Ich steige erst sehr spät in diese Diskussion ein, hatte das ursprünglich auch nicht vor. Aber jetzt möchte ich doch ein paar Gedanken dazu loswerden und versuche, mich der Problematik von einer eher praktischen Seite zu nähern:
Was es braucht, ist mehr finanzielle und personelle Förderung in Jugendarbeit, Integrationsarbeit, Jugendämter, Nachbarschaftshilfen, Sportvereine, psychologische Hilfen, Sprachprogramme, schulische Nachhilfen, usw.
Ja, das alles ist notwendig und wünschenswert. Allerdings frage ich mich, woher die finanziellen Mittel und das Personal kommen sollen, um das Gewünschte in dem Maße praktisch umzusetzen, dass Veränderungen zum Besseren deutlich erfahrbar werden.
Bund, Länder und insbesondere die Kommunen jammern zurecht darüber, dass sie bereits jetzt von den zu bewältigenden Aufgaben und Erfordernissen finanziell überfordert sind. Es müsste also an anderer Stelle gespart werden. Also: Bibliotheken und Schwimmbäder schließen? Die Mittel für die Sanierung der Bahn zusammenstreichen? Keine maroden Brücken sanieren? Oder die Kanalisation? Den öffentlichen Nahverkehr noch weiter reduzieren? Auf eine bessere finanzielle wie personelle Ausstattung der Gerichte und der Sicherheitsorgane verzichten? Nicht einen Euro zusätzlich in die Landesverteidigung investieren?
Okay, kann man alles machen. Nur werden dadurch die AfD-Wähler ganz sicher nicht weniger.
Und was das erforderliche Personal zur Abarbeitung der obigen Wunschliste angeht: Das kommt ja nicht aus dem 3D-Drucker. Wer den Beruf des Fluglotsen gewählt oder wer Kunstgeschichte studiert hat oder wer als Influencer den Menschen den Sinn des Lebens näherzubringen versucht, der hat sich in der Mehrzahl der Fälle bewusst dafür entschieden und hat keinen Bock sich als Altenpfleger oder Sozialarbeiter aufzureiben, dem oder der fehlt damit vermutlich auch die erforderliche Affinität und Eignung für diese Jobs.
Dass dies so ist, dafür können politische Entscheidungsträger nichts.
Aber die Politik ist ja auch nicht dazu da, vollumfänglich die Erwartungen dieser oder jener Wählergruppe zu erfüllen, sondern zum Teil sehr unterschiedliche Interessen auszutarieren, und sie muss das überdies mit arg begrenzten Ressourcen leisten.
Und das bedeutet, dass es die Lösung nie geben kann und dass es zuletzt immer auf viele mehr oder weniger tragfähige Kompromisse hinausläuft, die überdies immer wieder neu auszuhandeln sind. Fatalerweise nehmen das immer mehr Menschen als eine Systemschwäche wahr, als Geburtsfehler der Demokratie.
“Democracy is the worst form of government, except for all the others.” Das Zitat wird Winston Churchill zugeschrieben.
Was sich jenseits von immer unzuverlässigeren ideologischen Zuweisungen wie „rechts“ und „links“ seit einiger Zeit tatsächlich verändert, ist die wachsende Zahl derer, die nicht mehr bereit oder fähig sind, diese Realität als gegeben hinzunehmen und sich stattdessen Phantasmagorien von der Art eines „großen Wurfs“ hingeben, von einem starken Führer träumen, der mit all diesem Chaos Tabula rasa macht und der weiß, wo’s langgeht.
Mir kommt es so vor, als hätten viele dieser Menschen die emotionale Reife eines vierjährigen Kindes, das seine Eltern bzw. die verschiedenen Eliten zwar für omnipotent hält, sich in der Wahrnehmung des Kindes trotz der elterlichen Allmacht aber einen Scheißdreck um dessen Bedürfnisse i.e. die des „einfachen“ Bürgers kümmern und stattdessen ausschließlich zum eigenen Vorteil handeln.
Dass sich diese Menschen als auf der Früher-war-alles-besser-und-schuld-sind-sowieso-immer-“Die-Anderen“-Insel lebende frustrierte, abgehängte, ausgegrenzte, ihrer Meinungs- und Handlungsfreiheit beraubt wähnende Rechtsradikale und Rechtspopulisten sowie als pazifistisch-antisemitisch-dauerempörte Linke im Wolkenkuckucksheim an den politischen Rändern sammeln, ist nicht anders zu erwarten, schließlich eignen sich diese Biotope hervorragend dazu, die Komplexität der Realität zu ignorieren und die eigene Meinung in den Rang einer göttlichen Offenbarung zu erheben.
Lösungen, wie diesen Menschen zu begegnen ist, habe ich auch keine.
Die Lösung kann, so wie Michael schreibt, nicht in Gleichgültigkeit, Opportunismus und Agonie bestehen.
Und ebenso wenig können Provokation und Diffamation die Lösung sein, sich hinstellen und Moral predigen und sich dabei als guter Mensch zu fühlen und damit immer noch weiter zu polarisieren.
Ich habe aus dieser Diskussion vor allem zwei Sätze mitgenommen:
- Keine Toleranz mit Intoleranz.
- Miteinander reden.
Und das nicht nur einmal oder zweimal. Sondern im Gespräch zu bleiben. Und dabei den anderen nicht von vornherein so zu behandeln, als wäre dieser minderbemittelt. Oder der Leibhaftige. Reden. Miteinander. Fragen stellen. Die Fragen anderer verstehen wollen. Wenn nötig nachhaken. Antworten. Und zuallererst und mehr als alles andere dem anderen zuhören.
Einen anderen Weg sehe ich nicht. Und falls jemand doch einen besseren Vorschlag hat: Ich werde mit großem Interesse zuhören.
Euch allen wünsche ich, dass sich im neuen Jahr die eine oder andere Hoffnung erfüllt.
Lieben Gruß
Jürgen