„Wolzow – mein Schicksal?“
Es ist, auf den Monat genau, 50 Jahre her, dass ich diese Frage beantworten musste; nein, besser wir, denn im Januar 1976 war ich in der 10.Klasse. Das Buch „Die Abenteuer des Werner Holt“ gehörte zum Lehrplan und zu den wenigen Büchern, die ohne Murren gelesen wurden. Es hat bis heute seine Aktualität nicht eingebüßt und erschien selbst nach 1990 noch in neun Auflagen.
Das Buch sind eigentlich drei Bücher und zwei Verfilmungen
Roman einer Jugend, erschienen 1960, verfilmt 1965
Roman einer Heimkehr, erschienen 1963
Kippenberg, erschienen 1979, verfilmt 1981
Der Autor der drei Bücher ist Dieter Noll (1927-2008). Die ersten beiden Bücher sind nicht seine Biografie, aber er verarbeitet darin eigene Erlebnisse seiner Generation – der Generation Flakhelfer. Nach dem Erscheinen von „Roman einer Jugend“, beginnt er die Fortsetzung, den „Roman einer Heimkehr“, zu schreiben, der auch erfolgreich ist, aber nicht an den Erfolg des ersten Buches anschließen kann. Es wird nach Erscheinen des zweiten Buches behauptet, Noll wollte noch einen dritten Teil schreiben, den er aber nie geschrieben hat. Das 1979 erschienene Buch „Kippenberg“ wurde nach dem Erscheinen als möglicher dritter Teil interpretiert, da es Parallelen zur Figurenbesetzung und Setting des Endes des zweiten Teiles aufweist. Bestätigt hat das Noll nie.
Der „Roman einer Jugend“ beginnt im Frühsommer 1944 in einer nicht genannten Kleinstadt. Die 16-jährigen Gymnasiasten fiebern der Einberufung als Flakhelfer entgegen. Sie verklären den näherrückenden Krieg zu einem schicksalhaften Abenteuer, das es zu bestehen gilt und erleben den letzten friedlichen Sommer im kleinbürgerlichen Idyll der Kleinstadt.
Protagonist ist der älter wirkende Werner Holt, der mit dem Antagonisten Gilbert Wolzow befreundet ist. Seit ich Wolzow – als Figur – kenne, habe ich eine sehr konkrete Vorstellung von einer Person, der man den Begriff Nazi zuschreibt. Sein Wissen beschränkt sich auf Inselwissen über sämtliche germanisch-deutsche Schlachten, beginnend mit der Varusschlacht, was sich mit seiner Herkunft aus einer Offiziersfamilie und seinem Berufsziel – Offizier – begründen lässt. Wolzow ist jede Empathie fremd, steht ihm jemand im Weg, wird dieser Jemand zur Seite geräumt – Wolzow First.
Die Ausbildung zum Flakhelfer in Gelsenkirchen konfrontiert die 16-jährigen mit der Realität des Krieges und die Verklärung des Abenteuers Krieg weicht einer zunehmenden Verrohung. Die Sprache in den Dialogen wird rauer und zynischer. Alle Informationen über die Schrecken des Krieges prallen von den Jugendlichen ab und selbst brutalste Szenen werden von ihnen mit „kann die SS nicht die Leichen der misshandelten Zivilisten verscharren und nicht so offen rumliegen lassen“ oder „wir müssen den Krieg gewinnen, sonst gnade uns Gott vor den Gewinnern“ kommentiert und trotzdem gibt es hin und wieder Szenen, die die Brutalität durchbrechen. Auf die Frage, welche Szene im Buch man persönlich als die schrecklichste in Erinnerung hat, kommt in den meisten Fällen die Szene in der Sägemühle, gefolgt von der Szene des Bombenangriffs auf Gelsenkirchen.
Bevor Holt in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, soll die militärische Einheit, in der er ist und von Wolzow angeführt wird, einen Zufahrtstrasse in eine Ortschaft verteidigen. Er erkennt die Sinnlosigkeit des Unternehmens und beantwort die anfangs gestellte Frage „Wolzow – mein Schicksal“ eindeutig. Holt ist im Verlauf der Handlung zum Zyniker geworden und er hat keine politischer Verortung mehr, was in seinen Worten „Erst rechts rum und jetzt links rum – nicht mit mir!“ zum Ausdruck kommt.
Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft macht er sich, quer durch Deutschland, auf die Suche nach seinen Vater. Er findet ihn in Halle, mittlerweile arbeitet dieser in einem nahen Chemiebetrieb, und findet bei ihm auch Gundel, in die er sich bei einem Heimaturlaub verliebte, wieder.
Damit endet der „Roman einer Jugend“ und ist der Beginn des „Romans einer Heimkehr“.
Die Frage, ob der „Roman einer Jugend“ heute wieder in der Schule gelesen werden sollte, beantworte ich eindeutig mit Ja; aber, das Buch hat auch seine Tücken. Von der teilweise brutalen Sprache abgesehen, was heute ein Hinderungsgrund wäre, ist eine weitere Tücke des Buches, Noll sortiert die Personen nicht nach Gut und Böse, von Wolzow abgesehen und nach heutiger Lesart des Begriffes Nazi besteht das ganze Buch nur aus Nazis. Eine Ausnahme sind Holts Vater und Gundula (im Buch Gundel genannt) Thieß.
Die Verfilmung nimmt wesentliche Änderungen an der Buchvorlage vor, von der Entschärfung der Brutalität abgesehen. Der Film beginnt mit der Szene, in der Holt in Kriegsgefangenschaft gerät und arbeitet sich mit Rückblenden zu diesem Punkt durch die Handlung, während das Buch chronologisch geschrieben ist. Im Buch kommt Holt in amerikanische Kriegsgefangenschaft, im Film in russische.
