Beiträge von Christian J.

    In deinem Beispielsatz schwingt recht viel Pathos mit. Dazu passt für meinen Geschmack weder "flüstern" noch "leise sprechen". Allenfalls in einem Beichtstuhl wär’s für mich okay. :) Ansonsten würde ich es bei einem simplen "sagte sie" belassen.


    Flüstern ist flüstern, also tonlos. Leise sprechen hat mehr Nuancen, ist für mich nicht das Gleiche. Ist dein Protagonist oder die Protagonistin im Beichtstuhl, Christian J. ? Dann würde er flüstern, meine ich.

    ja, ist eine Zeile aus einem realen Gebet und die Protagonistin sitzt tatsächlich einsam im Beichtstuhl.

    Tendiere inzwischen auch zu flüstern, obwohl ich generell mittlerweile klar bei Ingrid bin und so etwas gern vermeiden würde.

    Ich hol das hier nochmal hoch, da ich gestern beim Schreiben darüber gestolpert bin:


    »Ich hab‘ gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld«, flüsterte sie und...


    oder:


    »Ich hab‘ gesündigt in Gedanken, Worten und Werken. Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld«, sagte sie leise und...



    Prinzipiell würde ich gern auf das Flüstern verzichten, aber leise sagen scheint mir nicht dasselbe zu sein. Stilistisch stört mich das profane Flüstern aber durchaus. Wie verfahrt ihr, wenn eure Figuren nun mal, naja, flüstern?

    Kann noch keine Buchveröffentlichung oder ein abgeschlossenes Großprojekt für die Schublade vorweisen, aber in einer Stunde schaffe ich grob 3 Seiten Prosa, die je nach Tagesform gut, sehr gut oder für die Tonne sind. Am Tag würde ich gern 3-6 Seiten schreiben, aber oftmals schiebt sich das Leben davor, man besorgt halt schnell nochmal jene Dinge und erledigt diesen bürokratischen Akt, wenn sich ein Zeitfenster auftut, das für das Schreiben geeignet wäre.


    In der Realität schaffe ich es daher an 2-3 Tagen der Woche mir diese Zeit zu nehmen und so 5-10 gute Seiten pro Woche zu produzieren. Dazwischen gibt es Phasen, in denen ich mehrere Wochen keine Prosa schreibe und dann wieder Wochen, in denen ich 20 Seiten wegtippe.


    In Schreibklausur zu gehen, ist einerseits eine romantische Vorstellung meinerseits, andererseits neige ich dazu, in solchen Phasen der Muße allerlei andere Projekte anzustoßen (endlich mal alle Werner-Herzog-Filme sehen, endlich Moby Dick lesen, endlich den gesamten Keller-Inhalt auf Ebay verkloppen), sodass ich vermutlich in einer ganz normalen Woche mehr Fortschritt verzeichnen würde.


    Am kreativsten bin ich ohnehin immer dann, wenn ich dazu eigentlich gar keine Zeit habe. Vermutlich weil das Schreiben dann keine Aufgabe ist, sondern Eskapismus, Prokrastination.

    Daß die ARD die Filme nicht mehr zeigt, liegt gewiß nicht an schlechten Einschaltquoten, denn auf Kabel 1 kommen regelmäßig an Feiertagen Karl-May-Filme und werden anscheinend auch gerne geschaut. Und ich denke, noch mehr Fans würden diese Filme gerne im ÖR ohne Werbeunterbrechungen sehen, wenn sie es denn könnten.

    Sie laufen doch im ZDF. Soll das ZDF jetzt auch einen Tatort produzieren oder weshalb muss Winnetou auf beiden ÖR-Sendern laufen?

    Wenn man weiß, daß >80% der Redakteure im ÖR grün-links eingestellt sind, wundert einen das nicht mehr.

    Meines Erachtens gehören diese Anstalten wieder auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt. Früher wurde von 16 Uhr bis Mitternacht gesendet, es gab drei Programme, statt 20 und der Programmauftrag wurde besser erfüllt als mit der Grütze, die heute 24/7 läuft. Die Zwangsgebühren müssen abgeschafft werden. Wenn das Programm so gut und wertvoll ist, wie ihre Macher behaupten, würden doch ganz bestimmt Millionen Zuseher freiwillig zahlen, so wie sie auch freiwillig für Netflix & Co. zahlen, oder etwa nicht? :saint:


    Das Argument, dass der ÖR nicht gut sein kann, weil niemand freiwillig dafür zahlen würde, ist leider schwachsinnig, sorry. Es zahlt auch niemand freiwillig Tabaksteuer, trotzdem ist die eine gute Sache. Zumal, mangelnde Investitionen in Bildung sei Dank, es noch nie eine gute Idee war, "das Volk" mit dem Geldbeutel oder den Füßen abstimmen zu lassen, ob xy erhalten werden soll oder nicht. Ruckzuck wäre vom Sozialstaat nichts mehr übrig.


    Der ÖR ist prinzipiell eine gute Sache, gehört aber von den Füßen auf den Kopf gestellt.

    Was mich an dem Konzept kulturelle Aneignung zusätzlich stört, ist die Überhöhung von Kultur, die darin mitschwingt.


    Jeder hier, der nicht in urbaner Anonymität oder erimitischer Abgeschiedenheit groß wurde, wird kulturelle Normen kennen, die ihm, ohne nachvollziehbare Rechtfertigung, Gewalt angetan haben. Sei es ein Männerbild ("Indianer kennen keinen Schmerz"), ein Frauenbild ("Das gehört sich nicht für eine Dame"), der Zwang zum Saufen, weil man des halt so macht gä, sexuelle Leitplanken etc. pp. Kurzum: Kultur ist nichts per se und ausschließlich Positives, sie führt den Zwang und den Gehorsam immer mit sich, ja braucht letzteren, um sich zu erhalten und zu reproduzieren.


    Verfechter kultureller Aneignung behaupten das Gegenteil bzw. ignorieren diese Komponente und den Zugewinn an Freiheit, den jeder Schaden an einer Kultur mit sich bringt.

    Nun kann man sicher argumentieren, dass es nicht Aufgabe des Westens ist, fremde Kulturen zu befreien und sicher ist da historisch auch einiges an Minenfeld bereitgelegt (Kolonialismus). Aber ein Künstler ist nun mal nicht der Westen, und Kunst ist keine Politik.


    Kultur zu etwas Heiligem zu erklären, ist jedenfalls immer eine ganz schlechte Idee, ganz gleich, um welche Kultur es sich handelt.

    Ich möchte hier noch den Mechanismus der Aufmerksamkeit im Digitalen anfügen:


    Nach oben gespült wird, in den Timelines, Feeds und persönlichen Vorschlägen, das, was viel kommentiert, geliked, gedisliked usw. wird, kurz, was Interaktion verspricht, die Währung der sozialen Medien eben.


    Die von den sozialen Medien bedrohten, klassischen Medien haben sich diesem Mechanismus längst angepasst und schreiben daher nicht nur Clickbait-Artikel ("DIESES Problem hätte J-Lo bei ihrer Hochzeit nicht erwartet!"), sondern schreiben Artikel in der vollen Absicht, eine solche virale Auseinandersetzung auszulösen, da nur das ihnen noch Klicks garantiert und die Nutzer von dem hermetisch abgeriegelten System (Instagram und Tiktok lassen schon gar keine externen Links mehr zu) zu ihnen hinüberspült.


    Und was verspricht mehr Interaktion als moralische Themen (streng zu unterscheiden von politischen)? Deshalb erhalten Twitter-Fanatiker Aufmerksamkeit in den klassischen Medien, deshalb gibt es Artikel über die vielleicht doch anzustrebende Absage der Wiesen wegen einem drohenden Superspreader-Event (Süddeutsche seit Wochen) usw.


    Einen Ausweg daraus sehe ich erstmal nicht, auch wenn die großen Digitalunternehmen natürlich längst zerschlagen gehören (so links bin ich dann schon hehe), da sie zentrale Bereiche des ehemals öffentlichen und damit der Allgemeinheit gehörenden Lebens kapitalisiert und dabei Mono- bis Oligopole errichtet haben.

    Abgesehen davon habe ich es aber auch schon immer für fraglich gehalten, dass Nicht-Betroffene über solche Themen schreiben und meinen, sie hätten eine Ahnung davon. Ich schreibe als heterosexuelle Frau kein Buch über homosexuelle oder transsexuelle Männer. Ich schreibe als Weiße nicht über die Interessen, Probleme und das Trauma indigener Kulturen. Egal, ob in Kinderbüchern oder nicht. Ich kann doch nicht über ein gesellschaftliches Thema schreiben, von dem ich nicht betroffen bin, oder? Vielleicht als Sozialwissenschaftler in einer datenbasierten Abhandlung, aber doch nicht in einem emotionsgeladenen Roman. Ich habe aber zugegeben den Shitstorm nicht mitbekommen und weiß nicht, ob das hier der Fall war.

    Shitstorms sind davon abgesehen meistens nicht mehr als eine Blase heißer Luft. JK Rolling wurde auch massiv kritisiert. Und? Ist Harry Potter in der Versenkung verschwunden? Nein. Kein HP-Fan hat deswegen seine Merchandise-Sammlung verbrannt. Die Leute, die sich da aufregen, hätten das Buch so oder so nicht gekauft.

    Naja, dann dürfen also nur noch Native Americans Indianergeschichten schreiben? Und wieso sollte mein Buch keinen schwulen Protagonisten haben, nur weil ich hetero bin?


    Ich kann ein künstlerisches Argument nachvollziehen, also im Sinne von "write what you know" und vermutlich wäre ein Roman über schwule Polygamie von einem Hetero mit 50 Ehejahren auf dem Buckel eher oberflächlich.

    (aber, man höre und staune, es soll ja auch so etwas wie Recherche geben)


    Aber die Idee, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die es mir erst moralisch erlauben, über bestimmte Themen zu schreiben, lehne ich ab und ich kann auch kein überzeugendes Argument erkennen. Wen sich jemand von der Tatsache allein in seinen Gefühlen verletzt fühlt, dass ich über Indianer schreibe ohne Indianer zu sein, dann sollte er zum Arzt, nicht zu Twitter.

    Hat da etwa jemand beim Sensitivity Reading geschlampt?


    Katastrophe. Würde auch sagen: lass sie kritisieren usw., aber Bücher einstampfen wegen Gefühlen Dritter ist völliger Wahn- oder Schwachsinn. Ich mag noch ergänzen: auch wenn es sich um Gefühle von Angehörigen einer Minderheit handelt.


    Ist leider eine länger andauernde Entwicklung. Erinnere mich an ein Sendung (Literarisches Quartett oder dessen Schweizer Variante) in der ein Buch von Houellebecq besprochen wurde. Die Begründung der Moderatorin, warum Sie das Buch nicht empfehlen kann, erschöpfte sich darin, dass der Protagonist moralisch fehlbar sei, frauenfeindlich/chauvinistisch nämlich, was das denn solle.

    Da ist also schon ganz viel und schon länger im Argen, aber ich könnte nen Essay darüber schreiben, wie die Moral seit einiger Zeit eine große Renaissance feiert und welche Funktion das hat und wer davon profitiert (zum Bsp. jene mit viel Bildungs- aber wenig Finanzkapital (lies: Geisteswissenschaftler ^^) , die nutzen Moral zur Distinktion und Abgrenzung gegenüber weniger gebildeten, aber nicht länger finanziell schlechter gestellten Schichten), also erstmal nur so viel.

    Noch ein paar Fundstücke auf die Schnelle:


    Kafka (Amerika) : »Mir auch nicht«, sagte der Student und lachte.


    Grass (Katz und Maus) :

    Mahlke nickte, wenn ich einen Punkt machte, ließ manchmal den Unterkiefer fallen, lachte grundlos, sprudelte über: »War doll gestern mit der kleinen Pokriefke.


    Hugo Maria Kritz (Die Bar zum Siebenten Himmel) :

    "Eigensinniges Kind", lachte er kopfschüttelnd.


    Maria Janitschek (Mimikry) :

    "Ich muss dich umbringen", lachte er konvulsivisch, "damit ich Ruhe vor dir habe."


    :/

    Da es im Kern nicht um Oper gehen zu scheint, sondern um Werktreue und Meta-Meta, ein aktuelles Beispiel aus der Trivialunterhaltung, das die Vorzeichen umdreht:


    Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bastelt Amazon gerade an einer Herr-der-Ringe-Serie. Da die Tolkien-Erben ihre schützende Hand auf den Rechten halten, hat Amazon einen winzigen Appendix zur Verfügung, um eine Geschichte zu spinnen, die so noch gar nicht existiert.

    Was aber existiert, ist die Fantasy-Welt mit ihren Gesetzen und Völkern. Amazon geht nun hin und verfrachtet diese Welt in die Jetztzeit und stülpt ihr ein entsprechendes politisches Korsett über: die Zwergenfrauen, die eigentlich von Zwergenmännern kaum zu unterscheiden sind, lächeln ins Bild, es gibt schwarze Zwerge (die wohlgemerkt unter der Erde leben) und Elben etc.

    Für mich zerstört das die Immersion, obwohl es eigentlich Lappalien sind - aber Tolkiens Welt funktioniert so nun mal nicht und dauernd drängt sich unangenehm die Existenz des Regisseurs/Produzenten ins Bewusstsein.


    Bei Romeo und Julia mag es anders gelagert sein, weil die Schwerter nicht so relevant sind, wie die Geschichte selbst. Das ist bei Tolkien umgekehrt. Bei einer Oper weiß ich nicht, was relevanter ist. Vielleicht die Musik? Will sagen: Welche Freiheiten bei einer Inszenierung gestattet sind und welche über das Ziel hinaus hießen, hängt stark von der Kunstform, dem Genre usw. ab. Aber Grenzen gibt es gewiss.


    Ich hatte mal ein Date mit einer Frau zu Studentenzeiten, die ich mit meinen Pasta-Kochkünsten beeindrucken wollte. Damals hatte ich die Angewohnheit, Spaghetti vor dem Kochen in der Mitte durchzubrechen. Als sie mich fragte, wieso ich das tue, meinte ich lässig, dass es so leichter sei sie zu kochen und zu essen. Aber jetzt sind es doch keine Spaghetti mehr, sagte sie.

    Hab das Büchlein die Tage im Freibad mal aufgeschlagen, aber musste nach 20 Seiten entnervt aufgeben.

    Schien mir alles zu sehr freie Assoziation und Sprachakrobatik um ihrer selbst willen. Mitunter konnte ich anhand eines Schlagworts das nächste erraten (erfundenes Beispiel: Olympia - Ringe).


    Hab ich das schwer verkannt als später Leser (das Buch erschien 1998) und das preisbehangene Revers trägt sie zurecht oder wie seht ihr das und wo entdeckt ihr Qualitäten solcher Werke?

    Hey Jürgen, erstmal vielen Dank für deine ausführliche Antwort!


    Den Begriff Weltliteratur würde ich ganz pragmatisch definieren: Bücher, über die wir alle immer noch und immer wieder sprechen & die immer wieder in den Dutzenden von Kanons und Listen auftauchen. In diesem Sinne gibt es dann auch schlechte Weltliteratur.


    Ansonsten stimme ich dir zu: der Wert der genannten Werke liegt (neben den notwendigen Bedinungen, die du nennst) ja gerade darin, nicht moralinsauer oder überkonstruiert zu sein, obwohl sie eine Klammer haben, die sie im Innersten zusammenhält.


    Also mir geht es umgekehrt: Ich lese die Kafkas, vergesse sie nicht, und ärgere mich über geschenkte Bücher von unbedarften Bekannten aus der Spiegel-Bestsellerliste, die ungelesen im Billy-Regal verstauben. Aber prinzipiell wirst du recht haben.


    In Bezug auf Unterhaltung und große Literatur sehe ich da auch gar keinen Widerspruch. Ich würde sagen, auch "Der Prozess" hat durchaus Humor und zwar eben nicht die schenkelklopfende Art. Anderes Beispiel: "Das Tagebuch von Adam und Eva" von Mark Twain. Stellenweise zum Brüllen komisch, aber trotzdem große Literatur für mich. Letztlich bezeichnet Unterhaltungsliteratur aber eben etwas anderes, also gerade nicht solche Werke. Und auf diese eingeübte Unterscheidung beziehe ich mich, auch wenn sie unscharf ist, weil natürlich auch große Literatur unterhalten kann/darf/soll/muss.


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    Was meinst du mit Universalität?

    Grundsätzlich geht es doch schon seit der Antike ausnahmslos in allen Geschichten um die drei großen Fragen: Woher? Wohin? Warum? Und auf einer nachgeordneten Ebene um die universalen Themen Liebe, Hass, Verrat, Vergeltung, Schuld, Sühne, Schicksal, Altern, Tod.

    Ja genau, und universelle Ideen/Metaphern fügen sich dort ein und fügen etwas hinzu, ohne dabei ihrer Universalität beraubt zu werden, sonst wären sie plump und moralinsauer. In Kafkas Fall moderne Antworten auf diese Fragen, auch wenn wir keine davon benennen können, nur erleben, ästhetisch begreifen vielleicht.


    Zitat

    Hochgestochene Konzepte? Nein. Mir ist noch immer nicht ganz klar, wodurch sich diese Konzepte im Besonderen auszeichnen.

    Ich schreibe die Geschichten, die geschrieben werden wollen. Die Frage etwa nach der Prämisse stelle ich mir frühestens, wenn die Geschichte geschrieben ist und auch dann erst, wenn mich jemand danach fragt.

    Ok das finde ich interessant, ich würde den Stift nicht in die Hand nehmen, wenn ich nach 10 Seiten nicht wüsste, was der Kern des Buches ist. Aber vielleicht ist das auch nur dieses Plotter-vs.-Pantser-Thema.

    Hochgestochen im Sinne von: Ich kann einen Krimi schreiben, der in der Provence spielt und in dem der Kommissar viel Pastis trinkt. Es gibt ein Rätsel, es wird aufgeklärt, und wir haben nebenbei viel über die Provence gelernt - und wollen da gern mal wieder hin. Ich kann aber auch einen Krimi schreiben, der in einer mittelalterlichen Abtei spielt, in "Der Name der Rose" nennen und am Ende findet der Detektiv nichts heraus, weil wir in der Postmoderne angelangt sind.

    Zitat

    Aber ich habe festgestellt, dass ich ein wiederkehrendes und deshalb wohl übergeordnetes Thema habe: Flucht, der Flucht vor Krieg und Zerstörung, vor Hunger und Elend, die Flucht vor anderen Menschen, vor Gläubigen, Andersgläubigen, Andersdenkenden, die Flucht vor dem Leben ... der Flucht vor dem Leben und der Flucht vor sich selbst und dem daraus entstehenden Verlangen ins Leben zurückfinden zu wollen, sich zurück zu kämpfen in dieses Leben.

    Und ich würde eben sagen, dass man ein Buch über einen Flüchtenden schreiben kann und es kann gut erzählt sein usw. - aber um ein wirklich großes Werk zu sein, muss es eine große Idee in sich tragen, eine Metapher, ein Bild, eine Erkenntnis vielleicht auch. Kertesz' Roman eines Schicksalslosen zum Beispiel ist ein Buch über das Leben im KZ. Aber es ist große Literatur, weil es nicht allein das erzählt, sondern auch die - aufwühlende - Einsicht, dass sich ein KZ-Häftling langweilen kann usw.

    Nunja, ich danke euch für die hellsichtigen Antworten, ich hoffe ich konnte mich auch einigermaßen verständlich machen.

    Ja, gerade "Der Prozess" ist ein sehr gelungenes Beispiel für dieses starke tragende Element, ohne dass es je aufdringlich wird oder gepredigt (passend zur Natur des Gerichts/Prozesses haha).


    In der Tat ist das genau mein Problem, also die abschneidenden großen Pläne, die mich dann gar am Schreiben insgesamt hindern. Danke für deine Perspektive!

    Ich gebe mal meinen Senf dazu und würde sagen, es kommt vielleicht darauf an, was man mit seinem "Kunstwerk" erreichen möchte. Die meisten Werke haben irgendeine Art Metapher/Prämisse, aber die steht nicht immer im Vordergrund. Ich würde zwischen Werken unterscheiden, die zum Ziel haben, diese Metapher, eine Weltanschauung, eine Philosophie etc. zu vermitteln, und denen, die "Unterhaltung" liefern. Ich würde Werke wie "der Prozess" oder "Farm der Tiere", die auf ihre Metapher fixiert sind, nicht mit "Romeo und Julia" oder "Es" vergleichen. Da liegt der Fokus meiner Meinung nach einfach woanders. Aber ich würde dabei Unterhaltungsliteratur nicht geringer schätzen. Und ja, ich weiß, dass auch hinter "Romeo und Julia" und "Es" eine Bedeutung steckt. Aber diese Werke werden nicht unbedingt dafür geschätzt, sondern für ihre Tragik und Spannung.

    Erstmal danke für deine Antwort. Ich hab "Es" zugegebenermaßen nie ganz gelesen, aber gerade in "Es" finde ich steckt ebenfalls eine zentrale Metapher, die es zu mehr macht als zu einem Schauerroman: Entweder du konfrontierst deine Ängste oder du lebst mit ihnen, bis du den Clown (die Moorleiche etc., eben die ganzen Ängste der Kids, die sie von ihren Eltern eingetrichtert bekommen haben) nicht mehr siehst, aber ein miserables Leben führst.


    (ah sorry, hab deinen vorletzten Satz erst jetzt registriert ?()


    Aber du hast natürlich recht, es gibt eben Unterhaltung und naja, Kunst dann, oder? Jetzt kann man drüber streiten, in welche Kategorie "Es" fällt.


    Bei mir ist es dann schnell so, dass ich denke: ok, was ich da schreibe, das ist doch "bloß" Unterhaltung - wozu das also (und umgekehrt keinen Fitzek in die Hand nehmen würde, was vielleicht ein Fehler ist)? Daher meine Beschäftigung damit.

    Habe die Tage zum zweiten Mal in meinem Leben Kafkas Prozess gelesen (und zum ersten Mal ohne Verweigerungshaltung, böse Blicke auf mein vergangenes Schüler-Ich) und fand ihn, wie zu erwarten, grandios.

    Dabei wurde mir klar, wie sehr dieses Stück Weltliteratur von seiner zentralen Metapher durchzogen wird: grundlos angeklagt zu sein, ohne Chance auf Anhörung, verhaftet gar, ohne Chance auf Gitterstäbe, oder sind es die im eigenen Kopf? Schuld, Scham, das spielt eine Rolle, aber nur hinter den Dingen, subtil. Bürokratie, die conditio humana in der Moderne, Gott ist tot und nun ist alles potentiell Sünde etc. - die Deutungen des Romans sind so vielfältig wie seine Leser.


    Jedenfalls musste ich dann an Fitzcarraldo denken, also den von Werner Herzog und wie er ein Schiff über einen Berg im Dschungel ziehen lassen will und wie auch das die zentrale Metapher ist und man auch hier nicht genau weiß, wofür, nur, dass sie wirkt.


    Dann fragte ich mich, ob das nicht Ziel eines jeden Kunstwerk sein müsste, also eine Art von Universalität, die auf einer zentralen, in ihrem Sinne wahren Metapher/Idee beruht, und warum wir überhaupt Geschichten schreiben, die das nicht ansatzweise leisten.


    Dann fragte ich mich, ob das wieder meine verqueren Ansprüche sind, und ging die Weltliteratur durch: Herz der Finsternis! Moby Dick! Der Fremde! Alles große Werke mit großen, undurchsichtigen Ideen und Metaphern.


    Nun also meine Fragen: Schreibt ihr mit solchen hochgestochenen Konzepten im Blick und wenn nein, warum? Und wenn ja, wieso? Hattet ihr je solche Ideen? Würdet ihr sie gerne haben? Und warum sollten wir oder irgendjemand Bücher lesen (wollen), die das nicht leisten?

    Laut einem Mini-Artikel in der FAZ kämpft der Buchhandel mit einem "Allzeittief beim Konsumklima" und rasant ansteigenden Produktionskosten (Papier & Druck).


    Zudem verlagerte sich der Handel ins Internet, was eine Fokussierung auf Bestseller nach sich ziehe: fast 40 % des Umsatzes mit Belletristik entfiel 2021 auf die zehn meistverkauften Bücher.


    In Zukunft, da wird es für uns interessant, könnte sich das auf die Vielfalt der veröffentlichten Titel auswirken.


    Rosige Zeiten?

    Ich argumentiere ungerne gegen einen so schönen Vortrag und auch noch gegen meine eigene Haltung, aber. Ich habe mich vorgestern mit einem Marketingmenschen über die Reichweite und den Nutzen von Messen unterhalten, also nicht von diesem Christenzeug, sondern Präsenzfachmessen, wo Leute rumschlurfen, Werbematerial einsacken und draußen gleich wieder wegwerfen. Das waren mal die Umsatzmotoren in einigen Branchen, und die Leute sind mit vollen Auftragsbüchern heimmarschiert. Heutzutage stellt sich das anders dar, und trotzdem investieren Firmen immer noch sehr viel Geld in diese Shows. Warum? Nun, weil es einen kaum direkt messbaren Metanutzen gibt - Imagepflege, Einschüchterung der Konkurrenz, Aufmerksamkeit, Positionierung. Leute, die einen dort gesehen haben, erinnern sich möglicherweise und greifen dann zu, wenn die Entscheidung ansteht.


    Warum erzähle ich das? Nun. Abseits aller Selbstzwecke hat es trotzdem eine Wirkung auf die Gesellschaft, wenn sich Bilder und Konstellationen in Bildern verändern. Natürlich ist die Firma, die da plötzlich diverse, tolerante, inklusive Werbung macht, hinter der Fassade immer noch genauso scheiße wie vorher, und die Produkte sind pure Verschwendung und ruinieren gleich mehrere Planeten, aber die Menschen, die wir sehen, selbst wenn wir nicht besonders aufmerksam hinschauen, verändern unser Gefühl von Normalität. Es beeinflusst unsere Wahrnehmung, unsere Aufmerksamkeit. Es beeinflusst unsere Meinung davon, wie sich unsere Gesellschaft gestaltet und wer dazugehört. Diese positive Wirkung ist vielleicht nicht messbar, wie der Erfolg einer Präsenzfachmesse heutzutage, aber er dürfte unbestreitbar vorhanden sein, selbst wenn er auf Heuchelei basiert. Und an dieser Stelle hat es tatsächlich etwas Gutes. Das meine ich vollständig ironiefrei.

    Klar, das würde ich gar nicht verneinen. Gilt analog auch für Sprache.


    Allerdings würde ich ein kleines Fragezeichen anfügen: Kann das Zuviel an/in diversen Bildern (also ein letztlich ebenso unrealistisches Abbild der Gesellschaft) nicht diesen unbewussten Prozess der Normalitätsveränderung ins Bewusstsein rufen und somit gerade verhindern (auch aus Trotz, Skepsis)?

    Ich denke schon und darin würde ich einen Unterschied zu Werbung sehen. Die Zalando-Werbung mit den kreischenden Frauen beim Klingeln des Postboten lief rauf und runter und nervte mich tierisch. Aber ich hab dann trotzdem mal da bestellt, weil der Name haften blieb. Normalität ist da anders gelagert, denke ich, vielleicht auch, weil man aus dem Fenster schauen kann und die Realität mit der behaupteten Realität abgleichen kann (sofern man sich des Prozesses eben bewusst wird).