Beiträge von Petra

    Beruf ist Beruf. Es ist egal, was der Lebenspartner macht, wenn der Beruf ausgeübt wird und vorzeigbare Ergebnisse bringt - also Buch- oder sonstige Veröffentlichungen (keinen Selbstverlag!) – dann ist das nicht unredlich sondern seriös. Egal, ob der Ehepartner mehr verdient oder nicht. Wenn beide Ehepartner einen anderen Berruf ausüben, sagt man ja auch nicht zu dem, der weniger verdient, es sei unredlich, wenn er sich Arbeitnehmer oder meinetwegen auch Freiberufler (zum Beispiel als Handwerker) nennt.

    Die einen sagen so, die anderen sagen so 🙂


    Hinter der Vokabel „unredlich“ steht für mich nicht etwa eine moralische Gewissensfrage. Wenn man finanzielle Absicherung ausklammert, kann natürlich jeder jederzeit für sich beanspruchen, Künstler, also auch Schriftsteller, zu sein bzw. dazu berufen zu sein oder sich berufen zu fühlen. Bloß dann nicht „hauptberuflich“. Dieser Zusatz macht es für mich zur Augenwischerei und ein Stückweit zum Selbstbetrug.

    Ein Mann reist mit dem Zug von Stadt zu Stadt. Er fährt von Berlin nach Hamburg, und danach nach Aachen, Mönchengladbach, Dortmund, Dresden … Irgendwann trägt der Kaufmann eine große Summe Geldes mit sich herum, dann wieder ist er fast mittellos. Hier steigt er in Hotels ab, mal in einem der besten Häuser am Platz, dann in schlichten Herbergen, einmal mietet er sich bei einem etwas wunderlichen alten Ehepaar ein, dann wieder muss er ganz ohne Bett auskommen. Der „Reisende“ kommt mit Fremden ins Gespräch, trifft auf alte Bekannte, auf eine Frau, die allen Umständen zum Trotz eine starke Anziehung auf ihn ausübt. Der Mann reist nicht zum Vergnügen, er ist auf der Flucht. Gut, dass sein Gesicht nicht weiter auffällt, dennoch kann einer in diesen Zeiten gar nicht wachsam genug sein: Wir befinden uns in Deutschland im November 1938. Die Wohnung des Mannes ist verwüstet worden, seine Frau zu ihrem Bruder geflüchtet. Für ihn ist dort kein Platz, denn der Kaufmann Otto Silbermann ist Jude, und sein Schwager in der Partei.


    Boschwitz nimmt den Leser in seinem Roman „Der Reisende“ mit auf die Odyssee eines Mannes, der trotz schlagkräftiger Beweise manchmal immer noch nicht fassen kann, wie er vom wohlhabenden Firmeninhaber in die Position eines Rechtlosen und Verfolgten geglitten ist. Das führt zu teils absurden Situationen, in denen Silbermann sich selbst erinnern muss, dass für ihn jetzt andere Regeln gelten. Herausgerissen aus der Gemeinschaft ist er, auf sich selbst gestellt, der Gnade von Profiteuren, die ihre Stunde gekommen sehen, ausgeliefert.


    Die Begegnungen Silbermanns sind sehr lebendig geschildert, verschiedene Charaktere der Zeit werden in treffenden Dialogen offenbar. Silbermann selbst wird als eine ambivalente Person geschildert. Für das deutsche Kaiserreich im Krieg gewesen, ein geachtetes und erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft, trägt er, wie anders kaum möglich, nicht nur schwer an seinem Schicksal, in schwachen Momenten sucht er auch nach Schuldigen unter gleichermaßen Verfolgten, was bei einigen Begegnungen mit anderen jüdischen Männern schmerzhaft deutlich wird. Die Irrfahrten Silbermanns sind beklemmend, es gelingt dem Autor, die Bemühungen seines Protagonisten sehr lebendig zu schildern, man geht mit, kann mit ihm hoffen und um ihn bangen. Silbermann fährt mit der Reichsbahn in Coupés der ersten, zweiten und dritten Klasse durch eine oft absurd erscheinende Welt, die doch keine Erfindung eines fantasiebegabten Autors, sondern historisch verbürgt ist.

    Ulrich Alexander Boschwitz war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer protestantischen Mutter. 1935 verließ Boschwitz mit seiner Mutter Deutschland.

    Der Roman wurde erstmals in England und den USA 1939 unter dem Titel „The Man Who Took Trains“ und unter Verwendung des Pseudonyms John Grane veröffentlicht. Bestrebungen, den Roman in den 1950er Jahren in Deutschland verlegen zu lassen, u. a. durch Heinrich Böll, scheiterten. Es dauerte schließlich bis 2019, bis der Roman in deutscher Übersetzung - in einer lektorierten Fassung, die die Ereignisse für heutige Leser umso eindrücklicher erscheinen lässt - in einem kleinen Verlag erschien. Als wahrscheinlich früheste literarische Auseinandersetzung mit den Novemberpogromen, erstellt von einem Verfasser, der seinem Thema sehr nah war, erhielt der Roman so letztendlich auch hierzulande einige Aufmerksamkeit. Mittlerweile ist auch eine Hörbuchfassung erschienen.

    Boschwitz starb 1942 im Alter von nur 27 Jahren, als das Flüchtlingsschiff, auf dem er sich befand, von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. Im Berliner Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf wurde auf dem Hohenzollerndamm vor dem Haus Nr. 81 ein Stolperstein für den Schriftsteller verlegt.


    ASIN/ISBN: 1794717382

    Ich würde die Aufmerksamkeit von der gegenseitigen Schienbeintreterei gerne zurück aufs Thema lenken:


    Frau Ammlinger (über die Gruppe47 in den 1970er Jahren): "eine geschlossene Gemeinschaft, die Ressourcen unter sich verteilt hat."

    (...)

    Die Autorinnen und Autoren, mit denen ich gesprochen habe, haben eigentlich schon ein sehr kluges Erwerbs- und Lebenssystem entwickelt, das die Autonomie des Schreibens ermöglicht.

    (...)

    Es ist zudem nicht außer Acht zu lassen, dass sie oft über ihren Partner oder Partnerin finanziell abgesichert sind."

    Die Welt bringt dann Florian Kessler ins Spiel, der mit einem Artikel namens "Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn" 2014 eine Diskussion auslöste. Zitat: "Kessler sah darin nicht nur inhaltlich ein Manko, weil bestimmte Themen gar nicht in den veröffentlichten Büchern vorkämen, er empfand es auch als ungerecht, dass das Elternhaus darüber entscheidet, ob man die Schriftstellerkarriere einschlagen kann oder nicht."

    Amlinger antwortet darauf, dass es "soziale Passungsverhältnisse" gebe. Zitat: "Das heißt zusammengefasst, es setzt sich nicht unbedingt Talent durch, sondern soziale Passung."

    Quelle: „Der Schriftsteller ist ein Außenseiter der Gesellschaft“

    (Hervorhebung durch Fettdruck stammt von mir.)


    Kessler sprach hier also zwei Bereiche an: 1. eine Beschneidung der Themen: Worüber wird überhaupt geschrieben? 2. wer kann es sich leisten, hauptberuflich Schriftsteller zu werden?

    Dass diese beiden Aspekte sich auch untereinander bedingen, versteht sich von selbst. Und deshalb glaube ich, dass manche Bereiche in der Literatur stärker beleuchtet werden und andere schwächer.


    Ich habe - wie üblich - keine Zahlen, meine aber, dass es durchaus bekannte Schriftsteller/Schriftstellerinnen gibt, die nennenswert Romane veröffentlichen und dennoch auch in einem anderen Beruf tätig sind. Aus welchem Grund, ist nicht wirklich wichtig. Vielleicht genügt es manchen, die es könnten, ganz einfach nicht, ausschließlich zu schreiben. Umgekehrt: Sich selbst als freiberuflichen Schriftsteller zu bezeichnen, wenn man (oder der Ehepartner) eigentlich noch eine Reihe anderer Dinge tut, um Miete und Mittagessen zu bezahlen, empfinde ich als unredlich. Das mag dem Ego schmeicheln oder deutlich machen, wo man seine "Berufung" sieht, verzerrt aber die Realität.


    Und deshalb meine ich: Ja, ein Studium, egal welches, ist eine gute Ausgangsbasis, auch für das Schreiben, weil Bildung einem grundsätzlich mehr Möglichkeiten eröffnet. Und das ist eigentlich so offensichtlich, dass man sich zumindest darüber gar nicht streiten muss.

    Ich könnte mir vorstellen 🙂, dass nach einem nicht ganz so gut verkauften Buch das nächste des Autors möglicherweise mit einer geringeren Vorauszahlung an den Start geht: ein Verlag lässt Vorsicht walten, da das Geld ja nicht zurückfließt, wenn das Buch unter den Erwartungen bleibt.

    Genauso, dass einer, der regelmäßig Bücher einkauft, die zu Bestsellern werden, einen besseren Stand hat als einer, der immer daneben liegt - außer, ein Verlag leistet sich „Herzensprojekte“/Prestigeprojekte, von denen man von vornherein weiß, dass die gut sind, gute Kritiken erhalten, sie sich aber nicht groß verkaufen werden - eine Art „Mischkalkulation“: Bestseller ziehen von vornherein nicht so gut kalkulierte Bücher mit durch.


    Darum ging es mir freilich nicht.

    Würde man strenger teilen, also nur die mit echtem Abschluss, nehmen, und den Rest zu den "Nichtstudierten" rechnen, käme sicher eine andere Gewichtung heraus. Sagen wir mal "gefühlt" halbe-halbe.

    Gefühlt: nein.

    Aber das ist eben das Problem: Wenn es keine Daten dazu gibt, „fühlt“ halt der eine dies und der andere das. Was in dem von Tom verlinkten Artikel steht, weist aber doch schon mal in eine andere Richtung als halbe-halbe, oder nicht?

    Hier wird Mythenbildung betrieben. Und das, mit Verlaub, in der Hauptsache von Leuten, die (noch) relativ wenig Branchenkenntnisse/-erfahrungen vorweisen können. Um mal diesen Aspekt zu beleuchten. ;)

    Also, ich habe eine Sache zur Diskussion gestellt, keine Behauptung aufgestellt. Und das, weil sich mir als Leserin diese Frage gestellt hat - mit Einschränkungen, die „Stichprobe“ betreffend, die ja gar nicht repräsentativ sein kann.


    Mir ging es auch gar nicht um die Idee, dass da Leute in den Verlagen säßen, die die Lebensläufe der Autoren nach deren Bildungsgrad abklopfen würden. Wenn ein Manuskript überzeugt, überzeugt es.

    Jürgen, ich bin beinahe ein bisschen neidisch auf die Art, wie Du Romane liest. So ergeht es mir tatsächlich weder mit den einen noch den anderen Romanen (wenn das denn überhaupt immer auseinanderzuhalten ist).


    In einer alten Folge von „Das literarische Quartetts“ behauptete der Schauspieler/Autor Christian Berkel („Der Apfelbaum“) einmal, alles außer Genre sei autobiografisch - Thea Dorn hat dem dann entschieden widersprochen.

    Nun kommt Edgar Selge und legt einen autobiografischen Roman vor („Hast du uns endlich gefunden“).

    Die beiden sind nicht die ersten und nicht die letzten Schauspieler, die die eigene (Familien-) Geschichte in einen Roman gepackt haben. Während das andere abschreckt, wäre der autobiografische Bezug für mich tatsächlich der einzige Grund, die Romane zu lesen. Und dabei könnte ich nicht mal hersagen, wo diese Schauspieler überhaupt mitgespielt haben :achsel

    @ Juergen P.: Hat ein Leser denn nicht immer eine Statistenrolle (ich würde sogar sagen eine Zuschauerrolle) inne, egal, ob ein Roman dem Erleben seines Verfassers entspringt oder seiner Fantasie? Er hat die Freiheit (oder folgt einer Notwendigkeit, wie man‘s nimmt), sich das Aussehen der Figuren vorzustellen, er wandelt die Worte vor seinem geistigen Auge um in Bilder; anders als beim Schauen eines Films, wählt er die Besetzung und die Ausstattung (im vom Autor abgesteckten Rahmen). Aber darüber hinaus? Bei einem offenen Ende darf/muss der Leser entscheiden, aber sonst? Wieso gibt Dir ein fiktionaler Stoff Freiheit, die Dir ein nicht (oder halb-) fiktionaler Stoff nicht gibt? Auch da weiß man doch in der Regel nicht alles vorher?

    Kannst Du das bitte noch weiter ausführen? Du erklärst das ja schon, aber ich kann das noch nicht nachvollziehen, und ich würde das gerne verstehen.


    Deine Sicht wird wahrscheinlich von vielen geteilt. Kann sein, dass autobiografische Stoffe die Tendenz haben, zu befremden.

    Ist womöglich immer ein bisschen Selbstverliebtheit dabei, über sich selbst zu schreiben? Immerhin muss sich einer ernst nehmen, der über sich schreibt - was ja generell nicht verkehrt ist. Selbstüberschätzung? Kann sein. Was mich nicht interessiert, muss ich aber ja nicht lesen.

    Was mich interessiert, sind Erfahrungen, die Menschen mit anderen Menschen teilen, gar nicht mal so das Einzigartige. Das kann etwas Befreiendes haben, wenn es zwar sehr wohl andere Menschen in einer ähnlichen Situation gibt, aber eben nicht darüber gesprochen wird.

    So kann auch ein und dasselbe Thema den einen peinlich berühren, während ein anderer dankbar ist, dass jemand darüber spricht.


    Ein Gespräch mit Freunden ist doch etwas völlig anderes als ein Roman. In einem Gespräch sucht oder gibt man womöglich etwas wie Rat, Erleichterung, Absolution … man teilt eine Erfahrung mit einem vertrauten Menschen und erhält Resonanz - und möchte wahrscheinlich, dass Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Ein Roman ist kein Gespräch, auch wenn auch da so etwas wie ein (einseitiger) zeitversetzter Austausch stattfindet. Wenn schon, dann ist er eine Ansprache. Öffentlichkeit Voraussetzung. Ein autobiografischer Roman ist eine Umsetzung eines Lebens oder einer Erfahrung in Literatur; und als solches ganz anderen Regeln unterworfen als z. B. ein Gespräch oder auch als andere Textformen, wie Sachbuch oder (Selbst-) Porträt. Die meisten (oder alle) autobiografischen Romane werden sich zudem nicht streng an Fakten halten, weil „Geschichten, die das Leben schreibt“ selten gut erzählt wären - zu verworren, zu langweilig, zu umständlich … Autofiktion erschafft so eigene „Wahrheiten“.


    Es wird übrigens gesagt, dass Dürrenmatt dieser Selbstoffenbarung Frischs in „Montauk“ skeptisch gegenüberstand bzw. sie ihm nicht abgenommen hat - wer ihn kennt, weiß, dass er so nicht ist, soll er sich geäußert, es wenn auch wieder zurückgenommen haben.


    Ich weiß nicht, was das gesteigerte Interesse - vorausgesetzt, der Eindruck täuscht nicht - hervorruft. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass Menschen Bestätigung suchen? Vielleicht gibt es - neben dem sicher ungebrochenen Trend nach Zerstreuung und Ablenkung, die Flucht in Traumwelten - auch einen, sich wiederfinden zu wollen, mit seinen Ängsten, Fehlern, Makeln, Fragen …? So etwas findet man nicht in erfundenen Romanen, dafür braucht es Autoren, Menschen, die hinter den Romanen stehen und sagen: Ich weiß, wie es ist.

    Nach der Romanvorlage von „Das Ende einer Affäre“ von Graham Greene hat man zwei Filme gedreht: der jüngere mit Julianne Moore und Ralph Finnies ist momentan in der ZDF-Mediathek zu sehen.


    Ein aufstrebender englischer Schriftsteller verliebt sich in eine verheiratete Frau. Sie beginnen eine Affäre, die seinerseits bald in eine Obsession mündet. Als er bei einem Luftangriff vermeintlich zu Tode kommt, hat ihre Beziehung ein jähes Ende.


    Ich fand das schon interessant gemacht: Der Schriftsteller im Schaffensprozess, die verschiedenen Zeitebenen, wie da zwischen den Zeilen geredet wird … Es kippt dann aber und macht ein paar Turns, wovon zumindest einer für meinen Geschmack dann doch etwas zu dick aufgetragen ist; „Das Ende einer Affäre“ zählt zu Greenes sog. „katholischen Romanen“.

    @ Juergen P.: Der ersten Hälfte Deines Beitrags stimme ich zu, der zweiten, oh, Wunder, nicht.


    Fan-tum in Bezug auf Schriftsteller kenne ich für mich nicht, will aber nicht bestreiten, dass dieses Phänomen bei manchen Bestseller-Autoren eine Rolle spielen könnte. Wenn ich mich an meine Leseanfänge erinnere, an Pucki, Hanni, Nanni und Carrie 🙂, waren mir die Figuren und die Handlung wichtig, die, die sie erschaffen haben (Magda Trott, Enid Blyton und Stephen King) nicht. Ich lese bis heute einen Roman des Romans wegen, der Verfasser ist mir in aller Regel weitgehend unbekannt und gleichgültig. Wenn mir der Roman gefallen hat, schaue ich mir vielleicht die Biografie des Autors an, vielleicht. Manchmal auch nur seine übrigen Veröffentlichungen, so vorhanden.


    Wenn einer etwas so zu sagen hat, dass es unterhaltend ist, spannend, einem eine neue Sichtweise eröffnet … - je nach dem, was einem wichtig ist - warum soll das Erlebte dann hinter dem frei Erfundenen zurückstehen? Ich kenne genügend fiktionale Stoffe, die ihrerseits in Korsetts stecken, nämlich, weil sie Trends hinterherhecheln. Serienmörder sollen seit Hannibal Lecter gerne hochintelligent sein, je mehr Blut fließt, desto besser, je abartiger desto besser. Vampire setzen Trends oder Millionäre mit ulkigen SM-Fantasien. So wenig, wie „echtes Erleben“ ein Qualitätsmerkmal sein kann, ist es Fantasie um jeden Preis. Ich habe einen Roman gerne glaubwürdig, was in Fällen, wo ich nicht genau Bescheid weiß, zugegeben leichter zu erreichen ist. Manche Fantasieprodukte sind aber auch so schlecht daherfabuliert, dass es gar keinen Experten braucht, um zu erkennen, dass da nichts stimmt, oder konkreter: stimmig ist. Ja, manche Genres funktionieren zudem nur unter Abkehr von der Wirklichkeit, Krimis z. B., trotzdem kann da ein persönlicher Einblick nicht schaden. Darüber hinaus glaube ich, dass einer, der vordergründig (!) über das Weißen einer Wand schreibt, mich, wenn er es denn kann, mehr anspricht, als wenn einer über, meinetwegen, blutsaugende Elfen im Catsuit schwadroniert. Wenn einer erzählen kann und etwas zu sagen hat, geht es nämlich in dem Text nicht nur darum, dem Leser zuzumuten, Farbe beim Trocknen zuzusehen, während im anderen Szenario der Bär steppt und es trotzdem ermüdend sein kann. Ich habe den Eindruck, dass Freiheit des freien Erfindens im Vergleich zu Fesseln, die einem Erlebtes - angeblich - anlegen, überschätzt wird. Man hat ja Freiheiten, derer man sich bedienen kann, auch wenn es einen wahren Kern gibt. Man kann übertreiben, meinetwegen aus einer Familie, die ein Vater neben der eigenen (aus Sicht des Verfassers) hat, zwei oder drei machen, und und und.


    Ich glaube, ich lege demnächst mal so eine „Montauk-Session“ ein. Zeit werden wir ja höchstwahrscheinlich bald wieder haben, wenn auch nicht zum Reisen. Das ist aber auch nicht nötig: Montauk kann überall sein. In Paris wie in Castrop-Rauxel. Lynn kann jeder sein - oder auch niemand.

    Selbst wenn zu erwarten ist, dass dabei weniger etwas herauskommt, das an Max Frisch erinnert, und dafür mehr an Lieschen Müller, die über den letzten Kindergeburtstag oder das Purzeln ihrer Fettpolster schreibt (ich *bin* Lieschen Müller!): Ich möchte jetzt mal wissen, was dabei entsteht 🙂!

    Vorausgesetzt, jemand sucht sich seine Themen nicht - was aber natürlich völlig legitim wäre - ausschließlich nach dem Markt aus, dann ist jeder Roman ein Stück autobiografisch - genau: das wäre eine Definitionssache. Ich könnte also sämtliche Details dieses Romans erfinden, aus dem Vollen meiner Fantasie schöpfen, aber das, was mich dazu veranlasst hat, über genau das zu schreiben, kommt letztendlich doch aus mir. Wie ich darüber denke, gibt zudem eine Tendenz vor, in welche Richtung sich der Roman entwickelt. In der Regel kennt der Leser die Verfasser von Romanen ja nicht, ich unterstelle aber, dass vertraute Personen aus einem mehr oder weniger engen Kreis des Autors bei bestimmten Details aufmerken, nach dem Motto, ach, guck, da ist es wieder: eine Einstellung, eine prägende Erfahrung oder Erkenntnis oder offene Frage. - Was freilich nicht bedeutet, dass sich einer immer am selben Trauma abarbeiten muss.


    Darüber hinaus meine ich, dass man über die nichtigsten Dinge fesselnd schreiben kann - wie einen Wochenendausflug - wenn man sie unterfüttert mit Reflexionen, mit Dingen, die über Handlungsort, Ereignis, Person hinausweisen. Oskamp schreibt ja nicht etwa vornehmlich über Füße, sondern über Menschen. In diesem Fußpflegesalon trifft sich ein bestimmter Menschenschlag, als Individuen verschieden, aber die Nachbarschaft ist der gemeinsame Nenner; wer dort im Einzugsbereich lebt, ist oft etwas abgehängt, älter, vielleicht sogar schräg, aber die Autorin behandelt ihre Kundschaft nicht von oben herab, schlimmer noch, dass sie sich über sie lustig machen würde. Auch das zeichnet diesen Roman aus, der doch so einen profanen Handlungsort und überhaupt keine strahlenden Heldinnen und Helden aufzuweisen hat.


    Das mit dem „einfach“ Nacherzählen steht ja nicht von ungefähr in Anführungszeichen - wobei ich die auf „nacherzählen“ ausgedehnt verstehe. Es ist nicht einfach und es ist nicht nur nacherzählt. Das wäre zu flach. Dimension bekommt etwas erst durch den Hintergrund des Erzählers: durch dessen Empathiefähigkeit, Lebenserfahrung, Intellekt, die Fähigkeit, Verbindungen zu sehen und heranzuziehen, und indem er Schreibhandwerk so einsetzt, dass eine runde Sache daraus wird.

    Mag sein, dass ich auch in diesem Beitrag wieder Mokkatässchen auf den Tisch stelle 🙂: Ich meine, es nimmt zu. Zwar haben zu jeder Zeit Schriftsteller aus ihren Erfahrungen geschöpft, aber das auch zu offenbaren, war nicht immer so „in“ wie heute. Das scheint mir etwas damit zu tun zu haben, dass die Verfasser von Romanen heute viel präsenter in den Medien sind. Das gilt natürlich nicht für jede Art Roman. Bei einem Thriller fragt selbstverständlich niemand „Haben Sie das tatsächlich erlebt?“, man freut sich am Nervenkitzel und dass der Autor „trotzdem“ so ein sympathischer Mensch ist! Aber diese Frage ist beileibe nicht immer verkehrt; bei Bov Bjergs „Serpentinen“ zum Beispiel fragte sich sogar das Feuilleton, was in dem Roman autobiographisch sein könnte. (Ich habe nicht verfolgt, ob/wie er sich dazu geäußert hat.)


    Was die Banalität eigener Alltagserfahrungen angeht: Dieses Wochenende Frischs an der amerikanischen Ostküste birst nun auch nicht gerade vor Originalität. So oder so ähnlich können Ausflüge tausendfach verlaufen. Dass ich es im Fall von „Montauk“ dennoch gerne gelesen habe, liegt an der Umsetzung, der Art und Weise, wie einer auf eine Sache blickt und sie in Worte fasst. Das ist eine Kunst für sich, bei der Fantasie nicht der entscheidende Faktor ist und ein Bescheiden auf das tatsächlich Erlebte auch kein Korsett.

    Es wird niemand schief angeguckt, der was hat oder nicht.

    Ist das so? Das erscheint mir genauso verallgemeinernd zu sein, wie wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Dabei scheint es stark auf das Auftreten anzukommen. Vielleicht muss man nicht unbedingt ein Hochschulstudium vorweisen können - aber so zu erscheinen als ob, dürfte durchaus von Vorteil sein.


    Nachtrag zur oben angeführten Aufzählung:


    Pierre Michon („Leben der kleinen Toten“, Jahrgang 1945, Literaturstudium (abgebrochen))


    Lukas Rietzschel („Mit der Faust in die Welt schlagen“, Jahrgang 1994, Master in „Kultur und Management“, sein Verleger bei Ullstein fand ihn „spannend, weil er aus dem Niemandsland des Erzählens stammt.“. (Stern, 2018)

    Kennt Ihr das? Manchmal liest man Bücher und ist sich nicht sicher: Ist das noch ein Sachbuch (wie Biografien zu den Sachbüchern zählen) oder doch schon ein Roman?


    Mir ging das dieses Jahr so mit „Hillbilly Elegy“ von J. D. Vance und „Der große Trip - Wild“ von Cheryl Strayed. Der eine erzählt von einer Kindheit in einer Familie, die gemeinhin in den USA als White Trash verschrieen ist, und vom Aufstieg aus diesem Milieu, die andere von einer Wanderung auf dem Pacific Crest Trail, eigentlich aber von einem in die Binsen gegangen Leben, von Sucht, (Selbst-) Betrug und Trauer. Beide Bücher haben einen autobiographischen Hintergrund, werden aber so erzählt, dass sie locker als Romane gelten können. Beide Bücher haben so eine starke Geschichte, dass es sehr nahe lag, Filme anhand der Vorlagen zu drehen. Dabei kann man wahrscheinlich nicht voraussetzen, dass Biografien generell gut (filmisch) zu adaptieren sind. Während man auch (so vom Verlag bezeichnete) (Auto-) Biografien an sich nicht als bloße Abbildungen eines Lebens verstehen darf - hier lässt einer etwas weg, da erfindet er etwas dazu, hier strafft er zeitlich usw. - braucht es erzählerischer Kniffe, um ein Leben wie einen Roman zu erzählen. Eine ausschließlich faktenbasierte Schilderung liefe viel eher Gefahr, langweilig zu werden, zäh - wahrhaftig (in dem Sinne, dass jemandes Erinnerungen und Empfindungen zwar tatsächlich wahrhaftig sein können, aber nicht unbedingt „wahr“), wahrhaftig also, aber dröge. Die Amerikaner können das gut: fesselnd erzählen. Vielleicht erfinden sie dann auch mehr hinzu - ich halte das für sehr wahrscheinlich. Ansonsten kämen dabei wahrscheinlich nicht Bücher heraus, bei denen sich selbst Verlage schwertun mit der Einordnung.


    Nicht, dass das ein neues Phänomen wäre. Mit „Montauk“ legte Max Frisch z. B. schon 1975 ein von ihm selbst Erzählung genanntes Stück autobiografischer Prosa vor. Auf die Folie eines real erlebten Wochenendes bringt Frisch hier Erinnerungen an frühere Beziehungen auf. Wo allein schon der Entschluss, über etwas zu schreiben, das erst noch passieren muss (falls das so gewesen sein sollte), die Dinge unweigerlich ein Stückweit verfälscht, und Frisch auch hier natürlich die schriftstellerische Entscheidung trifft, was er (aus-) erzählt und was er weglässt oder allenfalls andeutet, fügt er dem äußeren Erlebnis ein inneres hinzu. Damit dehnt er das postulierte „nur Schildern, was an diesem Wochenende passiert“, auf mehrere Ebenen aus, die eine gegenwärtige und zahlreiche vergangene. (Übrigens eine interessante Ausgangsposition, finde ich.)


    Ich habe den Eindruck, dass solche „Hybride“ zunehmen auf dem Buchmarkt. Und, dass das entscheidend damit zu tun hat, dass wir immer stärker daran gewöhnt sind, dass Menschen ihre Erfahrungen mit anderen - Fremden - teilen. Auch und gerade intime. 1975 waren die Frauen, über die Frisch schrieb, wahrscheinlich noch um einiges empörter, erschrockener …, über sich selbst in einem Buch zu lesen als sie es heutzutage wären (so, wie (die bei Erscheinen des Buches bereits verstorbene) Ingeborg Bachmann sich dem entschieden verwehrt hatte). Das bringt einen in die Bredouille: Während man einerseits schätzen kann, solche Einblicke zu bekommen, möchte man selbst nun kein solcher „Steinbruch“ sein, aus dem ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin „Literatur macht“.

    Nach der letzten ist immer noch Platz für die allerletzte 🙂


    „Zumindestens“? Ich staune „Einzigsten“, ja, aber das nun nicht. Wahrscheinlich kann „zumindestens“ hier nicht heimisch werden, weil schon „zumindest“ nicht allzu gebräuchlich sein dürfte. „Mindestens“ reicht vollkommen 🙂

    Ich habe ein wirklich interessantes und überaus lesenswertes Interview mit der Literatursoziologin (!) Carolin Amlinger zu diesem Thema gefunden, in dem sie die Historie, die Hintergründe und die Situation skizziert: https://www.welt.de/kultur/lit…ter-der-Gesellschaft.html

    „Soziale Passung“ - sieh mal einer an! Oder auch: Sag ich doch --u:-)


    Dorothée Letessiers „Eine kurze Reise“, in der eine bretonische Fabrikarbeiterin, Ehefrau und junge Mutter für ein Wochenende ans Meer flüchtet, wurde 1980 als autobiographisch verkauft, offenbar um die Diskrepanz „Facharbeiterin“ : „literarisches Talent“ kalkuliert als verkaufsfördernde Maßnahme einzusetzen. In Wahrheit hatte Letessier zwar Erfahrung mit der Arbeit in der Fabrik, war aber darauf nicht als Hauptbroterwerb angewiesen und hatte mit einiger Wahrscheinlichkeit – was ich aber nicht finde, da diese Autorin offenbar hierzulande in Vergessenheit geraten ist oder auch nie einen großen Bekanntheitsgrad hatte – eine Hochschulbildung durchlaufen (behaupte ich jetzt einfach mal!).


    An zeitgenössischen Autoren mit einer tatsächlichen Herkunft aus, wie es oft heißt, „einfachen Verhältnissen“, die diese Verhältnisse in ihren Büchern thematisieren, fallen mir ein:


    Édouard Louis („Das Ende von Eddy“, 1992 in der Picardie geboren, Soziologiestudium an einer Elite-Universität)


    Louis ist ein Schüler von Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“, 1953 in Reims geboren, abgebrochenes Philosophiestudium, was in Frankreich nicht daran hindert, an einer Hochschule zu lehren)


    Annie Ernaux („Erinnerung eines Mädchens“, 1940 in Lillebonne geboren, Lehrerin)


    J. D. Vance („Hillbilly Elegy“, 1984 in Middletown, Ohio geboren, studierter Jurist, Finanzmanager)


    Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“, 1985 in Kaiserslautern geboren, studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik)


    Ich habe – unabhängig von meiner Leseliste – Wikipedia mit weiteren Namen von aktuellen (Bestseller-) Autoren/Autorinnen gefüttert: Letztendlich habe ich jemanden gefunden: Wolfgang Hohlbein, Industriekaufmann. Mit Ulla Hahn dann gleich noch eine? Bürokauffrau, stand da zu lesen – aber nein, Hahn hat ihr Abitur nachgeholt und studiert. Ich hätte meinen Eindruck ja letztendlich doch nicht ungern korrigiert: Aber die Rubrik „Leben und Werk“ von Autoren und Autorinnen beginnt mit einiger Zuverlässig in der Art von: „studierte xyz … in …“.


    Die oben genannten fünf Schriftsteller sind augenscheinlich Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, die durch welche Wendungen in ihrem Leben auch immer in den Genuss einer Hochschulbildung gekommen sind.

    Es mag aber auch Autoren und Autorinnen geben, die ihre Herkunft aus ebensolchen Verhältnissen nicht an die große Glocke hängen: Tatsächlich interessiert das ja auch nicht, wenn man über diese Verhältnisse nicht schreiben will. Dass es aber doch relativ wenige tun, hängt meiner Meinung nach auch mit der eingangs von mir aufgeworfenen Fragestellung zusammen.

    Mal angenommen, wir befänden uns hier nicht in einem virtuellen Raum, sondern auf einer Party. Die Gäste kennen sich nicht alle untereinander, außerhalb kleinerer Gruppen trifft man zum ersten Mal aufeinander. Ein höflicher Herr gesellt sich zu einer Gruppe und stellt sich vor. Man kommt ins Gespräch und landet bei den Berufen. Ich bin Postbote, sagt unser fiktiver Gast, dem folgen ein paar Sätze, in denen es hauptsächlich um Ärgernisse um fehlgeleitete Sendungen geht, bevor man sich wieder interessanteren Dingen zuwendet. Neue Party, derselbe Mann, nennen wir ihn Gert. Ich bin Chefarzt einer psychiatrischen Klinik. Welcher Gert ist wohl der begehrtere Gesprächspartner?

    Ich weiß nun nicht, ob Agenturen - nehmen wir diesen Weg, weil er der professionellere ist im Vergleich zu ins Blaue verschickten Manuskripten - den Beruf ihres Klienten nennen. Ich könnte es mir aber vorstellen. Und jetzt ist es absolut egal, ob in dieser Vorstellung steht, „mein Klient ist Briefzusteller“ oder „… Dr. med. und Dr. phil., Chefarzt im Klinikum …“?!


    Das dünne Eis ist mir bewusst. Aber ich behaupte nicht, dass ein Studium unabdingbar ist. Mir geht es auch um Rüstzeug, das manche mitbekommen und andere nicht. (Wozu auch Mentoren gehören: Menschen in wegweisenden und - bestenfalls - einflussreichen Positionen.) Es nützt nichts, so zu tun, als ob es keine gesellschaftlichen Unterschiede gäbe. Oder als ob jeder mit den selben Chancen ins Leben geht. Als ob - gerechtfertigt oder nicht - in den Köpfen der meisten Menschen nicht bestimmte Vorstellungen vorhanden sind. Akademiker profitieren - vielleicht ja sogar teils unbewusst - von Vorstellungen, die andere sich von ihnen machen, zurecht oder auch nicht. Während Leute in nicht-akademischen Berufen Türen erstmal überhaupt öffnen müssen.


    Natürlich KANN das echte Manuskript eines echten Postboten besser sein als das eines Chefarztes. Es könnte aber auch sein, dass es der Postbote schwerer hat, sich überhaupt Gehör zu verschaffen? Nein? Weil Lektoren anders als der überwiegende Rest der Menschheit gerade nicht Vorurteilen gesellschaftlicher Art unterliegt? Mag ja sein, dass es auf den Verlag ankommt: in einem, der hochgeistige Literatur vertreten möchte, wird der Postbote es definitiv schwer haben, überhaupt die erste Hürde zu nehmen - behaupte ich jetzt natürlich nur. Es muss ja auch etwas zu bedeuten haben, wenn einem Fälle/Personen einfallen, die Ausnahmen darstellen. Denn das bestätigt doch: Die Regel ist es nicht. Die „Postboten“ sind in der Minderzahl.