• Wenn Melville seinem Mobydick ein erläuterndes langes Vorwort über Walfang vorangestellt hätte, wäre das Buch vermutlich nicht von so vielen Leuten gelesen worden.

    Melvilles "erläuterndes Vorwort" besteht recht besehen aus 16 Seiten Zitaten aus Wörterbüchern, Forschungsliteratur, Romanen, Goethes Gesprächen mit Eckermann etc., dann folgen 132 enzyklopädieartige Kapitel über die Sozialgeschichte des Walfangs. Erst auf den letzten nicht mal 30 Seiten (von insgesamt 913 ) geht es richtig mit der Jagd auf den weißen Wal los. Mit anderen Worten: Selbst Romane, die fast nur aus Einleitung bestehen, werden - aus welchen Gründen auch immer - "von so vielen Leuten" gelesen. :)

  • … Mit anderen Worten: Selbst Romane, die fast nur aus Einleitung bestehen, werden - aus welchen Gründen auch immer - "von so vielen Leuten" gelesen. :)

    Ja, das wundert mich auch manchmal. Der fast hundert Seiten lange Prolog von G. Haefs Hannibal hat mich sowas von genervt - und doch hat der Autor damit einen Bestseller gelandet.


    Zu Melvilles Zitatensammlung: Die sind, so gesehen, kein erklärendes Vorwort sondern etwas, was man schnell überblättert und tatsächlich wird dieser Teil gerne auch fortgelassen. Von den vier Ausgaben, bei denen ich das (online und offline) schnell überprüft habe, hat exakt eine diesen unsäglichen Vorspann. Hätte Melville hier im Forum angefragt, ob das so gut ist, hätten ihm garantiert die hier schon vorstellig gewordenen Kritiker gesagt, das gehört als Glossar nach hinten ins Buch. :-)

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Räuber und Räuberbanden im deutschsprachigen Raum

    ASIN/ISBN: 3955402649


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Wortkunde und Aus dem Schrifttum haben ihre Bedeutung und können nicht einfach verschoben werden, das wäre auch ein ungehöriger Eingriff in ein Kunstwerk. Okay, der Leser kann natürlich machen, was er will.

  • Wortkunde und Aus dem Schrifttum haben ihre Bedeutung und können nicht einfach verschoben werden, das wäre auch ein ungehöriger Eingriff in ein Kunstwerk. Okay, der Leser kann natürlich machen, was er will.

    Es wurde häufiger gemacht, als manche(r) das wahrhaben will und es wird immer noch gemacht.


    Und mal ganz provokativ gefragt: Wie weit darf Lektorat gehen? Da wird manchmal schon im Vorfeld der Veröffentlichung in ein Kunstwerk "eingegriffen".

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    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Ich bekenne mich, ein ganz böser Vorwort-Überspringer zu sein. Wenn ich einen Roman lese, dann will mein Gehirn in die Welt der Geschichte des Buches aufgesogen werden und nicht durch ein sachliches oder belehrendes Vorwort. Es sollte zudem die Aufgabe der Geschichte sein, mir durch die Sicht der Protagonisten das Bild zu vermitteln, dass die Message rüberbringt, die der Autor an seine Leser transportieren möchte. Da empfinde ich das Vorwort als hemmend oder überflüssig. Besser wäre es meiner Meinung nach, Du würdest vielleicht zwei Personen innerhalb des Buches miteinander in einem Dialog über das Thema diskutieren lassen und die Intention des Buches in eingewobener Form an den Leser transportieren. Oder aber ein Protagonist sieht in der Geschichte in einem Kino Fifty Shades und führt einen inneren Monolog darüber.

  • Ich bin ja ein Fan des erklärenden Nachworts. Und meine Fans lieben meine Nachwörter. --u:-)

    Und manche Fans lesen die dann zuerst ;)


    Letzens habe ich einen "Renk" aus einem öffentlichen Bücherschrank gezogen. Dann habe ich mich auf die nächste Bank gesetzt und geguckt, was hinten steht. Das interessanteste war, das dort viele Ausrufezeichen und Anstreichungen mit Bleistift zu finden sind. Der oder die Erstleser/in hat das Buch sonst unbeschädigt gelassen, aber diese Bleistiftorgie hinten im Nachwort war wohl wichtig.

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  • Ich empfehle ein Zitat von Dieter Nuhr, welches darfst du dir selber heraussuchen

    Die Empfehlung wurde schon mehrfach ausgesprochen. 8) Du kannst allerdings genauso gut versuchen, mit einem Buddelschippchen das Mittelmeer leerzuschöpfen. O'stelbe ist komplett merkbefreit.

  • Ich bin sehr interessiert an dem Thema, habe viel gelesen, recherchiert und auch ausgelebt. Auch habe ich die ein oder andere Kurzgeschichte in dem Genre geschrieben. Natürlich würde es der BDSM-Welt gut tun, ein paar Klischees und Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Und auch mehr Toleranz und Akzeptanz dafür wäre wünschenswert. So ein Buch könnte prinzipiell interessant und lesenswert sein.


    50 SoG habe ich nie gelesen, nur viel negatives beim Austausch mit "BDSMlern" gehört. Ich habe ca. 2 - 3 Jahre damit verbracht dieser Welt näher zukommen und bin auch auf die vielen "Möchtegern-Doms" gestoßen, die anscheinend dank 50 SoG überall ungefragt auftauchen und dem Ruf der BDSM-Welt eher schaden.


    Dieses Vorwort allerdings... der Bezug auf ein anderes Buch. Das finde ich nicht gut. Braucht es dieses Vorwort wirklich für jemanden, der Interesse an diesem Thema hat? Ich denke nicht. Und jemand der kein Interesse daran hat, wird das Buch nicht kaufen, ob mit oder ohne Vorwort.


    Auf jeden Fall finde ich sollte der Bezug zu 50 SoG weg. Es geht doch um deine Geschichte, deine Sichtweise und deine Idee dahinter. Am Ende kannst du immer noch Danke sagen, dass 50 SoG dafür gesorgt hat, dass das Tabu zu dem Thema kleiner geworden ist. Und klarstellen, dass vermutlich ein falsches Bild vermittelt wurde.

  • Ich kenne die Bücher von E. L. James nicht und habe mit BDSM nix am Hut. Deine Frage richtete sich ja an genau solche Leute, ob diese mit der Einleitung dennoch etwas anfangen können. Das muss ich leider verneinen. Ich wüsste aber auch nicht, warum ich mir überhaupt so ein Buch kaufen sollte, wenn mich das Thema nicht interessiert?

    Ich kaufe mir ja auch kein Buch über Yoga, wenn ich nicht vorhabe, damit anzufangen ...


    Zu deiner Aussage: "Ich habe das Buch auch nicht geschrieben, um Vanillas zum BDSM zu bekehren. Wer mit seinem Blümchensex glücklich ist, soll auch ruhig dabei bleiben."

    "Vanillas" musste ich erstmal googeln und zu behaupten, alles ohne BDSM sei Blümchensex, finde ich doch selbstgefällig und eher unsympathisch.

  • „Fifty Shades of Grey“ hat seinen Ursprung ja in der Twilight-Fan Fiction, und da liegt meines Erachtens auch ein Hauptknackpunkt, warum es wenig Sinn hat, darauf zu zeigen und zu sagen: Ist ja eigentlich alles ganz anders. Genauso könnte man einem kleinen Kind sagen, dass es keinen Osterhasen und keinen Weihnachtsmann gibt. Ich unterstelle: die durchschnittliche Leserin dieser Reihe möchte nicht wissen, wie’s „in Wahrheit“ ist. Wenn ich Märchen (oder Heftromane) lese, will ich dann etwa mit der Nase drauf gestoßen werden, dass auf die meisten schüchternen, unscheinbaren jungen Frauen dann eben doch kein Prinz auf einem weißen Pferd wartet? Eben drum!


    Die Romanreihe ist Allgemeingut geworden, die musste man nicht verstecken, konnte man zur Not auch in der U-Bahn lesen, so, wie Fetischmode auch immer mal wieder in Hochglanzmodemagazinen Einzug hält. Durch die Bücher ist ein unvollständiges, schräges bis hin zu falsches Bild vermittelt worden. Den Wunsch, dem etwas entgegenzusetzen, kann ich gut verstehen. Bücher und Filme (?) liegen allerdings schon eine ganze Weile zurück, und ich würde mich eigentlich wundern, wenn das noch niemand gemacht hätte (was an sich kein Hinderungsgrund wäre). Ich vermute aber, dass die Zielgruppe der Romanleserinnen nicht erreicht würde, aus dem eingangs genannten Grund, während man diejenigen, die BDSM praktizieren, nicht aufklären muss, was in „Fifty Shades of Grey“ alles verkehrt ist. Mithin: schwierig.


    Am Rande, kann man ja auch das hier angeführte „Moby Dick“ „erklären“. Geht’s da nur um die Bezwingung der Natur und eine platonische Männerfreundschaft? Wenn nicht: Dann musste Melville in seiner Zeit uneindeutig bleiben, um nicht gesellschaftlichen Selbstmord zu begehen, während James in ihrer Zeit aus dem Vollen schöpfen konnte, dabei aber umso mehr in den Bereich der Fantasie abgeglitten ist. Auch eine Art Verbrämung, wenn man’s so sehen wollte …