Beiträge von Tom

    Die Konferenz findet im virtuellen Raum statt.

    Auch das ist nicht zutreffend. Edit: Also nicht ganz. Deine Einlassung ist aber im Kern tatsächlich richtig. Allerdings ist der Raum auch nicht virtuell, sondern entsteht durch die Verknüpfung realer Räume.

    Wörter: Der, die, das, eine, einer, eines. Worte: Dies ist ein Satz. Kommas: ,,,,, Kommata: Ich denke, also bin ich, was ich zu denken glaube.

    Müsste der Thread nicht "Lauter neue Wörter" heißen?


    "verimpfen" fehlt, das gehört zu meinen Lieblingen. Was ich nicht so mag, nicht erst seit dem Beginn der Pandemie: Die beinahe durch die Bank falsche Verwendung des Adjektivs "virtuell". Eine "virtuelle Konferenz" ist nicht wirklich virtuell, sondern tatsächlich und real. Virtualität und die Verwendung digitaler Medien sind nicht das gleiche.


    Aber was rede ich? Wir sprechen schließlich alle davon, dass wir Bücher schreiben würden. Tatsächlich schreiben wir Texte, möglicherweise noch bestimmte Textgattungen, aber Bücher sind nichts, das man schreiben könnte. Das nur am Rande. 8)

    Wir wissen, dass neuronale Potentialveränderungen Denkvorgänge sind. Wir wissen aber nicht, wie die Denkvorgänge auf diese Weise codiert sind. Es ist keine Reihenfolge von Bits oder so, die man entschlüsseln könnte, um dann zu dem Ergebnis zu kommen: Hey, der Typ hat schon wieder an Sex gedacht. Oder: Diese Person ist durstig, und sie hat Lust auf Bier. Außerdem ist ein komplexes Netzwerk an einzelnen Vorgängen beteiligt, zuweilen außerdem mehrere Hirnareale.


    BCIs können bislang etwa das, was wir bezogen auf unser Sonnensystem und seine nächstgelegenen Nachbarn an Raumfahrt können. Wir sehen die Planeten und können sie beobachten und mit viel Aufwand Sonden auf die Nachbarn schicken, aber wir erreichen in persona höchstens den Mond, auf dem quasi nichts passiert. Selbst unseren direkten Nachbarplaneten können wir bislang nicht bemannt erreichen, und gerade erst hat die erste Sonde, die vor über 40 Jahren losgeschickt wurde, den Rand unseres eigenen Sonnensystems passiert.

    Die benachbarten Sonnensysteme können wir höchstens anschauen. Alpha Centauri ist gut 4 Lichtjahre entfernt; alles, was wir von dort sehen, ist vor über vier Jahren passiert, ein Funk- oder Lichtwellensignal, das wir dorthin senden, kommt in vier Jahren an, und das schnellste Raumfahrzeug, das bislang von Menschen gebaut wurde, bräuchte mehrere Hunderttausend Jahre dorthin.

    Man kann durch sensorische Messung und durch Bildgebung herausbekommen, welche Hirnareale aktiv sind. Je nach Genauigkeit kann man das stärker eingrenzen, beispielsweise bewusst ausgelöste motorische Vorgänge auf konkrete Gliedmaßen beziehen. Aber man sieht nur Ergebnisse und Effekte des Denkens, nicht das Denken selbst. Man misst Wärme und Elektrizität, aber man liest keine Gedanken.

    Können Sie das?

    Nein. Niemand weiß, wie das Denken funktioniert, oder wie unser Gehirn das abstrahiert, was wir "Gedanken" nennen. Niemand.


    Ich habe kürzlich eine sehr fundierte Doku über BCI gesehen, Brain-Computer-Interfaces, also das nächste große Ding. Forscher bringen jede Menge Sonden am Kopf an - die Sets gibt's schon für unter 100 Dollar - und messen Daten, also Ströme. Das geht schon ziemlich genau, aber es werden letztlich weiterhin einfach nur Ströme gemessen, an der Oberfläche. Daraus leitet man, wie HD angemerkt hat, Muster ab. Wenn hier und da und dort die Ströme bestimmte Pegel erreichen, scheint der Mensch ungefähr an dies und das zu denken. Trainiert man eine solche Topologie lange genug, kann man einfache Dinge vermeintlich mit seinen Gedanken steuern (oder vermeintlich erkennen, woran jemand denkt, weil das Muster das gleiche ist wie zuvor beim gleichen Gedanken). Tatsächlich aber hat die Mimik gelernt, besonders aktive Hirnareale zu erkennen, und wir haben parallel gelernt, in diesen Arealen besonders aktiv zu sein. Fällt beides zusammen, geht eine Lampe an oder so.

    Umgekehrt geht das auch schon. Man kann durch Elektrostimulanz über ganz ähnliche Aufbauten Zustände beeinflussen. In der Neurologie wird das schon seit langer Zeit eingesetzt, mal sanfter und mal brachialer. Man geht aber inzwischen noch etwas weiter, spielt mit Stärken und Frequenzen und genaueren Stimulationen, und man kann Leute tatsächlich dazu bringen, beispielsweise fokussierter zu sehen (also bei einem Videospiel den Highscore zu knacken, bei dem sie vorher versagt haben), aber im Gegenzug haben sie währenddessen keine Orientierung und Lallen. Was da aber genau, auf zellulärer Ebene und eben in der Abstraktion geschieht, weiß man nicht.

    Allerdings werden viele gute englische Titel (meiner Meinung nach) eher "ungünstig" ins Deutsche übersetzt.

    Das ist wohl wahr, obwohl international agierende Autoren heutzutage immer mehr in dieser Sache mitzureden versuchen. Aber "Eine gute Ehefrau" ist durchaus eine passable Übersetzung des Originals. Schon der Originaltitel ist einfach ein wenig irritierend.

    Hängt natürlich auch vom Vertrag ab. Wenn es so eine Art Exklusiv-Vertrag mit der Agentur ist, kann man das nicht so einfach machen, bzw. muss sich dazu mit der Agentur zumindest abstimmen.

    Von der Außenwirkung abgesehen, denn die Branche ist stark vernetzt. Ein Autor, der sich, obwohl er von einer Agentur vertreten wird, (zusätzlich) eigenständig umtut, und sei es auch nur für "Nebenprojekte", sorgt u.U. für Irritationen. Das sollte man unbedingt mit der Agentur abstimmen. Wenn, wie HD sagt, die Vertragssituation das überhaupt zulässt. Üblicherweise wird das Werk vertreten. Und das umfasst in aller Regel den gesamten (belletristischen) Ausstoß.

    "Auf Interesse stoßen" klingt danach, als würde man die ganze Zeit vortanzen, bis dann mal eine müde, aber wenigstens halbwegs positive Reaktion aus dem Publikum kommt.


    Wenn ich Lust auf Projekte habe, die zeitlich (weil man nicht mehrere Titel gleichzeitig anbietet und die Taktung nicht zu hoch ansetzt) oder irgendwie strukturell nicht so recht passen würden, spreche ich mit der Agentur darüber, bevor ich mir allzu intensive Arbeit mache. Ich betrachte eine Literaturagentur als Partner; wir haben beide das gleiche Interesse. Ich denke, umgekehrt ist es ebenso. Also tauschen wir Argumente darüber aus, warum was wann wem angeboten wird. Sollte ich dennoch ungeheure Lust darauf haben, etwas zu machen, das die Agentur nicht für angebotsreif hält oder nicht vertreten möchte, könnte ich natürlich darüber nachdenken, es selbst anzubieten, oder SP zu veranstalten, aber die Argumente dagegen sind möglicherweise stichhaltig. Das ist aber auch alles eine Frage des Aufwands. Wenn ich viel Zeit und Energie in ein Seitenprojekt investiere, ziehe ich beides sozusagen vom Hauptstrang ab. Und damit schade ich mir letztlich selbst.

    Petra: "Die gute Ehefrau" klingt einfach noch mehr nach einem Berater aus den Fünfzigern als "Eine gute Ehefrau". Aber der Titel ist bei aller Krittelei passend, denn dieses Martyrium, das Patty durchlebt, hat - neben der Tatsache, dass sie Tommy liebt - auch nicht eben wenig mit dem Rollenverständnis zu tun.


    Es passt nicht ganz, und es hat nichts mit dem Roman zu tun, aber es ist fast schon ein Klassiker und immer wieder lustig - und es trainiert die Kopfschüttelmuskeln. (Das Zeug, das hier beworben wird, war übrigens nichts weiter als Schnaps):

    Eine Ergänzung: Ich mag Stewart O'Nans Texte sehr, das dürfte jedem, der meine Rezensionen liest, inzwischen aufgegangen sein, und insbesondere mag ich seinen Stil, der sehr sachlich und präzise und irgendwie beiläufig ist, und gleichzeitig zwangsläufig. Aber aus irgendeinem Grund hat O'Nan irgendwann beschlossen, dass Kapitel immer und auf jeden Fall Überschriften haben müssen. Die Kapitelüberschriften in seinen Büchern aber wirken wie Wegweiser an einer Strecke, die überhaupt keine Abzweigungen hat. Sie sind vollkommen überflüssig und liefern keine ergänzende Information, sie sind nichts weiter als Namen für die folgenden Seiten. Tatsächlich nehme ich Kapitelüberschriften beim Lesen kaum wahr, aber durch diese absurde Überflüssigkeit zwingt mich ausgerechnet der Purist O'Nan, sie zu lesen. Als ich bei "Die gute Ehefrau" beim Kapitel "Danksagungen" angekommen war, war das die erste hilfreiche Überschrift. 8)

    Berührend und mit starkem Nachhall


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    Der im Jahr 2005 erstmals publizierte Roman heißt im Original „The Good Wife“, also „DIE gute Ehefrau“, und auch wenn der Titel irritierend, ratgebermäßig, ein wenig anachronistisch und abschreckend daherkommt, trifft er präzise den Kern.



    Die Geschichte beginnt in den Siebzigern in Owego, einer viertausend-Seelen-Gemeinde am Southern Tier Expressway im Staat New York, und sie endet fast dreißig Jahre später an derselben Stelle. Patty und Tommy, von denen man nie die unverniedlichten Fassungen ihrer Vornamen erfährt, haben sich ein kleines Glück aufgebaut. Die beiden Mittzwanziger wohnen in einem gemieteten Haus am Rand des Ortes, Patty ist schwanger, sie und er arbeiten zwar in Hilfsjobs, aber sie führen ein gutes Leben und lieben sich sehr. Was Patty nicht ahnt: Um an die Dinge zu kommen, die er besitzen möchte, sich aber nicht leisten kann, geht Tommy nachts auf Einbruchstour, zusammen mit seinem Kumpel Gary. In einer dieser Nächte, während Patty glaubt, die beiden würden in der Kneipe sein, treffen sie überraschend die alte Mrs Warner an, und die Frau wird Opfer dieses Vorfalls. Mit diesem Geschehen fängt der Roman an. Ein paar Wochen später wird Tommy zu lebenslanger Haft verurteilt.



    In der ihm eigenen, ungeheuer präzisen, fast puristischen, leicht distanzierten, aber eigentlich äußerst nahen, schnörkellosen und umso eindringlicheren und schöneren Erzählweise lässt uns der unglaubliche Stewart O’Nan am Schicksal dieser weißen Unterschichtler teilnehmen, die man in Amerika als „White Trash“ bezeichnet. Aus der Sicht von Patty, die mit der extremen Situation umgehen muss, aber nie ihre Treue Tommy gegenüber ernsthaft in Frage stellt, erleben wir einen eigentlich deprimierenden, anstrengenden, entbehrungsreichen, mit nur sehr kurzen und kleinen Glücksmomenten durchsetzten Alltag mit. Die Frau kämpft sich durch Geburt und Jobsuche und die Willkür der Behörden, sie setzt sich an jedem Wochenende der Qual eines Besuchs in einem Hochsicherheitsgefängnis aus, und sie hofft. Nein, sie glaubt. Dass sie das tun muss, und dass es irgendwann wieder gut wird.



    Wie immer bei O’Nan entwickelt man ein sehr starkes Gefühl der Verbundenheit zu seinen Figuren, aber auch eines des Miterlebens, der Authentizität, wenn er von Belanglosigkeiten erzählt, vom alltäglichen Kampf, vom persönlichen Schicksal. Kaum ein anderer zeitgenössischer Autor würde es schaffen, eine solche Geschichte, die wenige Höhepunkte hat, auf eine vereinnahmende Weise zu erzählen, also so, dass man sie gerne liest: Die Lebensgeschichte einer Frau am Rand der Gesellschaft, deren Mann wegen Totschlags im Gefängnis sitzt.



    „Eine gute Ehefrau“, wenn auch nicht eben glücklich (aber, wie erwähnt, zutreffend) betitelt, ist ein starker, fesselnder, tatsächlich auch spannender Roman, und unterm Strich eine Heldinnengeschichte. Berührend, ein bisschen optimistisch, und mit starkem Nachhall.


    ASIN/ISBN: 3499242788