Von den Figuren überrumpelt

  • Wo wir heute schon mit originellen Ansichten/Ideen vorankommen 🙂:


    Ich habe beim Schreiben einer Kurzgeschichte (dachte ich) festgestellt, dass ich mit den dort auftretenden zwei Hauptfiguren gerne eine längere Reise unternehmen würde. a) weil ich Lust habe, die beiden tiefer zu „ergründen“, als das bei einer Erzählung möglich wäre, b) weil ich gemerkt habe, dass ich mit den beiden einige Themen angehen könnte, die mich schon länger beschäftigen.


    Soweit, so gut. Jetzt sollte ich wohl eigentlich ein Exposé schreiben - da ich allerdings nicht mit einem Exposé „hausieren“ gehen würde, wozu. Aber einen zumindest groben Handlungsabriss, oder? Ich bin ja mehr der Typ „drauflos und gucken, wohin die Reise geht“. Wieviele Romane ich so (fertig-) geschrieben habe? 0 fertig, die ich als Romane bezeichnen würde, aber, länger her, 8, 9 längere Texte, die zumindest Ähnlichkeiten mit Romanen aufweisen.


    Ich weiß, dass „man das so nicht macht“, aber irgendwie hätte ich schon Lust drauf - und sei es nur, um eingerostete „Schreibmuskeln“ zu lockern.


    Eine eher schlechte Idee?


    Und: Ist es euch auch schon so ergangen, dass Figuren „mehr Eigenleben reklamierten“? Wenn ja, ist was draus geworden oder ist die Idee halbfertig eingegangen, weil es dann doch nicht für die Langstrecke gereicht hat?

  • Hallo Petra,


    ich bin eine große Planerin, und es hilft mir einfach ungemein, schon zu Beginn der Reise zu wissen, wo ich am Ende rauskomme. Ich weiß, andere machen es anders, aber ich komme jedenfalls so ans Ziel.


    Mit hat unglaublich geholfen, mich in verschiedene Plot-Theorien einzuarbeiten und für mich die Lösung "Save the Cat" gefunden. Dort wird auch davon gesprochen, wie man seinen Protagonisten "erschafft". Auch das fand ich sehr hilfreich. Denn mit den Figuren steht und fällt jede Geschichte.


    Die Theorie dahinter besagt jedenfalls, dass der "Held" Fehler haben muss ("flawed hero"), d.h. zu Beginn der Geschichte läuft nichts rund für ihn. Sagen wir, er war nicht aufmerksam genug und die Freundin hat Schluss gemacht. Er hat ein "want", d.h. ein Ziel wie z.B. Freundin zurückbekommen. Und er hat ein "need", das ist die Lektion, die er bei Erfüllung seiner Reise lernen wird (auch wenn das jetzt schwülstig klingt). Diese Lektionen können z.B. sein, dass er sich selbst lieben lernt, dass er lernt, mit der neuen Realität klarzukommen, dass er sich für eine Sache aufopfert oder dass er einen Fehler akzeptiert.


    Durch den Lauf der Geschichte lernen wir zunächst den Helden kennen, dann passiert etwas in seinem alltäglichen Leben und die sogenannte B-Story beginnt. Dies ist jetzt die Geschichte, weshalb der Leser zum Buch gegriffen hat (sagen wir, Zauberlehrling kommt nach Hogwarts). Während dieser B-Story versucht der Protagonist, das Problem zu lösen, aber er tut es zunächst auf die falsche Art und Weise, ungefähr bis zum Midpoint. Danach begreift er immerhin schon mal, dass er was ändern muss, oft mit Hilfe anderer Figuren, aber nicht zwingend. Im letzten Drittel dann kommt die Wende, und der Protagonist wendet die richtigen Mittel an, um zu seinem Ziel zu gelangen - das fulminante Ende.


    Das ist jetzt sehr abstrakt, aber in dem Buch wird darauf im Detail und anhand von sehr bekannten Beispielen eingegangen.


    Jedenfalls, zur Planung meines nächsten Romans habe ich mir zunächst meine Figuren überlegt, dann eine Art Expose-Zusammenfassung geschrieben, dann anhand der verschiedenen Wendepunkte kalibriert, um eine saubere Spannungskurve zu erzeugen. Ich habe mir auch überlegt, wie die Szenen aussehen sollen, so ungefähr, und aus wessen Perspektive ich das erzählen will. Mir persönlich hilft diese Vorgehensweise sehr (und muss allerdings auch die historische Plausibilität hinter meinen Behauptungen auf Herz und Nieren prüfen, z.B. ab wann konnte man Geld von Europa nach Australien "überweisen" - die Antwort: Nicht zu der Zeit, wenn meine Geschichte spielt, als muss eine andere Lösung her), und ich bin schon ganz gallig darauf, das alles umzusetzen und zum Leben zu erwecken.

  • Soweit, so gut. Jetzt sollte ich wohl eigentlich ein Exposé schreiben - da ich allerdings nicht mit einem Exposé „hausieren“ gehen würde, wozu. Aber einen zumindest groben Handlungsabriss, oder? Ich bin ja mehr der Typ „drauflos und gucken, wohin die Reise geht“. Wieviele Romane ich so (fertig-) geschrieben habe? 0 fertig, die ich als Romane bezeichnen würde, aber, länger her, 8, 9 längere Texte, die zumindest Ähnlichkeiten mit Romanen aufweisen.

    Liebe Petra, müssen musst Du gar nichts ;) (sage ich, die ich inzwischen knapp 100 Seiten für ein neues Projekt geschrieben hat und gerade mal wieder an Figurenentwicklung sitzt, weil es nicht so fließt, wie ich mir das vorgestellt habe :rolleyes:)


    Und schon gar kein Exposé schreiben, das braucht es ja tatsächlich eher für den Verkauf.


    Ich stimme Silke allerdings schon zu, ich finde es ist gut, vor dem Schreiben ein bisschen mehr über die Figur(en) zu wissen. Wo kommen sie her und wo möchte ich als Autor sie am Ende haben? Und ist das, was ich jetzt gerade schreibe, nützlich für den Weg dorthin? Aber es ist ja keinesfalls in Stein gemeißelt, dass das wirklich vorher passieren muss - Du kannst ja auch erst einmal ein paar Szenen schreiben und Dich dann näher damit befassen. (Ich glaube, dieses Thema hatten wir schon in einer anderen Diskussion vor kurzem, in der jemand verzweifelte, weil für ihn Vorher-Plotten bedeutete, das Schreiben macht dann keinen Spaß mehr, weil er ja dann schon alles weiß.)


    Als ich den Kurs bei Lea Korte gemacht habe, fand ich die Mischung in den verschiedenen Lektionen ziemlich gut: Wir haben zu jedem Thema Szenen geschrieben und zwischendurch so Themen wie Figurenentwicklung behandelt. Das hatte den Vorteil, dass beides ineinanderfloss und wir unsere Figuren schon durch die Szenen ganz gut kennenlernten. Das machte dann später die Figurenentwicklung und das Plotten leichter und damit ließen sich wiederum weitere Szenen recht gut schreiben.


    Will sagen: Schreib doch erst einmal ein bisschen. Und wenn Du dann (wieder) hängenbleibst, ist das vermutlich der Zeitpunkt, an dem Du wirklich Plot und Figur etwas genauer anschauen solltest. Irgendwann wirst Du das jedenfalls machen müssen, glaube ich. Aber es gibt kein Gesetz, nach dem Du es jetzt tun musst.


    (Und ich gehe dann jetzt mal wieder an meine Figur - die gestern so überhaupt nicht wollte wie ich. Ich rede mal mit ihr, vielleicht kommen wir dann wieder besser miteinander klar ;) Mit Wehmut denke ich an den biografischen Roman über Adane, nachdem ich fast 30 Stunden Interview mit ihm geführt, aufgenommen und abgetippt hatte, wusste ich einfach so viel über ihn und sein Leben, dass ich mir diesbezüglich zumindest beim Schreiben wenig Fragen stellen musste. Wie ich das mit einer ausgedachten Figur machen soll, ist mir - noch - ein Rätsel?!? )

  • Das kenne ich. Ich hatte vor einiger Zeit eine Geschichte geschrieben, in der zwei alte Männer vorkamen, reine Nebenfiguren. Aber irgendwie habe ich daraufhin Lust bekommen, eine neue Geschichte zu schreiben, die 50 Jahre früher spielt und von ihrem ersten Zusammentreffen, Freundschaft und Rivalität handelt.

    Das Problem ist nur, daß ich für die Geschichte zwar zwei interessante Charaktere aber noch keine Handlung beisammen habe. ^^"


    Außerdem spukt eine verrückte Idee in meinem Kopf: alle Figuren aus meinen früheren Erzählungen in einem neuen Buch wieder auftauchen zu lassen, jedoch in anderen Rollen. Gewissermaßen als würde man einen neuen Film mit bekannten Schauspielern drehen. Ich kann aber nicht sagen, ob ich das jemals in die Tat umsetzen werde, oder ob es bei der verrückten Idee bleibt.

  • Meine Nebenfiguren entwickeln sich oft anders als geplant. ;) Zumindest früher, bevor ich mit Exposés arbeiten "musste".

    Zu den Protagonisten habe ich dagegen immer eine sehr genaue Vorstellung bzgl. ihrer Entwicklung. Ich finde das hilfreich für den Verlauf der Geschichte.

    Zu einem Exposé gehört es ja, die ganze Story schon mal vorauszudenken. Wenn das eigentlich gar nicht nötig ist, vielleicht hilft es dir, auch eher zu schauen, welche Entwicklung die wichtigsten Figuren durchmachen sollen und diese zu planen.


    Dieses Eigenleben der Nebenfiguren hat deren Entwicklung übrigens immer gutgetan (behaupte ich jetzt einfach mal ;)).

  • Ich bin ja mehr der Typ „drauflos und gucken, wohin die Reise geht“. Wieviele Romane ich so (fertig-) geschrieben habe? 0 fertig, die ich als Romane bezeichnen würde, aber, länger her, 8, 9 längere Texte, die zumindest Ähnlichkeiten mit Romanen aufweisen.

    Wie du weisst, kommt mir das sehr sehr bekannt vor. Allerdings hat weder "drauflosschreiben" noch "plotten" bei mir bisher zu gedruckten Ergebnissen geführt. Ich versuche es trotzdem immer wieder mit jeder nur erdenklichen Art von Zwischenweg. Und ich bilde mir ein, dass es jedesmal ein Stück besser läuft.


    Sich dem Ganzen über Figuren zu nähern ist sicher nicht übel. Am besten über Figuren, über die noch nicht alles bekannt ist, damit man nach zwei bis drei Monaten, wenn die Luft raus ist und sich alles abgestanden anfühlt, noch etwas entdecken kann.

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

  • So richtig verstehe ich dein Problem nicht.


    Wenn mich eine "Idee fesselt" (und das scheint bei dir die Grundidee zu sein) ... habe ich immer acht bis zehn Versionen des Textes, bevor ich damit zufrieden bin und es überhaupt jemandem "zu lesen" gebe. ...


    Müssen musst du gar nix ... Schreiben ist das Thema, es sei denn, du hast nen Vertrag mit einem Verlag, der dir nen Fixtermin für ein Endprodukt aufs Auge drückt o.O )

  • Bei den Hauptfiguren und den wesentlichen Elementen der Handlung muss bei mir von Anfang an, äh, halbwegs feststehen, wie sie sich entwickeln und was geschehen wird. Fast alles andere ist dynamisch. Wenn sich eine Figur gut für eine Eigenschaft oder Wendung eignet, also nachgerade dafür anbietet, geschieht das auch. "Eigenleben" würde ich das nicht nennen, und mein Personal überrumpelt mich auch nicht, aber oft bin ich selbst davon überrascht, wie es sich fügt oder bewegt, was natürlich an mir liegt - und nicht an diesen Figuren, die es ja überhaupt nicht gibt. ;)

  • Sol Stein schreibt dazu: Zuerst war die Figur. Und die Figur brachte Sprache und Handlung hervor.

    Das ist mal so und mal so. Für einige Romane habe ich erst Hauptfiguren skizziert und ein Umfeld und den Plot nur grob angedacht - und dann losgemacht, etwa bei "Idiotentest", "Geisterfahrer" und ein, zwei anderen. Bei anderen Texten wiederum stand die Geschichte fest, die ich erzählen wollte, und dann kam das Personal, etwa bei "Pauschaltourist" oder "Leichtmatrosen". Bei "Leichtmatrosen" habe ich die Hauptfigur - Finke - sogar nach dem ersten Entwurf wieder rausgeschmissen und den Teig komplett neu angesetzt.

  • Spannendes Thema! Die Art und Weise, wie die Figuren entstehen oder, genauer gesagt, die Umstände ihres Erscheinens und wie sie im weiteren Verlauf die Handlung an sich reißen und die Geschichte vorantreiben, ist für mich seit jeher einer der faszinierendsten Aspekte des Schreibens.

    Und: Ist es euch auch schon so ergangen, dass Figuren „mehr Eigenleben reklamierten“?

    Permanent ergeht es mir so und die Aussage „mehr Eigenleben reklamieren“ empfinde ich hier eher als Euphemismus. "Entweder du machst, was wir wollen oder hier passiert gar nichts mehr", umschreibt meine Schreibrealität exakter. Bisher habe ich noch immer nachgegeben. Zu meinem Glück, wie ich zugeben muss.

    (Ich glaube, dieses Thema hatten wir schon in einer anderen Diskussion vor kurzem, in der jemand verzweifelte, weil für ihn Vorher-Plotten bedeutete, das Schreiben macht dann keinen Spaß mehr, weil er ja dann schon alles weiß.)

    Derjenige war dann wohl ich. :down

    Sol Stein schreibt dazu: Zuerst war die Figur. Und die Figur brachte Sprache und Handlung hervor. ;)

    Kürzer und präziser kann man es nicht sagen.


    Für mich beginnt es in der Regel damit, dass plötzlich einige Figuren erscheinen, keine von ihnen nur als die bloße Idee einer Figur, nein, sie sind von Anfang an fast so lebendig wie die Menschen, die mich umgeben, sie haben bereits einen Namen, Familie auch, haben Sorgen, Ängste, Macken, Sehnsüchte, und die fangen dann an zu erzählen und zu reden, durcheinander zuerst, später dann miteinander, Sätze bleiben haften, mit einem Mal ist eine komplette Szene da, wie eine einsame Insel mitten im Ozean, und das ist dann der Augenblick, in dem ich beginne zu schreiben. Alles, was zu diesem Zeitpunkt außer den Figuren sonst noch vorhanden ist, ist der Ausgangspunkt der Geschichte sowie eine bereits recht klare Vorstellung davon, wohin sie führen soll, manchmal ergänzt von ein paar vagen Ideen zu der einen oder anderen Szene. Mitunter kommt es aber auch vor, dass ich bereits komplette Dialoge oder Teile eines Dialogs im Kopf habe oder auch nur einen beliebigen Satz, von dem ich aber bereits weiß, dass er so und nicht anders im Text stehen wird, ohne gleichzeitig die geringste Vorstellung davon zu haben, an welcher Stelle er, so wie auch die Dialog(teil)e, stehen könnte, ob all das überhaupt einen Platz in der Geschichte finden könnte, die zu diesem frühen Zeitpunkt ja allenfalls die vage Idee zu einer Geschichte zu nennen wäre und vielleicht nicht einmal das ist, sondern nur aus einem sich schnell füllenden Speicher weitgehend ungeordneter Fragmente besteht, der sich aus einem manchmal allerdings beinahe obsessiven Drang speist, über ein bestimmtes Thema, einen bestimmten Stoff zu schreiben.

    In jedem Fall muss ich strikt chronologisch schreiben, beginnend also mit dem Anfangskapitel, dem einzigen Kapitel, das ich mir wirklich "ausdenke", ausdenken muss, weil die Romanfiguren zu diesem in der Regel seltsamerweise nichts oder nur wenig beitragen. Ist das Anfangskapitel aber geschrieben, so ist es, als ginge die Stalltür auf, und die Herde stürmte nach einem langen Winter hinaus auf die Frühjahrsweide. Ein Nachteil dieser Vorgehensweise ist, dass ich nicht an einer anderen Stelle weiterschreiben kann, sobald ich einmal übel feststecke, weil es wegen des Fehlens eines engmaschig gestrickten Plots ja noch keine andere Stelle gibt, auch wenn ich jederzeit weiß oder zu wissen glaube, wohin die Reise zuletzt gehen wird.

    Ich bin mir darüber im Klaren, wie sich das alles anhört, wie es sich insbesondere für einen Profi anhören muss, aber genauso stellt es sich für mich dar, genauso fühlt es sich an. Über den Sinn des Plottens haben wir ja bereits an anderer Stelle ausgiebig diskutiert, und wenngleich mein ursprünglicher Widerstand gegen das Plotten verschwunden ist, so ist doch die Überzeugung geblieben, dass in meinem Fall das Plotten im Sinne eines ausgefeilten Durchkonzipierens einer Geschichte kontraproduktiv wirken würde, schon weil es den Figuren die Luft zum Atmen nehmen würde. Und vermutlich würde ich in der Zeit, die ich bräuchte, um den Plot unentwegt umzuschreiben, auch den kompletten Roman schreiben können, der dann wahrscheinlich noch dazu eine völlig andere Geschichte erzählen wird als jene, die der ursprüngliche Plot skizzierte. Wie dem auch sei ... oder wie Andreas Eschbach es zusammenfasst (wo, vermag ich leider nicht mehr mit absoluter Sicherheit zu sagen): „Ein "Plot" - also: der Plan, wie der Roman werden soll – verhält sich zum fertigen Roman ungefähr so wie der Plan einer Reise zu dem, was man später zu erzählen hat, wie es tatsächlich geworden ist. All die Pannen. Und was nicht geklappt hat. Und wie man sich in X umentschieden hat, weil. Und wie man dann Y begegnet ist und dann umdisponieren musste. Und, und, und.“


    Für mich war es bisher so, dass die Figuren vor der Geschichte kommen. Immer. Ausnahmslos. Trotzdem liegt im Sinne eines initialen Impulses der Ursprung der Geschichte deutlich vor dem Zeitpunkt, an dem plötzlich die Figuren in meinem Kopf sind, dessen bin ich mir sicher. Immer gibt es Aspekte des Menschseins, die mich ganz besonders interessieren, und Fragen, die sich mir drängender stellen als andere. Ich vermute, je intensiver ich über etwas nachdenke, desto eher öffnet sich hierfür in meinem Unterbewusstsein eine Tür, durch die es wie ein Schwamm alle Beobachtungen, Eindrücke und Informationen aufsaugt, die es mit dem entsprechenden Gegenstand verknüpfen kann, real existierende Menschen eingeschlossen, sogar solche, an die ich mich vielleicht nicht einmal mehr flüchtig erinnere. Und sobald die Anzahl dieser Verknüpfungen eine kritische Masse erreicht, geht die Tür zu meinem Bewusstsein auf und jemand ruft: „Wir wollen jetzt endlich bestellen!“ Da ist nichts von wegen lieber Gott spielen. Eher fühle ich mich wie ein Kochlehrling, der jetzt anstelle des abwesenden Maître der verwöhnten Sippschaft da draußen ein Festmahl zubereiten soll.

    Ich weiß, dass „man das so nicht macht“, aber irgendwie hätte ich schon Lust drauf - und sei es nur, um eingerostete „Schreibmuskeln“ zu lockern.


    Eine eher schlechte Idee?

    Wie ich es sehe: nein, Petra. Im Gegenteil. "Die Autorin", "der Autor", "die Figuren", "der innere Lektor" et cetera ... All diese Begriffe sind letztendlich ja nichts anderes als Metaphern, die verschiedene Ebenen unserer Psyche, unseres Denkens und Empfindens beschreiben. Und wenn die Figuren wirklich stark, wenn sie lebendig sind, was kann dann verkehrt daran sein, sich von ihnen an die Hand nehmen und sie "ihre" Geschichte erzählen zu lassen, statt auf Biegen und Brechen unseren "Autorenwillen" durchsetzen zu wollen?

  • Hallo zusammen,


    dankeschön für Eure Antworten!


    Ich muss ein bisschen ausholen, sorry:


    Ich wollte mich schon immer mal im Namedropping versuchen:

    Gabriele L. Rico, David Lodge, Lutz von Werder, Sol Stein, Julia Cameron, Joyce Carol Oats, Alice W. Flaherty, Otto Kruse, Sibylle Knauss, Jürgen vom Scheidt, Fritz Gesing, Wolfgang Bittner, Ray Bradbury, Dorothea Brande, William Zinsser, Lajos Egri, Anne Lamont, Alexander Steele, Elizabeth George …

    Und das sind nur die in der ersten (Regal-) Reihe. Alles (mehr oder weniger) berufene Leute, die (mehr oder weniger) Kluges über das Schreiben geschrieben haben. Soll heißen: Ich habe mein gerüttelt Maß an Theorie intus. Es reicht jetzt.

    Ich habe einige dieser Bücher vor Jahren quasi gefressen, weil ich Schreiben toll fand, die Mechanismen durchschauen wollte – und irgendwann nur noch just for fun. Jetzt erinnert mich das eher an den einzigen Deutschunterricht, den ich in meiner Schullaufbahn glühend gehasst habe: In der, ich glaube, 5. Klasse sollten wir die Bestandteile eines Satzes auseinanderpflücken und benennen, Grammatik. Ich sehe mich noch dasitzen mit meinen Buntstiften und nem Brett vorm Kopf: Plusquamperfekt? Hä? Warum muss ich wissen, wie es heißt, wenn ich es doch auch einfach anwenden kann?!


    Wenn ich jetzt anfange, mich in eine weitere Plot-Theorie einzuarbeiten (Stichwort „Save the cat“) habe ich danach vielleicht eine patente Hauptfigur – die über das Entwurfsstadium des Romans aber nicht hinauskommt, weil ich keine Lust mehr habe, die Geschichte zu erzählen. (Ja, ich weiß, es braucht auch Disziplin zum Romanschreiben, sonst wird das nichts!) Wobei, den Namen dieser Methode kenne ich zwar nicht, aber „Want“ und „Need“ und „Wendepunkt“ und „Spannungskurve“ – das kenne ich.


    @ Silke: Welches Buch denn genau? Ich habe gefunden „Rette die Katze – Das ultimative Buch übers Drehbuchschreiben“ von Blake Snyder, aber das meinst Du nicht, oder?


    Danke Dir für Deine Ausführungen – das hört sich an, wie man es machen sollte. Ich habe es auch schon (ähnlich) gemacht, und es ist nichts draus geworden. Das heißt nicht, dass die Methode verkehrt ist! Die Methode wird – richtig angewendet – zum Ziel führen.


    In dem Sinne: Vielleicht erleide ich mit meiner Methode gnadenlos Schiffbruch, die Möglichkeit besteht. Das macht aber nichts, weil ein Erstling (nennen wir’s mal so) immer Mist ist. Bis Juli steht das Ding. Vielleicht wacklig auf einem Bein, aber stehen soll‘s. So!


    Fortsetzung folgt …!


  • Hallo Petra,


    Es gibt noch einen Nachfolgeband, der sich gezielt an Romanautoren richtet, aber bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde. "Save the Cat! Writes a Novel" von Jessica Brody.


    Ich habe mich auch mit diversen Theorien befasst, doch was ich an dieser ganz besonders mag, ist, wie anschaulich sie erklärt wird. Nachdem die Theorie einmal ausgeführt ist, geht das Buch im Detail darauf ein, wie man diese Verläufe anhand bekannter Bestseller nachvollziehen kann, u.a. Harry Potter und der Stein der Weisen, Der Herr der Ringe, Schokolade zum Frühstück, Misery, usw. - und das also auch über verschiedene Genre (wobei Genre hier anders definiert wird). Und sie sorgt für runde, komplexe und spannende Geschichten.


    Aber wie gesagt, jedem das Seine. Mir hat es jedenfalls sehr geholfen. Ich wünsche dir viel Erfolg!

  • Ich will hier nicht wieder das Fass „Pro und contra Schreibratgeber“ aufmachen, stattdessen aber die Frage stellen, wie oft erfolgreiche Autorinnen und Autoren zu Protokoll gegeben haben, dass sie ohne die umfassende Kenntnis und strikte Befolgung der XYZ-Methode niemals ihre großartigen Œuvres hätten schaffen können. Mein diesbezügliches Wissen ist sicherlich überschaubar, aber mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem jemand aus jenem Kreis sich in diesem Sinne geäußert hätte.


    Dass auch sie eine Methode anwenden, wird niemand ernsthaft in Frage stellen können. Für mich lautet die interessantere Frage aber vielmehr, wie bewusst sie das tun. Ich vermute, dass sie am Anfang ihres Autorenschaffens überwiegend intuitiv das Richtige taten – auch im Verstehenwollen ihres Scheiterns - und vielen von ihnen erst nach und nach wiederkehrende Muster und Gesetzmäßigkeiten aufgefallen sind, aus denen sie dann ihre ganz persönliche Methode entwickelt haben und diese seitdem mehr oder weniger bewusst einsetzen. Eher weniger, vermute ich, denn es erscheint mir nur logisch, dass die bewusste Anwendung einer Methode nach einer Übergangsphase zunehmend von Automatismen ersetzt wird.

    Das Verdienst von Schreibratgebern ist es, dass sie aus diesen vielen persönlichen Methoden wiederum übereinstimmende Elemente abstrahieren und in Form einer strukturierten Zusammenfassung dabei helfen können, insbesondere die ersten Lern– und Übungsphasen effizienter zu gestalten in dem Sinne, dass nicht jede(r) das Rad neu erfinden muss. Damit sind sie aber, verglichen mit der von einer Autorin oder einem Autor tatsächlich angewendeten Methode, eine Verallgemeinerung und Vereinfachung gleichermaßen. Davon abgesehen glaube ich, dass es ohne das Vorhandensein eines intuitiven Erkennens jener Gesetzmäßigkeiten schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sein wird, ausschließlich gestützt auf die theoretisch vermittelte Kenntnis einer Methode eine lesenswerte Geschichte zu verfassen, selbst wenn jemand den entsprechenden Ratgeber Wort für Wort im Schlaf aufsagen könnte.


    Schreiben zu „lernen“ und sprechen zu „lernen“ sind für mich sehr ähnliche Vorgänge, obwohl sie zu sehr verschiedenen Lebenszeiten stattfinden. Beide beruhen maßgeblich auf Nachahmung, weshalb auch das Lesen so eminent wichtig für das Schreiben ist. Das Erlernen der „Grammatik“ kommt erst zu einem späteren Zeitpunkt und ist auch im Anschluss nur von nachgeordneter Bedeutung. Womit wir wieder bei Petras Plusquamperfekt wären.


    Wichtig ist für mich zum einen die Feststellung, dass hier die Theorie der Praxis folgt und nicht umgekehrt. Noch wichtiger ist die Tatsache, dass es „Die Methode“ nicht gibt und auch nicht geben kann. Dass es auch nicht damit getan ist, sich aus der Vielzahl der angepriesenen Methoden die vermeintlich passende auszusuchen, sondern wir uns an eine solche allenfalls anlehnen können, weil wir zuletzt nicht umhinkommen, daraus eigene Vorgehensweisen zu entwickeln. Das ist schon allein unserer Verschiedenheit geschuldet. Ich zweifele überdies daran, dass eine bestimmte Methode für alle Genres gleichermaßen gut geeignet ist, wage sogar zu behaupten, dass es, streng genommen, für jedes neue Projekt eine neue Methode zu entwickeln gilt oder zumindest die vorhandene soweit anzupassen ist, dass ein optimales Arbeiten möglich wird. Das verhält sich wie ein 08/15-Hammer aus dem Baumarkt zu dem zur Konstruktion einer 1A-Zeitmaschine erforderlichen Spezialwerkzeug. Schließlich ist ein Roman etwas anderes als der von einem Tischler angefertigte Tisch, der theoretisch unendlich oft reproduzierbar ist. Solange ich nicht die immer gleiche Geschichte erzählen will, und neben den Namen der Romanfiguren allenfalls noch Cornwall durch die Provence und die beim nächsten Opus wiederum durch die Toskana zu ersetzen, ist jede in einem Roman erzählte Geschichte ein Unikat, weshalb es, wie ich es sehe, kein Allzweckwerkzeug in Form einer bestimmten Methode geben kann.


    Gerade was die Entwicklung der Romanfiguren angeht, halte ich es für gefährlich, zu methodisch vorzugehen, wenn überhaupt. Methode bedeutet immer auch Einengung, und die Kunst besteht eben darin, zu erkennen, wo ein methodisches Vorgehen hilfreich ist und wo sie das gewünschte Resultat eher verhindert.


    Warum soll ich mich hinsichtlich der Romanfiguren mit dem vergleichsweise winzigen Fundus meines Bewusstseins zufriedengeben, wenn sich unter der Oberfläche dieses Bewusstseins in meinem Unterbewusstsein ganze Bibliotheken abgespeicherter Erinnerungen von Begegnungen und Ereignissen verbergen, bevölkert von bereits lebendigen Menschen, die nur darauf warten, die Rolle zu spielen, die sich ihnen in meinen Geschichten anbietet.

    Warum sollte ich diesen Figuren, sobald sie auf der Bühne meines Bewusstseins und der „meiner“ Geschichte erscheinen, sofort Zügel anlegen, anstatt sie, im Gegenteil, „von der Leine zu lassen“? Sie kennen ihre Rolle besser als ich.

    Und warum soll ich dann auf das „Ausdenken“, die „Erschaffung“ und die „Entwicklung“ von Figuren Zeit und Energie verwenden, statt nach Mitteln und Wegen für einen leichteren Zugang zu jenen Bibliotheken zu suchen?


    Ich fände es reizvoll, über diese letzte Frage einmal ausgiebiger zu diskutieren. Vielleicht in einem eigenen Thread?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • wie oft erfolgreiche Autorinnen und Autoren zu Protokoll gegeben haben, dass sie ohne die umfassende Kenntnis und strikte Befolgung der XYZ-Methode niemals ihre großartigen Œuvres hätten schaffen können.

    Vielleicht sagt das keiner in dieser Einfachheit, aber insbesondere amerikanische Unterhaltungsautoren haben kein Problem damit zuzugeben, dass sie sich jahrelang in der Creative Writing Szene umgetan haben, Kurse besucht und verschiedene Herangehensweisen, Modelle und Methoden gelernt haben. Siehe Stephen King "on writing", ich meine mich erinnern zu können, dass er in so einer Creative Writing Runde sogar seine Frau kennengelernt hat. Oder "Fool on the Hill" von Matt Ruff. War das nicht sogar die Abschlussarbeit einer Creative Writing Klasse?

    Ich bin insgesamt jedenfalls ein Verfechter der Ansicht, dass man darüber sprechen darf und sollte, wie Romane geschrieben werden.


    Gleichzeit aber - es wäre blöd über das Sprechen darüber, wie das gehen könnte, das eigentliche Schreiben zu vergessen. Inzwischen denke ich sogar, dass es egal ist, wenn man noch einen und dann noch einen "Rohrkrepierer" produziert. Denn die sind trotzdem nie weg. Ich habe wirklich viele Dreißig-Seiten-Romananfänge produziert, die sich nicht zuendezuschreiben lohnen. Trotzdem kann ich mich an jeden einzelnen erinnern. Und wer in der BT-Runde mitmacht, weiß, dass ich manchmal sogar zehn Jahre alte Projekte nochmal hervorkrame.


    Also machen. Vor allem machen. Schreiben. Text produzieren. Irgendjemand hat das hier in der Signatur stehen. Scheitern. Anders scheitern. Oder so ähnlich.

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

  • Warum sollte ich diesen Figuren, sobald sie auf der Bühne meines Bewusstseins und der „meiner“ Geschichte erscheinen, sofort Zügel anlegen, anstatt sie, im Gegenteil, „von der Leine zu lassen“? Sie kennen ihre Rolle besser als ich.

    Ein-Wort-Antwort: Ökonomie. Als Autorin will ich eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von Anfang bis Ende. Mit einem Ziel. Ich verfolge einen Zweck. Natürlich kann ich auch meine Figuren einfach mal so machen lassen ... aber kommt dann am Ende etwas Sinnvolles in einem angemessenen Zeitrahmen dabei rum? Ich bezweifle es. Das Leben schreibt keine Geschichten. Geschichten sind ein menschliches Konstrukt, das eine Absicht verfolgt.


    Und warum soll ich dann auf das „Ausdenken“, die „Erschaffung“ und die „Entwicklung“ von Figuren Zeit und Energie verwenden, statt nach Mitteln und Wegen für einen leichteren Zugang zu jenen Bibliotheken zu suchen?

    Du sollst gar nichts. Alles kann, nichts muss! Wenn du dein eigenes Ding drehen will, dann tue es doch einfach! Keiner hält dich auf. Ich verstehe nicht, warum immer so gegen diese Theorien und Rahmen angegangen wird, vor allem, wenn man sich noch nicht damit beschäftigt hat. Es bleibt doch wirklich jedem selbst überlassen.


    Abgesehen davon, was viele vergessen, das sind keine Vorschriften, wie etwas zu tun ist, sondern ist vielleicht die Essenz dessen, was beobachtet wird, und der Versuch, Regeln zu finden, die alle in gewissen Maßen gemein haben. Diese Regeln sind meist extrem dehnbar. Selbst die Jesus-Geschichte folgt diesem Schema und macht sie deshalb so faszinierend. Ich weiß nicht, ob es menschlich ist oder unserer westlichen Kultur entspricht, aber wir haben Erwartungen an eine Geschichte und finden bestimmte Dinge spannend, andere langweilen, frustrieren oder enttäuschen uns.


    Ist irgendwie auch so eine deutsche Sache, das Genie in jedem finden zu wollen. So ist es aber leider nicht. Die wenigsten haben eine Intuition, der sie einfach so, ohne zu planen und nachzudenken, folgen können. Ich kenne tatsächlich einen Jungautor, der behauptet, sich noch nie mit Erzähltheorie auseinandergesetzt zu haben. Der schreibt einfach intuitiv, und noch dazu saugut. Aber: Er ist hochbegabt, d.h. sein IQ ist überdurchschnittlich hoch.


    Siehe Stephen King "on writing", ich meine mich erinnern zu können, dass er in so einer Creative Writing Runde sogar seine Frau kennengelernt hat.

    Ein völlig legitimes Unterrichtsfach an amerikanischen Unis. Über Sinn und Unsinn kann man diskutieren, aber es wird in Amerika sehr ernst genommen. Und wenn wir bedenken, mit wie vielen amerikanischen Geschichten wir in Deutschland über Bücher, Film und Fernsehen beglückt werden, dann machen die dort drüben, zumindest auf kommerzieller Seite, was richtig.


    Natürlich kann man jetzt darüber diskutieren, ob das alles qualitativ hochwertig und künstlerisch wertvoll ist. Vielleicht nicht. Aber es unterhält Leute. Es lenkt sie von ihrem Alltag ab und gibt ihnen ein paar Stunden Abwechslung, Spaß und Unterhaltung. Ich kann nichts Schlimmes daran finden.

  • Schreiben zu „lernen“ und sprechen zu „lernen“ sind für mich sehr ähnliche Vorgänge, obwohl sie zu sehr verschiedenen Lebenszeiten stattfinden. Beide beruhen maßgeblich auf Nachahmung, weshalb auch das Lesen so eminent wichtig für das Schreiben ist.

    Wenn Du mit "Schreiben" "Erzählen" meinst, muss und möchte ich widersprechen. Ich habe das Erzählen nie gelernt, weshalb ich auch fürchte, dass ich es eigentlich überhaupt nicht beherrsche, und ich glaube auch nicht, dass das überhaupt geht - das Erzählen von einem anderen zu lernen. Weil der Prozess viel zu diffus, individuell und unsystematisch ist.


    Das ist ein altes Thema. Nahezu jede Person auf der Welt könnte erlernen, sehr gut Tennis zu spielen, aber bei 99,99999999999% ist es unmöglich, aus ihnen Grand-Slam-Gewinner zu machen, und das ist es auch, was in den amerikanischen CW-Workshops geschieht. Aufbau und Erzählmuster ähneln sich im Ergebnis, aber die wenigen, die sehr erfolgreich werden, hatten das, was nötig ist, um gute Erzähler und -innen zu werden, vermutlich schon vorher.


    Ich habe tatsächlich meistens keine Ahnung, was ich da eigentlich mache. Und wie. Damit will ich sagen: Ich sehe das Ergebnis nicht vor mir. Das ist nicht dasselbe wie einen Tisch zu schreinern (weshalb ich den Begriff "Schreibhandwerk" auch irritierend finde) oder einen Tiger zu bändigen. Also, ich weiß schon, dass es ein Tisch werden soll und wie in etwa er aussehen wird, aber welche Handgriffe und Arbeitsabläufe und Inputs und Bewegungen dafür nötig sind, das entzieht sich oft meiner bewussten Kontrolle.

  • Also machen. Vor allem machen. Schreiben. Text produzieren. Irgendjemand hat das hier in der Signatur stehen. Scheitern. Anders scheitern. Oder so ähnlich.

    100% Zustimmung.


    In Posting #14 argumentiere ich nicht gegen die Anwendung einer Methode, äußere im Gegenteil die Vermutung, dass jede Autorin und jeder Autor nach und mit einer Methode arbeitet, sie oder er das mehr oder weniger bewusst tut, und dass zuletzt niemand umhinkommt, seine eigene Vorgehensweise zu entwickeln und kontinuierlich an seine persönlichen Erfordernisse anzupassen, wobei es selbstverständlich nicht verkehrt ist, sich umzuschauen, um zu sehen, wie andere das machen, was die Beschäftigung mit etablierten Theorien sowie die Teilnahme an Schreibkursen einschließt, soweit wie man sich Letzteres leisten kann.


    Was ich hingegen bezweifle, ist die Annahme, dass bereits die strikte Anwendung einer Methode zum Erfolg führen wird. Ohne ein gewisses Maß an Talent wird es nicht funktionieren und Talent enthält für mich immer auch ein deutlich ausgebildetes Sprachgefühl sowie das intuitive Erkennen von Gesetzmäßigkeiten des Schreibens – z.B. das Gefühl dafür, wann es sinnvoll ist, Tempo aus der Geschichte zu nehmen oder im Gegenteil aufs Gaspedal zu drücken, wo braucht es einen Cliffhänger et cetera – Dinge, die nicht wirklich von Grund auf erlernbar sind, sondern die man, soweit vorhanden, allenfalls über das Schreiben selbst weiterentwickeln kann.

    Nicht anders wie der Glaube an eine Methode, die einen Mangel an Talent zu kompensieren vermag, führt aber auch die gegenteilige Annahme, Talent allein würde eine lesbare und lesenswerte Geschichte schreiben können, in eine Sackgasse. Du kannst mir glauben, Silke, dass sich der Omnipotenzwahn meiner frühen Jahre vollständig abgeschliffen hat.;)

    Und selbst dann, wenn sich Talent und Methode harmonisch verbinden, wird diese Verbindung allein nicht reichen. Wie ich in einem anderen Thread geschrieben habe, braucht es außerdem Empathie. Neugier. Offenheit. Unvoreingenommenheit. Ein mit großer Aufmerksamkeit gelebtes Leben. Selbstdisziplin. Ausdauer. Die Ausdauer, die vonnöten ist, um ein oder zwei Jahre lang oder noch länger zu recherchieren, zu schreiben, zu überarbeiten, bis ein präsentationsreifes Manuskript vorliegt und das alles auch noch in weitgehender Selbstisolation zu tun und ohne darüber depressiv oder „sonderbar“ zu werden. Aber: Wo lernt man das alles?


    Auch die Umstände, unter denen jemand schreiben kann oder schreiben muss, spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Es macht einen Riesenunterschied, ob ich mich als Autorin oder Autor für drei Monate in eine Writers Lodge einmieten kann oder ob ich mir neben meiner Erwerbsarbeit oder der Pflege eines schwerkranken Angehörigen jeden Tag aufs Neue ein oder zwei Stunden fürs Schreiben abringen muss, und ich vielleicht nicht einmal das regelmäßig schaffe.


    Davon abgesehen scheint mir aber, dass die Unterschiede in unserer Auffassung hinsichtlich der Relevanz von Methoden nicht unüberbrückbar weit auseinanderliegen. Wirkliche Unterschiede sehe ich eher woanders.

    Als Autorin will ich eine Geschichte erzählen.

    Worauf liegt für dich in diesem Satz die Betonung: auf „ich“ oder auf „Geschichte“?

    Wenn für dich „ich“ dasselbe meint wie das, was ich an anderer Stelle „Autorenwille“ nenne, dann definieren wir die Funktion des Autors nicht auf die gleiche Weise. Sicherlich bin ich als Autor der Regisseur. Unter anderem. Bin außerdem Stenograph, Lektor, bin Vermessungsingenieur, Quartiermacher, Bühnenbildner, Landschaftsmaler, Philosoph und für die Romanfiguren auch der Familientherapeut und während der Überarbeitung auch noch Cutter. Aber ganz sicher begreife ich mich nicht als allwissenden und allmächtigen Puppenspieler. „Ich“ hat der Geschichte zu dienen und nicht umgekehrt. Und das kann nur in einem ständigen Lern- und Anpassungsprozess geschehen, dem ich mich auch und gerade während des Schreibens zu unterwerfen habe.

    Ich verfolge einen Zweck.

    Welchen? Kannst du das präzisieren?

    Geschichten sind ein menschliches Konstrukt, das eine Absicht verfolgt.

    Auf dem Satz habe ich lange herumgekaut. Vermutlich trifft das auf viele Geschichten tatsächlich zu. Nur entspricht es nicht meiner eigenen Erfahrung. Natürlich interessieren mich manche Themen mehr als andere, faszinieren mich bestimmte Stoffe ganz besonders. Aber nur deshalb, weil ich einen solchen Stoff zu einer Geschichte formen möchte, regt sich im Sinne einer konkreten Umsetzung nicht bereits zwangsläufig etwas. Ich kann mir keine Geschichten „ausdenken“ und am allerwenigsten die Figuren. Ich kann das nicht und doch beneide ich nur selten einmal diejenigen, die über diese Fähigkeit verfügen.

    Wie ich bereits weiter oben schrieb, kommen bei mir die Figuren immer vor der Geschichte. Das bedeutet, dass ich im Extremfall auch einmal zehn Jahre warten muss, bis das geeignete Personal die Bühne betritt, so wie bei meinem zweiten beendeten Roman. Was ich mittlerweile als nicht mehr ganz so frustrierend empfinde wie noch vor einigen Jahren. Ich bin geduldiger geworden. Es gibt mehr als genug Geschichten, die erzählt werden wollen. Auf die Reihenfolge kommt es mir nicht an.

    Und welche Absicht sollte ich mit dem Erzählen einer Geschichte verbinden? Die Freude, die mir das Erzählen einer Geschichte bereitet, ist mir Anlass, Sinn und Zweck genug.

    Natürlich kann ich auch meine Figuren einfach mal so machen lassen ... aber kommt dann am Ende etwas Sinnvolles in einem angemessenen Zeitrahmen dabei rum?

    Vielleicht. Vielleicht nicht. Aber gilt das nicht genauso im umgekehrten Fall? Woher will ich im Voraus wissen, was der Geschichte guttut, wie diese oder jene Figur zum Vorteil des Ganzen in jeder Situation zu agieren hat? „Ich“ traue „meinen“ Figuren mehr als meinem Verstand, den ich ausnahmslos als zu begrenzt und zu risikoscheu erfahre, um jene Geschichten erzählen zu können, die ich auch als Leser schätze. Und dann: Ist zuletzt nicht auch das „machen lassen“, das „an der langen Leine führen“, das „von der Leine lassen“ eine Methode?

    Das ist ein altes Thema. Nahezu jede Person auf der Welt könnte erlernen, sehr gut Tennis zu spielen, aber bei 99,99999999999% ist es unmöglich, aus ihnen Grand-Slam-Gewinner zu machen, und das ist es auch, was in den amerikanischen CW-Workshops geschieht. Aufbau und Erzählmuster ähneln sich im Ergebnis, aber die wenigen, die sehr erfolgreich werden, hatten das, was nötig ist, um gute Erzähler und -innen zu werden, vermutlich schon vorher.

    Das ist die Essenz dessen, was ich mit meinen kritischen Anmerkungen in Bezug auf den Nutzen sowie die Grenzen von Methoden sagen will.

    Ich habe tatsächlich meistens keine Ahnung, was ich da eigentlich mache. Und wie. Damit will ich sagen: Ich sehe das Ergebnis nicht vor mir. Das ist nicht dasselbe wie einen Tisch zu schreinern (weshalb ich den Begriff "Schreibhandwerk" auch irritierend finde) oder einen Tiger zu bändigen. Also, ich weiß schon, dass es ein Tisch werden soll und wie in etwa er aussehen wird, aber welche Handgriffe und Arbeitsabläufe und Inputs und Bewegungen dafür nötig sind, das entzieht sich oft meiner bewussten Kontrolle.

    Diese Sätze tun unheimlich gut. Weil ich das auf sehr ähnliche Art empfinde. Und weil ich das bisher immer als Makel begriffen habe. Auch wenn solche Worte aus dem Mund eines Autors, der bereits elf Romane veröffentlicht hat, anders klingen, anders klingen müssen als aus dem Mund eines Unveröffentlichten.

    In Diskussionen wie diesen, in denen es (auch) um die Erlernbarkeit des Schreibens geht, Schreiben im Sinne des Erzählens, reagiere ich manchmal dünnhäutiger als gewöhnlich, weil ich mich dabei hin und wieder in die Rolle eines lernunfähigen oder lernunwilligen, renitenten Grünschnabels gedrängt fühle angesichts dieser Inflation von Theorien und Methoden mit all ihren wohlklingenden Namen.

    Ich habe Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt einschließlich der deutschen Grammatik und habe das schon bald als nicht zu meinem Schaden ausgedacht empfunden. Warum also sollte ich mich hinsichtlich jener Theorien und Methoden anders verhalten, wenn sie doch versprechen, mich in meiner Schreibkunst voranzubringen? Ich gebe zu, mich nur mit wenigen dieser Theorien wirklich tiefgehend auseinandergesetzt zu haben und dass selbst das auch schon eine Weile her ist, weil ich schnell gemerkt habe, dass sie bei mir das Gegenteil dessen bewirken als das, was sie bewirken sollen: Sie haben mir die Freude am Schreiben genommen. Ganz allgemein gesagt, sind sie mir zu statisch. Vielleicht habe ich auch nur zu schnell aufgegeben oder nicht lange genug nach „der Richtigen“ gesucht. Keine Ahnung.


    Ich erkenne die Berechtigung für das Vorhandensein dieser Theorien an, sehe aber auch ihre Grenzen, sehe das, was sie zumindest in meinem Fall nicht zu leisten vermögen, so ähnlich wie auch Petra das in ihrem Posting #12 beschreibt. Das ist alles. Weshalb ich zum Schluss noch einmal das an den Anfang gestellte Zitat von Nils wiederholen möchte:


    „Also machen. Vor allem machen. Schreiben. Text produzieren. Irgendjemand hat das hier in der Signatur stehen. Scheitern. Anders scheitern. Oder so ähnlich.“


    Das ist um Größenordnungen wichtiger als das, was jeder Disput um Theorien zu leisten vermöchte.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen


    PS: Sorry, Petra, wenn ich dazu beigetragen habe, das eigentliche Thema dieses Threads ein wenig in den Hintergrund zu drängen.