Beiträge von Juergen P.

    Tatsächlich aber scheint es mir so zu sein, dass ohne eine gewisse Eigenleistung nichts mehr geht.

    Gerade von der Midlist wird aber noch deutlich mehr erwartet, und es geht hier - auch bei großen Verlagen - immer mehr in die Richtung "Wir machen halt Bücher und warten ab, was passiert". Dieses Abwarten müssen dann die Autoren nach Kräften positiv beeinflussen.

    Eine Autorin hat sich mir gegenüber diesbezüglich mit sehr ähnlichen Worten geäußert. Wenn es sich so verhält, wie ihr sagt, bedeutet das aber dann nicht auch, dass sich der klassische Weg über eine Verlagsveröffentlichung einerseits und der über das Selfpublishing andererseits immer stärker angleichen werden, nicht sofort natürlich und auch nicht in der gesamten Breite, dass es aber zu immer weiter fortschreitenden Überschneidungen kommt? Und dass das Selfpublishing im Verlauf dieser Entwicklung für eine wachsende Zahl von Autorinnen und Autoren attraktiv wird?

    Ich habe für mich im Selfpublishing bislang keine realistische Alternative gesehen. Zwar gibt es mittlerweile exzellente Dienstleister für alles, nur nicht für den letzten und entscheidenden Schritt: den der Vermarktung und der damit verbundenen Frage nach der Präsenz im stationären Buchhandel, die für mich die Voraussetzung dafür wäre, mich mit der Idee des Selfpublishings eingehender auseinanderzusetzen.

    Denn wie bereits Cordula schrieb:

    Ich will schreiben und nicht die Zeit damit verbringen, mich bestmöglichst zu vermarkten.

    Aber die Dinge sind im Fluss, und wenn sich die benannten negativen Tendenzen im Verlagswesen zu Lasten der Mehrheit der Autorinnen und Autoren noch weiter verstärken, kann es durchaus passieren, dass sich das Selfpublishing schneller zu einer ernstzunehmenden Alternative entwickelt, als wir uns das derzeit vorzustellen vermögen. Aber vielleicht speist sich meine Hoffnung lediglich aus meiner Naivität.

    Ich würde behaupten, dass ein „gesunder“ Kulturbetrieb auch immer eines Kanons bedarf, der es den Kulturteilnehmern erlaubt, über ihn zu sprechen, einen Diskurs zu installieren, in dem man sich über moralische und natürlich künstlerisch-ästhetische Normen austauscht. Ohne eine gewisse Form von Normativität gibt es m.E. keine Kultur (sonst zerläuft alles im Beliebigen).

    Teile dessen, was du in deinem Beitrag schreibst, machen mir eine Gänsehaut und das nicht in einem positiven Sinne. Über das, was du zur Notwendigkeit eines Kanons sagst, will ich erst noch einmal nachdenken, bevor ich dazu meine Gedanken teile. Nur soviel schon jetzt dazu:

    - Dass jeder Hörer oder Leser oder Zuschauer seine eigene kleine Nische finden würde, bezweifle ich. Ich glaube, die Mehrheit würde sie nicht einmal finden wollen. Und in der Regel trennt sich die Spreu sehr schnell vom Weizen und die meisten Nischen trocknen sehr schnell wieder von allein aus, während eine Minderheit im Hinauswachsen aus der Nische selbst Normen schafft. Die Beatles bedienten ganz zu Anfang auch nur eine kleine Nische, bevor sie in atemberaubender Geschwindigkeit zum Maßstab wurden. Das hat meiner Meinung nach mehr mit Angebot und Nachfrage sowie einem passenden Timing zu tun.

    - Mit dem Begriff der Normativität kann ich mich durchaus anfreunden, hier allerdings nur unter dem Vorbehalt, dass Normen so wie Meinungen als etwas Instabiles, als etwas sich Wandelndes verstanden werden. Ansonsten werden sehr schnell Dogmen daraus.

    - Entscheidend ist für mich auch, wer jenen Kanon definiert, von dem du sprichst, und welchen Interessen er dient, dienen soll. Solange das die Kultur Schaffenden selbst gemeinsam mit ihren Hörern, Lesern und Zuschauern unter sich ausmachen, will ich mich mit der Frage nach der Notwendigkeit gerne auseinandersetzen. Wenn sich allerdings herausstellt, dass dieser Kanon hauptsächlich profitorientierten Partikularinteressen dient und infolgedessen (auch) dazu, die Kultur Schaffenden zu einer Art Pizzalieferdienst zu degradieren, die auf Zuruf mal die, mal jene Pizza liefern sollen, dann: nein.

    Das geht soweit, dass eine Lektorin eines der größten Verlage mir tatsächlich gesagt hat: Ich verstehe, dass Sie die Handlungen und die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonistin als authentische Figur ihrer Zeit zeigen möchten, aber unsere LeserInnen sind ... Jahre alt und sehen das anders/verstehen das nicht und dann mögen sie die Protagonistin nicht mehr, folgen ihr nicht mehr.

    Die Aussage der Lektorin ist nicht nur respektlos dir gegenüber, so als würde sie deine Leserinnen und Leser besser kennen als du selbst, sondern sie zeugt diesen gegenüber auch von einer großen Herablassung, als wären Leserinnen und Leser ein Haufen unmündiger, leicht beschränkter „Buchkonsumenten“, denen man die Auseinandersetzung mit einem Romanstoff so leicht wie möglich machen müsse. Und: Woher will die Lektorin das alles wissen, wer wovon wie viel versteht?

    Schon mehrfach habe ich mir gewünscht (und das auch an entsprechender Stelle gesagt), dass die Verlage doch mehr Mut haben sollten, der Leserschaft differenziertere Geschichten anzubieten. Vielleicht finden die LeserInnen den Stoff ja richtig gut und das entsprechende Werk findet reißenden Absatz.

    Für mich hat der Reichtum der Literatur zu einem gewichtigen Teil immer auch in der Vielfalt der Romanstoffe sowie in der Vielfalt jener Menschen bestanden, die diese Stoffe zu Geschichten formen. Diese Vielfalt manifestiert sich am stärksten in der Midlist. Und die ist gerade für Vielleser essentiell. Und ausgerechnet der rücken insbesondere die Big Player mit der Abrissbirne zu Leibe.

    Ich denke, die Verlage müssen aufpassen, dass sie sich damit langfristig nicht ihr eigenes Grab schaufeln. Es ist wie in jeder Branche. Mit der Entwicklung und der Platzierung jener Produkte im Markt, die morgen meine Konkurrenzfähigkeit sichern sollen, kann ich nicht erst morgen beginnen. Und wenn Vielfalt für die größte Umsatz generierende Käufergruppe von höchster Relevanz ist, kann sich auf Dauer kein Verlag erlauben, diese Relevanz gering zu achten oder gar zu ignorieren.

    Aber was weiß ich denn schon ...

    Dieses Thema, dass Du lieber Jürgen hier aufmachst, rumort in mir schon seit einiger Zeit und ich bin persönlich inzwischen (schreibtechnisch) so frustriert, dass ich seit einem Jahr, "meinen" Verlagen überhaupt keine Geschichte mehr angeboten habe, obwohl die Bereitschaft zu weiteren Titeln seitens beider Verlage kommuniziert wurde.

    So ist es. Nach ähnlichen Erfahrungen vor eineinhalb Jahren habe ich meine Projekte ebenfalls nicht mehr angeboten - mit einer Ausnahme Ende letzten Jahres, bei der ich aber eine "nette" Absage bekam in der Art, dass die Lektorin das Buch sehr gerne lesen würde, jedoch keine Chance sähe, es in ihrem Verlag unterzubringen.

    Ja, an dem Punkt geht es wirklich ans Eingemachte. Meine Laune bewegt sich in Richtung Gefrierpunkt, wenn ich höre, wie tief der Frust sogar bei etablierten und erfolgreichen Autorinnen und Autoren sitzt. Wie wirklichkeitsfremd ist es da, wenn ein Unveröffentlichter sich überhaupt Gedanken darüber macht, noch einen Fuß in die Tür zu bekommen? Dafür sehe ich nur zwei Möglichkeiten. Option 1: Man macht eine Wallfahrt nach Lourdes und bittet den lieben Gott darum, im eigenen Fall ausnahmsweise mal für die Verkettung möglichst vieler positiver Umstände zu sorgen inklusive der Bereitstellung einer relevanten Dosis von Vitamin B. Oder Option 2: Damit aufzuhören, das Ganze noch länger nur als Spiel zu betrachten und jetzt endlich die LitNob kompatible Hammergeschichte zu schreiben, so wie das ja schließlich auch die Debütanten vorangegangener Autorengenerationen hinbekommen haben.;)


    Aber im Ernst. Schreiben ist Arbeit. Unter anderem. Und es macht auch sehr viel Spaß. Nicht immer, aber oft. Aber sobald der Spaß an der Freud erst einmal weg ist, kann auch nichts Gescheites mehr dabei herauskommen. Zumindest ist das bei mir so. Jahrelang habe ich das als einen Mangel an Professionalität interpretiert. Aber wenn ich jetzt eure Worte lese und an die anderer Autoren denke ...

    Den Spaß am Schreiben will ich mir solange wie möglich bewahren. Zusammen mit einer Agentur oder wem auch immer ein Romanprojekt zu skizzieren und das auf Augenhöhe: No problem. Aber dazu müsste man ja erst mal einen Fuß in die Tür bekommen. Und damit das passiert ... siehe oben. Aber wenn es jetzt nicht einmal mehr darum geht ... Stattdessen malen nach Zahlen, sorry, schreiben ...

    Meiner Erfahrung nach aber hat es in den letzten Jahren eine negative Entwicklung dahingehend gegeben, dass Verlage/Agenturen/Buchverkäufer sich Details der Figuren und des Settings ansehen, die sich besonders gut verkauft haben und diese dann auch von den Autoren für ihre neuen Geschichten fordern. Je mehr Details durch das entsprechende Genre "festgetackert werden", um so mehr wird alles zum Einheitsbrei.

    Das meine ich. Dass jemand, der Genre schreibt, sich auch an Genrekonventionen halten muss, will sie oder er nicht riskieren, seine Leser zu verlieren, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber die Geschichten, von denen ich spreche, sind unmöglich auf der Grundlage einer Art von Pflichtenheft zu schreiben, sollen sie nicht in der Masse des Einheitsbreis untergehen, von dem Cordula hier spricht.

    Ich empfinde die Versuche, kategorisiert zu werden, eher im Gegenteil als Chancenverhinderer.

    Genau darum geht es mir in diesem Thread. Chancenverhinderung. Warum ein Manuskript veröffentlicht wird und ein anderes nicht, obwohl beide handwerklich gut gemacht sind, sprachlich gängigen Ansprüchen gerecht werden, beide eine berührende oder spannende, in jedem Fall aber unterhaltsame Geschichte erzählen, mit gut herausgearbeiteten Figuren, lebensechten Dialogen und dramaturgisch ohne Fehl und Tadel. Oder ungefähr so. ±5%. Aber dann kommt jemand, klebt auf das eine Manuskript ein grünes Etikett mit der Aufschrift 2. Schublade von links, vierte Reihe von unten. 1x waschen, entlausen, föhnen, trimmen und auf das andere Manuskript ein rotes Etikett mit der Aufschrift Schublade nicht vorhanden! Bitte schreddern.

    Und dann stelle ich mir vor, wie viele lesenswerte Geschichten deswegen ungelesen bleiben und wie viele andere Geschichten daraufhin nie geschrieben werden. Und was es für die Chancen eines bislang unveröffentlichten Autors bedeutet, wenn sogar etablierte Veröffentlichte mit diesem Problem konfrontiert werden.


    Was ich gleichfalls nicht verstehe: Wenn Genreschubladen schon als unentbehrlich vorausgesetzt werden, warum dann nicht anstelle der Geschichten die Schubladen passend machen? Die Schubladen etwas flexibler zu gestalten, anstatt immer neue Subgenres zu etablieren, die noch mehr Einschränkungen mit sich bringen?

    Ein konkretes und nur leicht verfremdetes Beispiel: Eine Geschichte, in der sexuelle Gewalt und Missbrauch eine zentrale Rolle spielen, ohne indes eine Geschichte über sexuelle Gewalt und Missbrauch zu sein. Stattdessen Unterhaltungsliteratur im besten Sinne. Eine Gratwanderung, zugegeben. Opfer, die keine Opfer sein wollen. Die sich ins Leben zurückkämpfen. Dreiviertel der Geschichte 'on the road', fast also eine Roadnovel. Eine Geschichte, in der viel gelacht wird und in der einem das Lachen ebenso oft im Halse stecken bleibt. Eine Geschichte über Freundschaft. Eine Liebesgeschichte zuletzt.

    Und das eine der Reaktionen auf diese Geschichte: „Sehr schöne, überaus interessante Geschichte. Aber die Genreverortung ist schwierig, um nicht zu sagen unmöglich. Aber wenn die Liebesgeschichte deutlich ausgebaut würde ... ja, die Geschichte als Liebesroman erzählen ...“

    Ja, dann wäre es irgendeine Geschichte, aber nicht mehr die Geschichte, die erzählt werden wollte. Und es steht für mich außer Zweifel, dass die Geschichten, die eine Autorin, die ein Autor erzählen will, potentiell die besseren Geschichten sind, verglichen mit denen, die sie erzählen sollen.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Zuletzt habe ich gelesen: Meyerhoff, T. Mann, Seethaler, Lucy Fricke, Bernhard, Sylvia Plath, Kehlmann.

    Wie sieht es da mit den Genres aus? Weiß nich.

    Einige dieser Autorinnen und Autoren werden regelmäßig der Hochliteratur zugerechnet, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob zumindest die überhaupt relevant sind für das, worüber ich in diesem Thread gerne diskutieren möchte. Für Autorinnen und Autoren, deren Schaffen ganz oder überwiegend diesem Bereich der Literatur zugezählt wird, scheinen andere Regeln zu gelten, falls überhaupt. Gerade die Missachtung von Konventionen ist ja häufig kennzeichnend für sie, wird ihnen sogar das verziehen, was im Falle aller anderen Autorinnen und Autoren als Todsünde gilt: zu langweilen. Aber das Fass Hochliteratur versus Populärliteratur versus Trivialliteratur will ich ganz sicher nicht in diesem Thread aufmachen. Auch nicht in der komprimierten Form U- versus E-Literatur. Religionskriege gibt es auch so schon reichlich.


    Die Geschichten, um die es mir in erster Linie geht, werden häufig mit dem etwas schwammigen Begriff „Gehobene Unterhaltungsliteratur“ etikettiert, sind das, was in vielen Buchhandlungen in den mit „Autoren A bis Z“ gelabelten Regalen zu finden ist. In der Regel sind das Geschichten, in denen in wechselnden Dosierungen Komisches neben Tragischem steht und Triviales neben literarisch anspruchsvollen Phasen existiert. Einige dieser Geschichten wären zur Not auch in eine Genreschublade zu quetschen, aber die meisten zeichnen sich tatsächlich dadurch aus, dass sie so richtig in keine gängige Schublade passen wollen. Dennoch erschließt sich mir nicht, warum das der ausschlaggebende Grund sein sollte, ein Manuskript nicht zu veröffentlichen.

    Das Beste wird es sein, für seinen eigenen Roman ein Genre zu erfinden (zumal wenn man Schwierigkeiten mit der Zuordnung hat). Ob es das Genre wirklich gibt (was an sich schon eine kuriose Existenzaussage ist), weiß ja bei der Masse und dem Wirrwarr ohnehin niemand. Wenn man dann mit seinem Werk und Genre bei einer Agentur oder einem Verlag vorstellig wird, geraten die unweigerlich in Nervosität. "Verdammt, bedienen wir diese Genre schon?" "Ne, glaub nicht." "Herrje, dann müssen wir schleunigst etwas unternehmen!" Und zack hat man nicht nur einen Vertrag, sondern auch ein exklusives Genre. Hammer!

    Absolut coole Idee! ;)

    Zunächst mal: Als Leser finde ich zumindest eine grobe Zuordnung hilfreich, damit ich im Buchhandel weiß, in welchem Regal ich jetzt suchen muss, wenn ich gerne was Spannendes lesen will, aber ohne Horrorelemente (dann suche ich gezielt nach einem Thriller oder Krimi).


    Genau das ist der Grund, zumindest ein gewichtiger. Die Buchhändler wissen ansonsten nicht, wo sie dein Buch einordnen sollen, und jeder Leser, der es deshalb nicht findet, weil es beim anderen Genre steht, ist ein verlorener (zumindest für den Verlag, der deshalb auf die Genrefestlegung pocht).

    Ich betrete eine Buchhandlung nur sehr selten mit einer festen Vorstellung davon, was ich als Lektüre suche. In der Regel weiß ich das nicht einmal annähernd. Für mich ist das Stöbern ein beinahe unverzichtbarer Teil des Buchkaufs, fast eine Art Schatzsuche. Das ist auch der Grund dafür, warum ich zuerst die Regale und Tische mit den Büchern der „Autoren A bis Z“ „abgrase“ und mich erst danach der Genreliteratur zuwende. Von deren strenger Zuordnung fühle ich mich gegängelt, von vornherein festgelegt, und das verdirbt mir den Spaß.

    Aber, okay, jeder Jeck ist anders.

    Die Verlage habe den Vorteil, dass sie allein schon aufgrund des Genres eine Vorstellung von der Zielgruppe haben und diese gezielter mit Werbung etc. ansprechen können. Auch können sie besser abschätzen, wie groß die Zielgruppe etwa ist.

    Das ist sicherlich so. Aber zementiert das dann nicht auch das Kaufverhalten vieler Käufergruppen? Natürlich bestimmt die Nachfrage das Angebot. Aber das gilt in der umgekehrten Richtung nicht weniger. Ja, Ich frage mich, ob das Gefälle in dieser Richtung nicht sogar stärker ist. Woher wollen Agenturen und Verlage denn wissen, ob Leserin und Leser nicht doch Veränderungen im Angebot wünschen und, falls ja, welcher Art diese Veränderungen sein könnten? Vermutlich zurecht glauben sie mit dem More of the same auf der sicheren Seite zu sein. Diese Rechnung muss aber nicht auf immer und ewig aufgehen. Und warum sind sie gleichzeitig dann alle so verzweifelt auf der Suche nach dem nächsten Harry Potter? Viele der größten kommerziellen Erfolge waren Überraschungserfolge. Und neue Trends kündigen sich in der Regel nicht mit Trommelwirbel an.

    Schade, Kerstin. Ich habe deine Beiträge gerne gelesen. Sie waren stets fundiert und haben die jeweilige Diskussion jedes Mal vorangebracht.

    Dass du dich vorerst aus dem Forum verabschiedest, lässt zumindest Raum für die Hoffnung, sich eines Tages wieder mit dir hier austauschen zu können. Ich würde mich freuen.


    Alles Gute, Kerstin. :blume

    Schade. Bisher hatten wir ja noch so gut wie keinen Kontakt, aber das hätte sich sicher schon bald geändert, in einer BT-Runde vielleicht oder in welcher Diskussion auch immer. Aber dass du mit Sicherheit wiederkommen willst, ist ja schon mal eine Hoffnung machende Ansage. Bis später dann. :wink2

    Ich wünsche dir alles Gute, Peter!

    Ermuntert von Horst-Dieters Nachbarthread „Liste aller Genres“: Mich würden eure Gedanken und Meinungen zum Thema Genre und speziell dem der Genrelosigkeit interessieren, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht auch ein paar Antworten zu erhalten auf Fragen, die mich schon seit einiger Zeit beschäftigen.


    Von den 999 pro 1000 unverlangt eingesandten Manuskripten, die keinem der für eine Veröffentlichung relevanten Kriterien gerecht werden, soll hier ausdrücklich nicht die Rede sein. Das vorausgeschickt ...


    Schreiben können alle. Klar. Viele schreiben sogar richtig gut und die meisten haben auch etwas zu sagen. Erzählen berührende, unterhaltsame, spannende Geschichten. Und natürlich existieren alle vorstellbaren Schattierungen zwischen Genialität und, nun ja, nicht ganz so Genialem. Veröffentlicht werden sowohl das eine wie das andere. Manchmal. Oder, ungleich häufiger, eben nicht. Und ohne dass verlässliche Kriterien erkennbar würden, die dem nach Orientierung Suchenden dabei hülfen nachzuvollziehen, warum der Daumen mal nach oben geht und mal nach unten.


    Auch der ausschließliche Blick auf bereits Veröffentlichtes verwirrt mehr, als dass er Orientierung verschafft. Da gibt es im Grunde nichts, das es nicht gibt. Alles findet Leserinnen und Leser. Irgendwie und mehr oder weniger. Das sprachlich innovative Kreisen um den eigenen Bauchnabel ebenso wie das bräsige Erklären der eigenen Person und, einmal dabei, auch gleich noch des ganzen Universums. Auf der anderen Seite wiederum zum Teil furios erzählte Geschichten, Geschichten über alles Mögliche. Über mordende Psychopathen. Zerstückelte Körper. Sex in allen Pink- und Grautönen. Fantastische Welten. Ferne Welten in einer fernen Zukunft. Oder der düstere Blick in die nahe Zukunft. Die Apokalypse. Oder, besser noch, die Postapokalypse. Oder der rückwärtsgewandte Blick auf die Frühgeschichte, das Mittelalter, Kreuzzüge, Pest, Hexenverbrennungen, Dreißigjähriger Krieg ... die Huldigung der Zwanzigerjahre, das verstörende Sezieren der Dreißiger, das Wiederkäuen des Brots der frühen Jahre, Wende, Wende, ohne Ende ...

    Die Jetztzeit hingegen scheint in all dem verlorengegangen zu sein. Oder sie existiert vorzugsweise in kleinteiligen, in sich geschlossenen Miniaturuniversen.


    Bereits die Tatsache, dass jede einzelne dieser so grundverschiedenen Geschichten ihre Leserinnen und Leser findet, zeigt, dass all diese Bücher wichtig sind. Angesichts einer solch enormen Diversität erstaunt es deshalb aber umso mehr, dass es im Hier und Jetzt angesiedelte Geschichten mit einem erkennbaren Bezug zur Realität deutlich schwerer haben, bereits die Agenturhürde zu nehmen. Natürlich bestätigen Ausnahmen auch hier die Regel.


    In diesem Zusammenhang besonders irritierend sind die starren Genrevorgaben und immer häufiger auch die Subgenreschubladen, in die eine Geschichte gefälligst zu gehören hat. Die Bloggerin Tonya Thompson listet sage und schreibe 144 Genres und Subgenres auf. Einhundertvierundvierzig! Wenn das eine Orientierungshilfe sein soll, bräuchte zumindest ich eine Orientierungshilfe zur Orientierungshilfe. Kann mir zum Beispiel jemand erklären, warum es ein extra Subgenre für Geschichten über verliebt tuende Gockel geben muss, die ordentlich was auf dem Konto haben, und ein anderes für die Schilderung der Alltagsprobleme von Leuten mit überlangen Eckzähnen, die vergleichsweise populäre Gattung der Roadnovels hingegen als eigenständiges Genre in den meisten Genreauflistungen fehlt? Und last, but not least, warum die Erzählerinnen und Erzähler berührender, unterhaltsamer, spannender Geschichten, die in der Gegenwart angesiedelt sind und die eine Realität spiegeln, die problemlos auch als solche zu identifizieren ist, sehr schnell mit der Frage konfrontiert werden, was denn das für ein Genre sein soll? Und während man noch denkt, wow, Jetztzeit und Realität als Zweiklang sind also eine Nische, fallen sie auch schon, die Worte, die fast schon zu Synonymen für eine Ablehnung geworden sind: Genremix ... Hm ... genreübergreifend ... schwierige Genreverortung ... genrelos ... Puh ... Nee, nee ... das geht nicht.

    Das heißt, es geht doch. Dazu muss man allerdings vorzugsweise Angelsachse sein. Die ignorieren deutsche Genreschubladen einfach und haben trotzdem Erfolg. Auch hierzulande. Aber das nur am Rande.


    Was ich gerne wissen will:

    - Warum sind Genreschubladen insbesondere hier in Deutschland so immens wichtig?

    - Wer hat davon einen Vorteil? Wer hat davon den größten Vorteil?

    - Deshalb an euch als Leserinnen und Leser die Frage: Braucht ihr diese starren und immer stärker differenzierenden Genreeinteilungen?

    - Und an euch als Autorin oder Autor die Frage: Habt ihr selbst schon Erfahrungen mit diesem „Schubladendenken“ gemacht?

    - Wenn ja, wie geht ihr damit um? Wo verläuft für euch die Grenze, bis zu der ihr dem Anpassungsdruck nachzugeben bereit seid?

    - Und zum Schluss die ketzerische, möglicherweise aber auch nur naive Frage: Warum kann nicht jede Geschichte für sich selbst stehen? Oder jede Autorin, jeder Autor? Und auf diese Weise ihr oder sein eigenes „Genre“ begründen?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Unmotiviert sollte in einem Text überhaupt nichts sein. Mit „hintupfen“ meinte ich, dem Leser beiläufig eine Info geben, die eben nicht wie ein knallgelber PostIt-Zettel an der Kühlschranktür an eine beliebige Textstelle angehängt wird.

    Aber warum sollte sich ein Autor grundsätzlich eine Beschränkung auferlegen, Leserin und Leser die Details zu vermitteln, die im selber wichtig sind? Wenn er sich den Protagonisten mit braunen Haaren vorstellt, warum soll er dieses Detail dann nicht an einer Textstelle unterbringen, wo die Info zumindest nicht weiter stört? Es ist seine Geschichte. Und wenn der Leser sich den Protagonisten trotzdem partout mit hellblonden oder pechschwarzen Haaren vorstellen will, dann mag er das trotz der Info „braun“ halt tun.


    Ich verstehe auch nicht, warum regelmäßig Diskussionen hinsichtlich der Frage aufflammen, wie viel Personenbeschreibung sein soll oder sein darf. Dem einen ist es halt wichtig, die Farbe der Haare oder der Augen einer Figur als vom Autor vorgegeben zu „kennen“ und der andere zieht es eben vor, das Casting selbst in die Hand zu nehmen. So what? Und die Größe der beiden Leserfraktionen halbwegs realistisch einschätzen zu wollen, halte ich für vergeudete Zeit.

    Nebenbei bemerkt, Autos haben in Texten fast immer eine Farbe, ohne dass es je irgendwen kümmern würde.


    Letztendlich ist es Sache des Autors zu entscheiden, welche Details er Leserin und Leser mit auf den Weg gibt. Sonst landen wir irgendwann tatsächlich noch bei interaktiven Geschichten. Happy Endings on demand. Puh ... Davor würde es mir grausen.

    Hallo Birgit,


    ganz ohne Personenbeschreibung wird es wohl nicht gehen. Als Leser würde ich es einem Autor übelnehmen, ohne jeden Hinweis auf die äußere Erscheinung einer Romanfigur gelassen zu werden oder wenn solche Hinweise zu spät in der Geschichte kommen. Ich mache mir beim Lesen sehr schnell ein Bild von jeder Romanfigur, auch ohne entsprechende Hinweise. Wenn sich aber dann auf Seite 112 eines Romans herausstellt, dass der Protagonist völlig anders aussieht, als ich ihn mir vorgestellt habe, dann verliere ich die Figur ein Stück weit, was im Extremfall bedeuten kann, dass die Identifikation mit ihr irreparablen Schaden nimmt. Und wenn eine Romanfigur, was weiß ich, sagen wir Georgios heißt und später stellt sich dann heraus, er entspricht weitgehend dem hellblonden Phänotyp eines Norwegers, und noch später erfahre ich dann, dass seine Mutter ihrem Sohn nur wegen eines fünfzig Jahre zurückliegenden heißen Urlaubsflirts auf Mykonos diesen Namen gegeben hat, dann fühle ich mich schlichtweg verarscht.


    Das Gegenteil ist sicherlich auch nicht zielführend, zum Beispiel die erste Romanseite mit einer detaillierten Beschreibung ähnlich der einer polizeilichen Täterbeschreibung zuzukleistern.

    Aber was spricht dagegen, auf den ersten zehn bis zwanzig Seiten ein paar Hinweise zum äußeren Erscheinungsbild hinzutupfen?

    Eine in meinem Empfinden elegante Herangehensweise, Leserin und Leser ein paar Hinweise auf das äußere Erscheinungsbild einer Romanfigur zu liefern, besteht darin, solche Hinweise in Dialoge einzuflechten. Etwa so: „Grau ist das neue Blond. Also gewöhn dich dran.“ Damit gibst du neben dem Hinweis auf die Haarfarbe im selben Satz außerdem noch einen solchen auf das ungefähre Alter der Figur und einen weiteren Hinweis darauf, dass zwischen Absender(in) und Adressat(in) des Satzes vermutlich eine bereits länger andauernde Partner- oder Freundschaftsbeziehung besteht.


    Soweit meine two cents.

    Danke, Monika, für das Gedicht und deine lieben Weihnachtswünsche!


    Das in früheren Jahren einander so locker gewünschte Frohes Fest! kommt einem dieses Mal nicht so leicht über die Lippen, erst recht angesichts derer, die gerade trauern, angesichts der vielen, die sich derzeit um die berufliche Existenz oder die Gesundheit sorgen, die eigene wie die anderer, nahestehender Menschen.

    Und dennoch ... So trotzig das zu Weihnachten 2020 auch klingen mag: Euch allen hier wünsche ich ein frohes und erholsames Weihnachtsfest, ich wünsche euch Gesundheit, die Kraft, eure Sorgen und Ängste zu besänftigen und über die nächsten Tage einmal tief durchzuatmen und dabei vielleicht schon ein wenig Zuversicht für 2021 zu tanken.


    Frohes Fest!

    Fazit: Kritik und Feedback gerne, aber lieber in Maßen und von einer Person, anstelle von zwanzig.

    Diesbezüglich eine klare Aussage zu treffen halte ich für schwierig, wenn nicht gar für unmöglich.


    Natürlich kann es passieren, dass du von zwanzig Personen zwanzig verschiedene Einschätzungen bekommst, obwohl ich das eher für eine Ausnahme halten würde. Zu meinem bislang einzigen BT hier habe ich die sehr detaillierte Einschätzung von neun Personen erhalten, die sich zum Teil, auch im Setzen der Schwerpunkte, durchaus voneinander unterscheiden, in einem Kritikpunkt jedoch übereinstimmen. Eine solche Einschätzung zu übergehen, würde ich als Indiz für mangelnde Kritikfähigkeit werten, denn wenn neun Personen hinsichtlich eines bestimmten Kritikpunktes übereinstimmen, kann ich mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass Agenturen, die Lektorinnen und Lektoren in den Verlagen und allerspätestens die Leserinnen und Leser diesbezüglich wohl kaum zu einer gänzlich anderen Einschätzung kommen würden.

    Deshalb halte ich es durchaus für sinnvoll, Texte auch innerhalb von Gruppen vorzustellen, so wie es hier in den BT-Runden geschieht. Denn eine Person bedeutet zuletzt eben auch nur eine Meinung und das Risiko, dass der Betreffende mit der völlig danebenliegen kann, wäre mir persönlich viel zu hoch, als dass ich mich bei der Beurteilung eines Textes nur auf eine Person verlassen würde. Sich dessen regelmäßig zu erinnern, halte ich insbesondere dann für wichtig, wenn es primär um Fragen jenseits des rein Handwerklichen geht.

    Deshalb halte ich Tortichts Rat für einen guten Wegweiser:

    Mit dem Einholen von Feedback muss man vorsichtig sein. Nicht zu oft, dosiert und erst dann, wenn man sich seiner Sache schon einigermaßen sicher ist.

    Der letzte der drei Ratschläge ist für mich der Wichtigste. Wenn man sich seiner Sache bereits ziemlich sicher ist, spielt auch die Frage, von wem die Kritik kommt, nicht mehr eine so große Rolle, fällt der Umgang mit Kritik grundsätzlich leichter, vermag man aus der tatsächlich das herauszudestilieren, was den Text letzendlich verbessern wird.


    Für mich im Vordergrund steht deshalb nicht die Frage, ob ich lieber mit nur einem bevorzugten Testleser zusammenarbeiten will oder ob ich meine Texte innerhalb einer Gruppe vorstelle. Für mich gibt es da kein Entweder-oder, zumal man ja auch nicht immer die Wahl hat. Wichtiger ist für mich die Frage, inwieweit ich den oder die Kritisierende(n) halbwegs zutreffend einzuschätzen vermag: Wie hoch ist die offenkundige Affinität zu Stoff und Thema der Geschichte? Wie kommuniziert dieser Mensch? „Verstehen“ wir uns?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen