Beiträge von Tom

    Hallo, Katharina.


    Schreiben ist etwas, für das ich nicht motiviert sein muß. Manchmal ist es sogar ganz hilfreich (oder erzeugt erstaunliche Resultate), wenn man keine Lust hat. Und nichts, was ich schreibe, geht gleich im Anschluß zum Verlag. :D


    Wenn ich unter Druck bin, also Abgabefristen einzuhalten sind, stellt sich diese Frage überhaupt nicht - unter Druck arbeite ich sowieso am besten (und am liebsten). Die Motivation stellt sich ohnehin spätestens nach zwei, drei Absätzen ein. Das Gegenmittel lautet also: Schreiben.


    Mein (derzeitiges) Hauptproblem ist eher die Zeit. Mein Hirn quillt über vor Ideen, aber ich komme leider nicht dazu, mehr als ein paar Notizen und Fragmente aufzuschreiben. Das nervt. :(

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    Was macht ihr denn nun, wenn tatsächlich etwas von euren Texten im riesigen Computer-Nirvana verschwindet?


    Ich mache von allem, an dem ich arbeite, täglich drei Datensicherungen - eine auf meine Mini-Festplatte, eine auf eine große externe Festplatte, die in den Tresor wandert, eine durch Spiegelung auf den Laptop. Einmal im Monat wird zudem eine DVD erzeugt. Daß mir irgendwelche Daten verlorengehen, das ist laaange nicht mehr passiert. Allerdings habe ich - <hüstel> - letztens irgendwann genau verkehrtherum gesichert, also die Tagesarbeit - und da hatte ich viel geschrieben - mit den Backups überschrieben. Glücklicherweise ließen sich die Dateifragmente mit entsprechenden Recovery-Tools wieder zusammensetzen, das hat 'ne Stunde gedauert.


    Man kann immer noch irgendwas retten, zur Not bei - allerdings recht teuren - Diensten, die sogar Daten aus geschmolzenen CDs und Festplatten wiederherstellen.


    Und wenn auch das nicht hülfe - neu schreiben. Plot, Figuren usw. sind ja immer noch im Kopf, und vielleicht wird der Text ja dramatisch besser auf diese Weise. 8)

    Ich kann die handlichen, etwa zigarettenschachtelgroßen USB-2-Festplatten nur empfehlen. Das geht fix und ist vergleichsweise sicher, wenn man das Ding nicht einfach ausstöpselt (Cache kann verlorengehen!), sondern "Sicher beenden" wählt. Aber für Buchprojekte reicht auch ein Stick - solche mit 1 GB Speicher gibt's für um die 50 Euro. USB-Festplatten haben den Vorteil, daß man quasi seinen gesamten Arbeitsplatz mit sich herumschleppen kann.


    @TWJ: Mit WordStar habe ich auch gearbeitet - schließlich habe ich in den frühen Achtzigern die ersten IBM-PCs verkauft. WordStar arbeitete nach dem heute nicht mehr üblichen Prinzip: What-you-see-has-nothing-to-do-with-what-you-get.

    Hallo, Doris.


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    >>Ihre blauen Augen strahlten in ihrem runden Gesicht, während die braunen Locken den verzweifelten Versuch zu starten schienen, ihre dicken Backen zu verdecken.<<


    Das Feedback, das ich bekam war: Und wen interessiert das? Den Lesern ist völlig wurscht, wie die Nebenfiguren aussehen!


    Nun, ich habe die Geschichte - "Ein neues Gefühl" - vorhin gelesen, und ich hätte einiges dazu anzumerken. :D


    Lesern ist absolut nicht wurscht, wie Nebenfiguren aussehen. Nebenfiguren können für die Atmosphäre und die Einschätzung der Hauptfiguren von enormer Bedeutung sein; ich liebe Nebenfiguren. Allerdings muß ich - bezogen auf die gesamte Geschichte - dem Rezensenten eingeschränkt recht geben: Die Beschreibung grätscht heraus, und überhaupt scheinen mir viele Beschreibungen (auch die von René) eher bedeutungsarm (kein Einfluß auf die Geschichte), und der oben zitierte Satz hat zwei weitere Probleme: Er ist zu gewollt blumig, wirkt deshalb gekünstelt und ein bißchen hölzern (" .. den verzweifelten Versuch zu starten schienen ..." - das liest sich einfach seltsam), außerdem ertrinkt er in Adjektiven, von denen zwei - rund und dick - auch noch semantisch übereinstimmen. 8)


    Aber wir besprechen hier nicht Deinen Text, sondern feiern Deinen Einsteig bei den 42ern. :bier

    Hallo, Doris.


    Das wird spannend mit Dir in der Besprechungsecke. =)


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    In meinem konkreten Fall damals (übrigens keine Kindergeschichte), war es allerdings einfach so, dass meine Geschichte nicht als schlecht abqualifiziert wurde, sondern einfach immer wieder Sprüche kamen wie "ICH hätte diesen Charakter anders angelegt!" oder "Anstelle der dicklichen Oma hätte ICH eine junge Blondine genommen!", etc.! (Okay, ich übertreibe jetzt mal.)


    Okay, Du übertreibst - und Du hast die Begründungen (gab es welche?) weggelassen, die die Kritiker geliefert haben. Wenn auf diese Art dramaturgisch in eine Geschichte eingegriffen wird, sollte der Rezensent gut und glaubhaft begründen können, warum er glaubt, daß diese Änderung zu einer Verbesserung führen würde. Und dann ist auch vorstellbar, daß der Autor diese Variante ausprobiert - und eine tatsächlich besser Story abliefert. Muß aber nicht sein. Was ich sagen will: Bei uns ist es durchaus üblich, daß dramaturgische und inhaltliche Vorschläge kommen, aber die sind durch die Bank in der oben genannten Art begründet. Allerdings muß man sich auch Anmerkungen wie "Kürzen! Kürzen! Kürzen!" oder "Tu mal was gegen Deine chronische Adjektivitis!" anhören. 8)


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    Das waren allerdings Änderungsvorschläge, die die gesamte Geschichte umgeschrieben hätte. Zudem wäre die Handlung dann nicht mehr stimmig gewesen. (Wie kann eine hübsche, junge Blondine, der Protagonistin mütterlichen Trost spenden? In meinen Augen undenkbar.)


    Dazu läßt sich schwer was sagen - ich kenne weder den Ausgangstext, noch die ausführliche Erklärung des Rezensenten. Natürlich ist es Unfug, Änderungen vorzuschlagen, die an anderen Stellen die Story brechen.

    Hallo, Doris.


    Ich denke, Du solltest Dich wirklich mal in der Besprechungsrunde umtun und die Threads zu den vier oder fünf Texten lesen, die wir seit dem Wechsel auf die Forenstruktur besprochen haben.


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    Was sagt also die negative Kritik des Lesers, der definitiv nicht zur Zielgruppe gehört aus?


    Nunwohl, derzeit besprechen wir ein Theaterstück, und ich gehe so gut wie nie ins Theater. 8)


    Der Umkehrschluß Deiner Ausführungen wäre der, daß ein nicht zur Zielgruppe gehörender Mensch niemals beurteilen kann, ob eine Geschichte gut oder schlecht ist bzw. was an ihr zu verbessern und zu ändern wäre. Damit wäre eine ganze Berufsgruppe arbeitslos, nämlich die Lektoren von Kinderbüchern. Generell hätten es Lektoren schwer, denn es ist mitnichten so, daß sie ausschließlich Bücher bearbeiten, zu deren Zielgruppe sie gehören. Und die Arbeit eines Lektors besteht entgegen der landläufigen Meinung nicht hauptsächlich in der Korrektur der Bücher unter grammatikalischen und orthographischen Gesichtspunkten - nicht einmal zum überwiegenden Teil. Dafür nämlich sind Korrektoren da.


    Wenn etwas schlecht geschrieben ist - nicht "einfach" oder "unkompliziert", sondern schlecht -, dann kann das ein jeder Leser erkennen. Wenn es dramaturgische Brüche gibt, unmotivierte Perspektivwechsel, lose Handlungsstränge, Unlogik und hölzerne Dialoge, dann ist das ganz unabhängig von der Zielgruppe.


    Und übrigens ist es scheißschwer, die Ansprüche von sehr jungen Lesern zu befriedigen. =)

    Hallo, Gerd.


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    Das ist schon eine bittere Wahrheit, mit der wir uns alle auseinandersetzen müssen und MH verarbeitet sie (und viele andere) auf provokante Art und Weise.


    Immerhin gibst Du mir teilweise recht. Und ich verneine nach wie vor die Prämisse des Romans, die da lautet: Der Verlust der Lust und der Möglichkeit, sie entsprechend (siehe Zitat) zu befriedigen, stellt die Niedergang des individuellen Menschseins dar. Mit Verlaub, das ist m.E. schlicht Unfug - den MH zwar virtuos beweist (innerhalb des Romans), der dadurch aber eben nicht zur Wahrheit wird.


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    Henscheid, Schulz, Ruff und Simmons kenne ich nicht, werde ich aber nachholen und bin gespannt.


    Henscheid ist ein Faktotum der sog. "Frankfurter Schule", der u.a. Gernhard und Waechter angehörten, seine Romane sind etwas seltsam, aber unglaublich komisch und jedenfalls originell. Schulz hat mit "Kolks blonde Bräute" und "Morbus Fonticulli" den deutschen Kneipenroman auf Literaturniveau gehoben. Ruff ist eigentlich ein Fantasy-Autor, der mit "Ich und die anderen" einen zauberhaften Roman über Bewußtseinsstörungen vorgelegt hat. Simmons ist m.E. der mit Abstand beste lebende Science-Fiction-Autor, auf dessen Fortsetzung zu "Ilium" ("Olympos", erscheint im Januar) ich händeringend warte.


    Was ich ansonsten so - querbeet zumeist - lese, kannst Du den "Buchtips" auf meiner Site (siehe Link in der Signatur) entnehmen. Bei SF/F gibt es m.M.n. wenige deutsche Autoren, die den Amis und Engländern das Wasser reichen können; eine Meinung, die mit Schrott wie "Phainomenon" von H.D. Klein unterfüttert wird. Die großen amerikanischen Erzähler wie Roth, Updike, Pynchon, DeLillo usw. haben kaum Pendants in Europa, allerdings nutzt sich diese Familiensache langsam etwas ab; Roth' letzten ("Verschwörung gegen Amerika") fand ich eher schlecht. Deutsche Autoren wie Juli Zeh, Karen Duve, Frank Schulz und andere lese ich sehr gerne, auch Bücher von Leuten, die sich der Unterhaltung widmen, wie Wiebke Lorenz usw.

    Diejenigen, die sich neu für das Forum der 42erAutoren registrieren, überlesen vielleicht den Hinweis auf der Portalseite, daß mit den freigeschalteten Forenangeboten noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Denn dieses Forum ist die neue Heimat der nunmehr seit 7 Jahren aktiven "Besprechungsliste" der 42erAutoren, die vorher bei Yahoo als Mailingliste betrieben wurde.


    Um die teilnehmenden Autoren und ihre Texte zu schützen, muß man sich für dieses Angebot gesondert registrieren. Wie, das steht auf der Portalseite.


    In diesem Forum besprechen wir im Wochenturnus den Text eines Mitglieds. Es geht um Prosa und um Texte von maximal 30 Seiten Länge - Romananfänge, Kurzgeschichten, aber auch Theaterstücke und Essays. Die Qualität der Besprechungen ist recht hoch, die "Liste" ist keine Kuschelrunde. Fast 400 Texte sind in den vergangenen Jahren verhackstückt worden; manch ein "besprochener" Autor zählt inzwischen zu den arrivierten, aber andere haben das Schreiben nach einer solchen Woche auch aufgegeben ... 8)

    Hallo, Michael, hallo, Gerd.


    Um nicht falsch verstanden zu werden - ich lese Hullebeck =) ja gerne, sonst hätte ich nicht alle Bücher gelesen ("Elementarteilchen" ist tatsächlich das beste), aber inhaltlich ist vieles absoluter Schrott, und "Plattform" m.E. sogar vollumfänglich. Das ändert nichts daran, daß der Mann fantastisch schreiben kann und ganz sicher intelligent ist.


    Wo allerdings sind die "Wahrheiten" bei solchen Abschnitten zu suchen?


    (Es geht um vierzehnjährige Mädchen, Seite 72):


    "... und dennoch wäre jeder Mann um die Fünfzig bereit gewesen, für irgendeinen dieser jungen Körper Geld zu zahlen, viel Geld, und sogar seinen Ruf, seine Freiheit, ja sein Leben aufs Spiel zu setzen. Wie einfach doch das Leben war! Und wie ausweglos! [ ... ] Zu jener Zeit wurde das Jugendschutzgesetz verschärft und insbesondere der Sexualverkehr mit Minderjährigen mit immer höheren Strafen geahndet; die Forderung nach medikamentöser Kastration wurde immer lauter. Die sinnliche Begierde bis ins Unerträgliche zu steigern und deren Befriedigung immer mehr zu erschweren, das war das Grundprinzip, auf dem die westliche Gesellschaft basierte. [ ... ] Ich bildete mir nicht ein, daß ich mich den Gesetzen der Natur entziehen konnte; die Tendenz zur Abnahme der erektilen Fähigkeiten des Penis, der Notwendigkeit, junge Körper zu finden, um diesen Mechanismus zu bremsen ..."


    Undsoweiter. Der dieserart zitierfähigen Absätze gibt es viele. Liest sich interessant, hat einen hohen Provokationsfaktor, ist aber inhaltlich völliger Quatsch, wenigstens nicht allgemeingültig - und weit, weit davon entfernt.


    @Gerd: Meine Lieblingsbücher der letzten zehn Jahre? Kriege ich nicht zusammen, aber hier wenigstens einige, die mich in den letzten zwei, drei Jahren sehr beeindruckt haben:


    Matt Ruff - Ich und die anderen
    Philip Roth - Sabbaths Theater
    Don DeLillo - Unterwelt
    John Updike - Erinnerungen an die Zeit unter Ford
    Eckhard Henscheid - Geht in Ordnung ... sowieso ... genau
    Frank Schulz - Morbus Fonticulli oder Die Sehnsucht des Laien
    Thomas Bernhard - Der Atem
    Rainald Goetz - Irre
    Dan Simmons - Die Hyperion-Gesänge


    usw.

    Hallo, Doris.


    Auf der Startseite des Forums steht in der Mitte ein Text, in dem es darum geht, daß es hier noch Besprechungsforen usw. gibt, für die man sich registrieren muß, nachdem man die erste Registrierung abgeschlossen hat. Dafür muß man eine private Nachricht an den Administrator schicken. Dafür wiederum klickst Du in der Menüleiste einfach auf "POSTFACH", dann auf "neue PN", suchst Dir den Administrator als Empfänger und bittest um Aufnahme in die Besprechungsliste(n). Fertig.

    Hallo, Hans Peter.


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    Oder ist MH doch der King einer neuen Sekte?


    Ich habe mein Exemplar von "Die Möglichkeit ..." leider nicht hier, aber ich hatte einige Seiten markiert, auf denen Behauptungen aufgestellt werden, die mit den folgenden (sinngemäß, nicht wortwörtlich) zu vergleichen sind: Es geht, zum Beispiel - wie so oft - um Sex mit Jugendlichen; Houellebecqs Protagonist vertritt die Ansicht, daß Sex mit Menschen straffrei und üblich sein sollte, sobald diese die Pubertät verlassen haben. Nach der Adoleszenz wäre die sexuelle Reife gegeben, und somit auch die Notwendigkeit, Geschlechtsverkehr zu haben, und zwar nicht nur mit seinesgleichen (altersmäßig). Außerdem führt Houellebecq aus, daß unsere Gesellschaft - zuvorderst die Medien - mehr und mehr mit dem Bild des begehrlichen, "knackigen" Jugendlichen arbeitet, es aber zugleich denjenigen, die diesem Begehren nachgeben möchten, dramatisch erschwert, sogar verweigert, dies auf legalem Wege zu tun. Irgendwo heißt es da lapidar "Heutzutage hat jeder schon einen Prozeß wegen Pädophilie hinter sich." Was er zu sagen versucht, das läßt sich vereinfacht so ausdrücken: Die immanente Triebhaftigkeit wird sinnloserweise einem völlig bedeutungslosen sozialen bzw. zivilisatorischen Prozeß geopfert, und damit auch jeder einzelne, dem das Ausleben dieser Triebhaftigkeit verwehrt wird - zu seinem großen Unglück, und das ist der Kern der Sache. Die Argumentationsketten, die zu solchen Schlüssen führen, sind durchaus intelligent aufgebaut, und ich verstehe auch, daß es Leute gibt, die derlei zustimmen - übrigens ohne sie dafür zu verurteilen. Aber die Ausgangslage, die Basis für diese Betrachtungen, ist m.E. (sogar objektiv) falsch, weil Houellebecq einfach die Sicht auf die Dinge umkehrt, Ursache und Ergebnis vertauscht. Die Gründe für die Ächtung des Geschlechtsverkehrs von Erwachsenen mit Heranwachsenden und Minderjährigen liegen in einem kollektiven Lernprozeß, der Erkenntnis des Schadens, der durch derlei angerichtet wird; die Freiheit des einzelnen findet seine Grenze in der Freiheit des anderen, wofür der Freiheitsbegriff aber verstanden werden muß (und das ist eben erst ab einem gewissen Alter, zugegeben ab keinem festsetzbaren, gegeben). Der Verzicht (und es ist ja nicht für alle männlichen Menschen, um die es in der Hauptsache geht, ein wirklicher Verzicht) hat eine Gesamtentwicklung erkauft, die eine freiere, glücklichere Entfaltung des Systems und seiner Individuen ermöglicht, ohne daß jene wirklich geschädigt würden, die verzichten müssen, da es befriedigenden Ersatz zuhauf gibt. Anders gesagt: Man stirbt nicht daran, kein Kind beschlafen zu dürfen.


    Solche Beispiele finden sich en masse. Das Tier Mensch, von dem Houellebecq so gerne und so lange redet, das existiert nicht mehr, wenigstens nicht mehr in dieser Form. Das plakative Marktgeschreie vom Menschen im Zivilisationskorsett, das sein Menschsein verhindert, formuliert eine reizvolle, aber trügerische (und auch nicht sonderlich neue) These, die viele andere längst - und weitaus klüger - widerlegt haben. Aber, wie gesagt: Ich kann auch nachvollziehen, daß es Leser gibt, die atemlos nickend bestätigt sehen, was sie schon immer als Ursache für das persönliche Unglück empfunden haben. Insofern hat den Einwurf mit dem Sektierertum was für sich: Einfache Antworten, augenscheinlich fundiert formuliert, haben schon immer Anhänger gefunden. Man könnte, wenn man wollte, Houellebecq als den Coelho des gebildeten Mittelschichtlers bezeichnen.

    Huhu, Gerd.


    Freut mich, Dich zu amüsieren. Meine Aufregung hält sich allerdings in Grenzen - sie geht sogar gegen Null. Über Bücher zu streiten, die andere geschrieben haben, das hat kategorisch viel mit Religions- und Glaubensdiskussionen gemein: Selten von Erfolg gekrönt, da die wiedergegebene Meinung dem Leseeindruck entspringt, und der läßt sich im Nachhinein selten ändern.


    MH schreibt sicherlich interessante, originelle, unkonventionelle Bücher, aber letztlich reitet er auch nur eine Masche, wie andere vor und mit hoher Wahrscheinlichkeit noch mehr nach ihm. Jedenfalls ist das kein Thema, an dem ich mich tagelang festbeißen müßte. Dafür gibt's zu viele und zu viele gute - bessere - Bücher. M.M.n. 8)

    Hallo, Gerd.


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    Dass gewisse schonungslose Wahrheiten, die MH immer wieder ausspricht, schwer zu ertragen sind, spricht eher für als gegen ihn.


    Mit Verlaub, es spricht eher gegen gewisse Leser, daß sie hier "Wahrheiten" vorzufinden glauben.


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    Auch das "widerwärtige" an "Plattform" kann ich nicht nachvollziehen. Der ist schon eher prohetisch zu nennen (siehe Terroranschläge auf Bali!).


    Sprachlich und dramaturgisch armselig; inhaltlich mediokrer Dünnschiß. Was natürlich Geschmackssache ist. =)


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    Tschuldigung wenn ich es so hart sage, aber von Scheitern sprechen meistens diejenigen, die es selbst nicht hinkriegen.


    :rotfl2


    Selbstverständlich. Allerdings habe ich mich nie im Wettbewerb mit Houellebecq gesehen. Wozu auch? Er besetzt den Posten des selbstbezogenen, ignoranten Aufrührers auf dem (vermeintlichen) Vernichtungsfeldzug recht gut, und auf den Job bin ich auch nicht scharf.


    Polarisieren? Ich fühle mich nicht polarisiert. Jedenfalls nicht mehr als bei Easton-Ellis oder meinetwegen Matthias Praxenthaler. Polarisiert werden möglicherweise jene, die nicht verstehen, daß es um Unterhaltungsliteratur geht, um Kunstprodukte, bei denen der Verkauf im Vordergrund steht, und nicht die Bekehrung der Leser.

    Unterhaltsam gescheitert


    Die zynische Fernsehkomiker Daniel hat Millionen damit verdient, in seinen Shows sämtliche Tabus zu brechen, sich über alle Randgruppen zu mokieren und die Grenzen des vermeintlich guten Geschmacks permanent zu überschreiten. Paradoxerweise brachte ihm das eine Kategorisierung als Sittenwächter ein; seine latente Misanthropie erkannte niemand – oder es wollte sie niemand wahrhaben. Nun, mit Mitte vierzig, zieht sich Daniel aus dem Geschäft zurück, und er zieht sich aus dem Leben zurück, als erst die Liebe zu Isabell, der verständnisvollen, wesensnahen Ehefrau scheitert, weil ihr körperlicher Verfall sämtliche Lust vernichtete, und anschließend die zur jungen, promisken Esther, die sich ihrerseits abkehrt, um jüngere Männer zu lieben. Daniel gerät in die Sekte der Elohomiten, die – scheinbar – daran glauben, daß das Menschengeschlecht von Aliens initiiert wurde (eben jene Elohim), daß die Unsterblichkeit technisch machbar ist, aber einen Verzicht auf die Geißel des Seins – die Lust – bedingt.
    In einer Parallelhandlung lesen und kommentieren zwei stoffwechseloptimierte, begehrensfreie Nachfolgeklone Daniels (nämlich Nummer 24 und 25) Jahrhunderte später seinen Lebensbericht (den wir ebenfalls lesen). Die Menscheit ist vernichtet, bis auf wenige Wilde, die in den Ruinen herumgeistern, in denen es immerhin zweitausend Jahre nach dem Kollaps noch Plakate und T-Shirts aus der Jetztzeit gibt. Belanglose Details, denn die dramaturgische und argumentative Verfehlung dieses Buches liegt tiefer.


    Houellebecq ist sicher kein Dummer, aber seine Argumentationsketten wollen trotz aller intellektualisierenden Geschwätzigkeit und einem reichhaltigen Zitatenschatz aus Wissenschaft und Philosophie nicht überzeugen. Daniel1 mit seiner Misanthropie und der Erkenntnis der langfristigen Glücksunfähigkeit des triebgebundenen Menschen wird als Archetyp für eine Zukunftswelt skizziert, aber es scheitert, weil von falschen Voraussetzungen ausgegangen wird. Daniels Lebensbericht, der zynisch, nachgerade bösartig, deprimierend und völlig aussichtslos daherkommt, zeichnet schlußendlich eher das Bild einer manischen Frustamsel als dasjenige eines erkenntnisbeseelten Weltverstehers, gar Propheten. Die sehr symptombezogenen und extrem subjektiven Mini-Essays, die Daniels Lebensbericht immer wieder durchsetzen, befassen sich weder kategorisch, noch individuell mit Ursachenforschung, aber sie tun, als ob. Der Protagonist, den man noch mehr als in den Vorgängerbüchern für ein Alter Ego des Autors halten muß, steigert sich in wortreiche Anklagen gegen alles und jeden, gegen Sozialstrukturen, Zivilisation und Fortschritt, sucht aber das Problem nie bei sich selbst – wo es in großer Offenkundigkeit zu finden ist. Der Projektion fehlt das Subjekt.


    Nichtsdestotrotz liest sich „Die Möglichkeit einer Insel“ über weite Strecken recht gut und versöhnt zuweilen sogar mit seinem widerwärtigen Vorgänger „Plattform“, weil gelegentlich Empathie zum Helden aufkommt. Einige Absätze, Formulierungen und Argumentationsfolgen sind fesselnd, interessant, sogar erhellend; diese bleiben aber in der Minderheit. Die Majorität besteht – wie gehabt – aus haßtriefenden, aufgesetzten und wissentlich falschen Behauptungen, Anmerkungen und Beobachtungen, die einer Weltsicht entspringen, um die man Houellebecq sicherlich nicht beneiden muß. Zudem nervt das Buch zuweilen durch seine zähe Dramaturgie, gegen Ende wird es schlicht langweilig.


    Fazit: Der Versuch, mit der Gesellschaft, mit Religion, Popkultur, Zivilisation und „menschlichem“ Miteinander abzurechnen, ist gescheitert, aber die intelligenteren Passagen und durchaus gefühlvollen Selbstbetrachtungen retten „Die Möglichkeit einer Insel“. Wenn man die überzogen provokanten Abschnitte mit dem nötigen Abstand reflektiert und manch eine Fußnote augenzwinkernd überliest, bietet das Buch durchaus einen gewissen Lesespaß, vorausgesetzt, man nimmt es nicht allzu ernst.


    ASIN/ISBN: 3832179283