Beiträge von Dietmar

    „Wolzow – mein Schicksal?“


    Es ist, auf den Monat genau, 50 Jahre her, dass ich diese Frage beantworten musste; nein, besser wir, denn im Januar 1976 war ich in der 10.Klasse. Das Buch „Die Abenteuer des Werner Holt“ gehörte zum Lehrplan und zu den wenigen Büchern, die ohne Murren gelesen wurden. Es hat bis heute seine Aktualität nicht eingebüßt und erschien selbst nach 1990 noch in neun Auflagen.

    Das Buch sind eigentlich drei Bücher und zwei Verfilmungen

    Roman einer Jugend, erschienen 1960, verfilmt 1965

    Roman einer Heimkehr, erschienen 1963

    Kippenberg, erschienen 1979, verfilmt 1981


    Der Autor der drei Bücher ist Dieter Noll (1927-2008). Die ersten beiden Bücher sind nicht seine Biografie, aber er verarbeitet darin eigene Erlebnisse seiner Generation – der Generation Flakhelfer. Nach dem Erscheinen von „Roman einer Jugend“, beginnt er die Fortsetzung, den „Roman einer Heimkehr“, zu schreiben, der auch erfolgreich ist, aber nicht an den Erfolg des ersten Buches anschließen kann. Es wird nach Erscheinen des zweiten Buches behauptet, Noll wollte noch einen dritten Teil schreiben, den er aber nie geschrieben hat. Das 1979 erschienene Buch „Kippenberg“ wurde nach dem Erscheinen als möglicher dritter Teil interpretiert, da es Parallelen zur Figurenbesetzung und Setting des Endes des zweiten Teiles aufweist. Bestätigt hat das Noll nie.


    Der „Roman einer Jugend“ beginnt im Frühsommer 1944 in einer nicht genannten Kleinstadt. Die 16-jährigen Gymnasiasten fiebern der Einberufung als Flakhelfer entgegen. Sie verklären den näherrückenden Krieg zu einem schicksalhaften Abenteuer, das es zu bestehen gilt und erleben den letzten friedlichen Sommer im kleinbürgerlichen Idyll der Kleinstadt.

    Protagonist ist der älter wirkende Werner Holt, der mit dem Antagonisten Gilbert Wolzow befreundet ist. Seit ich Wolzow – als Figur – kenne, habe ich eine sehr konkrete Vorstellung von einer Person, der man den Begriff Nazi zuschreibt. Sein Wissen beschränkt sich auf Inselwissen über sämtliche germanisch-deutsche Schlachten, beginnend mit der Varusschlacht, was sich mit seiner Herkunft aus einer Offiziersfamilie und seinem Berufsziel – Offizier – begründen lässt. Wolzow ist jede Empathie fremd, steht ihm jemand im Weg, wird dieser Jemand zur Seite geräumt – Wolzow First.


    Die Ausbildung zum Flakhelfer in Gelsenkirchen konfrontiert die 16-jährigen mit der Realität des Krieges und die Verklärung des Abenteuers Krieg weicht einer zunehmenden Verrohung. Die Sprache in den Dialogen wird rauer und zynischer. Alle Informationen über die Schrecken des Krieges prallen von den Jugendlichen ab und selbst brutalste Szenen werden von ihnen mit „kann die SS nicht die Leichen der misshandelten Zivilisten verscharren und nicht so offen rumliegen lassen“ oder „wir müssen den Krieg gewinnen, sonst gnade uns Gott vor den Gewinnern“ kommentiert und trotzdem gibt es hin und wieder Szenen, die die Brutalität durchbrechen. Auf die Frage, welche Szene im Buch man persönlich als die schrecklichste in Erinnerung hat, kommt in den meisten Fällen die Szene in der Sägemühle, gefolgt von der Szene des Bombenangriffs auf Gelsenkirchen.


    Bevor Holt in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, soll die militärische Einheit, in der er ist und von Wolzow angeführt wird, einen Zufahrtstrasse in eine Ortschaft verteidigen. Er erkennt die Sinnlosigkeit des Unternehmens und beantwort die anfangs gestellte Frage „Wolzow – mein Schicksal“ eindeutig. Holt ist im Verlauf der Handlung zum Zyniker geworden und er hat keine politischer Verortung mehr, was in seinen Worten „Erst rechts rum und jetzt links rum – nicht mit mir!“ zum Ausdruck kommt.

    Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft macht er sich, quer durch Deutschland, auf die Suche nach seinen Vater. Er findet ihn in Halle, mittlerweile arbeitet dieser in einem nahen Chemiebetrieb, und findet bei ihm auch Gundel, in die er sich bei einem Heimaturlaub verliebte, wieder.

    Damit endet der „Roman einer Jugend“ und ist der Beginn des „Romans einer Heimkehr“.


    Die Frage, ob der „Roman einer Jugend“ heute wieder in der Schule gelesen werden sollte, beantworte ich eindeutig mit Ja; aber, das Buch hat auch seine Tücken. Von der teilweise brutalen Sprache abgesehen, was heute ein Hinderungsgrund wäre, ist eine weitere Tücke des Buches, Noll sortiert die Personen nicht nach Gut und Böse, von Wolzow abgesehen und nach heutiger Lesart des Begriffes Nazi besteht das ganze Buch nur aus Nazis. Eine Ausnahme sind Holts Vater und Gundula (im Buch Gundel genannt) Thieß.


    Die Verfilmung nimmt wesentliche Änderungen an der Buchvorlage vor, von der Entschärfung der Brutalität abgesehen. Der Film beginnt mit der Szene, in der Holt in Kriegsgefangenschaft gerät und arbeitet sich mit Rückblenden zu diesem Punkt durch die Handlung, während das Buch chronologisch geschrieben ist. Im Buch kommt Holt in amerikanische Kriegsgefangenschaft, im Film in russische.

    Alte, die Jugendsprache verwenden...


    ... sind für mich aus der Zeit gefallen. Jugendsprache ist ein Abgrenzungsmerkmal gegen die ältere (Eltern-) Generation. In der Jugendzeit meiner Generation hätten wir das als extrem peinlich empfunden, wenn die Eltern, womöglich noch in der Öffentlichkeit, mit unserer damaligen Jugendsprache dahergekommen wären.

    Wer sich mit Eigenschaften einer anderen Generation schmückt, das gilt für mich in beide Richtungen, denn die Umkehrung zum Threadthema wäre die Altklugheit, hat für mich irgendwann den Absprung in den nächsten Lebensabschnitt verpasst oder will einen Lebensabschnitt überspringen. Ich halte es in dieser Beziehung mit einem Bibelzitat, das, leicht abgewandelt, in einem Songtext "Jegliches hat seine Zeit..." lautet.

    Okay, aus meiner Sich besteht der Unterschied im ersten Moment nur darin, dass ich den jeweils ersten Satz als Tell bezeichne und den jeweils zweiten als Show. Beim zweiten Blick fällt auf, dass in den jeweils zweiten Sätzen wesentlich mehr Empathie steckt, also durch die Kombination von Show und Empathie ein tieferer Einblick möglich ist. Liege ich da richtig?

    Ohne es zu ahnen, spiele ich seit einigen Wochen offenbar selbst mit dem Deep-POV herum. Es bereitet mir arge Schwierigkeiten, bestimmte Dinge

    Deep-POV war mir bisher unbekannt und nachdem, was ich recherchiert habe, bin ich der Meinung, es ist soetwas wie innerer Monolog oder stream of consciousness. Oder liege ich da völlig falsch? Ist Deep-POV, jemand erlebt etwas oder jemand denkt etwas und das extrem intensiv? Ist Deep-POV mit immersiver Handlung umsetzbar?


    Zur Ausgangsfrage: Mein Verständnis ist, dass der auktoriale Erzähler zwar theoretisch allwissend ist (er kann in alle Köpfe sehen, vorausahnen und zurückdenken, etc.), aber das noch lange nicht raushängen lassen muss.

    In Plenzdorfs "Legende von Paul und Paula" taucht eine Figur als personal auf - als Paulas Nachbarin, und als auktorial - in dieser Situation bezeichnet sich selbst als "meine Wenigkeit". Was ich dahingegehend interpretiere, dass sie weiß, nicht allwissend zu sein.

    Halt, bevor ich es vergesse - es wurde ja um einen ersten, eigenen Satz gebeten.


    Damals, als sich alles änderte, versenkte meine Generation unsere Welt, die wir nicht mehr mochten, um ohne Gepäck ganz schnell in der neuen Welt anzukommen, die wir anhimmelten.

    Ich muss mit dem ersten Satz eine Verortung des Textes bekommen. Die kann zeitlich, örtlich oder auch beides sein. Wenn ich mehrere Sätze in der Schwebe darüber gehalten werde, werde ich ungeduldig oder lege das Buch weg.

    - Ich möchte besser verstehen, warum der Anteil junger Männer unter den Wählern rechtspopulistischer oder rechtsextremistischer Parteien so unverhältnismäßig hoch ist.

    Hier bin ich der Meinung, dass der entscheidente Punkt das starke, patriarchalische Welt-, Frauen- und Familienbild ist. Der Mann ist der Ernährer der Familie (Sippe) und wenn er das in Gefahr sieht, zieht es ihnen zu denen, die ihnen genau das wieder garantieren - Rechtspopulismus und Rechtsextremismus.

    - Ich möchte verstehen, warum sich diese Entwicklung weltweit in allen Industrieländern verstetigt, es unter der Oberfläche also um andere als rein nationalstaatliche Belange gehen muss.

    Hier reicht es nicht aus, eine Erklärung im Heute zu finden. sondern der Ansatz ist im Jahr 1945 zu suchen. Nach Ende des 2.WK musste sich die Welt neu organisieren. Bereits Ende der 40er hatten sich die zwei dominaten Machtblöcke unter der Führung der USA und der Sowjetunion herausgebildet, was mit dem Beginn des Kalten Krieges zusammenfällt. Beide Machtblöcke hatten ihr politisches Terrain abgesteckt und die Welt war bipolar aufgeteilt. Für mehrere Jahrzehnte war damit ein stabiler, weltpolitischer Zustand eingestellt, den niemand auf's Spiel setzen wollte, weil die Konsequenzen klar waren - ein atomarer Krieg, auch wenn immer wieder mal mit dem Säbel gerasselt wurde.

    Womit im Westen niemand gerechnet hat, dass der sowjetische Einflussbereich sich von innen heraus auflöst. Mich wundert bis heute, warum der Westen da einen Fehler gemacht hat und das niemand so richtig erkannt hat, denn spätestens zur Mitte der 80er war klar, das Ende der Fahnenstange ist ökonomisch und politisch erreicht. Im Osten war es das Jahrzehnt der Lethargie, Endzeitstimmung und der Flucht ins Private. Bis sich dann durch den Katalysator Gorbatschow die bipolare Welt in kürzester Zeit auflöste. Der Westen erklärte sich zum Sieger der Geschichte, obwohl er die ganze Zeit nur zugeschaut hat, und erklärte die Marktwirtschaft und den Liberalismus als immerwährend und das Ende der Geschichte. Das war der nächste Fehler! Das Zurücklehnen und sich Sonnen ließ den Westen übersehen, dass der Zustand in den 90ern weltpolitisch kein stabiler war, aber so ein Zustand auch nicht mehr nötig zu sein schien - es gibt ja nur noch uns - die Sieger.

    35 Jahre später sehen wir das Desaster. Wir taumeln wie unter Drogen von einer Krise in die andere und kriegen nichts mehr auf die Kette. Das ist dann die Stunde der Populisten, egal welcher Art. Von Rechts ist es das Herbeisehnen der "guten, alten Ordnung" mit Nationalstaaten und von links - wir haben uns alle ganz dolle lieb, egal wie du liebst, lebst und aussiehst; vorher machen wir aber noch einen Systemsturz, um "die Reichen" zu eliminieren. Und zu guter letzt haben wir noch die Religiösen, die uns ihren Gott als allmächtig anpreisen.

    In diesem disharmonischen Konzert hat sich mittlerweile wieder das breit gemacht, was ich in den 80ern als Lethargie und Endzeitstimmung empfunden habe und die Flucht ins Private hat bereits massiv eingesetzt. Welche suchen ihre Rettung in der "guten, alten Zeit", müssen ja nicht gleich die 30er sein, die 60er und 70er waren sehr komoot und Gottschalk in den 80ern so wie so. Die anderen finden es ganz toll "auf die Barrikaden" zu gehen und dünken sich dabei ganz dolle progressiv und wollen das ewig-scheiternde Experiment mit dem Namen "Sozialismus" zum x-ten Mal wiederholen. Und letztendlich gibt's da noch die, die der Meinung sind - Lösung ist beten und Glaube an Gott.

    Eine Lösung wir wir das Konzert wieder harmonisch machen? Ich habe keine!


    - Ich möchte verstehen, warum die NPD bei einer Bundestagswahl nie über 4,3% der Zweitstimmen hinausgekommen ist, Die Republikaner 1990 mit 2,1% nicht einmal das geschafft haben, warum die AfD noch bei der Bundestagswahl 2013 „nur“ 4,7% der Zweitstimmen erhalten hat, in 2025 aber plötzlich bei 20,8% landet und in den Umfragen der letzten Monate konstant bei 25 bis 27% liegt.

    - Ich möchte also verstehen, warum sich die Zahl derer, die rechtspopulistische oder rechtsextremistische Parteien wählen, innerhalb weniger Jahre vervielfacht hat. Was ist da passiert bzw. was passiert da gerade?

    Die beiden Fragen habe ich gearde mit beantwortet. Je länger der instabile Zustand dauert, um so katastrophaler wird er. Aber ich habe Hoffung, dass wir irgendwann merken, das Trump und Putin die Wecker für uns sein könnten, um zu merken, dass wir im Moment im Modus "mit uns wird getan" sind und schnellsten aufwecken müssen, um in den Modus "wir tun" zu wechseln. Dann wird auch das Problem des Populismus, egal welcher Art, wieder beherrschbar klein werden.

    Das habe ich tatsächlich noch nie gehört, könntest du mir das nochmal näher erläutern? Danke!

    "Unser" ist ein besitzanzeigendes Pronomen und da stellt sich bei mir bei "unserer Demokratie" sofort die Frage, wer ist der Besitzer der Demokratie? Welcher Eigenschaften muss ich aufweisen, um MIteigentümer zu werden? Was passiert mit denen, die die Eigenschaften nicht teilen? Sind die dann automatisch Antidemokraten, Nazis, Faschisten? "Unsere Demokratie" impliziert für mich einen Alleinvertretungsanspruch derer, die diesen Begriff geprägt haben, und der Meinung sind, die Deutungshoheit zu besitzen, wer Demokrat ist und wer nicht. So funktioniert aber Demokratie nicht. Demokratie basiert nicht auf Ausgrenzung.

    Zudem ergibt sich für mich die Frage, gibt es dann neben "unserer Demokratie" eine weitere "andere Demokratie"? Anderenfalls wäre das Attribut "unserer" völlig sinnfrei. Wenn Demokratie mit einem Attribut versehen wird, kann davon ausgegangen werden, dass es mindestens eine weitere Form gibt. Die Einteilung in verschiedene Formen der Demokratie ist mir aus meiner Schulzeit noch sehr bekannt. Da gab es auch "unsere Demokratie" (die nannte sich zwar nicht "unsere", sondern "sozialistische"), die gute Form der Demokratie, und das Gegenstück dazu war die "bürgerliche Demokratie", die schlechte Form der Demokratie, die es zu bekämpfen galt. Meinen die, die den Begriff "unsere Demokratie" verwenden, es auch in diesem Sinne? In mir macht sich sehr schnell Skepsis breit, wenn ich das Gefühl bekomme, irgendwie kommt mir das bekannt vor und bei "unserer Demokratie" entsteht bei mir der Eindruck, es geht nicht darum, die Menschen um sich zu scharen, sonderen mit einem politischen Kampfbegriff, Menschen auszugrenzen.

    Wie gesagt, das ist meine ganz persönliche Meinung, nicht mehr.

    Oh Gott, was geht denn hier ab? Zuerst allen ein gesundes und vorallem literarisch erfolgreiches Jahr 2026.


    Ich verstehe überhaupt gar nicht, wo hier das Problem ist. Juli Zeh hat Feststellungen getroffen, die ich teile.

    1.) Politisch sind Mauern immer zum Desaster derer geworden, die sie errichtet haben. Auch Demokratie kann man nicht durch Einmauern verteidigen.

    2.) Natürlich sind die meisten AfD-Wähler keine Nazis. Da braucht man nur in die Autoritarismusstudie von 2024 zu lesen, die zu dem Ergebnis kommt, dass eine manifeste Überzeugung zur NS-Ideologie bei etwa 5% der Bevölkerung liegt. Und nur die kann man als Nazi bezeichnen, alles andere ist populistischer Käse.

    Die Studie stellt, zum Erkennen der manifesten Überzeugung, Fragen, die man auf einer Skala von 1-5 bewerten kann. Die Fragen sind so gestaltet, dass, je größer die Zustimmung, die manifeste Überzeugung zur NS-Ideologie zunimmt; 1 = bedeutet völlig Ablehnung, 2 = Ablehnung, 3 = teils Ablehnung , teils Zustimmung, 4 = Zustimmung, 5 = volle Zustimmung. 3 wird als latente Zustimmung und 4 und 5 als manifeste Zustimmung definiert. Problematisch wird die Auswertung, wenn versucht wird, die latente und manifeste Zustimmung in einem Topf zu werfen. An diesen Stellen tut sich der fade Beigeschmack auf, dass nicht die Untersuchung der Durchsetzung der Gesellschaft mit NS-Ideologie das Ziel war, sondern eine Begründung, um AfD-Wähler als Nazis zu bezeichnen.

    Latente Zustimmung heißt Unentschlossenheit. Für mich ist an dieser Stelle keine Zuordnung zu einem der beiden Pole möglich. Das ist wie Sonntagsfrage, die noch unentschlossenen Wähler kann man nicht irgendeiner Partei zuordnen.


    Was mich am meisten umtreibt, ist die Möglichkeit, dass 2026 in den drei ostdeutschen Ländern, die ihren Landtag wählen, sich ein Zustand einstellen kann, der als Ergebnis die Parteien (Linke bis CDU) als Block der Nationalen Front (gegen rechts) auf der einen Seite und AfD auf der anderen Seite haben wird. Es ist nur noch zu entscheiden, wer spielt Opposition und wer regiert?


    Warum Menschen die AfD wählen, wird sehr viele Ursachen haben, aber vornweg die Frage, wer von euch hat das AfD-Wahlprogramm gelesen oder argumentiert ihr nach dem Motto - "Ich habe gehört, man hat mir erzählt, dass...."? Ich habe mir vor der letzten BT-Wahl es angetan, die Programme der Parteien zu lesen, die eine berechtigte Hoffnung hatten, über die 5%-Hürde zu kommen, was meine Wahlentscheidung aber auch nicht einfacher machte. Ich versuche die Frage zu Beginn dieses Abschnitts mal andersherum zu beantworten - warum wähle ich nicht AfD.

    Ich bin ein manifester Befürworter der Nutzung der Kernenergie, ohne das hier zu begünden, da es nicht im Entferntesten etwas mit Literatur zu tun hat; die AfD ist die einzige Partei, die diesen Aspekt in ihrem Programm hat. Auch der Aspekt der Volksentscheide ist mittlerweile nur noch in den Programmen der Parteien der Ränder (Die Linke, AfD) zu finden. Ja, ja, ich weiß, was jetzt kommt - Populismus und so; sorry, wer der Meinung ist das Volk vor Populismus zu schützen, in dem er ihm die Möglichkeit der direkten Mitbestimmung entzieht, hat für mich ein Demokratieverständnis, was ich nicht teile. Entweder man ist besser als die Populisten oder sollte alles dafür tun, es zu sein, falls man es nicht ist!

    Aber, beim genauen Lesen des AfD-Wahlprogrammes ist die stark nationale Tendenz unübersehbar und dort stimme ich nicht im Geringsten mit der AfD überein.


    Ein Aspekt, der meiner Meinung nach die Menschen in Richtung AfD treibt, ist der unsägliche Begriff "Unsere Demokratie"; davon ganz abgesehen, dass dieser Begriff die Demokratie pervertiert und ausgrenzend ist, denn wenn es "unsere Demokratie" gibt, muss es auch eine "andere, wie auch immer geartete, Demokratie" geben, anderenfalls, wäre das Attribut "unser" obsolet, ist das ein Begriff, der auf Parteiebenen entstand und dann erst ins Volk getragen wurde und nicht umgekehrt. Was muss ich tun, damit mich "unsere Demokratie" in die Arme schließt und ich nicht ausgegrenzt werde? Ist das Gegenstück zu "unserer Demokratie" die "bürgerliche Demokratie"? Wenn ja, warum steht "unsere Demokratie" dann über der "bürgerlichen Demokratie"? Genau diese Ausgrenzung, die mit solchen Begriffen erreicht wird, ist der Brandbeschleuniger für die Partei hinter der Brandmauer. Ist euch das bewusst?


    Um abschließend noch einmal auf Juli Zeh zurück zukommen. Ich habe sowohl "Über Menschen" als auch "Unterleuten" gelesen. In beiden Büchern ist Zeh eine fantastische Beobachterin der Realität und gibt sie literarisch so wieder, dass der Leser sich sein eigenes Urteil fällen kann. "Zwischen Welten" beschreibt die beiden Pole unserer Gesellschaft, in der Form der digitalen Kommunikation, hervorrangt. Auf der einen Seite Stefan, für mich ein opportunistisches, egoistisches Arschloch, der seine Fahne selbst bei Windstärke 0 noch in den Wind hängt, um auf der Gewinnerseite zu stehen und auf der anderen Seite Theresa, die ihre journalistische Zukunft aufgibt und auf verlorenen Terrain selbst bei Windstärkt 12 voller Emphatie kämpft , wohlwissend, dass sie nicht gewinnen wird.

    Ich bin der Meinung, Fiktion stößt dann an eine Grenze, wenn sie mit überprüfbare Realität arbeitet. Natürlich kannst du auch diese Grenze in der Fiktion überschreiten, nur sollte dem Leser dann klar sein, du weißt, wie die Realität ist und du hast einen überzeugenden Grund, warum du die Realität veränderst. Ein weiterer Aspekt ist meiner Meinung nach, was für eine Bedeutung hat das Objekt für die Region. Irgendein ein 0815-Bürogebäude zu verändern wird kaum jemanden berühren. Aber wenn ich mir vorstelle, in Dresden die Frauenkriche zu verändern oder nach Leipzig zu verlegen, den Shitstorm möchte ich lieber nicht entfachen. Hier muß der Autor (und der Verlag) das nötige Fingerspitzengefühl haben, ist das geschmacklos oder vertretbar. Natürlich kann man sich als Autor auch hier wieder drüber hinwegsetzen und mit Kunstfreiheit begründen; man muß mit den Konsequenzen seiner Schreibe und seiner Auslegung von Kunstfreiheit leben können.

    Ich rate davon ab. Ist aber mein ganz persönliche Meinung. Ich lese ab und zu Regionalkrimis aus der Sächsischen Schweiz und komme hin und wieder auf die Idee, die Wege und Pfade aus dem Buch abzulaufen - und wehe die enden plötzlich am Abgrund oder an einer Felswand und die Figuren gehen einfach weiter.😡

    Diese "blödestmögliche" Frage ist hier auch überhaupt nicht gestellt worden, Dietmar, aber schön, dass Du die Gelegenheit ergreifst, die (Deine) immer gleiche Geschichte noch einmal zu erzählen.

    Normalerweise blocke ich dich; ich suche mir die Menschen noch selber aus, mit denen ich kommuniziere. Da ich das Forum aber ohne Schnick-Schnack öffne, sicher kann ich das Forum auch mit sofortiger Anmeldung aufrufen, sehe ich im ersten Moment natürlich deine Beiträge und mir sei an dieser Stelle eine Ausnahme von der (Blockier-)Regel gestattet.

    Ja, und da muss ich dir uneingeschränkt recht geben, ich sehe es genauso wie du, dass ich (meine) immer gleiche Geschichte noch einmal erzählen muss, ist, und da muss ich dir widersprechen, nicht schön(!). Aber, was verdammt, kann ich dafür, wenn nach 35 (in Worten: fünfunddreißig) Jahren, eine ganze Generation später und trotz sozialen Medien ein Teil des Horizontes in vielen, sehr vielen Köpfen noch auf dem Stand des Urknalls stehen geblieben ist? Selbst die KI halluziniert ja auf diesem Stand.

    Ich kann nichts dafür, wenn man keine Zeit, keinen Bock oder was weiß ich denn hat und lieber stehenbleibt. Aber vielleicht hilft Social Media in der Horizonterweiterung weiter. Ich werde mich wohl doch in diesem Haifischbecken anmelden.


    Also dann - gut block!


    PS: Ich gehe davon aus, deine Antwort wird inhaltsvoll sein.


    Geschenkt!

    Mir scheint halt oft, dass man "echte Satire" nach ihrem Gefahrenpotenzial bewertet, und das gibt's in freiheitlichen Systemen wie unserem praktisch nicht. Ohne Hof keine Hofnarren, sozusagen.

    Wenn es in unserem freiheitlichen System kein Gefahrenpotenzial gibt, nach dem Satire bewertet werden könnte, wozu soll dann Satire noch gut sein? Wo kein Hof, dort kein Narr!

    Ich merke, dass ich nicht mehr lange um die sozialen Medien herumkomme. Aber was für ein Content soll ich in die sozialen Medien kippen? Eine Art digitales Tagebuch? Will ich nicht, persönliche Lebensberichte gehen an die eng begrenzte Whats-App-Gruppe oder wird analog kommuniziert. Meinungen zu Themen aus Gesellschaft, Kultur, Sport, Ex-Beruf, Lokales? Würde eher gehen, setzt aber voraus, einen Plan zu haben, was ich regelmäßig den sozialen Medien antue. Vier Wochen jeden Tag einen Beitrag und dann mit immer größer werdenden Abstand bringt auch nichts.


    Mir ist klar, dass die sozialen Medien kein Ponyhof oder Lokschuppen sind, in denen man gepflegt um's Lagerfeuer sitzt und Als Conny Kramer starb oder Ein bißchen Frieden zum Geklimper der Gitarre singt, sondern dass man eine gewisse harte Schale besitzen muss, den Verstärker auch auf 11 aufregelt, um wieder gehört zu werden und Polemik, Sarkasmus und Zynismus in der Argumentation zu nutzende Werkzeuge sind. Wer das alles nicht will, kann, möchte hat zwei Möglichkeiten

    - blocken von Usern in den sozialen Medien oder

    - eben Abstinenz gegenüber sozialen Medien.

    Im zweiten Fall darf man sich dann aber auch nicht beschweren, wenn andere (z.B. Faschos) das Werkzeug nutzen und Aufmerksamkeit in Form von Reichweite erhalten. Faschos - ein wunderbarer Begriff, der so schön niedlich und infantil klingt, aber selbst im Zeit-Onlineforum auftaucht, obwohl Die Zeit eher nichts für Kinder ist, dass Fascho als Name eines brauen Teddys herhalten könnte, der die Menschen lieb und herzzerreißend aus seinen Glaskulleraugen anschaut.


    Die im Thread auftauchende Frage, ob es einem heute besser geht, ist für mich die so ziemlich blödeste Frage, die man jemanden stellen kann, ohne genau zu fragen, in welchen Bereich und im Vergleich zu welcher Zeit es mir besser gehen soll. Mich hat das Anfang, Mitte der 90er mörderisch genervt, dass aus einer definiertem Himmelsrichtung diese allgemeine Frage immer wieder kam (und hinter der nichts weiter als die Bestätigung der Überlegenheit des Fragenden steckte) und von mir "besser" als Antwort erwartet wurde, um nicht in eine Endlos-Rechfertigungsschleife zu geraten. Irgendwann hat es mir gereicht und meine Antwort war dann immer, mir geht es weder besser noch schlechter, mir geht es anders! Ich bin der Meinung, mit Systembrüchen im Lebenslauf kann man die Frage des Bessergehens entweder objektiv mit empirischen Wissen beantworten, blendet das anekdotische Wissen aus und kommt definitiv zu "besser" als Antwort, oder umgekehrt und steht damit im Widerspruch und vor dem Problem, die Frage, die schon Adorno stellte - gibt es das Richtig im Falschen - zu beantworten.

    Ich sags mal so. Mischung aus Roman, Biografie und Sachbuch.

    Ich kenne deinen Text nicht, kann also nur sehr allgemein antworten. Ich halte eine Mischung aus fiktional, biografisch und dokumentarisch ein einem Buch für sehr schwer machbar. Ich habe ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen an eine fiktive Geschichte, eine Biografie und ein Sachbuch und lese diese Bücher dann auch unter verschiedenen Blickwinkeln. In einem Buch alle drei zusammen kann gut gehen, setzt aber eine stimmige Ausgewogenheit und schlüssige Übergänge zwischen den drei Elemente voraus. Voraussetzung für biografisches Schreiben ist, meiner Meinung nach, eine nötige Distanz zu seiner eigenen Biografie. Der Leser merkt sehr schnell, ob der Autor aus einer Phase der Verarbeitung seiner Biografie schreibt oder ob der Autor seine Biografie bereits bewertet und verarbeitet hat und die Ergebnisse der Bewertung und Verarbeitung aufschreibt.

    Ich kann deine Intention, ein Buch über deine Vergangenheit zu schreiben, nachvollziehen. In deinem X-Account finde ich Beiträge, die tagebuchartig oder Meinungsäußerungen zu gesellschaftlichen Zuständen sind. Was mir auffällt, dass die Art und Weise, wie du sie schreibst (nicht der Inhalt!), hin und wieder ins Plakative übergeht. Das könnte Leser auf Distanz gehen lassen.

    1990 bin ich auf dieses Buch gestoßen,

    ASIN/ISBN: 3451084082

    das thematisch mit deinem identisch ist. Ich habe damals in derselben Forschungseinrichtung (heute Helmholtz-Institut bei Dresden) gearbeitet und mich interessierte, wer Gabriel Berger ist; da die Einschätzungen der Mitarbeiter, die ihn kannten, unterschiedlich waren. Aber das Buch ist 1988 erschienen. Da waren solche Themen noch von großem Interesse. Wie sieht das heute aus? Soziale Medien sind eine Art Blase, wo sich gleich zu gleich findet. Wem willst du erreichen? Deine Follower kennen dich schon, sicher werden einige dein Buch in der Hand haben wollen. Aber außerhalb der X-Blase?

    Meine Meinung ist, dass die Zeit, so wie dein Text, aus deinen Beiträgen in X abgeleitet, sein wird, in den 90ern und 00ern war. Danach begann die zeitliche Distanz zu groß zu werden. Vorallem im Westen werden sich immer weniger für solche Schilderungen interesserien. Wir haben im Jetzt mit ganz anderen, gesellschaftlichen Problemen zu kämpfen und die Meinung über den Osten ist im Westen mittlerweile, vorurteilsbehaftet, so manifest ist, dass diese Wand schwer mit Schilderungen persönlichem Erlebens zu durchbrechen ist.


    Ich hoffe, ich bin dir jetzt nicht zu nahe getreten, vielleicht hast du die angerissenen Probleme geschickt umgangen.


    Gruß Dietmar