Man denke mal an Ken Folletts "Der Schlüssel zu Rebecca" - "Das letzte Kamel brach am Mittag zusammen." Ich liebe diesen ersten Satz. Sofort hat man Kopfkino, man hat Drama, man hat Fragen.
Haha, das ist sehr cool! Harlan Ellison hat auch so ähnliche Sachen.
Viele sagen ja, der erste Satz ist die Visitenkarte eines Textes. Er muss nicht alles verraten, aber er muss eine Tür öffnen. Er setzt den Ton, etabliert oft schon eine Perspektive und entscheidet im Idealfall darüber, ob ein Leser (oder ein Lektor) dranbleibt.
Ja, gutes Thema. Dem kann ich von Konsumentenseite her zustimmen: Ich entscheide Bücherkäufe im Grunde nach den ersten drei Sätzen. Wenn mich das beginnt zu interessieren oder ich Grund hab, das Thema / Setting spannend zu finden, lese ich noch an maximal zwei Stellen irgendwo mittig, willkürlich.
Das mache ich seit Jahrzehnten und es gibt soweit ich mich erinnere nur zwei oder drei Bücher, bei denen ich vom Fließtext begeistert war, obwohl mich die ersten Sätze massiv abturnten.
Jeff Vandermeer schrieb mal, dass es sinnvoll wäre, in den ersten Sätzen eine physische Bewegung zu haben, weil der Leser damit in die Geschichte gezogen / getragen würde. Das funzt bei mir tatsächlich, hab da mal drauf geachtet. Ebenso mag ich aber auch abstrakte, statische Statements.
Ich denke auch, dass man a) 2-4 Sätze braucht anstatt einem einzigen, und b) dass man schauen muss, ob der nachfolgende Text das Level halbwegs halten kann. Ich hab lieber einen ersten Satz / erste Passage, die interessant, aber bissl meh ist, dafür aber harmonisch zum Rest; als einen Hammereinstieg und dann kommt Larifari.
Das würde ich sogar aufs ganze Intro ausweiten, da hab ich ein Bsp, das mich doch echt nach X Jahren immer noch fuchst: Clive Barkers Coldheart Canyon. Das Intro beschreibt ein Zimmer (im Untergeschoss), das mit Delfter Kacheln ausgekleidet ist, die Kacheln zeigen szenische Figuren (Wilde Jagd) & Landschaften. Und die eröffnen eine eigene verrückte Welt, bisschen wie Alice in Wonderland. Das ist sehr organisch, fast würde ich sagen erotisch-orgiastisch. Ich dachte also: Wow, total abgefahren, das wird ein wilder Ritt! Was folgt ist aber biederes, moralisch ärgerlich konservatives Gut/Böse-Blabla, das echt komplett vergessenswert ist. Hab den Eindruck, er hat die Teile mit Jahren Abstand dazwischen geschrieben. Also, dann hab ich lieber ein Intro, das mich nicht fesselt, dann brauche ich mich durch keine 400 Seiten quälen, in der Hoffnung, XY spielte da noch mal eine Rolle.
Ähnlich ging es mir mit Angela Carters Love. Der Einstieg hat mich mit dieser Mischung aus Skurrilität, Mega-Drama und feiner Ironie damals total geflasht, leider dödelt das Buch dann so vor sich hin. Mir war lustigerweise (ich war um die 20) vorher nie aufgefallen, dass Mond und Sonne gleichzeitig am Himmel stehen können, oft sogar. Und immer wenn ich es sehe, denke ich an das Buch. Ich mag, wie es so knapp-neutral beginnt und dann atemlos aus dem Ruder läuft (ohne Punkt und Komma, sozusagen).
One day, Annabel saw the sun and moon in the sky at the same time. The sight filled her with a terror which entirely consumed her and did not leave her until the night closed in catastrophe for she had no instinct for self-preservation if she was confronted by ambiguities.
Clive Barker mal positiv (das haben inzw. auch schon viele andere gemacht, aber damals Ende 80er war mir das neu): Weaveworld, der das gut halten kann. Es schließt dann an mit dem Motiv des (Story)Webens und im Buch geht es auch um einen Teppich, in den eine ganze Welt verwebt ist - also imA Form Follows Function vom Allerfeinsten:
Nothing ever begins.
There's no first moment, no single word or place from which this or any other story springs.
(...)
It must be arbitrary then, the place at which we choose to embark. Somewhere between a past half forgotten and a future yet only glimpsed. This place for instance.
Einer meiner Favoriten und das wird im Buch (eine Autobiographie) auch durchweg eingelöst: Lydia Lunch: Paradoxia. APredator's Diary:
No names have been changed to protect the innocent, they're all fucking guilty.
Meile um Meile erstreckte sich das Gras, gelb und brüchig wie Stroh.
Landschaft / Naturbeobachtung finde ich immer gut, das ist auch eine gute Verortung, hat schon gleich Atmo, ist gleichzeitig auch was Greifbares.
Aber ist Stroh nicht eine Art Gras? Dann würde ich bevorzugen, ein vorstellbares Wort gleich zu Anfang zu haben (Meile um Meile ist abstrakt und da kann dann alles sein, da bekomme ich kein Bild - also, überspitzt gesagt, es sind die ersten 3 Worte, aber trotzdem.) Fast würd ich raten, die Adjektive voranzustellen: Gelb (fahl?) und brüchig wie Stroh erstreckte sich die XY (bissl konkrter vllt? Weideland, Tundra, Ebene ...). Meile um Meile (als neuer Satzanfang und dann was Aktives / Bewegtes / Lebendes in Kombi.) Nur ne Idee. Als Bild selbst finde ich es sehr gut.
Andererseits muss das auch nicht und kann nach hinten losgehen, wenn so ein Satz bemüht wirkt und nicht die Leichtigkeit hat, die Kunst braucht.
Ja, das ist auch ein Problem. Ich bin noch in einem Hochfrequenz-Textforum unterwegs und da hatten wir das Thema auch - zu der Zeit friemelten wir alle am ersten Satz und das wurde irgendwann mega-krampfig und teils auch schon absurd fantasievoll-marketingmässig. Da hats mir bei vielen Texten schon sofort gereicht, weil es total unorganisch klang, null Bock da weiterzulesen.
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Oh weia, immer toll, wenn man grad
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gepielt hat - hier was ich in letzter Zeit so verbrochen hab:
1. "Die Lichter von Merihaka". Hab mir ein Genre ausgedacht: Sword, Concrete & Sorcery.
Hommage-Antho, 2026.
Vier Orte der Magie existieren nahe unserer Heimstatt: Die geborstene Eiche am Waldrand, der nördliche Meeresausläufer, der Menhir jenseits der Wolfsgrotten und Merihaka, der verlassene Betonkomplex mit seinen Rampen, Verbindungsbrücken und Hochdecks, die unsere Pferde nur ungern betreten.
[Konzipiert mit den Folgesätzen:] Dort pfeift der Wind durch Häuserschluchten, tropft Wasser aus geborstenen Trägern und wandern Schatten über Wände, ohne einen Körper, der sie geworfen haben könnte. Manchmal besitzen diese Schatten eine ölige Dichte, bewegen sich wie angetrieben von eigenem Willen.Und dann überlassen wir ihnen das Terrain.
2. "Unter dem Eis die Finsternis", Novelette, in Hellbound (Whitetrain 2025)
An der frostgeschüttelten Küste liegt ein Eisbrecher vertäut, ruht als mächtiger Schatten über dem Weiß.
3. Das ist noch nicht rund, der erste ist okay, der dritte Satz ist imA gut, der dazwischen zu laberig-detailliert, da ist auch der nah/fern-Zoom kaputt. Leseprobe für einen Kaiju-Kurzroman. Es soll also bissl trashig sein, neben dem Pathos. Setting hier: hypothetischer Planet X jenseits des Pluto.
Aždajah öffnet ein purpurnes Auge. Der Drache ruht wie ein Chamäleon auf aschegrauem Fels, hebt den Kopf über Sandwirbel, die sich an seinem Schuppenkörper fangen und beobachtet die Landschaft – geröllübersäte Schluchten und zerklüftete Bergketten. Doch nicht der Sturm weckte ihn, sondern das Gefühl, die Achse seines Planeten hätte sich verschoben.