Beiträge von Juergen P.

    Misery gehört sicherlich auch noch auf diese Liste.

    Aber mein absoluter Lieblingsfilm in dieser Kategorie sind die bereits genannten Wonder Boys. Dieser Film ist in jeder Beziehung eine richtige Perle - mit einem wundervollen Skript, grandiosen Darstellern und vor allen Dingen bietet er fast zwei Stunden lang erstklassige Unterhaltung.

    Hallo Tom,


    danke dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Unsinn zu lesen und zu kommentieren.

    Dieser unterwürfige, das Seelenheil irgendwelcher Leute über alles andere stellende Ansatz - letztlich handelt es sich um das Diktat der jederzeit Beleidigten - ist vollständig realitätsfremd, kontraproduktiv und außerdem nicht praktikabel.

    Ich weiß nicht, aus welchem Teil meiner Meinungsäußerung du das herausgelesen haben willst. Ganz sicher vertrete ich nicht den Ansatz, in der Bewertung der Arbeit eines anderen Menschen diesem mit Unterwürfigkeit begegnen zu müssen. Ich gehöre auch nicht zu denen, die fordern, Kunstkritik habe grundsätzlich sanfter und freundlicher auszufallen und sich durch einen „Wuschelpuschelpieppieppiepwirhabenunsalleliebtenor“ auszuzeichnen. Aber ich stelle mir die Frage, ob es abgesehen vom Kritiker selbst zuletzt irgendjemandem etwas bringt, die Bandbreite dessen, was in unserer Gesellschaft an freier Meinungsäußerung möglich ist, auch tatsächlich bis zum Letzten auszureizen. Dass er es darf ... geschenkt. Aber muss er es auch? Und wenn er es tut, wenn er glaubt, immer noch eins draufsetzen zu müssen und mit seinen Formulierungen „Hau-den-Lukas“ zu spielen, dann kippt das Ganze irgendwann, kommt unausweichlich der Punkt, an dem zumindest in meiner Wahrnehmung die Kritik zum reinen Spektakel verkommt. Und diese Art von „Kritik“, lieber Tom, geht dann mir als Orientierung suchendem Literaturkonsumenten „völlig am Arsch vorbei“. Dass Kritik immer auch die Meinung des Kritisierenden transportiert, ist mir durchaus bewusst. Wie sollte es auch anders gehen? Aber wenn die Kritik darüber hinaus wenig bis gar nichts enthält, das mir erlaubt, die Kritik halbwegs zutreffend einzuordnen, dann stellt sich für mich zwangsläufig die Frage, wozu die ganze Übung gut sein soll.


    Dafür, dass es auch anders geht, bist du selbst das beste Beispiel. Deine Rezensionen hier im Forum lese ich immer mit großem Vergnügen. Sie sind stets sachlich und informativ und ich habe es auch bei Verrissen noch nie erlebt, dass du dich mehr mit dem Autor beschäftigst als mit diesem einen Buch, um das es geht. Am Ende deiner Rezensionen weiß ich jedes Mal, ob dieses Buch etwas für mich sein könnte oder nicht. Tatsächlich habe ich erst dreimal bewusst ein Buch aufgrund einer Rezension gekauft, die in allen drei Fällen von dir stammte (Elisabeth Strout: Die langen Abende, Stewart O’Nan: Abschied von Chautauqua, Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive).


    Aber mir geht es auch gar nicht so sehr um die Autoren, über die wir hier immer wieder reden. Die Fitzeks und Coelhos werden mit Kritiken in der Art des Anti-Kanons von Denis Scheck leben können. Vermutlich sind diese „Kritiken“ sogar wohlwollend akzeptierte Bestandteile ihres Geschäftsmodells. Aber es gibt auch die vielen anderen. Und es gibt die Literaturkonsumenten, die von dieser Art der Kritik ja auch nicht unbeeinflusst bleiben.

    Meinen Vater, der als Orchestermusiker und Solist regelmäßig mit der Kritik von Berufskritikern konfrontiert war und der wie viele seiner Kollegen unter einer schlechten Kritik regelrecht gelitten hat, habe ich in meinem Posting #27 schon erwähnt. Ein weiteres Beispiel ist ein früherer Freund, der eine Kabarettgruppe mitgegründet hatte, deren allererster(!) Auftritt in der regionalen Zeitung mit einer vernichtenden Kritik bedacht wurde, obwohl der Auftritt vom Publikum mit Applaus und ohne die geringste Missfallensbekundung goutiert worden war. Aber aufgrund der Kritik hat es keinen weiteren Auftritt mehr gegeben und die Gruppe hat sich kurz darauf auch aufgelöst.

    Mit anderen Worten: Eine einzige Meinung, die des Berufskritikers, unter dreißig bis vierzig anderen und mehrheitlich offensichtlich abweichenden Meinungen hat ausgereicht, die Gruppe auszulöschen, und hat im Falle unseres Freundes dazu geführt, dass er den Gedanken ans Kabarett frühzeitig und endgültig begraben hat.

    Mit der Tatsache, dass sich Kritiker zumindest in der Wahrnehmung ihres Publikums häufig als oberste Instanz gerieren - der Begriff "Kritikerpapst" kommt ja nicht von ungefähr - habe ich deshalb meine Probleme, und auch damit, dass immer auch Scheiße sein soll, was der Kritiker als Scheiße empfindet.

    Ja, in unserer Welt sollte nichts in Stein gemeißelt sein, und der Umgang, den wir miteinander pflegen, gehört sicherlich zu den Aspekten, die recht viel Luft nach oben haben. Aber einfach alle Aspekte des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehens - und ihre Ergebnisse (!) - als Teil des Umgangs zu bewerten und eine Grundsatzfreundlichkeit einzufordern, die sämtliche Meta- und Produktivebenen einschließt, das hat eine Welt zum Ergebnis, in der auch das wahrlich Schlechte schließlich als gut durchgeht. Letztlich dehnt diese Forderung die Paradigmen der Identitätspolitik auf alle und alles und jeden und jede aus, und sie stellt das Wie über das Was.

    Zum Teil stimme ich dir zu, dem ersten Satz ganz sicher und auch dem letzten Satz, was uns aber dennoch von Neuem mit der Frage konfrontiert, wem es zusteht, darüber zu befinden, was wahrlich schlecht ist und welche Konsequenzen das für andere hat.


    Die Meinung eines Berufskritikers mit der Meinung eines x-beliebigen Kunstkonsumenten gleichzusetzen, hieße, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Je größer die Reichweite, desto größer ist auch die Verantwortung. Oder sehe ich das falsch?


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    das ist ein nicht unlustiger Widerspruch.

    Der worin besteht? Oder hast du vielleicht in dem von dir benutzten Zitat die letzten drei Wörter überlesen: „Im privaten Umfeld.“ Und weiter habe ich geschrieben: „In dem Moment, in dem ich diese Meinung öffentlich vertrete, gelten andere Maßstäbe, die unabhängig sind von meinem persönlichen Wertekanon.“

    Dein Rangdenken teile ich ganz und gar nicht.

    Was meinst du mit „Rangdenken“?

    Nein, nein und nochmals nein. Sie müssen hoffentlich gar nichts (ist das ein Gesetzesvorschlag für die Viktor Orban Regierung? Und alles andere wird gelöscht und verboten?)

    Ich bin ein absoluter Gegner der derzeit grassierenden Verbotskultur.

    Kann es sein, dass wir nicht im selben Land leben?


    Ja, es gibt Gesetze, es gibt Regeln, es gibt Konventionen. Ohne all diese Übereinkünfte kann kein menschliches Gemeinwesen existieren. Über Sinn oder Unsinn dieser Übereinkünfte kann, soll und muss gesprochen und auch gestritten werden. In einem permanenten Prozess. Und immer wieder neu. Was ja auch geschieht. Weshalb sich Gesetze, Regeln und Konventionen im Laufe der Zeit auch verändern.

    Was wäre denn die Alternative? Dass jede und jeder immer und überall tut und lässt, wie es ihr oder ihm beliebt? Oder ist es ein unveräußerliches Menschenrecht, zweimal im Jahr nach Mallorca oder Bali zu fliegen, jeden Tag Fleisch zu essen, jede kleine Besorgung mit dem eigenen Auto zu erledigen und mit alldem die Lebensgrundlage zukünftiger Generationen zu zerstören? Ist es ein unveräußerliches Menschenrecht, meine Nachbarn, meine Kollegen, die Mitglieder meiner Familie mit Corona zu infizieren, obwohl es eine einfache und für mich in der Regel ungefährliche Möglichkeit gibt, dieses Risiko drastisch zu verringern? Und ist es ein unveräußerliches Menschenrecht, die Arbeit eines Menschen in einer Art und Weise zu verunglimpfen, die diesen Menschen der Lächerlichkeit preisgibt, ihn damit wahrscheinlich zu verletzen und die Tatsache, dass mir das offensichtlich auch noch schnurzpiepegal ist, vor aller Welt zu zelebrieren?

    Wo urteilt Scheck über die Person? Er urteilt über Fitzek und Coelho in ihrer Eigenschaft als Schriftsteller, und damit über ihr Können. Ist das schon zu persönlich …?!

    Du hältst es also für möglich, dass der Autor Fitzek oder der Autor Coelho völlig losgelöst von der Person Fitzek oder der Person Coelho existiert? Es mag ja tatsächlich ein paar supertaffe Autoren geben, die sich angesichts eines Verrisses eins grinsen und denken: „Hauptsache die Kohle stimmt. Warum also soll ich mir einen Kopf nur deswegen machen, weil auch noch ein paar andere meinen Scheiß scheiße finden.“ Aber viele Menschen definieren sich über ihre Arbeit, und für die Mehrzahl der Künstler trifft das sicherlich in besonders starkem Maße zu. Deshalb, ja, ist über die Herabwürdigung der Arbeit eines Künstlers in der Regel auch die Person mitgemeint. Das sollte nicht zuletzt auch dem Kritisierenden bewusst sein und er das bei der Wahl seiner Mittel berücksichtigen.

    Es bringt mich aber auch zu folgendem Gedanken: Wären die Meinungen auch so dermaßen auseinandergegangen, wenn es um ein anderes Produkt gegangen wäre als Bücher? Meinetwegen ein Shampoo, das einem die Haare ausfallen lässt: Hätte man sich darüber „direkter“ äußern dürfen?

    Ich würde mich dazu gar nicht äußern, sondern mir ein anderes Shampoo kaufen. Oder, wenn mir die Himbeermarmelade der Marke Wie bei Muttern nicht schmeckt, zur Marke Großmutters Paradiesgarten wechseln. Natürlich ist auch ein Buch ein Produkt. Auch. Und für mich nur in einem einzigen Moment: an der Ladenkasse. Danach wird es zu einer emotionalen Reise, auf die mich eine Autorin oder ein Autor mitnimmt. Ohne diese starke emotionale Komponente würde ich kein Buch lesen. Bei Shampoo oder Marmelade ist die emotionale Bindung deutlich schwächer ausgeprägt.

    Ich glaube, aus dieser Nummer kommen wir nicht raus. Das bleibt ein unauflösbarer Widerspruch. Literatur und auch Literaturkritik braucht unbedingt die Möglichkeit der Grenzüberschreitung und der Regelverletzung.

    Soweit es die Literatur betrifft, stimme ich dir vorbehaltlos zu. Ein literarisches Werk ist etwas Originäres. Literaturkritik hingegen schafft nichts Neues oder sie tut dies allenfalls in ihrer Form. Ob es dazu aber unbedingt der Möglichkeit der Grenzüberschreitung und der Regelverletzung bedarf, bezweifle ich.

    Ich weiß nicht, wie wir da rauskommen (oder die Gesellschaft, oder die Literatur oder Literaturkritik im Allgemeinen). Ich glaube, wir werden einfach lernen müssen, damit umzugehen und mal in der einen Richtung und mal in der anderen Richtung Fehler zu machen.

    Das klingt sehr nach Resignation. Und falls sie die Realität spiegelt, hieße das, dass wir die Asozialität der Social Media als Maßstab für die gesamte Gesellschaft bereits verinnerlicht haben.


    Herzliche Grüße,:)


    Jürgen

    PS: Es gibt ja dieses schöne Lied „Der Musikkritiker“ von Georg Kreisler.

    Der Text des Kreisler-Songs ist wirklich köstlich. Nicht länger überraschend ist jetzt für mich, dass mein Vater ein großer Kreislerfan war. Sicher kannte er den Musikkritiker. Im Gegensatz zu mir. Mir ist nur das Tauben vergiften im Park in Erinnerung geblieben, das ja vermutlich jeder kennt. Denn trotz der Begeisterung meines Vaters habe ich in meiner Jugend wenig bis nichts mit Kreisler anfangen können. Und danach habe ich ihn einfach vergessen. Shame on me!

    Um zu wissen, wie es ginge, muss ich es nicht können.

    Aber um zu wissen, wie es geht, muss ich es zumindest versucht haben. Und wenn ich mit meinen Versuchen krachend gescheitert bin, umso besser. Erst dann kann ich wirklich wissen, wovon ich rede, wenn ich die Arbeit eines Autors kritisiere. Und wenn ein Kritiker diese Erfahrungen gemacht hat, dann soll er das bitte auch kommunizieren, bevor er sich daranmacht, Autorinnen und Autoren öffentlich vorzuführen. Mir würde das Wissen um die eigenen Erfahrungen des Kritikers dabei helfen, seine Kritiken besser einzuordnen.

    Jeder weiß, dass ein ehemaliger Torschützenkönig nicht auch der beste Moderator oder Trainer sein muss, warum sollte das denn in der Literatur oder Musikszene anders sein?

    Das klingt plausibel. Dennoch hinkt der Vergleich.

    Jürgen Klopp ist ein begnadeter Fußballtrainer, der von sich selbst sagt, als Spieler allenfalls biederes Mittelmaß gewesen zu sein – in der 2. Liga. Aber immerhin war er Spieler. Und als Trainer schafft er es regelmäßig, aus Talenten Stars zu machen, und eher mittelmäßige Spieler bringt er dazu, aus ihren begrenzten Möglichkeiten alles herauszuholen und zu guten Spielern zu werden. Das gelänge ihm sicherlich nicht dadurch, dass er in der Pressekonferenz nach einem Spiel vor einer feixenden Journalistenschar über einen seiner Spieler sagen würde: „Ob ich es wohl noch erleben werde, dass diese Null auch mal den Ball trifft?“


    Nun ist ein Literaturkritiker kein Coach, was er ja auch nicht sein soll. Und Denis Scheck ist sicherlich der Letzte, der das in Erwägung ziehen wollte. Aber Kritik, und die ist ja nach des Kritikers Selbstverständnis sein Metier, sollte schon ein bisschen substanzieller und auch informativer sein, als nach zehn Minuten Kabarett zu dem schlichten Resümee zu gelangen: „Wat für’n Schiet.“ Natürlich formuliert der Kritiker das nicht so platt, wie es ist, sondern kleidet sein Urteil, garniert mit mal mehr, mal weniger zielgenauen Provokationen, in kunstvoll gedrechselte Sätze, die gemessen an seinem intellektuellen Anspruch und vermutlich auch dem seines Publikums dennoch eher wie Schenkelklopfer wirken und von Teilen dieses Publikums wohl auch als solche goutiert werden.

    Und will er sich durch die Inszenierung als gottgleiches Wesen von der Schar der „Literaturpäpste“ absetzen, um sich quasi als letzte Instanz über diese zu erheben? Es fällt mir schwer, das zu glauben. Ist es ernstgemeint, ist es peinlich. Ist es nicht ernstgemeint, verscheißert er sein Publikum. Denn dafür, dass dieses Format als Selbstpersiflage gemeint ist, habe ich nicht den geringsten Anhaltspunkt finden können.


    Dass er sich ein Buch einer Autorin oder eines Autors herausgreift, genüsslich dieses eine Buch seziert, um zuletzt zu konstatieren

    Zitat

    „Sebastian Fitzek markiert den geistigen Ground Zero dessen, was in Deutschland derzeit geschrieben und veröffentlicht wird.“

    „Paulo Coelho, dieser aus dem protoliterarischen Urschleim gekrochene Einzeller der Erbauungsliteratur, steht für alles, was ich in der Literatur hasse.“

    zeigt die Fragwürdigkeit dieses Formats. Denn als Zuschauer kann ich daraus nur den Schluss ziehen, dass in erster Linie der Autor gemeint ist und nicht nur dieses eine Buch. Mit einer solchen Vorgehensweise wäre es ein leichtes, selbst die begnadetste Autorin und den genialsten Autor zu diffamieren. Um das an einem Beispiel deutlich zu machen: Philip Roth ist sicherlich unverdächtig, eines Tages mit den Fitzeks und Coelhos in eine Reihe gestellt zu werden. Aber sein vorletzter Roman Die Demütigung war schlicht und ergreifend Mist. Wäre ich jetzt ein Starkritiker mit der entsprechenden Reichweite, könnte ich mir dieses eine Buch herausgreifen und vermittels eines Verrisses in der Art des Anti-Kanons zumindest bei dem eher uninformierten Teil meines Publikums dafür sorgen, dass sich diese Menschen nie im Leben ein Buch von Philip Roth kaufen werden, unabhängig davon, ob das jetzt meine Absicht gewesen wäre oder nicht.

    Kritik ist eine eigene Disziplin, ist eigene Kunst.

    Nochmal: Literaturkritik ist ein eigenes Genre.

    Genre von was? Literaturgenre?


    Jedem Menschen steht es frei, zu allem und jedem eine Meinung zu haben und diese Meinung auf jede nur erdenkliche Weise auch zu äußern. Im privaten Umfeld.

    In dem Moment, in dem ich diese Meinung öffentlich vertrete, gelten andere Maßstäbe, die unabhängig sind von meinem persönlichen Wertekanon.

    Dass ich, auch aufgrund persönlicher Erfahrungen, ein grundsätzliches Problem damit habe, das öffentliche Kritisieren der Arbeit anderer Menschen als eigenständiges Berufsbild zu akzeptieren, habe ich bereits in meinem Posting #27 dargelegt. Und das gilt umso mehr, wenn die „Kritik“ überwiegend in einer Herabwürdigung der Arbeit eines anderen Menschen und erst recht der seiner Person besteht. Und wenn ich mir vorstelle, dass der Kritiker mit seiner Kritik in manchen Fällen ein höheres Einkommen erzielt als der Kritisierte, dann verstärkt das für mich die Fragwürdigkeit noch weiter. Anyway ...

    Das Mindeste, das ich von einem, sagen wir, Literaturkritiker erwarte, ist, dass er mir über seine persönliche Meinung hinaus nachvollziehbare Argumente und Gründe liefert, die mich neugierig auf die Lektüre eines Buches machen - oder eben nicht. Alles andere ist überflüssig, ist mir zu wenig, ist heiße Luft - oder es ist eben nur eine Show und von Anfang an auch als solche gemeint. Nun denn ...


    Nicht wenig deutet darauf hin, dass im Zuge einer maßlosen Kommerzialisierung von allem und jedem auch das Berufsbild des Kunstkritikers ein grundlegend anderes geworden ist verglichen mit dem, das es meinetwegen noch vor zwanzig Jahren war, mögen Kunstkritiker jetzt also tatsächlich Unterhaltungskünstler sein. Und dass die sich dann auch kritisieren lassen müssen, versteht sich von selbst. Das begründet dann einen neuen Berufsstand, den der Kritikerkritiker, die dann wiederum von den Kritikerkritikerkritikern in die Mangel genommen werden. Das Konzept ist schon recht lustig und erinnert mich an die russischen Babuschkapuppen, die immer kleiner werden.


    Hm. Vielleicht sollte ich mir doch einen Fernseher anschaffen und gleich Dschungelcamp oder DSDS gucken.


    Oder das nicht mehr Erwartete geschieht doch noch und ein Kind ruft: „Der Kaiser ist ja nackt!“


    Herzliche Grüße,


    Jürgen

    Mittlerweile habe ich den Artikel im Literaturcafé inklusive der Kommentare gelesen und mir auch zwei der Anti-Kanon-Clips von Denis Scheck zu Gemüte geführt (Fitzek und Coelho). Zu Fitzek kann ich nichts sagen, da ich noch nichts von ihm gelesen habe, und mit dem, was Scheck zu Coelhos Alchimist sagt, spricht er mir aus der Seele. Trotzdem bin ich in meinem Urteil gespalten.

    Was den Artikel angeht sowie einige der Reaktionen sowohl auf den Artikel wie auf Denis Scheck selbst, wirkt das auf mich eher wie ein Sturm im Wasserglas. Viel Lärm ... nun ja, nicht um nichts, aber um wenig. Überdies sind die Hauptakteure Profis und werden wohl wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Hier ein paar gewollte Provokationen in Erwartung der vorhersehbaren Reaktionen, kalkulierter Shitstorm inklusive, dort eine bisweilen künstlich wirkende Aufregung.

    Was mich viel mehr interessiert, sind ein paar grundsätzliche Fragen im Zusammenhang mit Kunstkritik im Allgemeinen und mit Literaturkritik im Besonderen.

    Weil oft genug - und manche sagen sogar: meistens - Spott und Hohn verdient, was im Kultur- und Unterhaltungsbetrieb auf den Markt geworfen wird.

    Selbst wenn es so wäre: Lässt sich daraus eine Zwangsläufigkeit ableiten, Spott und Hohn dann auch tatsächlich über denjenigen ausgießen zu müssen, die meiner Meinung nach beides verdienen? Würde es nicht reichen, den ganzen unbestrittenen Mist geräuschlos zu ignorieren? Aber, klar, Krach bringt die bessere Quote und mehr Klicks.

    Dennoch tue ich mich schwer damit, Spott und Hohn als Kernkompetenzen von Literaturkritikern zu akzeptieren.

    Für mich gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Ehrfurcht und Sachlichkeit. Ich finde Ehrfurcht genauso unangebracht wie Häme.

    Und wie "sachliche" Kunstkritik aussehen soll, das würde ich gerne mal sehen. Habe ich nämlich noch nie. Das geht auch gar nicht. Und, nicht falsch verstehen: Kunstkritik ist nicht dafür da, den Künstlern zu helfen, um besser zu werden oder bessere Lebensentscheidungen zu treffen, sondern sie ist als extrem subjektive Orientierung für die Konsumenten gedacht. Und zur Unterhaltung.

    Ja, vermutlich ist es so, dass eine sachliche Kunstkritik eine Mission impossible ist. Aber vielleicht liegt das ja an der Art und Weise, wie wir das Wort „Kritik“ definieren. Kritik, wenn diese denn als solche ernstgenommen werden will, ernstgenommen im Sinne von beachtenswert, impliziert für mich immer auch das Bemühen um Sachlichkeit, hat zumindest den erkennbaren Versuch einzuschließen, die eigene Meinung mit Argumenten zu unterfüttern. Dass Kritik gleichzeitig auch die eigene Meinung transportiert, ist so unbestritten wie unvermeidbar und etwas anderes wäre vielleicht nicht einmal wünschenswert.

    Pointierte Formulierungen sehr gerne und auch gegen Provokation ist nichts einzuwenden, solange sie nicht um ihrer selbst willen geschieht. Aber für meinen Geschmack haben sowohl Denis Scheck als auch einige seiner Kritiker hier und da Grenzen überschritten.


    „Sebastian Fitzek markiert den geistigen Ground Zero dessen, was in Deutschland derzeit geschrieben und veröffentlicht wird.“

    „Paulo Coelho, dieser aus dem protoliterarischen Urschleim gekrochene Einzeller der Erbauungsliteratur, steht für alles, was ich in der Literatur hasse.“


    Mann oh Mann! Das ist für mich keine Kritik mehr, sondern da berauscht sich einer an seiner eigenen Sprachschöpfung. Sowas kann er meinetwegen nach dem achten Bier am Kritikerstammtisch von sich geben, aber wenn er die ihm zur Verfügung stehenden Plattformen nutzt, um die Erwartungshaltung zumindest von Teilen eines breiten Publikums zu bedienen, das Spott und Hohn offensichtlich als selbstverständlichen Bestandteil von Kritik begreift, dann ist das genauso danebengegriffen wie die Anmerkungen einiger seiner Kritiker, die sich nicht auf Inhaltliches beziehen, sondern zum Beispiel auf das Äußere von Denis Scheck. Oder sind Literaturkritik und die Kritik an den Kritikern jetzt Programmpunkt im Circus Maximus?


    Und falls Kunstkritik als „extrem subjektive Orientierung für Konsumenten“ gedacht ist, stellt sich für mich sofort die Frage, welchen Wert sie dann hat. Wie hoch kann der Informationsgehalt einer Meinung sein? Warum sollte ich der Meinung von Erika Mustermann oder meinetwegen auch der eines Denis Scheck mehr trauen als meinem eigenen Urteilsvermögen?

    Und warum ich fünf bis zehn Minuten meiner Lebenszeit dafür hergeben soll, um mich davon überzeugen zu lassen, ein bestimmtes Buch nicht zu kaufen, will sich mir auch nicht so recht erschließen, ein Buch, das ich mir, wenn ich Denis Schecks Anti-Kanon-Auswahl anschaue, wohl eh nicht gekauft hätte. Wie dem auch sei.


    Wenn also Kunstkritik ausschließlich oder überwiegend in der Äußerung einer Meinung besteht, hat sie für mich keinen erkennbaren Nutzen mehr und das Wort „Kunstkritiker“ ist ein ausgemachter Etikettenschwindel. „Meinungsventilator“ würde besser passen. Und wenn sich so ein Meinungsventilator in erster Linie tatsächlich als Unterhaltungskünstler versteht, was unterscheidet ihn dann noch von einem Zirkusclown? Um Spektakel also geht es?

    So verstandene Kunstkritik hat für die Kunst dieselbe Bedeutung wie der Taubenschiss fürs Kirchdach.


    Ich bin mir nicht sicher, aber möglicherweise bin ich gegenüber Kunstkritikern ein wenig voreingenommen. Und das hat dann vermutlich mit meinem Vater zu tun. Der war Orchestermusiker, und diese sich regelmäßig wiederholende Szene hat sich in meine Erinnerungen eingebrannt, wenn er jedes Mal nach einer Opernpremiere oder einem Konzert, besonders nach solchen, in deren Verlauf er längere Solopassagen zu meistern hatte, zwei Tage später noch vor dem Morgenkaffee mit zitternden Händen die Zeitung aufschlug, um die Konzertkritik zu lesen, geschrieben von einem Menschen, der nicht annähernd über das Talent und die Fertigkeiten eines Profimusikers verfügte und der ebenso wenig zu ermessen vermochte, was es bedeutete, manchmal eine halbe Stunde oder noch länger vor tausend Konzertbesuchern zu stehen und eine Höchstleistung abzuliefern, ungeachtet dessen, was diesen Menschen sonst noch bewegte, gesundheitliche Probleme, ein Todesfall in der Familie oder was auch immer.

    Es mag also mit diesen Erinnerungen zusammenhängen, mit dem, was es mit meinem Vater und seinen Musikerkollegen machte, dass ich es schon seit jeher als fragwürdig empfunden habe, wenn Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Arbeit anderer Menschen vor aller Welt mit einer oftmals unerträglichen Arroganz herabzuwürdigen und sich dabei nicht selten auch an der Person des Künstlers oder dem Urheber eines Kunstwerks abarbeiten. Denn ein Punkt kommt mir in Diskussionen wie dieser hier häufig zu kurz, falls er überhaupt Erwähnung findet: Es geht bei alldem auch um berufliche Existenzen.


    Fitzek und Coelho wird es nicht jucken. Wie Petra unter #15 in diesem Thread geschrieben hat, wird sich vermutlich auch ein Verriss positiv auf die Verkaufszahlen ihrer Bücher auswirken. Eine schlechte PR ist auch PR.

    Aber gilt das auch für all diejenigen, die sich abmühen, im Geschäft zu bleiben oder für einen Debütanten, der gerade versucht, überhaupt erst einen Fuß in die Tür zu bekommen? Wohl kaum. Denn Verrisse sind ja nun mal keine Spezialität von Starkritikern, die sich zur eigenen Ergötzung und zur Gaudi des Publikums Starautoren vorknöpfen. Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften oder in Buchblogs sind da oft nicht besser und die treffen dann auch die Autorinnen und Autoren, die auflagenmäßig in der zweiten oder dritten Liga spielen.

    Ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist mir nun mal sehr wichtig: Eine Meinung, die eben nur das ist, eine Meinung, ist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist, oder den Sendeplatz, den auch ich mit meinen Rundfunkgebühren mitfinanziere, obwohl ich noch nie einen Fernseher besessen habe und in diesem Leben auch nicht mehr besitzen werde.


    Vielleicht habe ich auch nur etwas missverstanden, wollte es möglicherweise missverstehen. Vielleicht geht es ja tatsächlich nur noch um Spektakel, sind wir – Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren, Agenten, Verleger, Lektoren, Literaturkritiker und die Kritiker der Kritiker – vielleicht also sind wir ja alle nichts weiter als Akteure und Zuschauer im Circus Maximus der Kunstindustrie und nur so unverbesserliche Romantiker oder Naivlinge, wie ich wohl einer bin, wollten das bislang nicht wahrhaben.


    Aber dann will ich mir auch das nicht verkneifen: Warum halten diejenigen, die vorgeben, alles darüber zu wissen, was einen genialen Roman auszeichnet, nicht einfach mal die Klappe, bleiben stattdessen acht oder neun Monate auf ihrem Hintern sitzen und schreiben ihn endlich, diesen genialen Roman, auf den Millionen Leserinnen und Leser sehnsüchtig warten?


    Herzliche Grüße,:)


    Jürgen

    Tatsächlich aber scheint es mir so zu sein, dass ohne eine gewisse Eigenleistung nichts mehr geht.

    Gerade von der Midlist wird aber noch deutlich mehr erwartet, und es geht hier - auch bei großen Verlagen - immer mehr in die Richtung "Wir machen halt Bücher und warten ab, was passiert". Dieses Abwarten müssen dann die Autoren nach Kräften positiv beeinflussen.

    Eine Autorin hat sich mir gegenüber diesbezüglich mit sehr ähnlichen Worten geäußert. Wenn es sich so verhält, wie ihr sagt, bedeutet das aber dann nicht auch, dass sich der klassische Weg über eine Verlagsveröffentlichung einerseits und der über das Selfpublishing andererseits immer stärker angleichen werden, nicht sofort natürlich und auch nicht in der gesamten Breite, dass es aber zu immer weiter fortschreitenden Überschneidungen kommt? Und dass das Selfpublishing im Verlauf dieser Entwicklung für eine wachsende Zahl von Autorinnen und Autoren attraktiv wird?

    Ich habe für mich im Selfpublishing bislang keine realistische Alternative gesehen. Zwar gibt es mittlerweile exzellente Dienstleister für alles, nur nicht für den letzten und entscheidenden Schritt: den der Vermarktung und der damit verbundenen Frage nach der Präsenz im stationären Buchhandel, die für mich die Voraussetzung dafür wäre, mich mit der Idee des Selfpublishings eingehender auseinanderzusetzen.

    Denn wie bereits Cordula schrieb:

    Ich will schreiben und nicht die Zeit damit verbringen, mich bestmöglichst zu vermarkten.

    Aber die Dinge sind im Fluss, und wenn sich die benannten negativen Tendenzen im Verlagswesen zu Lasten der Mehrheit der Autorinnen und Autoren noch weiter verstärken, kann es durchaus passieren, dass sich das Selfpublishing schneller zu einer ernstzunehmenden Alternative entwickelt, als wir uns das derzeit vorzustellen vermögen. Aber vielleicht speist sich meine Hoffnung lediglich aus meiner Naivität.

    Ich würde behaupten, dass ein „gesunder“ Kulturbetrieb auch immer eines Kanons bedarf, der es den Kulturteilnehmern erlaubt, über ihn zu sprechen, einen Diskurs zu installieren, in dem man sich über moralische und natürlich künstlerisch-ästhetische Normen austauscht. Ohne eine gewisse Form von Normativität gibt es m.E. keine Kultur (sonst zerläuft alles im Beliebigen).

    Teile dessen, was du in deinem Beitrag schreibst, machen mir eine Gänsehaut und das nicht in einem positiven Sinne. Über das, was du zur Notwendigkeit eines Kanons sagst, will ich erst noch einmal nachdenken, bevor ich dazu meine Gedanken teile. Nur soviel schon jetzt dazu:

    - Dass jeder Hörer oder Leser oder Zuschauer seine eigene kleine Nische finden würde, bezweifle ich. Ich glaube, die Mehrheit würde sie nicht einmal finden wollen. Und in der Regel trennt sich die Spreu sehr schnell vom Weizen und die meisten Nischen trocknen sehr schnell wieder von allein aus, während eine Minderheit im Hinauswachsen aus der Nische selbst Normen schafft. Die Beatles bedienten ganz zu Anfang auch nur eine kleine Nische, bevor sie in atemberaubender Geschwindigkeit zum Maßstab wurden. Das hat meiner Meinung nach mehr mit Angebot und Nachfrage sowie einem passenden Timing zu tun.

    - Mit dem Begriff der Normativität kann ich mich durchaus anfreunden, hier allerdings nur unter dem Vorbehalt, dass Normen so wie Meinungen als etwas Instabiles, als etwas sich Wandelndes verstanden werden. Ansonsten werden sehr schnell Dogmen daraus.

    - Entscheidend ist für mich auch, wer jenen Kanon definiert, von dem du sprichst, und welchen Interessen er dient, dienen soll. Solange das die Kultur Schaffenden selbst gemeinsam mit ihren Hörern, Lesern und Zuschauern unter sich ausmachen, will ich mich mit der Frage nach der Notwendigkeit gerne auseinandersetzen. Wenn sich allerdings herausstellt, dass dieser Kanon hauptsächlich profitorientierten Partikularinteressen dient und infolgedessen (auch) dazu, die Kultur Schaffenden zu einer Art Pizzalieferdienst zu degradieren, die auf Zuruf mal die, mal jene Pizza liefern sollen, dann: nein.

    Das geht soweit, dass eine Lektorin eines der größten Verlage mir tatsächlich gesagt hat: Ich verstehe, dass Sie die Handlungen und die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonistin als authentische Figur ihrer Zeit zeigen möchten, aber unsere LeserInnen sind ... Jahre alt und sehen das anders/verstehen das nicht und dann mögen sie die Protagonistin nicht mehr, folgen ihr nicht mehr.

    Die Aussage der Lektorin ist nicht nur respektlos dir gegenüber, so als würde sie deine Leserinnen und Leser besser kennen als du selbst, sondern sie zeugt diesen gegenüber auch von einer großen Herablassung, als wären Leserinnen und Leser ein Haufen unmündiger, leicht beschränkter „Buchkonsumenten“, denen man die Auseinandersetzung mit einem Romanstoff so leicht wie möglich machen müsse. Und: Woher will die Lektorin das alles wissen, wer wovon wie viel versteht?

    Schon mehrfach habe ich mir gewünscht (und das auch an entsprechender Stelle gesagt), dass die Verlage doch mehr Mut haben sollten, der Leserschaft differenziertere Geschichten anzubieten. Vielleicht finden die LeserInnen den Stoff ja richtig gut und das entsprechende Werk findet reißenden Absatz.

    Für mich hat der Reichtum der Literatur zu einem gewichtigen Teil immer auch in der Vielfalt der Romanstoffe sowie in der Vielfalt jener Menschen bestanden, die diese Stoffe zu Geschichten formen. Diese Vielfalt manifestiert sich am stärksten in der Midlist. Und die ist gerade für Vielleser essentiell. Und ausgerechnet der rücken insbesondere die Big Player mit der Abrissbirne zu Leibe.

    Ich denke, die Verlage müssen aufpassen, dass sie sich damit langfristig nicht ihr eigenes Grab schaufeln. Es ist wie in jeder Branche. Mit der Entwicklung und der Platzierung jener Produkte im Markt, die morgen meine Konkurrenzfähigkeit sichern sollen, kann ich nicht erst morgen beginnen. Und wenn Vielfalt für die größte Umsatz generierende Käufergruppe von höchster Relevanz ist, kann sich auf Dauer kein Verlag erlauben, diese Relevanz gering zu achten oder gar zu ignorieren.

    Aber was weiß ich denn schon ...

    Dieses Thema, dass Du lieber Jürgen hier aufmachst, rumort in mir schon seit einiger Zeit und ich bin persönlich inzwischen (schreibtechnisch) so frustriert, dass ich seit einem Jahr, "meinen" Verlagen überhaupt keine Geschichte mehr angeboten habe, obwohl die Bereitschaft zu weiteren Titeln seitens beider Verlage kommuniziert wurde.

    So ist es. Nach ähnlichen Erfahrungen vor eineinhalb Jahren habe ich meine Projekte ebenfalls nicht mehr angeboten - mit einer Ausnahme Ende letzten Jahres, bei der ich aber eine "nette" Absage bekam in der Art, dass die Lektorin das Buch sehr gerne lesen würde, jedoch keine Chance sähe, es in ihrem Verlag unterzubringen.

    Ja, an dem Punkt geht es wirklich ans Eingemachte. Meine Laune bewegt sich in Richtung Gefrierpunkt, wenn ich höre, wie tief der Frust sogar bei etablierten und erfolgreichen Autorinnen und Autoren sitzt. Wie wirklichkeitsfremd ist es da, wenn ein Unveröffentlichter sich überhaupt Gedanken darüber macht, noch einen Fuß in die Tür zu bekommen? Dafür sehe ich nur zwei Möglichkeiten. Option 1: Man macht eine Wallfahrt nach Lourdes und bittet den lieben Gott darum, im eigenen Fall ausnahmsweise mal für die Verkettung möglichst vieler positiver Umstände zu sorgen inklusive der Bereitstellung einer relevanten Dosis von Vitamin B. Oder Option 2: Damit aufzuhören, das Ganze noch länger nur als Spiel zu betrachten und jetzt endlich die LitNob kompatible Hammergeschichte zu schreiben, so wie das ja schließlich auch die Debütanten vorangegangener Autorengenerationen hinbekommen haben.;)


    Aber im Ernst. Schreiben ist Arbeit. Unter anderem. Und es macht auch sehr viel Spaß. Nicht immer, aber oft. Aber sobald der Spaß an der Freud erst einmal weg ist, kann auch nichts Gescheites mehr dabei herauskommen. Zumindest ist das bei mir so. Jahrelang habe ich das als einen Mangel an Professionalität interpretiert. Aber wenn ich jetzt eure Worte lese und an die anderer Autoren denke ...

    Den Spaß am Schreiben will ich mir solange wie möglich bewahren. Zusammen mit einer Agentur oder wem auch immer ein Romanprojekt zu skizzieren und das auf Augenhöhe: No problem. Aber dazu müsste man ja erst mal einen Fuß in die Tür bekommen. Und damit das passiert ... siehe oben. Aber wenn es jetzt nicht einmal mehr darum geht ... Stattdessen malen nach Zahlen, sorry, schreiben ...

    Meiner Erfahrung nach aber hat es in den letzten Jahren eine negative Entwicklung dahingehend gegeben, dass Verlage/Agenturen/Buchverkäufer sich Details der Figuren und des Settings ansehen, die sich besonders gut verkauft haben und diese dann auch von den Autoren für ihre neuen Geschichten fordern. Je mehr Details durch das entsprechende Genre "festgetackert werden", um so mehr wird alles zum Einheitsbrei.

    Das meine ich. Dass jemand, der Genre schreibt, sich auch an Genrekonventionen halten muss, will sie oder er nicht riskieren, seine Leser zu verlieren, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber die Geschichten, von denen ich spreche, sind unmöglich auf der Grundlage einer Art von Pflichtenheft zu schreiben, sollen sie nicht in der Masse des Einheitsbreis untergehen, von dem Cordula hier spricht.

    Ich empfinde die Versuche, kategorisiert zu werden, eher im Gegenteil als Chancenverhinderer.

    Genau darum geht es mir in diesem Thread. Chancenverhinderung. Warum ein Manuskript veröffentlicht wird und ein anderes nicht, obwohl beide handwerklich gut gemacht sind, sprachlich gängigen Ansprüchen gerecht werden, beide eine berührende oder spannende, in jedem Fall aber unterhaltsame Geschichte erzählen, mit gut herausgearbeiteten Figuren, lebensechten Dialogen und dramaturgisch ohne Fehl und Tadel. Oder ungefähr so. ±5%. Aber dann kommt jemand, klebt auf das eine Manuskript ein grünes Etikett mit der Aufschrift 2. Schublade von links, vierte Reihe von unten. 1x waschen, entlausen, föhnen, trimmen und auf das andere Manuskript ein rotes Etikett mit der Aufschrift Schublade nicht vorhanden! Bitte schreddern.

    Und dann stelle ich mir vor, wie viele lesenswerte Geschichten deswegen ungelesen bleiben und wie viele andere Geschichten daraufhin nie geschrieben werden. Und was es für die Chancen eines bislang unveröffentlichten Autors bedeutet, wenn sogar etablierte Veröffentlichte mit diesem Problem konfrontiert werden.


    Was ich gleichfalls nicht verstehe: Wenn Genreschubladen schon als unentbehrlich vorausgesetzt werden, warum dann nicht anstelle der Geschichten die Schubladen passend machen? Die Schubladen etwas flexibler zu gestalten, anstatt immer neue Subgenres zu etablieren, die noch mehr Einschränkungen mit sich bringen?

    Ein konkretes und nur leicht verfremdetes Beispiel: Eine Geschichte, in der sexuelle Gewalt und Missbrauch eine zentrale Rolle spielen, ohne indes eine Geschichte über sexuelle Gewalt und Missbrauch zu sein. Stattdessen Unterhaltungsliteratur im besten Sinne. Eine Gratwanderung, zugegeben. Opfer, die keine Opfer sein wollen. Die sich ins Leben zurückkämpfen. Dreiviertel der Geschichte 'on the road', fast also eine Roadnovel. Eine Geschichte, in der viel gelacht wird und in der einem das Lachen ebenso oft im Halse stecken bleibt. Eine Geschichte über Freundschaft. Eine Liebesgeschichte zuletzt.

    Und das eine der Reaktionen auf diese Geschichte: „Sehr schöne, überaus interessante Geschichte. Aber die Genreverortung ist schwierig, um nicht zu sagen unmöglich. Aber wenn die Liebesgeschichte deutlich ausgebaut würde ... ja, die Geschichte als Liebesroman erzählen ...“

    Ja, dann wäre es irgendeine Geschichte, aber nicht mehr die Geschichte, die erzählt werden wollte. Und es steht für mich außer Zweifel, dass die Geschichten, die eine Autorin, die ein Autor erzählen will, potentiell die besseren Geschichten sind, verglichen mit denen, die sie erzählen sollen.


    Herzliche Grüße,


    Jürgen