Beiträge von Tom

    Es ist zwar noch ein paar Monate hin - das Buch wird leider erst im November erscheinen. Aber seit heute ist es online und in den Vorschauen, und weil ich mir über das Cover schlicht den Arsch abfreue, muss ich's rumzeigen:


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    "Freitags bei Paolo" erzählt die Geschichte von Marie und Clemens Freitag, die sich rituell fast ohne Ausnahme an jedem Freitag bei Paolo treffen, ihrem geliebten Lieblingsitaliener um die Ecke. Marie ist Juristin und hat politische Ambitionen, Clemens ist Comedian (was es nicht ganz einfach macht, immer Freitagabends daheim sein zu wollen), und sie gelten als das ideale Paar. Während um sie herum die Beziehungen zerbrechen, halten sich die beiden und einander die Treue. Aber sie haben sich auch versprochen, aufzuhören, sollte es eines Tages bei ihnen nicht mehr knistern. Nach über zwanzig Jahren ist dieser Punkt eines Tages erreicht. Aber: Was kommt jetzt? Wie geht es weiter?


    Eine Geschichte über die Liebe und die Zukunft, aber auch eine über die Kunst vor wokem Publikum und die Politik in Zeiten von Scheißestürmen. Ab November '22.


    Mehr Infos demnächst. 8)

    Und bekommt bei einem persönlichen Treffen gerne auch einen Earl Grey-Tee serviert.

    Womit Du mindestens Jean-Luc Picard auf Deiner Seite hättest. 8)


    Herzlich willkommen im Forum!


    Es kommt zwar immer (meistens, häufig, in aller Regel, normalerweise) auf das Wie an, aber ich fürchte, das Was ist bei Deinem Projekt bereits intensiv besetzt. Alleine in der Zeit, als ich mal versehentlich für ein paar Monate von einem bekannten Sachbuchverlag bemustert worden bin, habe ich ein halbes Dutzend Ratgeber für Krebspatienten und deren Angehörige zugeschickt bekommen. Sehr viele Menschen - direkt oder indirekt Betroffene - gießen ihre Erfahrungen mit dieser widerwärtigen Erkrankung anschließend in Buchform. Deshalb ist dieser Markt, um es nett zu sagen, ein wenig eng. Was natürlich nicht heißt, dass eine besonders gelungene Lebensanleitung keine Chance hätte, aber groß ist sie vermutlich nicht.

    Als AutorIn sollte man also besser mit Enttäuschungen leben lernen.

    Das ist tatsächlich ein Hinweis, den sich jeder am besten vor den Laptopscreen nageln sollte. So beglückend es ist, die Geschichten erzählen zu dürfen, die man erzählen möchte, und das auch noch mit Reichweite, so frustrierend ist es für die meisten von uns auf der geschäftlichen Seite, und damit meine ich nicht nur die wirtschaftliche (dass es sich sowieso nicht lohnt, ist eine Binsenweisheit), sondern den gesamten Prozess. Die, denen die Sonne rund um die Uhr aus dem Arsch scheint, und denen für jede literarische Defäkation auch noch die Zehenzwischenräume ausgeleckt werden, sind in einer sehr, sehr, sehr, sehr kleinen Minderheit. Für fast alle anderen ist es ein oft sehr mühevoller Kampf, der gegen das Lektorat, die Ausstattung, den Vertrieb, die Pressestellen, die Lizenzverkäufer, die Buchhaltung usw. usf. gefochten wird - meistens sehr einseitig, weil wir auf der schwächeren Seite sitzen. Worin wir viel Zeit, Arbeit, Kreativität, Energie, Schäden am sozialen Umfeld und manchmal auch Gesundheit investieren, ist für die anderen nur ein Produkt von vielen. Und manchmal sogar ein richtig ärgerliches, weil es ein bisschen unhandlich daherkommt, weil es sich leichter verkaufen ließe, wenn es anders wäre, weil diese ganze Branche geschmeidiger wäre, wenn sich alle Autoren endlich bitteschön wie Angestellte verhalten würden.


    Von einem Autor, der bei einem großen Publikumsverlag veröffentlicht hatte, habe ich letztens gehört, dass ihn der Verlag ausgemustert hat, weil die Buchumsätze nur im unteren fünfstelligen Bereich lagen.

    Ich würde es nicht "ausgemustert" nennen, aber meine Drei-Romane-Affäre mit Rowohlt ging auch nicht auseinander, weil wir uns gegenseitig einfach zu glücklich gemacht haben. 8)


    Und danke für die schöne Definition der Verlagsgrößenordnungen, HD! :)

    Zitat

    In einem anderen Forum las ich von einer Hobbyschreiberin, die eine Agentin hat, damit sie ihre Kurzgeschichten u.a. in Literaturmagazinen unterkriegt.

    Mein allererster Agent - Reinhold Stecher, AVA - hat genau das bei/mit mir auch gemacht. Er hatte mich nach dem Sieg beim Playboy-Wettbewerb kontaktiert und im Nachgang relativ viele Short Storys von mir vermittelt, vor allem in thematische Anthologieprojekte, für die bei ihm von diversen größeren Verlagen (Heyne, Lübbe usw.) Beiträge angefragt wurden. Und ich hatte sonst noch nichts, ich hatte keinen brauchbaren Roman (was Stecher auch wusste, aber es war okay für ihn). Ich weiß nicht, ob die Verlage das heute immer noch machen oder ob sie sich ausschließlich bei Hausautoren bedienen, aber Stecher war sich damals nicht zu schade dafür, Kurzgeschichten von mir anzubieten, und ich hätte diese Chance selbst überhaupt nicht gehabt. Okay, das ist auch 30 Jahre her, aber irgendwas ist ja immer. ;)


    Vor allem ist eben kaum etwas generalisierbar. Jeder baut sich seine Karriere selbst. Aber es ist interessant und wichtig, sich die Erfahrungen anzuhören und nicht gleich zu verteufeln, was bei irgendwem geklappt hat. Oder es unreflektiert nachzuahmen.


    Aber halbwegs grundsätzlich ist natürlich richtig, dass man bei niederschwelligeren/sehr kleinen Verlagen eigentlich keine Agentur braucht, oder sie sogar unangenehm auffiele. Aber auch dafür gibt es Gegenbeispiele. Schon vertrackt, das ganze. 8)

    Ich habe gerade entdeckt, dass es insgesamt sieben Romane rund um die Familie Schlosser bzw. Martin Schlosser sind. Als Ebook gibt es alle zusammen (über 4.000 Seiten!) in einem Bundle für schlappe fünfunddreißig Tacken:


    ASIN/ISBN: B07H1MSB78

    Sensationell


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    Viele Autoren, die ihre Geschichten in bestimmten Epochen verorten möchten, würzen sie deshalb mit einigen ausgewählten Details und Elementen aus der fraglichen Zeit. Spielt also ein Roman in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Rubik’s Cube, Lederschlipse, Nena und vielleicht noch „Back to the Future“ erwähnt. Dazu jubelt man den Figuren ein paar typische Formulierungen aus der fraglichen Ära unter, und fertig ist der Brei. Die eigentliche Handlung und das Verhalten des Personals demgegenüber sind dann meistens eher zeitlos gestaltet. Dass sich die Achtziger von unserer Gegenwart aber nicht nur dadurch unterscheiden, dass Rubik’s Cube damals neu war und heute vierzig Jahre auf dem Buckel hat, erkennt man den Texten nicht immer an. Die Epoche ist oft nichts weiter als eine Kulisse, und die Figuren wirken wie Zeitreisende.


    Auch in diesem hinreißenden Buch, dessen Handlung Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger spielt, gibt es Product-Namedropping (und davon sogar reichlich), aber anders als die oben genannten Autoren belässt es Gerhard Henschel nicht auf der Dekorationsebene, sondern zeichnet mit Hilfe dieses Elements einen detailreichen kulturellen Hintergrund, vor allem aber lebt und agiert sein Romanpersonal ganz und gar in seiner Zeit. „Kindheitsroman“ (2004) atmet die Atmosphäre der Sechziger und Siebziger, was durch den unglaublich originellen Aufbau noch verstärkt wird - es liest sich quasi wie ein Livebericht, wie ein Tagebuch - und zwar ein sehr unterhaltsames.


    In dem allerdings so gut wie nichts passiert. Fast fünfhundert Seiten lang erzählt Gerhard Henschel von nichts anderem als von einer ganz normalen, überaus mediokren Mittelschichtkindheit im Rheinland bei Koblenz. In der Familie Schlosser ist nichts spektakulär, niemand ist hochbegabt oder todkrank oder behindert oder Inhaber einer magischen Eigenschaft oder wenigstens besonders sportlich, ganz im Gegenteil. Die Schlossers sind Durchschnitt pur - der Vater ist im öffentlichen Dienst und klettert gemächlich die Karriereleiter empor, die Mutter ist Hausfrau, die Kinder entwickeln sich. Ich-Erzähler Martin, dessen Lebensjahre vier bis dreizehn in diesem Buch geschildert werden, hat einen älteren Bruder namens Volker und eine ältere Schwester, die Renate heißt, später folgt noch die jüngere Schwester Wiebke. Die Familie wohnt erst in einem Vorort von Koblenz, später dann im selbstgebauten Einfamilienhaus in einer etwas besseren Gegend, nämlich in Vallendar, auf der anderen Rheinseite. Die Eltern streiten manchmal, und der Vater schließt sich dann in der Garage ein, wo er unter Einsatz des Ratgebers „Jetzt helfe ich mir selbst“ am Auto herumpfriemelt. Verwandte kommen zu Besuch, oder man fährt zu den Großeltern nach Jever. Man feiert Geburtstage und Weihnachten und Fasching oder man fährt in die Ferien. Fernsehen, Bücher und die Freunde sind das Wichtigste für Martin.


    Das ganz Besondere an diesem Buch ist, dass Henschel die stark autobiografische Geschichte in wirklich glaubhafter Weise aus der Sicht und in der Sprache eines anfangs Vier- und am Ende Dreizehnjährigen erzählt. Auf den ersten Seiten sind die Abschnitte sehr kurz, und mit Martins Bewusstwerdung und Größerwerden wachsen auch die Zusammenhänge, werden die Episoden länger, was nicht heißt, dass man sich plötzlich in einer klassischen Erzählung wiederfindet. Es bleibt sprunghaft, sozusagen unkonzentriert; „Kindheitsroman“ liest sich, als wenn das Buch ADHS hätte, aber es ist trotzdem oder deswegen irre fesselnd. Das liegt auch an Henschels lakonischem Stil, der vor Witz und Ironie nur so sprüht, was umso lustiger ist, weil durch das Einsprengseln einzelner Sätze - zumeist aus dem Mund der Erwachsenen -, Werbeslogans und Zeilen aus Liedtexten eine vielschichtige Collage entsteht, die sehr ergreifend, anschaulich und, vor allem, verblüffend ist. Beim Lesen habe ich mich das eine ums andere Mal gefragt, wie zur Hölle sich der Mann (gemeint ist Henschel) an all diese Details erinnern konnte, vor allem aber an das Zeitgefühl, das er wie eine akribisch und bis ins kleinste Element stimmige Modelllandschaft wiedergibt.



    Henschel, der der „Neuen Frankfurter Schule“ entstammt und in einem Atemzug mit Henscheid, Droste und vielen anderen zu nennen wäre, hat mit „Kindheitsroman“ ein vollständig beglückendes literarisches Experiment vollbracht. Selbst die Tatsache, dass es auf den letzten vierzig Seiten überwiegend um Bundesligaergebnisse und Torschützen geht, nimmt man hin, kauft man ab, weil auch das zu den Elementen gehört, die dieses zum Niederknien perfekte Buch abrunden.


    Und weil ich jetzt natürlich unbedingt wissen will, wie es mit Martin Schlosser weitergeht, liegen „Jugendroman“ und „Liebesroman“ schon bereit für die Lektüre.


    ASIN/ISBN: 3455005977

    Was ich an HdR aber eben gut finde, ist die enorme Zeit und Arbeit, die Tolkien in sein Worldbuilding gesteckt hat.

    Umso irritierender ist der mediale Dekonstruktivismus, mit dem selbst die homöopathischen Komponenten seiner Hinterlassenschaft inzwischen in nichtendenwollende filmische Umsetzungen gegossen werden - die gefühlt vierzigstündige Verfilmung des schmalen "Der Hobbit oder hin und zurück" war ja erst die Ouvertüre. Im Herbst diesen Jahres wird die angeblich "teuerste Serienproduktion aller Zeiten" (also auch zukünftiger Zeiten) an den Start gehen, mehr oder weniger locker basierend auf Fragmenten, auf dem unlesbaren "Silmarillion" und Ideen der Rechtekäufer. Die wirklich gelungene Visualisierung von "The Lord of the Rings" wird dadurch immer mehr zum Tropf, an dem immer mehr kaum lebensfähige Spin-Offs hängen.


    Das "Worldbuilding" war ja tatsächlich in gewisser Weise ein Nebenprodukt des "Languagebuildings". Tolkiens wahre Leidenschaft war die Anglistik, und daraus sind wohl auch die Ideen für die Sprachen entstanden, die auf Mittelerde gesprochen wurden, und die allesamt über stimmige Grammatiken und ein umfangreiches Vokabular verfügen.

    Nils: Das ist nicht nur eine Altersfrage. Es gibt ja auch diese Binsenweisheit/Behauptung/Mär von der genau einen Geschichte, die jeder von uns erzählt (also jeder seine eigene genau eine), und die wir immer nur variieren, bis es entweder perfekt gelingt oder keiner mehr zuhört. Wobei "Geschichte" unterschiedlich weit gefasst werden kann, von einer sehr konkreten Geschichte bis zu einem mehr oder weniger konkreten Thema. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt, oder ob es für mich ganz persönlich zutrifft, aber es läuft ja alles auf dasselbe hinaus: Kreativität ist endlich. Und deshalb hat man wahrscheinlich nicht unendlich viele Versuche, um seinen Platz zu finden.


    Die Fanta4 sind tatsächlich selbst ein gutes Beispiel für diesen Effekt. Aber die künstlerische Hauptleistung bestand ja auch darin, erst einmal zu Fanta4 zu werden.

    Vielleicht ist das etwas tröstlich für die Älteren hier.

    Auch das mit der logarithmischen Lebenskreativitätskurve war natürlich nicht vollständig verallgemeinerbar. Aber die Beobachtung sagt, dass viele Autorinnen und Autoren (genau wie Musiker und andere schaffende Künstler) am Anfang genial vorlegen und dann davon zehren. Nur wenige schaffen es, sich aus der Drangzeit weiterzuentwickeln. Ich versuche genau das gerade, habe schon mit meinen zwei letzten Romanen damit begonnen und gehe mit dem kommenden ein paar Schritte weiter, aber ob es gelingen wird, weiß ich nicht.


    Gerade bei Musikern finde ich das nämlich oft total frustrierend, dieses Suhlen im eigenen, alten Saft, und ich habe echtes Mitleid, wenn ich eine Band sehen muss, die seit 30 Jahren und mehr unaufhörlich und ausnahmslos genau das gleiche macht, aber eigentlich nur die Dekoration zum Erfolg von vor dreißig Jahren - und das sind ja keineswegs die Ausnahmen.


    Aber wir haben am Anfang natürlich mehr Power, Verve, Mitteilungsdrang, sind rebellischer, kreativer - das steht für mich außer Frage. Das spätere Werk wird dann ... anders. Das kann man sogar bei Genreautoren beobachten, wie die immer mehr ausdünnen. Und lediglich ihre eigenen Versatzstücke rochieren.

    Sehr zu empfehlen, wenn auch vollkommen anderes Genre:
    Big Little Lies

    Heute Abend schauen wir uns die letzte Folge der ersten Staffel an. Ich bin sehr gespannt, welche meiner Vermutungen zutreffen werden. Danke für den Tipp - das ist sensationell gemacht, unfassbar besetzt, ein wirklich großes Vergnügen (obwohl es alles andere als lustig ist). Und ich fürchte, ich werde doch noch ein später Fan von Frau Kidman. 8)

    Mit Verlaub, Tom, du bist ja auch ein alter Hase

    Ich bevorzuge den Terminus älterer Hase. Und ich habe als jüngerer Hase angefangen. 8)


    Und, Silke, Du musst Dich (bei mir) nicht für Deine Position entschuldigen oder rechtfertigen. Sie ist doch (in Deinem Kontext) richtig, und sie folgt Deiner Überzeugung. So, wie es bei mir ja auch ist. Nur ist, wie wir beide festgestellt haben, nichts davon allgemeingültig.

    Ich würde mir niemals anmaßen, einen Rundumschlag zu machen, von dem ich behaupten würde, dass der Allgemeingültigkeit besitzt.

    Genau das hast Du aber getan: "Ich würde jedem raten, nicht gleich nach den Sternen zu greifen." ;)

    Ich schaue mir das jetzt seit ein paar Jahren an und könnte auf Anhieb niemanden nennen, der es so einfach geschafft hat.

    Und ich ziemlich viele. Ich gehöre selbst in gewisser Weise dazu, denn meinen ersten angebotenen Langtext habe ich vor fast zwanzig Jahren auch gleich in einem größeren Verlag veröffentlicht. Andere haben auch größer anfangen, darunter 42er, wenn auch überwiegend ehemalige (ich denke an Iris Kammerer, Susanne Gerdom und ein paar andere), und ich kann gerne eine sehr, sehr lange Liste mit bekannten Namen liefern, denen es so erging. Aber, nein, "einfach so" schafft das (fast) niemand, das stimmt zweifelsohne. Ich habe sehr, sehr lange an meinen ersten Langtexten gearbeitet (und mehrere weggeworfen), bin (übrigens mit anderen 42ern) in harte Klausur gegangen, habe viel ausprobiert, aber nicht, indem ich es den Verlagskläusen geschickt habe. Ich habe an Literaturwettbewerben teilgenommen und journalistische Texte verfasst, ohne jede Ausbildung. Ich habe Erfahrungen gesammelt, aber nicht mit schwachbrüstigen, halbgaren Romanen, die ich in Provinzverlagen untergebracht habe, sondern Erfahrungen, die nötig waren, um beim Schreiben belletristischer Texte so gut zu werden, dass auf mein Anklopfen hin auch Türen aufgingen. Und nicht etwa die von Hundehütten.


    Möglicherweise ist das mit dem "Sich etwas aufbauen" auch Selbstbetrug, weil man weiß, dass man nie dort ankommen wird, wovon man träumt. Das meine ich nicht persönlich, also in Bezug auf Dich oder irgendwen hier, aber ich habe auch viele Autorinnen und Autoren erlebt, die diese Art der Erfolgsprokrastination im Bewusstsein der Tatsache zu betreiben scheinen, dass sie sowieso niemals viel weiter kommen werden. Oder die jahre- und jahrzehntelang an einem Roman schreiben, unter den sie einfach nicht "Ende" schreiben, weil er sowieso nichts taugt - und sie das nicht wahrhaben wollen. Oder, oder, oder.


    Der nicht ganz so große Verlag kann eine Stufe der Erfolgsleiter sein, nicht selten ist er es. Aber es gibt tausende unterschiedliche Erfolgsleitern, und bei den meisten anderen sehen die ersten Stufen eben anders aus.

    Ich kann jedem nur raten, nicht gleich zu den Sternen zu greifen, sondern sich erstmal etwas aufzubauen.

    Ich möchte bitte unbedingt den genau gegenteiligen Rat aussprechen.


    Und darum bitten, die Situation zu differenzieren.


    Es ist kein Griff nach den Sternen, wenn man mit einem sehr guten Langtext bei einem halbwegs nennenswerten Publikumsvertrag debütieren möchte. Es ist auch, bei allem Respekt, kein "Sichaufbauen", wenn man solche Texte schließlich zu Klein- oder Kleinstverlagen gibt, von wo aus sie schließlich in ein paar regionalen Buchhandlungen und auf einem achtstelligen Verkaufsrang bei Amazon landen, weil sie auch noch unschön ausgestattet und schwachsinnig betitelt worden sind, es vor allem aber nicht das geringste Marketing gibt. Ein solcher Text ist verbrannt, nachgerade verfeuert, und wir alle wissen, dass die lebenslange Kreativitätskurve nicht einer ballistischen Flugbahn entspricht, sondern eher dem Logarithmus zur Basis 1/2 (ein Halb). Wir sind am Beginn unserer Karrieren oft sehr viel kreativer und schillernder als im späteren Verlauf. Roman #2 oder #3 sind meistens unsere besten. Ausnahme bestätigen das nur.


    Ja, es ist zutreffend, dass es einige Genres und Textarten gibt, die bei den großen Verlagen lieber gesehen werden als andere. Das ist aber schon immer so. Es ist aber auch schon immer so, dass sehr gute Texte auch originell und abweichend sein dürfen, wobei hier, unter uns, sowieso kein Peter Handke oder Rainald Goetz zu finden sein dürfte. Die meisten hier liefern klassisches Material, Standard-Masterplots, sind mal ein bisschen ulkiger und eigenwilliger unterwegs, mal stromlinienförmiger, aber grundsätzlich passt das schon.


    Was ich sagen will: Es ist m.E. auch sehr, sehr wichtig, möglichst viel Energie in den ersten angebotsfähigen Langtext zu stecken, denn es ist wahrscheinlich, dass der schon zu unseren besten Texten gehören wird. Ja, man sollte sich einen Schmerzgrenzentermin setzen, aber auch nicht zu früh anbieten, oder den ersten vielleicht überhaupt nicht, sondern erst den zweiten, wenn wir uns uns selbst genähert haben, die Stimme und den Rhythmus gefunden haben, wenn das wirklich gut ist, was wir da raustun. Oder, oder, oder. Jedenfalls sollte man nicht dem grundlegenden Rat folgen, klein anzufangen, so funktioniert das in der Literatur, in der Kunst nicht. Wer gleich etwas Großes hat und sich vermutlich danach eher verkleinern wird, wie das nicht selten der Fall ist, muss gleich am Anfang Höhe gewinnen, damit der gebremste Fall - um den es immer geht - länger dauert.


    Wenn man meint, das Handwerk draufzuhaben und auch etwas zu sagen zu haben, sehe ich keinen Grund dafür, das in der zweiten, dritten, vierten Reihe zu verheizen. Verlagsverträge bei Publikumsverlagen sind keine Lottogewinne. Das gilt in jeder Hinsicht. Denn selbst wenn man an einen kommt, heißt das noch längst nicht, dass der Drops im positiven Sinne gelutscht ist.


    Aber, um jetzt alles zu relativieren. Das mit den Agenturen stimmt schon, aber es gibt auch da sone und solche. Einige haben wirklich gute Connections, werden gehört und respektiert, sind stark vernetzt und reputiert, während andere schlicht Vermittlerdienste anbieten und auch so auftreten. Es gibt auch hier sehr viele Unterscheidungen, und man kann nichts von all diesen Themen über einen Kamm scheren. Weshalb allgemeine Ratschläge zu meiden sind.