Vorab: Mir ist klar, dass keiner der Filme ein Biopic ist, sein will oder gar sein muss, ebensowenig wie Psycho (der sich ja auch auf Gein bezieht).
Ich finde, Chainsaw (beide Fassungen gehören zu meinen Favs) trifft gut:
- Die dysfunktionale, gewalttätige, in ruraler Umgebung isolierte Familie. Wo sich pathologische Verhaltensweisen einspielen und immer extremer werden, und niemand ist da, mal einen reality check anzubringen. Im Sinne von: In Plainfield hört dich niemand schreien. Also die Familie nicht als das Harmonische, in das der Horror einbricht, sondern die Familie als in sich kranke, auf sehr ungute Art skurrile Gemeinschaft. Gein war nach Aussagen aller ein sehr hilfsbereiter, empathischer und gütiger Mensch, dessen Probleme nur durch die Familie (schlagender Alki-Vater, gestörte Mutter) entstanden. Das wäre der wichtigste Punkt.
- Leatherface ist zwar ein larger than life Antagonist, fast mehr Monster als Mensch, aber er steht auch unter der Fuchtel der beiden Alten, des Bruders. Er wird losgeschickt, Sally zu fangen (wenn ich mich richtig erinnere); er muckt nicht auf. Aber die Maske und die makabere Dekoration im Haus sind eine Art Selbstbestimmung, Individualität, die nur mit ihm persönlich zu tun hat. (Im Remake gibt es eine Sequenz, in der er Haut näht und da - wie man so sagt - 'ganz bei sich ist', eine ruhige Szene, aus der er dann aufgeschreckt / gerufen wird.) Das mit der Selbstbestimmung hat wohl auch Gein versucht, wenn auch auf eine Weise, die für Gesunde horrorhaft ist.
- Das Verstecken des eigenen Körpers hinter Hautteilen Toter ist ähnlicher zu Geins Versuchen, sich seinem Ideal anzugleichen, Mensch zu werden. In Silence of the Lambs ist Gein ja aufgeteilt in Lecter (der selbstbewusst ist und genüsslich Tabus bricht bzw. mit Genuß terrorisiert, was gar nicht passt) und Buffalo Bill, der klischee-verweiblicht, narzisstisch und recht hohl Klischeefrauenbilder imitiert: Bunte Schals, extravangante Posen vor dem Spiegel etc. Auch das passt nicht zu Gein. Leatherface hat - von der Haltung her, den Bewegungen, teils Reaktionen - etwas Abruptes, da bricht Gewalt plötzlich durch und diese dissoziativen Phasen (wie Gein sie beschrieb) passen dazu sehr gut.
- Leatherface agiert nicht isoliert wie vllt. die meisten anderen spekulativen Killer, v. a. nicht wie Blochs Bates und nicht wie die beiden Antagonisten in Silence. Er ist Täter und gleichzeitig Teil einer dysfunktionalen Umgebung, Sozialisation, die ihm ggfs, keine Chance ließ, auszubrechen. Gein tötete ja nur zwei Frauen, und die sahen seiner Mutter ähnlich. Also das Thema: emotionale Abhängigkeit, Gewalt, jahrelang unterdrückter Hass, der sich in extremer Gewalt entlädt (bei Gein eher extrem im Umgang mit den Toten, die Morde waren ja schnell und quallos, anders als in den Filmen).
- Allgemein sagen Fachleute, Psychopathologen wie Serienmörder handeln aus dem Impuls ein Problem lösen zu wollen. Eine Tat bringt Erleichterung, aber die hält nicht an, weil die Lösung eigentlich nicht zum Problem passt. (Was die Täter nicht erkennen.) Daher folgen oft Taten später immer kürzer aufeinander und eskalieren in der Grausamkeit/Brutalität. Das sieht man in Silence nicht: Lector scheint nicht unter Druck zu stehen und die Motivation von Buffalo bleibt eh im Unklaren (oder? lange her). Der spinnt halt. Leatherface hat aber nichts Überhebliches, Genüßliches, er reagiert mehr als er plant. Es bleibt imA auch unklar, ob er seine Taten gern begeht, das hat alles etwas Affektives, fast surrealistisch Zwanghaftes. Ich denke, diese Psychopathologien haben auch mit Wechselwirkungen zu tun, die sehr komplex sind und wobei man schauen muss, was genau Auslöser waren, wie was (falsch) verarbeitet wurde etc. Leatherface ist imA eine recht komplexe Figur, eben weil sie so monsterhaft, unmenschlich wirkt, aber keinerlei Machtposition innehat.
- Gein war wie gesagt hilfsbereit und passiv, nicht manipulativ wie Lecter und auch nicht so expressiv wie Buffalo. Gut, Leatherface ist nicht hilfsbereit, aber er ist quasi der kleine Junge in der 'Family', er kontrolliert oder bestimmt dort nichts. Die einzige Kontrolle, die er ausübt, ist durch physische Gewalt, aber die hat imA selbst etwas Unkontrolliertes, und ist nichts, was ihm einen höheren Status sicherte. (Vgl. der manipulative Alte im Remake, der Sally/Beals in den Schritt greift, als sie ihm nach dem 'Sturz' in den Rollstuhl hilft - das wäre eher eine Entsprechung zu Lecter.)
- Leatherface am Ende, das frustrierte Schwingen der Kettensäge entspricht eher dem - nicht zielgerichteten oder zielführenden - Umsichschlagen von Gein, wenn er in einer dissoziativen Phase Frauen erschießt. Die Taten haben etwas von mentaler Impotenz, nichts Egozentrisches (Lecter) oder Narzisstisches (Bill) wie in Silence. Im Sinne einer Täter/Opfer-Dichotomie wäre Leatherface - wie Gein - beides. Lecter ist kein Opfer und Bill ... naja, eigentlich auch nicht, oder?
Das mal aus de Lameng. Kannst du damit? 