Inszenierungen am Text/an der Musik - Werktreue versus Metaebene

  • Hallo alle,


    um es gleich vorweg zu sagen: Es geht hier nicht um Literatur, sondern ums Theater, ganz genau um das Musiktheater.


    Hier in Salzburg laufen ja aktuell wieder mal die Festspiele. Und parallel dazu schon seit vielen Jahren auch die "Festspielnächte". Da werden bei freiem Eintritt und unter freiem Himmel auf einer riesigen Leinwand alte und neue Festspielinszenierungen aus dem Archiv des ORF gezeigt, auch zeitversetzte Live-Übertragungen sind ab und zu dabei. An warmen Sommerabenden ist das eine wirklich schöne Sache, man kann kommen und gehen, wann man will, setzt sich hin, bleibt eine Weile da und geht dann wieder oder schaut sich die gesamte Aufzeichnung an. Dazu werden in einem Zeit auch Essen und Getränke angeboten, natürlich bleibt es da, auf dem Kapitelplatz, ruhig, also kein Volksfest, sondern immer noch Festspiele via Leinwand.


    Gestern haben wir uns also einen Teil des Mozartschen "Don Giovanni" aus dem Jahr 2021 angesehen. Wir sind früher gegangen, allerdings nicht, weil die Vorstellung so schrecklich war, sondern weil es uns zu spät wurde und wir noch ein Lokal ansteuern wollten.


    Und genau dort, im Lokal, haben wir uns dann lange über das Thema Werktreue unterhalten.


    Ich nehme mal an, die meisten von Euch kennen den Don Giovanni, so dass ich hier nicht noch zur großen Inhaltsangabe ausholen muss. Der Titelheld erlebt seinen Niedergang. Die Oper setzt mit Verführung/Vergewaltigung (so klar sagt das das Libretto nicht) und Mord am Vater eines Mädchens ein und endet damit, dass der Geist bzw. die Statue des ermordeten Vaters den Don Juan zur Reue für sein gesamtes Leben bewegen will. Der bereut aber nichts, weder Vergewaltigungen, noch Verführungen (zusammengenommen sicher an die 2000), noch den Mord und fährt lieber in die Hölle.

    Man nennt den Don Giovanni gerne auch die "Oper aller Opern", und sie ist in gewisser Weise tatsächlich zeitlos, denn es geht vor allem um Paar- und Liebesbeziehungen in allen denkbaren Konstellationen.

    Man muss daraus absolut keine Kostümklamotte machen, auch in Jeans und Minirock bleibt die Oper glaubhaft.


    Aber die Inszenierung aus dem Vorjahr macht etwas, das auch von der Kritik etwas zwiegespalten aufgenommen wurde. Ich war ja selber zehn Jahre Kritikerin, und, ehrlich, gestern war ich heilfroh, dass ich dazu keine Kritik schreiben musste.


    Denn der Regisseur erzählt schlicht nicht die Geschichte des Stückes. Stattdessen hatte ich den Eindruck, dass er jede Szene in ein eigenes, vielleicht archetypisches Bild auflöst und diese Bilder dann aneinanderreiht. Und selbst wenn eine Oper ja vorwiegend über die Musik erzählt wird, gibts eben auch ein Libretto, und Lorenzo da Ponte war nicht der schlechteste Librettist. Er hat nicht nur einfach irgendeinen mehr oder weniger simplen sangbaren Text zur Musik bereitgestellt, sondern sein Libretto ist auch für sich genommen gut.


    Und abgesehen davon, dass sich die Szenen für mich einfach nicht zu einer Geschichte zusammenfügen wollten, war das Ganze in Teilen auch noch völlig am Libretto vorbeiinszeniert.


    Mal ein paar Beispiele:


    Am Anfang läuft die junge Adelige Donna Anna aus dem Haus, Sie verfolgt einen Mann (Don Giovanni), der laut Libretto sein Gesicht verhüllt. Er hat sie verführt/vergewaltigt, und nun soll sie nicht erfahren, wer er ist. Im Text singen sie beide genau davon: Sie sagt sinngemäß, dass sie ihn nicht eher in Ruhe lässt, bis er sich ihr zeigt, er sagt, er werde den Teufel tun, eher würde er sie umbringen.

    In dieser Inszenierung steht Donna Anna alleine auf der einen Seite vorne am Bühnenrand, sie ist gekleidet wie eine griechische Rachegöttin, weitere Rachegöttinnen zerren an Don Giovanni herum, der auf der anderen Seite der Bühne steht und keineswegs sein Gesicht verhüllt ...


    Dann kommt der Vater des Mädchens: Hier fällt zuerst mal sein Rollstuhl mit lautem Knall aus dem Schnürboden auf die Bühne, dann betritt er auf eine Krücke gestützt selber die Bühne. Laut Text fordert er Don Giovanni zum Duell heraus. Hier legt er ihm von hinten seine Krücke an den Hals und droht ihn damit zu ersticken. Es sieht also ziemlich schlecht aus für Don Juan. Dann: (vermutlich) ein Schwächeanfall. Der Alte fällt hin. Don Giovanni schnappt sich dessen Krücke und erstickt nun seinerseits den Vater des Mädchens. Das Bild dieses alten Mannes, der sogar noch mit seiner Krücke den Verführer der Tochter umbringen will, finde ich persönlich sogar sehr gelungen. Aber: Laut Libretto erdolcht Don Giovanni ihn. Überall Blut.


    Giovanni sucht das Weite, Donna Anna kommt mit ihrem Verlobten zurück. Sie sieht den Vater, singt, die Wunde, das Blut ... Nur: Da liegt gar kein Vater mehr. Aus unerfindlichen Gründen ist der Mann nämlich in der kurzen Dunkelheit, die vorübergehend auf der Bühne geherrscht hat, verschwunden. Stattdessen schmiert sich ihr Verlobter seine Arme mit Blut ein (warum bloß?) und singt, man solle doch bitte den Toten fortbringen, dessen Anblick seine Verlobte so sehr erschüttere. Den Toten, der schon gar nicht mehr dort liegt ...


    Und so geht das weiter. Es entstehen tatsächlich ein paar sehr eindringliche, durchaus auch sehr schöne Bilder. Nur wird eben meiner Ansicht nach eher eine Art "Metageschichte" erzählt.

    Für Opernkritiker, die wahrscheinlich schon ihre mindestens zehne Don-Giovanni-Inszenierung rezensieren, mag das ja interessant sein. Aber für die wird an sich nicht inszeniert oder sollte nicht inszeniert werden. Auch für mich war das der vielleicht sechste Don Giovanni, ich habe eine neue Sichtweise auf das Stück kennengelernt, über die ich nachdenken und über die ich mit anderen sprechen kann - für die das auch die sechste oder zehnte Inszenierung ist.


    Aber wie ist das mit Theaterbesuchern, die das Stück vielleicht erst zum zweiten Mal sehen? Die es vorher nicht so gut kennen, um das Original von der Lesart des Regisseurs zu unterscheiden?


    Ich musste gestern glücklicherweise ja nichts dazu schreiben, ich muss das schon seit Jahren nicht mehr und ich bin ehrlich gesagt auch sehr froh darüber. Aber gestern hätte ich wirklich nicht gewusst, wie ich diesen Zugang zum Stück bewerten soll.


    Was meint Ihr zu dieser Art der "Meta-Inszenierungen"?

  • Aus: Werner Schneyder, Meiningen oder Die Liebe und das Theater, S. 99f.:


    zu einer Inszenierung von "La Bohème": "Das ist Provinz. das hemmungslose Ausleben der Verpflichtung eines Regisseurs, zu einer Repertoire-Oper einen großen Einfall zu haben. Wenn diese Verpflichtung stärker ist als die Erkenntnis, man sei kurzfristig vom Schwachsinn gestreift, dann ist das Provinz."


    zu einer Inszenierung von "Don Giovanni": "... Don Ottavio. Er wird auf einem Stuhl herumgetragen. Von sechs Statisten. Manchmal allerdings verlässt er den Stuhl. Er kann also gehen. (...) "Hat er Parkinson?" frage ich den Regisseur. Nein, erfahre ich, der Mann hat keinen Unterleib. Nur wenn er allein mit Donna Anna ist oder mit ihr tanzt, hat er einen Unterleib. Sonst keinen. Erst nachdem Giovanni zur Hölle fährt, hat Ottavio endgültig einen Unterleib und muss fortan nicht mehr getragen werden. Das sagt mir der Mann allen Ernstes ins Gesicht. (...) Er mutet seinem Publikum also ein Bilderrätsel zu, das auch eine noch so breite Ausführung im Programmheft nicht hinreichend erklärt werden könnte."


    Die Inszenierung von gestern verstieß in mehreren Punkten gegen da Pontes Libretto - den gesungenen Text. Wenn ein Regisseur meint, er könne es besser als der Autor des Stücks, dann möge er sein eigenes schreiben. Interpretation findet ihre Grenze im Wortsinn.


    Bei solchen Inszenierungen tauchen hinterher die üblichen Lego-Sätze unter Kritikern auf: "Shakespeare gegen den Strich gebürstet ..." oder "Wer den Regisseur kennt, der weiß ..." Hier unterhält sich eine verschworene Gemeinde miteinander. Der durchschnittliche Zuschauer will nicht den Regisseur kennen oder kennenlernen, sondern den, der das Stück geschrieben hat.


    Wir leben in einer Zeit, in der bei Filmen zuerst gefragt wird: Wie haben die Schauspieler das so gut hinbekommen? Vielleicht auch noch: Wie hat der Regisseur das gemacht? Ich frage nach dem Drehbuch-Autor.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Bei solchen Inszenierungen tauchen hinterher die üblichen Lego-Sätze unter Kritikern auf: "Shakespeare gegen den Strich gebürstet ..." oder "Wer den Regisseur kennt, der weiß ..." Hier unterhält sich eine verschworene Gemeinde miteinander

    Es tauschen sich da allerdings nicht nur die Kritiker untereinander via Zeitungskritik aus, sondern sie richten sich auch noch an andere Eingeweihte aus der Szene. Okay, das war polemisch. Ich habe damals schon versucht, mich an eine allgemeine Leserschaft zu wenden und viele meiner Kollegen haben das genauso gemacht. Aber es gibt diesen Zeitungs-Dialog unter Eingeweihten durchaus, das ist auch mein Eindruck.

  • Stücke, die schon hunderte Male "werktreu" aufgeführt wurden und vermutlich künftig auch noch werden, dürfen durchaus mal gegen die Werktreue inszeniert werden, meine ich. Manchmal gelingt das gut und bietet überraschende Perspektiven, nicht selten ist es aber nur gewolltes originell sein. Ich bin eher froh darüber, dass sich nicht jeder Intendant und/oder Regisseur der Werktreue verpflichtet sieht.

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    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Hallo,


    ich verfüge über keine Kenntnisse, die es mir erlauben würden, in eine wirkliche Analyse des Themas einzusteigen. Aber als Opern- und Konzertbesucher habe ich eine Meinung zu der hier aufgeworfenen Frage.


    Ich bin mit klassischer Musik großgeworden. Mein Vater war Orchestermusiker und als Kind habe ich ihn an vielen Tagen begleitet, wenn er zum Üben ins Theater ging. Und natürlich gab es zu jeder Oper, zu jedem Schauspiel und zu jedem Konzert Freikarten, weshalb ich über die Jahrzehnte hinweg auch immer die Möglichkeit des Vergleichs geboten bekam, denn zumindest die großen Mozart-, Verdi-, Puccini- und Wagneropern standen in mehr oder weniger großen Abständen regelmäßig auf dem Spielplan.


    Als Kind habe ich wahrscheinlich kaum darauf geachtet, aber bereits als Jugendlicher fiel mir auf, dass die Inszenierungen zunehmend freier wurden, frei im Sinne einer Loslösung vom Werk und die, wäre nicht die Musik gewesen, manchmal keinen Rückschluss mehr auf die Entstehungszeit des Werks zuließen.

    Aber für mich gehören das Werk und der Kontext, in dem es geschaffen wurde, untrennbar zusammen. Nur wenn ich mir mit einiger Aussicht auf das wahrscheinliche Zutreffen meines Bildes von den am Ort und in der Zeit der Entstehung eines Kunstwerks herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, vom Welt- und Menschenbild der damals Lebenden und möglichst auch vom persönlichen Umfeld eines Komponisten und Librettisten jenen Kontext vorzustellen vermag, traue ich mir eine Beurteilung zu, die dem Werk hoffentlich wenigstens einigermaßen gerecht wird. Im Ausblenden jenes Kontexts hingegen ist der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet.


    Die kontextfreie Interpretation eines Werks oder die Ersetzung eines Kontexts durch einen anderen ist aber eine solche Beliebigkeit. Und es ist eine Anmaßung. Kein Komponist und kein Schriftsteller schafft ein Werk in der Absicht, es einer Schar verhinderter Epigonen zum Fraß vorzuwerfen. Insofern ist jedes Kunstwerk abgeschlossen. Und ich brauche auch niemanden, der an meiner Stelle ein Kunstwerk interpretiert und mich zum Adepten seiner Exegese machen will. Natürlich besteht sowohl auf Seiten der ausführenden Künstler wie in der Rezeption der Zuhörer und Zuschauer ein gewisser Interpretationsspielraum. Aber dessen Grenze ist spätestens dort erreicht, wo die Intention des Schöpfers eines Werks verschwimmt, soweit wir sie denn kennen, sowie die Form, die er diesem Werk gegeben hat, beginnt unkenntlich zu werden.

    Wenn ein Regisseur meint, er könne es besser als der Autor des Stücks, dann möge er sein eigenes schreiben.

    Genau das waren auch die Worte meines Vaters, wenn er sich mal wieder über die Neuinszenierung einer Oper aufregte. Unverständnis war dabei noch seine versöhnlichste Reaktion. Regelmäßig war diese eine seltsame Mischung aus Wut und Scham, Wut unter anderem auch über den fehlenden Respekt gegenüber den Schöpfern der jeweiligen Werke, „eine unsägliche Leichenfledderei“, wie er es manchmal nannte, und Scham wegen dem, was dabei seiner Meinung nach dem Publikum zugemutet wurde, dem Publikum und den Sängerinnen und Sängern. Besonders lebhaft ist mir seine Reaktion auf eine Inszenierung des Rigoletto haftengeblieben, die zu einer neuzeitlichen Mafiageschichte vor dem Bühnenbild einer Tiefgarage umgestrickt worden war.


    Wie bereits gesagt, ich bin nur ein stinknormaler Opern- und Konzertbesucher, vielleicht auch einfach nur zu beschränkt, um zu verstehen, was mir die Blase aus Kritikern und Rezensenten und der von jenen hochgejubelten Theaterregisseuren zu verklickern versucht, falls sie es denn überhaupt wahrhaftig versuchen. Ich habe eher den Eindruck, dass dies das Letzte ist, was sie wollen: Menschen außerhalb ihrer Blase an der gefundenen wahren Wahrheit teilhaben zu lassen. Und was sie mit dem Begriff einer Metaebene etikettieren, wirkt auf mich regelmäßig wie der Egotrip eines eitlen, selbstverliebten Möchtegerns.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • …Insofern ist jedes Kunstwerk abgeschlossen. Und ich brauche auch niemanden, der an meiner Stelle ein Kunstwerk interpretiert und mich zum Adepten seiner Exegese machen will. Natürlich besteht sowohl auf Seiten der ausführenden Künstler wie in der Rezeption der Zuhörer und Zuschauer ein gewisser Interpretationsspielraum. Aber dessen Grenze ist spätestens dort erreicht, wo die Intention des Schöpfers eines Werks verschwimmt, soweit wir sie denn kennen, sowie die Form, die er diesem Werk gegeben hat, beginnt unkenntlich zu werden.

    Wenn es sich um mit Material gestaltete Kunstwerke handelt - Bilder, Skulpturen etc. - dann kann sicher davon gesprochen werden, dass sie statisch sind (selbst wenn sie unvollendet oder teilweise zerstört sind wie antike Stücke). Alles was aber der Darstellung durch andere Bedarf, auf dem Theater, durch ausführende Musiker etc., ist erst dann abgeschloissen, wenn diese zusätzliche Leistung hinzukommt. Der Interpretationsspielraum lässt sich dabei auch nicht willkürlich einengen, indem der Geschmack einzelner ihn definiert. Der Kontext bei der Entstehung eines Werkes ist sicherlich nicht unwichtig, ihn aber ungeändert über die Zeiten zu transportieren, hat etwa die Qualität, wie das "wörtlich nehmen" von Texten, die vor Jahrtausenden entstanden sind (Bibel, Koran u.ä.).. Und wie wichtig ist zum Beispiel der Kontext bei der Musik? Hat Bachs 3. Brandenburgisches Konzert durch die Darstellung von Wendy Carlos auf "Switched on Bach" dadurch verloren, dass er es notengetreu auf dem Moog Synthesizer interpretierte? Oder in der Interpretation mit drei Gitarren durch das Amsterdamer Guitar Trio? Muss ich als Hörer wissen, dass sie für den Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg geschrieben wurden? Ich meine, die Entstehung des Werkes ist durchaus nicht ohne den Kontext zu betrachten. Musikwissenschaftler, die dies untersuchen, müssen das berücksichtigen. Aber als Hörer spielt das alles keine Rolle. Das Werk, wenn es gut ist, lebt ohne seinen Kontext weiter. Über Jahrhunderte. Und wir können uns nicht anmaßen, heute die gleichen Interpretationsmaßstäbe zu haben wie zur Zeit der Entstehung, selbst wenn wir um sogenannte Werktreue bemüht sind.

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  • Ich glaube, man sollte noch unterscheiden zwischen dem, was ich "Metaebene" genannt habe, also einer Inszenierung, die eigentlich ein ganz anderes Stück erzählt als das, was ursprünglich komponiert wurde, und einer Inszenierung, die ein Werk aus seiner ursprünglichen Zeit heraushebt. Man kann eigentlich alle drei Da-Ponte-Opern (Don Giovanni, Figaro und Cosi fan tutte) sehr zeitlos und trotzdem sehr schlüssig erzählen.


    Die Figuren müssen dafür nicht in historischen Kostümen auf der Bühne agieren.

    Und das, was zu Karajans Zeiten passiert ist, dass nämlich eine Plattenfirma die Oper mit einem bestimmten Ensemble bereits aufgenommen hatte und dieses Team dann in einer zweiwöchigen "Probenzeit" (normalerweise dauern die szenischen Proben für eine Neuinszenierung 6 Wochen) die Oper auf der Bühne noch mal irgendwie "arrangiert" hat, also die Personen irgendwie angeordnet hat, das muss ich auch nicht mehr sehen. Da fehlt mir nämlich selber die Arbeit eines Regisseurs, der dem Werk eine Aussage abgewinnen möchte.

    Aber Regie-Exzesse müssen meiner Ansicht nach auch nicht sein.


    Ich glaube, zwischen Werktreue und "Metaebene" gibt es eine Menge, Ein Beispiel dafür ist etwa die Festspielinszenierung von Offenbachs "Les Contes d'Hoffmann", die hier vor ... ohje, vielleicht vor 20 Jahren bei den Festspielen gezeigt wurde. Der ORF hat das aufgezeichnet, und die Inszenierung gehört mittlerweile fast schon zu den Klassikern der Festspielnächte. Geschickt in eine Art Zeitlosigkeit transportiert, aber nicht so, dass das Werk unkenntlich gemacht worden wäre. (Hoffmann raucht und spritzt sich alles Mögliche, aber das passt zu ihm als Figur, auch wenn es wohl nicht den historischen Dichter Hoffmann nachzeichnet.)


    Ich hab auch schon einen "Giovanni" gesehen, der in der Bronx spielt, nicht immer, aber zu weiten Teilen durchaus schlüssig inszeniert. Sowas geht alles, finde ich, und kann einen Opernabend auch interessant machen.

    Beim Giovanni aus dem Vorjahr hier in Salzburg bin ich mir nicht ganz sicher. Da blieb zu weiten Teilen doch nur noch die Musik. Und musikalisch war das tatsächlich großartig gemacht.


    Ich glaube, die Inszenierung wird irgendwann in diesem Sommer auch im Fernsehen übertragen. Wenn ich es entdecke, schreibe ich es hier hinein. Kann aber sein, dass es im ORF gebracht wird, ich weiß nicht, ob der via Satellit heute überall zu empfangen ist.

  • Alles was aber der Darstellung durch andere Bedarf, auf dem Theater, durch ausführende Musiker etc., ist erst dann abgeschloissen, wenn diese zusätzliche Leistung hinzukommt.

    Das bestreite ich auch gar nicht und gehe sogar so weit zu sagen, dass zum Beispiel jedes gelesene Buch durch die spezifische Rezeption jeder einzelnen Leserin und jedes einzelnen Lesers zu einem Unikat wird und erst dadurch abgeschlossen ist.

    Aber ich habe ja geschrieben:Insofern ist jedes Kunstwerk abgeschlossen“ und meine dies in Bezug auf die Eindeutigkeit, die dadurch gegeben ist, dass die schwarz auf weiß gedruckten Noten der Partitur und der Text eines Librettos so und nicht anders für jeden auf die gleiche Weise zu lesen sind. Und wenn da ein Fis steht, dann hat der Musiker auch ein Fis zu spielen und kein F oder G und dem Sänger auf der Bühne steht es auch nicht frei, statt „Wie eiskalt ist dies Händchen“Mädel, ich glaub’, du hast Covid zu singen.


    Und es macht auch einen Unterschied, ob ich mich mit der Interpretation eines Vortragenden auseinandersetze oder mit der Interpretation einer vermittelnden Instanz wie zum Beispiel der eines Theaterregisseurs. Im ersten Fall ist mein Zugang zum Werk und der Interpretation des Vortragenden unmittelbar und mein Beifall oder mein Missfallen gelten ihm und niemandem sonst.

    Vor Jahrzehnten hat mich die Musik von Gruppen wie Ekseption oder Emerson, Lake and Palmer begeistert, die sich hemmungslos an klassischer Musik bedienten und die das zumindest im Fall von Emerson, Lake and Palmer auf teilweise grandiose Weise getan haben. Und ich erinnere mich an die Aufführung einer Wagner-Oper, es war eine der Ring-Opern, Die Walküre, glaube ich, vielleicht war es auch Götterdämmerung, egal, eine für damalige Verhältnisse jedenfalls recht avantgardistische Neuinszenierung, die von einem Teil des Publikums mit Beifall aufgenommen und von einem anderen Teil mit Buhrufen quittiert wurde. Und schon damals haben mir die beteiligten Musiker sowie die Sängerinnen und Sänger leidgetan, die sich vier Stunden lang die Seele aus dem Leib gespielt und gesungen hatten und sich den verdienten Beifall abholten und gleichzeitig die Buhrufe anhören mussten, die aber einzig und allein der Inszenierung galten. Wer an jenem Abend nicht vor dem Vorhang erschien, war der Regisseur.


    An diesem Beispiel wird für mich ein Teil des Problems deutlich. Der Einzige, dessen Funktion zur Not entbehrlich ist, ohne den die Aufführung eines Werks theoretisch dennoch möglich wäre, was bei einer Schallplattenaufnahme ja auch tatsächlich der Fall ist, ist derjenige, dem der größte Interpretationsspielraum zugestanden wird. Seine Machtfülle ist immens. Ihm stehen ein ganzes Ensemble von Sängerinnen und Sängern, 60, 70 oder noch mehr Musiker mitsamt Dirigenten, Bühnenbildner und Bühnenbauer etc. etc. zu Diensten, um seine und nur seine Sicht auf ein bereits geschaffenes Werk zu präsentieren. Die Mehrzahl der Theaterregisseure ist sich der damit einhergehenden Verantwortung vermutlich bewusst und versucht ihr gerecht zu werden. Die, über die wir hier reden, sind aber die, die das erkennbar nicht tun. Solche Inszenierungen wirken auf mich so, als hätte jemand ein Gemälde fotografiert und das Foto hernach am Computer mit Photoshop verfremdet. Soll er meinetwegen. Verfremdung ist ein legitimes Stilmittel. Bedenklich wird die Sache an dem Punkt, an dem das ursprüngliche Werk beginnt hinter der vom Regisseur geschaffenen Interpretationsebene zu verschwinden oder er dieses Werk bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

    Ich glaube, zwischen Werktreue und "Metaebene" gibt es eine Menge

    Natürlich, Anja. Und ich habe auch kein Problem damit, wenn Romeo und Julia im New York der Fünfzigerjahre angesiedelt wird. Es gibt Stoffe, Themen und Settings, die sind so universal, dass sie problemlos immer und überall als solche wiedererkannt werden, egal wie exzentrisch die Wahl des Regisseurs in Bezug auf den Ort und die Zeit ist, in der er die Handlung eines Werks ansiedelt.

    Aber manche Geschichten sind so komplex oder auch für eine bestimmte Epoche spezifisch, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, sie losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext zu erzählen, trotz der universalen Themen, die auch sie so wie jede Geschichte behandeln.


    Die für mich einzige wirklich relevante Frage ist die, inwieweit das ursprüngliche Werk in einer Inszenierung sichtbar bleibt. Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Regisseur ein Werk primär zur Staffage im Rahmen der Darstellung eigener Bilder und Assoziationen degradiert oder als Medium zur Verkündung irgendeiner Message missbraucht, hat er mich als Zuhörer und Zuschauer verloren.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • Aber manche Geschichten sind so komplex oder auch für eine bestimmte Epoche spezifisch, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, sie losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext zu erzählen, trotz der universalen Themen, die auch sie so wie jede Geschichte behandeln.

    zum Beispiel?

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  • Da es im Kern nicht um Oper gehen zu scheint, sondern um Werktreue und Meta-Meta, ein aktuelles Beispiel aus der Trivialunterhaltung, das die Vorzeichen umdreht:


    Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bastelt Amazon gerade an einer Herr-der-Ringe-Serie. Da die Tolkien-Erben ihre schützende Hand auf den Rechten halten, hat Amazon einen winzigen Appendix zur Verfügung, um eine Geschichte zu spinnen, die so noch gar nicht existiert.

    Was aber existiert, ist die Fantasy-Welt mit ihren Gesetzen und Völkern. Amazon geht nun hin und verfrachtet diese Welt in die Jetztzeit und stülpt ihr ein entsprechendes politisches Korsett über: die Zwergenfrauen, die eigentlich von Zwergenmännern kaum zu unterscheiden sind, lächeln ins Bild, es gibt schwarze Zwerge (die wohlgemerkt unter der Erde leben) und Elben etc.

    Für mich zerstört das die Immersion, obwohl es eigentlich Lappalien sind - aber Tolkiens Welt funktioniert so nun mal nicht und dauernd drängt sich unangenehm die Existenz des Regisseurs/Produzenten ins Bewusstsein.


    Bei Romeo und Julia mag es anders gelagert sein, weil die Schwerter nicht so relevant sind, wie die Geschichte selbst. Das ist bei Tolkien umgekehrt. Bei einer Oper weiß ich nicht, was relevanter ist. Vielleicht die Musik? Will sagen: Welche Freiheiten bei einer Inszenierung gestattet sind und welche über das Ziel hinaus hießen, hängt stark von der Kunstform, dem Genre usw. ab. Aber Grenzen gibt es gewiss.


    Ich hatte mal ein Date mit einer Frau zu Studentenzeiten, die ich mit meinen Pasta-Kochkünsten beeindrucken wollte. Damals hatte ich die Angewohnheit, Spaghetti vor dem Kochen in der Mitte durchzubrechen. Als sie mich fragte, wieso ich das tue, meinte ich lässig, dass es so leichter sei sie zu kochen und zu essen. Aber jetzt sind es doch keine Spaghetti mehr, sagte sie.

  • … Und wenn da ein Fis steht, dann hat der Musiker auch ein Fis zu spielen und kein F oder G und dem Sänger auf der Bühne steht es auch nicht frei, statt „Wie eiskalt ist dies Händchen“Mädel, ich glaub’, du hast Covid zu singen

    Noch eine Anmerkung dazu: Um willkürliche Änderungen durch die Ausführenden wurde bislang nicht diskutiert (siehe Eingangsposting). Das ist ein Ausweichen auf Schauplätze, die in dieser Diskussion nicht hilfreich sind. Und wackelig sind die angeführten Beispiele auch. Selbstverständlich kann der Ton Fis um eine kleine Sekunde nach oben oder unten verändert werden, wenn die Notwendigkeit dafür besteht. Das nennt man transponieren. Willkürlich wird man dies nicht tun, aber es ist möglich und wird gemacht, etwa wenn man ein Musikstück auf ein Instrument übertragen will, dass sich mit der Ursprungstonart schwer tut. Das haben selbst die alten Meister getan. Der musikalische Gehalt wird dadurch kein anderer, wenngleich vielleicht die Musik in der Ursprungstonart besser klingt. Aber da sind wir dann schon wieder im Bereich der subjektiven Wahrnehmung.


    Oder kürzer gesagt: Alles ist relativ ;-)

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  • Ich bin echt froh darüber, nicht mit klassischer Musik großgeworden zu sein, und meine musikalische Sozialisierung selbst gesteuert zu haben. Meine erste und einzige im Opernhaus erlebte Oper war "Nabucco", ich war Anfang zwanzig und bin mit einer Frau hingegangen, in die ich damals verschossen war, und die angedeutet hatte, den gemeinsamen Opernabend als Voraussetzung für ein intimeres Miteinander zu betrachten. Weil ich die Musik so grausig fand (das allerdings schon vorher, und seither hat sich daran nichts geändert) und das ganze zum Heulen langweilig und von A bis Z komplett absurd war, habe ich die zweite Hälfte des Abends und jene Frau dann in den Wind geschossen. Das ist eine Kunstform, die fraglos große kulturelle Bedeutung hatte, die dramaturgisch wie musikalisch Fundamente gelegt hat, aber das exaltierte und selbstgefällige Volk, das ich vor den Opernhäusern warten sehe oder damals im Zuschauerraum erlebt habe, pflegt diese anachronistische Kulturform wie eine Art Adelstitel, und es werden hohe Zuschüsse gezahlt, um ihm das zu erlauben. Pro Besucher der Staatsoper Unter den Linden etwa legt der im Namen des Hauses genannte Staat mehrere hundert Euro auf den Tisch, sonst wäre das teure und von adipösen Millionären vorgetragene Geschreie nicht bezahlbar (ja, es gibt noch andere Kulturformen, die staatlich gefördert werden). Weil ich so denke* und (nicht) so erzogen wurde, weiß ich übrigens tatsächlich nur wenig über die Handlung von "Don Giovanni", was ich nicht für einen Makel halte. Und es ist mir auch egal, ob die zehntausendste Inszenierung werktreu ausfällt oder nicht. (Ich schaue mir übrigens auch keine Film-Remakes an.) Ich bitte alle gestandenen und gesetzten Opernfans eindringlich um Verzeihung für diese Meinung. Ich respektiere Euch als Menschen total! :)


    Der Begriff "Inszenierung" hat mehrere Umdeutungen erfahren. Während es anfangs darum ging, die Interessen der Autoren und -innen möglichst unmittelbar, bestenfalls sogar verstärkt darzustellen, also den Text und die Musik und ggf. die Handlungsanweisungen so direkt wie möglich in Szene zu setzen, werden Inszenierungen heutzutage häufiger als Adaptionen verstanden, und der Stoff, der inszeniert wird, wird immer mehr zum Motiv, zur Inspiration, zum Ausgangspunkt einer Reise, an deren Ende möglicherweise etwas ganz anderes wartet. Das erreicht nun auch immer mehr jene musealen Kunstformen, deren Gefolgsleute jahrzehnte- und jahrhundertelang abgefeiert haben, eine besondere Form der Verlässlichkeit zu kultivieren, weshalb sie sich als eine Art Wächter der Kulturgeschichte betrachten. Schade aber auch. Und bin ich der einzige, der es etwas unzeitgemäß findet, wenn eine Frau, die "verführt/vergewaltigt" :bonk wurde, gleich danach, 250 Jahre alte Altmännermucke singend, über eine Bühne läuft?


    (* natürlich nicht genau so - weite Teile dieses Textes sind satirisch überspitzt)

  • Auf deine Frage in Posting 9, Horst-Dieter, möchte ich zunächst noch allgemein antworten. Zur Kategorie solcher Werke, die zu spezifisch für die Epoche ihrer Entstehungszeit sind, um sie losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext erzählen zu können, werden nach meiner Einschätzung vor allen Dingen solche Werke zählen, die zu ihrer Zeit großen Anklang beim damaligen Publikum gefunden haben, heute aber nur noch sehr selten auf den Spielplänen der Opernhäuser stehen. Jedenfalls würde ich dort anfangen zu suchen. Aber möglicherweise kann ich mir diese Mühe sparen und dir fallen ja spontan ein paar Beispiele hierzu ein.


    Um dann aber doch etwas konkreter zu werden: Die Odyssee, um ein Beispiel zu nennen, ist für mich nur sehr schwer in die Neuzeit zu „beamen“. An entsprechenden Versuchen hat es ja nicht gefehlt, aber in der Regel lehnen sich diese Werke nur lose an das Original an und benutzen darüber hinaus vielleicht auch noch den einen oder anderen Namen aus der Originalgeschichte, so wie in dem immer wieder als Beispiel für eine solche „Adaptation“ zitierten Film der Coen-Brüder O Brother, Where Art Thou? Die von George Clooney gespielte Hauptfigur heißt Ulysses, seine Ex-Frau Penny (!), Sheriff Cooley soll wohl Assoziationen an den Poseidon des Originals wecken und der einäugige Bibelverkäufer Big Dan Teague ist für jedermann unschwer als Zyklop zu identifizieren. Aber das ist mir zu plakativ, und doch ist es zu wenig. Dieser Film, den ich davon abgesehen grandios finde, würde auch ohne diese Verweise als Roadmovie wunderbar funktionieren.

    Ähnlich verhält es sich bei dem Film König der Fischer (Original: The Fisher King) des Ex-Monty Python Terry Gilliam. Auch diesen Film habe ich mit großem Vergnügen geschaut, aber was diesen Film abgesehen von seinem Namen und einem obskuren Pokal, den die von Robin Williams gespielte Figur des Parry Sagan, der Professor für Mediävistik war, bevor ihn der gewaltsame Tod seiner Frau aus der Bahn warf, für den Heiligen Gral hält, mit der Gralslegende und der Parzivalgeschichte verbindet, hat sich mir bis heute nicht erschlossen.

    Wenn man sich schon auf so große Vorbilder beruft, sollte das Original dann doch auf etwas substanziellere Weise im eigenen Werk erkennbar sein. Einige Namen einzuflechten und hier und da ein auch im Original benutztes Motiv zu variieren, reicht meiner Meinung nach nicht.


    Jede Geschichte ist von tausendundeiner vorangegangenen Geschichte inspiriert, und in vielen Fällen werden wir uns dessen vermutlich nicht einmal bewusst sein. Aber daran ist nichts Schlimmes und es ist wohl auch unausweichlich. Aber eine Adaptation ist etwas anderes als sich von einer Geschichte inspirieren zu lassen.

    ... werden Inszenierungen heutzutage häufiger als Adaptionen verstanden, und der Stoff, der inszeniert wird, wird immer mehr zum Motiv, zur Inspiration, zum Ausgangspunkt einer Reise, an deren Ende möglicherweise etwas ganz anderes wartet.

    Genau das ist der Punkt, an dem sich mein Widerspruch entzündet.

    Denn was in der Literatur und bei Filmen absolut akzeptabel ist, ohne dass sich der Urheber eines Werks deswegen des Vorwurfs des Etikettenschwindels aussetzen würde, ist im Falle einer Operninszenierung, und über diese diskutieren wir ja in diesem Thread vornehmlich, schlicht ein Ding der Unmöglichkeit.


    Ich sehe nicht, wie es möglich sein sollte, eine Oper aus ihrem ursprünglichen Kontext herauszubrechen und auf eine Weise an unsere Zeit oder an irgendeine Zeit zu adaptieren, die das Werk dennoch als ein homogenes Gesamtkunstwerk erscheinen lässt. Wie soll das funktionieren? Die Musik und das Libretto sind bis auf das Tüpfelchen auf dem I genau vorgegeben – und nichts anderes meinte ich mit meinen von dir, Horst-Dieter, kritisierten Beispielen – und das einzige, das veränderbar ist, sind das Bühnenbild, die Kleidung der Sängerinnen und Sänger, vielleicht ihre Berufe und das soziale Umfeld, ist in dem sie sich bewegen sowie der gesamte materielle Fundus, der für eine bestimmte Epoche kennzeichnend ist, aber das war’s dann auch schon. Die Musik und die Libretti sind Pi mal Daumen 150 Jahre alt und Letztere klingen häufig für heutige Ohren dermaßen schwülstig, dass selbst an derlei Texte gewöhnte Menschen wie ich zuweilen Ohrenschmerzen davon bekommen. Und wenn dann ein Theaterregisseur meint, er müsse das vor zehn Generationen Geschaffene auf Biegen und Brechen an die Moderne adaptieren, dann wirkt das auf mich anmaßend und das Resultat regelmäßig und im günstigsten Fall befremdlich und manchmal ob seiner Beliebigkeit einfach nur noch grotesk bis hin zu purer Absurdität.

    Schade. Schade um die Musik. Schade um die ausführenden Künstler. Schade ums Publikum.

    Und dass mir ein Theaterregisseur den Zugang zu einer neuen Bedeutungsebene zu öffnen vermag? Ich bleibe skeptisch. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Genius der Jetztzeit eine solche Bedeutungsebene findet, die 150 bis 200 Jahre lang allen anderen Menschen verborgen geblieben ist?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • Ähnlich verhält es sich bei dem Film König der Fischer (Original: The Fisher King) des Ex-Monty Python Terry Gilliam. Auch diesen Film habe ich mit großem Vergnügen geschaut, aber was diesen Film abgesehen von seinem Namen und einem obskuren Pokal, den die von Robin Williams gespielte Figur des Parry Sagan, der Professor für Mediävistik war, bevor ihn der gewaltsame Tod seiner Frau aus der Bahn warf, für den Heiligen Gral hält, mit der Gralslegende und der Parzivalgeschichte verbindet, hat sich mir bis heute nicht erschlossen.

    Wenn man sich schon auf so große Vorbilder beruft, sollte das Original dann doch auf etwas substanziellere Weise im eigenen Werk erkennbar sein. Einige Namen einzuflechten und hier und da ein auch im Original benutztes Motiv zu variieren, reicht meiner Meinung nach nicht.


    Ich glaube, hier verwechselst du etwas. Wenn "Motive" benutzt werden (in diesem Fall der Gral), dann muss das doch nicht 1:1 mit dem Vorbild, dem das Motiv entnommen wurde, zusammenpassen.


    Und zur Odyssee - die dahinter stehende Idee, oder wie manch einer sagen würde: die Prämisse – die kann man in vielen Roadmovies finden. Die Geschihte an sich - Mann kommt nach langen Jahren nach Hause, findet die Frau von Verehrern umringt, und kämpft sich den Weg zu ihr wieder frei – die findet man in vielen anderen Erzählungen aus vielen Jahrhunderten seitdem neu erzählt.


    Und was die Opern anbelangt: wer alte Musik nicht hören will, der hört sie nicht. Wer sie hören will, hat viele Möglichkeiten dazu. Wer in ein Theater gehen möchte, sich Opern anzusehen, findet ebenfalls viele Gelegenheiten. Man kann sich aussuchen, ob man eine traditionelle Ausführung sehen will oder eine "moderne" Adaption. Niemand zwingt einen, etwas anderes zu sehen und zu hören, als man will. Auf dieser Basis hat jeder Regisseur das Recht, von den vorgesehenen Libretti abzuweichen. Sie waren mal genau vorgegeben, aber das gilt heute nicht mehr. Und es galt zu Lebzeiten der Komponisten und Librettisten schon nicht mehr, denn in diversen Aufführungen in anderen Städten ging man gerne eigene Wege. Das ist belegt.


    Auch bei der Musik sind Anpassungen kein Tabu. Ich habe eine Aufführung von Offenbachs Orpheus in der Unterwelt gesehen, bei der der Wechsel von Orpheus in die Unterwelt mit "Highway to hell" begleitet wurde. Offenbach hatte das nicht in seiner Partitur aber das passte wie die Faust aufs Auge und hat keinen Kontext gestört. Weder die Geschichte ging dabei baden, noch die Metaebene zu Bruch und auch Offenbachs Musik (vor und danach) hat nicht gelitten. Außerdem war die Orchesterfassung des AC/DC-Klassikers hervorragend gemacht.


    Meine Güte, warum so kleingeistig. Warum auf etwas pochen, was möglicherweise die ehemaligen Urheber selbst so nie im Sinn hatten.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Man kann viel interpretieren. Innerhalb der Grenzen des Wortlauts. Wenn der Komtur bei "Don Giovanni" erstochen wird und überall Blut fließt und der Text darauf mehrfach Bezug nimmt, dann überschreitet es den Wortlaut, ihn erdrosseln zu lassen.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Mal etwas weniger banausenhaft und fast ohne Arschlochattitüde:


    Jede Zeit hat ihre Kunst, jede Kunst hat ihre Zeit. Die klassische Oper - von Wagner bis Monteverdi - war Ausdruck und Kunstform ihrer Zeit, und auch wenn sie spätere Zeiten kulturell stark beeinflusst hat, wäre eine Modernisierung nicht einfach nur eine Adaption, sondern ein Eingriff in diese, aus heutiger Zeit, museale Form, ihre Geschichte, ihre Themen, ihre Instrumentierung. Wir gehen ja auch nicht daher und malen die Gemälde von van Gogh in aktuellen Farben und mit aktuellerer Technik und unter Verwendung aktuellerer Hintergründe nach. Da Opern im Gegensatz zu Gemälden nicht statisch sind und es aus, äh, technischen Gründen keine Aufzeichnungen der Aufführungen aus jener Zeit gibt, halte ich es eigentlich für geboten, die Inszenierungen so zu gestalten, dass sie auch den Zeitkontext wiedergeben, weil es ohne den nicht funktioniert. Wenn man auf aktuellere Formen zurückgreifen will, geht das ja - es werden immer noch Opern komponiert und geschrieben, und notfalls hätte man die missratene Stieftochter von Oper und Operette im Repertoire, das Musical. Bei dem die Probleme fast genauso groß sind, wenn man es aus seinem Entstehungskontext reißen und als modern verkaufen will, denn es haben sich nicht nur die Motive geändert, die kulturellen, politischen und sozialen Kontexte, sondern auch die Stilmittel der Kunst, die Instrumente und ihre Orchestrierung. Natürlich kann ich "West Side Story", das seinerseits eine Adaption der Romeo-und-Julia-Geschichte war, von einer Death-Metal-Band begleiten lassen, die Figuren mit Tatoos übersäen und ihnen Smartphones in die Hände drücken, in die sie dann singen und tippen, statt sich gegenseitig anzusingen, aber einfacher und wohltuender und angemessener ist es, auf eine der vielen, vielen anderen Adaptionen des Motivs zuzugreifen, zumal die Probleme, die der Stoff thematisiert, in unserer Zeit keine mehr oder nahezu keine mehr sind. Und die Leute, die das Stück so sehen wollen, wie es gedacht war, mit einer dem Entstehungskontext angemessenen Inszenierung zu beglücken. Dafür kann man dann auch 500 € pro Zuschauer aus dem Staatssäckel auf den Tisch legen, denn es ist Kulturgeschichte.


    Ich halte von Kulturadaption im Sinne einer zeitgemäßen Transformation nichts. Dann lieber das Motiv aufgreifen und etwas Neues schreiben.

  • Wir hatten solche Gespräche schon einige Male. Hamlet kann gern Erbe einer Software-Firma namens "Denmark" sein und im heutigen New York umherirren, so wie Ethan Hawke in der Verfilmung. Ich will mit dem nächsten Beispiel kein anderes Fass aufmachen, aber vielleicht zeigt sich daran, wie Dinge zusammenhängen. Denzel Washington spielt in einer Verfilmung von "Viel Lärm um nichts" den Don Pedro. Worauf ich hinauswill - diese Inszenierungen halten sich alle an die Interpretation des Textes und gehen nicht darüber hinaus.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Dabei handelt es sich um Adaptionen der Motive und Stoffe, nicht (im Wortsinn) um Inszenierungen der Werke. Wobei die Übergänge natürlich keine harten sind; das ist nicht disjunkt. Man kann ein und dieselbe Geschichte auf viele Arten erzählen und auch zeitlich verorten, aber es ist dann nicht mehr die Geschichte, die beim ersten Mal erzählt wurde, und nicht mit den Mitteln und Instrumenten, die für die Usprungserzählung aus guten Gründen gewählt wurden.


    Im Übrigen wurde Michael Almereydas Hamlet-Adaption mit Ethan Hawke in der Hauptrolle von der Kritik als krachend gescheitertes, selbstherrliches Experiment bezeichnet, und das Publikum hat sich nicht die Bohne dafür interessiert. Der Film hat nicht einmal seine Produktionskosten reingeholt.

  • Zugespitzt formuliert: Mir scheinen die Verhältnisse bei Aufführungen heutzutage mitunter auf den Kopf gestellt. Wer ist Koch und wer Kellner? Meiner Ansicht nach ist der Autor der Koch. Der Regisseur der Kellner. Und der Darsteller ein Hilfskellner. Diese Sichtweise scheint mir heute im Allgemeinen umgekehrt vertreten zu sein.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)