Beiträge von Dietmar

    Ich kann die Diskussion nicht ganz nachvollziehen. Sie scheint mit von dem Gedanken getragen zu sein, den Klassenkampf der Geschlechter zu befeuern. Scheck argumentiert polemisch, sarkastisch - und? Kritik ist nun nicht eine Schlacht mit Wattebällchen. Die Diskussion leidet auch unter der Verkürzung der Scheckschen Aussage über die "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette", denn im Original heißt sie "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit". Trotzdem - das Geschnatter will ich nicht zwingend hören müssen -Tür zu!


    Was mich an dem Buch stört, ist der Titel. "Alt genug" schreckt mich ab; "Alt genug?" würde mich neugierig machen. "Alt genug" klingt für mich passiv, wie, jetzt schreibe ich mal etwas über mich auf, den viel wird nicht mehr kommen. "Alt genug" klingt für mich, als sei die Autorin der Meinung, mit Mitte, Ende 50 gediegen und in Würde zu altern, bloß keine Eskapaden, spontanen Einfälle und Sex nach dem Kilmakterium mehr, weil sich die Hormone auf das Renterdasein einstellen und die Woche durch Damen-Kaffeekränzchen und Mau-Mau-Spielenachmittag getaktet wird.

    "Alt genng?" klingt für mich aktiv. Da fragt sich jemand - war's das? Und ich kann eine Autorin erwarten, die sich selbstbewusst und ergebnisoffen hinterfragt. So etwas würde ich lesen wollen.


    Das einzige Buch, aus den 10 Büchern, welches ich gelesen habe, ist Jana Hensels "Es war einmal ein Land" und ich kann Schecks Entscheidung, das Buch nicht zu verschrotten, nicht nachvollziehen. Das Buch liest sich fürchterlich. Es ist Hensel krampfhaft bemüht, etwas Positives zu finden und im zweiten Teil redet sie meiner Meinung nach mit den völlig falschen Leuten. Selbst, dass Hensel Schecks allumfassende, ewig währende Meinung über die Verzwergten, Verhunzten und Verhassten nicht bedient, stört ihn nur als Erwähnung. Kann ich nicht nachvollziehen.

    Bei Diskussionen dieser Art habe ich immer das Gefühl, das Verlagswesen ist extrem konservativ. Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir auch heute so und das machen wir auch in Zukunft nicht anders.

    Die beiden Frauen haben, laut Impressum auf ihrer Webseite, eine GbR gegründet und damit den rechtlichen Rahmen geschaffen, um als Verleger unternehmerisch tätig zu werden. Das Imprint ist eine Marke, die zur GbR gehört und, ich hoffe, markenrechtlich haben schützen lassen. Auf der anderen Seite sind die Autoren, die der Meinung sind, ihrer Texte unter eigener Regie zu veröffentlichen und vor der Aufgabe stehen, die Prozesse eines Verlages in die eigene Hand zu nehmen. Beide Marktteilnehmer finden sich, weil der eine was will (Buch veröffentlichen) und der andere was hat (Organisation des Ablaufes und ein Markenzeichen). Was spricht dagegen, wenn eine Autor das schreiberische und verlegerische Risiko selbst übernehmen will und sich dazu eines Dienstleisters bedient? Die ganze Sache setzt natürlich voraus, dass beide Markteilnehmer genügend Informationen über das Schreiben und Verlegen haben. Es ist heute kein Kunststück herauszubekommen, wie teuer ist Lektorat, Korrektorat, Cover, Drucksatz usw. und letztendlich wird kein Autor, zumindest einer der nachdenkt, einen Vertrag mit den beiden Frauen eingehen, der Mondpreise verlangt.

    Bis heute hat mir noch niemand erklären können, warum ein Buch zwingend über die Aufgaben- und Risikoteilung Schreiber schreibt - Verleger verlegt entstehen muss, um als hochwertiges Buch zu gelten und umgekehrt minderwertiger Schrott ist. Außer - siehe oben - "Das haben wir schon immer so gemacht...".

    Den Einwand verstehe ich nicht: Der Verfassungsschutz hat ja seine Einschätzung nicht aufgrund der Homepages getroffen, sondern durch Begehung vor Ort. Und da werden sicher auch Unterlagen gesichtet worden sein, die niemandem aus der Öffentlichkeit zugänglich sind - weder über die Internetpräsenz, noch als Privatbesucher / Kunde vor Ort.

    Sorry, das war nicht der Verfassungsschutz, diese Arbeitsweise ist einem anderen Geheimdienst zuzuschreiben.


    Ich wiederhole mich: Das Problem ist ja gerade, dass keine Sau einschätzen kann, ob Herrn Weimers Entscheidung vertretbar ist oder nicht. Wie erwähnt, hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass der "Verrecke"-Spruch unter anderem von der Kunstfreiheit gedeckt sein kann.

    Der Staat muss nicht alles, was durch Kunstfreiheit gedeckt, ist mit Preisen bedenken oder fördern. Er hat zu gewährleisten, dass die Freiheit der Kunst zu jeder Zeit und an jedem Ort im Land nicht eingeschränkt wird.

    Alles, was ich weiß und kenne, sind die Äußerungen zu Graffiti wie "Deutschland verrecke!". Das allein beweist keinen Extremismus.

    Für mich ist die Frage, was ist denn gesellschaftlich als extrem zu bezeichnen? Nimmt man Anleihe an der Naturwissenschaft, ist es eine auffällige Abweichung von einer Norm. Wie definiert man eine gesellschaftliche Norm? Nein, Freiheit und Demokratie ist es nicht, dass ist das Fundament, auf dem die Norm aufbaut. Wir müssen nicht mal in die 50er von Adenauer zurückgehen, da reicht schon 80er/90er unter Helmut Kohl. Die gesellschaftliche Norm, also der ausgehandelte Konsens des Zusammenlebens, der letztendlich in Gesetze gefasst ist, war vor 30, 40 Jahren ein völlig anderer. Was heute die Norm ist (Selbstbestimmungsgesetz, gleichgeschlechtliche Ehe, Rechte von Minderheiten, Gleichberechtigung aller Geschlechter usw.), lag damals weit weg von der Norm. Ich bin der Meinung, auf dieser Ebene ist es nicht möglich, politischer Extremismus zu definieren.

    Politischer Extremismus beginnt für mich dort, wo durch aktives Handeln das Fundament, auf dem unsere Norm beruht, beseitigt werden soll. Und da sind wir wieder genau dort, wo Diskussionen um Parteienverbot immer wieder landen. Ist reden aktives Handeln? Sind Sprüche wie "Deutschland verrecke" an Häuserwänden aktives Handeln?

    Dietmar, sorry, aber mein Daumen bei deinem Post war ein Versehen. Der soltte bei HD landen. Ich bin dringend dafür, Meinung und Hetze zu trennen. Und zwar sehr doll zu trennen.

    Hallo Kristin, erster Teil deiner Antwort, aha, alles klar, kein Problem. Der zweite Teil, da bleibe ich bei meiner hier immer wieder geäußerten Meinung. Sie ist keine fixe Idee, die mir irgendwann gekommen ist, sondern die Auswertung von Lebenserfahrung und eigener Hasserfahrung, sowohl im ersten, wie auch im zweiten Leben. Im ersten eher sehr direkt, personenbezogen, aggressiv und auch bedrohlich wirkend und im zweiten eher subtil und gruppenbezogen. Ich habe versucht, eine Antwort zu finden, warum Menschen ihre Meinung in Form von Hass äußern. Ich bin zu drei Erklärungen gekommen.

    1.) keine Sachargumente mehr und fehlende Einsicht, seine Meinung zu korrigieren

    2.) die Unfähigkeit einer Diskussion gewachsen zu sein

    3.) Ad hominien-Argumentation

    Und wie ich schon einmal hier geschrieben habe - Meinung ist Inhalt und Hass ist Ausdruck. Die Argumentation, Hass ist keine Meinung würde dann darauf hinauslaufen, dass Hass, genauso wir Meinung, Inhalt ist.

    Hass und Hetze ist keine Form von Meinungsäußerung - gehe ich mit.

    Hass und Hetze ist keine Meinung - gehe ich nicht mit.

    Hass und Hetze haben nicht das Ziel, eine "Meinung zu äußern", sondern eine davor liegende Meinung auf unlautere Weise umzusetzen, zu Lasten derjenigen Personen, auf die sich Hass und Hetze beziehen. Deshalb können Hass und Hetze keine reine "Äußerung" sein, denn sie zielen deutlich auf eine Handlung ab. Für eine spezielle Form der "Hetze" gilt ja sogar der Straftatbestand (Volksverhetzung).

    Dann wäre, um nahe beim Threadthema zu bleiben, der Slogan "Deutschland verrecke!" Hass und Hetze - zumindest nach deiner Definition.

    Zitat

    Hass und Hetze haben nicht das Ziel, eine "Meinung zu äußern", sondern eine davor liegende Meinung...

    Die davorliegende Meinung ist die Verachtung Deutschlands.

    Zitat

    ...auf unlautere Weise umzusetzen,...

    Nämlich durch verrecken.

    Zitat

    ...zu Lasten derjenigen Personen, auf die sich Hass und Hetze beziehen.

    Die Menschen, die in dem Land Deutschland leben.


    Warum soll jemand, der Hass und Hetze verbreitet, zumindest nach deiner Definition, staatliche Auszeichnungen bekommen?

    Zur Sache: "Die Zeit" und Freu Voigt geben das Bundesverfassungsgericht korrekt wieder - "Voigt verweist auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu dem umstrittenen Zitat. Demnach beruht der künstlerische Anspruch des Liedes auf seinem literarischen Vorbild, dem Gedicht «Die Schlesischen Weber» von Heinrich Heine aus dem Jahr 1844."


    Das BVerfG formuliert: "Der künstlerische Anspruch des Liedes und die daraus resultierenden Anforderungen an eine diesem Anspruch gerecht werdende Interpretation werden durch ein - ungleich bedeutenderes - literarisches Vorbild verdeutlicht, das sowohl formal als auch im Ansatz und in der Metaphorik weitgehende Ähnlichkeit aufweist. In einem 1844 erschienenen Gedicht formuliert Heinrich Heine eine kaum weniger radikale und bittere Kritik an den Zeitumständen, und auch er sieht sein Vaterland dem Untergang geweiht" https://www.bundesverfassungsg…k20001103_1bvr058100.html

    Ich habe mir den Text hinter dem Link durchgelesen und musste an mancher Stelle schmunzeln. Das die textlichen Qualitäten einer Punkbund mit Heinrich Heine auf eine Stufe gestellt werden, ist wahrlich ein Ritterschlag für die Band. Etwas unerklärlich ist mir, wie das BVerfG auf Heines Weber gekommen ist, und, das ist für mich das dünne Eis auf das man sich da begibt, seit wann sind Textinterpretation von politischen Gedichten Werkzeug zur Urteilsbegründung? Auch dem BVerfG sollte bekannt sein, das Textinterpretationen ganz stark von gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängig sind. Denn, die Begründung,

    Zitat

    In einem 1844 erschienenen Gedicht formuliert Heinrich Heine eine kaum weniger radikale und bittere Kritik an den Zeitumständen, und auch er sieht sein Vaterland dem Untergang geweiht"

    ist exakt die gleiche, die im Lehrplan Deutsch für die Textinterpretation der Schlesischen Weber für die polytechnischen Oberschulen in der DDR stand. Wie darf ich das interpretieren? Es geht nicht um die Lehrplanaussage - die Erde ist eine Kugel, die ist unabhängig vom Gesellschaftssystem. Aber eine Textinterpretation der Schlesischen Weber kann nicht unabhängig vom Gesellschaftssystem gesehen werden.


    Das eigentliche Problem ist für mich, dass Wermers Ziel eine Vorgabe des Sagbaren in Richtung links war, wenn man staatliche Preise erhalten will. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Umsetzung dieses Zieles war politisch und ablaufmäßig unmöglich. Das könnte Wermer den Stuhl kosten.


    Was mich an der ganzen Sachen massiv stört, vom Juristischem abgesehen, ist ein massives Ungleichgewicht. Es gibt zu dem Slogan "Deutschland verrecke" ein Gegenstück ("Alles für Deutschland"). Aus guten und nachvollziehbaren Gründen darf zweiter Slogan heute nicht mehr verwendet werden. Auch wenn die Nazis nicht die Urheberrechte für diesen Slogan besitzen, verbietet sich eine Interpretation, die die Aussage in einem anderen Licht erscheinen lassen. Aber warum versuchen wir dann, dass andere Extrem mit, für mich unzulässigen, Interpretation deutscher Klassiker schön zu interpretieren?

    Um es nochmal nachdrücklich zu betonen, bevor hier jemand auf die Idee kommt, vorschnell eine Schublade aufzureißen und mich da rein zu werfen; ich bin nicht für Aufweichung der Interpretation am rechten Rand, aber ich bin für gleiche Maßstäben an allen Rändern.

    Ich betrachte es mittlerweile als schwer, gesellschaftskritische Texte zu schreiben, in denen Figuren eine Pro-Deutschland Position beziehen und der Text keine Interpretation der Figuren in Richtung Nazi zuläßt. Aber das nur am Rand, passt nicht ins Thema Wermer.

    Die Anwältin des Hauses vertritt die Ansicht: "Wer Zitate berühmter Philosophen wie Marshall McLuhan und Karl Kraus nicht erkennt und deshalb auch die anderen Zitate nicht in einen künstlerischen Kontext einordnen kann, ist in dem Amt eine Fehlbesetzung."

    Da sollte die Anwältin sehr vorsichtig sein, denn sie begibt sich auf extrem dünnes Eis. Im verlinktem Zeitartikel heißt es wenig später zu dem Slogan "Deutschland verrecke":

    Zitat

    Voigt verweist auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu dem umstrittenen Zitat. Demnach beruht der künstlerische Anspruch des Liedes auf seinem literarischen Vorbild, dem Gedicht «Die Schlesischen Weber» von Heinrich Heine aus dem Jahr 1844. Darin heißt es: «Deutschland, wir weben dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch - Wir weben, wir weben!

    Das Zitat aus den Schlesischen Webern als "Deutschland verrecke!" im Zusammenhang mit der Punkband Slime zu interpretieren, ist historisch nicht begründbar. Der Slogan "Deutschland verrecke" bezieht sich auf das heutige Deutschland. Die heutige Form Deutschlands, nämlich politisch ein Parlament zu besitzen, gibt es erst seit 1848 (Frankfurter Parlament, Paulskirche) und erst 1871, auch wieder Paulskirche, gibt es eine Verfassung, die als Gründungsurkunde des heutigen, politischen, Deutschlands angesehen werden kann. Selbst das Zitat "Denke ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht" aus dem Heine-Gedicht Nachtgedanken erlaubt ebenfalls keine Interpretation in die Richtung "Deutschland verrecke", da das Gedicht auch 1844 entstanden ist.

    Das Problem literarischer Interpretationen besteht darin, dass wir gerne in Texte etwas mit unserem heutigen Wissen hinein interpretieren, das der Autor im Moment des Entstehens seines Textes noch gar nicht haben konnte, da unser Wissen, mit dem wir den Autor interpretieren, für den Autor noch in der Zukunft lag.

    Ich halte die Interpretation der Rechtsanwältin eher für eine Schutzbehauptung, die durchschaubar ist.

    Hass und Hetze sind keine Form von Meinung, sondern es sind Hass und Hetze.

    Das sehe ich anders. Meinung ist Inhalt und Hass, Hetze, Zynismus, Polemik, Sarkasmus usw. sind Formen der Meinungsäußerung.

    Inhaber Buchladen A meint: Ich lehne Deutschland als Land in seiner heutigen Form ab, weil ich die Demokratie in Gefahr sehe.

    Inhaber Buchladen B meint: Deutschland verrecke.


    In beiden Fällen wird die Meinung vertreten, Deutschland abzulehnen, was nicht verboten ist und in einem Rechtsstaat ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. Person A äußert seine Meinung in einer sachlichen und begründeten Form. Person P hat die gleiche Meinung, äußert sie aber in Form von Hass, der als Form der Meinungsäußerung nicht zu tolerieren ist.


    Wir können uns darauf einigen, dass es Formen der Meinungsäußerung gibt, die nicht zu tolerieren sind - aber dann bitte argumentieren: Hass und Hetze sind keine Form der Meinungsäußerung und nicht, Hass und Hetze sind keine Form von Meinung oder noch verkürzter, Hass und Hetze sind keine Meinung.

    Ich hätte kein Problem damit, wenn Herr Weimer sagte: Meine Behörde will keinen Preis vergeben an Buchhandlungen, die Losungen wie "Deutschland verrecke!" folgen. Das wäre eine Begründung, die sich nachvollziehen und gegebenenfalls überprüfen lässt.

    Für mich ist "Deutschland verrecke" durch die Meinungsfreiheit gedeckt, und durch die Kunstfreiheit erst recht; niemand muss das Land lieben, in dem er lebt und das sage ich auch aus meiner eigenen Lebenserfahrung, die aber hier nicht zu vertiefen ist.

    Für mich ist dieser Slogan zwar Hass und Hetze, aber auch Hass und Hetze sind eine Form von Meinung. Und ja, Herr Weimer kann Kraft seines Amtes festlegen und von mir aus auch in die Ausschreibungsbedingungen schreiben, dass Buchhandlungen, die in Zusammenhang mit diesem Slogan gebracht werden können, von der Preisverleihung ausschließen sind, was man dann wieder durch ein Gericht überprüfen lassen kann usw. usf.


    Was mich stört, ist die moralische Inkonsequenz dieser Buchhandlungen. Deutschland ist ihr Hassobjekt und man möchte es am liebsten tot sehen, aber wenn das Hassobjekt Preise auslobt, bewirbt man sich bei seinem Hassobjekt. Das ist für mich so, als würde man jemanden umbringen und dann von den Hinterbliebenen Geld fordern, nach dem Motto -"ich habe doch künstlerisch wertvoll gemordet!" Entweder man hasst etwas, dann nimmt man keine Preise vom Hassobjekt an oder aber die Kasse ist klamm und man muss opportun zu seinem Hassobjekt sein und dass dann aber auch so kommunizieren.

    Zu den Grundsätzen des liberalen Rechtsstaats gehört, dass das staatliche Verwaltungshandeln transparent und nachvollziehbar begründet wird. Von der Behörde selbst, natürlich.Wenn ich einen Antrag auf eine Baugenehmigung stelle, dann reicht es nicht, wenn das Bauamt mir antwortet mit "Nö." Vielleicht dann noch: "Wir haben das recherchiert. Bauplanungsrechtlich passt das nicht."

    Also den VS und das Bauamt in einen Topf zu werfen, ist schon kühn. Soweit ich zum Haber-Verfahren recherchiert habe, antwortet der VS nur mir Ja oder Nein und bei Ja kommt keine Liste der relevanten Erkenntnisse mit zur fragenden Behörde, was beim VS irgendwie nachvollziehbar, weil er, im Gegensatz zum Bauamt, ein Geheimdient ist.


    Was mich viel mehr interessieren würde, was wäre gewesen, wenn das Buchhaus Loschwitz in Dresden, deren Inhaberin Susanne Dagen ist, von der Jury 2026 nominiert wurden wäre? Davon abgesehen, hat sie den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 und 2016 bekommen. Hätten die, die jetzt ganz laut solidarisch mit den drei ausgeschlossenen Buchhandlungen sind, bei ihr auch so laut protestiert oder W. Weimer lautstark zugestimmt? Bei ihr lesen Autoren wie Monika Maron und Uwe Tellkamp, das sind ja nun nicht irgendwelche Autoren, die keiner kennt.

    Ich finde, daß ein Künstler nicht von seiner Kunst leben sollte, sondern im echten Leben einen Beruf ergreifen, der es ihm ermöglicht, seine Kunst aus der Perspektive eines teilnehmenden Individuums zu schreiben, und nicht aus einem von der Lebensrealität der Anderen abgeschotteten Elfenbeinturm.

    Warst du am 24. April 1959 in Bitterfeld mit dabei? Manche Zombies sind wirklich nicht totzukriegen - aus Unwissenheit oder Provokation? Also dann, greif zur Feder Kumpel und mache dich im Zirkel schreibender Arbeiter auf den Bitterfelder Weg!

    Blumen binden und Kran fahren


    Anett Gröschner erzählt in ihrem Buch den Lebensweg der Hanna Krause aus Magdeburg von 1913 bis zu ihrem Tod 1993. Die Geschichte führt aus der Perspektive Hannas durch die wechselvolle Geschichte Deutschlands des vergangenen Jahrhunderts. Zwei konstante Dinge ziehen sich durch ihr ganzes Leben; ersteres sind Blumen, die die Grundlage für ihren ersten Beruf - Blumenbinderin - sind und das zweite die Lebensdevise - Anständig bleiben. Ein Hinweis für die Blumenfreunde, die Kapitel beginnen jeweils mit der Erklärung einer Blumenart; außer vier, da werden Schnecken, Insekten und sonstiges, was in Zusammenhang mit Blumen steht, erklärt.

    Die Intensität, mit der sich Hanna Ende der 20er und den 30ern mit Blumen beschäftigt, wird an dem Bild Blumenvase in einer Fensternische sichtbar, als ein Kunde genau so einen Strauß haben möchte und sie sofort merkt, das geht nicht, da die dargestellten Blumen zu ganz unerschiedlichen Zeiten blühen. Ihr Familienleben beginnt mit einer ungewollten Schwangerschaft und Kurt ist mehr Last als Lust, spiegelt aber die patriarchalen Strukturen der jeweiligen Zeit exakt wieder. Sie hat mit ihm sechs Kinder, zwei sterben. Das Selbstbewusstsein, sich von ihrem Mann zu trennen, fehlt ihr bis zum Schluss - anständig bleiben?


    In den 50ern nimmt sie Gleichberechtigung wörtlich und wird Kranführerin in einem Schwermaschinenbaubetrieb. Sie schwebt über den Köpfen der Männer in der Werkhalle und sieht manchmal mehr, als man sehen sollte. Sie pflegt ihren Mann selbstlos, der durch einen Unfall ein Bein verloren hat und durch Rauchen sich selbst zerstört hat, bis an sein Lebensende - anständig bleiben?

    Im Gegensatz zu ihren Töchtern bleibt sie politisch defensiv, möchte sich am liebsten aus allem raushalten und macht gerade soviel, um sich durchzumogeln. Am Ende ihres Lebens bleiben ihr nur noch die Blumen. Nur einmal, fast am Ende der Geschichte, Anfang der 90er, begehrt sie kurz auf, als Personen auftauchen, die über ihre Blumen bestimmen wollen.



    Das Buch liest sich gut, vorallem merkt man die Recherchearbeit dahinter, da die Autorin geschickt reale Ereignisse und Personen mit der Fiktion verknüpft. Bei ihrer Tochter Elisabeth habe ich den Eindruck, ihre Lebensgeschichte hat sehr viel Ähnlichkeit mit einer realen Person, die, wie Elisabeth, EDV-Mitarbeiterin ist und in den Westen flüchten will. Fantastisch fand ich die Stelle, an der die Erzählstimme eine Merkhilfe für die Pin 6767 verwendet, um ein reales Ereignis in die Erzählung einzubauen. Mir war sofort klar, um was es geht - um ein Datum, das in meinen Erinnerungen ebenfalls verankert ist, weil es damals (6.7.1967) Kinder wie mich betraf.

    Die Erzählstimme ist mir zu dominant und lässt Hanna für mich zu wenig Platz und Zeit, sich noch mehr zu entfalten. An manchen Stellen, vorallem in den Szenen als Kranführerin, hätte ich mir mehr Direktheit und Derbheit gewünscht. Die Dialoge sind mir zu weichgespült. Der, heute würde man sagen, vulgäre Sexismus mit Worten, den ich noch aus den 70ern gegenüber unseren Mädchen aus der Schulklasse im UTP in den Ohren habe, findet sich im Text nicht wieder; würde aber den damaligen Zeitgeist gut wiedergeben.

    Die Handlung verläuft schnell, manchmal zu schnell und mit großen Zeitsprüngen. Kaum ist man in der Zeit angekommen, geht die Reise weiter. Es wirkte auf mich manchmal etwas gehetzt. Für mich ist es eine Geschichte, die die Generation meiner Großmütter sehr real darstellt und lesenswert ist.