Beiträge von Jürgen

    Die beinahe durch die Bank falsche Verwendung des Adjektivs "virtuell". Eine "virtuelle Konferenz" ist nicht wirklich virtuell, sondern tatsächlich und real. Virtualität und die Verwendung digitaler Medien sind nicht das gleiche.

    Adjektive drücken nicht nur Eigenschaften eines Dings aus, sondern auch die Herkunft, den Stoff etc. So hat das "väterliche Haus" keine väterlichen Eigenschaften wie ein zweiter Vater, sondern es ist natürlich im Besitz des Vaters. Auch der "französische Wein" stammt aus Frankreich und hat keinen französischen Pass. Bei "virtueller Konferenz" erleben wir vielleicht gerade, dass aus einem Eigenschaftswort ("virtuelle Welt") ein Herkunftswort wird: Die Konferenz findet im virtuellen Raum statt.

    Alle Achtung, da wollte ich gerade aufbegehren und schreiben, solche Wörter wie "Beherbungsverbot" (z.B.) gibts längst. Tatsächlich finde ich die nicht im Wörterbuch der Grimms noch im Duden. Vielleicht müsste man letzteren aus der Zeit der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mal prüfen, könnte mir denken, dass es das da drin schon gab, aber im aktuellen "vor Corona" war er nicht vorhanden. Gilt auch für ein paar andere, die ich überprüft habe. Endlich bin ich bei "Epizentrum" fündig geworden. Das Wort ist nicht neu, das gibt es schon lange. :nick

    "Beherbergung" steht im Duden schon 1929, fehlt allerdings im Sprachbrockhaus 1935. Die Kombi "Beherbergungsverbot" ist somit noch nicht im allgemeinen Wortschatz gewesen, was nicht heißt, dass es im Einzelfall schon mal gefallen ist.

    Beim "Epizentrum" hast du vielleicht den Wortwitz nicht verstanden oder ich deinen nicht ;)

    Interessant (und vorher auch bekannt gewesen) ist, wie produktiv die Nomen-Komposita sind, die von einigen doch so verpönt sind.:)

    Ich habe mir gerade die Geschichte "Q'topia" von Frank Schulz angehört, die an Beschreibungen von Details eines Bachlaufs geradezu überquillt. Die Aufgaben dieser Beschreibungen gehen über die Mobilisierung der Leserfantasie weit hinaus. Sie sorgen für den schulztypischen Erzählwitz, die Sprachmelodie, aber auch auf den Verweis auf andere Zusammenhänge, zum Beispiel bekommt anhand dieser Geschichte der Begriff "konkrete Utopie" eine neue Bedeutung. Aber (für mich großes Aber) mir fehlt etwas der allegorische Charakter dieser Details, der Verweis auf die "Geworfenheit" der menschlichen Existenz etc. Kann natürlich auch sein, dass ich vor lauter Binsen und Röhricht den Bruch nicht seh :)

    Ich habe mich in der letzten Zeit immer öfter gefragt, wieso meine Eltern und Großeltern nie etwas über die Spanische Grippe erzählt haben, diese fürchterliche Pandemie, die ziemlich genau vor hundert Jahren noch während des Ersten Weltkriegs ausbrach und Millionen Opfer forderte. Geschichten von den Weltkriegen wurden erzählt, wobei die beiden immer als der "Krieg" bezeichnet wurden, aber es war immer klar, welcher von beiden gerade gemeint war. Aber die Pandemie, die wir heute "Spanische Grippe" nennen und an der bestimmt auch Verwandte gestorben sind, scheint in den Erinnerungen der Familie nicht zu existieren.

    Nun bin ich zufällig auf eine Textstelle gestoßen, die vielleicht etwas Licht in die Sache bringt. In einer fabelartigen Geschichte, die der Philosoph Ernst Bloch in seinen "Spuren" erzählt, sucht ein Vater seine Tochter, die er in den Wirren am Ende des Ersten Weltkriegs aus den Augen verloren hat. Monate oder Jahre später erhielt er die Nachricht, dass sie in München als Schauspielerin lebt. Als er in München eintraf, erfuhr er, "daß die junge Schauspielerin vor einem Monat an der Grippe gestorben sei".

    Zunächst scheint die Geschichte eine scheinbar ungewöhnliche und unerhörte Wendung zu nehmen, denn es ist normaler Weise nicht üblich, dass gerade junge Menschen an der "Grippe" sterben, aber der zeitgenössische Leser weiß, da die Geschichte in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg spielt und ein junger Mensch (die am stärksten betroffene Bevölkerungsgruppe) stirbt, dass es sich höchstwahrscheinlich um die "Spanische Grippe" handelt. Aber wieso nennt Bloch diese Krankheit mit dem Allerweltsnamen "Grippe", obwohl sie ja, wie damals doch jeder wissen musste, keine normale Grippe war?

    Es scheint doch so, dass auch Bloch, ein Philosoph von enzyklopädischer Bildung, keinen Begriff oder Namen, kein Wort für die Erscheinung "Pandemie" hatte.

    Heute scheint es anders zu sein: Damals hatten die Menschen einen Begriff von "Weltkrieg", weil diese Erscheinung sie nicht nur persönlich betraf, sondern auch in der Zeitung stand. Heute ist die aktuelle Pandemie bis zum Überdruss mediales Thema. Außerdem haben wir anhand des Mediums Internet und der Erfahrung mit Computer-Viren durchaus schon ein Wissen vorgeprägt bekommen, mit dem wir uns eine weltweite Ausbreitung von realen Viren vorstellen können. Jetzt haben wir den Namen "Pandemie" in unserem Wortschatz gespeichert, so dass wir die Gefahr auch erkennen können. Und es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass die sich selbst so genannten "Querdenker" die Pandemie gerade nur als "Grippe" sehen wollen.

    Ich drucke jede Seite mindestens zehn Mal aus und korrigiere auf dem Papier und beim Eintippen auf dem Bildschirm. Die endgültige Fassung hat mit der ersten nicht mehr viel zu tun. Die besten Ideen entstehen erst beim Überarbeiten, wenn der Flow einsetzt und ich, ohne zu überlegen, nur noch das aufschreibe, was sich mir diktiert.

    Hurra, es gibt hier auch Systemtheoretiker. Sprache als höhere Emergenzstufe, die über unsere Köpfe hinweg ein "Eigenleben" entwickelt.

    Nur bei der "Vervollkommnung" gehe ich nicht mit. Da halte ich es mehr mit solchen Theoretikern wie Maturana und Varela, die von "Evolutionärer Drift" (anstelle einer Bewegung auf ein Ziel hin) sprechen.

    OT: Das von mir vertretene dialektische System wäre eben auch teleologisch und zweckgerichtet zu verstehen. Das ist natürlich ein Punkt, den die analytische Philosophie ablehnt. Aber die Vervollkommnung (okay, etwas übertrieben formuliert) der Sprache besteht im Moment gerade darin, dass sie - ablesbar an der Wortschatzerweiterung - immer genauer in der Ausdrucksfähigkeit wird.

    fehlübertragenen Anglizismus

    So was gibt's eben nicht, jedes Fremdwort wird von der Empfängersprache verarbeitet, der Grammatik unterworfen, durchgenudelt und verwurstet. Wenn man die aufgenommenen Wörter wie Fabrik, Industrie, Telefon etc. etc. nimmt, dann haben die nicht mehr viel mit den Ursprungswörtern zu tun. Diese Anverwandlung ist der Normalfall. Wenn man diesen Vorgang in seiner Aktivität würdigt, dann liegt der Schluss nah, dass die Integration von Fremdwörtern ein Zeichen der Stärke und Lebendigkeit der Empfängersprache ist. Dies ist auch ein Vorgang, den die Sprache als System vollzieht, da greifen Mechanismen, die gehen nicht durch das Bewusstsein der Sprecher, deshalb ist auch die Lächerlichmachung von Sprechern, die die neuen Tendenzen der Sprache ausprobieren und letztlich in die Welt setzen, selbst eine lächerliche Attitüde. Die Sprachkritiker stellen die Wirklichkeit geradezu auf den Kopf: Nicht sie, sondern die "bildungsfernen" Schichten scheinen das Gespür für die Weiterentwicklung, und das heißt: Vervollkommnung unserer Sprache zu haben. Ich wiederhole das Beispiel: Mit sicheren Griff fischt sich die Mehrheit der Sprecher die Wörter mit lateinischen Wurzeln aus dem Englischen (dessen Wortschatz bekanntlich zu Zweidritteln aus altfranzösischen Wörtern besteht); schon aus diesem Herkunftsgrund ist der Begriff "Anglizismus" falsch, letztlich dient er so nur als Bezichtigungsbegriff.

    Aber ich glaube, es ist einfach schwierig, über Sprache zu diskutieren, weil sie uns so nah geht, und wir dabei in Bildern denken, die fest in uns verwurzelt sind. So ähnlich ist es ja auch bei der von den gebildeten Schichten zu verantwortenden "gendersensiblen" Sprachreform.

    Vielen Dank für die angeregte Diskussion, hat Spaß gemacht... Uuups: Spaß machen... geht denn das, kein Ding, kein Zustand, kein Gaspedal... :blume

    Aber auf meine These, dass "Sinn machen" den Prozess des Sinnaufbaus ausdrückt (wie es auch "Sinn ergeben" macht, aber dies mit finalem Akzent), wurde nicht ernsthaft eingegangen. Dass Deppen, die

    sich intellektuell bestenfalls knapp oberhalb der Armutsgrenze bewegen

    zur Verfeinerung unserer Sprache beitragen, kann einen schon zur Verzweiflung treiben. Aber vielleicht entwickelt sich die Sprache ja ganz anders, als Hänschen es sich so vorstellt (nämlich immanent, gemäß eigener Gesetzmäßigkeit: der Steigerung der Differenzierungsfähigkeit (=hat schon Jacob Grimm herausgefunden)). Wir würden uns vorsätzlich selbst verblöden und uns sogar unterhalb die intellektuelle Armutsgrenze katapultieren, wenn wir unsere Sprache auf den Stand von 1950 einfrören. :)

    Viele Grüße

    Jürgen

    Anglizismus

    Es gibt keine "Anglizismen", also eine Art "englische Wörter", die sich im Deutschen breitmachen, das ist pure Ideologie. "Shoppen" stammt ursprünglich aus dem Lateinischen, und zwar über das altfranz. eschoppe, das noch in unserem heutigen "Schuppen" steckt. Shoppen ist also wie jedes Fremdwort ein "Wort der deutschen Sprache" (Eisenberg), das der Schreibweise (Doppel-p); der Lautung und vor allem der deutschen Grammatik angepasst wird. Wir sagen eben "du shoppst" (statt du shop) wie wir "dem Shop" den Genus Maskulinum und den Kasus Dativ geben: So ist es kein englisches Wort mehr und folglich auch kein "Anglizismus".

    Hallo,

    in einem anderen Zusammenhang kam die Frage auf, was es mit der Wendung "es macht Sinn" auf sich hat. Ein Abstecher ins Internetz belehrt, "'Sinn machen' wird niemals Sinn ergeben". Und der unvermeidliche Max prägte das goldtene Wort: dies sei ein "primitiver Übersetzungsanglizismus" von "it makes sense".

    Das kennt man ja, wenn unserer Sprache was Neues einfällt, dann werden die Sprecher als dumm, faul und primitiv beleidigt, weil sie angeblich aus dem Englischen eine Wendung klauen, statt eine schon vorhandene deutsche zu benutzen.

    Aber "Sinn machen" macht durchaus Sinn, wenn man sich mal nüchtern darauf einlässt.

    Sich von anderen Sprachen beeinflussen zu lassen, ist nun keine spezielle Eigenart des Deutschen, das gilt natürlich auch für das Englische. Sinn / sense kommt von lat. sensus, machen / make von griech. mássein, was "Lehm kneten für den Häuserbau" heißt. Bildhaft übersetzt heißt "Sinn machen" also: es wird gerade der Sinn geknetet. Dies scheint ein neuer Bedeutungsaspekt zu sein. Während "es hat Sinn" bedeutet, dass ein Sinn schon fertig, vorhanden ist (hier dominiert der perfektive Bedeutungsaspekt), hebt "Sinn machen" gerade auf den Prozess des Sinnentstehens, des Knetens ab, kurz bevor er ganz fertig ist (hier dominiert der durative Aspekt). Die Wendung "Sinn ergeben" scheint zwischen beiden Aspekten zu schweben, jedoch wird dabei der Prozess vom Ende, vom Ergebnis ("ergeben") her akzentuiert. Simsalabim: so füllt also "Sinn machen" gerade eine Bedeutungslücke in unserem Wortschatz, die sonst nur umständlich umschrieben werden könnte.

    Ob nun diese Wendung wirklich aus dem Englischen abgeguckt wurde? Erstens: na und? ist das schlimm? Zweitens sind das Deutsche und das Englische so sehr miteinander versippt und verschwägert, dass es auf solchen Kinderkram auch nicht mehr ankommt. Drittens: Vielleicht sind diese Wendungen in beiden Sprachen auch unabhängig von einander, aus der jeweils eigenen Sprachlogik entstanden, um gerade das Prozessuale auszudrücken, womit die indogermanischen Sprachen, die immer um ein Ding, das Substantiv, kreisen, so ihre Schwierigkeiten haben. Insofern hat "Sinn machen" sogar eine welteröffnende Dimension, als sie uns keine fix und fertige Welt präsentiert, die uns überwältigt, sondern eine Welt, die sich im Fluss befindet und in der der Sinn erst noch geknetet wird.

    Hi Ben,

    Kafkas Werke sind ebenso alt, aber stilistisch heute noch (für mich) brillant. Also das ist kein Argument. Wer Schwulst noch als Maßstab propagiert, hat entweder keine Ahnung, oder er plappert nur nach. Mich dünkt, das ist eine landestypische Eigenschaft, weil er als gesichert gilt in der Literaturwelt, ist man vermeintlich unangreifbar. Ich sage, selbst denken, lesen, Hirn einschalten.

    Dieses Zauberberg-Zitat erscheint "schwülstig", weil der "Schwulst" die Personen charakterisieren soll, die mit ihrem von der Wirklichkeit abgehobenen Geschwätz in der Anstalt auf dem Berg im Begriff sind, in den Ersten Weltkrieg zu schlittern, das heißt, die trotz ihrer Bildung und vorgeblichen Zivilisiertheit mit einem Male der Barbarei verfallen. Hier wird ein Bürgertum charakterisiert, das wenige Jahre später halb Europa massakrieren und in Schutt und Asche legen wird. Insofern ist es nachvollziehbar, den "Schwulst" (der eigentlich ironisch wirken soll) abstoßend zu finden.

    Den Thomas Mann Kult werde ich nie verstehen, der muss einer besonders gründlichen Gehirnwäsche des deutschen Bildungssystems obliegen. Man stelle sich vor, sowas lieferte einer in der BT- Runde ab:

    Ich nenne das die Sprache der Weimarer Republik, die uns in der Zeit des Nationalsozialismus ausgetrieben wurde. Es gab in der Bundesrepublik noch Autoren, die über die Emigration hinaus an dieser Sprache festhielten, wie zum Beispiel (wenn ich noch mal Werbung für den 42er-Blog machen darf:) Peter Weiss.

    Ob eine besonders gründliche Gehirnwäsche des deutschen Bildungssystem ausreicht, die Erinnerung an diese (etwas gemein gesagt: ) "Bügelfaltenprosa" (Alfred Döblin) wachzuhalten, bezweifle ich. Wenn es keine Autoren mehr gibt, die mit ähnlich feiner Ironie schreiben, gibt es bald auch keine Leser mehr, die Vergnügen daran finden. Ein Teufelskreis.

    Aber wie Thomas Mann kann man meines Erachtens nur schreiben, wenn man einen entsprechenden Freundes- und Familienkreis hat, in dem auch so gesprochen und diskutiert wird.

    Ich lerne von meiner Nachbarschaft. Meine Prosa orientiert sich am neuesten Stand der Sprache aus meinem Stadtteil.

    Das Gedicht ist das letzte große Werk des (Hoch)Mittelalters. 1348 überrollte die erste Pestwelle Italien, ein Ereignis das nach Auffassung vieler Historiker (neben dem Schießpulver) ein wesentlicher Auslöser der Renaissance war. Die unmittelbaren Nachfolger von Dante - Boccaccio und Petrarca - gelten daher bereits als erste Autoren der Renaissance.

    Zu Boccaccio hat auch unser Blog was zu sagen. 8)

    Die Brüder Grimm haben vieles umgeschrieben, zeitgemäßig und moralisch einwandfrei, der Zeit geschuldet.

    Genauer: Sie (d.h.v.a. Wilhelm) haben diese spezielle Form des Kunstmärchens, eben das Grimmsche Märchen, erfunden. Sie scheinen sich nie offen zu ihrer Urheberschaft geäußert zu haben, allenfalls implizit, da sie die Märchen unter ihren Namen veröffentlichten.

    Hallo,

    Gedanken zählen zur Personenrede und können direkt oder indirekt ausgedrückt werden.

    Er sagt / denkt: "Schönes Wetter."

    Er sagt / denkt, dass das Wetter schön ist.

    In literarischen Texten der Moderne kann der personale oder Ich-Erzähler Gedanken und laute Rede auch ohne Markierung äußern (weil Erleben, Handeln, Rede und Gedanken und Gefühle auf einer Sinnebene stehen sollen):

    Er guckt aus dem Fenster. Geil, Sonne. Helga, ich lad dich zum Eis ein!