Beiträge von Alexander R.

    Ich habe die Nachricht heute beim Deutschlandfunk gelesen. Der bislang kaum bekannte Verfasser eines anonymen X-Kontos behauptet, "der Roman sei „fast vollständig“ von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben worden."


    Das wurde später von mehreren Medien untersucht - mir geht es nur darum, wie der Stein ins Rollen kam.


    Die Académie Goncourt erklärt, mit dem Ausschluss solle die Integrität der Auszeichnung und der Akademie geschützt werden. Es geht also bei der Entscheidung, den Roman von der Liste zu streichen, in erster Linie um Reputation.


    Beim Vorwurf: Autor lässt KI alles schreiben und - mon dieu! - vielleicht noch die Geschichte erfinden, denkt natürlich jeder: "Was für ein Schwein!" Ich auch.


    Mich interessieren aber diese vorgeblichen Extremfälle gar nicht so sehr. Mich interessieren eher die Graustufen.


    Darf ein Autor nach Informationen googeln? Klar. Und in Wiki steht auch viel Schrott, nicht nur bei der KI. Ist die Verantwortung des Autors, wie gut er recherchiert. KI als Lexikon finde ich unproblematisch. Für mein letztes Sachbuch habe ich Rüdiger (so nenne ich meine KI) das Korrektorat machen lassen, weil das im Verlag nicht so gefunzt hat - und die Zeit knapp war. Finde ich auch okay. Ich finde sogar ein Lektorat okay, in Grenzen. KI gar nicht beim Schreiben einzusetzen, scheint mir altmodisch.

    Es gibt ein ZItat von Simmel, einem Autor, den ich schon nicht mehr Best-, sondern Mega-Seller nennen würde:


    „Wenn ich in einem meiner Romane beschreibe, dass an einer bestimmten Straßenecke in Kairo eine Telefonzelle steht, die Nummer 4 hat und der Hörer kaputt ist, dann müssen Sie nach Kairo fliegen können, genau an diese Ecke gehen, und dann muss diese Telefonzelle dort stehen – und der Hörer muss kaputt sein.“


    Der Mann hat als Reporter angefangen und sein Handwerk auf die Romane übertragen. Seine Geschichten waren erfunden, die zugrundeliegenden Fakten nicht.


    Bei historischen Romanen ist es für mich eine Frage meiner Redlichkeit gegenüber den Leser, dass ich ihnen nicht irgendeinen Schmu verkaufe, sondern mich bemühe, mich einer Zeit so zu nähern, wie sie wahrscheinlich war.


    Die Geschichte bleibt Kür, aber die Recherche ist Pflicht, finde ich.


    Kann aber jeder halten wie ein Dachdecker. Götz Alsmann hat mal bei "Zimmer frei" zum Musizieren gesagt: "Wer probt, kannix!"

    Hallo Otto,


    mir gefällt, dass Du betonst: Am wichtigsten ist das Schreiben selbst, die Recherche nur Voraussetzung. Allerdings habe ich den Eindruck, dass bei historischen Romanen oft zu wenig recherchiert wird, nicht zu viel. Insbesondere wenn sie das Mittelalter betreffen. Da produziert man gern Klischees. Da entsteht gern das falsche Bild einer dysfunktionalen Gesellschaft.


    Nebenbei: Kein Mensch hat jemals den Schönfelder "gelesen". :) Die Loseblattsammlung "Deutsche Gesetze" heißt seit fünf Jahren Habersack.

    Und, übrigens. Die Möglichkeiten werden unterschätzt. Sehr. 8)


    Gut möglich. Sie werden aber auch überschätzt. Ingrid nannte das Stichwort "Agenitc AI". Da steckt sicher enormes Potential. Aber das hat Grenzen. Gestern eröffnete ein deutscher Broker zum ersten Mal in Europa die Funktion "Agentic Investing". Man investiert also mithilfe von Claude, Grok oder ChatGPT. Die KI tritt dabei nicht mehr passiv auf - ich stelle Fragen, sie antwortet -, sondern wird auch aktiv. Das bringt aber nur etwas für Trader, also Leute, die viel handeln. Und selbst dann isses Murks. Darauf will ich hier nicht weite eingehen, weil es keinen interessiert, aber: Isso.


    Scalable Capital, so heißt der Broker, bietet das "Agentic Investing" an, um Geld zu verdienen. Was gar nichts Schlimmes ist, aber Trader bringen viel mehr Geld als langfristige Anleger. Und die "KI" verführt dazu, alles Mögliche ausprobieren zu wollen, was schlicht nicht geht. Weil viele zu große Erwartungen an die Maschinen haben. Es gibt Dinge, die kann auch der stärkste und beste Computer nicht tun. Derzeit herrscht aber ein Hype, und man traut den Programmen Dinge zu, die unrealistisch sind.


    Das Realistische ist schon genug. Die Kisten können tolle Sachen und werden noch mehr können. Aber Wunder können sie auch nicht vollbringen.

    Natürlich kann die "Künstliche Intelligenz" vieles verdammt gut. Und sie wird es in Zukunft noch besser können. Ich habe hier niemanden gelesen, der das abstreitet.


    Wenn man sich allerdings fragt: Was ist singulär im menschlichen Denken? - dann bedeutet das nicht, dass man Technik unterschätzt.


    Jürgen hat Epochenwechsel im Jazz angeführt. Dabei hat er Bird (Charlie Parker), Thelonious Monk und Miles Davis genannt. Das sind natürlich berühmte Beispiele. Es gab kein einzelnes Genie, das den Be Bop erfunden hat. Dieser Stil entsprach dem Zeitgeist und wurde in einem anderen Zeitgeist durch den Cool Jazz abgelöst. Ich selbst habe oben die Epochen Aufklärung und Romantik genannt.


    Noch einmal: Natürlich ist das geil, was die Programme können. Und können werden. Doch gibt es hier jemanden, der sagt: "Es ist denkbar, dass KI in Zukunft auch zu Sätzen fähig sein wird mit: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch."?


    Wäre eine KI denkbar gewesen, die nach dem Holocaust "Ein Überlebender aus Warschau" komponiert? Dabei geht es nicht um Adorno und Schönberg. Es geht um die Erschütterung einer ganzen Generation und einen neuen Blick auf die Kunst.

    Edit: Ach so. Ich finde trotzdem verblüffend und faszinierend, was die GPTs können und fabrizieren, aus technischer wie aus philosophischer Sicht. Ohne "Kenntnis" und Bewusstsein und mit dem simplen Trick multidimensionaler Vektorräume und ein bisschen Trainingsmaterial (das könnte eigentlich jedes Kind) menschliche Fähigkeiten so leicht zu imitieren oder sogar besser zu emulieren, das ist wirklich sensationell. Da denkt man jahrzehntelang, für KI müsse man herausfinden, wie das Denken funktioniert, aber dann geht es mit simpler Stochastik. Geil.

    Nach diesem Zitat ist die Imitation des Denkens nicht notwendig, Dietmar. Mich interessiert, wie auf dieser Grundlage meine Fragen einzuschätzen sind.

    Ich prognostiziere.

    Und wegen Deiner fachkundigen Einschätzung klinke ich mich hier ein. Bestimmt werden die Maschinen sich noch verbessern und dann weiter verbessern. Aber werden sie auch intelligent sein?


    Mit Intelligenz meine ich die Fähigkeit, selbständig etwas Neues zu schaffen, kreativ zu sein, und das schon an der Basis der Gedanken. Kurz: etwas zu erfinden.


    Nach meinem Verständnis bedienen sich die Maschinen aus einem gigantischen Wissens-Pool und können mit diesen Elementen arbeiten und sie neu zusammenfügen. Doch werden sie auch in der Lage sein, Gott und die Welt, den Mensch und die Gesellschaft zu beobachten, zu beurteilen und infrage zu stellen?


    Zwei Beispiele für solche Literaten sind Upton Sinclair und Ayn Rand. Der eine war Sozialist, wie es sich etwa in "Der Dschungel" zeigt, wo es um Schlachthöfe in Chicago vor hundert Jahren geht. Die andere war radikale Kapitalistin und Individualistin, zu sehen etwa ini "Atlas Shrugged", wo die Arbeitgeber in den Streik treten.


    Verschiedene Menschen haben verschiedene Meinungen. Im Wesentlichen geht es mir um die Frage: Kann "Künstliche Intelligenz" wirklich intelligent sein? Kann sie aus sich heraus mit Ansicht und Stil einer Epoche brechen? Kann sie neue Strömungen in der Literatur entwickeln? Hätte eine Maschine vor über zweihundert Jahren sagen können: "Schluss jetzt mit reiner Aufklärung, jetzt schreibe ich Romantik?" Ich kann mir das nicht vorstellen, was aber nichts bedeutet.

    Ein Wiesel kann angeblich ein Ei so aussaugen, dass es unbeschädigt wirkt. Friedrich August von Hayek prägte den Begriff "Wieselwort" für eine hohle Phrase, eine Worthülse. Oder schwammige Formulierungen, Floskeln.


    Heute bin ich über eine Wiki-Seite gestolpert: "Wikipedia:Vermeide hohle Phrasen".


    Die Seite knüpft an Wieselwörter an und appelliert an die Autoren bei Wikipedia. Für Texte und Debatten sollte man sich solche Grundsätze hinter den Spiegel klemmen, finde ich.


    Als Einstiegsbeispiel dient: „Einige Menschen behaupten, Berlin sei die beste Stadt der Welt.“ - Ja, und einige behaupten, Berlin sei fürchterlich. Weiter geht es mit "Fachleuten", die etwas sagen.


    Als Beispiele folgen:


    "Es gibt verschiedene Anwendungen für derartige Worthülsen. Allen ist gemeinsam, dass sie eine Behauptung aufstellen, ohne sie konkreten Quellen zuzuordnen.


    „Die meisten Wissenschaftler glauben …“ – Es gibt in der Regel keinerlei Anhaltspunkte, dass dies tatsächlich der Fall ist. Es wird auch nicht gesagt, wo zwischen 50 % und 100 % „das Meiste“ ist.

    Ähnliches gilt für „gemäß einigen Studien“ oder „entgegen landläufiger Meinung“, sie fallen ebenfalls durch Quellenlosigkeit auf.

    „Es ist erwiesen“ als Anspielung auf Prüfungen bildet keine Prüfung.

    „Die Wissenschaft sagt“, dass Wissenschaft ein abstraktes Konzept ist, das in Wirklichkeit nicht in Sprache zu fassen ist.

    „Man kann sich (darüber) streiten“, ob die Richtlinie, keine Theorien zu suchen, ein Grund für den Streit ist.

    …und so weiter."


    Allerdings hat "Wieselwort" noch eine weitere Bedeutung, nämlich vage Wörter mit schwammigem Inhalt. Für Hayek selbst war das Paradebeispiel "sozial".


    Weitere Vorschläge für eine Liste mit Worthülsen? Die Liste könnte lang werden, scheint mir.

    Meiner Ansicht nach zeichnet es Kunst geradezu aus: dass sie sich einen feuchten Kehricht darum schert, was sie soll oder nicht. Und sei es Goethe, der meint, was er meint.


    Das betrifft aber nur die Unabhängigkeit der Kunst. In der Tat mag ich es nicht, wenn mir ein künstlerischer Text eine Botschaft mit dem Holzhammer überbringen möchte. Ja, ich mag es subtil und chiffriert.


    Ein Gegenbeispiel: "„Reicher Mann und armer Mann / standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ (Bert Brecht)


    Das ist Blödsinn ohne jedes Verständnis von Ökonomie (Nullsummenspiel). Es ist aber auch vulgär als Gedicht. Ich stehe total auf Brechts Sprache, aber dat Ding is Schrott.

    faszinierend

    In der "Kleinen Orientkunde" gibt es einen Guide, der die Faszination vermitteln soll. Ich habe ihn im Roman "Am Himmel die Flüsse" von Elif Shafak kennengelernt. Sein Name ist George Smith. (Bei Shafak heißt er Arthur, aber seine Biographie ist großteils echt im Roman.) Er ist ein besonders bewundernswerter Mensch. Stammte aus ärmsten Verhältnissen der Arbeiter und wird bis zu seinem frühen Tod einer der führenden Assyriologen seiner Zeit. Ich sage nur: autodidaktisch die Keilschrift erlernen. Als Erster die "Sintlut-Tafel" des Gilgamesch-Epos entdecken.