Beiträge von Vichara

    Zitat

    Doch ich lief nicht schnell genug. Denn jetzt schlüpfte etwas hinter mir aus dem Hauseingang. Nur aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie sich ein langer, ungelenker Körper auf mich zubewegte. Ein kurzer Pfeifton zerschnitt die Luft. Im nächsten Moment sah ich zwei weitere Menschen hinter mir auftauchen, auf jeder Straßenseite einen, ohne eine Ahnung zu haben, wo sie sich bisher versteckt hatten.


    Es ist sprachlich und ablauflogisch unsauber, dazu überflüssige Worte.

    2. Satz: Etwas schlüpfte hinter mir aus dem Hauseingang.

    3. Satz: Ich wandte den Kopf und erkannte einen langen, ungelenken Körper, der sich auf mich zubewegte.

    4. und 5. Satz kombiniert: Ein kurzer schriller Pfeifton erklang, im nächsten Moment ...


    Damit wird auch die Erkenntnis der anderen beiden Figuren logisch nachvollziehbar.


    Ich weiß nicht, worum es in dieser Story geht, vermutlich irgendwelcher Horror.

    Titel: Halt mir nur still – Ein Totentanz

    Verlag: edition bücherlese 1. Edition (09/2021)

    Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

    ASIN/ISBN: 390690749X


    Als ich vor einigen Jahren zufällig auf eine Kurzgeschichte von Peter Zimmermann stieß, erkannte ich sofort das literarische Talent dieses Autors. Ich habe mich nicht getäuscht. Mittlerweile liegen, neben anderen Veröffentlichungen, ein Roman und eine grandiose Kurzgeschichtenanthologie vor, die ich im Folgenden besprechen will.

    Es gibt nur wenige Autoren, denen es gelingt, mittels knapper, präziser Sprache sowie an Hand winziger Details, ganze Charaktere lebendig und plastisch entstehen zu lassen. Wie ein guter Karikaturist nur ein paar Striche und Punkte braucht, um ein Gesicht unverwechselbar darzustellen, so gelingt es Zimmermann, mit wenigen Worten, seine Prämissen auf den ultimativen Punkt zu bringen. Die dreizehn Geschichten dieser Anthologie laufen überwiegend im Präsens ab, sind sprachlich ausgereift, beeindrucken sowohl thematisch als auch durch ihre feine Gestaltung. Jede einzelne ist sorgfältig konzipiert, unverwechselbar und individuell wie der Stil des Autors ganz generell.

    Literatur beginnt dort, wo bloßes Erzählen endet. Zeitlich und örtlich versetzte Handlungsebenen sowie wechselnde Perspektiven bilden neben ausgefeilten Themen und Figurenprofilen die literarische Würze der Geschichten, sämtliche Dialoge kommen ohne Anführungszeichen aus. Sie sind auf das Nötigste reduziert - es gibt kein unnützes Geschwätz – und wirken vielleicht gerade deshalb so authentisch. Die Figuren dieser Geschichten kommen aus allen sozialen Schichten, vom verkrüppelten Bettler bis hin zum erfolgreichen Internetkaufmann erscheinen sie glaubwürdig und lebensecht.

    Natürlich geht es in jeder dieser Totentanzgeschichten um den Tod, aber so wie der Autor ihn und das Sterben ganz allgemein darstellt, wirkt er versöhnlich, gnadenvoll, in manchen Passagen geradezu freundlich einladend. Nahezu unmerklich verschmelzen in diesen literarisch anspruchsvollen Geschichten Wirklichkeit und Fantasie, der lächelnde Tod, oft nur für den Sterbenden sichtbar, tanzt leichtfüßig mit dem Opfer in eine andere Dimension.


    Die vorliegenden Totentanzgeschichten waren mir ein ausgesprochener Lesegenuss. Ich ziehe den viel zitierten Hut vor dieser gelungenen Themensammlung, noch mehr vor dem schreiberischen Talent des Autors, den ich die Ehre hatte, persönlich kennenzulernen. Ich wünsche ihm weiterhin viel Muße, Erfolg und Kreativität. Dringende Leseempfehlung!


    Peter Zimmermann wurde 1972 in Nidwalden (Schweiz) geboren. Promotion in Philosophie an der Universität Bern, arbeitet ebendort als Autor und Dozent für Fachdidaktik Philosophie.

    Es gibt auch einige Romane von Abdulrazak, die ins Deutsche übersetzt wurden.

    "Die Abtrünnigen", "Donnernde Stille", Schwarz auf Weiß".

    Aber ich gestehe, zuvor noch nie von diesem Autor gehört oder gelesen zu haben. Passiert mir aber nicht zum ersten Mal, bei der Vergabe des LitNob.

    Die "Stufen" von Hesse werden ja leider immer zitiert. So gut es ist, das Gedicht, man kann es dann irgendwann nicht mehr sehen. Hesse hat aber auch andere Lyrik vorgelegt, kantigere und subjektivere. Habe ich hier im Forum schon mal vorgestellt.

    Interessante Vorstellung, bin dem Link gefolgt. Da ich nostalgisch/melancholisch/depressiv veranlagt bin, mag ich am liebsten die Gedichte von seiner Indienreise. Ganz besonders dieses oder jenes.

    Wie der WDR zu berichten weiß, stammt das weiter oben verlinkte Gedicht: "Ich bin so wild ..." nicht von Francois Villon, sondern von Paul Zech. Man lernt nie aus.


    Zitat:

    "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund / Ich schrie mir schon die Lungen wund / nach deinem weißen Leib, du Weib." Klaus Kinskis sinnlich-diabolische Interpretation dieses Gedichts machte François Villon in den 1950er Jahren auch in Deutschland bekannt. Dabei stammt es gar nicht von Frankreichs wohl bedeutendstem Lyriker des Spätmittelalters, sondern von seinem Wiederentdecker, dem Expressionisten Paul Zech, enthalten in dessen Buch "Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon" (1930). Die teils dralle Erotik und der mit Gaunerjargon durchdrungene Stil des Franzosen sind hier perfekt imitiert.

    Ich konnte mal rund zwei Dutzend deutsche Balladen auswendig hersagen, Die Bürgschaft geht heute noch ruckfrei, dennoch habe ich kein Lieblingsgedicht anzubieten. Ebensowenig wie einen Lieblingsautor oder ein Lieblingsbuch.

    Es gab mal einen promovierten ÖVP-Landeshauptmann, in deutschen Landen auch Ministerpräsident genannt, der öffentlich verkündete, nur ein einziges literarisches Buch in seinem Leben zur Gänze gelesen zu haben: Der Schatz im Silbersee, von Karl May. Um ein Haar wäre er auch noch zur Bundespräsidentenwahl angetreten.

    das ist doch Wörtliche Rede, Zwitscherlerche? Und irgendwann wird ihr Name genannt, aber ich habe ihn vergessen)

    Ich schrub: Es gibt nur indirekte Rede. ;)

    Der Name der Ich-Erzählerin würde mich interessieren, ich kann mich nicht erinnern, ihn gelesen zu haben.

    Jeder Autor? Ist das irgendwo behauptet worden?

    Ja. Anderswo. Wenn auch im Konjunktiv: ... jeder Autor sollte eine Prämisse ... Allerdings habe ich geschrieben: Ich bezweifle, dass jeder Autor eine ...

    Nach Lektüre hineininterpretiert? Durch den Autor/die Autorin?

    Wohl kaum. Eher durch Rezensenten.

    Ich weiß nicht, wie du Geschichten schreibst bzw. konzipierst. Es gibt Leute, die eine einzige, winzige Szene vor Augen haben und damit loslegen.

    Ich habe kürzlich eine 25seitige Geschichte mit vier handlungstragenden Figuren geschrieben, die ich aus einem einzigen Eröffnungsbild heraus entwickelte.

    Aber ich habe auch Geschichten geschrieben, die ich vorab durchkonzipierte, bis ich wusste, wer wann und wo zu husten hatte. Meine besten waren immer die spontanen, ohne große Vorbereitung.
    Und ja, ich versuche in meinen Geschichten durchaus einer Prämisse zu folgen.