Beiträge von Petra

    auf Basis der Serienfigur Lydia (zum Niederknien gespielt von Ann Dowd)

    Tante Lydia steht auf jeden Fall einer anderen furchteinflößenden litarischen Frauenfigur in nichts nach - da mit mehr Macht ausgestattet, übertrumpft sie sie sogar noch: Schwester Ratched aus "Einer flog übers Kuckucksnest" hat man sogar eine eigene Serie gewidmet ("Ratched").


    Das ist überhaupt ein Phänomen, über das ich staune: Es scheint so ein großer Bedarf an griffigen Stoffen für Film und Fernsehen (oder eher Streaming) zu herrschen, dass lange vorher geschaffene Romanfiguren, wie eben diese Mildred Ratched (Ken Kesey, 1962) jetzt (2020) quasi wiederbelebt bzw. ausgebaut werden.

    Es gibt - mal weg von TV-Serien, hin zu Romanen - auch den Fall, dass der zweite schon eine Katastrophe ist: nach „Rosemarys Baby“ kam - 30 Jahre später! - „Rosemarys Sohn“. Gruselig schlecht 🤭 (Wobei Ira Levin ansonsten oft Volltreffer gelandet hat; nicht nur mit dem vorgenannten Roman, sondern auch mit (ebenfalls verfilmten) Stoffen wie „Stepford Wives“, „Sliver“ etc.).

    Mit „Millennium“ hat das nichts zu tun, trotzdem passt‘s hierhin, deshalb mache ich keinen neuen Thread auf:


    Wie ich jetzt erst durch Zufall mitbekommen habe, ist die britische Autorin Mo Hayder bereits im Juli 2021 verstorben (mit 59, nach „kurzer schwerer Krankheit“). Bitter! Und traurig.


    Das bedeutet demnach, dass auch die von ihr erdachte Serienfigur Jack Caffery nicht mehr fortgesetzt wird. Schade. Hayders Krimis waren definitiv nichts für schwache Nerven, aber die Figuren waren sehr tiefgründig angelegt, von der Machart ähnlich wie manche heutige TV-Serie = aktueller Fall in Kombination mit einem sich ständig weiterentwickelnden Hauptcharakter mit dramatischer Backstory.

    Die Story von DesFred aber muss irgendwann enden, und weil sie das nicht tut, wird "The Handmaid's Tale" bei aller Genialität zwischendrin immer wieder ein bisschen langweilig.

    Da ist es offenbar dem Erfolg eines Formates geschuldet, wenn ein Stoff ausgequetscht wird bis zum Gehtnichtmehr. Ich habe 3 Staffeln gesehen. Wenn es jetzt im Endeffekt 6 geben soll (mindestens?), freut mich das nun auch nicht nur. Dann besser aufhören, bevor die Luft raus ist.

    AP hat „The Handmaid’s Tale“, „The Underground Railroad“, „The Man in the High Castle“, „Little Fires Everywhere“, „Fleabag“ … Wenn man partout will, kann man da auch richtig, richtig vorm Fernseher versumpfen und ist dabei nicht schlecht unterhalten. Außerdem gibt es einige Krimi-/Thriller-Serien, die auf Roman(figur)en basieren, wie „Bosch“ (nach Michael Connelly) oder „Reacher“ (nach Lee Child) … Oder, für die Nostalgiker, Serien von anno dazumal, die „anders“ aber dafür nicht schlecht sein müssen. Ob AP damit gegen Netflix ankommt (wahrscheinlich nicht), ist für mich nicht der entscheidende Punkt: Mehr muss für mich nicht.


    Was „Beforeighners 2“ angeht: Die ersten drei Folgen haben mich nicht ganz so gekriegt wie Staffel 1. Ich will nicht sagen, dass da nichts mehr kommen kann, im Gegenteil, waren am Ende der ersten Staffel doch einige vielversprechende weitergehende Handlungsstränge angelegt. Aber dieser überwältigende Effekt in Folge 1 von Alltag zu Alles-ist-anders über Nacht, der geht naturgemäß nur einmal. Außerdem merkt man, wenn auf bewährte Gags zurückgegriffen wird. Was beim ersten Mal gezündet hat, kann in der Wiederholung leider auch etwas müde daherkommen (ich sag nur Moos versus Eimer).

    10 Jahre, 22 Folgen, Dialoge, über die ich mich oft gefreut habe, eine sich anbahnende Beziehung (ok, das ist oft der Anfang vom Ende) - und dann das: erschossen, weil Kindheitstrauma, weil Zwillinge.

    Hat der Mann etwa nicht schon genug durchgemacht?!

    Ach Mensch, Dortmund!

    vielleicht hilft es dir, auch eher zu schauen, welche Entwicklung die wichtigsten Figuren durchmachen sollen und diese zu planen.


    Dieses Eigenleben der Nebenfiguren hat deren Entwicklung übrigens immer gutgetan (behaupte ich jetzt einfach mal ;)).

    Hallo Kiana,


    die Entwicklung steht schon fest - wenn auch nicht auf dem "Papier".

    Auf das zu erwartende sich beim Schreiben noch zeigende "Eigenleben" baue ich trotzdem! Das hält die Sache spannend.

    Außerdem spukt eine verrückte Idee in meinem Kopf: alle Figuren aus meinen früheren Erzählungen in einem neuen Buch wieder auftauchen zu lassen, jedoch in anderen Rollen.

    Hallo Katze,


    wie erkennt man die denn dann :/, außer am Aussehen?


    Ansonsten auch Dir gutes Gelingen! - Wenn sich Figuren nochmals melden (das hört sich immer irgendwie nach Stimmenhören an, so ist es natürlich nicht gemeint ^^), dann lohne es sich auf jeden Fall, ihnen Gehör zu schenken, finde ich. Vielleicht versteckt sich da doch noch eine Geschichte, die erzählt werden will.

    Hallo Dorrit,

    Ich stimme Silke allerdings schon zu, ich finde es ist gut, vor dem Schreiben ein bisschen mehr über die Figur(en) zu wissen. Wo kommen sie her und wo möchte ich als Autor sie am Ende haben? Und ist das, was ich jetzt gerade schreibe, nützlich für den Weg dorthin? Aber es ist ja keinesfalls in Stein gemeißelt, dass das wirklich vorher passieren muss -

    ich arbeite dann wohl mit der Methode "Word". Beliebte Werkzeuge dabei: "Suchen und Ersetzen", "Ausschneiden und Verschieben". Das, was erst als Kurzgeschichte geplant war, hat schon ein paar Änderungen erfahren: Der Beruf des Protagonisten funktionierte für die Kurzgeschichte, für einen Roman funktioniert sie nicht. Und der Name einer weiblichen Hauptfigur: ging gar nicht mehr. - Bevor sich aber jetzt bei jemandem die Nackenhaare aufstellen und er/sie davon ausgeht, dass das viel, viel mehr Arbeit bedeutet: Sooo viel Änderung an Bestehendem ist das tatsächlich nicht, da auch einer, der wie ich auf dem Papier nichts groß entwerfen will, ja eine Vorstellung von der Geschichte und den Personen im Kopf hat.


    Viel Erfolg beim Entwerfen Deiner Figuren!

    Keine Ursache, Jürgen! Threads entwickeln sich, das finde ich überhaupt nicht schlimm.


    Ansonsten: Ich lasse meine Protagonisten gerade viel Leine, vielleicht sogar Freilauf. Vielleicht erleide ich damit Schiffbruch, aber anders geht’s nun mal überhaupt nicht. Ich könnte niemals etwas auf den Reißbrett entwerfen UND danach auch noch schreiben. Das mag ja des Profis täglich Brot sein, meine Methode ist mehr wie Malen: hier etwas mehr Farbe hin, da etwas Farbe weg, hier Konturen verwischen, da hervorheben. Gedeiht auch. Nur nicht ordentlich von A nach B nach C … sondern chaotisch 🙂

    Hallo zusammen,


    dankeschön für Eure Antworten!


    Ich muss ein bisschen ausholen, sorry:


    Ich wollte mich schon immer mal im Namedropping versuchen:

    Gabriele L. Rico, David Lodge, Lutz von Werder, Sol Stein, Julia Cameron, Joyce Carol Oats, Alice W. Flaherty, Otto Kruse, Sibylle Knauss, Jürgen vom Scheidt, Fritz Gesing, Wolfgang Bittner, Ray Bradbury, Dorothea Brande, William Zinsser, Lajos Egri, Anne Lamont, Alexander Steele, Elizabeth George …

    Und das sind nur die in der ersten (Regal-) Reihe. Alles (mehr oder weniger) berufene Leute, die (mehr oder weniger) Kluges über das Schreiben geschrieben haben. Soll heißen: Ich habe mein gerüttelt Maß an Theorie intus. Es reicht jetzt.

    Ich habe einige dieser Bücher vor Jahren quasi gefressen, weil ich Schreiben toll fand, die Mechanismen durchschauen wollte – und irgendwann nur noch just for fun. Jetzt erinnert mich das eher an den einzigen Deutschunterricht, den ich in meiner Schullaufbahn glühend gehasst habe: In der, ich glaube, 5. Klasse sollten wir die Bestandteile eines Satzes auseinanderpflücken und benennen, Grammatik. Ich sehe mich noch dasitzen mit meinen Buntstiften und nem Brett vorm Kopf: Plusquamperfekt? Hä? Warum muss ich wissen, wie es heißt, wenn ich es doch auch einfach anwenden kann?!


    Wenn ich jetzt anfange, mich in eine weitere Plot-Theorie einzuarbeiten (Stichwort „Save the cat“) habe ich danach vielleicht eine patente Hauptfigur – die über das Entwurfsstadium des Romans aber nicht hinauskommt, weil ich keine Lust mehr habe, die Geschichte zu erzählen. (Ja, ich weiß, es braucht auch Disziplin zum Romanschreiben, sonst wird das nichts!) Wobei, den Namen dieser Methode kenne ich zwar nicht, aber „Want“ und „Need“ und „Wendepunkt“ und „Spannungskurve“ – das kenne ich.


    @ Silke: Welches Buch denn genau? Ich habe gefunden „Rette die Katze – Das ultimative Buch übers Drehbuchschreiben“ von Blake Snyder, aber das meinst Du nicht, oder?


    Danke Dir für Deine Ausführungen – das hört sich an, wie man es machen sollte. Ich habe es auch schon (ähnlich) gemacht, und es ist nichts draus geworden. Das heißt nicht, dass die Methode verkehrt ist! Die Methode wird – richtig angewendet – zum Ziel führen.


    In dem Sinne: Vielleicht erleide ich mit meiner Methode gnadenlos Schiffbruch, die Möglichkeit besteht. Das macht aber nichts, weil ein Erstling (nennen wir’s mal so) immer Mist ist. Bis Juli steht das Ding. Vielleicht wacklig auf einem Bein, aber stehen soll‘s. So!


    Fortsetzung folgt …!


    Wo wir heute schon mit originellen Ansichten/Ideen vorankommen 🙂:


    Ich habe beim Schreiben einer Kurzgeschichte (dachte ich) festgestellt, dass ich mit den dort auftretenden zwei Hauptfiguren gerne eine längere Reise unternehmen würde. a) weil ich Lust habe, die beiden tiefer zu „ergründen“, als das bei einer Erzählung möglich wäre, b) weil ich gemerkt habe, dass ich mit den beiden einige Themen angehen könnte, die mich schon länger beschäftigen.


    Soweit, so gut. Jetzt sollte ich wohl eigentlich ein Exposé schreiben - da ich allerdings nicht mit einem Exposé „hausieren“ gehen würde, wozu. Aber einen zumindest groben Handlungsabriss, oder? Ich bin ja mehr der Typ „drauflos und gucken, wohin die Reise geht“. Wieviele Romane ich so (fertig-) geschrieben habe? 0 fertig, die ich als Romane bezeichnen würde, aber, länger her, 8, 9 längere Texte, die zumindest Ähnlichkeiten mit Romanen aufweisen.


    Ich weiß, dass „man das so nicht macht“, aber irgendwie hätte ich schon Lust drauf - und sei es nur, um eingerostete „Schreibmuskeln“ zu lockern.


    Eine eher schlechte Idee?


    Und: Ist es euch auch schon so ergangen, dass Figuren „mehr Eigenleben reklamierten“? Wenn ja, ist was draus geworden oder ist die Idee halbfertig eingegangen, weil es dann doch nicht für die Langstrecke gereicht hat?

    Verstehe ich das richtig: Der Akt des Ersinnens ist Dir Erfüllung (genug) und das Produkt, das Manuskript, aus dem im Idealfall ein Buch (Erzählungen oder ein Roman) werden soll, für das Du bezahlt wirst, Abfall? Da Du von „Abfallverwertung“ sprichst, sollte das ja so sein?

    Wow!

    Ich verstehe nicht, wieso man sich als Autor diese Mühe machen sollte.

    Kommt auf den Text an. Wenn der Anspruch dahinter stehen sollte, durch seinen Roman/sein Sachbuch/seine Erzählung (was auch immer) auch ein Stückweit mit der „Welt“ zu kommunizieren, wäre es ein Unding, einfach jede Änderung durchzuwinken. Selbst wenn nicht, wenn der Verfasser gut daran tut, aus berufenem Munde Rat anzunehmen, käme für mich nicht infrage, zwei Fassungen zu publizieren (vom vertragsrechtlichen mal ganz abgesehen). Hop oder top sozusagen, entweder die Änderungen tun dem Text gut oder nicht.

    Die Stiftung Noon Foundation, Mannheim, ruft einen Literaturpreis aus: „Aufstieg durch Bildung“, 2023: mindestens 50 Seiten, 4.000 Euro, Verfasser 25 - 70 Jahre, Einsendeschluss 15.06.2022.


    (Der Text (Erzählung/Roman) kann auch (nach dem 15.06.2020) bereits veröffentlicht sein. Das bedeutet natürlich, dass andere Teilnehmer möglicherweise bereits ein reiferes bzw. fertiges Produkt ins Rennen schicken können.)

    Nachtrag:


    Daniel Kehlmann ist sich - nach mehr als einem Dutzend veröffentlichter Bücher - nur fast sicher, dass er Schriftsteller ist. Wie jeder schöpferisch tätige Mensch fühle er sich natürlich als Hochstapler.


    (Was nicht (nur) damit zu tun haben wird, dass es um Felix Krull ging.)


    Und: Thomas Mann, seinerzeit als „größter lebender Schriftsteller“ gehandelt, hat die Schule nicht beendet.


    Quelle: ein lesenswertes Stern-Interview in der Ausgabe vom 9.9.21.


    Ein Lieblingssatz: „Man ist“ (als Schauspieler und Schriftsteller) „etwas weniger als die meisten anderen in nur ein einziges Leben eingesperrt.“

    Zwischen 1947 und 1949 fand als einer der Nachfolgeprozesse des Nürnberger Hauptprozesses der sog. Wilhelmstraßen-, auch Ministerien-Prozess genannt, statt. Gegen die Hauptverantwortlichen waren direkt nach Kriegsende geurteilt worden, jetzt ging es um Verantwortliche aus der zweiten oder dritten Reihe. Es wurde gegen 21 Angeklagte u. a. wegen der Anklagepunkte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit prozessiert, darunter acht Angehörige des Auswärtigen Dienstes. Prominentester Angeklagter war Ernst von Weizsäcker (1882 – 1951). Sein Sohn Richard (1920 – 2015) begleitete den Prozess als einer seiner Verteidiger.

    Diese beiden Personen der Zeitgeschichte, Vater Diplomat in der Weimarer Republik und im sogenannten „Dritten Reich“, Sohn ein späterer Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, der als solcher 1985, vierzig Jahre nach Kriegsende, eine vielbeachtete Rede über die Verantwortung der Deutschen im Umgang mit der Vergangenheit hielt, sind auch auf dem Cover des Buches abgebildet: der Vater auf der Anklagebank, sein Sohn in Anwaltsrobe ihm zur Seite.


    Der Roman beginnt mit einer sehr dichten Beschreibung des Hauptschauplatzes. Schley nimmt den Leser mit in den Gerichtssaal. Den überlieferten Protokollen, Film- und Tonaufnahmen dieses Prozesses – Buchstaben auf Papier, Schwarz-Weiß-Bildern, verrauschten Tonmitschnitten – haucht Schley im wahrsten Sinne des Wortes Leben ein. Ankläger und Angeklagte, Verteidiger, Richter, Zeugen, Wachpersonal, Übersetzer, Journalisten … Die ganze Personnage, Haupt- und Nebendarsteller dieses historischen Prozesses, erwachen im Roman wieder zum Leben. Das ist genauso beeindruckend wie – jedenfalls ging es mir so – überwältigend. Ich habe das von Devid Striesow eingelesen Hörbuch gehört und war von der Informationsflut dieses Einstiegs zugegeben ge-, wenn nicht stellenweise überfordert.


    Ich sage „Roman“, und als solches wird das Buch auch vermarktet, man kann sich aber durchaus bei der Lektüre fragen, was für eine Art Roman das ist – traditionellen Handlungsmustern und Konstruktionen selbst bekannter Vertreter des Genres Gerichtsroman/Justiz-Thriller folgt „Die Verteidung“ nicht. Tatsächlich hat der Autor wohl anfangs nicht auf einen Roman hingeschrieben. Ich fühlte mich beim Lesen teils mehr bei einem Essay, dann wieder bei einem Sachbuch, dann aber auch tatsächlich bei einem Roman.


    Ich stelle mir die Arbeit an „Die Verteidigung“ – auch wenn der Autor wohl „nur“ zwei Jahre daran gearbeitet hat – als einen ungeheuren Kraftakt vor. Der Printausgabe ist ein reichhaltiges Quellenverzeichnis nachgestellt. Diese beiden Personen der Zeitgeschichte vor dem historischen Hintergrund zu zeigen und gleichzeitig eine Vater-Sohn-Geschichte zu erzählen, ist gelungen. Ebenso, diese Fülle der zeitgeschichtlich verbürgten (oder vermuteten oder behaupteten) Ereignisse und Personen in diesen erzählenden Kontext einzubringen – und damit aus historischen Ereignissen Literatur zu machen.

    Schley hat seine Vorgehensweise selbst so kommentiert: Er habe dem historischen Fall unbedingt gerecht werden wollen. Wo offene Fragen und Zweifel blieben, habe er den Stoff mit literarischen Mitteln behandelt und den authentischen Fall „literarisch in die Schwebe gehoben“, ihn „verunsichert“.

    So vermeidet er für mein Empfinden auch eine unangenehme, eher aufdringlich wirken müssende Innensicht, die letztendlich nur Behauptung, nur Anmaßung sein könnte. Wenn aus Personensicht erzählt wird, dann oft mit dem Zusatz: so könnte es gewesen sein, nicht, so war es. Trotzdem schimmert da und dort die Haltung des Verfassers durch – was womöglich ein Balanceakt für sich gewesen sein könnte.

    Wie da im Nachkriegsdeutschland um Dinge wie Schuld und Verantwortung gestritten und gerungen wird, und wie das Echo in der großen Öffentlichkeit war, das lässt tief blicken. Es legt auch Diskrepanzen bloß, blinde Flecken, im Politiker Richard von Weizsäcker einerseits und dem Sohn Ernst von Weizsäckers andererseits – nicht als reißerischer Akt, sondern als stille, durchaus vielsagende Gegenüberstellung.

    „Die Verteidigung“ vermittelt eine Fülle von Informationen, ist dabei aber nichts, was man zwischendurch so eben mal wegliest – was ja nicht verkehrt ist, man sollte sich nur darauf einstellen.


    Fridolin Schley wurde 1978 in München geboren. 2007 war er einer der Bewerber um den Bachmann-Preis. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, Stipendien und Förderpreise. „Die Verteidigung“ ist sein zweiter (veröffentlichter) Roman.


    ASIN/ISBN: 3446265929

    Ich habe vor Kurzem die Serie „Nine perfect strangers“ gesehen, fand sie nicht besonders, und überlege jetzt, ob ich die Romanvorlage („Neun Fremde“ von Liane Moriarty) lesen soll. Ja, richtig, die Serie hat mir nicht sonderlich gefallen (die Story hat mich durch verschiedene geschickt platzierte Spannungselemente bei der Stange gehalten, letztendlich löst sich aber zu viel quasi in Luft auf, entpuppt sich als bloßes Mittel zum Zweck), aber jetzt wüsste ich trotzdem gerne, ob die Charaktere in der Buchvorlage so sind wie in der filmischen Umsetzung.


    In der (amerikanischen) Serie „Nine perfect strangers“ kommen – ach! – neun Personen nach Tranquillum, einem hyperschicken Wellness-Eso-Resort, betrieben von Masha, die mit russischem Akzent und in weißen Roben einen halb durchgeknallten und halb mysthisch-vergeistigten Eindruck macht. Tranquillum ist nicht nur superschick und superteuer, sondern auch noch supergeheimnisvoll – niemand kann sich einfach so dort einkaufen, alle Gäste werden von Masha eigens auserwählt. Diesmal hat sie es mit einer Gruppe zu tun, die mit ausgesprochen viel seelischem Ballast anreist: Da ist die Schriftstellerin Frances, deren letzter Liebesroman nicht nur gefloppt ist, sondern die sich zu allem Übel auch noch von einer Art Lover Boy hat abzocken lassen, die Familie Marconi, die um den verstorbenen Sohn/Bruder trauert, ein ehemaliger Football-Held mit einem Tablettenproblem, das junge Ehepaar Jessica und Ben, sie Influencerin, er Lotteriegewinner, ein Enthüllungsjournalist, der an der Trennung von seinem Partner leidet, weil er dessen Kinderwunsch nicht mittragen wollte, und Carmel, die von ihrem Mann verlassen wurde.

    Die Rollen der Besucher und des Betreuer-Teams werden von Schauspielern verschiedener Ethnien dargestellt, die Figuren haben unterschiedliche sexuelle Orientierungen. Das an sich wäre nicht weiter erwähnenswert. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der das Gegenteil der Fall, und wiederum das so „normal“ war, dass sich wohl wenige Leute darum Gedanken gemacht haben: Das Zielpublikum war weiß, die Produzenten waren weiß, also war der Stab weiß. Selbst eine historische Figur wie Kleopatra wurde von einer Schauspielerin wie Elizabeth Taylor dargestellt. Man drehte eine Geschichte für die „Mehrheit“, also hatten in der Regel auch alle Rollen eine heterosexuelle Orientierung. Wenn man das nicht tat, war das ausdrücklich die Ausnahme, man produzierte mit einem gewissen Risiko, dass sich „die Mehrheit“ dafür nicht interessierte, z. B. einen Film wie „Rate mal, wer zum Essen kommt“, in dem die Tochter des Hauses ihrer Familie einen dunkelhäutigen Mann als ihren Zukünftigen vorstellt. Jahrzehnte später gab es dann z. B. Filme, die „die Ausnahme“ eindeutig ins Zentrum stellten, und meistens waren das Dramen, die ein Problem in den Mittelpunkt stellten. Homosexualität im Fernsehen kam dann z. B. in Form der Serienformate „Queer als folk“ oder „The l-word“ vor. Wieder später kamen Serien wie „Transparent“ auf. Die Ausnahme stand im Mittelpunkt.

    In „Nine perfect strangers“ nun wird eine Abweichung von „der Norm“ nicht als Ausnahmeerscheinung behandelt, schon gar nicht als Stein des Anstoßes, sondern eine Figur ist ganz selbstverständlich z. B. schwul, sozusagen nebenbei. Eigentlich ist vollkommen egal, ob dieser Reporter homosexuell oder heterosexuell ist. Dass das so ist, ist zweifelsohne ein Fortschritt, finde ich. Aber:


    Dieses Bild, das da wie selbstverständlich gezeigt wird: Wie sehr stimmt das mit der Realität überein? Es gibt – abgesehen vom Mystery-Element dieser Serie – diese weltoffene, moderne, liberale Gesellschaft selbstverständlich. Auf der anderen Seite denke ich an ein Amerika, das in weiten Teilen noch genauso tickt wie 1967, dem Jahr, in dem „Rate mal, wer zum Essen kommt“ in die Kinos kam. Während also in Serien (Filmen, Büchern …) – in der besten aller Absichten – von einer sehr einseitigen Darstellung der Gesellschaft abgerückt wird … kommt das auch ein bisschen wie ein Märchen daher.

    Nicht?