Èrik Orsenna (begleitet von Thierry Arnoult)
Eine Geschichte der Welt in 9 Gitarren
Ich habe zunächst gestutzt und gestaunt. «Eine Geschichte der Welt …» und das Büchlein ist nur knapp 100 Seiten stark! Entweder der Autor beherrscht die Kunst der Reduktion in besonders beeindruckendem Maße – oder er ist ein Aufschneider. Das Interesse war aber schon geweckt. «… in 9 Gitarren», die zweite Hälfte des Titels reichte dann schon aus, das Buch zu kaufen. Der Klappentext wurde nur noch beiläufig gelesen und hätte den Kauf nur schwer verhindern können.
Gleich im Vorwort ist die Motivation des Autors, dieses Buch zu schreiben, angeführt: «… Dank meines Bruders hat mich die Gitarre meine ganze Kindheit über begleitet. Durch die Wand zwischen unseren Zimmern, die dünner nicht hätte sein können, hörte ich ihn tausendmal die Etüden von Fernando Sor, ein bestimmtes Präludium von Bach oder die Transkription der geliebten fünften Bachiana Brasileira von Villa-Lobos üben.» Für mich war das gleich Musik. Ich kannte die Wand nicht, befand mich direkt im Zimmer, übte selber. Das Weiterlesen war keine Sache des freien Willens mehr.
Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Ein junger Mann erbt eine alte Gitarre, kann selbst nicht spielen und bringt sie zum Gitarrenbauer zurück. Der empfiehlt, sich mit ihr etwas zu beschäftigen und auch Nachts mit ihr zu schlafen. Der Rat wird angenommen und es stellen sich Träume ein, die in exemplarischen Ausschnitten den Weg der Gitarre vom alten Ägypten bis nach Woodstock zeigen. Die Sprünge sind anfangs ziemlich groß. Aus der Zeit 2650 v.Chr. geht es gleich ins 16. Jahrhundert nach Südamerika, nach Spanien, an den Hof Ludwig des XIV., suchen Paganini und Django Reinhard auf um zuletzt bei Jimi Hendrix zu landen. In einem fulminanten Finale in Kuba wird alles zusammengeführt, was unter den Gitarristen Rang und Namen hat(te). Zusammen mit den Beatles spielen bei ihrem «Lucy in the sky …» zuletzt alle Gitarristen aus allen Jahrhunderten und allen Stilarten mit. Das hätte ich gern gehört.
Nun ja. Ein poetisches Buch. Eines zum mitträumen, bei dem man nicht Wert auf hundertprozentig gesicherte Informationen legen muss. Eines, das man jungen Gitarrenschülern schenken kann, um ihnen das Durchhalten ab einem bestimmten Stadium etwas zu erleichtern, das man aber auch an Freunde geben kann, die über die eigene Vernarrtheit in die Gitarre immer schon etwas gelächelt (vielleicht sogar gelästert) haben. Ohne Zweifel kennen sich die Autoren besser mit der klassischen Musik, wohl auch mit dem Jazz, nicht aber mit der Gitarre in der Popmusik aus. Das die Beatles Eric Clapton auffordern mitzumachen mit der Bemerkung «Nun komm schon, wir wollten schon immer mal mit dir spielen.” geht doch an der Realität vorbei. Aber eigentlich stört das auch nicht, die letzte Szene ist so skuril und liebenswert, dass ich das für mich umgedeutet habe in einen Hinweis an diejenigen, die das noch nicht gewusst haben. Auch Übersetzter und/oder Lektor ging Fachwissen ab, denn sonst hätten sie den Bassisten von Jimi Hendrix nicht als Billi Cose (richtig: Cox) drucken lassen. Aber auch das stört nicht wirklich und sorgt nur kurz für eine leichte Irritation.
Wurde die Geschichte der Welt also wirklich auf diesen 100 Seiten beschrieben? Für einen Aficionado, einen Liebhaber der Gitarre sicherlich. Was will der noch mehr wissen, was interessiert ihn sonst noch?