Beiträge von Juergen P.

    Gute Vorsätze fasse ich schon lange nicht mehr. Selbstverständlich auch keine schlechten. :)


    So wie Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden, sind Vorsätze dazu da, ignoriert oder sabotiert zu werden. Vorzugsweise von einem selbst. Das endet dann jedes Mal in Schuldzuweisungen. In der Regel an sich selbst gerichtet.


    Aber ich habe Hoffnungen. Was das Schreiben betrifft vor allen Dingen die Hoffnung immer wieder die Motivation zu finden, trotzdem weiter zu schreiben, auch nachdem mir klargeworden ist, dass ich, einmal ganz abgesehen von der Frage nach der Tauglichkeit meines Geschriebenen, mit meiner Absicht auf das Ziel einer Veröffentlichung hin zu schreiben, mindestens dreißig Jahre zu spät dran war.


    Gelesen werden möchte ich dennoch. Das ist eine weitere Hoffnung, die ich mit dem Schreiben verbinde, dass hin und wieder jemand meine Flaschenpost findet.

    Kleiner Nachtrag, weil ja nach den ersten Sätzen unserer derzeitigen Projekte gefragt wurde. In diesem Fall ist das "Projekt" zwar schon abgeschlossen und ganz ernstgemeint ist es auch nicht. Aber manchmal überkommt es mich und dann schreibe ich solchen Quark. 8)


    Der Flüsterbaum

    Das Rezept (statt Prolog)


    Maria guckte in Spiegel ... Maria guckte aus Fenster ... War dunkle, stürmische Nacht.


    Iss natürlich totale Quatsch, Roman so beginne lassen. Weil, erste Satz iss ganz wichtige Satz, wenn heftige Ambition da. Vielleicht wichtigste Satz überhaupt, sagt Maria. Andere Maria. Deshalb nochmal neue Beginn.


    Nennt mich Maria. Weil, ich heiß ja Maria ... ... ...


    Sorry. Aber sicher finde ich auch noch ein paar andere und dieses Mal ernsthafte erste Sätze. :)

    Ja, der erste Satz ...

    Darüber, dass der in Literatur- und Autorenforen wiederkehrend Thema wird, wundere ich mich jedes Mal von Neuem. Sogar Wettbewerbe werden dazu veranstaltet.


    Natürlich ist es hilfreich, wenn schon der erste Satz Interesse weckt, den Ton setzt. Aber ich habe noch nie einen Text nur deshalb weitergelesen, weil ich den ersten Satz als genial empfunden hätte und ebenso wenig habe ich ein Buch ungelesen wieder zurückgelegt, weil der erste Satz ein wenig blass oder sperrig war.


    Eine Lektorin schrieb mir mal: "Spätestens mit dem vierten Satz müssen Sie den Leser am Haken haben." Aus der Sicht einer Lektorin mag das sicherlich zutreffen. Aber als konsumierender Leser bin ich da deutlich konzilianter, gestehe jeder Autorin und jedem Autor mindestens vier oder fünf Seiten zu, bevor ich mich für oder gegen den Kauf des entsprechenden Buchs entscheide und manchmal sind es auch deutlich mehr als fünf Seiten.


    Meine Vermutung ist, dass Menschen, die berufsmäßig Texte analysieren und sezieren wie z.B. Literaturwissenschaftler, dem ersten Satz eine Bedeutung zumessen, die er für Leserinnen und Leser niemals hat. Warum sollte er das auch? Aber weil die immense Wichtigkeit des ersten Satzes immer wieder so hervorgehoben wird, glauben es die armen Autorinnen und Autoren irgendwann und zermartern sich wochenlang das Hirn, um einen nobelpreiskompatiblen ersten Satz auszubrüten, statt ihren Fokus auf andere Dinge zu richten, die meines Erachtens ungleich wichtiger sind, wie z.B. an den Figuren zu feilen.

    Und als Leser will ich auf eine sprachlich und stilistisch anspruchsvolle Weise gut unterhalten werden. No more, no less. Was kümmert mich ein genialer erster Satz, wenn der Rest zäh, sperrig, belanglos, sinnfrei, konfliktfrei, langweilig, verkopft, belehrend, kurzum: weder lesenswert noch lesbar ist.


    Um noch mal auf besagte Wettbewerbe zurückzukommen. Lustigerweise teilen sich regelmäßig die immer gleichen Uralt-ersten-Sätze die vorderen Plätze: "Nennt mich Ismael" ... "Ilsebill salzte nach" ... Ich denke da spontan jedes Mal an die in Stein gemeißelten Zehn Gebote vom Berg Sinai. Sind denn in den letzten fünfzig Jahren keine guten erste Sätze mehr geschrieben worden?

    Okay, die AfD wird verboten. Und was dann? Sind dann alle Rechtsextremisten und Rechtspopulisten weg? Diejenigen, die sie geduldet, unterstützt und deren Ansichten sie vollständig oder zum Teil mitgetragen oder zumindest für bedenkenswert gehalten haben. Weg? Die AfD-Wähler, die diese Partei gewählt haben, ohne sich dafür zu interessieren, wen sie da eigentlich wählen, diejenigen, die diese Partei gewählt haben, ohne je das Parteiprogramm oder Teile davon gelesen zu haben, diejenigen, die sich einem diffusen Gefühl überlassen, irgendwo und irgendwie hätte die AfD schon recht (Stichworte: Migration, die Technokratenherrschaft in Brüssel, die Lügenpresse, die Impfdiktatur etc.). Alle weg? Verschwunden? Vom Antlitz der Erde getilgt?


    Durch ein Verbot werden sich diese Menschen in ihrer Opferrolle bestätigt sehen, denn als solche gerieren sie sich am liebsten: als Opfer. Und ein Verbotsverfahren würde der AfD über Jahre hinweg eine kostenlose Publicity unvorstellbaren Ausmaßes bescheren.

    Vor diesem Hintergrund wage ich die Voraussage, dass bereits vor einem Verbot eine Nachfolgepartei in den Startlöchern stehen würde, natürlich mit neuen Gesichtern an der Spitze, und dass diese Partei statt bei den aktuell 25% für die AfD dann bundesweit bei 33 bis 35% liegen würde.


    Und ja, es interessiert mich durchaus zu erfahren, warum ein Mensch zum Faschisten wird oder mit einem faschistischen Welt- und Menschenbild sympathisiert.


    - Ich möchte verstehen, warum die NPD bei einer Bundestagswahl nie über 4,3% der Zweitstimmen hinausgekommen ist, Die Republikaner 1990 mit 2,1% nicht einmal das geschafft haben, warum die AfD noch bei der Bundestagswahl 2013 „nur“ 4,7% der Zweitstimmen erhalten hat, in 2025 aber plötzlich bei 20,8% landet und in den Umfragen der letzten Monate konstant bei 25 bis 27% liegt.

    - Ich möchte also verstehen, warum sich die Zahl derer, die rechtspopulistische oder rechtsextremistische Parteien wählen, innerhalb weniger Jahre vervielfacht hat. Was ist da passiert bzw. was passiert da gerade?

    - Ich möchte verstehen, warum sich diese Entwicklung weltweit in allen Industrieländern verstetigt, es unter der Oberfläche also um andere als rein nationalstaatliche Belange gehen muss.

    - Ich möchte besser verstehen, warum der Anteil junger Männer unter den Wählern rechtspopulistischer oder rechtsextremistischer Parteien so unverhältnismäßig hoch ist.


    Ich halte diese Fragen für absolut legitim. Nur wenn ich die Ursache eines bedrohlichen Phänomens kenne, bekomme ich zumindest die Möglichkeit, die Bedrohung einzudämmen.

    Ich steige erst sehr spät in diese Diskussion ein, hatte das ursprünglich auch nicht vor. Aber jetzt möchte ich doch ein paar Gedanken dazu loswerden und versuche, mich der Problematik von einer eher praktischen Seite zu nähern:

    Was es braucht, ist mehr finanzielle und personelle Förderung in Jugendarbeit, Integrationsarbeit, Jugendämter, Nachbarschaftshilfen, Sportvereine, psychologische Hilfen, Sprachprogramme, schulische Nachhilfen, usw.

    Ja, das alles ist notwendig und wünschenswert. Allerdings frage ich mich, woher die finanziellen Mittel und das Personal kommen sollen, um das Gewünschte in dem Maße praktisch umzusetzen, dass Veränderungen zum Besseren deutlich erfahrbar werden.

    Bund, Länder und insbesondere die Kommunen jammern zurecht darüber, dass sie bereits jetzt von den zu bewältigenden Aufgaben und Erfordernissen finanziell überfordert sind. Es müsste also an anderer Stelle gespart werden. Also: Bibliotheken und Schwimmbäder schließen? Die Mittel für die Sanierung der Bahn zusammenstreichen? Keine maroden Brücken sanieren? Oder die Kanalisation? Den öffentlichen Nahverkehr noch weiter reduzieren? Auf eine bessere finanzielle wie personelle Ausstattung der Gerichte und der Sicherheitsorgane verzichten? Nicht einen Euro zusätzlich in die Landesverteidigung investieren?

    Okay, kann man alles machen. Nur werden dadurch die AfD-Wähler ganz sicher nicht weniger.


    Und was das erforderliche Personal zur Abarbeitung der obigen Wunschliste angeht: Das kommt ja nicht aus dem 3D-Drucker. Wer den Beruf des Fluglotsen gewählt oder wer Kunstgeschichte studiert hat oder wer als Influencer den Menschen den Sinn des Lebens näherzubringen versucht, der hat sich in der Mehrzahl der Fälle bewusst dafür entschieden und hat keinen Bock sich als Altenpfleger oder Sozialarbeiter aufzureiben, dem oder der fehlt damit vermutlich auch die erforderliche Affinität und Eignung für diese Jobs.

    Dass dies so ist, dafür können politische Entscheidungsträger nichts.


    Aber die Politik ist ja auch nicht dazu da, vollumfänglich die Erwartungen dieser oder jener Wählergruppe zu erfüllen, sondern zum Teil sehr unterschiedliche Interessen auszutarieren, und sie muss das überdies mit arg begrenzten Ressourcen leisten.

    Und das bedeutet, dass es die Lösung nie geben kann und dass es zuletzt immer auf viele mehr oder weniger tragfähige Kompromisse hinausläuft, die überdies immer wieder neu auszuhandeln sind. Fatalerweise nehmen das immer mehr Menschen als eine Systemschwäche wahr, als Geburtsfehler der Demokratie.


    “Democracy is the worst form of government, except for all the others.” Das Zitat wird Winston Churchill zugeschrieben.


    Was sich jenseits von immer unzuverlässigeren ideologischen Zuweisungen wie „rechts“ und „links“ seit einiger Zeit tatsächlich verändert, ist die wachsende Zahl derer, die nicht mehr bereit oder fähig sind, diese Realität als gegeben hinzunehmen und sich stattdessen Phantasmagorien von der Art eines „großen Wurfs“ hingeben, von einem starken Führer träumen, der mit all diesem Chaos Tabula rasa macht und der weiß, wo’s langgeht.


    Mir kommt es so vor, als hätten viele dieser Menschen die emotionale Reife eines vierjährigen Kindes, das seine Eltern bzw. die verschiedenen Eliten zwar für omnipotent hält, sich in der Wahrnehmung des Kindes trotz der elterlichen Allmacht aber einen Scheißdreck um dessen Bedürfnisse i.e. die des „einfachen“ Bürgers kümmern und stattdessen ausschließlich zum eigenen Vorteil handeln.

    Dass sich diese Menschen als auf der Früher-war-alles-besser-und-schuld-sind-sowieso-immer-“Die-Anderen“-Insel lebende frustrierte, abgehängte, ausgegrenzte, ihrer Meinungs- und Handlungsfreiheit beraubt wähnende Rechtsradikale und Rechtspopulisten sowie als pazifistisch-antisemitisch-dauerempörte Linke im Wolkenkuckucksheim an den politischen Rändern sammeln, ist nicht anders zu erwarten, schließlich eignen sich diese Biotope hervorragend dazu, die Komplexität der Realität zu ignorieren und die eigene Meinung in den Rang einer göttlichen Offenbarung zu erheben.


    Lösungen, wie diesen Menschen zu begegnen ist, habe ich auch keine.


    Die Lösung kann, so wie Michael schreibt, nicht in Gleichgültigkeit, Opportunismus und Agonie bestehen.

    Und ebenso wenig können Provokation und Diffamation die Lösung sein, sich hinstellen und Moral predigen und sich dabei als guter Mensch zu fühlen und damit immer noch weiter zu polarisieren.


    Ich habe aus dieser Diskussion vor allem zwei Sätze mitgenommen:

    - Keine Toleranz mit Intoleranz.

    - Miteinander reden.

    Und das nicht nur einmal oder zweimal. Sondern im Gespräch zu bleiben. Und dabei den anderen nicht von vornherein so zu behandeln, als wäre dieser minderbemittelt. Oder der Leibhaftige. Reden. Miteinander. Fragen stellen. Die Fragen anderer verstehen wollen. Wenn nötig nachhaken. Antworten. Und zuallererst und mehr als alles andere dem anderen zuhören.


    Einen anderen Weg sehe ich nicht. Und falls jemand doch einen besseren Vorschlag hat: Ich werde mit großem Interesse zuhören.


    Euch allen wünsche ich, dass sich im neuen Jahr die eine oder andere Hoffnung erfüllt.


    Lieben Gruß


    Jürgen

    Es lohnt sich, die Möglichkeit zuzulassen, dass die Maßstäbe, mit denen man aufgewachsen ist, nicht mehr unbedingt überall stimmen.

    Natürlich. Aber ein Maßstab ist kein Naturgesetz. Maßstäbe resultieren aus Konventionen und sind wie diese epochen- und kulturabhängig und können deshalb auch niemals einen Absolutheitsanspruch haben.


    Was mich in diesem Zusammenhang mehr als alles andere interessiert sind die folgenden Fragen sowie die möglichen Antworten auf diese: Wer „setzt“ Maßstäbe bzw. versucht dies zu tun? In welcher Absicht? Ausgehend von welcher Prämisse? Woraus beziehen diejenigen, die Maßstäbe setzen und häufig in einem weiteren Schritt Normen zu etablieren versuchen ihre Legitimation? Welche Strategien wählen sie und welche Mittel verwenden sie zur Erreichung ihrer Ziele? Und: Werden sie bei alldem ihren eigenen Maßstäben gerecht?


    Ist es nicht selbstverständlich, von denen, die für sich und ihre Gruppe Toleranz und Respekt sowie Gewaltfreiheit gegenüber den Mitgliedern dieser Gruppe einfordern, gleichfalls Toleranz und Gewaltfreiheit gegenüber Andersdenkenden, Andersfühlenden und Andersschreibenden zu erwarten?


    Aber was sonst ist es, direkt oder indirekt die Existenzgrundlage eines Kunstschaffenden anzugreifen, wenn nicht Gewalt?

    ich habe auch nicht den Eindruck, dass jemand (außer Trumpisten & Co) diese Themen / Forderungen selbst diskreditiert sehen wollen, sondern nur die teils übereifrigen Versuche, in einigen kulturellen Bereichen eine neue Norm zu etablieren. Und alles sozialpolitisch wie künstlerisch abzuwerten, das eben nicht solche Figuren bietet oder solche Themen verhandelt.

    Ich bin für mehr Entspanntheit - warum soll ich mich nicht mit einem Heteromann, einem Transmann, einem Schwarzen, einer Latina, oder im Spekulativen mit einem Alien, Monster identifizieren können? Warum soll das nur mit einer Figur gehen, die sozialpolitisch und biologisch mir entspricht, genau mich repräsentiert? Da hakt es für mich.

    Das ist der Kern dessen, worum es für mich in dieser Diskussion geht.

    Entspanntheit immer ❤️ (außer gegenüber Versuchen, die Toleranz abzuschaffen). Das einzige, was psychologisch wirklich zu funktionieren scheint, ist, das vorzuleben, was man für richtig hält.

    Exactly. :)

    "Aneignung" ist ein Stichwort, das längst nicht mehr den Präfix "kulturell" braucht, um seinen Schrecken zu entwickeln. Im Prinzip stehen wir vor einer Art Phantasieverbot.

    Es ist gespenstisch. Und es kostet nichts. Sich hinzustellen, ausgehend von einer zugeschriebenen oder selbst gewählten Identität, worin auch immer die bestehen könnte, Ansprüche zu postulieren, Moral zu predigen, aus dieser abzuleitende Gebote zu fordern und sich dabei wie ein kleiner Gott zu fühlen. Oder wenigstens als guter Mensch.


    Es ist gespenstisch, dass wir diese Diskussion überhaupt führen müssen. Aber Künstlerinnen und Künstlern kostet es ihre wirtschaftliche Existenz oder sie wird bedroht von modernen Kreuzrittern der rechten Gesinnung. Wobei das Wort „rechte“ in seiner Zweideutigkeit hier durchaus auch so gemeint ist, wenn sich „Linke“ und Progressive ohne erkennbare Hemmung auch solcher Mittel und Wege bedienen, die sie ihren Autoritarismus verherrlichenden Widersachern auf Rechtsaußen vorwerfen. Aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Jedenfalls vermag ich keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Verbrennung von Büchern in Diktaturen jeglicher Couleur, der Verbannung von Büchern aus öffentlichen Bibliotheken oder Schulbibliotheken in Teilen der USA und der Verhinderung einer Veröffentlichung von Büchern bzw. den Verzicht auf eine solche im Nachgeben eines von Teilen der Gesellschaft aufgebauten Drucks zu sehen.


    Alle recken sie stolz ihre Steintäfelchen in die Höhe, die sie von God himself erhalten haben oder alternativ von einem Philosophen oder Soziologen ihrer Wahl, von Leuten jedenfalls, die vorgeben, sich schon von Berufs wegen mit Identität, Moral und derlei Dingen auszukennen.


    Man könnte darüber lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Sind die beklagten Entwicklungen einfach nur ungewollte, aber hingenommene Absurditäten oder sind sie Manifestationen einer Dauerdröhnung hervorgerufen durch den Dauerkonsum eines toxischen Cocktails aus unreflektierter Selbstgerechtigkeit, Selbstlegitimation und Selbstverklärung? Dagegen wäre argumentativ nichts mehr auszurichten. Wohingegen das Absurde vermittels Überzeichnung und Übertreibung als das darzustellen wäre, was es ist.

    Aber wohl nicht ganz zufällig waren es Satiriker und Kabarettisten, die als erste in die Schusslinie gerieten.


    Der Verlust künstlerischer Freiheit - Freiheit nicht im Sinne von „nicht mehr schreiben oder sagen dürfen, was ich will,“ sondern als Folge eines „nicht mehr gelesen oder gehört werden Könnens oder gar Dürfens - geht dem generellen Verlust von Freiheit voraus.

    Liebe Silke, lieber Michael, lieber Achim


    Tausend Dank für eure Bereitschaft, die Vorstandsarbeit zu übernehmen. :klatsch:anbet:blume

    Und ich schließe mich Alexander an: Möge die Macht mit euch sein ... in guten wie in schlechten Zeiten!

    Ich habe es mir abgewöhnt, mich außerhalb meines engsten persönlichen Umfelds an Diskussionen zu beteiligen, in denen es um die Genderproblematik im Allgemeinen sowie die Anliegen der LGBTQIA+-Communities im Besonderen geht. Gleiches gilt auch für ein paar weitere Themenkomplexe.


    Zu den meisten der für diese Themen relevanten Fragen und Aspekte habe ich eine Meinung. Aber die ist nicht in Stein gemeißelt, sondern im Fluss. Mich interessieren die Argumente der anderen, aber ich möchte auch, dass meine Argumente gehört werden, möchte die Reaktion darauf kennenlernen, um daraufhin meine eigene Überzeugung zu reflektieren und möglicherweise auch zu ändern. Weshalb ich zwar sehr gerne über diese Themen reden würde, aber genau das ist eben unmöglich: Darüber reden. Wer sich zu diesen Fragen äußert und sich nicht eindeutig als Mitglied der Mannschaft Rot zu erkennen gibt, der gehört zwangsläufig zur Mannschaft Blau - et vice versa. Nachdenklichkeit und das Bemühen um Differenzierung werden niedergeschrien, desgleichen die Stimmen derjenigen, die sich uneigennützig um Vermittlung und Moderation bemühen, und wer lösungsorientiert nach Mitteln und Wegen sucht, wird in einem moralisch aufgeladenen Diskurs fortan von Vertretern beider Seiten ignoriert oder regelmäßig auch diffamiert. Um moralische Deutungshoheit also geht es und nur selten einmal darum, konkrete Lösungen zu finden. Und von da ist es dann nur noch ein winziger Schritt zu totalitären Denkmustern.


    Den verlinkten Artikel habe ich gelesen. Zum Inhalt will ich mich hier nicht äußern. Dringlicher ist für mich die Frage, welche Antworten wir auf Fälle wie den in besagtem Artikel geschilderten finden können. Wie Dietmar schreibt, ist auch ein Verlag zuallererst ein Wirtschaftsunternehmen. Aber ist es dann von Seiten eines Verlags nicht naiv und fahrlässig wie der Pawlowsche Hund beim Ertönen der Glocke reflexhaft auf das Gezeter der größten Schreihälse zu reagieren? Woher will ein Verlag wissen, dass die, die am lautesten schreien, auch repräsentativ sind für die Mehrheit der Leserinnen und Leser?


    Wer am lautesten schreit, hat selten recht. Vielleicht, ja. Wahrscheinlich. Kein Zweifel kann hingegen daran bestehen, dass diejenigen, die am lautesten schreien, auch die größte Aufmerksamkeit bekommen. Aber das lässt allen anderen keine andere Wahl, als gleichfalls ein paar Dezibel draufzusatteln. Und wohin das führt, erleben wir ja gerade allerorten.


    Und für die Kunst ist diese Entwicklung brandgefährlich, einmal ganz abgesehen davon, dass dadurch bereits jetzt Künstlerexistenzen vernichtet werden bzw. akut bedroht sind.

    Zum Wesen der Kunst gehört für mich, Menschen im besten Sinne zu bewegen. Das bedeutet zwangsläufig auch, etablierte Denkmuster zu hinterfragen, zu reflektieren, zu provozieren ... die Grenzen des Denkbaren immer weiter hinauszutreiben. Aber wie soll das noch möglich sein, wenn Kunst und Künstler immer stärker zwischen die Fronten eines anti-woken Kreuzzugs und der Forderungen einer unter dem Vorwand eines gegen Diskriminierung gerichteten Kampfes selbst diskriminierenden Erweckungsbewegung geraten?


    Wie frei kann Kunst unter diesen Bedingungen sein?

    Dient Kunst irgendwem oder irgendwas? Soll sie das?

    Und wenn sie es tut: Ist sie dann noch Kunst?

    Triggerwarnung: Die folgenden Aussagen sind ein Produkt ihrer Zeit und können Elemente von Pessimismus und Resignation sowie Spuren von Satire enthalten.


    Schöne Neue Welt.


    Obwohl ... wirklich überraschen können eigentlich nur die Geschwindigkeit, mit der die KI den Laden übernimmt, das Ausmaß der Dreistigkeit, mit der einige Player von der Entwicklung zu profitieren versuchen sowie die Bereitwilligkeit, mit der bereits jetzt Teile der Buchkäufer das Zeugs konsumieren wie ihr Daily Dope.

    Es braucht nicht die Gabe der Prophetie, um vorherzusagen, dass die Stapel bedruckten Papiers, die im Eingangsbereich großer Buchhandlungen palettenweise den Zutritt zu selbigen maximal erschweren, schon bald mehrheitlich oder gar ausschließlich KI-generierte Texte enthalten werden. Alles andere wird zur Nische, die von Nebenerwerbsautoren bedient wird ... von denen mit der größten Leidensfähigkeit halt.


    Aber alles Lamentieren hilft ja nicht. Vielleicht sollten wir stattdessen unsere Energie auf das verwenden, worauf wir möglicherweise noch ein klein wenig Einfluss haben. Zum Beispiel auf den Gesetzgeber im Sinne einer Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Textcollagen einzuwirken. Oder zum Schutz hartgesottener KI-Fetischisten eine Allergenkennzeichnung verpflichtend zu machen: Der nachfolgende Text kann Spuren menschlicher Kreativität enthalten. Oder analog zur Lebensmittelbranche eingängige Biolabel einzuführen: Bio-Lit ... 100% Handcrafted Literature ... Zertifiziert vom Verband freilaufender Autorinnen und Autoren ...


    Ach ja ... Es könnte zum Lachen sein, wenn es nicht zum Heulen wäre.

    Danke, Silke, für das Teilen deiner Erfahrungen.


    Bemerkenswert daran finde ich vor allem die Tatsache, dass eine Agentur für den Text zum damaligen Zeitpunkt keine Chancen sah, dir aber gleichzeitig rät, dich doch mit deinem Manuskript direkt bei einem Verlag vorzustellen, und dass dieser Rat, so wie du es beschreibst, dann auch schnurstracks zum Erfolg geführt hat, wo es doch schon seit etlichen Jahren heißt, dass es für einen potentiellen Debütanten zwecklos sei, sich direkt an einen Verlag zu wenden und der Weg über eine Agentur alternativlos sei.

    Was mich im Rahmen dieser Diskussion auch interessieren würde, sind die unmittelbaren Erfahrungen derjenigen, denen gelungen ist, woran sich viele andere bislang erfolglos versuchen.


    Gibt es hier im Forum jemanden, der während der letzten sechs bis sieben Jahre erstmalig ein belletristisches Werk in einem Verlag veröffentlicht hat, das Buch vom Verlag beworben wurde und im stationären Buchhandel sichtbar war/ist?

    In diesem Fall wäre ich sehr dankbar, etwas darüber zu erfahren, wie der Weg dorthin ausgesehen hat, welche dabei die größten Hürden waren und was sich bei deren Überwindung als besonders förderlich herausgestellt hat und was als eher hinderlich oder gar irrelevant.

    Aber egal. Mein Punkt ist: Es ist schwierig, in so einem Verhältnis mit den Bewerbern einen allzu engen Kontakt aufzubauen, weil leider viel zu oft Negatives zurückkommt, denn keiner mag Ablehnung und nur die Wenigsten können mit Feedback umgehen. Deshalb, so denke ich, oftmals das Schweigen der Verlage. Es ist einfach nicht deren Aufgabe, den Schriftstellern Feedback zu geben, und es ist viel zu zeitaufwändig.

    Das ist sicherlich so. Aber mir geht es ja nicht um die Frage, ob Agenturen und Verlage jede Absage begründen sollen. Dass das zu nichts führen würde, liegt auf der Hand.


    Aber wenn z.B. klipp und klar kommuniziert wird, diesen Text leider nicht, aber stellen sie sich mit ihrem nächsten Projekt doch bitte noch einmal vor, dann wäre es doch naheliegend, mit ein oder zwei Sätzen darauf hinzuweisen, was dieses Projekt möglichst auszeichnen sollte, um die Chancen für eine Vermittlung zu erhöhen. Ich habe keine Ahnung, wonach dieser oder jener Verlag aktuell konkret sucht. Mit Sicherheit kann diese Frage nur eine Agentin oder ein Agent beantworten.


    Ohne einen solchen Hinweis bleiben nur zwei Alternativen:

    - Ich arbeite erneut ein Jahr oder noch länger an einem Manuskript, um anschließend mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen zu müssen, dass das nur ein weiterer Schuss in den Nebel war. Und solange ich mich nicht entmutigen lasse, mache ich das dann Jahr für Jahr so.

    - Die zweite Alternative wäre, das Schreiben mit dem Ziel einer Veröffentlichung aufzugeben.

    Die wesentliche Leistung einer Autorin oder eines Autors besteht darin, eine erzählenswerte Geschichte in eine für andere lesenswerte Form zu bringen. Dafür braucht es vielerlei Fähigkeiten, von denen einige erlernbar sind und andere wiederum nicht.


    Umso mehr erstaunen mich die wiederkehrenden Diskussionen darüber, was wichtiger sei, das Handwerk oder Talent. Nötig sind selbstverständlich beide, aber: Bei nur unzureichend vorhandenen handwerklichen Fähigkeiten besteht in der Mehrzahl der Fälle immerhin die berechtigte Aussicht, sich diese aneignen zu können, während die gemeinhin unter dem Begriff „Talent“ zusammengefassten Qualitäten allenfalls in begrenztem Maße weiterentwickelt werden können, aber auch in diesen Fällen immer auf bereits Vorhandenem aufbauen.


    Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Gedanke an eine regelrechte Ausbildung zum Schriftsteller für mich absurd, reicht meine Fantasie auch nicht aus, um mir vorstellen zu können, wie eine solch umfassende und alles richtende Ausbildung im Einzelnen aussehen könnte.


    Noch ein paar Anmerkungen zum eigentlichen Thema des Threads.

    Die Art und Weise wie Verlage und Agenturen auf unverlangt zugesandte Manuskripte reagieren - oder vielfach eben auch gar nicht - ist aus deren Sicht natürlich absolut nachvollziehbar so wie auch der Frust auf der anderen Seite.


    Das Manuskript meines zweiten abgeschlossenen Romans habe ich 15 Agenturen und Verlagen angeboten. In sechs Fällen erfolgte keine Reaktion, sechs weitere Absagen waren typische Formabsagen. Zumindest ein klein wenig Hoffnung machten die drei restlichen Reaktionen, wenngleich auch sie letztendlich natürlich Absagen waren:


    - Eine Agentur meldete sich per Mail zwei Stunden, nachdem ich ihnen das Exposé und die Textprobe geschickt hatte. Der Agent schrieb, dass er die Geschichte interessant fände und er schonmal beruhigt feststelle, dass ich schreiben könne. Er bat mich, ihm vor einem weiteren Kontakt doch bitte mitzuteilen, ob die Geschichte ein Happyend hätte und auch kurz den USP zu beschreiben. Und dann wollte er noch wissen, ob ich noch andere Manuskripte in der Schublade liegen hätte oder an weiteren Projekten arbeiten würde. Einzig bei der Frage nach dem USP bin ich mir nicht sicher, ob ihn meine Antwort zufriedengestellt hat.

    Aber warum teilt er mir das dann nicht mit und bricht stattdessen sang- und klanglos den Kontakt ab?

    - Von einer weiteren Agentur erhielt ich eine Standardabsage, allerdings am Ende ergänzt um die Aufforderung, mich mit meinem nächsten Projekt doch bitte noch einmal vorzustellen.

    Aber warum nennen sie dann nicht den Grund für die Absage des bereits vorgestellten Projekts?

    - Ein mittelgroßer Verlag, der bis dahin auf ausgesprochene Genreliteratur spezialisiert war, hatte gerade sein Portfolio um den Bereich Allgemeine Belletristik erweitert. Die Absage wurde damit begründet, dass die beiden dafür vorgesehenen Programmplätze für die kommenden zwei Jahre bereits besetzt seien, sie meine Geschichte aber sehr interessieren würde, nur dass sie zum jetzigen Zeitpunkt halt keine Möglichkeit für eine Veröffentlichung sähen. Ganze dreimal(!) stand diese Aussage in ihrem Antwortschreiben, das zudem auch durch seine Länge deutlich aus dem Rahmen fiel.

    Aber warum fordern sie dann zwecks Wiedervorlage zu einem späteren Zeitpunkt nicht das ganze Manuskript an oder schlagen mir nicht vor, mit diesem Manuskript in zwei Jahren noch einmal anzuklopfen?


    Formabsagen oder gar keine Reaktion, okay, das ist eindeutig. Aber wenn schon ein grundsätzliches Interesse vorhanden ist, weshalb bekommt man dann nicht wenigstens einen Hinweis dazu, warum es trotzdem nicht passt oder wie bei einem nach wie vor bestehenden Interesse die weitere Vorgehensweise aussehen könnte?

    Ich fühlte mich da ziemlich alleingelassen und irgendwann bin ich müde geworden, mir ständig das Hirn zu zermartern mit der Frage, woran es denn nun gelegen hat.

    Klar ist das frustrierend, aber man muss sich auch eine besondere Art von Selbstbewusstsein aufbauen bzw. zulegen, wenn man in dieser Branche unterwegs ist.

    Ja, mittlerweile sehe ich darin die einzige Möglichkeit, um mit der ganzen Situation einigermaßen zurechtzukommen, wobei in meinem Fall die entwickelte Lockerheit ein Stück weit auch aus Resignation besteht. Der Markt hat sich während der vergangenen Jahre ja für Autorinnen und Autoren nicht unbedingt zum Besseren entwickelt:) und sogar bei Agenturen braucht es mehr und mehr eine substanzielle Dosis Vitamin B, um wenigstens einen Fuß in die Tür zu bekommen.

    Und das finde ich aller Coolness zum Trotz sch ... schade.


    Herzliche Grüße:)


    Jürgen