Beiträge von Jürgen

    Was ja letztlich nichts daran ändert, dass diese Worte im neuen Duden nicht mehr vorhanden sind und demzufolge fehlen. Also gestrichen wurden. Was wiederum unabhängig davon ist, ob sie in der Sprache weiterhin gebraucht werden oder nicht.

    Abgesehen davon, dass das "demzufolge" hier keine Folge benennt, sondern eine logische Implikation, setzt das "also" etwas identisch (es fehlt - wurde gestrichen), was keine Synonyme sind. Das "Wörterstreichen", wie es gleich mehrfach in dem Artikel der Süddeutschen steht, suggeriert einen aktiven Eingriff in den Wortschatzbestand unserer Sprache. Im Duden Universalwörterbuch steht zur dritten Bedeutung von "streichen": "etw. Geschriebenes (...) durch einen oder mehrere Striche ungültig machen, tilgen; ausstreichen". Die jetzt "fehlenden" Wörter wurden in der Neuauflage also nicht gestrichen, sondern einfach nicht mehr aufgenommen. Wenn man trotzdem an der aktivischen Vokabel festhalten will, müsste man sagen: die Mehrheit der Sprachnutzer hat diese Wörter ungültig gemacht, getilgt, ausgestrichen.

    Ich frage mich, wieso noch keiner einen Anti-Duden herausgebracht hat: Ein Wörterbuch, das nicht die häufigsten, sondern die seltensten Wörter enthält. Ich würde das sofort kaufen, denn ich brauche keinen der mir sagt, wie man Hund, Katze oder Maus schreibt und was sie bedeuten, sondern mir Wörter erklärt, die man nur ganz selten in alten Büchern findet usw.

    Mal abgesehen davon, dass es unterhaltsame Sammlungen "vergessener" Worte sogar unter der Dudenflagge gibt, stellt sich doch ernsthaft die Frage nach dem Nutzen eines Wörterbuchs der seltensten Wörter: Wie wollte man denn mit jemandem kommunizieren, der die ganz seltenen Wörter aus den alten Büchern nicht kennt? Da bliebe doch nur das autistische Selbstgespräch. Hier wird einfach die (spätestens seit Wilhelm von Humboldt bekannte) Selbstwidersprüchlichkeit von Sprache übersehen: Die individuelle, konkrete Aussage muss sich der Wörter als Allgemeinbegriffen bedienen; im Sprechen vollzieht sich die Dialektik von Einzelnem und Allgemeinem. Da ist es doch ein viel zu wenig gewürdigtes Wunder, dass die Kommunikation trotzdem so oft gelingt.

    Hi, Paul, willkommen.

    Sehr interessantes Projekt. Wieso soll man sich Geschichten ausdenken, wenn man selber voller Geschichten steckt? Gratulation zu den Texten.

    um klarzustellen, dass der Rechtschreib-Duden ausschließlich ausgerichtet ist auf korrekte Schreibweise. Leider. Denn die Schönheit der Sprache findet darin keinen Niederschlag.

    Hi Ben,

    glücklicher Weise ist keine Redaktion, weder dudische noch süddeutsche, für die Wahrung der Schönheit unserer Sprache zuständig: Dann würde sich ja nur der Geschmack einer Minderheit durchsetzen. Auch wurden keine Worte aus dem Duden "gestrichen", diese Vokabel ist völlig falsch, da der Rechtschreibduden nicht normativ ausgerichtet ist, sondern deskriptiv, und somit mehr oder weniger den aktuellen Sprachgebrauch widerspiegelt. Dass Hackenporsche und Lehrmädchen passé sind, hat die Mehrheit der Sprachnutzer ganz basisdemokratisch entschieden, damit muss eine Sprachminderheit eben leben. Ich habe mal eine beliebige Seite aus dem Duden von 1956 (14. Auflage) aufgeschlagen und folgende Wörter gefunden, die sich mittlerweile auch auf dem "Schrottplatz" tummeln: Ablakation, Abiogenesis, abhagern, Abgeld, Abersaat, abdringen, abhorreszieren. Das ist in gewisser Hinsicht bedauerlich, aber die andere Seite: Seit den 50er Jahren hat sich der Wortschatz des Deutschen um 30 Prozent vergrößert. Und mit Sicherheit sorgt dieser riesige Schub neuer Worte auch für eine neue Schönheit unserer Sprache.

    Das trifft zu, aber es bietet auch die Möglichkeit, die Haltung zu verdeutlichen, indem man eben nur in Dialogen auf solche Begriffe zugreift, sonst jedoch nie.

    "Mobiltelefon" ist natürlich die bessere Komposition aus einem lateinischen und zwei griechischen Wörtern... hört sich nur etwas altbacksch an, etwas nach humanistischer (an klassischen Sprachen orientierter) Bildungssprache vom Ende des 19. Jahrhunderts... die passt eher in einen Roman von Jules Verne als in einen modernen Roman, es sei denn, sie ist ironisch oder erzählercharakterisierend gemeint. :evil

    Definitionen sind per definitionem einseitig, weil sie alles Unwichtige ausgrenzen, daher ihr Name.

    Aber mit meiner allgemeinen Bestimmung kann man immerhin was anfangen - wenn man will: Zum Konkreten muss man selber "aufsteigen", wie Hegel und Marx sagen, aber dafür muss man schon seinen eigenen Kopf anstrengen.

    So so, die Mona Lisa ist ein "kreativer Prozess"... Dann hole ich nachher meinen Tuschkasten raus und bin ein bisschen kreativ und prozessual... Mal sehen, was für ein Meisterwerk dabei herauskommt...

    Unsinn, ein Stein soll "mehrdeutig" sein? Der hat gar keine Bedeutung. Oder etwa das Ampellicht? Quatsch, das hat eine eindeutige Bedeutung (auch wenn einige für sich herausnehmen, Rot für Gelb zu halten und noch mal schnell über die Kreuzung zu brettern.) Alle Wörter unser Sprache sind eindeutig und müssen denotiert werden, auch wenn wir uns häufig missverstehen, aber wir missverstehen uns nicht, weil wir mehrdeutig, sondern nicht genug eindeutig sprechen.

    Einzig und allein Kunst ist mehrdeutig, und weil das so ist, ist sie nicht nur geeignet, sondern darüber hinaus auch bedürftig der Interpretation. Dies ist ein FachBEGRIFF, den man natürlich vom WORT der Umgangssprache unterscheiden muss. Interpretation ist die Herausarbeitung einer Sinnhypothese von unendlich vielen möglichen Sinnhypothesen. Der Interpretation bedürftig, weil man vom Kunstwerk gezwungen wird, sich für eine Hypothese zu entscheiden. Zum Beispiel bei Goethes "Heidenröslein" muss man bitte nicht kreativ sein, sondern sich nur entscheiden, ob das Heidenröslein ein Röslein oder ein Mädchen ist, ob es um Liebe oder Vergewaltigung geht , ob am Ende das Mädchen oder der Knabe leidet.

    Und in Kanada und in Little America werden sehr wohl Mobiltelefone benutzt.

    Das muss ich übersehen haben. Aber die Wächter benutzen Walkie-Talkies.

    Die düsteren Kommandantenhäuser sind im Stil der 30er Jahre eingerichtet, der ja nicht nur schöne Bilder voller (scheinbarer?) Symmetrie erlaubt, sondern auch an die Zeit erinnert, als Amerika sich für New Deal und gegen Faschismus entschied. Die Gilead-Leute gehen also zu dieser historischen Weichenstellung zurück und gehen den anderen Weg - und hoffen auf Appeasement.

    Das ist jetzt immerhin der sachdienlichste Beitrag in der Sache bisher, Natürlich ist das Wort E bescheuert wie U auch. Und es ist auch nicht mehr "state of the art". Schon lange nicht mehr. Die Unterascheidung in Hoher LIteratur, Populärliteratur und Trivialliteratur (ab den 1960er Jahren) differenzierte ja schon etwas genauer. Und auch das ist umstritten. Nicht nur von mir. Zu Goethes Zeit waren übrigens alle Romane eher U (also verrufen), insofern passt das zu Goethe ganz gut. Mit deinem ständigen zitieren von "Heftchenromanen" weichst Du der Diskussion aber gnadenlos weiter aus. Die Bedeutung dieser Literaturform ist ja in den letzten Jahrzehnten erheblich zurückgegangen. Gehören nur diese für Dich zum "U" und alles andere ist "E"? Die Frage nach der Trennlinie bist Du also immer noch schuldig. Ein schönes Beispiel für einen Autor, der sich der Differenzierung von E und U entzieht, ist Karl May. Der hat von Heftchenromanen über Abenteuergeschichten bis zu hoher Literatur (wie einige meinen) alles geschrieben, sogar ein Drama, das bislang noch nie auf einer professionellen Bühne aufgeführt wurde.

    Sachdienlich, weil ich Wasser auf deine Mühlen leite?:P

    Bei der E-Provokation geht es im Kern um die sachliche Frage, was Kunst sei. Kunstliteratur ist nicht an sich "besser" als andere, sondern anders, und dies nur im Hinblick auf ihr Kunstsein, mehr nicht. Meines Erachtens gibt es viel gute Nichtkunstliteratur, und viel schlechte Kunstliteratur, oder solche, die sich dafür hält.:)

    Diese Einteilung - und das Beharren darauf - geschieht immer aus der Perspektive "E". Schon deshalb ist nicht viel damit anzufangen, sie ist eben elitär und dünkelhaft. Die Frage nach der "Grenzziehung", der "Trennlinie" wurde ja auch nichr beantwortet sondern schön ignoriert. Herr Goethe beispielsweise lobte Autoren wie Scott und Cooper in höchsten Tönen, Autoren also, die schnöde Abenteuerliteratur schrieben. Ob er mit einer Klassifizierung der Literatur in E und U etwas hätte anfangen wollen, bezweifle ich sehr.

    Es werden immer wieder Wort und Begriff verwechselt. Natürlich ist das Wort E bescheuert, bestimmt auch falsch oder zumindest irreführend. Ich vermute mal, er kommt ursprünglich aus der Musik und nimmt Maß an Beethoven, was ja Quatsch ist, da dessen Musik durch und durch humorvoll ist. Naja, Scott und Cooper mal eben zur U von damals zu schlagen, um Goethe zum Liebhaber von Heftchenromanen von heute zu erklären... ist auch eine Form von Humor... Viel besser wäre es gewesen, an seinen Schwager Christian Vulpius zu erinnern, den er tatkräftig dabei unterstützte, dessen Räuberpistole "Rinaldo Rinaldini" bei einem Verleger unterzubringen und die natürlich Auflagenhöhen erzielte, von denen Goethe nur träumen konnte. Aber das heißt doch noch lange nicht, dass er der Meinung gewesen wäre, es gäbe keinen Unterschied.

    Aber auch hier gilt: "Ernst" als Begriff, der die "hohe" etc. Literatur erfassen will, hat nicht mehr die gleiche Bedeutung wie das normale Wort "ernst", das das Gegenteil von heiter, lustig etc. ist. So lustige Bücher wie Faust, Buddenbrooks, Zettels Traum etc. etc. würden zur E zählen, obwohl sie natürlich nicht "ernst", sondern anspruchsvoll und unterhaltsam (als Junktim!) sind. Und, mal als These: Anspruchsvolle und unterhaltsame E-Werke, die die Wirklichkeit in einer stark verfremdenden Weise auf verschiedenen Ebenen widerspiegeln, sind in hohem Maße "korrekt" und realistisch in ihrer Darstellung des Menschen in der Welt.:)

    Ob nun "E-Literatur" oder "anspruchsvolle Belletristik": Das sind verschiedene Worte, die für den gleichen gedanklichen Inhalt stehen und Literatur als Kunstform auffassen. Es gibt einen Unterschied zwischen Heftchenroman und Epopöe, aber wenn man den nur in einem Geschmacksurteil sehen will, wäre jedes weitere Wort Verschwendung, denn über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten (weil er gemäß Kant der Sinnlichkeit und nicht der Vernunft zugeordnet ist). Wenn man aber zu einem begründeten Unterscheidungsurteil kommen will, führt kein Weg am Nachdenken vorbei: Literatur als besondere Kunstform muss reflektiert und auf den Begriff gebracht werden. Kant unterscheidet sehr wohl scharf zwischen Alltag, Wissenschaft, Kunst, Religion etc. Die Kunst fasst er als etwas, das "interesseloses Wohlgefallen" stiftet, das heißt, dass es weder vorrangig die Sinne und Triebe anregt und befriedigt noch Ausdruck hoher moralischer Werte ist. Von da ausgehend müsste nachgedacht werden, durch welche konkreten Formen "anspruchsvolle Belletristik" gekennzeichnet ist. Ob "unterhaltsam und leicht lesbar" als Junktim dazugehören? Wer hat überhaupt die bescheuerte Vorstellung in die Welt gesetzt, dass sich anstrengen, abmühen, kämpfen etc. partout nicht zum Unterhalten gehören???:evil

    Unterscheidung zwischen E und U prangere nicht nur ich an. Zu behaupten, diese Entscheidung nicht zu akzeptieren, hieße "kriterienlos" zu sein, ist ebenfalls elitär und borniert dazu. Im Grunde ist es eine wertende Klassifizierung. Bestes Beispiel dafür ist die Reaktion von Literaturzar MRR zu Jörg Fauser beim Bachmannpreis.

    Klar ist es eine wertende Unterscheidung, aber eine, die sachlich begründet ist, auch wenn das ein Max Weber mit seinen Werturteilen "verbieten" will. Ganz einfach: E = U + X. Da darf man sich kein X für ein U vormachen. Oder umgekehrt proportional ausgedrückt: E bietet dem Leser auch ein U, aber U kein E. 😎

    Wenn es für die Geschichte nicht essentiell ist, kann man doch historische oder sachliche Fehler auch korrigieren. Rechtschreibe- und Tippfehler korrigiert man doch auch und stellt sich nicht auf den Standpunkt, daß eine gute Geschichte auch mit schlechter Ortografie klar kommt, oder daß es Ausdruck künstlerischer Freiheit sei, wie ein Sechsjähriger zu schreiben.

    Inhaltliche und Rechtschreibrichtigkeit sind für mich unterschiedliche Sachverhalte. Die Standardisierung der RS hat ja den Sinn, dass die Form gegenüber dem Inhalt zurücktreten kann. Jede Abweichung von der Norm drängt sich in den Vordergrund und wird zu einem eigenen Inhalt, der vom eigentlichen Inhalt des Textes ablenkt. Zum Beispiel in dem obigen Zitat: Einmal wird "daß" gemäß der alten RS geschrieben, aber bei "Ortografie" wird plötzlich die neue Schreibung mit einem th-Fehler gewählt. In dieser Inkonsequenz widerspricht die Rechtschreibform dem inhaltlichen Plädoyer für eine gute Orthografie, sodass die Argumentation fast zwangsläufig an Überzeugungskraft verliert.