Beiträge von Joachim

    Jepp, sehe ich auch so. Finde das perspektivisch insgesamt unsauber und schwammig, aber Robin Hood ist ja schon recht alt. Neulich habe ich den Soldaten Schwejk zuende gelesen, da lief es perspektivisch im Prinzip ähnlich.

    Dazu fällt mir noch eine Nutzung des auktorialen Erzählers ein, der sich in den Werken eines geschätzten Kollegen ständig dazwischenschiebt, um eine Vorausahnung loszulassen, die die gesamte Spannung der Geschichte killt. "Noch ahnte XY nicht, dass er XZ niemals wiedersehen würde ..." Das hat mir die gesamte Geschichte kaputt gemacht, aber das nur so am Rande.


    Waren diese Einschübe auch wirklich als die einer auktorialen Erzählinstanz beabsichtigt? Oder dachte der Autorenkollege vielleicht, er bliebe bei der Figur, also personal, weil XY ja, frei nach Toms Statement, als Nacherzähler die Geschichte eben schon kennt?


    Das frage ich deshalb, weil ich mir noch klarzumachen versuche, ob ein Erzähler nicht, ähnlich einer Figur, allein in seiner Wirkung auf den Leser besteht.

    Dank euch allen für eure Einschätzungen, ich mache mir, wie gesagt, erst seit Kurzem über den auktorialen Erzähler Gedanken.


    Wie ich auf seine Allwissenheit/Allmacht komme: mir scheint, der A-Erzähler ist nicht nur nicht als Figur im Text anwesend, er bringt auch keine implizite Selbstbegrenzung mit, weil er ja jenseits der Geschichte steht, außerhalb des Geschehens, tendenziell über den Dingen und Gesetzen und Erzähllogiken, genau genommen praktisch auf derselben Stufe wie der Autor (ich glaube, deshalb heißt er auch auktorial). Die genannten Abstufungen würde ich folglich eher als künstliche Einschränkungen und Grenzziehungen sehen, die der Autor kompensatorisch vornehmen muss, wenn er die verschiedenen unliebsamen Nebeneffekte in den Griff kriegen will (Figurenferne, beliebige Dramaturgie, Informationsüberfluss, zu kommentierendes Erzählen, etc.), was mir aber ziemlich aufwändig scheint und ziemlich sicher einige unnötige Auswirkungen auf die jeweilige Geschichte hat.


    Jedenfalls danke an euch, ich werde noch ein wenig weiter grübeln... :)

    Im Oktober/November habe ich nen Text testgelesen, in dem ein Schreibkollege den auktorialen Erzähler verwendet hat, der mir aus verschiedenen Gründen heute nicht mehr üblich scheint. Jedenfalls hatten wir darüber telefoniert, und kamen auf einen Aspekt dieses Erzählers, nämlich seine Allwissenheit. Ohne groß nachzudenken, habe ich mal für mich mehr so gefühlsmäßig ausformuliert, dass ich den auktorialen Erzähler immer und ausnahmslos für allwissend halte, während mein Gesprächspartner meinte, es gäbe auch andere, nicht allwissende Formen. Jetzt bin ich kein Erzähltheoretiker und erzähle selbst immer personal, habe also keine praktische Erfahrung, möchte aber trotzdem mal mit euch hier klar kriegen, wie das nun ist: kann man eurer Erfahrung und Einschätzung nach sagen, dass der auktoriale Erzähler automatisch allwissend, also grenzenlos informiert sein muss, weil er sonst kein auktorialer Erzähler ist?


    Ich meine, ja. Ihr?

    Ich habe nirgends von der sehr müßig und langwierig zu erörternden Schuld an der AfD gesprochen, Tom, also spare dir gerne Seitenhiebe in Klammern. :)


    Was für mich aber ganz klar ist: die CDU (und ganz besonders ihr bayrischer Provinzflügel) bespielt das Migrationsthema seit Äonen aus reiner Machttaktik, weil's halt gewisse tiefbraune Wählergruppen mobilisiert, und dieses Spiel geht spätestens jetzt nicht mehr auf. Wäre echt eine gute Nachricht, wenn die alten Betonköpfe das dann auch endlich kapieren würden, doch sie tun es halt nicht, sondern machen jetzt auch noch nationale Grenzkontrollen.


    Alex: Sorry, hab ich nicht gelesen. Ich interpretiere die genannte Aussage allerdings nicht als das übliche Sieh-an-sieh-an-Geraune, und würde Juli Zeh selbst sowas auch niemals unterstellen.

    "Unser" ist ein besitzanzeigendes Pronomen und da stellt sich bei mir bei "unserer Demokratie" sofort die Frage, wer ist der Besitzer der Demokratie? Welcher Eigenschaften muss ich aufweisen, um MIteigentümer zu werden? Was passiert mit denen, die die Eigenschaften nicht teilen? Sind die dann automatisch Antidemokraten, Nazis, Faschisten? "Unsere Demokratie" impliziert für mich einen Alleinvertretungsanspruch derer, die diesen Begriff geprägt haben, und der Meinung sind, die Deutungshoheit zu besitzen, wer Demokrat ist und wer nicht. So funktioniert aber Demokratie nicht. Demokratie basiert nicht auf Ausgrenzung.

    Zudem ergibt sich für mich die Frage, gibt es dann neben "unserer Demokratie" eine weitere "andere Demokratie"? Anderenfalls wäre das Attribut "unserer" völlig sinnfrei. Wenn Demokratie mit einem Attribut versehen wird, kann davon ausgegangen werden, dass es mindestens eine weitere Form gibt. Die Einteilung in verschiedene Formen der Demokratie ist mir aus meiner Schulzeit noch sehr bekannt. Da gab es auch "unsere Demokratie" (die nannte sich zwar nicht "unsere", sondern "sozialistische"), die gute Form der Demokratie, und das Gegenstück dazu war die "bürgerliche Demokratie", die schlechte Form der Demokratie, die es zu bekämpfen galt. Meinen die, die den Begriff "unsere Demokratie" verwenden, es auch in diesem Sinne? In mir macht sich sehr schnell Skepsis breit, wenn ich das Gefühl bekomme, irgendwie kommt mir das bekannt vor und bei "unserer Demokratie" entsteht bei mir der Eindruck, es geht nicht darum, die Menschen um sich zu scharen, sonderen mit einem politischen Kampfbegriff, Menschen auszugrenzen.

    Wie gesagt, das ist meine ganz persönliche Meinung, nicht mehr.

    Noch schnell hinterher: Ähm, damit hab ich mich bisher noch nicht befasst. Ich hab das auch noch nie jemand sagen hören. Ich kenne "unsere Demokratie" allenfalls als Platzhalter für "unsere deutsche Demokratie" oder "unsere westliche Demokratie", ganz sicher nicht als Kampfbegriff. Ich denke drüber nach.

    Dann frag doch mal bei der Schulleitung oder der Pressestelle nach, Frank, warum die Leute dort nicht auf die glorreiche Idee gekommen sind, die Kinder einfach zu verteilen, weil damit dieses Problem ja dann auch sofort gelöst wäre, was?


    Alex, ich glaube nicht, dass das bei Juli Zeh jemand sagt. Ansonsten, ja, es gibt eine rituelle Empörung, die ich auch nicht mag, übrigens auf beiden Seiten. Aber selbst deren wirklicher Anteil an der sogenannten Polarisierung scheint mir recht gering.

    Zu Bestrafung und Ausweisung, strafbare Handlungen vorausgesetzt: Da sehe ich nichts, womit man sich außerhalb eines Diskurses stellt. Und das Integration nichts ist, was Einheimischen obliegt, ist für mich selbstverständlich. Einheimische sollen sagen: "Hi! Willkomen! Wie kann ich helfen? Brauchst du etwas?" Und der große Rest ist Sache der Ankommenden

    Bei allem Verständnis, Alex, lies bitte nochmal genau durch, was Frank da so schreibt. Es geht um eine Grundschule, die als Beispiel dient. Du bist der Jurist von uns beiden, was willst du da mit Strafen machen? Grundschüler aus der Schule schmeißen oder einbuchten oder mitsamt der Family in alter Sippenhaftmanier abschieben?

    Klar, wir müssen alle einander verstehen, bin ich bei dir. Auch komplexe Themen wie Integration kann man vielseitig besprechen. Aber diese echt billige Art die Kiste anzugehen sorgt für Polarisierung, ganz sicher nicht die Reaktion darauf, die hier bei uns übrigens echt noch gemäßigt ist.


    Ein Aspekt, der meiner Meinung nach die Menschen in Richtung AfD treibt, ist der unsägliche Begriff "Unsere Demokratie"; davon ganz abgesehen, dass dieser Begriff die Demokratie pervertiert und ausgrenzend ist, denn wenn es "unsere Demokratie" gibt, muss es auch eine "andere, wie auch immer geartete, Demokratie" geben, anderenfalls, wäre das Attribut "unser" obsolet, ist das ein Begriff, der auf Parteiebenen entstand und dann erst ins Volk getragen wurde und nicht umgekehrt. Was muss ich tun, damit mich "unsere Demokratie" in die Arme schließt und ich nicht ausgegrenzt werde? Ist das Gegenstück zu "unserer Demokratie" die "bürgerliche Demokratie"? Wenn ja, warum steht "unsere Demokratie" dann über der "bürgerlichen Demokratie"? Genau diese Ausgrenzung, die mit solchen Begriffen erreicht wird, ist der Brandbeschleuniger für die Partei hinter der Brandmauer. Ist euch das bewusst?


    Das habe ich tatsächlich noch nie gehört, könntest du mir das nochmal näher erläutern? Danke!

    Nein, Alex, da muss ich widersprechen. Mir geht es hier nicht um Tischmanieren und Verhaltensregeln, es sind schon maßgeblich die Aussageninhalte, die polarisieren.

    Ich finde, du betreibst zu wohlwollendes Cherrypicking. Frank schrieb insgesamt was anderes. Er schrieb was von Bestrafung und Abschiebung Jugendlicher, von Ausländern, die sich intergrieren sollen, und von artigen Asiaten, die im Gegensatz zu Arabern keine Probleme machen, wobei am Schluss dann der übliche, leicht verdrehte Disclaimer nicht fehlen darf: "...aber die Nennung dieser Tatsache ist bestimmt wieder rassistisch." Der Inhalt, so man ihn denn ernst nimmt, was ich tue, ist für die Polarisierung verantwortlich, ganz sicher nicht die Art und Weise der Reaktion.

    Okay, Migration, Alex. Ob wir ein Problem mit bestimmten Gruppen von Migranten haben, und ob man da mehr oder weniger hilfreiche Relationen zu anderen Gruppen von Migranten aufmacht, ist ja gar nicht die Frage in punkto AfD. Die Frage ist, ob dieses Problem wirklich unser Hauptproblem ist, um das wir uns jetzt schon seit Äonen kümmern müssen, Talkshow für Debatte für Asylrechtsverschärfung für Talkshow für Debatte für Gesetzesänderung sämtliche Medien rauf und runter. Ehrlich, dieses Migranten-Bashing in all seinen Varianten halte ich für einen Trick, der mir schon so lange auf den Sack geht, weil es mit Ängsten spielt, und dieser scheiß Trick ist einer der wesentlichen Gründe, warum ich niemals CDU gewählt hatte. Das Feld wird konstant beackert, seit ich denken kann, weil das Thema Asyl und Migration politisch so verdammt nützlich ist, ich sage nur "Kinder statt Inder". Nur hat die CDU heute eben das Problem, dass dieses ganze Spiel nicht mehr auf ihr Konto einzahlt.


    Ach so, edit: Natürlich kein Vorwurf an dich ... weißt du ja sicher :)

    War nicht meine Absicht. Ich meinte in der Tat den Thread, so wie ich es geschrieben habe. Und dieser Thread ist nach meinem Empfinden symptomatisch für die Auseinandersetzung mit der AfD: Über das Gefühl, nicht den Verstand. Über Empörung, nicht die Analyse.

    Da ist was dran, keine Frage. Für mich ist die AfD unter anderem auch eine ziemliche Ansammlung von Spin-Doktoren, die verkürzen, verdrehen, verwursten und nicht selten einfach lügen, mit dem Ziel Emotionsoptimierung, auch auf der Gegenseite. Klar, Sprachregelungen, kleinere Faktendreher und gezieltes Weglassen von unliebsamen Wahrheiten gibt es in jeder Partei, aber dieses Ausmaß habe ich noch nicht mal bei der FDP gesehen (hüstel). Ich glaube allerdings, dass wir hier durchaus auf Verstandesebene diskutieren, auch wenn ich immer noch insgesamt ratlos bin, wie mit dem gesamten Phänomen umzugehen ist, zugegeben. ?(

    Mir erschließt sich an diesem Beispiel nicht so ganz, wieso man sich dann der AfD zuwendet. Haben die denn eine bessere Lösung parat?

    Ich glaube, Frank hätte das einfach gerne so. Das System ist scheiße, siehe Random-Beispiel, wo was nicht funktioniert, am Besten mit Kindern als Opfer und bösen Migranten, skaliere das Beispiel hoch auf angeblich abertausende Problemschulen, fertig ist der Lachs. Ob ein Mensch tatsächlich basierend auf Erlebnissen während seiner Schuljahre (!) später Wahlentscheidungen trifft? Ob ein sicher sehr schwerwiegendes, aber eben auch komplexes Problem an einer Schule wirklich von Leuten der AfD gelöst werden kann? Sehr fraglich, aber scheißegal. Es geht um die Story.