Beiträge von Michael Höfler

    Ich würde den Film wirklich gern sehen, aber bei dreieinhalb Stunden stellen sich mir alle Haare auf !oo-)

    Oppenheimer fand ich trotz der beängstigenden drei Stunden wirklich kurzweilig, würdest du das über Killers of the Flower Moon auch sagen? Ich liebe DiCaprios Arbeit, aber ich habe leider die Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege.

    "Oppenheimer" habe ich leider verpasst, bei "Killers of the Flower Moon" finde ich die Länge teils berechtigt, weil der Film davon lebt, dass sich das Grauen langsam aufbaut und er die Welt, in der er spielt, ausführlich zeigt. Das ist schön und sehenswert. Andererseits ist der Film zu lange, weil ihm jenseits des sich steigernden Grauens die Dramaturgie fehlt.

    Gerne gesehen und in einiger Hinsicht gut gefunden. Wahre Geschichten um die Native Americans finde ich hochinteressant, und diese über die von Ölfunden tragisch beschenkten Osage ist schön und sensibel erzählt, obwohl die Täterperspektive überwiegt. Die Dramatik könnte besser sein, denn es fehlt lange ein Gegenpart zu dem sich aufbauenden Grauen aus Erbschleicherei und Mord. Der Plot funktioniert teils nur durch Auslassungen in der Beziehung der Hauptfiguren (aber brilliant: Leonardo DiCaprio und Lily Gladstone). Fun fact: Trotz der leidlich bekannten Synchronstimme habe ich stundenlang nicht kapiert, dass der Gangster-Opa Robert De Niro ist.

    Eine Gruppe "Chronauten" lebt in einer Zukunft der Glückseligkeit und versucht, per Zeitreisen in die Vergangenheit einzugreifen, um für die Menschen das Leben in den schlechteren Zeiten besser zu machen. Trojanow fabuliert das mitunter toll, beispielsweise den Versuch, Piraten und Sklaven in der Karabik des 16. Jahrhunderts zusammen zu bringen, um gemeinsam den Kolonialismus zu besiegen. Kontrafaktisches Denken, sich die Welt anders vorzustellen statt vor den Umständen zu kapitulieren, weil diese angeblich nicht veränderbar seien, wird hier in fantasiereichen Erzählungen anschaulich. So sehr Trojanow aber mit vielem in seiner Weltsicht recht hat, und so weise viele seiner Einsichten auch sind, literarisch funktioniert sein Roman nicht. Wie die FAZ zurecht feststellt, entsteht aus der Saturiertheit der Problemlosigkeit keine Spannung (die Chronauten können auf ihren Zeitreisen nicht sterben), die die Geschichte über 500 Seiten tragen würde. Nennenswerte Konflikte entwickeln sich erst sehr spät und nur im Umgang mit dem "Damalsdort". Das Problem der abgehobenen Perspektive wird durch den Pathos in der Erzählstimme noch verstärkt (in einer besseren Dramaturgie wäre sie stark), und der Erzähler stülpt dem Geschehen nicht nur seine immer wieder geschilderte Weltsicht über, sondern übererklärt auch die Gedanken seines Personals. Da hilft auch das Unterhaltungselement einer KI nicht, die auf den Zeitreisen mit ihrem antrainierten Weltwissen assistiert, und der menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Wer sollte eine KI so programmieren, dass sie ihre Benutzerinnen mit ihrer Schlaumeierei nervt? Ich war mir nicht sicher, ob ich das kritisieren soll, wird sich die KI vielleicht irgendwann doch verselbständigen; aber ich tue es dann doch, weil ich das Ende des Romans um diese KI schwach finde.

    Interessante Anmerkungen. Ruht bei mir schon eine Weile auf dem Nachttisch, aber weiter unten im Stapel; ich war zuletzt eher enttäuscht von Boyles Romanen, die zwar stilistisch und dramaturgisch immer noch perfekter werden, zugleich aber auch immer routinierter, einander ähnlicher und monothematischer (Mensch & Natur). Vielleicht rücke ich "Blue Skies" jetzt doch ein, zwei Bücher nach oben. Zumal da Platz ist, weil ich Anselm Nefts "DIe bessere Geschichte" ungelesen verschenkt habe.

    Da würde ich jetzt fast prophezeien, dass Du Boyles neues Werk auch zu routiniert findest. Meine Kritik kann man auch so formulieren: Mit dieser routinierten Herangehensweise wird er diesem existenziellen Thema nicht gerecht. Ich habe gerade angefangen, Ilja Trojanow Dystopie "Tausend und ein Morgen" zu hören. Das ist richtig groß und dramatisch angelegt; mal sehen, ob es aufgeht.

    Dystopieromanen gegenüber bin ich skeptisch, wahrscheinlich weil ich das Thema gerne vermeide. Doch T.C. Boyle extrapoliert in "Blue Skies" kaum über die Gegenwart hinaus, erzählt nahe an den Figuren und ihren Beziehungen und das so gut, teils brilliant, wie in den Romanen, die ich vor zwanzig Jahren von ihm gelesen habe ("Wassermusik", "Grün ist die Hoffnung"). Sehr kurz gesagt, wenn das Problemgemengelage auf der Welt das psychische Ergehen in Zukunft nicht stärker beeinträchtigt als in dieser Fiktion, beruhigt mich diese Lektüre fast. Sicher ist dies so gewollt, anderes wäre schwer lesbar, und Boyle probiert es erst gar nicht. Anders gesagt: eine Geschichte, die, so wie sie gebaut ist, weitgehend funktioniert*, aber dem Anspruch einer Dystopie mit wenigstens einigen damit einhergehenden Konflikten überhaupt nicht genügt. Wo auch immer dieser Anspruch herkommt (Marketing?). Interessanterweise scheinen die Rezensionen in den großen Zeitungen diesen Anspruch als ganz gut erfüllt zu betrachten.



    * Man könnte kritisieren, dass manche inneren Konflikte etwas im Unklaren bleiben, v.a. bei Cat; der Figur, die sich von der ignoranten Hedonistin zur sensiblen Zeitgenossin entwickelt. Und ein paar Längen in der Erzählung.


    https://www.penguin.de/Hoerbuc…er-Hoerverlag/e617506.rhd

    Solange die Leserschaft zu Scham fähig ist, wenn sie einen KI-Roman gelesen und dies nicht bemerkt hat, mache ich mir keine Sorgen. Oder ist das schon zu elitär egdacht?

    Gequält:

    Uwe Tellkamp - Der Turm, zwei Jahre, mit Unterbrechungen. Ich hatte zwei Gründe das Buch zu lesen


    "Der Turm" habe ich tatsächlich zweimal probiert, weil (in Dresden) gar so viele darüber geschwärmt hatten. Ich fand es sprachlich und erzählerisch überhaupt nicht gut und bin auch nicht über Seite 100 hinausgekommen. Autor ist nicht Werk, aber es zeigte sich später, dass wohl mehr Intention dahintersteckte als, wie ich beim Lesen glaubte, bräsige Bürgerlichkeit zu feiern.

    Sehr mächtige oder kraftvolle Apparate werden auf eine Welt losgelassen, die mit derlei bislang nicht die geringste Erfahrung hat. Das ist zwar ein Mechanismus, den der technische Fortschritt von Anbeginn mit sich bringt, aber die Klippen werden immer höher. Das halte ich ganz persönlich für problematischer als die vermeintliche Unausgewogenheit einiger Aspekte, andererseits ist das eine auch ein Teil des anderen. Mmh ...

    Ja, Medienkompetenz wird immer mehr zum Distinktionsmerkmal. Das ist wirklich problematisch, weil Medienkompetenz sicher stark mit Zugang zu Bildung zusammenhängt. Und den haben wir hier initial auch nur geschenkt bekommen und uns nicht selbst verdient. Die Nachrichtenmedien tragen erfahrungsgemäß nur sehr bedingt zur Medienkompetenz bei. Ich kenne v.a. den MDR und der holt die Menschen nicht wohin ab, sondern bespielt sie lieber dort, wo sie stehen geblieben sind. (ist aber auch so ein regionales Ding, NDR Info ist wesentlich informativer als MDR Aktuell).

    Auch Aufklärung und ein Update von Medien-Kompetenz tut Not. Eine KI-Suchmaschine liefert eine eindeutige Antwort, was psychologisch bestimmt ganz anders wirkt als die vielen Suchtreffer, die Google ausspuckt. Hypothese, dass das Eindeutige, wenn es auch noch "intelligent" heißt, als Wahrheit genommen wird, statt zu verstehen, dass die Antwort einfach aus den Informationen gebaut wird, die in ein System gefüttert wurden.


    Das ist andererseits natürlich ein Segen, um mechanische Tätigkeiten auszuführen. Beim Schreiben zum Beispiel, um verschiedene Satzstellungen und Wortwahl vorgeschlagen zu kriegen. Dabei aber schon wieder die Einschränkung, dass die KI bei beidem, so ist sie gebaut, nur das Gängige, nicht das Originelle vorschlägt. Bessere, rein mechanische Beispiele: Literaturverzeichnis einheitlich formatieren, Software suchen und Code bauen lassen, um ein bestimmtes Diagramm zu erstellen.

    Ja, KI weiß nichts. Socher und andere haben frühzeitig erkannt, dass Expertensysteme, also das Füttern der Modelle mit Fakten, nicht funktioniert; sondern dass man die Systeme lieber inhaltsblind lässt und Fragen über riesige Datenmengen löst. Formal funktioniert dies über Vektoren mit der Länge 1 Mio und mehr (ein Vektor stellt eine sprachliche Frage dar und die Antwort darauf ist ebenso ein Vektor).


    Darum setzt die KI Lügen, Rassismus, aber auch alles Gute im Netz, einfach fort. Sie ist blind, also ist sie gar nichts, außer eben eine Maschine. Keine Ahnung, was die beste Intervention dagegen ist, aber erstmal ist es wichtig, dies zu verstehen. Neulich gesehen: Eine koreanische Frau ließ sich von einer KI ihr Bewerbungsfoto ändern mit der Aufgabe, es bewerbungstauglicher zu machen. Ergebnis war ein Foto, das eine weiße Frau zeigte. Das ist unbestreitbar problematisch. Aber natürlich schwierig, darüber eine legitime Instanz zu setzen, die Regeln festlegt. Wer auch immer eine Löösungsidee dazu hat, gerne her damit. Ich habe keinen Schimmer.

    KI kann in dem Sinne nichts voranbringen, als sie darauf ausgelegt ist, dass wahrscheinlichste aufgrund der in sie eingespeisten Information zu produzieren. Daher geht sie nur den geradlinigen Weg weiter, trägt weiter, was in den Daten ist (z.B. dass Hautfarbe weiß sei). Klar, es gibt auch eine Zufallskomponente in den Vorhersagen*, die KI macht, aber die bewegt sich eng um die wahrscheinlichste Vorhersage herum.


    * KI ist nicht ist nichts anderes als eine Vorhersage der wahrscheinlichsten Antwort auf eine Frage, gegeben die Daten und das Modell, wie ich bei Richard Socher hörte; zumindest in den Sprachprozessierungsmodellen, die der verwendet.

    In der Wissenschaft gibt es auch solche Dinger, die wie die Bezahlverlage auf die Eitelkeit, hiwer der Genannten, setzen. Auf Englisch heißen die Pseudoverlage bezeichnenderweise "vanity press".

    Pardong, ich wollte dies hier rein kommentiert haben:



    "Vielleicht sollte die KI in Liebsbriefe ein paar Grammatik- und Rechtschreibfehler einbauen, um authentischer zu wirken.


    Ich versuche mich gerade an einem Text über Kunst und KI, der über (vermutete) bisherige Versuche hinaus geht."

    Für mich vielleicht so ein Beispiel, wie Debatten funktionieren, wenn sie den einen (Verlagen) dienen, um Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu generieren und den anderen (Feuilleton) dazu, ihre Spalten voll zu kriegen; wo dann jede Meinungsgymnastik und jeder Rhetorikmove andere nach sich zieht. Siehe die ganzen selbstgebackenen Themen in der Politik: Pkw-Maut, darf Protest stören, ist Streik nicht vielleicht Erpressung?