Mal kein "Hallihallo, ich bin der (oder die) und der (oder die)", sondern ein Branchenthema

  • Vielleicht sollten wir alle hier „zur Strafe“ je einen Coelho und einen fitzek rezensieren

    Ich habe "Der Alchimist" in Gänze gelesen und seinerzeit auch rezensiert. Ich würd's kein zweites Mal tun, also was von P. C. lesen. Aber bei Coelho geht es ja nicht um eine (tatsächlich fehlende) literarische Ebene; dieses banale Esogesülze ist in erster Linie belletristisch verbrämtes Ratgebergegurke für mental Schallgedämpfte mit starkem Lebenshilfebedürfnis. Der Hebel der literarischen Rezension setzt da ohnehin an der falschen Stelle an. Ein therapeutisch-pädagogischer Ansatz wäre eher geboten. :evil


    Fitzek ist nahezu generisch; mit seinem exorbitanten Erfolg nimmt er auch eine Stellvertreterposition für diese Art von Literatur(schaffenden) ein, und Scheck arbeitet sich an seinem Werk auch nur stellvertretend ab. Das ist zugleich eine bilaterale Auseinandersetzung, die vermutlich von beiden mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie wahrgenommen und geführt wird. Es ist unwahrscheinlich, dass Fitzek ebenso leidet wie beispielsweise das Ehepaar Iny Lorentz, die seit ihrem Erfolg mit "Die Wandersexarbeiter*in" und dem extrem selbstreferentiellen Folgeoutput auch öffentlich beweinen, dass sie das Feuilleton entweder missachtet oder abstraft. Auf die Idee, deshalb aufzuhören, sind sie aber vermutlich nie auch nur in den - vermutlich gemeinschaftlich erlebten - Albträumen gekommen.

  • PS: Vielleicht sollten wir alle hier „zur Strafe“ je einen Coelho und einen fitzek rezensieren 😈

    Dann habe ich die Strafe schon abgesessen, zumindest die zu Fitzek. Eine Rezension zu seinem Erstling gab es hier im Forum schon 2009. Ich habe seither nichts mehr von ihm gelesen, aber was ich damals geschrieben habe, unterschreibe ich auch noch heute: Ich verstehe die Aufregung nicht um ihn. Er ist erfolgreich, dass darf er auch sein, weil er fleißig ist. Und wer hohe Literatur lesen will, liest ihn einfach nicht. Zu Coelho sag ich jetzt mal nichts. 8-)

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Das Denis Scheck mit seiner abwertenden Kritik zu Fitzek eine Einzelmeinung darstellt, die zwar von einigen Kritikern geteilt wird (wenn auch nicht so krass), zeigt sich schon daran, dass andere (zum Beispiel Kritiker der NZZ und des SPIEGEL) seinen Romanen auch etwas positives abgewinnen können. 2016 bekam er den Ripper Award (den Europäischen Preis für Kriminalliteratur) und steht damit auf dem Treppchen mit Henning Mankel, Fred Vargas und anderen Größen dieser Sparte. Genreliteratur wird von Literaturkritikern gerne verrissen und nicht ernst genommen (ich erinnere an Reich-Ranicki und Jörg Fauser), was weniger gegen die Genreliteratur als gegen die Kritiker spricht.


    Trotzdem - was wäre Literatur ohne die Kritiker. Sie dürfen, ja müssen sich zuweilen auch heftig äußern. Wenn mann es braucht, darf man sich darüber auch ärgern.

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  • Ich verstehe die Aufregung nicht um ihn.

    Welche Aufregung? Es gibt m.E. keine. Es gibt nur einen bekannten Literaturkritiker, der u.a. die jeweils aktuelle Belletristikbestenliste begutachtet und dabei auf Fitzek gestoßen ist, und der dann - nach der Lektüre, nehme ich an - zu dem Schluss gekommen ist, dass das literarisches Unterirdentum ist, fertig.

  • Welche Aufregung? Es gibt m.E. keine. Es gibt nur einen bekannten Literaturkritiker, der u.a. die jeweils aktuelle Belletristikbestenliste begutachtet und dabei auf Fitzek gestoßen ist, und der dann - nach der Lektüre, nehme ich an - zu dem Schluss gekommen ist, dass das literarisches Unterirdentum ist, fertig.

    Ja, so wie damals Reich-Ranicki bei Jörg Fauser.

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  • Fauser und Fitzek in einem Atemzug zu nennen - heilige Scheiße, Du traust Dich was, HD. :evil Aber Du sagst ja auch, dass Erfolg haben darf/sollte/muss, wer fleißig ist. Diesen Summsebienchenansatz würde ich für die/in der Literatur ebenfalls nicht teilen. 8)

    Fauser und Fitzek haben sind anderen Genres zuzuordnen und ja, Fauser hat nach meiner subjektiven Meinung auch besser geschrieben als Fitzek. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, das Literaturkritiker schon immer Genreliteratur von der "hohen Literatur" ab- und ausgegrenzt haben. Und wenn Scheck sich traut, jemanden in die Tonne zu kloppen, dann traue ich mich auch, die Kritiker dazuzuwerfen. ;) Mal abgesehen davon, dass ich manche Kritik von Scheck und Reich-Ranicki mit Vergnügen zur Kenntnis genommen habe. Ich mache mir aber niemals ihre Werturteile zu eigen und falle auch nicht auf ihr Showgehabe herein.

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  • Scheck kloppt nicht in die Tonne, indem er "von hoher Literatur" abgrenzt. Er sagt vielmehr, das wäre überhaupt keine (was ich ganz persönlich für zustimmungsfähig halte). Und es gibt sehr, sehr viel Unterhaltungsliteratur, die bei Scheck durchaus gut wegkommt.

  • Ich habe hier ja schon viel Unsinn gelesen und nicht wenig davon auch selbst geschrieben, aber das hier haut dem Fass die Zacken aus dem Kronenüberlauf:


    Aber viele Menschen definieren sich über ihre Arbeit, und für die Mehrzahl der Künstler trifft das sicherlich in besonders starkem Maße zu. Deshalb, ja, ist über die Herabwürdigung der Arbeit eines Künstlers in der Regel auch die Person mitgemeint. Das sollte nicht zuletzt auch dem Kritisierenden bewusst sein und er das bei der Wahl seiner Mittel berücksichtigen.

    Eine "Herabwürdigung der Arbeit" (also eine negative Kritik) ist also unzulässig oder nur begrenzt oder nur mit bestimmten Mitteln zulässig, weil sich Künstler über ihre Arbeit "definieren" (und also Definitionskrisen ausgelöst werden könnten)? (Randfrage: Was ist das genau, dieses "Sich-selbst-Definieren"? Ein Künstler ist eine Person, die Kunst macht, und eine Person, die Kunst macht, ist vor allem Künstler - sowas?). Aha. Ehrlich, ich habe das noch nie so gesehen, und auch wenn es viele, viele, viele Künstler gibt, für die ihre Kunst ein Teil ihrer Persönlichkeit ist und spiegelt (denen ich mich zugehörig fühle), während viele andere einfach nur eine Arbeit machen, die sie vermeintlich gut können (auch hier bin ich irgendwie mitgemeint (was derzeit das schlechteste ist, das einem passieren kann, mitgemeint-sein)), kenne ich doch kaum einen, der behaupten würde, eine überwiegend negative kritische Würdigung seines Werkes würde erstens ihn selbst in seiner Persönlichkeitsdefinition treffen und er würde sich diese zweitens verbitten, weil das so ist, also anderen das Recht auf Kritik absprechen. Dieser unterwürfige, das Seelenheil irgendwelcher Leute über alles andere stellende Ansatz - letztlich handelt es sich um das Diktat der jederzeit Beleidigten - ist vollständig realitätsfremd, kontraproduktiv und außerdem nicht praktikabel. (Ich kenne nicht wenige Künstler, denen Kritik vollständig am Arsch vorbeigeht und/oder die sie grundsätzlich ignorieren, und je länger man dabei ist, umso stärker wird das Bedürfnis, sich auch so zu verhalten. Kritik ist nie konstruktiv, Kritik ist geschmäcklerisch, Kritik ist selbst Kunst und völlig frei. Das Wesen der Kritik besteht darin, dem Schaffensprozess die Wahrnehmung gegenüberzustellen, also Kunst in den Dialog zu nehmen, an dem die Künstler übrigens nicht notwendigerweise teilnehmen müssen, weil ihr Teil der Arbeit ja erledigt ist. Und ich kenne auch Künstler, die an so richtig bösen Verrissen erst wachsen und sich durch derlei permanent angefeuert fühlen. Die Welt ist vielschichtig. Sie sollte vielschichtig bleiben. Und, nein, lieber Juergen P., Du sprichst nicht für mich. Ich bin aber Künstler.)


    Wer es geschafft hat, in der Kultur überhaupt wahrgenommen zu werden, gehört bereits zu einer Elite, und wer es dann auch noch geschafft hat, sich umsatzmäßig in den oberen Rängen zu etablieren, der ist in mehrfacher Hinsicht privilegiert (in neutraler Konnotation, und diese Privilegien sind in aller Regel "verdient", ganz allgemein gesprochen). Diese positive Resonanz, die diese "definierende" Arbeit vermeintlich unbedingt verdient, ist also in mehrfacher Hinsicht längst vorhanden. Davon abgesehen sind nur wenige Künstler solche ignoranten Idioten, dass sie glauben, alles, was sie tun, wäre unglaublich gut, nur weil sie es sind, die das tun. Erst die Wahrnehmung und damit die Kritik validiert oder relativiert oder falsifiziert diese Arbeit, zusätzlich zu den Verkaufszahlen oder diese erklärend (und, ja, beeinflussend). Die natürlich auch (neben sehr vielen anderen Aspekten, beginnend bei der Formablehnung und längst nicht endend bei der Nominierung für einen Literaturpreis, der dann nicht die Prämierung folgt) dafür sorgen können, dass Künstler in die Sinn- und Identitäts- und sogar Definitionskrise geraten. Siehe Auflistung weiter oben. Dieser sozialromantische Ansatz, man müsse jede Arbeit würdigen, weil die schließlich das wichtigste im Leben der fraglichen Personen wäre, verkennt eine ganze Wagenladung Aspekte, vor allem aber denjenigen, dass Kunst und Kultur (aber auch die Arbeitswelt insgesamt) nicht so funktionieren, wie das dieser irren Hypothese zugrundeliegende Axiom annimmt.


    Im Übrigen war der Ausgangspunkt dieser Diskussion ja der Angriff auf die Person, verpackt als Kritik der Arbeit. Tischer (und andere, namhaftere) haben versucht, Scheck der Lächerlichkeit preiszugeben, haben an und in ihm herumgestochert, um ihr eigenes Aufspringen auf den Zug aufzuwerten. Scheck hat noch nie einen Autor als Person angegriffen, aber ich nehme an, dass er mit der an vielen Stellen geäußerten Kritik an seiner Arbeit wird leben können. In jedem Fall hat er sie sicher erwartet, denn als kluger Mensch, der Teil des Kulturbetriebs ist und der selbst Kunstwerke der Öffentlichkeit präsentiert, weiß und will er, dass es Kritik gibt, gleich welcher Art, denn wenn sich Künstler über etwas auch definieren, dann über die Wahrnehmung ihrer Arbeit.


    Ja, in unserer Welt sollte nichts in Stein gemeißelt sein, und der Umgang, den wir miteinander pflegen, gehört sicherlich zu den Aspekten, die recht viel Luft nach oben haben. Aber einfach alle Aspekte des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehens - und ihre Ergebnisse (!) - als Teil des Umgangs zu bewerten und eine Grundsatzfreundlichkeit einzufordern, die sämtliche Meta- und Produktivebenen einschließt, das hat eine Welt zum Ergebnis, in der auch das wahrlich Schlechte schließlich als gut durchgeht. Letztlich dehnt diese Forderung die Paradigmen der Identitätspolitik auf alle und alles und jeden und jede aus, und sie stellt das Wie über das Was.

  • Hallo Tom,


    ja und nein.


    Nein, denn ...

    ... eine vernichtende Kritik, noch dazu, wenn sie persönlich geschrieben ist, kann (muss aber nicht) den Künstler selber treffen, nicht sein Werk oder seine Darbietung. Mir hat mal eine Schauspielerin bei einer Premierenfeier gesagt: "Man muss damit ja nachher wieder auf die Bühne."


    Insofern denke ich, dass es einem Kritiker nicht allzu viel abverlangt (außer dass er auf seine Selbstdarstellung zu einem gewissen Grad verzichtet), wenn er bei seiner Kritik sachlich bleibt.


    Ja, denn ...

    ... wer mit seiner Kunst in die Öffentlichkeit geht, der tut das, weil er wahrgenommen werden will. Und dazu gehört auch das Risiko, dass man schlechte Kritiken erntet.

  • Natürlich trifft Kritik die Künstler. Das tut sie übrigens auch, wenn sie vermeintlich "sachlich" vorgetragen wird, und es ist ein Leichtes, vollständig und fundamental vernichtende Kritik in einer Form zu verfassen, die sich liest oder anhört, als würde es sich um eine Dissertation handeln. Die Ursache von vernichtender Kritik und von Verrissen stand in aller Regel auf der Bühne, saß am Schreibtisch oder hockte im Studio. Diese Bitte, doch auf Gemetzel zu verzichten, wo Gemetzel geboten wäre, weil einfach scheiße war, was man zu sehen, zu hören oder zu lesen bekam, mag die Seelen der Künstler schonen, aber sie hätte eine vollständige Mediokrisierung der gesamten Kultur zur Folge. Dann bitte gleich ein Kritikverbot. Und ein Verbot aller anderen Maßnahmen, die Künstler bzw. ihre Kunst irgendwie ungleich erscheinen lassen.


    Wir erzählen den Nachwuchsautoren hier, dass sie sich gefälligst keine Verwandten und Bekannten als Testleser suchen sollen, weil von denen keine ehrlichen Urteile kommen, und weil man anschließend - möglicherweise noch jahrzehntelang - etwas zu machen versucht, das man eigentlich nicht gut beherrscht und nie gut beherrschen wird. Und dann wird hier gleichzeitig verlangt, man solle Profis schonen, damit die nicht im Bett weinen? So ein Bullshit, mit Verlaub.


    Wenn ich einen fiktionalen Langtext schreibe, dann kritisiere ich die Welt mit meinen Worten, die völlig frei sind und für die ich alleine die Verantwortung trage. Wenn ich einen fiktionalen Langtext kritisiere, dann kritisiere ich einen Teil dieser Welt mit meinen Worten, die völlig frei sind und für die ich alleine die Verantwortung trage. Wenn ich das als Künstler nicht will, muss ich stattdessen Tischler oder Hebamme zu werden versuchen. Da sagt man den Leuten wenigstens schon auf dem Weg zum Profi, wenn's wahrscheinlich nichts wird.

  • Hallo Tom,


    danke dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Unsinn zu lesen und zu kommentieren.

    Dieser unterwürfige, das Seelenheil irgendwelcher Leute über alles andere stellende Ansatz - letztlich handelt es sich um das Diktat der jederzeit Beleidigten - ist vollständig realitätsfremd, kontraproduktiv und außerdem nicht praktikabel.

    Ich weiß nicht, aus welchem Teil meiner Meinungsäußerung du das herausgelesen haben willst. Ganz sicher vertrete ich nicht den Ansatz, in der Bewertung der Arbeit eines anderen Menschen diesem mit Unterwürfigkeit begegnen zu müssen. Ich gehöre auch nicht zu denen, die fordern, Kunstkritik habe grundsätzlich sanfter und freundlicher auszufallen und sich durch einen „Wuschelpuschelpieppieppiepwirhabenunsalleliebtenor“ auszuzeichnen. Aber ich stelle mir die Frage, ob es abgesehen vom Kritiker selbst zuletzt irgendjemandem etwas bringt, die Bandbreite dessen, was in unserer Gesellschaft an freier Meinungsäußerung möglich ist, auch tatsächlich bis zum Letzten auszureizen. Dass er es darf ... geschenkt. Aber muss er es auch? Und wenn er es tut, wenn er glaubt, immer noch eins draufsetzen zu müssen und mit seinen Formulierungen „Hau-den-Lukas“ zu spielen, dann kippt das Ganze irgendwann, kommt unausweichlich der Punkt, an dem zumindest in meiner Wahrnehmung die Kritik zum reinen Spektakel verkommt. Und diese Art von „Kritik“, lieber Tom, geht dann mir als Orientierung suchendem Literaturkonsumenten „völlig am Arsch vorbei“. Dass Kritik immer auch die Meinung des Kritisierenden transportiert, ist mir durchaus bewusst. Wie sollte es auch anders gehen? Aber wenn die Kritik darüber hinaus wenig bis gar nichts enthält, das mir erlaubt, die Kritik halbwegs zutreffend einzuordnen, dann stellt sich für mich zwangsläufig die Frage, wozu die ganze Übung gut sein soll.


    Dafür, dass es auch anders geht, bist du selbst das beste Beispiel. Deine Rezensionen hier im Forum lese ich immer mit großem Vergnügen. Sie sind stets sachlich und informativ und ich habe es auch bei Verrissen noch nie erlebt, dass du dich mehr mit dem Autor beschäftigst als mit diesem einen Buch, um das es geht. Am Ende deiner Rezensionen weiß ich jedes Mal, ob dieses Buch etwas für mich sein könnte oder nicht. Tatsächlich habe ich erst dreimal bewusst ein Buch aufgrund einer Rezension gekauft, die in allen drei Fällen von dir stammte (Elisabeth Strout: Die langen Abende, Stewart O’Nan: Abschied von Chautauqua, Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive).


    Aber mir geht es auch gar nicht so sehr um die Autoren, über die wir hier immer wieder reden. Die Fitzeks und Coelhos werden mit Kritiken in der Art des Anti-Kanons von Denis Scheck leben können. Vermutlich sind diese „Kritiken“ sogar wohlwollend akzeptierte Bestandteile ihres Geschäftsmodells. Aber es gibt auch die vielen anderen. Und es gibt die Literaturkonsumenten, die von dieser Art der Kritik ja auch nicht unbeeinflusst bleiben.

    Meinen Vater, der als Orchestermusiker und Solist regelmäßig mit der Kritik von Berufskritikern konfrontiert war und der wie viele seiner Kollegen unter einer schlechten Kritik regelrecht gelitten hat, habe ich in meinem Posting #27 schon erwähnt. Ein weiteres Beispiel ist ein früherer Freund, der eine Kabarettgruppe mitgegründet hatte, deren allererster(!) Auftritt in der regionalen Zeitung mit einer vernichtenden Kritik bedacht wurde, obwohl der Auftritt vom Publikum mit Applaus und ohne die geringste Missfallensbekundung goutiert worden war. Aber aufgrund der Kritik hat es keinen weiteren Auftritt mehr gegeben und die Gruppe hat sich kurz darauf auch aufgelöst.

    Mit anderen Worten: Eine einzige Meinung, die des Berufskritikers, unter dreißig bis vierzig anderen und mehrheitlich offensichtlich abweichenden Meinungen hat ausgereicht, die Gruppe auszulöschen, und hat im Falle unseres Freundes dazu geführt, dass er den Gedanken ans Kabarett frühzeitig und endgültig begraben hat.

    Mit der Tatsache, dass sich Kritiker zumindest in der Wahrnehmung ihres Publikums häufig als oberste Instanz gerieren - der Begriff "Kritikerpapst" kommt ja nicht von ungefähr - habe ich deshalb meine Probleme, und auch damit, dass immer auch Scheiße sein soll, was der Kritiker als Scheiße empfindet.

    Ja, in unserer Welt sollte nichts in Stein gemeißelt sein, und der Umgang, den wir miteinander pflegen, gehört sicherlich zu den Aspekten, die recht viel Luft nach oben haben. Aber einfach alle Aspekte des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehens - und ihre Ergebnisse (!) - als Teil des Umgangs zu bewerten und eine Grundsatzfreundlichkeit einzufordern, die sämtliche Meta- und Produktivebenen einschließt, das hat eine Welt zum Ergebnis, in der auch das wahrlich Schlechte schließlich als gut durchgeht. Letztlich dehnt diese Forderung die Paradigmen der Identitätspolitik auf alle und alles und jeden und jede aus, und sie stellt das Wie über das Was.

    Zum Teil stimme ich dir zu, dem ersten Satz ganz sicher und auch dem letzten Satz, was uns aber dennoch von Neuem mit der Frage konfrontiert, wem es zusteht, darüber zu befinden, was wahrlich schlecht ist und welche Konsequenzen das für andere hat.


    Die Meinung eines Berufskritikers mit der Meinung eines x-beliebigen Kunstkonsumenten gleichzusetzen, hieße, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Je größer die Reichweite, desto größer ist auch die Verantwortung. Oder sehe ich das falsch?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

  • Die Meinung eines Berufskritikers mit der Meinung eines x-beliebigen Kunstkonsumenten gleichzusetzen, hieße, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Je größer die Reichweite, desto größer ist auch die Verantwortung. Oder sehe ich das falsch?

    Du siehst das richtig. Es ist wie in der Politik. Wenn eine Bundeskanzlerin etwas sagt, dann wird es von mehr Menschen wahrgenommen und hat mehr Gewicht, als wenn ein Bürgermeister eines kleinen Dorfes ein Statement abgibt. Und eine Rezension von mir geht im Rauschen vieler anderer Rezensionen unter. Ein Literaturkritiker wie Scheck erreicht Millionen. Aber genauso wie man die Aussagen einer Bundeskanzerlin kritisieren darf, darf man auch einen Scheck und seine "Kritik"-Methoden kritisieren.

    Aber Kritiken an Scheck sind ganz offenbar unerwünscht. Tom hat in seinem Eröffnungsbeitrag offenbar nur Fürsprecher für Scheck erwartet. Das sollte er beim nächsten Mal dazuschreiben, dann weiß ich, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich meine Meinung äußere. An einer Diskussion ist er jedenfalls nicht interessiert. Ich steige an dieser Stelle aus.

  • Wenn ich einen fiktionalen Langtext schreibe, dann kritisiere ich die Welt mit meinen Worten,

    Das Leben. Ich würde sagen vier Sterne. Vielleicht dreieinhalb.

    Es beginnt grandios, temporeich und fantasievoll. Dann aber - spätestens ab der Hälfte - wird es doch ziemlich repetitiv und bekommt die ein oder andere Länge. Das Ende lässt mich nur noch ratlos zurück. Nur ein Bruchteil der im Text aufgeworfenen Fragen findet eine zufriedenstellende Antwort. Hat denn da nicht mal ab und zu ein Lektor drübergeguckt? Oder soll da noch eine Fortsetzung kommen?


    Trotz allem, ich habe mich nicht schlecht amüsiert. Kann man weiterempfehlen.

    8)

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

  • Hallo, Jürgen.


    Wenn Du die Augenhöhe als Maßstab ansetzt, ist die Kritik an der Kritik umso unverständlicher, denn auch Leute wie Scheck knöpfen sich keine Laien-Kabarettgruppen vor, die von den Freunden und der Familie, aus der das Premierenpublikum bestand (Leute, die Freunde haben, die Laientheater machen, kennen das), zwar Applaus bekommen, aber vermutlich doch keine wirklich konkurrenzfähige Show abgeliefert haben. Sondern er befasst sich mit den Topsellern und mit nahezu kanonisierten Autoren. Das sind keine Leute, die mit dem Zeug aufhören, weil ein vermeintlich reichweitenstarker (tatsächlich ist Schecks Einfluss längst nicht so groß wie der von MRR seinerzeit war) Kritiker erklärt, das für überschätzte Kaisers-neue-Kleidertragerei zu halten. Oder für reines Marketing.


    Ich empfinde diese Diskussionen über die Tonalität von Kritik immer wieder als irritierend, weil ich die unterstellte Schutzbedürftigkeit nicht verstehe bzw. nachvollziehen kann - wenn es um Profis geht. Aber das liegt vermutlich an mir. Dem es hier nicht um die Tonalität von Kritik ging, sondern um ihre Ausrichtung als Angriff auf die Person.

  • Hallo Tom,


    nehmen wir mal Fitzek, als Beispiel: Ich frage mich, ob man Romane, wie er sie schreibt, überhaupt besprechen muss. Dasselbe gilt auch für andere Genreliteratur. Sie wird meines Erachtens nicht geschrieben, um damit auf die Literaturseiten zu kommen, sondern weil die Autoren meistens zum einen selber Spaß daran haben, sie zu schreiben. Und weil sie zum anderen damit Geld verdienen wollen. Und es im Fall von Fitzek auch tun.


    Wenn man an diese Texte mit den Maßstäben eines Literaturkritikers herangeht, dann kann die Sache für den Autor doch eigentlich nur schiefgehen. An diese Texte müsste man meiner Ansicht nach mit einem ganz anderen Maßstab herangehen: Erfüllt der Autor das Ziel, das er sich selber gesteckt hat? Und erfüllt er die Erwartungen seiner Leser? Wenn ich etwas von Fitzek lese, dann erwarte ich keine Literatur, die es sich irgendwie zu besprechen lohnt. Dann will ich mich einfach mal für ein paar Stunden ablenken und unterhalten lassen. Den Inhalt solcher Bücher vergisst man ja meistens auch gleich nach dem Lesen wieder.


    Nebenbei gesagt denke ich, dass jemand wie Sebastian Fitzek tatsächlich über den Kritiken steht. Er braucht sie nicht. Und er weiß mit Sicherheit, dass er da keine "hohe" Kunst verzapft.

    Unbegreiflich ist mir dagegen, was Du über das Ehepaar Lorentz (ich hoffe, sie schreiben sich so) sagst. Da scheinen ja Anspruch und Ergebnis weit auseinanderzugehen.

  • Schult alle Kritiker um. Zu Bierkutschern, Versicherungsvertretern oder Seeräubern. Werner Schneyder schrieb über Theaterkritiker: "Soll er dem Regisseur einen Brief schreiben." Ja.


    Irgendwo in diesem Thread las ich eins meiner Lieblingswörter: Fremdschämen. Das ist Philistertum. Der Stil eines anderen Autors geht mich nichts an. Wenn ich seine Literatur nicht mag, lese ich sie nicht.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Es freut mich, wenn ich Dich unterhalten kann, Tom. Denk Dir nur ein "... weiter" am Ende des Satzes, dann ist auch für Dich alles tutti.


    Mir scheint, es geht in diesem Thread weniger um das Was als vielmehr um das Wie der Äußerungen. Bedauerlich.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)