Beiträge von Jürgen

    Utopie im Sinne von Thomas Morus heißt genau dies: Die unerträgliche Gegenwart des frühen 16. Jahrhunderts in England muss jetzt überwunden werden, um das Überleben zu sichern. Thomas Mann gebraucht das Wort "Lebenserfordernis". Erst in jüngerer Zeit wurde der Utopie-Begriff als Spinnerei verunglimpft. Hervorgetan hat sich dabei Karl Popper, der, das ist der Witz daran, selbst utopisch argumentiert, also gerade das tut, was er den Feinden der freien Gesellschaft vorwirft. Er sagt, Kriege sollen geführt werden, damit (jetzt kommt die Utopie) es in Zukunft (wann genau?? für wen??) Frieden geben kann. Nachzulesen in dem bekannten Spiegel-Interview von 1992. Darin heißt es, die "zivilisierten" Länder des Westens müssen weiterhin Kriege gegen den "Kindergarten" der ehemaligen Kolonialvölker führen, damit (jetzt wieder die Utopie) diese zivilisiert werden. Natürlich ist Popper für den Ausgleich mit Russland - das er aber anscheinend nicht explizit zu den "zivilisierten" Völkern zählt.

    Ich halte die Auffassung, linke und kommunistische Kulturinitiativen nicht mehr öffentlich fördern zu wollen, für a) in höchstem Maße unkollegial und b) für politisch reaktionär.

    a) Nicht nur den drei, sondern allen etwas alternativ anmutenden Buchläden ist jetzt schon ein wirtschaftlicher Schaden zugefügt worden. Die Kunden überlegen sich jetzt dreimal, ob sie in einen Buchladen gehen, der vom Verfassungsschutz entweder verwanzt oder mit Spitzeln versehen ist. Übrigens gehört zum Bremer Shop auch der Verlag Golden Press, der u.a. Bücher von Dietmar Dath verlegt. Sieht nicht schön aus, dass aus einem Autorenverein Stimmen dringen, die leichtfertig die Schädigung eines Kollegen, der ein kommunistischer Künstler ist, fordern. Dann müsste konsequent jeder kommunistischer Künstler boykottiert und von öffentlicher Förderung ausgeschlossen werden: die Musik von Nono oder Henze dürften nicht mehr in öffentlich geförderten Sinfonieorchestern gespielt werden (Henzes 9. Sinfonie würde es ohne Förderung auch gar nicht geben); aus den Museen müssten die Werke von Picasso und Hrdlicka verschwinden, das Brecht-Haus müsste geschlossen werden. Ja, selbst Thomas Mann würde ins Visier des Verfassungsschutzes geraten, wenn die wüssten, dass er sich in den Radio-Ansprachen an die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges ein Nachkriegseuropa wünschte, das aus einer Mischung von "Demokratie und Sozialismus" bestünde.

    b) Reaktionär ist die Auffassung, linke und kommunistische Künstler von öffentlicher Förderung auszuschließen, weil selbst ein Alexander Gauland, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag, als er in den 80er Jahren noch für die CDU im Magistrat der Stadt Frankfurt am Main war, als Kulturverantwortlicher es für selbstverständlich hielt, Kulturinitiativen von "Linksextremisten" mit Steuergeldern zu fördern. Die hier im Forum vertretene Auffassung liegt also noch rechts von Gauland.

    In meinen Ohren klingt das alles schon extrem stark nach Verschwörungsnarrativen, alles ist Emotion, Assoziation. Und ich finde das im Zusammenhang mit Stoltenberg auch sehr weit hergeholt, sorry. Klar, jeder arbeitet sich vllt. an was ab und lässt sich triggern (hab ich auch bei anderen Themen), aber das alles find ich massiv drüber.

    Danke für die Ferndiagnose.

    BTW: Wer sich mal erholen will vom anstrengenden Freund-Feind-Denken (vgl. dazu die Schriften von Carl Schmitt), empfehle ich vom noch ganz jungen Kriegsdienstverweigerer Franz Schubert das Singspiel "Der vierjährige Posten". Im entsprechenden Wiki-Artikel ist im zweiten Absatz von "Kadavergehorsam" die Rede: kann man so sehen, muss man aber nicht. Passender wäre der Begriff "Desertion". Laut Schubert-Handbuch von 1997 geht es im "Vierjährigen Posten" u.a. um den "utopischen Traum von Völkerverständigung". Kleine historische Info zum besseren Verständnis: Damals, 1815, war der Franzose der Russe. Viel Spaß!

    Ich betrachte Auffassungen, Gegebenheiten, Umstände, Entwicklungen möglichst unter Verwendung möglichst vieler Quellen und unter dem Aspekt der Vernunft, so mir das möglich ist,

    Hi Tom,

    der amerikanische Präsident wird in dem Beitrag wenig schmeichelhaft beschrieben. Wurden bei dieser öffentlichen Beleidigung die Quellen bezüglich der von Barak Obama eingeführten und seitdem wöchentlich aktualisierten killing list berücksichtigt, bei der der Präsident die Exekution von politisch Missliebigen auf der ganzen Welt jenseits jeglicher rechtsstaatlichen Kontrolle befehlen kann? Potentiell jeder (auch Kinder, US-Bürger oder Berlinerinnen) können ins Fadenkreuz geraten und haben keine Chance der Selbstverteidigung. Ich finde das beunruhigend, deshalb vertrete ich den urliberalen Standpunkt, dass die Machtausübung der Mächtigen kritisch beobachtet und beschränkt werden muss. Der Generalsektretär eines Militärbündnisses, das in den letzten Jahren in einigen Kriegen verwickelt war, bekleidet eine mächtige Position, ohne übrigens demokratisch gewählt worden zu sein.

    Zur "Verbreitung" der Meinung (bzw. des "Narrativs") der Herrschenden: In dem Beitrag wird das Wort "Schurkenstaat" benutzt. Dies ist keine völkerrechtliche Kategorie, sondern ein abwertender Bezichtigungsbegriff. Mit dieser Bezichtigung wird nicht nur der Staatsführer, sondern auch seine Anhänger, letztlich die ganze Bevölkerung wortwörtlich in Acht und Bann geschlagen. Dies führt über die Dämonisierung eines "Feindes" zur Emotionalisierung der Adressaten, sodass die Schurken tendenziell nicht mehr als vollgültige Menschen betrachtet werden; es findet eine Entmenschlichung statt, die sich als ausgeschaltete Empathie äußert. Beispiel: Außenministerin Clinton zeigt sich im Fernsehen über die Pfählung des libyschen Premierministers und die Tötung von Tausenden libyschen "Schurken" amüsiert. Also: indem der ideologische Begriff des Schurkenstaates benutzt wird, wird auch die Ideologie der Herrschenden verbreitet, die ein Interesse hatten, einen souveränen Staat (hier: Libyen) zu zerstören.

    Ich sehe also in der Verwendung eines solchen Begriffs wenig "Vernunft" walten. Vernunft stellt sich her, wenn nicht einfach Einzelereignisse isoliert, sondern in einem Argumentationszusammenhang betrachtet werden. Preisfrage: Worin liegt ein wichtiges übereinstimmendes Merkmal der berüchtigten "Schurkenstaaten"? Mein Vorschlag lautet, mal in der Geschichte nachzuschauen. Jugoslawien (Serbien), Afghanistan, Irak, Iran, Nordkorea, Kuba, Libyen, Russland, China sind / waren Staaten, die aus einer kommunistischen und / oder antikolonialen Revolution / nationalen Selbstständigkeitserhebung hervorgegangen sind. Zufall? Die notorischen und dauerhaften Freunde des "Westens" sind überraschender Weise die moralisch nicht unbedingt besser dastehenden Staaten wie die des Golf-Kooperationsrates (Saudi Arabien, Katar usw.), in denen sich (bislang) keine antikolonialen Bewegungen durchgesetzt haben.

    Dieses Stoltenbergbuch hat mich von nichts überzeugt (so einfach geht das nicht),

    Schon das Buchcover zeigt, dass hier ein Produkt aus der Werbeindustrie vorliegt. Werbung funktioniert unvermittelt, ohne dass es uns immer bewusst wird. Daher ist die kritische Reflexion unabdingbar.

    Schönes Neues Jahr!

    Ich habe ja die Hypothese vertreten, dass das Umschlagsfoto eine caesarische Wirkung hat und haben soll. Das scheint auf den ersten Blick weit hergeholt zu sein, wenn man dem von Funk und Fernsehen vermittelten Eindruck eines sympathischen und ausgleichenden Herrn gewohnt ist. Überhaupt: Wieso sollte ein Interesse bestehen, einem politisch (nicht militärisch!) Verantwortlichen die Züge eines römischen Politikers und Heerführers (gewählten Konsuls und ernannten Diktators) zu geben? Deshalb erinnere ich noch mal an die Szene in einem Fernsehinterview, bei dem die Außenministerin Hillary Clinton zur Nachricht des Lynchmords und der Leichenschändung an dem libyschen Premierminister Gaddafi im Oktober 2011 eben ein bekanntes Wort Caesars zitierte und abwandelte: "We came, we saw, he died." Sie schmückte sich und den Kriegseinsatz in Libyen mit dem Glanz des großen Römers. Wenn man dies wiederum als Zufall oder Kleinigkeit werten will, verweise ich zum Dritten auf Gustave Le Bon, der in seinem Hauptwerk "Psychologie der Massen" (1895) schreibt: "Das Urbild des Massenhelden wird stets Caesarencharakter zeigen. Sein Helmbusch verführt sie (d.s. die Massen), seine Macht flößt ihnen Achtung ein, und sein Schwert fürchten sie." Die Werbeagenturen haben selbstverständlich ihren Le Bon gelesen und wir sollten, finde ich, doppelt misstrauisch sein, wenn uns scheinbar seriöse Fotos von Mächtigen vorgesetzt werden.

    Hier ist ja wirklich eine, die "Ahnung" hat...

    Oh, die Idee gab es mehrfach, Boris "Vodka" Jelzin hatte sie sogar auf oberster diplomatischer Ebene zur Sprache gebracht, und selbst Wladi "Der Pfähler" Putin hat in den frühen Nullerjahren öffentlich davon gesprochen, dass er sich eine Mitgliedschaft in der NATO "auf Augenhöhe" vorstellen könne, und der NATO-Russland-Rat, der 2002 ins Leben gerufen wurde, war die bislang höchste institutionelle Manifestierung dieser Idee, die natürlich verworfen werden musste, weil Russland und die (meisten) NATO-Staaten zu jeder Zeit ein völlig anderes Verständnis davon hatten, was ein Verteidigungsbündnis zu leisten habe (Russlands Führung begriff Verteidigung ausnahmslos auch als Erlaubnis der aggressiven, quasi präventiven Gebietsausweitung*), vor allem aber, weil die strukturellen Voraussetzungen in Russland nie auch nur annähernd erreicht wurden, und in den letzten fünfzehn Jahren hat es sich signifikant von allen entsprechenden Werten entfernt - es ist ein Schurkenstaat. Es wäre ein krasser Fehler gewesen, Russland aufzunehmen, und alle Appeasementversuche in diese Richtungen sind von der blutigen Realität überrollt worden.

    Aber, ja, Gedanken in diese Richtung gab es mehrfach, allseits. Aber man besänftigt Aggressoren nicht dadurch, dass man sich mit ihnen vermeintlich anfreundet. Das macht man in dieser Situation nur mit sich selbst, das Besänftigen.


    *Bitte nicht in Erwiderung die Legende wiederholen, Russland wäre irgendwann verbindlich zugesagt worden, die NATO nicht nach Osten zu erweiteren, und im Übrigen sind die baltischen Staaten und die anderen osteuropäischen Staaten, die vorher unter Sowjeteinfluss standen, freiwillig und auf Basis demokratischer Entscheidungen - innerhalb der jeweiligen Staaten, aber auch innerhalb der NATO - beigetreten. Staaten übrigens, die es teilweise zum Zeitpunkt der vermeintlichen Zusage (die nach russischer Lesart 1990 im Rahmen der Klärung der Deutschlandfrage abgegeben wurde) überhaupt noch nicht gab.

    Auch dies ist eine Meinungsbekundung. Aber ist diese Meinung exklusiv aus der Lektüre der Posten-Biografie hervorgegangen oder bestand sie bereits vorher und wurde durch sie bestätigt? Meine Meinung: Aufgabe von Intellektuellen ist es doch nicht, die Meinung der Mächtigen zu verbreiten, sondern sie zu kritisieren.:evil

    Jürgen, wenn Du schon spitzfindig sein willst, dann bitte konsequent. Ich habe "Auf meinem Posten" nicht als Geschichtsbuch bezeichnet, sondern das um "eigentlich" und "beinahe" ergänzt. Ich kann ja verstehen, dass einen so eine fast durchgängig positive und, das Sujet anbetreffend, nahezu kritiklose Rezension aufregt, wenn man die NATO selbst für einen Haufen von CIS-Kriegstreibern hält, aber dann sag das doch einfach, statt hier herumzueiern und mit Wattebäuschen zu werfen. 8)

    Angriff ist die beste Verteidigung:blume

    Worauf ich hinauswollte: Generalsekretär und Spiegelbestseller stehen - was die Wirkung auf das Publikum betrifft - in diametralem Gegensatz zu ihrer wirklichen Bedeutung. Der Generalsekretär hat wenig zu sagen, seine eigentliche Aufgabe als Zivilist in einer militärischen Organisation wäre eine diplomatische und "ausgleichende" gewesen, stattdessen präsentiert er sich wie oben gezeigt. Wir täten Werbefotografen sehr unrecht, wenn wir unterstellten, Fotos hätten eine beliebige Wirkung. Kurz: Dieses Buch wird in einem zukünftigen Geschichtsbuch, das sich mit den Ereignissen in Europa und der Welt 2014ff beschäftigt, keine Rolle spielen. Statt auf Selbstbeweihräucherungen wird man lieber auf Akten zurückgreifen.

    Zur Nato. Die Erfolgsbilanz sehe ich - im Gegensatz vielleicht zum Mainstream - als sehr gemischt an. Größter Fehler meines Erachtens war, Russland nicht als Mitglied aufzunehmen. Mit militärischen Grenzverschiebungen hat die Nato nämlich Erfahrungen und sie auch schon mittelprächtig, aber immerhin deeskalierend gelöst: 1974 hat die Türkei den nördlichen Teil des griechischen Zypern besetzt.

    Noch was nervt mich spitzfindigen Wortklauber total, und das ist der Gebrauch des Wortes "Europa". Was genau ist damit gemeint? Gibt Stoltenberg darüber Auskunft? Das geografische Europa umfasst bekanntlich Russland bis zum Ural; das politische Europa umfasst Westeuropa minus England und Schweiz; gemeint aber ist anscheinend ein politisch-ideologisches "Werte"-Europa, wobei wieder im Unklaren bleibt, welche Werte und Regeln gerade in welchem Maße als vorbildlich gelten (Beispiel: das "autoritäre" Portugal war 1949 Gründungsmitglied der Nato).

    Schöne Grüße!

    Jens Stoltenberg habe ich immer als professionell und ausgleichend empfunden, nie in irgendeiner Form als cäsarisch.

    Ich behaupte ja nicht, dass der Finanzminister ein Caesar ist, sondern dass das Foto so inszeniert ist, dass diese Wirkung entsteht, dass dieser "professionelle" Eindruck vorgespiegelt wird. Kinn nach oben, verkniffener Mund, Blick von oben: Das ist doch mehr als ein "ernster" Ausdruck.

    Einen Beleg für diese vorgespiegelte Wirkung liefert die Buchbesprechung selber, die das Buch als "Geschichtsbuch" wertet. Aber dieses Buch ist leider nicht mehr als ein Quellentext, als Erinnerungstext ist es sogar eine sehr unsichere Quelle, von der wir nicht ohne weiteres auf die korrekte Darstellung der historischen Ereignisse, an denen der Autor beteiligt war, schließen können. Ein Geschichtsbuch dagegen ist die kritisch-wissenschaftliche Verarbeitung von vielen Quellen. Man kann über sich selbst nie ein Geschichtsbuch schreiben, weil man nie die nötige kritische Distanz erreicht. Auch C.I. Caesars "Gallischer Krieg" ist nur ein Quellentext.

    Davon abgesehen ist die NATO ein Verteidigungsbündnis, also grundsätzlich eine militärisch orientierte Organisation, weshalb der Jargon durchaus passt. Der Titel dokumentiert zudem, wie der Mann seine Aufgabe wahrgenommen hat, und unter welchen Umständen.

    Er war Generalsekretär des Bündnisses, der ausdrücklich nicht für das Militär zuständig ist. Deshalb hat er auch keine Uniform an. Aber mal ehrlich: Ist das ein Foto, das Frau Stoltenberg auf ihren Nachttisch stellen würde? Wie gesagt, es gibt "neben" dem Generalsekretär noch den militärischen Oberbefehlshaber, der dem amerikanischen Präsidenten untersteht. Zusammengefasst: der Generalsekretär ist Zivilist mit einem tollen Titel und wenig Macht - wieso macht er dann auf dem Buchcover auf dicke Hose?

    Worauf ich hinauswollte: Mit diesem Umschlag kann ich das Buch nicht ernst nehmen. Wieso inszeniert sich ein norwegischer Finanzminister als Caesar und gibt sich einen Titel aus dem Militärjargon? Was soll das martialische Getue? Dies wäre eigentlich der Job des militärischen Oberbefehlshabers der Nato, der immer ein amerikanischer General ist.

    Erste Reaktionen auf mein Bayerisch in der Biergarten-Geschichte. Ich erfuhr von süddeutschen Freunden, dass mein erfundener Dialekt eine Mischung von wahlweise Ober- und Niederbayerisch, Bayerisch und Fränkisch, bzw. Bayerisch und Österreichisch sei. Was ich so alles kann. Eine kritischere Stimme meinte, dass kein Bayer, wie ich es phonetisch notiert habe: "Moaß" für ein Maß Bier sage. Nein, der Bayer sage vielmehr: "Moaß". Daran hatte ich nicht gedacht, dass ich mich bei meiner phonetischen Schreibweise an meiner nordwestdeutschen Lautung (westlich von Hamburg) orientiert habe, denn für mein nordwestwestdeutsches Ohr schwebt das Bayerische a eben zwischen o und a. Dies werde ich bei meinem nächsten Ausflug in einen deutschen Dialekt, nämlich das Sächsische, natürlich berücksichtigen.

    Vielen Dank, Friecko und Ingrid, jetzt ist mir vieles klarer geworden.

    Mit "Verständnis" ist nicht nur gesunder Menschenverstand, sondern parallel zur ewigen Gnade wohl ein Verständnis in Richtung Nachsicht, Verzeihen gemeint. Im Gegensatz zu den Vertretern der bürgerlichen Gesellschaft (den Stadtleuten), die den Leverkühn plötzlich wegen seiner angeblichen (eingebildeten?) Teufelsverstrickung verachten, ihm letztlich das Menschsein absprechen, fordert die Wirtin auf, Nachsicht, vielleicht auch Verzeihung mit Leverkühn und jedermann ("des langt für all's") zu üben, selbst wenn er die Aussicht auf göttliche Gnade verloren hat und aus der religiösen Gemeinschaft der Protestanten ausgeschlossen ist. Damit erweist sich Else Schweigestill (nomen non est omen) als einzige (?) humane Stimme im Roman, und zwar im Jahr 1930, am Vorabend der Machtergreifung der Nazis.