Beiträge von Alexander R.

    Eben las ich im Deutschlandfunk eine Nachricht, die ein anderes Licht auf die Frage wirft: "Liefert 'allesdichtmachen' den Querdenkern und Rechtsradikalen eine Vorlage?" In diesem Fall ist es nämlich die überzogene Reaktion auf die Videos, die die AfD geradezu zu einem Abstauber einlädt.


    Der ehemalige NRW-Wirtschaftsminister Duin (SPD) hat einen Tweet verfasst. Er ist auch Mitglied des WDR-Rundfunkrats. DLF: "Duin hatte den Künstlern undifferenzierte Kritik an Medien, Parlament und Regierung vorgeworfen und namentlich die Tatort-Schauspieler Jan Josef Liefers und Ulrich Tukur genannt, die „sehr viel Geld bei der ARD“ verdienten und deren „Aushängeschilder“ seien. „Die zuständigen Gremien müssen die Zusammenarbeit – auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens beenden“.


    Das schreibt kein anonymer Spinner aus asozialen Netzwerken, sondern ein Ex-Landesminister. Die AfD hat leichtes Spiel: "Unter dem Titel „Die Meinungsfreiheit darf kein Corona-Opfer werden“ hat die AfD das Thema für Freitag auf die Tagesordnung gesetzt. Meinungsfreiheit müsse auch für unpopuläre Äußerungen gelten, unterstreicht die AfD in ihrem Antrag. Eine Meinungsfreiheit, die nur populäre oder „Main-stream“-Meinungen schützen würde, sei nichts wert. Dafür müssten alle Demokraten im Landtag gemeinsam ein Zeichen setzen."


    Sind Liefers und Tukur jetzt auch für Duins Tweet verantwortlich? Der dürfte weit mehr eine Vorlage für die AfD sein als die Videos der Schauspieler.


    https://www.deutschlandfunk.de….html?drn:news_id=1252660

    Mit der GroVo neben mir kann ich mich zwar auch über Schallwellen unterhalten, aber vielleicht spitze ich noch ein wenig zu, und zwar in 2 Punkten:


    1. "#ichbereue" - dieses Distanzieren und bereuen und entschuldigen (u. a. von Frau Makatsch) erinnert mich an die Chinesische Kulturrevolution, als Intellektuelle, "kapitalistische Hunde" und "Feinde des Systems" von den Roten Garden mit Eselsmützen durch die Straßen getrieben wurden. Übertreibe ich? Ja, natürlich. aber ich kann nichts für meine Assoziationen.


    2. Es ist unberechenbar, ob man "Beifall von der falschen Seite" erhält. Ein Adressant formuliert eine Botschaft. Ihm aufzubürden, was Teile der Adressaten daraus machen, würde im Extrem dazu führen, dass niemand mehr etwas sagt. Vor Kurzem sperrte Facebook das folgende Zitat mit Verweis auf Hassrede: "Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts." Das Zitat stammt von Heinrich Heine. Der Facebook-Nutzer wurde eine Weile gesperrt.

    Ich möchte noch einmal zurückkommen auf den Unterschied von Wort und Stimmung in der Diskussion. Und auf Kollektivierung.


    Es endet alles damit, dass man über Nebulöses schreibt. Daher verlinke ich jetzt die Seite allesdichtmachen.de . Da steht eine Einleitung (die auch nicht für alle Teilnehmer steht), und da sind Videos.


    Möge mir bitte jemand zeigen, was etwa an Hans Zischlers Video "verhöhnend" oder "verletzend" ist? Das ist das Video ganz unten über "

    Übrigens: #FCKNZS".


    Bitte werden wir doch konkret. Was ist genau das Problem? Ich habe die Videos auf der Seite längst nicht alle gesehen, aber vielleicht kann mich jemand aufklären?

    Du musst etwas runterscrollen, dann kommt unter der Headline "Gewalt gegen Medienschaffende in Deutschland erreicht nie dagewesene Dimension" die Info zu Deutschland. Zum einen wird da auf aktuelle Herausforderungen aufgrund der Pandemie eingegangen, anschließend aber auch auf das neue BND-Gesetz und weitere Pläne der Bundesregierung.

    Als ich die Meldung letzte Woche gelesen habe, kam es bei mir zum üblichen Reflex: Es hat nichts mit Pressefreiheit zu tun, wenn Demonstranten Journalisten attackieren. Demonstranten sind nicht der Staat, der die Pressefreiheit gewährt.


    Mittlerweile sehe ich das ein bisschen anders, gerade auch in Bezug auf die asozialen Medien und "allesdichtmachen". Vereinfacht gesagt, resultiert der Gedanke an Menschenrechte aus einer ungleichen Machtverteilung zwischen Staatsorganen und Bürgern. Daher entfalten die Grundrechte auch nirgendwo im Zivilrecht so starke (mittelbare) Wirkung wie im Arbeitsrecht, wo es typischerweise ein Mächtgefälle zwischen Arbeitgeber und -nehmer gibt.


    Es hilft wenig, wenn der Staat etwa Meinung- und Pressefreiheit garantiert, die Ausübung dieser Freiheiten aber durch (virtuell) Horden von Knüppelschwingern behindert wird. In solchen Fällen entsteht durch einen "Shitstorm" ein ähnliches Machtgefälle, wie vorher angesprochen.


    Es ist vollkommen gleichgültig, wer von den Schauspielern was mit seinem Clip sagen wollte. Man soll die Videos auch nicht zu einer einheitlichen Aussage verklammern wollen. Das sind einzelne Beiträge mit unterschiedlichen Aussagen. Kollektivierung ist die Pest.


    Es geht einzig und allein darum, wie man mit abweichenden oder unerwarteten oder skurrilen Positionen umgeht.

    Ja, vor allem...wie fandest Du das Video von Richy Müller? Das Interview von Brüggemann habe ich noch nicht gelesen. Hole ich noch nach.


    Wenn die falschen Leute applaudieren, könnte es nicht sein, dass man irgendwie etwas Grundlegendes falsch gemacht hat? Wenn ich ein Fantasy-Buch schreibe und nur Sachbuchleser finden das Buch klasse, dann habe ich wohl die falsche Zielgruppe angetriggert. Und die Videos von den 50 Schauspielern finden besonders großen Anklang bei den Querdenkern, während sie bei der Zielgruppe, die sie meinten erreichen zu wollen (mit was eigentlich?) nur Verärgerung und einen Shitstorm ausgelöst haben.

    Hallo Christian,


    weil Du es angesprochen hast, habe ich mir eben den Clip von Richy Müller angeschaut. Auch der Clip ist eine ironische Zuspitzung für mich. Jedenfalls nichts, worüber ich mich empöre. Vielleicht wäre es hilfreich, den Clips nicht immer gleich Radikalität zu unterstellen.


    Meine Vermutung ist, dass besonders in Fällen wie diesen es die Rezeptoren sind, die eine Aussage so zurechtbiegen, wie sie wollen. Dagegen ist man machtlos. Der Nationalsozialismus hat es mit Gewalt geschafft, Schiller, Kleist und Hölderlin für sich zu vereinnahmen. An Goethe hatten die Nazis zu knacken. Alfred Rosenberg meinte, Goethe sei für seine Ziele nicht brauchbar. Baldur von Schirach stütze sich aber gern auf Faust mit "Blut ist ein ganz besonderer Saft" und stellte Faust als "Leitfigur des nationalsozialistischen Menschen" dar. In der DDR galt Faust dagegen als "Produktivkraft für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft".

    P. S.: Manuel Rubey sagte, er kenne keinen der anderen Clips. Offenbar hat jeder Schauspieler nach eigenem Gusto aufgenommen. Nur weil da ein gemeinsamer "Hashtag" drüber steht, verklammert es die Aussagen nicht zu einer. Vor allem nicht zu einer, bei der man "aufpassen" müsste, weil es "von falscher Seite" vereinnahmt werden könnte. Denn das wäre wieder das Ende von Wort und Bedeutung.

    Der Popper in mir schüttelt den Kopf. In einer Offenen Gesellschaft sollte es Rede und Widerrede geben, den Widerstreit von Argumenten. Dieser "Shitstorm" nach 50 Videoclips zeigt keinen Popper, keine Offene Gesellschaft. Er zeigt eine Gesellschaft, die zum Stammtisch verkommen ist, zum Gefasel. Entscheidend ist nur noch die Stimmung, nicht das Wort. Und wenn das Wort an Bedeutung verliert, verlieren auch Bücher und Autoren an Bedeutung.


    In den 80ern hießt ein "Shitstorm" zum Beispiel mal "Historikerstreit". Da hatte ein Ernst Nolte in der FAZ geschrieben, auf die Frage, ob der Holocaust "singulär" sei: "War denn nicht der Gulag ursprünglicher als Auschwitz?" Was wäre wohl heute los, wenn ein Historiker etwas in der Art fragte? Vielleicht hätte er eine verkürzte Lebenserwartung, so wie Walter Lübcke nach seinem Satz: "Wer die Werte der Verfassung ablehnt, dem stehe es jederzeit frei, Deutschland zu verlassen."


    Nein, da geht es nicht um die politische Richtung. Es geht um die Reaktion auf eine Meinungsäußerung, die bei Lübcke und Nolte von profundem Wissen getragen war. Aber Meret Becker etwa muss Morddrohungen gegen sich lesen. Weil sie in Kindermanier die Haltung einer braven Bürgerin verlesen hat, auf ironische Weise. Wie Wolf Schneider schrieb: Es gibt mehr Menschen, die Ironie mögen, als solche, die sie verstehen.


    Als "Danger Dan" sein Lied "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" vortrug, da erntete er keinen "Shitstorm". Ich mag das Lied zwar, aber bei dem gewalttätigen Unterton hätte ich ein Stürmchen immer noch besser verstehen können als bei diesen Schauspielern. Zwar bin ich ein Fan von Igor Levit, aber die Patronenhülsen in Danger Dans Hand und die späteren Äußerungen: Gewalt als ultima ratio könne gerechtfertigt sein, weil die Antifa Dinge tut, die die Polizei nicht immer macht - nun ja. Das verlässt den Rahmen der Verfassung. Darüber hätte man gern ein, zwei Wörter verlieren dürfen. Aber es geht ja gegen Nazis, also scheiß drauf.


    Zurück zu Stimmung und Wort: Ich habe vier oder fünf der Clips gesehen, die noch online sind. Ich habe nichts Empörenswertes entdeckt. Vielleicht kann mir jemand helfen und erklären: Hier, in dem Video, da sagt X etwas, das kann oder soll man so nicht sagen. Von wegen Verhöhnung oder Querdenkern oder rechtsradikalem Gesocks. Manuel Rubey ist in Österreich bekannt für Aktionen gegen FPÖ und Rechtextremismus. Volker Bruch engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Und beide äußerten sich überspitzt zu Kunst, Kultur und besonders Theatern. Es gibt da schlicht kein Problem. Es geht um die Stimmung. Nicht um das Wort.

    Und selbst wenn er ein Transsexueller gewesen wäre - so what? Wenn man nämlich nur diese Frage stellt, folgt man der Unterstellung, dass jede negative Darstellung eines Einzelnen immer für die gesamte Gruppe gelten soll.

    Klar. Sehe ich auch so. Aber findest Du es nicht zusätzlich eigenartig, wenn sich an einer Rolle, die nicht transsexuell oder transgender ist, Entrüstung wegen der Darstellung solcher Leute entzündet?

    Ich möchte Anjas Punkt aufgreifen: Der Mann im Tatort war kein Transsexueller. Er trug Frauenkleidung, weil er (anscheinend - auch das war nicht klar) eine bessere Mutter abgeben wollte als seine eigene. Man konnte spekulieren, dass seine Mutter Prostituierte war, die ihren Sohn vernachlässigte. Hundert Pro sicher war das nicht. Und wenn er sich auf der Straße in Frauenkleidung bewegte, geschah das in Zusammenhang mit Mord und Entführung und war Camouflage.

    Anja entdeckte gestern Abend, dass der Tatort aus Wien vom Sonntag wohl teils unfreundlich aufgenommen wurde. Es habe einen Shitstorm wegen des Täters aus Transgender-Sicht gegeben. Hier ein Auszug aus einer sachlichen Besprechung:


    Zitat

    Der „Tatort: Die Amme“ wirkt damit wie ein Relikt aus ferner Zeit, denn das populäre Kino hat diese Figur öfter gezeigt. Anthony Perkins in Hitchcocks „Psycho“ (1960), Michael Caine in „Dressed to kill“ (1980) oder der Buffalo-Bill-Charakter in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) sind Beispiele dafür, dass Männer, die Frauen sein wollen, aber ihren Gender Trouble nicht gebacken kriegen, Psychopathen werden müssen.

    https://www.deutschlandfunkkul…ml?dram:article_id=494887


    "Dressed to kill" kenne ich nicht. Aber keiner der drei anderen Filme behauptet, dass Transgender-Leute irgendetwas müssen. Die Kausalität für die Morde ist in den drei Beispielen eine ganz andere. Und es geht um Individuen, nicht ums Kollektiv. Kollektivismus ist (wäre) die Pest.

    Die Idee für diesen Thread entstand wohl gestern Abend bei uns am Küchentisch. Ich schreibe gerade einen Fachartikel, reichte vorab die gewünschte Gliederung ein und erhielt zur Antwort: In Kürze melde sich das SEO-Team bei mir. Nicht nur zu den Keywords in H2 und H3, sondern inhaltlich.


    Und als ich an besagtem Küchentisch einen Hustenanfall bekam, entwickelte ich eine Dystopie: Dass wir in (fernerer) Zukunft ganze Romane nur noch SEO-optimiert schreiben. Nicht nur die Waschzettel. Den ganzen Inhalt. Alles. Damit's Google gefällt, wenn die auch das letzte Buch digitalisiert haben. Ist, glaube ich, weniger Science Fiction als Jules Verne seinerzeit.


    Der Typ vom SEO-Team war total nett. Und er sagte auch, dass die Keywords oft fachlich gar keinen Sinn ergeben - aber die Leute suchen halt damit. Warum sollte dieser Kelch an der Belletristik vorbeigehen?

    "My Spanish Heart" habe ich auch rauf und runter gehört.


    Anfang der 90er war Corea mit seiner Akoustic Band unterwegs, mit John Patitucci am Bass und Dave Weckl am Schlagzeug. Damals durfte ihn auf einem Jazz-Festival hören. Nach einer Stunde war Coreas Steinway wohl minimal verstimmt. Ich behaupte: Außer dem Pianisten hat das kein Schwein gehört oder gar gestört. Corea wollte aber so nicht weiterspielen und verließ die Bühne. Wie ich im Nachhinein mitbekam, soll er den Veranstalter aufgefordert haben, das Publikum aus dem Saal zu schmeißen, damit der Klavierstimmer seine Arbeit machen kann, und erst dann wieder einzulassen. Der Veranstalter soll sinngemäß etwas gesagt haben wie: "Das kannst du nicht bringen, Alter!" Jedenfalls kam dann der Klavierstimmer auf die Bühne und bat uns, mucksmäuschenstill zu sein, weil Corea sonst das Konzert abbreche.


    Er kam dann wieder und spielte. Und das Konzert war saugeil. Eines der besten, das ich gehört habe. (Und die Konkurrenz ist nicht klein.)