Beiträge von Jürgen

    Ich bin ganz d'accord mit dem Cherusker-Chrupalla: Heine ist der Größte (nach Goethe):


    Das ist der Teutoburger Wald,

    Den Tacitus beschrieben,

    Das ist der klassische Morast,

    Wo Varus stecken geblieben.


    Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,

    Der Hermann, der edle Recke;

    Die deutsche Nationalität,

    Die siegte in diesem Drecke.

    (...)

    Wir blieben deutsch, wir sprechen deutsch,

    Wie wir es gesprochen haben;

    Der Esel heißt Esel, nicht asinus,

    Die Schwaben blieben Schwaben.

    8)

    Das sich der Sprachwandel in dieser speziellen Sache gegen die Absichten der aktuellen Bestrebungen vollzieht, gestehe ich gerne zu. Aber er kann sich nur vollziehen, weil es eben Absichten in dieser Hinsicht gibt. Wenn niemand über das Gendern reden würde, gebe es auch nichts, was sich da bei der Sprache vollziehen könnte. Ohne Geräte, die man Handy nennen kann, gäbe es den Begriff nicht. Sprache und Sprachentwicklung ist nicht abgekoppelt von den Umständen, mit denen Sprache sich verbindet.

    Das Weglassen des Artikels bei "Baerbock" ist das Gegenteil von Gendern! Ich wiederhole mich gerne: Die Sprache ist das einzige von Menschen geschaffene System, das reibungslos funktioniert und das, meiner Ansicht nach, auch den größten und wichtigsten Gedanken vorgeformt hat: Den Gedanken der Allgemeinheit, d.h. der Gleichheit der Menschen. Wer wagt es denn, da reinzupfuschen?!

    Und beim "Handy" sind es mindestens zwei Sachen, die zusammenkommen: Erstens bildet es den Faustkeil der Moderne 4.0 ab, ohne den wir unser Leben gar nicht mehr vorstellen können; zweitens hat der Sprachnutzer dabei ja tief in das Archiv der Wortgeschichte gegriffen: "hantieren" mhd.: Kaufhandel treiben, handeln, vertreiben; sich einrichten. Passt das nicht wunderbar? Meine Frau Soraya jedenfalls checkt mit ihrem Handy immer die Angebote bei Ebay-Kleinanzeigen und kauft ständig Rasenkantsteine, Glastüren für Billyregale und Inliner für unser Patenkind. So was geht doch nicht mit einem "Mobiltelefon".:)

    Das Gendern in seiner aktuellen Form - der Verwendung des Sternchens oder eines Unterstrichs oder Doppelpunkt vor der Zusatzendung - markiert den vorläufigen Endpunkt eines Versuchs, der in den Siebzigern begonnen hat und dessen prominentestes Ergebnis bislang das Binnen-I war, das immer noch von einigen Menschen verwendet wird. So, wie das Konstrukt selbst, ist auch die Debatte darüber kein Ergebnis eines Vorgangs, der durch die Sprachnutzer ausgelöst wurde, sondern erdacht, konzipiert und geplant (wobei es sich nur teilweise um eine koordinierte und strukturierte Planung handelte). Die dahinterstehende Absicht ist fast ausnahmslos eine politische, und das Gendern ist ein Haltungskennzeichen. Eine vermeintliche Sprachgerechtigkeit zu etablieren, ist längst nicht sein einziger, möglicherweise nicht einmal sein Hauptzweck. Der besteht darin, jene zu markieren, die sich der damit verbundenen Haltung nicht anschließen wollen.

    Also wir haben früher immer gesagt: Viel Feind, viel Ehr. Die ganze Aufregung lohnt doch nicht. Aus dem obigen Artikel lernen wir, dass der gelenkte Sprachwandel nicht funktioniert, im Gegenteil, der natürliche läuft ihm still und heimlich den Rang ab. Vielleicht sollte man die Bestrebungen mit aller Kraft unterstützen und ihnen einen ordentlichen Schubs mitgeben, damit der Spuk schneller endet.

    Sprache ist ein System, das nach eigenen Gesetzen und sozusagen unabhängig funktioniert?

    Ja, ein von Menschen reproduziertes, aber nach eigenen Regeln funktionierendes System. Da wir die Sprache bewusst-unbewusst erlernen und nutzen, sind uns die Regeln, nach denen wir sprachlich handeln, auch nicht bewusst. Auch wenn wir sprechen und schreiben können, kennen wir noch lange nicht die Sprache. Deshalb ist eine Wissenschaft nötig, die die Regeln erforscht. Genauso müssen wir unseren Kopf anstrengen, um Natur und Gesellschaft zu verstehen, obwohl wir als mit Bewusstsein begabte Wesen mittendrin stehen.

    Ich wiederhole mich: Obwohl Sprache Mittel und Ausdruck des Denkens ist, ist es doch nicht auch Produkt bewusster Entscheidungen. Sie ist ein System, das nach eigenen, erst im nachhinein zu erkennenden Gesetzen funktioniert. Deshalb ist es auch nicht legitim, natürlichen Sprachwandel zu bewerten. Wenn man einen Sprachverfall bei "Handy" bedauern will, dann verzichtet man bewusst darauf, den guten Sinn für diese Wahl herauszufinden. Sprache ist nicht dumm, vor allem sind es nicht die Nutzer (=Mehrheit), die den Wandel unbewusst und unbeabsichtigt vorantreiben und unsere Sprache immer differenzierter und ausdrucksfähiger machen.

    An dem Beispiel "Baerbock" ist das wunderbar zu studieren. In unserer aktuellen Sprache wird auf das "die" verzichtet, das heißt: Am Namen "Baerbock" wird das Weibliche unsichtbar gemacht, gerade weil das weibliche Geschlecht bei der Kandidatur um ein politisches Amt unwichtig ist, genauso unwichtig wie die Religion, Haarfarbe, Körpergröße etc. etc. Hier wird also in einem konkreten unabweisbaren Fall die Sprache etwas gendergerechter, indem sie etwas Allgemeines, Übergreifendes sichtbar macht, nämlich dass es um einen Menschen geht, bei dem von allem Konkreten abgesehen wird. Jedes Wort ist ein Allgemeines, das alle weniger wichtigen Aspekte unter sich subsumiert.

    An Horst-Dieter: Dieser Sprachwandel vollzieht sich somit gegen die Absichten, die in den aktuellen Bestrebungen um eine gerechtere Sprache verfolgt werden. Dies nimmt die Autorin auch als einen Beleg dafür, dass das Gendern unserer Sprache keinen Schaden zufügen kann.

    Wir erleben ja gerade in Deutschland die Bemühungen um eine gendergerechte Sprache auf dem Weg eines gelenkten Sprachwandels mit all ihren Vor- und Nachteilen. Dabei kann man glatt übersehen, dass auch der natürliche Sprachwandel (der eben nicht von staatlichen und institutionellen Instanzen gelenkt wird) vorangeht. In einem Artikel der FAZ vom 2.9.21 (Sichtbar oder gleichwertig?), der leider noch nicht frei ist, schreibt die Potsdamer Linguistin Heide Wegener u. a., dass in den Jahren 2011 bis 2014 die Medien das Geschlecht der Politikerinnen häufiger hervorgehoben haben als bei männlichen Politikern, also es hieß häufig "die Merkel" einerseits, aber "Schröder" andererseits. "Dieser Sprachgebrauch war diskriminierend", sagt sie. Heute (2021) dagegen wird in Funk und Presse am häufigsten "Baerbock und Habeck", ohne Artikel (der / die) oder Anrede, verwendet, beide Geschlechter werden gleich behandelt. Und dieser Sprachwandel scheint sich ohne Zwang und Leitfaden, ohne unsere bewusste Absicht, durchgesetzt zu haben.

    Geschaffen hat? Ich denke, dass ist kein Sachverhalt. Beeinflusst möglicherweise. Aber auch das kann diskutiert werden.

    Reich-Ranicki aktualisiert in seinen Kritiken nicht etwa die Thomas-Mann-Tradition der Weimarer Kultursprache, sondern die Sprache der Sachlichkeit von Kästner und Tucholsky - allerdings ohne den Humor. Dies ist exakt die Sprache von Ani bis Zeh.

    Auch Goethe, Schiller und Heine (um nur diese Namen zu nennen) haben harte und beleidigende Urteile über Autoren und Bücher gefällt, aber sie haben zwei "Prämissen" beachtet: die Beleidigungen waren erstens klug und zweitens elegant formuliert. Was wäre Heines "Wintermärchen" ohne persönliche Beleidigungen? Da wird von der Erfolgsschriftstellerin Charlotte Birch-Pfeiffer behauptet, sie "söffe Terpentin", damit sie ihren Urin, also ihre Romane und Theaterstücke, wohlriechend bekam. Das ist zweifellos ad hominem, aber eben auch klug und in wunderbare Verse gefasst.

    Vielleicht könnte man sagen, dass diese Art Kunstkritik auch eine politisch-ideologische Dimension hat, die sich gegen einen politisch und gesellschaftlich reaktionären Trend richtet.

    Aber daneben gibt es auch aufbauende und solidarische Kritik, zum Beispiel wie Goethe und Schiller (die sich bekanntlich immer respektvoll gesiezt haben) sie untereinander pflegten. Diese Kritik ist klug, elegant, aber nicht beleidigend. Ohne diese Kritik gäbe es wohl keinen Faust und keine Maria Stuart.

    Und drittens gibt es die verkaufsfördernde Kritik, so hat ja Schiller auch anonyme Verrisse über eigene Werke geschrieben, um den Verkauf anzukurbeln.

    Viertens gibt es Reich-Ranicki, der mit dem Duktus seiner Kritiken die moderne bundesrepublikanische Literatursprache beeinflusst, um nicht zu sagen: geschaffen hat. Ein bislang völlig übersehener Sachverhalt.:)

    dass man sich für schlauer halten will als das überindividuelle System.

    1. meinte ich "schlauer" wohl mehr im metaphorischen Sinn. Wer also viel äht und ähmt, folgt einer Regel oder Logik, die er nicht bewusst intendiert hat, die seine Rede aber strukturiert und verständlicher macht. Insofern ist die Sprache "schlauer" als sein Nutzer und all seine Kritiker.

    2. ist Sprache durchaus auch schlau, wenn man sie als eine geistige Objektivation, indem sich das Denken in ein besonderes Sein einbildet, betrachtet. Sie existiert nur in Schriftform unabhängig vom Geist, aber beim Sprechen stellt sie eine Subjekt-Objekt-Einheit dar. Aber dieses in die Konkretisation übergegangene Denken bildet auch Regelmäßigkeiten aus, die dem Sprecher nicht alle bewusst sind (=überindividuelles System). Mit anderen Worten: Der Sprecher verleiht dem Gesprochenen seine Schlauheit. Beispiel: Wenn ich das Wort "Mensch" benutze, setze ich die Gleichheit der Menschen (voraus), weil ich jeden einzigen individuellen Menschen unter einem Wort-Allgemeinen subsumiere (also auch "unsichtbar" mache). Meine These lautet, dass der Gleichheitsgedanke, der in der "Erklärung der Menschenrechte" zur Zeit der Französischen Revolution zum Durchbruch kam, in dem Wort "Mensch" schon (unbewusst) vorgebildet gewesen ist.

    Können Systeme überhaupt schlau sein?

    Ob alle Systeme, keine Ahnung, aber die Sprache ist ein Produkt des Geistes, daher enthält es Geist und ist auch schlau - selbst wenn man es für dumm oder gar geistlos halten möchte. Sprache ist das einzige nichtorganische, selbstregulierende, basisdemokratische und tatsächlich auch noch funktionierende System, das der Mensch geschaffen hat.

    Überindividuell? ?!?

    Hoppla, dies habe ich übersehen.

    Sprache kann als überindividuelles System betrachtet werden, weil sie nach Regeln funktioniert, die den individuellen Sprechern nicht bewusst sein müssen. Am besten funktioniert Sprache noch, wenn man nicht überlegt, wie sie funktioniert. Dann ist sie das Allgemeine, mit dem man das Besondere, Individuelle ausdrücken kann.

    Das übermäßige Gendern zwingt ja einen zur permanenten Bewusstheit, dass man an der richtigen Stelle gendert, bzw. kein diskriminierendes Wort benutzt; so verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Inhalt, den man mitteilen will, hin zur Form. Das ist natürlich anstrengend und die Strafe dafür, dass man sich für schlauer halten will als das überindividuelle System.

    Auch beim (unwillkürlichen) Ähen zeigt sich, dass Vieles, was bei nachträglicher (abstrakter) Betrachtung als "Fehler" erscheint, in Wirklichkeit (konkret) eine wichtige Aufgabe hat, die sich nicht von selbst zu erkennen gibt. Die Sprache hat (fast) immer Recht, weil sie ein überindividuelles System mit eigenen Gesetzmäßigkeiten ist (die wir noch gar nicht alle kennen).

    Dietmar Dath ist ein sehr interessanter Autor. Man sollte wissen, dass er eine feste Stelle in der Faz-Kulturredaktion hatte (heute ist er noch freier Mitarbeiter) und nach eigener Auskunft mit der Redaktionsarbeit sein Studium, das er nicht an einer Universität absolvieren wollte, nachgeholt hat.

    Dath polemisiert gegen "Literaturhausliteratur", worunter er 95 % der bestehenden Literatur versteht, und die nichts anderes könne, als aus der Innerlichkeitsperspektive monologisieren. Kurz: Er kann das personale Erzählen nicht ab, weil es den Kontakt zur objektiven Welt verliert, indem es sich nur mit sich selbst beschäftigt. Damit meint er wohl die literarische Moderne, die sich seit Proust und Joyces etabliert und dann noch mal subjektivistisch radikalisiert hat. Dagegen setzt Dath die Science-Fiction-Literatur, die aus dem Inneren in eine vorgestellte, mit kognitiven MItteln vorgestellte Welt hinausgeht. In der "Abschaffung der Arten" wird meines Erachtens ein mögliches Zukunftsmodell durchgespielt, in dem der Kapitalismus, nachdem er die Welt erobert hat, auch noch die Natur verschlingt und unter sich subsumiert und die Evolution seinen Entwicklungsgesetzen unterwirft. Damit wird dieses ganze Poppersche Freiheitspathos destruiert. Dies ist konsequente Science-Fiction-Literatur: Sie richtet sich primär nicht an ein gegenwärtiges Lesepublikum, sondern an ein zukünftiges - bzw. an Leser, die sich aufbequemen, ihr Denken auf das Mögliche zu richten (was Dath, wie ich finde, unpassend als "Niegeschichte" bezeichnet, aber das ist ein anderes Thema).

    ASIN/ISBN: 3957577853

    Der "Maria Stuart"-Roman (1934) von Stefan Zweig besteht fast nur aus Tell:

    Zitat


    Die Leidenschaft Maria Stuarts zu Bothwell gehört zu den denkwürdigsten der Geschichte; kaum die antiken und sprichwörtlich gewordenen übertreffen sie an Wildheit und Wucht. Wie eine jähe Stichflamme schießt sie empor, bis in die pupurnen Zonen der Ekstase, bis in die nachtdunklen des Verbrechens schleudert sie ihre rasende Glut. (...) Leidenschaften wie Krankheiten kann man weder anklagen noch entschuldigen: man kann sie nur beschreiben mit jenem immer neuen Erstaunen, dem ein leises Grauen sich beimengt vor der Urkraft des Elementaren, das manchmal in der Natur, manchmal in einem Menschen gewitterhaft zum Ausbruch gelangt.

    So geht es auf über 300 Seiten: Gefühle, Seelenzustände, Befindlichkeiten etc. werden von außen beschrieben, sie werden nicht als sie selbst, in einer Show gezeigt, sondern gefiltert durch das Milchglas des Erzählens. Entscheidend ist nicht die Show-statt-Tell-Regel, die dieses Erzählen tatsächlich "bricht", sondern die tieferliegende Erzählgesetzmäßigkeit, dass modernes (nachklassisches) Erzählen ein Erzählen der radikalen Subjektivität ist: In "Maria Stuart" finden wir die Anfänge dessen, was wir heute etwas vereinfachend "personalen Erzähler" nennen, erkennbar daran, dass aus der Perspektive eines Erzählsubjekts erzählt wird, das sein "leises Grauen" vor den erzählten Leidenschaften zeigt, und damit, nun ja, gewissermaßen auch seine Show abzieht. Das heißt also, dass die Show-don't-tell-Regel 1. nicht schon "immer" galt, sondern erst in der Moderne, 2. nicht beliebig gebrochen werden kann, sondern die Regel des personalen Erzählens voraussetzt.

    Denn natürlich gelten auch für die Kunst Regeln :)