Beiträge von Juergen P.

    Unmotiviert sollte in einem Text überhaupt nichts sein. Mit „hintupfen“ meinte ich, dem Leser beiläufig eine Info geben, die eben nicht wie ein knallgelber PostIt-Zettel an der Kühlschranktür an eine beliebige Textstelle angehängt wird.

    Aber warum sollte sich ein Autor grundsätzlich eine Beschränkung auferlegen, Leserin und Leser die Details zu vermitteln, die im selber wichtig sind? Wenn er sich den Protagonisten mit braunen Haaren vorstellt, warum soll er dieses Detail dann nicht an einer Textstelle unterbringen, wo die Info zumindest nicht weiter stört? Es ist seine Geschichte. Und wenn der Leser sich den Protagonisten trotzdem partout mit hellblonden oder pechschwarzen Haaren vorstellen will, dann mag er das trotz der Info „braun“ halt tun.


    Ich verstehe auch nicht, warum regelmäßig Diskussionen hinsichtlich der Frage aufflammen, wie viel Personenbeschreibung sein soll oder sein darf. Dem einen ist es halt wichtig, die Farbe der Haare oder der Augen einer Figur als vom Autor vorgegeben zu „kennen“ und der andere zieht es eben vor, das Casting selbst in die Hand zu nehmen. So what? Und die Größe der beiden Leserfraktionen halbwegs realistisch einschätzen zu wollen, halte ich für vergeudete Zeit.

    Nebenbei bemerkt, Autos haben in Texten fast immer eine Farbe, ohne dass es je irgendwen kümmern würde.


    Letztendlich ist es Sache des Autors zu entscheiden, welche Details er Leserin und Leser mit auf den Weg gibt. Sonst landen wir irgendwann tatsächlich noch bei interaktiven Geschichten. Happy Endings on demand. Puh ... Davor würde es mir grausen.

    Hallo Birgit,


    ganz ohne Personenbeschreibung wird es wohl nicht gehen. Als Leser würde ich es einem Autor übelnehmen, ohne jeden Hinweis auf die äußere Erscheinung einer Romanfigur gelassen zu werden oder wenn solche Hinweise zu spät in der Geschichte kommen. Ich mache mir beim Lesen sehr schnell ein Bild von jeder Romanfigur, auch ohne entsprechende Hinweise. Wenn sich aber dann auf Seite 112 eines Romans herausstellt, dass der Protagonist völlig anders aussieht, als ich ihn mir vorgestellt habe, dann verliere ich die Figur ein Stück weit, was im Extremfall bedeuten kann, dass die Identifikation mit ihr irreparablen Schaden nimmt. Und wenn eine Romanfigur, was weiß ich, sagen wir Georgios heißt und später stellt sich dann heraus, er entspricht weitgehend dem hellblonden Phänotyp eines Norwegers, und noch später erfahre ich dann, dass seine Mutter ihrem Sohn nur wegen eines fünfzig Jahre zurückliegenden heißen Urlaubsflirts auf Mykonos diesen Namen gegeben hat, dann fühle ich mich schlichtweg verarscht.


    Das Gegenteil ist sicherlich auch nicht zielführend, zum Beispiel die erste Romanseite mit einer detaillierten Beschreibung ähnlich der einer polizeilichen Täterbeschreibung zuzukleistern.

    Aber was spricht dagegen, auf den ersten zehn bis zwanzig Seiten ein paar Hinweise zum äußeren Erscheinungsbild hinzutupfen?

    Eine in meinem Empfinden elegante Herangehensweise, Leserin und Leser ein paar Hinweise auf das äußere Erscheinungsbild einer Romanfigur zu liefern, besteht darin, solche Hinweise in Dialoge einzuflechten. Etwa so: „Grau ist das neue Blond. Also gewöhn dich dran.“ Damit gibst du neben dem Hinweis auf die Haarfarbe im selben Satz außerdem noch einen solchen auf das ungefähre Alter der Figur und einen weiteren Hinweis darauf, dass zwischen Absender(in) und Adressat(in) des Satzes vermutlich eine bereits länger andauernde Partner- oder Freundschaftsbeziehung besteht.


    Soweit meine two cents.

    Danke, Monika, für das Gedicht und deine lieben Weihnachtswünsche!


    Das in früheren Jahren einander so locker gewünschte Frohes Fest! kommt einem dieses Mal nicht so leicht über die Lippen, erst recht angesichts derer, die gerade trauern, angesichts der vielen, die sich derzeit um die berufliche Existenz oder die Gesundheit sorgen, die eigene wie die anderer, nahestehender Menschen.

    Und dennoch ... So trotzig das zu Weihnachten 2020 auch klingen mag: Euch allen hier wünsche ich ein frohes und erholsames Weihnachtsfest, ich wünsche euch Gesundheit, die Kraft, eure Sorgen und Ängste zu besänftigen und über die nächsten Tage einmal tief durchzuatmen und dabei vielleicht schon ein wenig Zuversicht für 2021 zu tanken.


    Frohes Fest!

    Fazit: Kritik und Feedback gerne, aber lieber in Maßen und von einer Person, anstelle von zwanzig.

    Diesbezüglich eine klare Aussage zu treffen halte ich für schwierig, wenn nicht gar für unmöglich.


    Natürlich kann es passieren, dass du von zwanzig Personen zwanzig verschiedene Einschätzungen bekommst, obwohl ich das eher für eine Ausnahme halten würde. Zu meinem bislang einzigen BT hier habe ich die sehr detaillierte Einschätzung von neun Personen erhalten, die sich zum Teil, auch im Setzen der Schwerpunkte, durchaus voneinander unterscheiden, in einem Kritikpunkt jedoch übereinstimmen. Eine solche Einschätzung zu übergehen, würde ich als Indiz für mangelnde Kritikfähigkeit werten, denn wenn neun Personen hinsichtlich eines bestimmten Kritikpunktes übereinstimmen, kann ich mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass Agenturen, die Lektorinnen und Lektoren in den Verlagen und allerspätestens die Leserinnen und Leser diesbezüglich wohl kaum zu einer gänzlich anderen Einschätzung kommen würden.

    Deshalb halte ich es durchaus für sinnvoll, Texte auch innerhalb von Gruppen vorzustellen, so wie es hier in den BT-Runden geschieht. Denn eine Person bedeutet zuletzt eben auch nur eine Meinung und das Risiko, dass der Betreffende mit der völlig danebenliegen kann, wäre mir persönlich viel zu hoch, als dass ich mich bei der Beurteilung eines Textes nur auf eine Person verlassen würde. Sich dessen regelmäßig zu erinnern, halte ich insbesondere dann für wichtig, wenn es primär um Fragen jenseits des rein Handwerklichen geht.

    Deshalb halte ich Tortichts Rat für einen guten Wegweiser:

    Mit dem Einholen von Feedback muss man vorsichtig sein. Nicht zu oft, dosiert und erst dann, wenn man sich seiner Sache schon einigermaßen sicher ist.

    Der letzte der drei Ratschläge ist für mich der Wichtigste. Wenn man sich seiner Sache bereits ziemlich sicher ist, spielt auch die Frage, von wem die Kritik kommt, nicht mehr eine so große Rolle, fällt der Umgang mit Kritik grundsätzlich leichter, vermag man aus der tatsächlich das herauszudestilieren, was den Text letzendlich verbessern wird.


    Für mich im Vordergrund steht deshalb nicht die Frage, ob ich lieber mit nur einem bevorzugten Testleser zusammenarbeiten will oder ob ich meine Texte innerhalb einer Gruppe vorstelle. Für mich gibt es da kein Entweder-oder, zumal man ja auch nicht immer die Wahl hat. Wichtiger ist für mich die Frage, inwieweit ich den oder die Kritisierende(n) halbwegs zutreffend einzuschätzen vermag: Wie hoch ist die offenkundige Affinität zu Stoff und Thema der Geschichte? Wie kommuniziert dieser Mensch? „Verstehen“ wir uns?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Hallo Greenhorn,


    ich weiß nicht, wie viele Absagen für dich unzählige sind. In jedem Fall können Absagen wie eine bittere Medizin wirken, die das Durchhaltevermögen stärken, solange man sich in einer Balance aus gesundem Selbstbewusstsein ohne jede Arroganz sowie Kritik- und Lernfähigkeit zu halten vermag. In diesem Sinn halte ich Absagen sogar für unentbehrlich, so sehr auch jede einzelne Absage schmerzen mag.

    Die von Ben bereits verlinkte Liste auf der Website von Andreas Eschbach ist wirklich sehr tröstlich.


    Für deinen weiteren Weg wünsche ich dir alles Gute.


    Lieben Gruß aus Aachen,


    Jürgen

    Hallo Tom,


    Recyclingmaterial möchtest du zwar nicht so gerne, aber etwas Jungfräuliches beizusteuern, schaffe ich auf die Schnelle nicht, zumal in ein paar Tagen mein Krankenhausaufenthalt beginnt. Auch sonst bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte, die ich dir via PN zugeschickt habe, überhaupt für diesen Zweck in Frage kommt. Das kannst nur du beurteilen.

    Die Datei enthält den leicht verfremdeten Anfang einer Szene aus meinem allerersten beendeten Roman. Realistische Chancen auf eine Veröffentlichung hat der sowieso nicht, schon allein wegen seiner Länge von beinahe 1500 Seiten, und die Geschichte auf vielleicht gerade noch vermarktbare 750 Seiten eindampfen zu können, halte ich gleichfalls für eher unwahrscheinlich. Insofern ...:)


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Dadurch war jede einzelne Textstelle wie ein Schorf, der im Zweitagestakt abgerissen wurde und viel zu langsam heilte.

    Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.


    Da mein Schreibprogramm tägliche Backups anlegt, kann ich die Entwicklung eines Textes jederzeit bequem nachverfolgen. Und ich finde schon, dass sich die Qualität meiner Texte durch das ständige Feilen und Polieren stetig verbessert hat. Jedenfalls bin ich noch in keinem einzigen Fall zu einer vorherigen Version zurückgekehrt.

    Aber ansonsten gebe ich dir völlig recht. Es ist ein wahnsinnig ineffizientes Arbeiten.

    Ich will mich also in Zukunft dazu zwingen, auch mit nicht ganz einwandfreien Textpassagen zufrieden zu sein und weiterzuschreiben, da es ja am Ende ohnehin noch einen (oder mehrere) Durchgänge Feinschliff gibt.

    Wenn es nur so einfach wäre! Oft blockiere ich völlig, nur weil ich auf einem tags zuvor geschriebenen Satz herumkaue und ich nicht eher weiterschreiben kann, bis ich eine zumindest einstweilen annehmbare Formulierung gefunden habe. Vielleicht nicht ausschließlich, aber zumindest zum Teil mag deine folgende Feststellung auch darauf zutreffen:

    Im Grunde ist das (zu viele) Überarbeiten zwischendurch nur eine besonders raffinierte Art der Prokrastination, weil sie einem vorgaukelt, dass man ja arbeite ... :-)

    Ich fühle mich erwischt, wie ich mit einem erträglichen Gefühl der Zerknirschung zugebe. Aber das Schreiben eines Romans ist nun mal ein Marathon, mit dem einen oder anderen "Hungerloch" sowie vielen kleinen und manchmal auch größeren Motivationskrisen. Jede(r) findet vermutlich seine eigenen Strategien, um aus diesen Krisen wieder herauszukommen. Für mich dürfen dazu hin und wieder auch die eine oder andere kleine Selbstlüge gehören, solange man sich ihrer bewusst ist und sie vor allen Dingen nicht in den Rang eines Dogmas erhebt.:)

    Ich bin wirklich überrascht. Erwartet hatte ich in der Mehrzahl Aussagen, die in die entgegengesetzte Richtung weisen, also erst mal auf Biegen und Brechen die komplette Geschichte raushauen, auch auf die Gefahr hin, dass das Ergebnis bei Feingeistern Würgreflexe auslöst. So hatte ich es bisher auch und gerade von gestandenen Profis gehört und gelesen. Insofern haben mich eure Aussagen sehr beruhigt. Bislang hatte ich mich für einen undisziplinierten Chaoten gehalten, der es einfach nicht schafft, die Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass von einer effizienten Nutzung der fürs Schreiben zur Verfügung stehenden Zeit die Rede sein könnte.


    In der Regel lese ich an jedem Schreibtag neben dem aktuellen mindestens auch noch das vorangegangene Kapitel, bevor ich auch nur eine neue Zeile zu schreiben vermag. Das brauche ich, um wieder voll in die Geschichte reinzukommen und dabei korrigiere, poliere und ergänze ich, was mir gerade auffällt. Aber aus den zwei Kapiteln werden an manchen Tagen auch schon mal 100 oder gar 170, 180 Seiten und das ist dann doch recht frustrierend, weil dann kaum noch Zeit zum Weiterschreiben bleibt.


    Sowieso hat dieses permanente Editieren nur wenig gemein mit den Überarbeitungsdurchgängen am Schluss, sobald die Geschichte geschrieben ist. Bei denen geht es trotz einiger Überschneidungen um ganz andere Dinge, insbesondere ums Kürzen, Umstellen, um das Aufspüren von Logikfehlern oder um dramaturgische Feinjustierungen, wie zum Beispiel an Kapitelenden noch den einen oder anderen kleinen Cliffhänger einzubauen. Und für vieles, was während der finalen Überarbeitungsdurchgänge relevant wird, brauche ich auch einen zeitlichen Abstand von mindestens drei, vier oder noch mehr Monaten. Nach dieser Zeit steigt mir beim erneuten Lesen manchmal die Schamesröte ins Gesicht und nicht selten frage ich mich dann, wie es passieren konnte, dass mir der Mist, den ich an manchen Stellen geschrieben habe, als solcher nicht früher aufgefallen ist.

    Ein weiterer Unterschied zwischen dem in den Schreibprozess eingebetteten Editieren und den Überarbeitungsdurchgängen am Schluss besteht darin, dass Ersteres Spaß macht und ich daraus sogar einen zusätzlichen Motivationsschub beziehe, während Letzteres unverzichtbare Arbeit und die Voraussetzung dafür ist, dass das Geschriebene auch anderen Spaß machen könnte.:)

    Monika: Das mit den an dich selbst adressierten nächtlichen Mails ist eine klasse Idee! Insbesondere das mit den "genialen" Sätzen kenne ich auch. Die sprudeln während der späten Abend- und frühen Nachtstunden nur so. Viele von denen stellen sich dann am folgenden Morgen zwar als nicht ganz so genial heraus, aber um die, die es wert sind, wäre es ja schade, wenn ich sie bis dahin wieder vergessen hätte. Deshalb werde ich mir also ab jetzt öfter mal eine Mail schreiben.:)

    Sehr häufig fallen mir dagegen Kinder sehr positiv auf, die sich nicht an der Maske rumfummeln und auch auf den Abstand achten.

    Ja, das fällt mir auch immer wieder auf, dass gerade die Kinder das Maskentragen sehr ernst nehmen, insbesondere die Jüngeren so bis zum Alter von 11, 12 Jahren. Ich habe sogar schon mehrmals erlebt, dass Kinder ihre Eltern darauf hingewiesen haben, dass sie ihre Maske nicht richtig tragen würden.:)

    Wirkliche Marotten und Rituale beim Schreiben habe ich keine.


    So wie für einige andere hier ist das Schreiben selbst die Belohnung. Allerdings gilt das nicht für die Überarbeitungsdurchgänge. Die empfinde ich mit Blick auf das gewünschte Ergebnis als unabdingbare Notwendigkeit, im besten Fall also als Arbeit und regelmäßig auch als Selbstkasteiung, schon allein wegen des unvermeidlichen Kürzens. Obwohl ... einmal bin ich fast in einen Kürzungsrausch geraten, so wie beim Ausmisten des Kleiderschranks. Irgendwann hält man erschrocken inne, weil man bald nichts mehr zum Anziehen hat.


    Schreiben kann ich nur zuhause. Vor Corona waren Cafés auch für mich wie ein zweites Zuhause. Aber dort zu schreiben würde ich als Ressourcenverschwendung empfinden, falls es mir überhaupt gelänge. Aber dort die Menschen mitsamt ihrer Marotten und Rituale zu beobachten ist für mich ein unerschöpfliches und deshalb unersetzliches Reservoir der Inspiration.8)


    Ansonsten brauche ich beim Schreiben absolute Ruhe. Ein Telefonanruf, das Klingeln des Paketzustellers, der dröhnende Laubbläser vor dem Haus gegenüber ... und es dauert ein bis zwei Stunden, bis ich wieder voll und ganz in der Geschichte drin bin.

    Allerdings setze ich hin und wieder Musik ganz bewusst ein, und zwar vorwiegend dann, wenn ich mit meinem Empathievermögen an Grenzen stoße, zum Beispiel Mikołaj Górecki beim Schreiben einer Selbstmordszene. Oder Bossa Nova, wenn ich das Gefühl habe, einem Dialog fehlt es an Leichtigkeit oder an einer Art lasziver Beschwingtheit, die es manchmal ja auch braucht.😍


    Last, but not least die Schokolade ... Über meine Hassliebe zu diesem Grundnahrungsmittel könnte ich ein Buch schreiben. Dabei war Schokolade für mich nie eine Belohnung, sondern Voraussetzung fürs Schreiben. Ohne ein oder zwei Tafeln Schokolade vorher tat sich überhaupt nichts. Null Inspiration. Aber dann, so nach den ersten zwei bis drei Reihen Vollmilch oder weißer Schokolade, begann es zu fließen,:lichtund mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob Schokolade nicht zu den bewusstseinserweiternden Drogen gezählt werden müsste.

    Seit ein paar Jahren haben wir uns aber ziemlich auseinandergelebt, esse ich Schokolade nur noch sehr selten und beim Schreiben überhaupt nicht mehr. Es ist einfach passiert, ohne vorangegangene willentliche Entscheidung und ohne dass es einer Entziehungskur bedurft hätte.


    Herzlich Grüße,:)


    Jürgen

    Natürlich wird das Pandemiegeschehen nicht ausschließlich von den Egoismen einer Minderheit getrieben. Da gibt es zum Beispiel die Seniorin, die nach einem Krankenhausaufenthalt wieder in ihr Pflegeheim zurückkehrt, trotz negativ ausgefallenem Coronatest tatsächlich aber mit Corona infiziert ist, im Heim unverzüglich ihre unmittelbare Mitbewohnerin sowie vier Pflegekräfte ansteckt, von denen zwei als Mitglieder einer Fahrgemeinschaft weitere Personen infizieren, von denen eine auf einer Beerdigung wieder andere Menschen ansteckt ... und so zieht das Virus weiter seine Kreise.

    Aber das Beispiel macht auch deutlich, warum es auf jeden Einzelnen ankommt. Niemand kann sich aus seiner Verantwortung herausreden. Und es sind ja nicht nur die Coronalleugner und die Egoisten. Seit dem Sommer beobachte ich bei vielen Menschen eine zunehmende Ungeduld und Sorglosigkeit im Umgang mit dem Virus, auch in meinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis und sogar innerhalb der Familie. Das sind alles liebe, freundliche, hilfsbereite und ansonsten verantwortungsvolle Menschen. Keine Verschwörungstheoretiker und Coronaleugner. Aber seit einiger Zeit verhalten sich etliche dieser Menschen so, als könnten sie mit dem Virus verhandeln.

    „Also, Virus, du hattest genug Spaß. Deshalb hältst du dich jetzt mal für die Dauer der Geburtstagsfeier etwas zurück. Sagen wir bis acht Uhr. Okay?“

    „Einverstanden“, sagt das Virus. „Bis acht also. Aber keine Minute länger.“


    Das entspricht dem magischen Denken eines Vierjährigen. Aber wir reden ja hier von erwachsenen Menschen, die in immer größerer Anzahl so empfinden und entsprechend handeln. Ich sehe nicht, inwiefern das etwas mit Schwarzweißdenken zu tun hätte. Aber es ist eine Tatsache, dass manche Menschen das Pandemiegeschehen deutlich stärker treiben als andere, einerlei aus welchen Gründen, und ob ihnen das, was aus ihrem Verhalten folgt, gleichgültig ist oder nicht. Das ist die Feststellung einer Tatsache. Nicht mehr und nicht weniger.

    Die aktuellen Zahlen fallen ja nicht vom Himmel. Seit dem Sommer haben Mediziner und Pfleger vor einer Situation wie der jetzigen gewarnt. Das Beispiel Taiwan zeigt, dass es auch anders geht. Taiwan ist seit fast zehn Monaten coronafrei. Das wird ja wohl kaum am Wetter dort liegen oder am landestypischen Essen.

    Und auf der Südhalbkugel, speziell in Australien, ist die diesjährige Grippesaison de facto ausgefallen. Epidemiologen erklären das mit dem Tragen von Masken, dem Einhalten von Abstandsregeln und überhaupt dem vorsichtigeren Verhalten einer Mehrheit der Menschen, was im Vergleich mit den Vorjahren die Verbreitung von Influenzaviren deutlich eingeschränkt hätte. Und weil sich die Menschen dort dennoch mit SARS-CoV-2 infizieren, zeigt es gleichzeitig, dass dieses Virus deutlich virulenter ist als die Influenzaviren.


    Herbst hin, Winter her, es sind keine Fatalitäten, welche die Pandemie maßgeblich treiben. Wir tun das.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Es gibt meiner Überzeugung nach weit, weit, weit mehr recht vernünftig agierende Menschen da draußen als "Querdenker", egoistische Arschlöcher oder, und das sind die schlimmsten, solche Leute, die andere ermahnen, aber im eigenen Umfeld nachlässig agieren.

    Aber um genau diese Minderheit geht es aktuell doch. Zu viele schnallen es einfach nicht, dass wir mitten in einer Pandemie stecken, in einer absoluten Ausnahmesituation also, wie sie in einem Jahrhundert vielleicht ein oder zweimal vorkommt, dass es eben nicht um eine Art besonders fieser Grippe geht, die aber, wie sonst auch, im nächsten Frühjahr schon von alleine verschwinden wird oder dass eines Tages die Kirchenglocken läuten werden, die Menschen sich freudentrunken um den Hals fallen und ausrufen: „Der Krieg ist aus!“ Oder ins Akutdeutsche übersetzt: „Der Impfstoff ist da!“.


    Wenn nur einer von zehn ein „Querdenker“, ein egoistisches Arschloch oder einer der freundlichen Sorglosen ist, die im Bus mal kurz die Maske runterziehen, um ins Smartphone zu trompeten, dass sie in zehn Minuten zu Hause sein werden und während dieser zehn Minuten detailliert den banalen Quark auflisten, mit dem sie zehn Minuten später ihre bessere Hälfte auch en direct langweilen könnten, dann reicht das aus, um die Pandemie munter am Laufen zu halten. Oder die glauben, mit zig Gästen den zwanzigsten Geburtstag ihrer Tochter feiern zu müssen, weil man ja nur einmal im Leben zwanzig wird. Oder die unablässig das Mantra herunterbeten, wegen dieses blöden Virus könne man ja nicht aufhören zu leben. Ich bitte dann die Betreffenden, das auch den Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser zu erklären.

    Und dann gibt es noch die, die besorgt sind, nicht um sich, nein, nein, ganz altruistisch und muttertheresamäßig um andere, um die Alten und die Risikogruppen, die es zu „schützen“ gelte, und die in Wirklichkeit das Wegsperren dieser Gruppen meinen. Oder die das Tragen einer Maske als einen gravierenden Eingriff in ihre persönlichen Freiheitsrechte empfinden, das aber nur selten einmal laut sagen und sich stattdessen um die “armen Kinder“ sorgen, die vom Maskentragen für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, wofür ich selbst bislang nicht den geringsten Anhaltspunkt gefunden habe, für das Gegenteil hingegen schon. Und dann frage ich mich, was diese besorgten Heuchler den Kriegs- und Nachkriegskindern zu sagen hätten, den während der Bombennächte Geborenen, denen, die die beiden folgenden Hungerwinter überlebt haben, die aufgewachsen sind in zerstörten Städten, die nicht anders ausgesehen haben wie das heutige Aleppo, ja, was hätten sie diesen Kindern von damals zu sagen, die die Alten von heute sind, die, die sie am Liebsten eher heute als morgen auf die Eisscholle setzen würden.

    Weil, ja ... das Leben muss halt weitergehen.


    Zweifellos ist es so, dass die Mehrzahl der Menschen verantwortungsvoll mit den Herausforderungen und Einschränkungen umgeht, mit denen wir alle, ohne jede Ausnahme, konfrontiert werden. Aber das reicht eben nicht. Wir könnten jetzt noch dieselben Fallzahlen wie im Sommer haben, wenn da nicht so viele Menschen gemeint hätten, und viele meinen es noch immer, es sei jetzt einfach mal genug mit dem Virus, und die daraufhin wider alle Logik und Vernunft für sich Sonderrechte geltend gemacht haben, mit dem Resultat, das jetzt wieder alle in den Panikmodus wechseln lässt.


    Natürlich gilt es, die Pandemie bestmöglich zu überstehen, sich nicht von jeder Einzelmeldung runterziehen zu lassen. Und jedes Mal, wenn ich versuche, mir das klarzumachen, stelle ich mir dennoch die Frage, um wie viel leichter es für uns alle wäre, gäbe es nicht die Egoisten, die Besserwisser und die Sorglosen, die die Anstrengungen der Mehrheit fortwährend sabotieren.


    Doch, ich bin wütend. Zu oft und zu sehr.


    Herzlich Grüße,


    Jürgen