Beiträge von Alexander R.

    Das Positive zuerst: Herr Natt och Dag hat für mich mit "1793" einen Ausnahme-Roman geschrieben, etwas ganz Besonderes.


    Dieser historische Krimi ist so detailliert beschrieben, dass ich enormen Respekt habe vor dem Ausmaß an Recherche, die der Autor betrieben haben muss. Er spricht alle Sinne an, so dass man meinen könnte: Es stinkt!, wenn man der Handlung folgt. Es ekelt einen.


    Und damit zu den Gründen, warum ich ausgestiegen bin. Das war nicht wegen der Grausamkeit, obwohl die Grausamkeit in diesem Roman eine Dimension erreicht, die mir bislang unbekannt war. Das Opfer wird über Wochen und Monate systematisch verstümmelt und gefoltert, und auch der übrig bleibende Torso mit Kopf wird noch weiter gequält ... und auch danach ist die Marter noch lange nicht zu Ende.


    Mir fehlte eine Geschichte, eine Klammer, die alles zusammenhält. Wie ich von Anja erfuhr, fügte sich am Ende alles zusammen, aber für meinen Geschmack war die Handlung zu zerfasert, um so lange zu warten. Mir herrschte zu viel Düsternis vor. Ich hätte gern zwischendurch etwas verschnauft und etwas Nettes gelesen, eine Abwechslung zu: Alles ist düster und böse.


    Das liegt aber an mir. "1793" war/ist ein internationaler Bestseller, und der Autor hat's voll drauf. Er kann eindrücklich erzählen und die Emotionen der Leser erwecken.


    https://www.amazon.de/1793-Nik…793&qid=1716987353&sr=8-1

    Mir glaubt wegen Befangenheit sowieso keiner, wenn ich schreibe: Ist ein geiles Buch! (Ich durfte es noch auf dem PC lesen.) Aber der Grafiker (!) hat Anja eine Mail geschrieben - er habe sich so festgelesen bei den "Weibsbildern", dass er lange vergessen habe, das Layout zu erstellen. Mega-Wow!

    Zum Schluss möchte ich noch folgende Annahmen zur Diskussion stellen (vielleicht in einem eigenen Thread):

    (...)

    3. Jede Kultur bedient sich der kulturellen Aneignung.

    4. Kulturelle Aneignung auf der Basis von Wertschätzung ist die Voraussetzung für das Schaffen und die Weiterentwicklung von Kunst.

    Lieber Jürgen,


    mir scheint, die Verfechter des Begriffs "kulturelle Aneignung" definieren ihn gerade mit mangelnder Wertschätzung. Ansonsten sprechen sie von "kulturellem Austausch". So schreibt es zumindest Wikipedia:


    "Kulturelle Aneignung müsse gemäß dieser Definition von „kulturellem Austausch“ abgegrenzt werden: Bei kultureller Aneignung würden die übernommenen Bestandteile kultureller Identität zur Ware gemacht und damit trivialisiert. Zudem würden die angeeigneten Kulturelemente oftmals falsch oder verzerrt reproduziert, was zur Förderung von Stereotypen führen könne. Kultureller Austausch dagegen basiere auf Wertschätzung und Respekt und finde meist im Rahmen eines gegenseitigen Kennenlernens der Träger der unterschiedlichen Kulturen statt."


    Ich bin optimistisch, was den Austausch der unterschiedlichen Auffassungen angeht. Ich glaube an Popper und die Offene Gesellschaft. Dieses Konzept lebt von verschiedenen Meinungen und ist wohlerprobt. Andere Themen bereiten mir mehr Sorgen. Mit Putin und der Inflation kann man nicht diskutieren.

    Für mich besteht der Zweck von (Theater)Regie zuallererst darin, dem Zuhörer und Zuschauer einen Zugang zum Werk zu verschaffen, den er ohne die Arbeit eines Regisseurs sonst womöglich nicht hätte, hier also Zugang verschaffen primär im Sinne von Zugang erleichtern.

    Dem schließe ich mich an. Es soll angeblich Menschen geben, die "Leonce und Lena" nicht bereits gelesen, durchgearbeitet und in mehreren Aufführungen gesehen haben. Wenn die dann ins Theater gehen und eine entfremdete Aufführung des Stück sehen, bei dem etwa die Leichtigkeit der romantischen Komödie "weginszeniert" wird - so durfte ich es einmal in Bochum bei den Ruhrfestspielen sehen -, dann hat dieser bemitleidenswert kulturell rückständige Mensch leider nach dem Theaterbesuch keine Ahnung von Büchners Lustspiel.


    Soweit ich es sehe, geschehen solche Exzesse ja auch nur bei Stücken von Autoren, deren Urheberrecht bereits erloschen ist. Ansonsten wäre es vielleicht ehrlicher, über das Theaterplakat zu schreiben: "Stück, inspiriert durch 'Kabale und Liebe' in einer Neufassung des Regisseurs Adalbert Schweißfuß". Oder traut man sich ähnliche "Metaebenen" auch bei Jelinek & Co.?

    Wir hatten solche Gespräche schon einige Male. Hamlet kann gern Erbe einer Software-Firma namens "Denmark" sein und im heutigen New York umherirren, so wie Ethan Hawke in der Verfilmung. Ich will mit dem nächsten Beispiel kein anderes Fass aufmachen, aber vielleicht zeigt sich daran, wie Dinge zusammenhängen. Denzel Washington spielt in einer Verfilmung von "Viel Lärm um nichts" den Don Pedro. Worauf ich hinauswill - diese Inszenierungen halten sich alle an die Interpretation des Textes und gehen nicht darüber hinaus.

    Aus: Werner Schneyder, Meiningen oder Die Liebe und das Theater, S. 99f.:


    zu einer Inszenierung von "La Bohème": "Das ist Provinz. das hemmungslose Ausleben der Verpflichtung eines Regisseurs, zu einer Repertoire-Oper einen großen Einfall zu haben. Wenn diese Verpflichtung stärker ist als die Erkenntnis, man sei kurzfristig vom Schwachsinn gestreift, dann ist das Provinz."


    zu einer Inszenierung von "Don Giovanni": "... Don Ottavio. Er wird auf einem Stuhl herumgetragen. Von sechs Statisten. Manchmal allerdings verlässt er den Stuhl. Er kann also gehen. (...) "Hat er Parkinson?" frage ich den Regisseur. Nein, erfahre ich, der Mann hat keinen Unterleib. Nur wenn er allein mit Donna Anna ist oder mit ihr tanzt, hat er einen Unterleib. Sonst keinen. Erst nachdem Giovanni zur Hölle fährt, hat Ottavio endgültig einen Unterleib und muss fortan nicht mehr getragen werden. Das sagt mir der Mann allen Ernstes ins Gesicht. (...) Er mutet seinem Publikum also ein Bilderrätsel zu, das auch eine noch so breite Ausführung im Programmheft nicht hinreichend erklärt werden könnte."


    Die Inszenierung von gestern verstieß in mehreren Punkten gegen da Pontes Libretto - den gesungenen Text. Wenn ein Regisseur meint, er könne es besser als der Autor des Stücks, dann möge er sein eigenes schreiben. Interpretation findet ihre Grenze im Wortsinn.


    Bei solchen Inszenierungen tauchen hinterher die üblichen Lego-Sätze unter Kritikern auf: "Shakespeare gegen den Strich gebürstet ..." oder "Wer den Regisseur kennt, der weiß ..." Hier unterhält sich eine verschworene Gemeinde miteinander. Der durchschnittliche Zuschauer will nicht den Regisseur kennen oder kennenlernen, sondern den, der das Stück geschrieben hat.


    Wir leben in einer Zeit, in der bei Filmen zuerst gefragt wird: Wie haben die Schauspieler das so gut hinbekommen? Vielleicht auch noch: Wie hat der Regisseur das gemacht? Ich frage nach dem Drehbuch-Autor.

    Hallo Tom,


    ich mache mir Sorgen um Dich. Der Tom, der hier schreibt, ist nicht derselbe, den ich persönlich kennengelernt habe. Im direkten Umgang habe ich Dich als eher leise und sanft auftretend erlebt. Hier erwirkst Du auf mich den Eindruck, als wolltest Du allen jetzt mal richtig zeigen, was eine Harke ist.


    Was ist los? Bist Du frustiert? Ärgerlich? Das ist mal so. Und Du brauchst keinem von uns Deine Kompetenz zu beweisen. Ich würde mich auch freuen, wenn Du wieder zum Verein stoßen wolltest. Dein literarisches Können zu belegen, wäre ja auch nur eine Formalität.


    Aber was Du etwa Jürgen und Christian schreibst, geht auf keine Kuhhaut. Ich zitiere die Stellen bewusst nicht. Du weißt, was ich meine. Einen Moment lang glaubte ich bei der Lektüre Deines letzten Beitrags, ein anderer Forist habe Deinen Avatar gekapert. Einer, den Du nach Überlegung dafür öffentlich zurechtgewiesen hast.


    Ich möchte Dich bitten, Tom: Rudere zurück. Es ist alles gut. Alle schätzen Dich. Du brauchst hier nicht auf die Pauke zu hauen. Allein schon nicht mit so einem Titel dieses Threads. Das kannst Du ganz anders und viel besser.


    Herzliche Grüße


    Alexander

    Schult alle Kritiker um. Zu Bierkutschern, Versicherungsvertretern oder Seeräubern. Werner Schneyder schrieb über Theaterkritiker: "Soll er dem Regisseur einen Brief schreiben." Ja.


    Irgendwo in diesem Thread las ich eins meiner Lieblingswörter: Fremdschämen. Das ist Philistertum. Der Stil eines anderen Autors geht mich nichts an. Wenn ich seine Literatur nicht mag, lese ich sie nicht.

    Eben las ich im Deutschlandfunk eine Nachricht, die ein anderes Licht auf die Frage wirft: "Liefert 'allesdichtmachen' den Querdenkern und Rechtsradikalen eine Vorlage?" In diesem Fall ist es nämlich die überzogene Reaktion auf die Videos, die die AfD geradezu zu einem Abstauber einlädt.


    Der ehemalige NRW-Wirtschaftsminister Duin (SPD) hat einen Tweet verfasst. Er ist auch Mitglied des WDR-Rundfunkrats. DLF: "Duin hatte den Künstlern undifferenzierte Kritik an Medien, Parlament und Regierung vorgeworfen und namentlich die Tatort-Schauspieler Jan Josef Liefers und Ulrich Tukur genannt, die „sehr viel Geld bei der ARD“ verdienten und deren „Aushängeschilder“ seien. „Die zuständigen Gremien müssen die Zusammenarbeit – auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens beenden“.


    Das schreibt kein anonymer Spinner aus asozialen Netzwerken, sondern ein Ex-Landesminister. Die AfD hat leichtes Spiel: "Unter dem Titel „Die Meinungsfreiheit darf kein Corona-Opfer werden“ hat die AfD das Thema für Freitag auf die Tagesordnung gesetzt. Meinungsfreiheit müsse auch für unpopuläre Äußerungen gelten, unterstreicht die AfD in ihrem Antrag. Eine Meinungsfreiheit, die nur populäre oder „Main-stream“-Meinungen schützen würde, sei nichts wert. Dafür müssten alle Demokraten im Landtag gemeinsam ein Zeichen setzen."


    Sind Liefers und Tukur jetzt auch für Duins Tweet verantwortlich? Der dürfte weit mehr eine Vorlage für die AfD sein als die Videos der Schauspieler.


    https://www.deutschlandfunk.de….html?drn:news_id=1252660

    Mit der GroVo neben mir kann ich mich zwar auch über Schallwellen unterhalten, aber vielleicht spitze ich noch ein wenig zu, und zwar in 2 Punkten:


    1. "#ichbereue" - dieses Distanzieren und bereuen und entschuldigen (u. a. von Frau Makatsch) erinnert mich an die Chinesische Kulturrevolution, als Intellektuelle, "kapitalistische Hunde" und "Feinde des Systems" von den Roten Garden mit Eselsmützen durch die Straßen getrieben wurden. Übertreibe ich? Ja, natürlich. aber ich kann nichts für meine Assoziationen.


    2. Es ist unberechenbar, ob man "Beifall von der falschen Seite" erhält. Ein Adressant formuliert eine Botschaft. Ihm aufzubürden, was Teile der Adressaten daraus machen, würde im Extrem dazu führen, dass niemand mehr etwas sagt. Vor Kurzem sperrte Facebook das folgende Zitat mit Verweis auf Hassrede: "Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts." Das Zitat stammt von Heinrich Heine. Der Facebook-Nutzer wurde eine Weile gesperrt.

    Ich möchte noch einmal zurückkommen auf den Unterschied von Wort und Stimmung in der Diskussion. Und auf Kollektivierung.


    Es endet alles damit, dass man über Nebulöses schreibt. Daher verlinke ich jetzt die Seite allesdichtmachen.de . Da steht eine Einleitung (die auch nicht für alle Teilnehmer steht), und da sind Videos.


    Möge mir bitte jemand zeigen, was etwa an Hans Zischlers Video "verhöhnend" oder "verletzend" ist? Das ist das Video ganz unten über "

    Übrigens: #FCKNZS".


    Bitte werden wir doch konkret. Was ist genau das Problem? Ich habe die Videos auf der Seite längst nicht alle gesehen, aber vielleicht kann mich jemand aufklären?

    Du musst etwas runterscrollen, dann kommt unter der Headline "Gewalt gegen Medienschaffende in Deutschland erreicht nie dagewesene Dimension" die Info zu Deutschland. Zum einen wird da auf aktuelle Herausforderungen aufgrund der Pandemie eingegangen, anschließend aber auch auf das neue BND-Gesetz und weitere Pläne der Bundesregierung.

    Als ich die Meldung letzte Woche gelesen habe, kam es bei mir zum üblichen Reflex: Es hat nichts mit Pressefreiheit zu tun, wenn Demonstranten Journalisten attackieren. Demonstranten sind nicht der Staat, der die Pressefreiheit gewährt.


    Mittlerweile sehe ich das ein bisschen anders, gerade auch in Bezug auf die asozialen Medien und "allesdichtmachen". Vereinfacht gesagt, resultiert der Gedanke an Menschenrechte aus einer ungleichen Machtverteilung zwischen Staatsorganen und Bürgern. Daher entfalten die Grundrechte auch nirgendwo im Zivilrecht so starke (mittelbare) Wirkung wie im Arbeitsrecht, wo es typischerweise ein Mächtgefälle zwischen Arbeitgeber und -nehmer gibt.


    Es hilft wenig, wenn der Staat etwa Meinung- und Pressefreiheit garantiert, die Ausübung dieser Freiheiten aber durch (virtuell) Horden von Knüppelschwingern behindert wird. In solchen Fällen entsteht durch einen "Shitstorm" ein ähnliches Machtgefälle, wie vorher angesprochen.


    Es ist vollkommen gleichgültig, wer von den Schauspielern was mit seinem Clip sagen wollte. Man soll die Videos auch nicht zu einer einheitlichen Aussage verklammern wollen. Das sind einzelne Beiträge mit unterschiedlichen Aussagen. Kollektivierung ist die Pest.


    Es geht einzig und allein darum, wie man mit abweichenden oder unerwarteten oder skurrilen Positionen umgeht.

    Ja, vor allem...wie fandest Du das Video von Richy Müller? Das Interview von Brüggemann habe ich noch nicht gelesen. Hole ich noch nach.


    Wenn die falschen Leute applaudieren, könnte es nicht sein, dass man irgendwie etwas Grundlegendes falsch gemacht hat? Wenn ich ein Fantasy-Buch schreibe und nur Sachbuchleser finden das Buch klasse, dann habe ich wohl die falsche Zielgruppe angetriggert. Und die Videos von den 50 Schauspielern finden besonders großen Anklang bei den Querdenkern, während sie bei der Zielgruppe, die sie meinten erreichen zu wollen (mit was eigentlich?) nur Verärgerung und einen Shitstorm ausgelöst haben.

    Hallo Christian,


    weil Du es angesprochen hast, habe ich mir eben den Clip von Richy Müller angeschaut. Auch der Clip ist eine ironische Zuspitzung für mich. Jedenfalls nichts, worüber ich mich empöre. Vielleicht wäre es hilfreich, den Clips nicht immer gleich Radikalität zu unterstellen.


    Meine Vermutung ist, dass besonders in Fällen wie diesen es die Rezeptoren sind, die eine Aussage so zurechtbiegen, wie sie wollen. Dagegen ist man machtlos. Der Nationalsozialismus hat es mit Gewalt geschafft, Schiller, Kleist und Hölderlin für sich zu vereinnahmen. An Goethe hatten die Nazis zu knacken. Alfred Rosenberg meinte, Goethe sei für seine Ziele nicht brauchbar. Baldur von Schirach stütze sich aber gern auf Faust mit "Blut ist ein ganz besonderer Saft" und stellte Faust als "Leitfigur des nationalsozialistischen Menschen" dar. In der DDR galt Faust dagegen als "Produktivkraft für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft".

    P. S.: Manuel Rubey sagte, er kenne keinen der anderen Clips. Offenbar hat jeder Schauspieler nach eigenem Gusto aufgenommen. Nur weil da ein gemeinsamer "Hashtag" drüber steht, verklammert es die Aussagen nicht zu einer. Vor allem nicht zu einer, bei der man "aufpassen" müsste, weil es "von falscher Seite" vereinnahmt werden könnte. Denn das wäre wieder das Ende von Wort und Bedeutung.

    Der Popper in mir schüttelt den Kopf. In einer Offenen Gesellschaft sollte es Rede und Widerrede geben, den Widerstreit von Argumenten. Dieser "Shitstorm" nach 50 Videoclips zeigt keinen Popper, keine Offene Gesellschaft. Er zeigt eine Gesellschaft, die zum Stammtisch verkommen ist, zum Gefasel. Entscheidend ist nur noch die Stimmung, nicht das Wort. Und wenn das Wort an Bedeutung verliert, verlieren auch Bücher und Autoren an Bedeutung.


    In den 80ern hießt ein "Shitstorm" zum Beispiel mal "Historikerstreit". Da hatte ein Ernst Nolte in der FAZ geschrieben, auf die Frage, ob der Holocaust "singulär" sei: "War denn nicht der Gulag ursprünglicher als Auschwitz?" Was wäre wohl heute los, wenn ein Historiker etwas in der Art fragte? Vielleicht hätte er eine verkürzte Lebenserwartung, so wie Walter Lübcke nach seinem Satz: "Wer die Werte der Verfassung ablehnt, dem stehe es jederzeit frei, Deutschland zu verlassen."


    Nein, da geht es nicht um die politische Richtung. Es geht um die Reaktion auf eine Meinungsäußerung, die bei Lübcke und Nolte von profundem Wissen getragen war. Aber Meret Becker etwa muss Morddrohungen gegen sich lesen. Weil sie in Kindermanier die Haltung einer braven Bürgerin verlesen hat, auf ironische Weise. Wie Wolf Schneider schrieb: Es gibt mehr Menschen, die Ironie mögen, als solche, die sie verstehen.


    Als "Danger Dan" sein Lied "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" vortrug, da erntete er keinen "Shitstorm". Ich mag das Lied zwar, aber bei dem gewalttätigen Unterton hätte ich ein Stürmchen immer noch besser verstehen können als bei diesen Schauspielern. Zwar bin ich ein Fan von Igor Levit, aber die Patronenhülsen in Danger Dans Hand und die späteren Äußerungen: Gewalt als ultima ratio könne gerechtfertigt sein, weil die Antifa Dinge tut, die die Polizei nicht immer macht - nun ja. Das verlässt den Rahmen der Verfassung. Darüber hätte man gern ein, zwei Wörter verlieren dürfen. Aber es geht ja gegen Nazis, also scheiß drauf.


    Zurück zu Stimmung und Wort: Ich habe vier oder fünf der Clips gesehen, die noch online sind. Ich habe nichts Empörenswertes entdeckt. Vielleicht kann mir jemand helfen und erklären: Hier, in dem Video, da sagt X etwas, das kann oder soll man so nicht sagen. Von wegen Verhöhnung oder Querdenkern oder rechtsradikalem Gesocks. Manuel Rubey ist in Österreich bekannt für Aktionen gegen FPÖ und Rechtextremismus. Volker Bruch engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Und beide äußerten sich überspitzt zu Kunst, Kultur und besonders Theatern. Es gibt da schlicht kein Problem. Es geht um die Stimmung. Nicht um das Wort.