Recherche und korrekte Darstellung in Roman, Erzählung

  • In einem anderen Forum wird derzeit über die Notwendigkeit von Recherche durch die Autoren und die korrekte Darstellung in Romanen diskutiert.

    Dabei wurden Beispiele für Recherchefehler benannt. Zum Beispiel, dass in einem Roman über die Römer Tomatensalat gegessen wurde. Oder in einem im Spanien des 1480 spielenden Roman ein Angreifer wie ein "Kartoffelsack" die Sturmleiter herabfiel. Ein weiteres Beispiel, dass einem Ochsen in die Hoden geschossen worden sei.


    Nun meint ein Kritiker akurater Recherche, man müsse das alles nicht soooo eng sehen, sondern dürfe durchaus auch die Semper-Oper nach Leipzig verlegen, wenn dies dramaturgisch notwendig sei.


    Was sagt das geballte Schwarmwissen dieses Forums dazu?

  • Eine Sache des Gespürs, dächte ich. Die Semper-Oper würde ich nur in 0,00000001 Prozent aller denkbaren Fälle nach Leipzig verlegen.


    Und: Das Problem ist ja auch, dass ich in der Regel nicht selbst entscheide, ob ich mir zum Beispiel einen Anachronismus erlaube. Den Kartoffelsackfehler etwa hätte ich ja beim Schreiben vielleicht gar nicht bemerkt.

  • Tja, sehr gute Frage. Das mit der Semperoper würde ich auch eher nicht machen.


    Und ansonsten: Ich schreibe gerade einen Roman, der zu Teilen in Äthiopien zwischen ca. 1960 bis heute spielt und zwischendurch in der DDR in den 1980ern und in der BRD in den 90ern bis ca. 2007. Bei den äthiopischen Kapiteln habe ich immer gejammert, die seien sehr schwer zu schreiben, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, wie es dort war. Und mich immer getröstet, dass das Schreiben einfacher wird, wenn mein Held dann erst einmal in der DDR ist, weil: Die kenne ich ja. Aber beim Schreiben der DDR-Kapitel fand ich das dann noch schwerer, weil: da gibt es ja viele Leser, die wissen können, ob es so war. Bei Äthiopien ist das ja eher weniger der Fall --u:-)

    Trotzdem soll es schon so sein, dass alles, was ich schreibe, auch tatsächlich so gewesen sein kann, weil ich möchte, dass das Buch ernst genommen wird. Und ein Buch, in dem die Semperoper in Leipzig steht, könnte ich nicht wirklich ernst nehmen.

    "Eine Geschichte darf unwahrscheinlich sein, aber sie darf nie banal sein. Sie sollte dramatisch und menschlich sein. Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat." Alfred Hitchcock

  • Lassen wir mal die Semper-Oper außen vor. Die könnte ich mir bei bestimmtes Genres - Dystopien zum Beispiel - durchaus in Leipzig vorstellen. Aber es muss dann schon erkennbar sein, dass hier im Plot etwas an der existierenden Realität vorbei geschrieben ist.

    Was mich immer wieder ärgert, ist die Bezeichnung "Sauerstoffflasche", wenn die Rede ist vom Tauchen. Normale Sport- oder auch Polizei- und Feuerwehrtaucher atmen aus "Pressluftflaschen", weil die Tanks komprimierte Luft enthalten und keinen Sauerstoff.

    Da immer mehr Geschichten am Meer angesiedelt sind, fällt mir auch zunehmend auf, dass viele Autoren nicht wissen, was Brackwasser ist. Und sich auch nicht die Mühe machen, nachzuschlagen.

    Das ist ein Punkt, mit dem sie sich zumindest bei denjenigen unglaubwürdig machen, die entweder am Wasser groß geworden oder Wassersportler sind.


    Um ein längeres kürzer zu machen: Für meine Begriffe sollte man als Autor lieber etwas zuviel als zuwenig recherchieren.

  • Dass in HiRos es mit der Glaubwürdigkeit meist nicht weit her ist, ist landläufig bekannt. Aber auch mit guter Recherche wird solch ein Roman nicht unbedingt besser, Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele AutorInnen eine frühere/fremde Welt so beschreiben, als würden sie mit ihren derzeitigen Vorstellungen darin leben. Am schlimmsten sind in dieser Hinsicht die Romane einer Amerikanerin, die überwiegend in der Frühzeit der Menschheit angesiedelt sind.


    Es braucht aber nicht unbedingt eine exakte Recherche und das strenge beibehalten historischer Fakten, um einen guten Roman zu schreiben. Felix Dahn zum Beispiel, der ein guter Kenner der Völkerwanderungszeit war ist bei seinem Klassiker "Ein Kampf um Rom" an nicht wenigen Stellen von den Fakten bewusst abgewichen.. Ziel war eben keine Fachwissenschaftliche Grundlagenarbeit abzuliefern (das hat er unhabhängig davon gemacht) sondern einen Roman, der unterhalten soll. Und das ist ihm ausnehmend gut gelungen.


    Grundsätzlich bin ich ein Freund von guter Recherche, meine aber trotzdem, man soll sich beim belletristischen Schreiben nicht zum Sklaven der Fakten machen. Kartoffeln im Mittelalter und Brachkwasser am Bodensee gehen allerdings nicht.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

    Einmal editiert, zuletzt von Horst-Dieter ()

  • Gute Recherche macht ein Setting halt einfach zu mehr als nur Kulisse, daher gehöre ich eher zum Team Pressluftflasche. Kurze Interessefrage an den Fachmann: Stimmt es eigentlich, dass man nicht mehr als 50 Meter tief tauchen sollte, weil der bei diesen Druckverhältnissen in die Lunge gepresste Sauerstoff dann giftig wird?

  • Ich antworte mal mit einem ebenso konkreten wie konservativen JEIN.

    Ich vermute, die spielst auf den Tiefenrausch an, der weniger mit dem Sauerstoffanteil in der Atemluft als vielmehr mit dem Stickstoff zu tun hat. Je höher der Druck, desto eher kann Stickstoff toxisch auf das Nervensystem wirken. Ich zitiere hier mal von https://www.gtuem.org/981/Tauchmedizin/Tiefenrausch.html:


    "Als "Tiefenrausch" oder Stickstoff-Vergiftung bezeichnet man beim Tauchen mit Pressluft die Nervenfunktionsstörungen durch den zunehmenden N2-Teildruck in größeren Wassertiefen."


    Der Tauchmediziner sagt, er könne von Tiefen ab 30 Metern auftreten. Grundsätzlich ist er abhängig von vielen Faktoren wie Gesundheitszustand, Fitness, Taucherfahrung, Tagesform.


    Ich selbst hatte mal einen Tiefenrausch in 40 Metern und hätte ohne meinen Buddy vermutlich ins Seegras gebissen. Auslöser war damals ein durchzechter Abend und reichlich Restalkohol, der sich bei einem Partialdruck von fünf Bar so bemerkbar machte, dass ich unter Wasser einen echten Rausch hatte. Der Alkohol hat durch den Druck das Gehirn vernebelt.


    Was eine Sauerstoffvergiftung anlangt, so ist sie beim Sporttauchen eher marginal. Ich zitiere mal dieselbe Quelle wie oben (https://www.gtuem.org/983/tauchmedizin/o2-vergiftung):

    Presslufttauchen

    "Für das Tauchen mit Pressluft hat die O2-Vergiftung keine praktische Bedeutung. Der erst nach mehreren Stunden kritische Grenzwert von 1,7 bar O2-Teildruck bei Pressluftatmung in Wassertiefen über 80 m erreicht. Derartige Tauchzeiten und Tiefen sind für einen Taucher mit Pressluft kaum erreichbar."


    Ich kenne Tauchsportler, die mit normaler Pressluft in Tiefen bis 70, 80 Meter gingen. Dabei ist nicht die Tiefe das Problem, sondern die Auftauchzeit, die eine entsprechend lange Dekompressionszeit beinhaltet, die in der Regel deutlich länger ist als der eigentliche Aufenthalt in der genannten Tiefe. Und natürlich auch deutlich mehr Luft braucht, als du in deiner Flasche hast.


    Wenn ich's richtig im Kopf habe, hast du nach konservativer herkömmlicher Berechnung eine Nullzeit von fünf Minuten in einer Tiefe von 50 Meter. Nullzeit = ich muss keine Dekompressionspausen machen. Im Bereich des Sporttauchens wird gelehrt, dass du langsam mit zehn Metern pro Minute auftauchst. Entsprechend groß muss dein Luftvorrat sein. In der Zeit des Auftauchens dekomprimierst du ja auch. Dennoch wird bei solchen Tiefen immer empfohlen, einen Sicherheitsdekostopp in mindestens drei Metern einzuhalten.


    Ich hoffe, ich hab dich mit meiner Vorlesung jetzt nicht verschüttet.

  • Ab 70-80 Meter wird der Sauerstoff erst giftig, okay. Dank dir :)


    Ich selbst würde ja schon so ab 10 Metern unter Wasser psychisch implodieren :down

  • Mich ärgert es während des Lesens über solche Fehler zu stolpern. Von daher bemühe ich mich, sie beim Schreiben zu vermeiden.

    Das geht mir genauso. ABER - es gibt halt so Dinge, die hat man irgendwie abgespeichert. Mir fällt gerade kein Beispiel ein - vielleicht hat jemand Brackwasser bei sich im Gehirn abgespeichert als ... Lagunenwasser ... oder schießmichtot. Jeder von uns hat so etwas an Halbwissen, was wir aber als WISSEN ansehen und dann gar nicht darüber nachdenken, dass man das vielleicht recherchieren sollte, weil es falsch sein könnte.

    Wissen verändert sich ja auch. Und nicht immer bekommt man das mit.

    Als ich in der Uni war, galt es als gesichert, dass der Neandertaler ausgestorben ist, ohne sich großartig mit dem Cro-Magnon Menschen getroffen zu haben. Heute weiß man, dass wir alle etwa 4% genetisches Material von Neandertaler in uns tragen - es gab also eine Vermischung.

    Was aber, wenn ich auf mein Uniwissen von damals zurückgreife und es gar nicht in Frage stelle?
    Ich denke, wir alle haben so Schwachstellen - und recherchieren in diesen Bereichen nicht wirklich.


    Ich schreibe historische Romane.
    H-D hat dazu angemerkt:

    >>Dass in HiRos es mit der Glaubwürdigkeit meist nicht weit her ist, ist landläufig bekannt. Aber auch mit guter Recherche wird solch ein Roman nicht unbedingt besser<<


    Ich versuche jedes Mal ausführlich und sehr detailliert zu recherchieren. Meine LeserInnen schätzen das auch sehr. Ich bemühe Fachleute, wälze Literatur etc. Trotzdem passieren mir Fehler. Das ist einfach so.

    Es wird bei mir niemand im 30jährigen Krieg Kartoffeln oder Tomaten essen, es gibt auch keine beleuchteten Kirchturmuhren (alles schon gelesen), aber dennoch mache ich Fehler.

    Wer kann sich davon lossprechen?


    Selbst in einer absolut erfundenen Welt kann man Logikfehler machen. Flüchtigkeit, weil man nicht darüber nachdenkt - weil es für einen selbst schlüssig ist - jede Welt hat ihre Gesetze und die muss (oder sollte man) befolgen.

    Ich habe neulich einen spannenden SiFi gesehen - ich weiß nicht mehr, welcher Film das war, aber es ging auch um Zeitreisen. Und er hatte einen logischen Fehler. Vielleicht fällt er nur wenigen auf - an sich war die Geschichte schlüssig. Aber diese eine Sache war falsch. Ich habe es hingenommen, weil der Film an sich gut war.

    So geht es mir auch mit Büchern - ist die Geschichte wirklich, wirklich gut, verzeihe ich Fehler. Und manche sehe ich wahrscheinlich gar nicht - die sieht nur jemand, der sich mit dem Unterthema gut auskennt.
    Ist eine Geschichte schlecht - dann ist sie schlecht. Und Fehler werden zu Dolchen, die der Geschichte noch die letzten Stöße versetzt.


    Im Übrigen bin ich es so leid, das HRs hier immer wieder abgewatscht werden. Ja, das ist die unterste Schiene der U-Lit. Klar. Auf einer Ebene wie Heftchenromane oder so.

  • Im Übrigen bin ich es so leid, das HRs hier immer wieder abgewatscht werden. Ja, das ist die unterste Schiene der U-Lit. Klar. Auf einer Ebene wie Heftchenromane oder so.

    Liebe Uli,


    du weißt schon, dass ich Dich und Deine Bücher schätze! Einige Rezensionen auch hier im Forum zeugen davon. Daran hat sich nichts geändert. Ich habe zwar nicht alle Deine Bücher gelesen, aber die, mit denen ich es zu tun hatte, hatten diese Mängel nicht, die ich an anderen Romanen kritisieren. Für mich bist du auch nicht unter HiRo abgespeichert. Das, was ich in meinem Diskusionsbeitrag anmerkte – das sich Autoren und Autorinnen nicht wirklich in die beschriebene Zeiten begeben sondern ausschließlich aus der eigenen Wahrnehmung schreiben - ist bei deinen Romanen so nicht zu finden. Ich halte sie für authentisch. Bei den schon angemerkten Romanen jener Autorin, die sich auf die Frühzeit der Menschheit konzentriert, hat man das Gefühl, da zieht sich eine amerikanische Hausfrau des 20. Jahrhunderts ein Tierfell über und marschiert so durch die damalige Welt.


    Nein, historische Romane sind nicht die unterste Schiene der Unterhaltungsliteratur, aber es gibt eine ganze Reihe, die das Niveau von Heftchenromanen durchaus noch unterschreiten. Das ist aber in allen Genres so.

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  • Ich finde, ein Autor darf alles. Auch sich als ungebildeter Depp outen. :P

    Es ist Sache des Lesers, sich ein Urteil über das Werk und seinen Schöpfer zu bilden.

    Die Tatsache, daß man so viele sachliche Fehler in Büchern findet, sagt allerdings auch viel über die Qualität des Lektorats in den Verlagen aus.

  • Die Frage nach der Recherche ist eine wirklich interessante.

    Um dieses Beispiel aufzugreifen: Ich denke, selbst ein Historiker schmunzelt höchstens, wenn er oder sie liest, dass Römer Tomatensuppe essen. Weil es einfach schlimmere - und bedeutendere - "Ungenauigkeiten" in der Weltgeschichte gibt.

    Wenn hingegen die Umstände eines Kriegs hinten und vorn nicht stimmen - na ja, da findet man heutzutage manchmal selbst auf Wikipedia sinnvolle Eckdaten ... Wenn ein Autor - sichtlich - den Anspruch aufstellt, historisch korrekt zu sein, erwarte ich als Leser auch, dass zumindest Basiswissen recherchiert wurde.

    Ist eine Geschichte hingegen bewusst z.B. eher fantastisch - und gibt auch nicht vor, historisch korrekt zu sein -, bin ich nicht irritiert, falls hier und da etwas falsch sein sollte.

    Allerdings gebe ich zu, z.B. historische Filme sehr nach dem zu erwartenden Wahrheitsgehalt auszuwählen. Da informiere ich mich vorher z.B. über diesbezügliche Kritiken, sofern vorhanden, oder schaue mir den Plot an. Wenn ich sehe, dass eine Geschichte nur vom Klatsch und Tratsch am französischen Hof handelt und die Politik die Handlung nicht einmal peripher tangiert, na ja. Kann unterhaltsam sein.

    Ich schaue durchaus auch historische Filme, wenn ich glaube, da etwas Neues lernen zu können.

  • Ich denke, es kommt auf die Art der "Fehler" an. Sachfehler müssen nicht sein. Was aber häufig vorkommt, ist die fehlerhafte Darstellung einer Berufswelt. Nehmen wir mal als Beispiel den Journalisten. Der macht fast nie alltägliche Schreibtischarbeit, sondern, sofern er Protagonist in einem Roman ist, hat er meist einen Berufsalltag, von dem die wirklichen Journalisten manchmal nicht mal mehr träumen würden, weil viel zu stressig oder gefährlich;). Was auch gern im Dienst der Geschichte zugespitzt wird, ist die angeblich so glamouröse Welt von Künstlern. Ist das nun richtiggehend "falsch" oder eben doch nur eine narrative Zuspitzung. Wer den Alltag im Kulturbetrieb kennt, schüttelt über manche Romane nur noch den Kopf wegen so viel mangelnder Glaubwürdigkeit.

  • Was ich mit meiner Nachricht von heute Vormittag sagen wollte: Das ist eine Frage des persönlichen Anspruchs, und nicht des absoluten. Mir ist es wichtiger, eine gute Geschichte möglichst gut zu erzählen, und nicht die Geschichte. Wenn ich bei Fakten nicht sicher bin, bleibe ich vage, und ansonsten: Scheißt der Hund drauf. Dann war halt die verdammte Wiedervereinigung ein Jahr früher oder Honnecker zu diesem Zeitpunkt noch nicht Ministerpräsident von Meck-Pomm. Na und? Hauptsache, sie kriegt ihn am Ende. ;)


    Horst-Dieter hat völlig recht mit dem, was er über einige oder viele historische Romane sagt. Das sind zu einem Gutteil Märchen vor historischer Kulisse, mit Figuren, die sich ganz anders verhalten als die Menschen sich seinerzeit verhalten haben (könnten). Iris Kammerer, eine der Mitbegründerinnen dieses Forums, die sich leider vom Schreiben zurückgezogen hat, hatte einen sehr, sehr hohen Anspruch an sich selbst und an die historischen Grundlagen ihrer historischen Romane, aber sie war damit nicht erfolgreich, vielleicht genau deswegen. Man konnte sich bei ihren Texten allerdings hundertprozentig darauf verlassen, dass es so war, wie sie es beschrieben hat. Einige Leser fanden das zu anstrengend, zu pädagogisch. Die LeserInnen, die Donna Cross oder das Zeug des Ehepaars Lorentz lieben, nehmen das offensichtlich nicht so genau, denn deren Romane sind so historisch wie die Aktuelle Kamera objektiv war.


    Fiktionale Literatur muss sich nicht der Wahrheit unterordnen. Es gäbe ganze Genres nicht, wäre das so, etwa Kriminalromane. Wie fiktive Ermittler ermitteln, das hat mit der Ermittlerrealität nur sehr wenig bis überhaupt nichts zu tun. Es wäre leichter, die wenigen Aspekte aufzuzählen, die zutreffend sind, als die vielen Fehler – die sehenden Auges und voller Absicht begangen werden, weil es sonst unmöglich wäre, all diese Geschichten zu erzählen. Das gilt für viele Genres. Und das gilt nicht nur in der Literatur. Was wären Science Fiction-Filme und -Serien langweilig, würden die Raumschiffe keine Geräusche im All machen. Könnte man die Laserstrahlen der Blaster nicht sehen, vor allem in der Bewegung. Und so weiter. Wir machen uns die Welt passend, um unsere Geschichten zu erzählen, um zu unterhalten. Wir komprimieren, wir vereinfachen, wir fügen zusammen, was in der Realität Jahre und Jahrzehnte aufeinander warten müsste. Das ist kein Vorwurf, sondern unser gute Recht, denn wir sind keine Geschichtsschreiber. Die übrigens, mit Verlaub, auch oft genug Fünfe haben gerade sein lassen, weil sie ja schließlich im Auftrag ihrer Herrscher gehandelt haben, die sie in einem guten Licht zeigen mussten. Was bedeutet, dass auch bei sehr guter Recherche das meiste von dem, was an Behauptungen wiederholt wird, totaler Bullshit ist. Und das ist auch in Ordnung so.


    (P.S.: Das ist keine Antwort auf Dein Statement, Ulli. Habe ich halt unrecht. Kein Ding, damit kann ich leben.)

  • Die Bücher von Iris Kammerer sind ein gutes Stichwort, denn sie hat historische Romane geschrieben, die unterhalten und die doch weitgehend "korrekt" sind, zumindest soweit man das für Romane überhaupt verlangen darf. Es gibt noch andere Autorinnen und Autoren, die das können. Einige habe ich in diesem Forum positiv rezensiert. Der beste Roman, den ich im letzten Jahr gelesen habe, war "Fräulein Nettes kurzer Sommer" von Karen Duve. Ein Roman über die junge Annette von Droste-Hülshoff. Und das ist wirklich ein Roman, keine biografische Nacherzählung, wie man das ab und an findet. Dann gibt es noch Klaus Funke, der wunderbare Romane über Musiker schreibt (Paganini, Clara Schumann u.a.). Eine Besonderheit ist Robert Löhr, dessen historischen Romane so fantasievoll mit Fakten umgehen, dass man ihm alles verzeiht (sogar Brackwasser am Chiemsee, wenn er denn so etwas brauchen würde ;) ).


    Es geht hier also nicht um eine Pauschalschelte gegen Historische Romane. Wenn man aber über solch ein Thema spricht, dann dürfen auch die Schattenseiten erwähnt werden.

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  • Es geht hier also nicht um eine Pauschalschelte gegen Historische Romane. Wenn man aber über solch ein Thema spricht, dann dürfen auch die Schattenseiten erwähnt werden.

    Aber das hast du gemacht - du hast eine Genreschelte abgelassen, wie es viele andere auch tun.

    Und egal, wohin DU mich verortest, der Verlag, die Buchhandlungen und viele Leser sehen mich bei HR, und deshalb hast du mich genauso gemeint, wie das Ehepaar, dass rumhurt oder die Amerikanerin im Säbelzahnlöwenfell.


    Ich denke mal, dass du auf die Ayla Romane anspieltest - hast du sie gelesen?

  • Weder habe ich eine Pauschalschelte abgelassen - ich habe differenziert - noch habe ich Dich gemeint. Das kannst Du auch durch "indirekte Schlussfolgerung" nicht behaupten.


    Und mit den Ayla-Romanen hast du recht. Einen habe ich gelesen und das war schon zu viel für ein Leben.


    Ich verstehe Deine Aufregung nicht, und ich verstehe auch nicht, dass Du Dir Sachen anziehst, die Dir nicht passen.

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