Beiträge von Horst-Dieter

    Tom hat Recht. Aber was er verschweigt: Es wird nicht besser. Selbst wenn Du zig Lesungen absolviert hast, wird dir die nächste wieder die gleichen Probleme bereiten. Vorher.

    Ganz besonders wichtig finde ich den Schluss, in dem Akthar auf Demokratie und Redefreiheit eingeht und dabei die Bedeutung des Zuhörens herausstellt. Wenn wir das stärker tun würden, dann fiele vielleicht mehr Menschen auf, wie sehr unsere Demokratie noch von Vor-Demokratischen Vorstellungen abhängt, beispielsweise wenn ein "Machtwort" gefordert wird, sei es von einem Kanzler oder sonst wem.

    Bewegte Bilder zur Zeit der Gruppe um Ihlen und Cohen auf Hydra gibt’s in der Doku „Marianne und Leonard“:


    https://sz.de/1.4678387

    Eine schöne Ergänzung, doch während sich die Doku auf das prominente Liebespaar konzentriert sind sie im Roman von Polly Samson nur Randfiguren, wenn auch keine unwichtigen. Das bekommt der Erzählung gut und lässt deutlicher die Situation unter den Aussteigern Anfang der 1960er Jahre hervortreten.

    ASIN/ISBN: 354806597X


    Erica, gerade 18 geworden, verlässt 1960 den ungeliebten Vater und die Schule ohne Abschluss. Zusammen mit ihrem Bruder verlässt sie London. Mit einer kleinen Erbschaft der Mutter machen sie sich auf den Weg nach Griechenland, zur Insel Hydra. Dort lebt Charmien Clift mit ihrer Familie, eine australische Schriftstellerin, die ehemals eine Freundin der Mutter war. Unterwegs und auf der Insel treffen sie andere Aussteiger aus der ganzen Welt. Unter anderem lebt auch der norwegische Autor Alexander Jensen mit seiner Frau Marianne auf Hydra. Und schließlich taucht auch noch der kanadische Dichter Leonard Cohen auf. So unbeschwert das Leben dort scheint, fernab der Zwänge des Kapitalismus, so arg werden die Protagonisten durch die Beziehungskonflikte untereinander gebeutelt. Das man sich nicht ganz vom Kapitalismus lösen kann zeigt allein schon das Schielen der Schriftsteller und Poeten nach Verlagsverträgen, das Warten auf positive Antworten von Verlegern und Agenten. So intensiv dieser Sommer in der Ägäis gelebt wurde, so wenig bleibt davon übrig, als sich im Herbst 1961 alles aufzulösen beginnt.


    Im Mittelpunkt dieser, aus der Perspektive der jungen Erica Hart erzählten Geschichte, steht die australische Schriftstellerin Charmien Clift, ihre Beziehung mit George Johnson, ebenfalls Schriftsteller aber krank, durch die Behandlung impotent und chronisch alkohol- und eifersüchtig. Die zerbrechende Ehe der Jensens ist eher ein Nebenthema, dass durch die Beziehung von Leonard Cohen zu Marianne aufgewertet wird. Ein Roman mit solch historischem Personal gerät immer in Gefahr, zu bemüht herüberzukommen. Der Autorin gelingt es aber, insbesondere durch die Distanz, die die Erzählfigur schafft, ein lebendiges Bild des Beginns der 1960er Jahre zu erzeugen. Es gab noch kein offenes Aufbegehren der Jugend gegen die ältere Generation. Die Antibabypille war zwar gerade erfunden worden, wurde aber noch mit sehr viel Skepsis betrachtet und – vor allem auch von den Ärzten – fast ein ganzes Jahrzehnt zurückgehalten. Entsprechend tragen Schwangerschaften nicht unerheblich zum kriselnden Szenario bei.


    Charmien Clift ist bei uns weitgehend unbekannt, ich konnte keine deutsche Übersetzung finden, auch nicht aus dem letzten Jahrhundert, weshalb auch ein deutscher Wikipediaeintrag nicht existiert. Im englischsprachigen Raum scheint sie eine gewisse Relevanz besessen zu haben, doch schreibt die Autorin in den Danksagungen am Schluss: »Während ich dies schreibe, sind Charmian Clifts Bücher nicht länger in Druck, und ich bedanke mich im Voraus bei jedem Verleger, der den guten Geschmack und die Ressourcen hat, sie wieder aufzulegen.«



    Polly Samson war mir bereits bekannt, aber nicht als Prosaautorin, sondern als Texterin von Pink Floyd Songs (seit The Division Bell) und Songs für ihren Lebensgefährten David Gilmour. Ich selbst hätte mir das Buch nicht gekauft, vermutlich hätte ich es übersehen, weil das Cover im Stil des 1960/70er Jahre gemacht ist, so wie es auf vielen Maire Luise Fischer und Konsalik Romanen zu sehen ist. Das Buch war ein Geschenk und ich bin dankbar dafür, denn es passte genau in die Lesezeit zwischen den Feiertagen, auch stimmungsmäßig. Und den Beginn der 60er Jahre noch einmal nachzuempfinden, aus einer anderen Perspektive – ich war damals ja noch nicht einmal 7 – hat etwas Berührendes und gleichzeitig Beängstigendes.

    Hallo HD,

    es ist ja schon eine Weile her, dass ich das Buch gelesen und hier vorgestellt habe. Aber mir hat es damals auch sehr gefallen. Ich schaue immer mal, ob von der Autorin ein weiterer Roman in deutscher Übersetzung erscheint - aber bisher habe ich leider nichts gefunden.

    Dies hier:


    ASIN/ISBN: 3608935142

    Ich habe es jetzt auch gelesen, bzw. vorgelesen. Und bin beeindruckt. Von der Art und Weise, wie die Autorin erzählen kann. Unspektakulär, leise, ausführlich und so unglaublich transparent, was die Gefühlslage aller beteiligten Personen anbelangt. Es passiert nichts, oder nicht viel mehr als im Alltag so passiert und doch haben wir uns auf jedes neue Kapitel neu gefreut und waren von keinem enttäuscht. Bis dann kurz vor Ende des Buches das Unglück passiert. "Eis" ist eines der Bücher, die einen langen Nachhall erzeugen. So möchte ich schreiben und erzählen können, und weiß doch, dass ich Kilometerweit davon entfernt bin.

    Nacherzählt von Tilma Spreckelsen

    mit Illustrationen von Kat Menschick


    ASIN/ISBN: 3869710993


    Elias Lönnrot (1802 - 1884), ein finnischer Arzt, Philologe und Schriftsteller, schuf in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus alten Liedern und Erzählungen das Epos Kalevala, das schließlich zum finnischen Nationalepos wurde. Den Finnen, die Jahrhunderte lang unter schwedischer und zuletzt unter russischer Herrschaft standen, wurde durch dieses Epos das Nationalbewusstsein gestärkt. Lönnrot wird bis heute als Schöpfer eine finnischen Literatur verehrt. Bereits im 19. Jahrhundert nahm man es auch außerhalb des Landes zur Kenntnis. Einflüsse finden sich unter anderem bei Tolkien und bei Donald Duck.


    ASIN/ISBN: 3608960902


    Dieses monumentale Versepos besteht aus 50 Gesängen. Das zu Grunde liegende Vermaß ist so ungewöhnlich – jeder Vers besteht aus vier Trochäen, das sind acht Silben –, dass man es heute als Kalevala-Versmaß bezeichnet. Wer schon mal den Versuch gemacht hat, eine Übersetzung, die sich an dieses Versmaß annähernd hält, zu lesen, wird wissen, welche Mühe das macht. Am besten funktioniert es meiner Erfahrung nach, wenn man es laut liest. Doch wer liest heute noch solche Versepen? Im 19. Jahrhundert gab es dafür ein Publikum - also einen Markt. Auch hierzulande wurden viele Sagen in Reime gebracht und Bücher voll mit ihnen, zum Beispiel von Simrock (Rheinsagen) oder Kaufmann (Mainsagen) waren keine Ladenhüter.


    Um so erfreulicher ist es, dass es Prosafassungen gibt. Auch von dem finnischen Epos Kalevala. Schon länger auf dem Markt ist die Fassung von Inge Ott. Seit 2014 gibt es das Buch von Tilman Spreckelsen (meine Ausgabe aus dem Jahr 2021 ist die 5. Auflage), der es in eine wunderbare Sprache gefasst hat, mit einem stillen, das ganze Buch durchziehenden Humor. Unterbrochen wird der Text, der sich an die Struktur des Original-Epos hält und nichts fortlässt, nach jeweils einem Zyklus von kurzen Kapiteln, die mit »Lönnrots Lebensspuren« betitelt sind. Darin erzählt der Autor von einer Reise nach Finnland, in der er (bzw. »sie«, mit wem auch immer er gereist ist bleibt ungenannt) auf den Spuren von Elias Lönnrot war. Das letzte kurze Kapitel entspricht dem Marjatta-Zyklus, mit dem auch das Original-Epos endet. Eine ziemlich skurrile Mischung aus Neuem Testament und Lucky Luke. Marjatta wird von einer Preiselbeere schwanger, Vainämöinen will das Kind dem Tode preisgeben, kann sich aber nicht durchsetzen und so reist er mit seinem Boot dem Rand der Erdscheibe entgegen.


    Kat Menschik hat das Buch mit wunderbaren Grafiken illustriert. Es ist eines dieser Bücher, das ich sicher noch oft in die Hand nehmen und darin lesen werde.

    ASIN/ISBN: 3499273888


    Jaako hat mit seiner Frau Taini eine Firma aufgebaut, die Pilze in den finnischen Wäldern sammelt, trocknet und an die Japaner verkauft. Diese sind wild auf die Matsutake Pilze (bei uns Kiefer- oder Krokodilritterling genannt) und so sieht es eigentlich nicht schlecht aus für das Ehepaar und das junge Unternehmen. Doch dann erfährt Jaako von seinem Arzt, dass die zunehmende Übelkeit und andere Beschwerden von einer langsamen Vergiftung stammen, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Den sicheren Tod vor Augen will Jaako mit seiner Frau sprechen und erwischt sie dabei, wie sie ihn mit einem ihrer Angestellten betrügt. Außerdem hat direkt neben seine Firma eine Konkurrenz aufgemacht, die ihm das Geschäft mit den Pilzen nicht nur streitig machen, sondern ihn auch noch ruinieren will. Jaako hat nicht mehr viel Zeit, will aber seine Firma noch sicher in die Zukunft führen und außerdem diejenigen bestrafen, die für seinen nahe bevorstehenden Tod verantwortlich sind. Das ist alles gar nicht so einfach, insbesondere auch deshalb, weil Leute mit Samureischwert und Axt hinter ihm her sind. Die Polizei beginnt ebenfalls lästige Fragen zu stellen.


    Aus diesem Setting hat der finnische Autor Antti Tuomainen einen rasanten, spannenden, stellenweise auch leicht komischen Krimi gemacht, dessen größtes Manko ist, das man nicht aufhören kann zu lesen und viel zu schnell zum Ende kommt.

    Ausgerechnet jetzt, wo ich schon einen ausgesuchten Stapel Bücher "für demnächst zu lesen" ausgesucht habe - darunter einige, die schon länger warten - kommst du mit sowas. :schmoll Jetzt muss ich nur noch entscheiden, lese ich es vor oder nach "Paolo". :evil

    ASIN/ISBN: 3462000888


    Lukas Ohlborg, emeritierter Botaniker, zieht sich in ein Landhaus zurück, das er schon als Kind mit seinen Eltern im Sommer häufig besucht hatte. Anders als sein Bruder hatte er es bislang aber gemieden. Nun verbringt er die letzten Monate seines Lebens dort und hadert mit der wissenschaftlichen Terminologie, der er zeitlebens anhing und die ihn doch nicht weitergebracht hatte. Insbesondere zu den Moosen entwickelt er eine starke Neigung. In diesen Prozess der gedanklichen Neufindung platzen auch Erinnerungen, aus Kinderzeiten, Konflikte mit dem Vater, von der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Distanz schafft der Autor dadurch, dass er den Text als nachgelassene Notizen von einem fiktiven Herausgeber einleiten lässt. Als Leser ist man zunächst verwirrt von den Ideen des Erzählers, weiß nicht so recht etwas damit anzufangen. Das wandelt sich aber, je weiter die Novelle fortschreitet. So merkwürdig und weltfremd die Gedanken des alten Wissenschaftlers sich entwickeln, um so näher kommt man der Figur und meint selbst das zu verstehen, was bereits durch den Herausgeber anfangs eingeleitet wurde und zuletzt ist es auch gar nicht mehr wichtig, ob das, was der Erzähler an Erkenntnis mit in den Tod nimmt, zu verstehen ist (im faktischen Sinn, emotional versteht man es durchaus). Es ist einfach ein gutes Stück Literatur, die sich dadurch auszeichnet, dass sie in sich selbst schon genug ist.


    »Moos« ist die erste Veröffentlichung von Klaus Modick, 1984 bei Haffmanns erschienen und nun, 2021 bei Kiepenheuer & Witsch als Taschenbuch neu aufgelegt.

    Ich spreche nicht gerne über offene Projekte, an denen ich arbeite, höchstens im kleineren Kreis und da auch nur, um mir Rat oder Feedback zu holen.


    Und obwohl ich mich selbst lange nicht mehr beteiligt habe (aus "Gründen"), unterstreiche ich Toms Aufforderung, die Besprechungsrunde etwas mehr zu beleben. Es ist eine gute Möglichkeit, im kleinen und geschlossenen Kreis kompetenter und gleichgesinnter KollegInnen an eigenen Texten zu arbeiten. Einige Texte, die ich dort in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Diskussion gestellt hatte, haben es zu einer Veröffentlichung gebracht und zwar immer in besserer Verfassung, als es sie ohne diese BT-Runde gegeben hätte.