei seinen Gedichten immer hin und hergerissen bin. Manche finde ich sowas von genial, andere dann wieder mehr als gewöhnlich. Aber er war ein un-gewöhnlicher Mensch und in der Summe bemerkenswert. Und was der zur AfD gesagt haben würde, kann man sich gut vorstellen, wenn man weiß, dass er ein Freund von Karl Marx war.


    Unterschätzt in ihrer Lyrik nach wie vor finde ich Emmy Hennings. Grund genug, auch ihrem Grab einen Besuch abzustatten - unter anderem.

    Im Magazin der Süddeutschen Zeitung (Nummer 57, 17. September 2021) gibt es ein Interview mit dem amerikanischen Autor Bret Easton Ellis (American Psycho). Titel: "Ich musste unterschreiben, dass ich alle Morddrohungen gesehen habe". Sehr lesenswert!


    Zitat

    Wenn wir wirklich anfangen absolut alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen, haben wir keine Kunst mehr.

    Kunst schockiert mich nie. Ich bin definitiv nicht schockiert von Darstellungen von Brutalität, Sexualität oder was auch immer. Was mich schockiert, ist das echte Leben.

    (S.27)

    "volksverderbender Dreck"?


    Das klingt mir so vertraut. Schundliteratur wurde so begründet in meiner Kinder- und Jugendzeit, vor allem Comics gehörten zu den Sachen, die "das Volk" verderben.


    Klar, es ist die Literatur, die ein "Volk" verdirbt, nicht etwa Demagogen, Machtmenschen, Funktionäre, Revolutionäre und andere der Literatur fern stehende Personen. Nicht wahr? Wenn "das Volk" verdorben wird sind die Autoren schuld.


    Meine Güte, das arme Volk, was das alles erleidet, nur weil es liest. Wäre es da nicht besser, man würde das Lesen komplett verbieten? Am Besten schon in der Schule das Fach Lesen abschaffen. Schreiben lieber auch nicht mehr beibringen, rechnen reicht!

    Im Interview mit der SZ (Nr. 214, 16.9.2021, S.14) sagt die Autorin Leila Slimani:


    Zitat

    Ich beobachte eine Art Selbstzensur. Jemand sagt was Falsches im Fernsehen oder im Internet, er wird sofort bewertet, gar gecancelt. Leute trauen sich nicht, bestimmte Jobs oder Haltungen zu übernehmen aus Sorge, missverstanden oder verurteilt zu werden. Man sollte als Künstler das Recht haben zu schockieren. Es ist nicht interessant, ein Buch zu lesen, dem man voll und ganz zustimmt, in dem alle gut und nett sind. Wir müssen auch die finstere Seite der Menschheit darstellen. Aber viele Autoren haben Angst, mit ihren Charakteren verwechselt zu werden..


    Weiter sagt sie noch:


    Zitat

    Talent geht nicht automatisch mit Moral einher, oder mit Nettsein. Manche sind Genies in ihrem Bereich und trotzdem schreckliche Menschen. Aber die Leser und Zuschauer sind doch nicht dumm. Man kann das trennen. Wir sollten aufhören, andere wie Kinder zu behandeln.


    Auf die Frage, ob Künstler moralisch sein müssen antwortet sie:


    Zitat

    Nein. Künstler sollen sein, was immer sie wollen. natürlich heißt das nicht, dass ich ständig rassistisches, sexistisches und misogynes Zeug erzählen kann. Aber wenn ich über einen Rassisten schreiben will, habe ich das Recht, das zu tun. Auf Französisch sagen wir, on ne fait pas bonne littérature avec des bon sentiments, mit guten Gefühlen macht man noch keine gute Literatur.

    Ein eher etwas anderer Film über einen Schriftsteller ist "Jetzt schlägt's 13" mit Josef Meinrad in der Hauptrolle des Schriftstellers. Unvergessen für mich die Szene, wo ihn der Verleger besucht und einen Scheck für das neue Buch bringt. Trocken antwortet der Schriftsteller "Doch so viel?!" Das ist so das Klischee, das auch immer in deutschen Krimis vorkommt, in denen Schriftsteller eine Rolle spielen. Sie sind immer gut betucht, verdienen ein Schweinegeld und sind darüber mächtig dekadent geworden, manchmal sogar zum Mörder.

    Heinz Erhard könnte ich auch sofort zitieren, darf ich aber aus urheberrechtlihen Gründen nicht. "Ein" Lieblingsgedicht habe ich nicht, sondern eher eine ganze Menge und je nach Zeit und Stimmung ist dann mal dieses, mal jenes vor. Aufsagen kann ich einige ganz, mehrere dann zumindest zitatweise. Zu den "Lieblings-Gedicht-Dichtern" gehören unter anderem: Mörike, Hesse, Gernhard, Erhardt, Kästner, Rückert, Fontane, Busch, Heym und noch eine ganze Reihe anderer.

    Vor fünf Jahren, genau: 2016, haben wir die Siegergeschichten des Putlitzer Preises der Jahre 2005 - 2015 in einem Buch zusammengefasst, dass in der Edition Oberkassel erschienen ist. Inzwischen ist es vergriffen, das heißt, bis auf wenige Exemplare, die seit dem Wochenende bei mir einlagern. Um mal zu schauen, wie dieses Büchlein inzwischen "antiquarisch" im Umlauf ist, habe ich bei Booklooker hineingeschaut und einen Schock bekommen: Das Buch wird inzwischen für den sechsfachen Preis gehandelt, den es ursprünglich gekostet hat. Das muss nicht sein, die paar Exemplare, die wir noch haben, geben wir für 5 Euro je Stück inkl. Versand ab. PN an mich reicht.

    Dateien

    • Gans.jpg

      (166,58 kB, 4 Mal heruntergeladen, zuletzt: )

    ASIN/ISBN: 3458364307


    Es hätte alles so schön sein können: ein bereits zu Lebzeiten berühmter Vater und die begabte Tochter, die gleichzeitig Vaters Liebling ist. Glück hat ihr das nicht gebracht. Da der Vater zwar berühmt, gleichzeitig ein Schriftsteller war, fehlt es an einer reichen Mitgift. Bewerber gab es zwar, aber sie standen nicht Schlange. Das Verhältnis zur Mutter war außerdem getrübt. Martha, einzige Tochter Theodor Fontanes, erhielt zwar eine gute Ausbildung, hatte aber wenig Möglichkeiten, sich im Beruf zu verwirklichen. Als Erzieherin scheiterte sie trotz pädagogischer Begabung an den pubertären „Eigenheiten“ ihrer Schützlinge und so blieb sie, wenn sie nicht als Reisebegleiterin unterwegs oder bei Freundinnen zu Gast war, die geistreiche Gesprächspartnerin des Vaters. Kurz nach seinem Tod heiratete sie dann doch. Sie bekam einen älteren, aber verständigen Gatten, der jedoch auch nicht gegen ihre depressiven Schübe ankam.


    Die Autorin dieser Biografie zeichnet das Leben der Martha (genannt Mete) Fontane weitgehend aus Briefauszügen nach. Sie leuchtet dabei auch das Verhältnis der Eltern zueinander und zu ihren Kindern aus. Die Problematik einer intelligenten jungen Frau gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird so im Allgemeinen und im speziellen bei Fontanes Tochters deutlich. Ihre Krankheitsschübe und vor allem ihr spezielles Lebensende sind verständlich, insbesondere weil die Autorin bei aller realistischen Einschätzung einfühlsam (be)schreibt. Deutungen der Autorin - zum Beispiel im zweiten Kapitel „Der schöne Sänger“ - können so akzeptiert werden, ohne dass man sich festlegen muss. Ich schätze diese freilassenden biografischen Beschreibungen und habe mir die Autorin deshalb für fernere Lektüre vorgemerkt.

    .

    An Horst-Dieter: Dieser Sprachwandel vollzieht sich somit gegen die Absichten, die in den aktuellen Bestrebungen um eine gerechtere Sprache verfolgt werden. Dies nimmt die Autorin auch als einen Beleg dafür, dass das Gendern unserer Sprache keinen Schaden zufügen kann.

    Das sich der Sprachwandel in dieser speziellen Sache gegen die Absichten der aktuellen Bestrebungen vollzieht, gestehe ich gerne zu. Aber er kann sich nur vollziehen, weil es eben Absichten in dieser Hinsicht gibt. Wenn niemand über das Gendern reden würde, gebe es auch nichts, was sich da bei der Sprache vollziehen könnte. Ohne Geräte, die man Handy nennen kann, gäbe es den Begriff nicht. Sprache und Sprachentwicklung ist nicht abgekoppelt von den Umständen, mit denen Sprache sich verbindet.

    Ich bin ja schon froh, Tom, dass du „nicht ganz zutreffend“ geschrieben hast. Nicht ganz zutreffend ist ja immerhin ein bisschen zutreffend. Und ich habe meine Antwort auch ziemlich plakativ hingetippt. Was ich sagen wollte: Von alleine passiert nichts. Die ganze Diskussion (um es freundlich auszudrücken) um das Gendern bietet den Hintergrund für den allmählichen Sprachwandel. Der geschieht, da hat Jürgen natürlich recht, weitgehend unbewusst, eben aus der Sprachpraxis im Alltag heraus, aber eben immer auch auf der Basis, dass irgendwo Diskussionen darum stattfinden.

    Dieser „natürliche“ Sprachwandelt geht immer einher mit bewussten Sprachgestaltungen. Er wird nicht aufoktroyiert oder behördlich gelenkt, ist aber doch davon abhängig, dass es mindestens Diskussionen über den Hintergrund gibt. Ohne Diskussionen über das Gendern würde solch ein „natürlicher“ Wandel nicht stattfinden können. Jedwede gesellschaftliche Änderungen geschehen ja auch nicht einfach so.


    Lange Sätze werden für mein Verständnis verständlicher, wenn man (vermeintlich) überflüssige Satzbestandteile weglässt oder Wörter eindeutscht oder aus einem langen mehrere kurze Sätze macht.




    Gute Vorleser und Vorleserinnen können lange Sätze so vorlesen, dass sie verständlicher sind als wenn man selbst den Satz liest. Es gibt nicht viele solcher Vorleser, aber einige können das. Ein Meister darin war beispielsweise Gert Westphal.


    Ein Negativbeispiel für das Kürzen habe ich vor Zeiten weiter oben verlinkt.