Beiträge von Christian J.

    Der Reiz von regionalisierter Fiktion besteht ja gerade darin, dass sich die Leser denken "Stiiiiimmt, genau so ist das da, haha!" und "Jaaaa, da war ich auch schon oft!!".

    Wenn du jetzt eine Kokerei von einer Stadt in die andere verlegst, trübt das diesen Reiz doch sehr ein (und stellt die anderen Fakten ebenfalls in Frage: Wenn er da schon "lügt", warum dann nicht auch da und da?).

    Es wäre schön, wenn man die Entwicklung einer Diskussion wie dieser erst nachvollziehen würde, bevor man sich mit krassen Unterstellungen zu Wort meldet.


    "HarryB50" hatte angemerkt, dass er social media meidet, weil er sie für hauptverantwortlich für den starken Erfolg von autoritären und rechtsradikalen Tendenzen in (westlichen) Gesellschaften hält. Ich habe dem zugestimmt, dann ging es um die Entwicklung dieser Situation, um Widersprüche usw. Ich stellte schließlich fest, dass die Nörgelei der (autoritäre bzw. rechtsextreme Standpunkte favorisierenden) Leute in vielen Fällen aus einer sehr bequemen Zone kommt (das ist belegbar), und dass die Lebensqualitäts- und Freiheitsstandards noch nie so hoch waren wie jetzt (natürlich bezogen auf unsere und nahe Gesellschaften). Es ist vollkommen zweifelsfrei so, dass der Komfort, die Lebenserwartung, die Möglichkeiten, eigene Lebensentwürfe durchzusetzen, die Entfaltungsmöglichkeiten, die medizinische Versorgung, die Gleichbehandlung und -berechtigung, die Äußerungs- und Beteiligungsmöglichkeiten usw. usf. noch nie so hoch/gut/positiv waren wie jetzt, das ist schlicht unumstößlich, und genau das wird vom Verhalten jener Wut- und Nörgelbürger, die von den vermeintlichen Problemen, die von den Faschos bevorzugt auf social media verfeuert werden, in aller Regel überhaupt nicht betroffen sind, vollständig konterkariert, verbunden mit einer absurden Nostalgietendenz. Auch das scheint mir unumstößlich zu sein.


    Ich schrieb nicht, dass es allen gut geht, dass es keine Probleme gibt, dass alle gefälligst die Schnauze zu halten haben, dass Menschen, die auch in den vermeintlichen Komfortgesellschaften mit Schicksalsschlägen und, fraglos, den systemischen Auswüchsen zu kämpfen haben, bedeutungslos sind. Das wäre auch mehr als hirnrissig. Ich habe auch nicht den Turbokapitalismus gefeiert. Es ging um die Leute, die zu den Nazis rennen und sie beklatschen, und die aus der bürgerlichen Mitte kommen, aus einem gigantischen Biotop, das unterm Strich so gut dasteht wie nie zuvor. Und es ging um eine generelle Zustandsbeschreibung, die einfach zutrifft. Punkt.

    Fair enough, ich hatte dich in der Tat so verstanden, dass Kritik an den Zuständen generell aus einer solch komfortablen Position erfolgt, das sie nicht ernstzunehmen ist.

    Es ist immer leicht, auf den ganz großen Maßstab rauszuzoomen und dann zu behaupten, alles sei doch tutti und der Spätkapitalismus die beste menschliche Lebensform.

    Ein, zwei Ebenen darunter wird es dann kompliziert, aber die Statistiken sprechen ja für sich nicht wahr. Nunja, kein Thema für diesen Thread allerdings.

    Was ist denn State of the Art heutzutage, hat jemand eine Empfehlung?

    Für meine angedachte Nutzung wäre es wichtig, dass es ein offenes System ist. Ich dachte an einen Pocketbook Verse Pro, s/w. Farbdisplays sind wohl noch nicht ausgereift technisch, kann jemand dazu was sagen?


    Das ist mein Black-Friday-Projekt :saint:

    Nochmal zum Thema Fremdperspektive einnehmen:


    Bin die Tage über ein Interview mit dem Regisseur Roland Klick gestolpert, der vor vielen Jahren schon auf ganz eigene Weise das Probleme gesehen hat, aber eine viel erfrischendere und wirklich um die Betroffenen bemühte Losung für die Arbeit mit einer solchen Fremdperspektive gefunden hat:


    https://www.youtube.com/watch?v=_H6kHjYNpc4&t=2127s


    (mit Timecode)

    Eine Studie ist keine These. Die zitierte Studie kam zu dem Ergebnis, dass. Und es sind nicht nur die sozialen Kosten, die steigen, sondern es hat auch wirtschaftliche Folgen, die durch Vermeidungsversuche entstehen.

    Eine Studie, die fragt: "Wie fühlen Sie in Bezug auf die Meinungsfreiheit?" produziert den harten Fakt, die Empfindung der Befragten abzubilden.


    Würde eine ähnliche Studie fragen: "Empfinden Sie Flüchtlinge als ein Problem für das Stadtbild?" würden wahrscheinlich auch 50 % zustimmen. Deswegen sind Flüchtlinge aber nicht automatisch ein Problem für das Stadtbild.


    Davon ab hast du schon recht: Nicht das Studienergebnis ist Richards These, sondern dass diese Empfindung mit Verweis auf eine infantiler und atomistischer gewordene Gesellschaft zu erklären ist (Teil 1 der These) weil das dazu führt, dass andere Meinungen nicht toleriert werden (Teil 2).


    Teil 2 der These stelle ich in frage, weil es nicht ehrlich ist: Offenbar operiert Precht hier mit zwei Mengen, die sich erst schneiden (die Gesellschaft) und dann nicht mehr (die Hölle, das sind die anderen, bei den Besorgten ist alles klärchen).

    Zum Thema "soziale Meinungsfreiheit", also jene, die eben durch Ausgrenzung, Empörung usw. bedroht ist und nicht durch den Staat, hat unser allseits geliebter Richard David gerade ein Buch veröffentlicht.


    Die These lautet: Laut einer Studie hat die gefühlte Meinungsfreiheit deutlich abgenommen. Grund dafür ist die Individualisierung und Sensibilsierung der Gesellschaft in den den letzten Jahrzehnten. Das hat dazu geführt, dass die Leute andere Meinungen schlechter aushalten und alles schneller hochkocht. Ergo steigen die "sozialen Kosten" einer Meinungsäußerung und Leute fürchten sich davor.


    Der wunde Punkt dieser These ist offensichtlich, und ich würde eine provokante Gegenthese formulieren wollen: Wenn die Leute so sensibel und individuell geworden sind, dass man ihre Gefühle nicht mehr für voll nehmen kann, warum dann gerade ihre Gefühle bezüglich der Meinungsfreiheit? Kann es nicht sein, dass dieses Volk von Narzissten sich einfach durch Widerworte tödlichst beleidigt fühlt und anstatt zu reflektieren ihre Freiheit bedroht sieht?


    Natürlich widerlegt das nicht die in diesem Thread geschilderten Erfahrungen. Aber ich denke im Bevölkerungsdurchschnitt ist das auf jeden Fall eine Überlegung wert.


    Ansonten schließe ich mich Katla an: Was eine Meinungsdiktatur und ideologiegetriebene Politik ist, werden wir alle in 3,5 Jahren bestaunen dürfen.

    Ja, geil, danke für die Mühe!


    Mit Ed Gein selbst hab ich mich nicht so viel beschäftigt, aber es wird schön deutlich, was du meinst. Silence of the Lambs hab ich kaum in Erinnerung, vor allem nicht als Gesamtwerk. Umso gespannter bin ich, wie ich ihn dann demnächst nach Kino-Sichtung finden werde.


    Für mich sind die Themen Isolation, Familie und Kannibalismus in TCM im Rahmen einer Systemkritik zu sehen. Ein Großteil des Grauens, das der Film erzeugt, rührt von der Entmenschlichung der Opfer her und die geschieht auf eine ganz bestimmte Weise: Sie werden wie Vieh behandelt. Landen am Fleischerhaken, in der Gefriertruhe, werden mit der alten Schlachter-Methode des Vorschlaghammers getötet und schließlich gegessen. Das ist nun einerseits sicher Kritik am System Tierhaltung, aber auch eine Kritik daran, wie die kapitalistische Moderne über diese Landstriche hinweggefegt ist, wie ganze Professionen ausgestorben sind und damit ganze Familien ihr Auskommen und ihren Sinn verloren haben. Die Sawyers aber sind an diesem Ort geblieben, nicht in die Städte gezogen und haben auch nicht ihre Profession gewechselt – nur das Vieh.

    In diesem Zusammenhang sehe ich dann Leatherface ähnlich wie du als denjenigen, der am ehesten etwas dagegen einzuwenden hätte, dem das Ganze nicht wirklich Spaß macht, aber von seiner Familie ständig in der Spur gehalten wird.


    Damit setzt sich auch die Entwicklung fort, den Horror immer näher ans Eigene zu verlagern: Anstatt ferner Gefilde (Kong, Transylvanien), wird es das eigene Land (Psycho), und dann, wie du schreibst, Plainfield selbst, also der Nachbar oder gleich die eigene Familie. Aber eben auch: Nicht irgendwelche Draculas oder Dämonen, sondern die Nachbarn, die zu Zombies werden (Night of the Living Dead), und schließlich ganz normale Menschen – womit die Frage aufgeworfen wird, wie es sein kann, dass deine Nachbarn zu Mördern werden. Und die Tore weit geöffnet sind für Systemkritik.


    Dazu passt im Kontrast auch Lecters Hedonismus: Er genießt, die Sawyers haben nur aus der Not eine Tugend gemacht. Buffalo Bill wiederum, ja, der ist auch schlicht Konsument, würde ich sagen. In TCM sind die Konsumenten die vier Opfer und werden bald selbst zu Konsumgut. Eben weil, anders als im Mainstream-Kino, hier Kritik möglich ist.


    Kurzum: Mein Augenmerk liegt weniger auf der individuellen Ebene der Täterpsychologie und mehr auf den Strukturen, die diese bedingen und eigentlicher Quell des Horrors sind. Aber natürlich ist beides sehr spannend.


    Jemand brachte oben Silence of the Lambs, was imA ein Paradebeispiel pro own voices wäre. Ed Gein - an den diese Figur wie auch sehr viel realistischer die des Leatherface in Texas Chainsaw Massacre angelehnt ist - war z.B. kein Transsexueller, sondern hatte durch seine psychisch kranke, sexuell & psychologisch stark übergriffige Mutter die Idee, dass nur Frauen wahre Menschen sind, und Männer grobe, gewalttätige Untermenschen. Das hatte Mutter ihm explizit so beigebracht, als sie ihn in heißem Seifenwasser mit der Nagelbürste abschrubbte. Er wollte also quasi nur ein Mensch sein und das erforderte - in seiner geschädigten Psyche - das Tragen von Frauenhaut.

    Diese vollkommen idiotische, dümmliche Darstellung eines Transvestiten in Silence wird eben von vielen Zuschauern intuitiv als Fakt genommen und zudem mit Transsexualität verwechselt. In diesem Fall wäre es nicht schlecht, mal einen anderen Film zu haben, der damit besser umgeht, als Gegengewicht (oder vllt. Texas Chainsaw, der sowohl im Original wie auch Remake symbolisch gesehen schon genau auf den Punkt trifft, auch wenn die Figur selbst stark abstrahiert wird.) Das hieße aber nicht, dass nun Silence verboten gehörte (auch, wenn er insgesamt verboten schlecht ist *gn*).

    >>ca!

    Da ich das oben war, und Texas Chainsaw Massacre im Original großartig finde:


    Inwiefern treffen Original und Remake symbolisch genau den Punkt, womit?

    Es war eine Botschaft. Mitten in der hitzigen gesellschaftlichen Debatte über die Existenz von (biologischen wie philosophischen) Geschlechtern, über den diesbezüglichen Umgang miteinander, über nichtklassische Schicksale und das Überdenken von Sozialisation, Strukturen und Rollenmodellen, erhält eine non-binäre Person den Deutschen Buchpreis, für einen nicht eben leichtgängigen, komplexen, eigentlich nahezu marktuntauglichen Text. Eine gute Botschaft, ein wichtiges Signal, aber ich wage zu bezweifeln, dass "Blutbuch" aus rein literaturkonsumatorischer Sicht tatsächlich der Roman war, der der Jury am meisten Vergnügen bereitet hat, bei dem jede und jeder in der Jury leise vor sich hingemurmelt hat: Ja, diese Richtung muss die deutschsprachige Literatur nehmen.


    Oder bist Du da anderer Meinung?

    Da ich Blutbuch nur angelesen hier rumliegen habe, kann ich das leider nicht beurteilen. Da mich kaum etwas dazu zieht, es nochmal zu probieren, ist das aber vielleicht auch eine Antwort.


    Mich hat nur wirklich interessiert, wie du das meintest. Es ist natürlich absolut möglich, dass es so war. Aber auch, dass es so war und es trotzdem das beste Buch des Jahres war. Dazu jedoch siehe oben :P

    Es ist, wie fast alles vermeintlich Progressive der letzten zwei Jahrzehnte, eine Überreaktion auf eigentlich korrekt erkannte Missstände. Der Begriff der "toxischen Maskulinität" zum Beispiel hätte mir als Reflexionshilfe sehr gut getan in meiner Jugend. Dass heute gefühlt jede männliche Verhaltensweise am Pranger steht, schießt darüber meilenweit hinaus.

    So auch die Idee, dass Autoren oft lazy sind und lieber nochmal und nochmal die Geschichte vom Serienmörder erzählen, der zufällig transsexuell ist (am 2. November kommt Schweigen der Lämmer nochmal ins Kino, gerade Karten gekauft), und man darauf gerne Einfluss nehmen möchte.


    Naja, über 50 Jahre nach "Tod des Autors" sind wir jetzt angekommen bei "Tod des Autors, aber erst hinterher".

    Aber man kann ja auch immer noch kein Kafka-Werk besprechen, ohne Vater, Versicherungsgesellschaft und Felice Bauer zu erwähnen.

    Schade, da war je doch jedes Klischee dabei, gegen das ich euch heute morgen noch verteidigen wollte.

    Ich weise hier mal vorsorglich darauf hin, dass im Herbst Windows 10 keinen Support mehr kriegt und nicht jeder altgediente Schreiblaptop die richtige innere Haltung mitbringt, um auf Windows 11 upgedatet zu werden.


    Ich liebäugle damit, deshalb auf Linux zu wechseln (ist nicht mehr diese dubiose Tüftler-Ding aus den 90ern). Vielleicht sollte dieses herannahende Ereignis eine Rolle bei der Kaufentscheidung spielen.

    Hab den Artikel gelesen, leider gibt er nicht wirklich deutlich wieder, um welche Äußerungen es denn jetzt eigentlich ging. Waren das jetzt die Zitate aus dem Standard oder gibt es noch andere?


    Beim Thema TERF klingeln bei mir allerdings schon ein paar Alarmglöckchen, da die darunter subsumierten "Feministinnen" gern so spaßige Dinge tun, wie Transfrauen absichtlich mit männlichen Attributen anzureden – schlicht aus Boshaftigkeit. J. K. Rowling sei genannt.


    Dieser Artikel von Frau Klemm: https://www.derstandard.de/sto…en-barbie-flinta-und-terf


    klingt allerdings genau so strohmannhaft und apokalyptisch, wie man es von Rechtsverirrten gewohnt ist. Die angeblich virulenten sprachlichen Verrenkungen sind mir noch nie untergekommen und ich bewege mich in linken, grünen, akademischen Kreisen, also in jenem Substrat, in dem diese Dinge angeblich aus dem Boden sprießen.


    Gähn. Ihr fallt drauf rein, genau so wie die Instagram-Aktivisten drauf reinfallen. Profiteure: Instagram und anderweitige Medien.

    Geht mal spazieren. Aber nicht montags.