Hallo Petra ,
gute Punkte, fast hoffte ich, es ginge um den Nicht/Erfolg von Recherchereisen für Sachbücher. Da überlege ich, wie sinnvoll es ist (wenn nicht sicher ist, ob und was man auffindet). Allerdings sind ja auch Sachbücher narrativ, und eben die Haptik kann einfließen und die ggfs. drögen Infos auflockern.
Mir leuchtet ein, dass etwas (meistens) besser vermittelt werden kann, wenn der Verfasser sich selbst am Ort des Geschehens einfindet - was sich nicht verallgemeinern lässt
Ja, auf jeden Fall, ich schreib auch selbst sehr haptisch / sensorisch orientiert, und es interessiert mich auch beim Lesen (wenn es nicht manipulativ als offensichtliche Leserbindung reingedrückt wird).
Aber praktisch ist, dass niemand zur selben Zeit an der selben Stelle war, und auch sind die Wahrnehmungen z. B. von Farben und Gerüchen eh individuell verschieden. Daher denke ich, es muss nicht "stimmen", sondern stimmig klingen. Willst du die Varusschlacht im Teuteburger Wald schreiben, und willst Haptik, kannst du gucken, wie die Wälder beschaffen waren (nass/trocken, Laub/Nadel, welche Arten ...) und dann in irgendeinen anderen, ähnlichen Wald gehen und den erkunden. Wer soll dir da Fehler nachweisen? Wenn du nicht grad Pilze beschreibst, die belegt erst später in die Region kamen, oder so.
Und wenn du etwas partout nicht nachprüfen kannst (weil es Tiere oder Landschaften so gar nicht mehr gibt, oder sie Phantastik sind), beschreibe diesen Teil ohne Sensorik, webe aber Haptik von Dingen ein, die du kennst. Also z. B. hast Du Fantasy / Sword & Sorcery und willst jemanden gegen ein Drachenmonster kämpfen lassen. Den Gerucht des Monsters musst du dir ausdenken, aber die Kriegerin kann auf einem Pferd sitzen und ein Schwert schwingen, das sich beides selbst probieren, erfühlen, beschnuppern lässt. So kann man das doch letztlich mit allem machen: Bissl Reales, bissl Geschummel, bissl Fantasie, alles in einer Form, die stimmig zum Rest passt.
Und dann muss man eh üben, Haptik/Sensorik zu schreiben, wenn man spekulativ unterwegs ist. Stephen Graham Jones, den ich über alle Maßen bewundere, schafft es in seinen Büchern - vor allem dem Buffalo Hunter Hunter - eine ganz unglaublich nahe, realistische und dichte, individuelle Sensorik eines Nachzehrers (Vampirs) zu schreiben. Und obwohl ich nicht an Paranormales glaube, hab ich ihm dort eben diesen Vampir geglaubt. Bis dahin, dass ich mich fast kneifen musste, weil ich den Eindruck hatte, das wäre so passiert. Das ist eben 50% reale Erfahrung gut und detailliert erinnert (Geschmack nach Speck z.B. und andere reale Aspekte im Irrealen) und 50% Abstraktion/Fantasie.
Persönlich genug erzählt, ist es irgendwie egal, ob es nun "stimmt" oder nicht. Auch bei Dingen, die sich real nachprüfen ließen.
Es ist also meistens besser, wenn man sich den Wind dieses Landstrichs, über den man schreibt, um die Nase wehen lassen kann, besser noch, wenn man in Milieus eintaucht. Das Schreiben wird dadurch weniger fehleranfällig, weniger oberflächlich und allgemein griffiger. Wen man über den Geschmack eines Gerichts schreibt, hat man es auch besser zumindest einmal geschmeckt: Man hat das dann erlebt, sich nicht nur erlesen.
Ja, es wäre dann auch gut, irgendwas Eigenes reinzubringen, sonst wird es trotz Sinneseindrücken generisch. Also diese typischen Lavendelgeruch der Provance, Leder/Tabakgeruch bei Männern etc.
Die Sache mit den "Fehlern" ist dabei heikel. Ich habe verschiedene, etwas ungewöhnliche Eindrücke / Erlebnisse in spekulativen (Horror)Stories verbraten, und oft wurden mir gerade die als besonders ausgedacht / künstlich angemarkert.
Z. B. war ich mal auf den Hebriden, und auf Mull war ein Abhang zur See, an dem wohl über längere Zeit hinweg immer wieder Schafe abstürzten. Da lagen offenbar gerade verstorbene neben Skeletten und bei denen dazwischen war das Fell schleimig und grasgrün geworden, wohl von der Feuchtigkeit an der See, oder Algen, Bakterien, keine Ahnung. (Sie lagen auch auf Gras.) Weil ich dort durch musste (ein schmaler begehbarer Weg nur), bin ich in einen Kadaver getreten, den ich wegen der Farbe nicht gesehen hatte. Genau das - weil es etwas ist, das zum Glück nicht ständig und jedem passiert (ich kann auch verzichten), hab ich das mal genauso in einem Text verwendet. Viele Leser haben nicht mal ganz verstanden, was da vorgeht - Wieso grün, wieso Geruch nach Ammoniak? Riecht Aas nicht süßlich? Nein, nicht dort jedenfalls.
Also ist es auch schwer, Sinneseindrücke zu vermitteln, wenn sie ZU individuell sind.
Was aber, wenn die Orte und Situationen, über die geschrieben wird, so nicht mehr existieren? Wenn etwas völlig von der Erdoberfläche verschwunden ist (wie hier bei mir im Braunkohlegebiet abgebaggerte Dörfer) oder nur noch in abgewandelter Form existiert (wie heutige Gedenkorte)?
Wie oben gesagt: einfach was Ähnliches nehmen. Bissl forschen, ob der Referenzort Dinge aufweist, die das angepelite Setting nicht hat(te). Wenn ich einen Roman zu Braunkohledörfen schreiben wollte, würde ich sicher mal in ein Bergwerkmuseum fahren, und mir nen Sack Kohle kaufen. Ich denke nicht, dass es sinnvoll wäre, ein noch im Betreib befindliches Bergwerk in - sagen wir - China zu besuchen, denn dort werden die Eindrücke ganz anders sein als in Wales oder im Ruhrpott.
Und: Wie weit haben moderne Technologien den Wert des „selber Erleben“ gemindert? Wie wertvoll sind die in großer Zahl abrufbaren Informationen über Film, Internet, Technologien wie Webcams, Landkartenplattformen etc.?
Gar nicht gemindert, sondern sinnvolle Ergänzung. Ich google ja nicht, wie Braunkohle oder ein totes Schaf riecht, oder sich Seidenstoff anfühlt. Sondern ich nehme echte, reale, eigene Eindrücke und nehme das Internet für Infos. z. B. Entfernungen.
Wenn ich 5 spezielle Gebäude in London habe, die ich nicht austauschen kann/will, und wenn es eine Postapokalypse ohne Motoren und Pferde / Reittiere ist, müssen die zu Fuß abgelaufen werden können. Weil ein Gebäude zu weitab lag, hab ich für die letzte Szene ein Boot genommen, denn die Themse wand sich da passend und das Gebäude lag flussabwärts, verkürzte meinen Weg. Und da denke ich, das kann dann auch langsam mit der Fließ- und Rudergeschwindigkeit bei Ebbe oder Flut niemand aus Deutschland mehr nachvollziehen, inwieweit das so hinkäme oder nicht. Zwei der 5 Gebäude kannte ich von Londonbesuchen. Und dann gab es Besonderheiten, für die ich mir Baupläne anschauen müsste, das Material des Daches etc. Wie sich das anfühlt, mache ich dann wieder selbst.
Oder aber: Ich schaue auf die Topographie: muss eine Person in dieser Gegend oder Stadt bergan/ab gehen oder auf gerader Ebene? Ist dort ein Durchkommen? Einmal musste ich über google streetview eine Adresse suchen, die ich von Fotos rückverfolgen müsste.
Bei sowas hab ich schon große Überraschungen erlebt und hätte mich da ganz schön in die Sche... geritten bzw. geschrieben.
Weil du Schreibblockade sagst: Ich weiß nicht, ob es das gibt. Auch Recherche gehört dazu, planen, und damit wäre sie ja vorbei. Ich denke eher, dass Orte zu einer Geschichte anregen können. Also ungeplante Recherche, die dann in einem Text mündet, den man ohne Besuch nie geschrieben hätte.