Beiträge von Siegfried

    Liebe Katze, die du so unerkannt durchs Internet schleichst, das sind ziemlich steile Behauptungen, um nicht zu sagen unverschämte Unterstellungen, die du da so nonchalant absonderst.

    Die meisten Rezensionen sind also mehr oder weniger "erkauft"? Aha. Es ist schon eine gewisse Kunst, in gerade mal 3 1/2 Zeilen allen Autoren, speziell natürlich den Selfpublishern, und im Grund genommen allen Menschen, die Rezensionen schreiben, eine Portion Korruption zu unterstellen.


    Was ist übrigens ein "unbekannter Selfpublisher"? Es gibt sehr viele Autoren, die mir unbekannt sind, die aber vielleicht im Rahmen ihres Genres eine große Fangemeinde haben. Man sollte nicht immer seinen eigenen, vielleicht ziemlich engen Horizont verallgemeinern.


    Ich zum Beispiel habe meine meisten Bücher als Selfpublisher verfasst und einige Titel haben durchaus 20-30 Rezensionen. Hier besteht eine gewisse Korrelation zu den Verkaufszahlen. Ich weiß ja nicht, ob du schon mal ein Buch verkauft hast? Dann wüsstest du das nämlich. Von allen Rezensenten kenne ich ungefähr ein halbes Dutzend persönlich, und auch deren Besprechungen sind aus freien Stücken entstanden. Vielleicht kannst du dir das ja nicht vorstellen, aber Gott sei Dank gibt es tatsächlich Menschen, die ihre Eindrücke ohne Gegenleistung mitteilen wollen. Ich habe noch nie jemanden um eine Rezension gebeten, geschweige denn etwas dafür bezahlt. Und ich glaube in der Tat, dass das für die allermeisten Autoren, einschließlich der Selfpublisher gilt.


    Und noch etwas: Es gibt bei Amazon-Rezensionen natürlich auch viel Mist, aber es gibt aber auch Rezensionen, die den Vergleich mit professionellen Feuilletons nicht zu scheuen brauchen.


    vielleicht solltest du das nächste Mal zuerst nachdenken, bevor du etwas "absonderst."

    Du bist auch so ein kleiner Master of Self-Righteousness, oder, Siegfried? ;) "Wenn das kein Rassismus ist". Aber hallo. Jemand lehnt einen Staat als Institution, wie sie sich derzeit darstellt, ab, und ist deshalb gegen die Ethnie oder Glaubensgemeinschaft, die dort überwiegend lebt oder vorherrscht, und zwar im Sinne einer qualitativen Mindereinstufung. Das ist eine originelle Hinleitung zum bzw. Definition des Rassismus (oder, konkreter, Antisemitismus). Eine, die jedwede Kritik an Staatengefügen verbietet.

    Die Schwierigkeit beim Begriff "Rassismus" liegt natürlich darin, dass wir heute davon ausgehen, dass es bei Menschen gar keine Rassen gibt. Deshalb wird der Begriff heute meist dann gebraucht, wenn Menschengruppen aufgrund als gemeinsam unterstellter Merkmale als Kollektiv abwertend behandelt oder beschrieben werden. Diese Definition kann man noch feinjustieren. Wahrscheinlich sind viele sich gar nicht darüber im Klaren, was sie eigentlich meinen. Denn meiner Ansicht nach werden die Begriffe "Rassismus" oder "rassistisch" heute eher inflationär verwendet.


    So hat sich doch zum Beispiel Justin Trudeau kürzlich dafür entschuldigt, weil er sich vor 18 Jahren (!) bei einem Kostümball (!) das Gesicht braun geschminkt hat und ein orientalisches Kostüm trug, - und zwar: weil das rassistisch gewesen sei, wie er heute einsieht. Oh my god! Tschuldigung aber so etwas ist lächerlich und ein Affront gegenüber Leuten, die wirklich rassistisch angegangen werden.


    Wie komme ich nun dazu, das Verhalten von Frau Shamsie als Rassismus zu bezeichnen? Wenn sie untersagt, dass ihre Bücher ins Hebräische übersetzt werden, dann richtet sich das eben nicht gegen die israelische Regierung, sondern gegen alle Israelis. Sie werden als Kollektiv für unwürdig befunden, ihre Bücher zu lesen.


    Ich persönlich lehne beispielweise das totalitäre Regime im Iran und seine religiöse Ideologie zutiefst ab, fände es aber indiskutabel deshalb eine Übersetzung meiner Bücher ins Persische abzulehnen. Ich kann eine Regierung oder eine Staatsverfassung oder eine Ideologie oder eine Partei ablehnen und sogar bekämpfen, ohne rassistisch zu sein. Ich kann eine Regierung sogar im Interesse der Menschen, die unter ihr leiden, bekämpfen. Aber wenn ich alle Bürger eines Landes ablehne, dann nenne ich das rassistisch. Und wenn das nicht rassistisch sein soll, dann können wir den Begriff wirklich einstampfen.

    Frau Shamsie lehnt eine Übersetzung ihrer Bücher ins Hebräische ab, weil kein israelischer Verlag losgelöst von Israel ist. Sie lehnt nicht eine politische Richtung oder eine Regierung ab, sondern Israelis als solche. Wenn das nicht Rassismus ist, was bitte dann?


    Als ärgsten Ausdruck einer angeblichen Apartheid nennt sie die berüchtigte Mauer zu den Palästinenser-Gebieten. Mauern sind nie schön, aber zur Wahrheit gehört auch, dass es vor Errichtung der Mauer alle paar Wochen Terroranschläge in Bussen und Cafés in Israel gegeben hat - mit vielen zivilen Opfern.


    Die Tatsache, dass ca. 20% der Israelis Araber sind, die sogar eigene Parteien haben und wählen dürfen, spielt wohl auch keine Rolle? Wie viele Juden leben nochmal in Gaza? Und wählen dürfen dort ja nicht mal die Palästinenser.


    Diese einseitige Hysterie, die gerade in linken Kreisen in Deutschland schnell aufflammt, wenn es um Israel geht finde ich beschämend und außerdem heuchlerisch. In Israel ist nicht alles gut, wo ist das schon der Fall? Und man darf und soll die israelische Politik auch kritisieren, keine Frage. Aber Israel ist die einzige Demokratie und der einzige Rechtsstaat im Nahen Osten. Wo ist denn die moralische Empörung gegen Syrien, den Iran, Saudi-Arabien usw. ?


    In Israel gab es immer wieder Anklagen gegen Militärs oder Polizisten, die ihre Macht gegen Palästinenser missbraucht haben. nicht immer, na klar, aber das gibt es! In Palästinenser-Gebieten werden Terroristen, die jüdische Zivilisten ermordet haben als Helden gefeiert. Das ist für mich ein bezeichnender Unterschied.


    Und nein, ich drehe nicht einfach die Sache um und diskriminiere jetzt die Araber. Die palästinensische Zivilbevölkerung sind die Leidtragenden, aber nicht zuletzt durch ihre angeblichen Vertreter: Ein Terrorbande in Gaza und eine korrupte Sippe im Westjordanland. Den Zivilisten dort gehört mein Mitgefühl, aber ihnen hilft man mit antisemitischen Parolen überhaupt nicht.

    Ich habe mir später die Frage gestellt - ändert die Anpassung der Kinderbücher an heutige Verhältnisse die Intention der Autoren? Werden sie dadurch andere Bücher?

    Da möchte ich dir entschieden widersprechen. Für mich ist die nachträgliche Änderung eines Textes, wenn sie nicht durch den Autor selbst erfolgt, ein Tabubruch, der schnell zu einem Dammbruch werden kann. Wenn ein Text bearbeitet wird, dann muss es klar kenntlich gemacht werden, so wie beispielsweise bei den berühmten "Bearbeitungen für die Jugend" von Klassikern wie "Gullivers Reisen" oder "Moby Dick". Wenn es einfach so gemacht wird, dann ist überhaupt nicht mehr klar, was überhaupt geändert wurde. Das geht an die Grundlagen und greift das Selbstverständnis von Autoren an. Auch gut gemeinte Zensur ist Zensur.


    Wenn ich sage, der Autor hätte das bestimmt gut geheißen, dann ist nur noch ein kleiner Schritt zur Erfindung von Zitaten, die angeblich "im Sinne" eines Autors oder Sprechers sind.


    Und im übrigen löst es das eigentliche Problem nicht. Wenn jemand Menschen mit dunkler Hautfarbe als minderwertig betrachtet, dann ist er ein Rassist. Und Rassismus ist die perfideste Ideologie, die es gibt. Nur daran ändere ich gar nichts, wenn ich das Wort "Neger" verbiete. Irgendwann, und im Verständnis vieler schon heute, ist "Schwarzer" genauso abwertend - oder "Farbiger". Der intendierte Sinn wandert mit den Worten mit. Es wird nur der Signifikant geändert, nicht das Signifikat. Und daran ändern auch Amerikanismen wir poc oder bpoc nichts. Wie muss ich das eigentlich aussprechen? Wie findig manche Leute da sein können, zeigen Schöpfungen wie "maximalpigmentierte Mitbürger". Die Politische Korrektheit gleicht manchmal dem Hasen, der vom Igel an der Nase geführt wird.


    Sprache, Denken und Realität stehen in Wechselwirkung miteinander. Da kann man nicht einfach an einem Schräubchen drehen.


    Wir müssen darauf beharren, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe und ihrem Geschlecht gleich viel wert sind und die gleiche Würde besitzen. Das ist der entscheidende Punkt. Der Kampf gegen das N-Wort und das Einfordern von (unaussprechbaren) Gender-Sternchen und -gaps ist ein Nebenkriegsschauplatz, der hauptsächlich dazu dient, seinen Protagonisten ein wohliges Gefühl der richtigen Gesinnung zu bieten.

    Ich glaube z.B., dass es ganz im Sinn von Astrid Lindgren ist, dass Pippis Vater nicht mehr als "Negerkönig" sondern als "Südseekönig" betitelt wird.

    Wenn ein Autor selbst seinen Text in einer Neufassung oder neuen Auflage ändert, dann ist das sein gutes Recht. Wenn dagegen andere diese Texte nachträglich ändern, dann ist das Zensur. Ganz einfach. Zu behaupten, eine Künstlerin oder ein Künstler hätte das bestimmt so gewollt, ändert daran gar nichts. Unterstellen kann ich alles. Und es darf auch keine Rolle spielen, aus welchen Motiven zensiert wird.


    Ob ein totalitäres Regime einen Text umschreibt oder Daten fälscht, ob in katholischen Klöstern Genitalien auf Renaissance- und Barock-Gemälden übermalt werden, wie es in Francos Spanien vorkam oder ob gutmeinende Pädagogen ein Kinderbuch überarbeiten. Es ist und bleibt Zensur.


    Ein schönes Beispiel in diesem Zusammenhang war eine Neuauflage von Mark Twains "Huckleberry Finn", in der das Wort "nigger" konsequent durch "slave" ersetzt wurde. Der Fall ging damals durch die Presse,


    Doch wozu in die Ferne schweifen. Die FAZ meldet, dass eine "Künstlergruppe", die sich bezeichnender Weise "Frankfurter Hauptschule" nennt (große Bildungsambitionen scheinen sie nicht zu haben) Goethes Gartenhaus in Weimar mit Klopapier geschändet haben, weil der alte sexistische Chauvinist in seinem Gedicht "Heideröslein" eine Vergewaltigungsfantasie auslebt. Das Gedicht soll jetzt aus Schulbüchern verbannt werden. Und im Faust ist Sex mit einer Minderjährigen ein Thema.


    Da könnte man doch viele Planstellen schaffen, die unsere ganze Literatur- und Kunstgeschichte auf Mikroaggressionen und Verstöße gegen Genderregeln testen und anschließend alle Werke zeitgeistgemäß weichgespült in Neuauflagen präsentieren.

    Mit etwas Fassungslosigkeit nehme ich zur Kenntnis, dass Dieter Nuhr offensichtlich ein Musterbeispiel an politischer Unkorrektheit sein soll. Sprechen wir wirklich von dem gleichen Dieter Nuhr? Ich finde ihn immer noch sehr anregend und unterhaltsam, gerade weil er keine bestimmten Positionen bedient, sondern mit seiner Satire in alle Richtung zielt. Das hebt ihn wohltuend ab von dem schulmeisterlichen Belehrungskabarett, das inzwischen ja zum Standard geworden ist.


    Aber inzwischen wird ja selbst einem Ralf König vorgeworfen, seine Zeichnungen seien rassistisch. Hierzu muss ich leider Dieter Nuhr zitieren: Wie soll man das als Satiriker noch überbieten.

    Toms Text, den ich übrigens immer noch für brillant halte, greift einen ganzen Themenkomplex auf, der an dem Begriff Politische Korrektheit hängt. Auf die meisten Beobachtungen und Beispiele wird in dieser Diskussion aber gar eingegangen. Was ist mit den Mikroaggressionen und dem Sensitive Reading? Mit der übertriebenen Sicherheitsvorstellung? Mit der Erwartung, sich die Welt schön und passend zu schreiben? Mit der Diversität und dem damit zusammenhängenden Identitätsdenken? All das sind Themen, die angesprochen werden und über die man kontrovers diskutieren kann.


    Ich sehe bei den meisten Kritiken aber weniger eine Argumentation als eine Art Therapieversuch. So hätte er es nicht sagen sollen, der Ton ist nicht richtig usw. Es wird mehrmals behauptet, der Text sei zu lang und dann wird festgestellt, er beleuchte nicht alle Seiten. Ja was denn? Mein Eindruck ist, den meisten Kritikern passt die ganze Richtung nicht, und die Reaktionen, die der Text auslöst, zeigen ja, dass da ein wunder Punkt getroffen ist.


    Ich habe der Text auch deshalb gern gelesen, weil er erfrischend polemisch und provokant ist. Ja, ich mag gut geschriebene Polemiken und Provokationen. So wie ich auch kontroverse und dabei konstruktive Diskurse mag. Dieser Text ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Statement, hier bezieht jemand eine klare Position und stellt sich auch der Kritik und der Diskussion.

    Der Text ist zwar nicht kurz - aber kurzweilig. Brillant, Tom!


    Nur über einer Stelle bin ich ins Grübeln geraten:

    "Bei dieser spannenden Tätigkeit werden Texte u. a. auf Mikroaggressionen untersucht (dieser Satz beispielsweise enthielt eine)."

    Zu meiner Bestürzung scheint es mir an der nötigen Sensibilität zu mangeln. Ich tippe mal auf "spannend", weil auch Hähne und Sehnen gespannt werden. Liege ich da richtig?

    Keine Denk- und Sprechverbote, das ist schon mal ein guter Ansatz, leider aber auch missbrauchbar, was man insbesondere bei Populisten sieht, die dieses Argument gerne – in ihrem Sinne – führen.

    Da muss ich dir widersprechen. Denkverbote darf es überhaupt nicht geben, sie sind der Inbegriff des Totalitarismus und zerstören die Grundlagen der Menschlichkeit. Und für Sprechverbote, also Verbote, etwas (öffentlich) zu sagen oder zu schreiben, kann es als legitime Grundlage eigentlich nur das Strafrecht geben, also Tatbestände wie Beleidigungen, Volksverhetzung etc. Meinungen zu verbieten halte ich für wesentlich schlimmer als jede Meinungsäußerung, egal wem sie nützen mag.


    Im übrigen könntest du Populisten und Verschwörungstheoretikern keinen größeren Gefallen tun, als ihre Äußerungen zu verbieten. Denn damit bestätigst du ja ihre Theorie.

    Eine Anmerkung zur Wirksamkeit von Homöapathie:

    Unabhängig vom Placebo-Effekt heilen manche Krankheiten auch von alleine.


    Wenn ich mir bei einer Erkältung jeden Tag einmal mit dem Hammer auf die Finger haue und die Erkältung ist nach einer Woche verschwunden, dann kann ich daraus schließen, das läge an meiner Hammermethode. In der Logik nennt man eine solche Argumentationsfigur "post hoc ergo propter hoc". Nach diesem Modell funktionieren auch Regentänze: Irgendwann regnet es normalerweise wieder und dann kann ich sagen, das passierte jetzt wegen meiner Tänze. Und wenn es sehr lange nicht regnet, dann liegt es wahrscheinlich an einer Verhexung, und wenn genügend Hexen verbrannt wurden und ich meine Tänze immer weiter aufführe, dann wird dies nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit irgendwann zum Erfolg führen.


    Langer Rede kurzer Sinn: Auch auf absurden Prämissen lassen sich logisch schlüssige Gedankengebäude aufbauen. Und Leute die dran glauben, findet man leider immer.

    Vernunft ist schon ein schillernder Begriff. Wenn wir hier in philosophischer Weise von Vernunft reden, dann muss ihr sprachlicher und vor allem dialogischer Charakter betont werden. Vernunft verlangt nach Begründung oder Rechtfertigung. Das ist mehr als eine bloß instrumentelle Vernunft, die nach den besten Mittel für einen vorgegebenen Zweck sucht.


    Ich muss also für meine Theorien und für mein Handeln Gründe angeben können, und das müssen solche Gründe sei, die ein anderer nachvollziehen und idealerweise auch einsehen kann. Ich muss begründen können, warum ich etwas für wahr oder für richtig halte und ich muss bereit sein Widerspruch hinzunehmen. Und was ist ein solcher Grund? Einer der sich im Diskurs bewährt, bis jemand einen besseren findet. Ich bezweifle sehr stark, dass es objektive Gründe gibt, die darüber hinausgehen, intersubjektiv zu sein. Auch jeder ernsthafte Wissenschaftler wird nie bestreiten, dass alle Theorien den Charakter von Hypothesen haben, die sich bisher bewährt haben.


    Und wie steht es jetzt mit Religion und Populismus? Da hapert es mit den Begründungen und erst recht mit dem Diskurs aus Rede und Gegenrede. Religionen haben keine "vernünftigen" Begründungen. Sie beruhen auf Heiligen Büchern aus archaischen Zeiten oder auf von Generation zu Generation weitergegebenen Überlieferungen und Traditionen. Solange sich Religionen heute darauf beschränken spirituelle Sinnperspektiven für Einzelne anzubieten, habe ich damit kein Problem - solange nicht erwartet wird, dass ich diesen Sinn teile. Jeder darf meinetwegen glauben, was er will, solange ich es anzweifeln darf.


    Wenn wir im Rahmen eines vernünftigen Diskurses bleiben wollen, darf es also keine Dogmen, und keine Sprech- und Denkverbote geben. Das mag heutzutage weniger ein Problem mit den christlichen Kirchen sein, aber mit den verschiedenen Arten von Populismus, oder wie ich lieber sagen würde: mit verschiedenen Ideologien, die naturgemäß auf unbegründeten Prämissen aufbauen. Das gilt sowohl für rechts- wie linkspopuläre Ideologien und natürlich auch für die religiösen, bei denen sich der Islamismus hervortut. Ideologien sind das Gegenteil eines vernünftigen Diskurses.

    Echt jetzt? Ich kenne keine Äußerung von Horst Seehofer, wo er sich freuen würde, wenn Menschen ertrinken. Macht aber nichts, solange man sich vorstellen kann, er würde sich freuen. Tut mir leid, das ist eine böswillige Unterstellung.


    In letzter Zeit wird gerne - und zu recht - beklagt, der Ton in politischen Diskursen würde immer mehr verrohen. Wie wahr. Und wenn es um Markus Söders Begriff vom Asyltourismus geht, dann werden hier wahrscheinlich alle zustimmen. Das ist dann Hetze und keine Polemik. Wenn man Horst Seehofer persönlich unterstellt, er würde sich über Ertrunkene freuen, dann ist das aber schon Polemik, ein nettes Bonmot.


    Stört es eigentlich niemanden, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird? Wenn jemand aus AFD-Kreisen die Toten vom Breitscheidplatz oder die Mädchen, die in Freiburg oder Kandel oder Wiesbaden von jungen "Schutzsuchenden" ermordet wurden, als Merkels Tote bezeichnet, dann gibt es Empörung. Und das halte ich auch für richtig, denn das eine grobe Geschmacklosigkeit. Ich halte es aber für genauso geschmacklos, die Ertrunkenen im Mittelmeer als Seehofers Tote zu bezeichnen. Das ist auf der gleichen Ebene.


    Zur Diskussion der Probleme, die mit der aktuellen Migrationsbewegung verbunden sind, kommt es gar nicht. Hauptsache man selber ist gut und moralisch und politisch korrekt. Und die anderen sind doof und böse.


    Hallo Alexander,


    dass dir die Schönheit der Sprache und die Bedeutung der Literatur am Herzen liegt, ist mir schon klar. Nur gerade hier gab es mit Hinblick auf die Kunstfreiheit immer Autoren (uih?!), die ihre ganz eigene Orthographie entwickelt haben, am radikalsten natürlich Arno Schmidt, aber in kleinerem Maße findet sich so etwas auch bei Uwe Johnson, Peter Weiss und sogar schon bei Stefan George, der konsequent klein schrieb, so weit ich mich erinnere. Aber gendergerechte Romane hat meines Wissens noch niemand gefordert, vielleicht auch noch mit einer rückwirkenden Korrektur, a la "Die Räuber*innen" von Schiller oder Kellers "Die Leut*Innen von Seldwyla"? Ja ich weiß, jetzt ziehe ich ein ernstes Anliegen wieder ins Lächerliche. Und ist "Leute" überhaupt ein Problem? Na wenn es "Kunde" ist, oder "Gast"? Es fehlen auch noch die Geister*_Innen, dieses Mal am besten mit Sternchen und Unterstrich, denn bei selbigen ist das Geschlecht wohl mehr als fraglich.


    Aber im Ernst, ich sehe das Problem tatsächlich eher bei der Alltagssprache, auch bei Zeitungsartikeln. Wie du selber schreibst, macht der Genderung (oder Genderisierung? Genderei?) die Sprache schwerfällig und kompliziert. Und das wollen wir den Menschen antun, damit ihnen immer der Unterschied von Kunde und Kundin klar ist?


    Und wenn wir sagen, dann sollen halt manche Journalisten ihre Sternchentexte schreiben, warum dürfen dann andere nicht konsequent klein schreiben? Oder gleich dieses antiquierte griechische "ph" uns "th" abschaffen, das so vielen Menschen Probleme macht. Das wäre jetzt mal ein Schritt gegen die Diskriminierung von Leuten mit Rechtschreibproblemen, was doch sicher auch ein ernsthaftes Anliegen sein kann: eine ortografi mit filosofi und füsik. In der Barockzeit hat auch jeder geschrieben wie es ihm gefiel.


    Um das nochmals klarzustellen: Ich unterstütze die Gleichstellung der Geschlechter und bin gegen jegliche Art von Diskriminierung. Aber ich halte die Sprache für das absolut falsche Schlachtfeld.

    Zitat von »Siegfried«




    …. Die Sprache bestimmt unser Denken, bzw. unser Denken ist sprachlich, ….


    Den ersten Teil des Satzes lasse ich gelten, der zweite Teil jedoch unterschlägt, dass jenseits von Sprache auch Denken stattfindet. Ich würde sagen, dass Sprache das Endstück des Denkens ist, also das, was für uns "sichtbar" wid. Aber "Vorstellung" ist auch Denken und dazu braucht es erst die Sprache, wenn man diese Vorstellung ausdeuten will.

    Dazu müssten wir klären, was eine "Vorstellung" ist. Ich würde nicht alle mentalen Akte als Denken bezeichnen. Denken und Sprache sind aber meines Erachtens untrennbar verbunden. Und selbst wenn ich mir z.B. bloß einen Baum bildlich imaginiere, so habe ich dieses Etwas doch mit dem Wort "Baum" verbunden. Darüber könnte man aber lange diskutieren, v.a. weil an solchen Prämissen so viele bedeutsame Folgerungen hängen. Zum Beispiel das Verhältnis von Mensch und Tier, die Frage nach dem Realitätsgrad unserer Wirklichkeit, unser Verständnis von "Geist" usw.

    Siegfried, das ist schon ziemlich unqualifiziert und trägt nichts zur Diskussion bei. … Wo gewöhnst du dir nur so eine Sprache an, die eine Diskussion nur noch beenden kann?


    Liebe Heike,


    du solltest mich ausreichend kennen, um zu wissen, dass ich sprachliche Nuancierungen durchaus einzuschätzen weiß. Mein Wortwahl war bewusst polemisch gewählt. Nicht zuletzt aus einem die Schmerzgrenze streifenden Überdruss an politisch korrektem, oberlehrerhaftem Erzieher-Getue, wofür deine gouvernantenhafte Antwort ja das beste Beispiel bietet. Mein Beitrag ist im Sinne einer gendergerechten Sprachreglementierung nicht hilfreich. Setzten bitte. Oh Gott oh Gott, und dieser Ton. Keine Angst, ich bin nicht beleidigt, eher amüsiert.


    Besonders witzig finde ich die Einschränkung - nicht nur bei dir - dass man die Sternchen- und Strichlein-Regelungen natürlich nicht für literarische Texte haben will. Warum jetzt eigentlich? Ist die Literatur so unwichtig und vernachlässigbar? Denn wenn die Stern*_Innen doch so zentral für das richtige Denken sind und es befördern sollen, warum dann ausgerechnet bei der Literatur nicht? Ich vermute mal. dass du bei aller Regulierungswut doch so vernünftig bleibt, um zu sehen, dass Texte damit unlesbar und zur Lächerlichkeit entstellt werden. Aber ich finde diese Haltung inkonsequent.


    Und dann bleibt da noch das Hauptproblem, was ich bildhaft veranschaulichen wollte: Wie um alles in der Welt sollen diese computercode-artigen Bestandteilen von * und _ ausgesprochen werden? Texte müssen auch laut vorgelesen werden können, nicht nur Gedichte und Romanauszüge, auch amtliche Schreiben oder juristische Texte. Zum Beispiel vor Gericht. Wie sage ich "*"? Und was gilt überhaupt? * oder _ oder doch I(nnen)?


    Dieser ganze Ansatz passt hinten und vorne nicht und ist so überflüssig wie ein Kropf. Und am tatsächlichen Problem, nämlich tatsächlichen Diskriminierungen von Leuten mit unbestimmtem Geschlecht oder auch Benachteiligungen von Frauen, deren Vorhandensein ich gar nicht leugne, ändert das gar nichts. Deshalb erscheint mir die Qualifikation als "bescheuert" eigentlich eher noch als zu schwach.

    Ich halte diese ganze Diskussion für schlichtweg bescheuert und für ein Beschäftigungsprogramm für dekonstruierte Ideologen aus Wolkenkuckucksheim. Als ob es sonst keine Probleme gäbe, gerade beim Umgang mit unterschiedlichen Geschlechtern.


    Die Sprache ist ein selbständiges und lebendiges Gebilde, das Gott sei Dank bisher immer viel stärker war als alle bürokratischen Regulierungsfanatiker. Die Sprache bestimmt unser Denken, bzw. unser Denken ist sprachlich, und gerade deshalb sollten unsere staatlichen Gedankenerzieher die Finger davon lassen.


    Einen Vorschlag zum Problem der Aussprache hätte ich noch: Man könnte beim Gender*Sternchen immer kieksen und beim Gender_Gap kehlig grunzen. Das wäre doch ein Spaß.

    Ich fand das Buch sehr anregend und der Film hat mich angenehm überrascht. Ganz im Gegensatz zu der seinerzeit misslungenen Verfilmung von "Elementarteilchen". Houellebecq ist ganz sicher kein bequemer Autor und er bemüht sich an keiner Stelle, sich dem Leser sympathisch zu machen. Aber ich habe eigentlich alle seine Romane genossen. Wer ihn noch nicht kennt, dem würde ich "Karte und Gebiet" empfehlen, das ist vielleicht sein eingängigster Roman.


    "Unterwerfung" - was übrigens die wörtlichste Übersetzung von "Islam" ist, und nicht "Friede", wie gern erzählt wird - ist im Grunde gar kein Roman über den Islam, sondern über die europäische Dekadenz und den europäischen Defätismus, zwar am Beispiel Frankreichs, und man versteht das Buch umso besser, je mehr man über französische Befindlichkeiten Bescheid weiß. Aber der Spiegel passt auch für Deutschland, nur dass es bei uns keine Stichwahlen gibt.

    Europa hat Jahrhunderte lang genommen ohne etwas zu geben und jetzt davon zu sprechen, dass die, die etwas brauchen, auch etwas geben sollen, klingt schon irgendwie komisch.


    Wenn du darauf hinweisen willst, dass unsere gegenwärtigen Handelsbeziehungen mit afrikanischen Ländern nicht immer ganz fair verlaufen, dann stimme ich dir zu. Da liegt vieles im Argen und schon im eigenen Interesse sollten "wir", also Europa daran interessiert sein, dass mehr afrikanische Länder sich entwickeln können. In Asien hat es ja auch funktioniert, obwohl dort die Ausgangsbasis nach dem Ende des Kolonialismus vielfach ungünstiger war.


    Wenn du allerdings darauf abzielst, "wir", also auch du und ich, wären aus geschichtlichen Gründen schuld, dann widerspreche ich dir. Das ist eine Art tribalistische Sippenhaft. Weil unsere Urur-Großväter Afrika ausgebeutet haben, deshalb müssten jetzt "wir" Buße tun. Es ist auch interessant, dass du hier auf Europa ausweichst, eingedenk der Tatsache, dass deutsches Unwesen in Afrika ja ziemlich begrenzt war. Wenn wir in dieser Logik bleiben wären vor allem die Briten und Franzosen gefragt und natürlich die Belgier. Das kann es ja wohl nicht sein. Natürlich braucht Afrika immer noch Unterstützung, vielleicht eine andere, als unsere Entwicklungshilfe, die ja trotz aller Milliarden kaum was gebracht hat, vielleicht auch was anderes alles manche NGO-Selbstfindungsveranstaltungen. Das sagen übrigens auch viele Afrikaner.


    Sind "wir" etwa auch an der Korruption afrikanischer Eliten und vor allem an einem unbegrenzten Bevölkerungswachstum, dass jede wirtschaftliche Entwicklung sofort wieder auffrisst, schuld?
    Vielleicht ist das ja sogar eine neue, ganz subtile Form von Kolonialismus. Die armen Afrikaner sind für nichts verantwortlich. Wir müssen alles richten.

    Ich schlage vor, sich erstmal überlegen, was es überhaupt heißt, ein Recht auf etwas zu haben, bevor staatliche und moralische Rechte munter durcheinander geworfen werden.


    "Ich glaube, ich habe auf gar nichts ein Recht" (Zitat Heike).
    Doch, wir haben eine ganze Menge Rechte. Zum Beispiel ein Recht auf mein Haus oder meine Wohnung. Das ist im Grundbuch eingetragen, oder beruht auf einem Mietvertrag. Wir ein Recht auf eine bestimmten Lohn, oder auf Tantiemen oder womit auch immer wir unser Geld verdienen. Das ist in Arbeitsverträgen, Verlagsverträgen usw. festgelegt. die Reihe kann beliebig verlängert werden. Letztendlich führen alle diese "Rechte" auf eine Rechtsordnung zurück, die in einer Unmenge von Gesetzen niederlegt ist.
    Auf einer metaphysischen Ebene hat der Satz schon einen Sinn. Denn "an sich" hat niemand ein Recht auf etwas. So etwas nennt man traditionell einen Naturzustand, den Kampf aller gegen alle. So wie er zeitgemäß mit wohligem Grusel in Serien wie "Walking Dead" ausgemalt wird. Alles Recht ist Menschenwerk. Und dass Rechtsordnungen kollabieren können und Gesellschaften in die Anarchie eines Naturzustandes zurückfallen können, dafür gibt es genügend Beispiele. Eine Rechtsordnung ist etwas sehr Fragiles. Bei allen Mängeln, die das Recht in der Praxis hat, ist es etwas sehr Wertvolles. Das ist das Recht, das innerhalb von Staaten gilt.


    "Diese Schutzrechte gelten als Menschenrechte natürlich global ... Insofern wir Menschen außerhalb unserer nationalen Grenzen diesen Schutz nicht gewähren, machen wir uns der Menschenrechtsverletzung mitschuldig." (Zitat Jürgen)
    Wie "haben" wir Menschenrechte? In Deutschland gelten manche Grundrechte zugleich als Menschenrechte. Innerhalb Europas gibt es eine verbindliche Menschenrechtskonvention, deren Rechte ich einklagen kann. Aber das sind jetzt wieder gesetzte Rechte. Die eigentliche Stoßrichtung von Menschenrechten geht gegen Staaten, die sie eben nicht gewähren. Menschenrechte sind damit im Grunde moralische Rechte, die moderne Form eines Naturrechts, Ausdruck des Gedankens, dass bestimmte Staatsordnungen oder Verhältnisse nicht "gerecht" sind. Egal wie oft man Menschenrechte anruft, es gibt kein global anerkanntes Konzept von Menschenrechten. Menschenrechte sind ein Leitbild, an dem sich eine tatsächliche Gesetzgebung orientieren sollte. Man sollte aber mit dem Begriff "Menschenrecht" auch nicht zu inflationär umgehen.
    Wenn ich Jürgens Satz ernst nehme, dann heißt das, ich müsste mich gegen jede Menschenrechtsverletzung auf der ganzen Welt einsetzen, sonst werde ich schuldig. Ernsthaft jetzt? Schuldig? Das toppt sogar die Erbsündentheorie von Augustinus. Ich werde also jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde vieltausendfach schuldig, weil ich mich nicht dauernd engagiere. Das Irre an diesem Konzept ist ja, dass es nie einholbar ist. Die Wiederkehr von christlichem Sündenschwulst in unserem zeitgenössischen Migrationsdiskurs ist ein bemerkenswertes Phänomen.
    Damit sage ich nicht, vergiss die Menschenrechte. Die Idee von Menschenrechten ist eine Grundlage unserer Zivilisation, das Menschenrecht ist die Geburt des Rechts aus der Gewalt. Der Einsatz für Menschenrechte soll Antrieb unserer Politik bleiben, weil es zu unserem Selbstverständnis gehört. Ich halte es nur einen Irrweg, diesen Diskurs mit den Kategorien von Schuld und Sühne zu führen.