Beiträge von Michael Höfler

    Leute in einem Bus, in einem Flugzeug, in der Bahn, auf einer Fähre, einem Kreuzfahrtschiff. Kunden eines Ladens. Patienten und -innen in einem Krankenhaus. Menschen in einer Schule, an der Uni, in einer Firma. In einem Urlaubshotel. In einem Parkhaus, im Wartezimmer einer Behörde, im Auffanglager für Geflüchtete.

    Auf einem Hausboot.

    Ein verbindender Ort ist eine sehr gute Voraussetzung für eine mehrschichtige Erzählung, die sich trotzdem homogen liest. Man muss sich über den Ort einigen, möglicherweise einiges an Topologie, Geografie und Vorgeschichte sammeln, bevor es losgeht. Und vielleicht irgendein Thema, eine Botschaft, eine Prämisse skizzieren. Da genügte ein Kalenderspruch ("Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es."). Dann käme vielleicht sogar etwas richtig Gutes dabei heraus.


    Ich habe im vergehenden Jahr an einem 24-Autoren-und--innen-Roman mitgearbeitet, bei dem es als Vorgabe auch nur das erste Kapitel gab, und das war schon der nackte Wahnsinn, im direkten Wortsinn. Ich meine, die letzten beiden Kapitel müssten gerade in der Mache sein, aber als ich an der Reihe war, spät im vierten Fünftel, habe ich den Versuch sofort wieder aufgegeben, da irgendwie Ordnung reinzubekommen. Alle Beteiligten haben fast genauso wie wir hier agiert. Nein, viel wilder und absolut egoistisch. Dieser Text ist nach meinem Dafürhalten (und im Gegensatz zu unsrigem) völlig unlesbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das verlegt wird, auch wenn einige bigger names dabei sind.

    Weil ich gerade in einem Katalog für Abenteuerreisen schwelge, bloß um Inhalte für Träume zu haben.


    Hatte gerade die Idee eines abgeschiedenen Hotelressorts, etwa ein isoliertes Stein- oder Schilfhüttendorf, das man auch unterschiedlichen Motiven, am besten mit unterschiedlichem Budget besuchen kann. Gerade nachgeschaut, sowas nennts sich Albergo Diffuso/Scatter hotel/Modulares Natur Ressort

    So oder so, wir bräuchten für den nächsten Versuch ein stärkeres Gerüst. Bzw. überhaupt erst mal eines.

    Das mit dem Hotel fetzt. Es gab auch mal einen Episodenfilm, der abwechselnd zeigte, was in den Zimmern passiert.


    Rahmen müsste Ort und Zeit setzen. Dazu das Commitment, dass die Handlungen wenigstens ein bisschen konvergieren, aber das Haus nicht verlassen wird. Man trifft sich nur innerhalb. Und vielleicht noch grob ein Ereignis, auf das die Stränge zulaufen, und das das ganze Hotel betrifft. Dazu die starke Verpflichtung, dass Motive, Handlungsfäden, Gegenstände bevorzugt weitergeführt werden statt immer wieder Neues reinzubringen.

    Ich habe auch anfangs nur Überraschungseier reingeworfen. Ab Runde zwei habe ich eher versucht, die auszupacken, die schon da waren. Den von mir selbst eingebrachten Stofffisch wollte ich in etwas anderes verwandeln, als ich merkte, dass das eine unpassende Zutat war. An das große Überraschungsei, in dem das Gesetz drin war, traute ich mich nicht heran.

    Versuch das zuendezubringen. So oder so ähnlich können wir es vielleicht machen, gerne verbessern; vielleicht lässt sich darauf aufbauen:


    Liebe Leserschaft, die du das bisher gelesen hast!


    Wir, diejenigen, die zusammen diese Collage geschrieben haben, sind leider zu dem Schluss gekommen, dass hier bereits Schluss sein muss. Wir haben losgelegt ohne Plan, ohne Plot, ohne Orchestrierung und abgestimmte Instrumente. Bis hierhin hat es viel Spaß gemacht, nicht weiter wird es gehen.


    Der Grund dafür, dass diese Erzählung eine Fabula interrupta bleibt, liegt darin, dass wir daraufgekommen sind, was die Auflösung des locker daherfabulierten Titels "Murphys zweites Gesetz" ist. Murphys zweites Gesetz lautet nämlich: Manche Dinge sind nicht mal dazu geeignet, schief zu gehen.


    Es war ein Versuch. Ein Versuch, der dem Unterfangen glich, ein Gemälde aus Puzzleteilen zu malen, von denen jeder eines nach dem anderen hinzufügt, ohne dass es eine Idee des Bildes gibt, das entstehen soll. Jedes Puzzleteil für sich schön, filigran, zusammengenommen in kleinem Rahmen lustig, aber nicht skalierbar auf die gewünschte Gemäldegröße.


    Dieser Versuch ist nicht schiefgegangen, denn dafür hätte diese in all ihren Bestandteilen kunstfertige Flickschusterei fertig werden müssen. Was nicht beendet, qualifiziert sich nicht dafür, von Kritikerhand zerrissen zu werden. Dieser Versuch konnte auch gar nicht fertigwerden, denn niemand hätte es fertiggebracht, das Vorhandene abzurunden. Es wären weiterhin Stücke hinzugefügt worden und seien es nur, wie geschehen, solche, die die Abrundung aufschieben. Murphys zweites Gesetz, q.e.d.


    Somit sind wir fein raus und brauchen uns nicht zu entschuldigen, nicht zu bereuen. Im Gegenteil, wir können uns die Entdecktung von Murphys zweitem Gesetz ans Revers heften. (Wenn jemand einzelnes einen Weltbestseller dazu schreibt, nehmen wir die Credits gerne und sind darauf gespannt, wie sie oder er das Paradox auflöst, dass sich so einem Werk ein Ende eigentlich verbietet.)


    Gleichwohl enden (!) wir erst nach noch ein paar einzelne Eindrücke von allen, die die einzelnen Bruchstücke beigesteuert haben. Sie verraten ein paar Details über Murphys zweites Gesetz, mit denen wir uns Dir, werte Leserschaft, empfehlen (!).

    Wie können es gerne so machen, wie Tom vorschlägt: Es hat Spaß gemacht. Es war ein Versuch, aber ein gescheiterter Versuch. Dafür einer, der ein paar Lehren fürs Schreiben bereithält. Damit möchten wir das Experiment beenden. Aber mit den Schlussfolgerungen von jedem Einzelnen. Weil jede Einzelne mit anderem Impetus in die Sache hineingegangen ist und vielleicht auch eine andere Erklärung hat, dass sich ohne Plan und ohne Orchestrierung das vielfältige Einzelne nicht zu einem runden Ganzen zusammenfügen wollte.

    Es empfiehlt sich unbedingt, eine Raumzeit selbst zu bereisen, wenn es sich halbwegs um eine gegenwärtige handelt, und wenn der ort für das Geschehen wichtig ist. Wie Du andeutest, sollte man den Ort fühlen, atmen, um ihn in Worten ausdrücken zu können. In der allemeisten Belletristik, finde ich, sind die Orte nicht essentiell und werden wenig gezeichnet.


    Was Karl Mays Orient-Romane betrifft, lässt sich ergänzen, dass er da ein starkes Vorbild hatte, von dem er sich, sagen wir, inspirieren lassen konnte, ohne dass dies offenbar ein großes Thema geworden wäre. Ich meine Arminius Vámbérys "Reise in Mittelasien". Das hat mir ein Freund empfohlen. Da taucht z.B. die Einsicht auf, dass man nur unter falscher Identität durch diese Länder reisen kann (dafür wurde Vámbérys vorgeworfen, seine Fakten aus Fachliteratur abgekupfert zu haben). Und dieser Roman ist für mich um Längen besser und kürzer, äh, prägnanter geschrieben als Mays Werke.

    Diese Folge "Griechische Tragödien" aus dem Philisophie-Podcast "Geister" finde ich in punkto Ursprünge des Geschichten-Erzählens hochinteressant. Es zeigt wie so oft, dass vieles viel älter ist, als man vielleicht glaubt. Beispielsweise die Einsicht, dass die Spannung einer Geschichte nicht die Ungewissheit braucht, wie es ausgeht, sondern auch daraus erwachsen kann, wie die Entwicklung den Heldinnen passieren konnte. Ich finde diesen Independent-Podcast wunderbar tiefenentspannt. Man kommt dabei herunter und dennoch auf neue Gedanken.

    Meine Überlegung dazu ist: Die KI kann surreale Wort- und Satzkonstruktionen nicht von beliebigem "Wortsalat" unterscheiden. Es gibt in der KI noch keinen "Bewertungsalgorithmus", der gute, schlechte, irre oder geniale Formulieren unterscheiden kann. Das aber wäre eine Grundvoraussetzung, um gute Texte zu generieren. Die KI- Texte, die ich bislang gelesen habe muten an wie eine Collage aus bereits vorhandenen Versatzstücken, so wie aus einem Sprachlegokasten erbaut. Meine Erfahrung ist, dass die KI, leblos, dümmlich anbiedernd oder eben beliebig formuliert. Wenn ich diese J. Z.- Sätze lese, würde ich eine zweite Plagiatssoftware benutzen, die erforscht, wo und in welcher Form es diese Ausdrücke bereits gibt.

    Hallo Otto,


    das ist das hier schon öfter (von Tom) erwähnte Missverständnis: KI muss nicht Bewertung, Intelligenz, Kreatiivität nachbilden (was in der Vergangenheit krachend gescheitert ist). Es erschlägt diese Dinge durch Datenmenge und Rechenpower und generiert einfach, was gemeinhin (aufgrund der Daten) als gut, intelligent ... bewertet wird.


    Ich finde hier ein bisschen lustig, dass KI so hohle Metaphern generiert, wenn man ihr sagt "im Stil von "JZ", aber das hat mit meiner JZ-Skepsis zu tun :)

    Pardon, ich hatte jetzt den Impuls nicht im Griff, "Metaphern und Stilblüten im Stil von Juli Zeh" erstellen zu lassen. Wer wie JZ okay damit ist, die Bedeutung im Nebel zu belassen, wird einiges davon mögen:

    • Die Wahrheit stand im Raum wie ein Möbelstück, das niemand bestellt hatte.
    • Er hatte Prinzipien, ungefähr so fest wie ein Einkaufszettel im Regen.
    • Ihre Empörung war frisch gebügelt und roch nach Pressemitteilung.
    • Die Stadt lag vor ihnen wie ein Argument, das seine Pointe vergessen hatte.
    • Vertrauen war hier keine Brücke, sondern eher eine Fußgängerampel: Man glaubte daran, solange sie grün zeigte.
    • Er nickte mit der Entschlossenheit eines Mannes, der gerade vergessen hatte, wozu er entschlossen war.
    • Die Moral hing über dem Gespräch wie eine schlecht befestigte Gardine.
    • Sie besaß die seltene Fähigkeit, einen Raum gleichzeitig zu betreten und zu verlassen.
    • Seine Überzeugungen waren wetterfest, solange es nicht regnete.
    • Das Gespräch entwickelte sich prächtig, nämlich in die falsche Richtung.
    • Hoffnung ist auch nur Verzweiflung mit besserem Marketing.
    • Sie lächelte so freundlich, dass man sofort nach dem Kleingedruckten suchte.
    • Der Konsens war erreicht: Alle waren sich einig, dass niemand nachgeben würde.
    • Er sprach von Freiheit mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der sie für sich selbst reserviert hatte.
    • Zwischen ihnen stand eine Wahrheit, breit und unbeweglich wie ein Kleinwagen in einer Einfahrt.
    • Die Vernunft kam spät, blieb kurz und bestellte nichts.
    • Das Problem war nicht, dass niemand eine Lösung hatte. Das Problem war, dass alle ihre eigene bevorzugten.
    • Seine Angst trug einen Anzug und nannte sich Vorsicht.
    • Die Gegenwart fühlte sich an wie eine Zukunft, die man bereits zweimal abgesagt hatte.
    • Sie hatte sich an die Wirklichkeit gewöhnt, indem sie sie konsequent für einen schlechten Witz hielt.