Theresa Reichl stellt den Klassiker-Kanon in Frage

  • Beim NDR spricht die Kabaretistin Theresa Reichl über ihr Buch Muss ich das gelesen haben?. Darin greift sie den Schulkanon deutscher Klassiker an, weil er fast auschließlich von christlichen weißen ... Männern geschrieben sei und damit nur einen Bruchteil auch der früheren Bevölkerung repräsentiere. Ich finde es richtig, diese Frage aus diesem Grund zu stellen, werde aber das Buch nicht lesen, weil mir die Sprache in der Vorschau nicht so zusagt. Schwache Meinung zum Thema: Die deutschen Klassiker haben qualitativ generell schon ihre Berechtigung, aber es gibt auch andere, v.a. von Frauen geschriebene Werke, für die das ebenso gilt, aber die wenig bekannt sind und gleichfalls in den Kanon gehören.

  • Eine andere m.E. gute Frage ist die nach der Qualität. Und was die mit dem Geschlecht zu tun hat, in positiver wie in negativer Hinsicht. Eine andere ist die nach den Fakten. Ich kann schwerlich einen Geschichtskurs über einflussreiche amerikanische Präsidenten und -innen geben und versuchen, den inhaltlich geschlechterparitätisch zu besetzen, weil es seit der Installation der U.S. of A. einfach noch keine einzige Frau in diesem Amt gab, man also in dieser Hälfte des Geschichtskurses stillschweigen müsste (was symbolpolitisches Handeln wäre). Das ist mehr als nur "bedauerlich", es ist aber zugleich ein unumstößliches Faktum. Es waren bis weit ins neunzehnte Jahrhundert fast ausschließlich Männer, die einflussreiche Literatur veröffentlicht haben, und darum geht es bei Kanonisierungen: Um Einfluss, um Bedeutung, um die Folgen für die Kultur. Es ist ebenfalls extrem bedauerlich, dass vor allem die westliche Kultur für eine unglaublich lange Zeit eine patriarchalische Kultur war, aber sie war es nun einmal. Das kriegt man nicht nachträglich dadurch geradegebogen, dass man irgendwas hervorkramt und mit Bedeutung aufpustet, die es nicht hatte.


    Ob Kanonisierungen wichtig sind, kann ich nicht entscheiden, will ich auch nicht, aber wenn ich etwas über Kulturgeschichte lernen oder vermitteln will, ist das wohl eines der verfügbaren Mittel.

  • Eine andere m.E. gute Frage ist die nach der Qualität. Und was die mit dem Geschlecht zu tun hat, in positiver wie in negativer Hinsicht. Eine andere ist die nach den Fakten. Ich kann schwerlich einen Geschichtskurs über einflussreiche amerikanische Präsidenten und -innen geben und versuchen, den inhaltlich geschlechterparitätisch zu besetzen, weil es seit der Installation der U.S. of A. einfach noch keine einzige Frau in diesem Amt gab, man also in dieser Hälfte des Geschichtskurses stillschweigen müsste (was symbolpolitisches Handeln wäre). Das ist mehr als nur "bedauerlich", es ist aber zugleich ein unumstößliches Faktum. Es waren bis weit ins neunzehnte Jahrhundert fast ausschließlich Männer, die einflussreiche Literatur veröffentlicht haben, und darum geht es bei Kanonisierungen: Um Einfluss, um Bedeutung, um die Folgen für die Kultur. Es ist ebenfalls extrem bedauerlich, dass vor allem die westliche Kultur für eine unglaublich lange Zeit eine patriarchalische Kultur war, aber sie war es nun einmal. Das kriegt man nicht nachträglich dadurch geradegebogen, dass man irgendwas hervorkramt und mit Bedeutung aufpustet, die es nicht hatte.


    Ob Kanonisierungen wichtig sind, kann ich nicht entscheiden, will ich auch nicht, aber wenn ich etwas über Kulturgeschichte lernen oder vermitteln will, ist das wohl eines der verfügbaren Mittel.

    Da finde ich jetzt die Frage gut herausgearbeitet (und ich habe keine Antwort auf sie): Was sollte die Schullektüre bei früheren Epochen abdecken? Was damals Einfluss hatte? Verschiedene Perspektiven auf die damalige Zeit? (Reichls Position) Die beste Qualität?


    Horst-Dieter: Einen Schulkanon gibt es wohl dadurch, dass die Ministerien Lehrpläne und Materialien bereitstellen, dass die Werke bei Reklam verfügbar sein müssen (Antwort von Reichl, dass die Lehrerinnen nichts dafür können). Vielleicht auch anders vorstellbar alles, aber dafür müssten die Ministerien Macht abgeben, oder jemand darüber sie ihnen wegnehmen.

  • Da finde ich jetzt die Frage gut herausgearbeitet

    Danke für das Lob.


    Bei Kanonisierungen geht es in erster Linie um Kulturgeschichte. Wenn man Kultur als einen zwar breiten, aber weitgehend linear verlaufenden Weg versteht, an dem es epochale Meilensteine gab und gibt, dann sind die kanonisierten Kulturschaffenden (mehrheitlich nichtgebärende Personen, zumindest bis ins neunzehnte Jahrhundert) und ihre Werke diese Meilensteine. Das gilt für Literatur, Musik, Theater, bildgebende Kunst usw. Um Kulturhistorie noch etwas besser zu verstehen, beschäftigt man sich mit den politischen Umständen, mit Einflussnahme, sozialer Struktur und Bewegung, mit Mäzenatentum usw. Und sicher auch mit der unterdrückten Kunst. Aber die Epochen vorangetrieben, zur heutigen Kultur geführt haben eben jene Meilensteine, und sie tun es immer noch. Es mag zu Mozarts oder Beethovens Zeiten komponierende gebärende Personen gegeben haben, aber sie hatten wenig Einfluss, eigentlich fast keinen.


    Ich weiß nicht, ob der Feminismus sich einen Gefallen tut, in dem diese Art der Geschichtsbereinigung vorgenommen wird. Es ist fraglos wichtig, stärker in den Fokus zu rücken, was es an unterdrückter, kleingehaltener Kultur gab und gibt, aber Einfluss auf die kulturelle Entwicklung hatte sie eben nicht, und darum geht es bei Kanons*.

    Und ums Abwechselndgleichzeitigsingen. :seren


    (*Edit: Die mich eigentlich nicht die Bohne interessieren.)

  • …Es ist ebenfalls extrem bedauerlich, dass vor allem die westliche Kultur für eine unglaublich lange Zeit eine patriarchalische Kultur war, aber sie war es nun einmal. Das kriegt man nicht nachträglich dadurch geradegebogen, dass man irgendwas hervorkramt und mit Bedeutung aufpustet, die es nicht hatte.


    Irgendetwas hervorkramen und aufpustetn? Steckt da nicht schon das Vorurteil drin, dass es keine gute Literatur von Frauen in der Zeit von - sagen wir mal dem 16. bis 19. Jahrhundert - gegeben hat?


    Ich finde, man müsste das prüfen. Vielleicht gibt es einiges, was zu verwerfen ist. Andererseits finde ich manches im "Kanon" auch nicht gerade aufbewahrenswert, den Namen größer als das, was er geschaffen hat. Das ist jetzt aber auch nur so allgemein dahingesagt. Es müssten beide Seiten neu bewertet werden, das fände ich gut.

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    Verengung des freien geistigen Horizontes ist eine Gefahr in Zeiten des Massenkultes.
    Emanuel von Bodmann


  • Zitat

    Steckt da nicht schon das Vorurteil drin, dass es keine gute Literatur von Frauen in der Zeit von - sagen wir mal dem 16. bis 19. Jahrhundert - gegeben hat?

    Lies doch einfach genau, was ich schreibe. Ich rede die ganze Zeit von Einfluss. Von Wirkung. Ich habe an keiner Stelle auch nur angedeutet, was Du da gelesen haben willst.


    Es gab und gibt alles zu jeder Zeit. Aber populär und wirkungsvoll war und ist immer nur ein kleiner Teil.

  • So rein aus pragmatischer Sicht halte ich es für die wichtigste Aufgabe des Deutschunterrichts (mittlerweile?), den Kindern und Jugendlichen überhaupt die Freude am Lesen zu vermitteln, sie also zum Lesen zu bringen und ihnen damit eine Welt zu eröffnen und eine Kulturtechnik an die Hand zu geben, die sie vielleicht nicht mehr unmittelbar und selbstverständlich besitzen.


    Aus dieser Sicht würde ich dann Qualität & Vermarktbarkeit (an den Mann / die Frau-Bringbarkeit) an erste Stelle setzen und gerade nicht mehr einen Kanon, der sich, wie Tom ausgeführt hat, in erster Linie der Geistesgeschichte verpflichtet fühlt.

    Hieße für mich:


    - Götz von Berlichingen (überhaupt: 80 % aller Dramen, ich bitte euch), Kohlhaas usw. streichen

    - Faust, Proceß, Werther (vermarktbar wie Sau!), Wanderer kommst du nach Spa, Nachts schlafen die Ratten doch, Katz und Maus usw. beibehalten

    - ein Platz pro Schuljahr freihalten für das Lieblingsbuch der Lehrkraft, Stichwort An-den-Mann-bringen, das gelingt sicher besser, wenn die Lehrerin überzeugt ist, dass es sich um ein grandioses Werk handelt


    Das Ganze dürfte dann automatisch das richtige Maß Feminismus enthalten.

  • Lies doch einfach genau, was ich schreibe. Ich rede die ganze Zeit von Einfluss. Von Wirkung. Ich habe an keiner Stelle auch nur angedeutet, was Du da gelesen haben willst.


    Was ich gelesen habe weiß ich nicht so genau, weil, auch unter Berücksichtigung des ersten langen Absatzes, der zweite für mich nicht so klar ist. Deshalb habe ich Fragezeichen benutzt, in der Hoffnung, deine Aussage etwas klarer von dir zu bekommen. Es ist - für mich - auch durch deine Erwiderung nicht klarer geworden.

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  • Es ist - für mich - auch durch deine Erwiderung nicht klarer geworden.

    Mmh. Ich hab's soeben auch noch einmal gelesen und empfinde das als durchaus klar, aber Wahrnehmung ist ja eine individuelle Angelegenheit.


    Über die mögliche Qualität auch weniger bekannter und/oder erfolgreicher Veröffentlichungen habe ich nichts gesagt. Ich habe mir lediglich kurz den Hinweis gestattet, dass die Qualität - und zwar völlig unabhängig vom Geschlecht - ein Aspekt sein könnte, wenn man kanonisiert. Danach habe ich mich aber mit anderen Fragen beschäftigt, und zwar überwiegend mit der Bedeutung und dem Sinn von Kanons. Kulturhistorisch geht es dabei vor allem um die Wirkmächtigkeit der Werke und ihrer Schöpfer und -innen. In einen kulturhistorischen Literaturkanon gehören deshalb Werke, die epochal waren, die Wirkung hatten, die eine Ära und die folgenden beeinflusst haben. Meilensteine.


    Ein Kanon "guter Bücher" - ganz gleich aus welcher Epoche - ist sehr viel subjektiver, eigentlich aber völlig beliebig. Wer mag, kann da auch die Werke jener berühmten Millionen Affen reinnehmen, die jahrmillionenlang vor Schreibmaschinen gesetzt wurden, um zufällig Texte zu tippen, von denen einige wenige nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit genial sein müssten (was tatsächlich nicht stimmt). Womit ich keineswegs irgendeine Schaffendengruppe in der Nähe dieser Affen verorten möchte, sondern lediglich auf die Beliebigkeit qualitativer Ent- und Unterscheidungen bei Kunst verweisen: Eulen und Nachtigallen. Aber fraglos ist nichts nur deshalb gut, weil es einen bestimmten Ursprung hat. Genauso, wie umgekehrt vieles auch schlecht sein kann, das sich als erfolgreich oder sogar wegweisend erwiesen hat. Ein kulturhistorischer Kanon unterscheidet das nicht.


    "Klassiker, die man gelesen haben sollte" ist eine sehr beliebige Kategorisierung. Aber schon der Begriff "Klassiker" kommt mit einer ganzen Reihe Implikationen daher.

  • …Kulturhistorisch geht es dabei vor allem um die Wirkmächtigkeit der Werke und ihrer Schöpfer und -innen. In einen kulturhistorischen Literaturkanon gehören deshalb Werke, die epochal waren, die Wirkung hatten, die eine Ära und die folgenden beeinflusst haben. Meilensteine

    Wer trifft die Auswahl? Und wer prüft, ob sie vollständig ist, oder zumindest nichts übersehen ist was außerhalb des eigenen Sichtfelds liegt?


    Außerdem ist meines Erachtens zu berücksichtigen, dass die "Wirkmächtigkeit" oft erst spät erkannt wird, der Kanon also immer wieder anzupassen ist.


    Die "Wirkmächtigkeit" einiger Autorinnen der Vergangenheit könnte deshalb durchaus überprüft werden. Ebenso, ob man nicht andere, die in den Kanon gestellt sind, überschätzt wurden.


    Ich bin froh, dass ich nicht solch einen Kanon aufstellen und auch nicht daran mitarbeiten muss. Ich stelle noch nicht einmal einen Kanon für mich selber auf.


    Zum Schulkanon: Ich stimme Christian insofern zu, dass der Kanon für Schulliteratur "lockerer" gehandhabt werden sollte. Das fixe festlegen zu lesender Literatur mit wenig bis kaum Spielraum für die Lehrer, einzig bestimmt von Verwaltungspädagogen an Kultusministerienschreibtischen ist schädlich. Ärger, wie er letzten noch hochkam bei der Aufnahme von Literatur mit dem bösen N-Wort könnte dadurch vermieden werden. Lehrer und Lehrerinnen, die mit so etwas umgehen können, dürften solche Literatur dennoch einsetzen und andere, die sich persönlich dadurch diffamiert fühlen müssten den Schuldienst nicht aus Protest verlassen. Außerdem würde die Vielfalt der Literatur in den Schulen besser abgebildet werden und die Lust am Lesen - auch des kritischen Lesens - bei den Schülerinnen und Schülern stärker geweckt werden, meine ich zumindest ganz subjektiv.

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  • Wer trifft die Auswahl? Und wer prüft, ob sie vollständig ist, oder zumindest nichts übersehen ist was außerhalb des eigenen Sichtfelds liegt?


    Außerdem ist meines Erachtens zu berücksichtigen, dass die "Wirkmächtigkeit" oft erst spät erkannt wird, der Kanon also immer wieder anzupassen ist.


    Die "Wirkmächtigkeit" einiger Autorinnen der Vergangenheit könnte deshalb durchaus überprüft werden. Ebenso, ob man nicht andere, die in den Kanon gestellt sind, überschätzt wurden.

    Das sind Fragen der Praxis. Die sind mir egal. 8)

  • Ich versuche noch mal ein bisschen Dialektik: Reichl kritisiert, dass das Frauenbild in Schillers Figuren auf heute Einfluss nehme. Also vielleicht weniger Schiller-Werke oder das Frauenbild thematisieren. Wenn sich kein damals bedeutendes Werk einer Frau findet, dann vielleicht thematisieren, dass solche Werke damals schlechtere Chancen hatten, Bedeutung zu erlangen`. Dann vielleicht ein Werk einer Frau von ebenbürtiger Qualität suchen. So könnte man schön den Meta-Inhalt einbringen, den wir hier besprechen: Wonach sollte man Literatur beurteilen und auswählen?

  • Michael, ich verstehe Reichls Ansatz. Das ist ja, was derzeit in vielen Kulturbereichen geschieht - es wird der Versuch forciert, sozusagen das philosophische und ethische Erbe, das Kultur der Vergangenheit automatisch mit sich bringt/zu bringen scheint, pädagogisch umzugestalten, auf dass in der Zukunft (und möglicherweise auch schon in der Gegenwart) die ethischen Grundsätze derjenigen Menschen, die diesen Ansatz favorisieren, unters Volk gebracht werden kann. Dem liegt meiner ganz persönlichen Erfahrung nach die Überzeugung zugrunde, dass man es besser als die anderen Menschen weiß, was gut für sie ist, dass man ihnen also abspricht, selbst differenzieren zu können. Es ist ein rein ideologischer Ansatz, den kann man gutheißen oder nicht. Andere Phänomene, die damit einhergehen, sind z.B. Triggerwarnungen bei Kultur und Diversitätsvorschriften für ihre Herstellung.


    Und, noch einmal. Einen kulturhistorischen Kanon baut man so nicht.

  • Tom, es geht hier nicht darum,. Werke umzugestalten (also manche Wörte im nachhinein zu ändern*), sondern um die Auswahl von Werken und v.a. (weiß nicht, wie sehr Reichl das thematisiert) deren Präsentation - und die Frage, wie man ein Werk in Kontext setzt. Also z.B. ein Drama von Schiller zu lesen und die Aufgabe zu stellen, das Frauenbild darin zu erörtern - mit der wahrscheinlichen Erkenntnis, dass sich das seit Schiller sehr geändert hat. Damit wäre die Frage der Auswahl gar nicht mehr so wichtig.


    * das finde ich auch nicht richtig. Es ist viel besser, das zu kommentieren und einzuordnen.

  • Auch das hatte ich schon verstanden, Michael, aber das stimmt so nicht ganz. Kritische Auseinandersetzung mit Inhalten, mit Kontext, mit Schaffensprozessen, mit den Personen und Persönlichkeiten, mit politischen Hintergründen usw. finden und fanden doch sowieso statt, das ist ja das, was man z.B. im Deutschunterricht tut: Man liest ein Werk und redet darüber - und über alles, was damit einhergeht bzw. -ging. Hier aber geht es um die Auswahl der Werke, um die Zusammensetzung des/eines Kanons. Und das wird eben problematisch, wenn die Auswahl eigentlich die Geschichte verfälscht, und umso problematischer, wenn sie eine politische Auswahl ist. Was ja, zugegeben, immer irgendwie der Fall ist, aber das ist ein anderes Thema. Oder doch nicht? ?!?

  • Für mich wird hier irgendwie das Pferd von hinten aufgezäumt. Davon abgesehen, dass Schulkinder vielerorts zunächst schreiben dürfen, wie sie wollen und chronischer Lehrkraftmangel herrscht, und ich die Probleme ganz woanders sehe, ist es, nach meinem Wissen, den Lehrkräften doch nicht versagt auch eigene Bücher auszuwählen, die dann gelesen und anaylsiert werden (müssen).

    Überhaupt ist doch der Punkt, dass sich die Klasse gemeinsam mit der Lehrkraft mit dem Werk auseinandersetzt, darüber diskutiert usw.

    Genau an dieser Stelle sollten die Fragen aufkommen und besprochen werden, weshalb nun unbedingt dieser Schriftsteller und dieses Werk so wichtig waren und weshalb (bspw.) die Rolle der Frau so und so dargestellt wurde. Gleichzeitig könnten an dieser Stelle Werke von Schriftstellerinnen dieser Zeit genannt und bestenfalls als weitere Lektüre aufgenommen werden.

    Mit dem Vermitteln der Freude am Lesen haben die meisten Werke aus diesen Epochen ohnehin nichts zu tun.

    Schaden kann es jedenfalls nicht, auch mal Bücher herzunehmen, welche eine andere Sicht auf die damalige Welt zeigen.

  • Jede Gesellschaft, jede Welle des Zeitgeistes, wird versuchen, von den Klassikern zu partizipieren, um die Weitsichtigkeit der Klassiker und ihren Bezug zu sich nachzuweisen.

    Zitat

    Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. Zum Augenblicke dürft' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdetagen Nicht in Aeonen untergehn. – Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblic

    Faust, 2.Teil, 5.Akt - während meiner Abizeit (1976-1978) wurde im Deutschunterricht laut Lehrplan in diesen Passus hineininterpretiert, dass Goethes Faust ein kommunistisches Weltbild hätte - abwegiger geht's wirklich nicht. Goethe wird alles andere, aber sicher nicht das!

    Das Problem ist, aus heutiger Sicht sind die Klassiker (wo fangen die eigentlich und hören die auf) patriarchalisch, frauenfeindlich, sexistisch und noch alles andere Schlechte. Sorry, aber Gretchen ist für mich eine willenlose Minderjährige, die von Faust nahezu vergewaltigt wird. Da nützt auch "mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Arm und Geleit ihr anzutragen". nichts. Ich bin der Meinung, Klassiker müssen immer im Kontext ihrer Entstehungszeit gelesen werden und nicht mit heutigem Moral- und Gesellschaftsbild. Und nein, Jugendliche werden nicht verdorben, zu Rassisten, Frauenfeinden und was weiß ich noch alles; sie werden verstehen, dass unser heutiges Weltbild im 19. Jahrhundert noch in weiter Ferne lag-


    Was soll also in den Literaturkanon für den Deutschunterricht? Ich weiß es nicht! Die Frage ist eher, was soll mit dem Litearurkanon vermittelt werden? Was ist Ziel des Deutschunterrichtes? Soll das Fundament für zukünftige Autoren gelegt werden? Dann muss die Qualität und Vielfalt des schreibenden Handwerks im Vordergrund stehen. Soll das Bild einer Gesellschaft vergleichend mit dem heutigen Weltbild vermittelt werden? Dann gehören Bücher dazu, die weit weg von unserem heutigen Weltbild sind Sollen die Bücher vordergründig historisch betrachtet werden? Dann müssen sie aussagekräftig über die Zeit ihrer Handlung sein.


    Die Idee, den Lehrern Freiraum zu lassen, halte ich für sehr gut. Ich sehe es aber auch umgekehrt, den Schülern Freiräume für Bücher im Deutschunterricht zu lassen. Ich erinnere mich wieder an meine Abizeit, wir konnten im Deutschunterricht unser Lieblingsbuch vorstellen. Ich war in der Klasse bekannt dafür, Textinterpretationen, die abseits vom Lehrplan lagen, mit der Deutschlehrerin auszudiuskutieren. Ich sah meine Chance, subtil zu provozieren. Das Buch hatte ich in Packpapier eingeschlagen, weder Titel noch Autor genannt und begann mit der Textinterpretation. Jeder und jede in der Klasse und auch die Deutschlehrerin wusste aber, was für ein Buch ich interpretierte. Die Spannung im Raum knisterte, war mit Händen zu fassen, als ich zum Schluß das Packpapier vom Buch entfernte. Wie würde die Deutschlehrerin reagieren? Weder das Buch noch der Autor passte in ihr Weltbild.


    "Dietmar, sie wissen sehr genau, dass ich weder Plenzdorf, noch Die neuen Leiden des jungen W. zum sozialistischen Realismus zähle. Aber ihre Leistung, wie sie Textinterpretation und Textanalyse durchgeführt haben, kann ich nur mit der Note eins bewerten."


    Das ist für mich gelebter Deutschunterricht, er besteht für mich aus im Lehrplan vorgegebenen Büchern, aber aus einen ebenso großen Bereich, der frei wählbar ist und keinen Vorgaben unterliegt.

  • Was mir in deiner Aufzählung fehlt, ist die Facette sprachlicher Schönheit, die literarische Kunst m.A.n. erst zur eigentlichen Kunst erhebt. Alleine dafür lohnt es sich, sogenannte Klassiker zu lesen. Ich kann, neben anderen, heute noch einige Schiller- und Goethe-Balladen weitgehend auswendig hersagen. Für mich klingt das wie Musik. Gothes Morgenspaziergang in Faust z.B. Ein einziger Genuss, jedes Wort ein Treffer.

    Aber wen interessiert das heute noch, wo uns Chat GPT ohnehin bald alles vorkaut, was es noch zu sagen gibt. Vermutlich vollgestopft mit juvenilen Modeworten, Anglizismen, Scheinanglizismen wie "Handy" oder "Public-Viewing" und anderem sprachlichen Mist mehr. Man sollte die sogenannten Klassiker nicht aus dem Schulunterricht entfernen. Dann lesen die Kinder wenigstens gelegentlich etwas anderes als smileyüberladene, sprachverstümmelte SMS und Co. Mehr als ein Drittel der Pflichtschulabsolventen Österreichs, in Deutschland ist es vermutlich ähnlich, kann in unseren - ach so modernen Zeiten - nicht mehr sinnerfassend lesen. Aber auf ihrem "Handy" können sie bestimmt zielsicher herumwischen .

  • Nicht nur Goethe und Schiller bieten sprachliche Schönheit, das konnten auch die nachgeborenen und können Schriftstellerinnen und Autoren bis heute. Einige zumindest. Deshalb ist Vielfalt die bessere Lösung als immer nur Schiller und Goethe.

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