Beiträge von Tom

    Ja, die meisten Schreibpodcasts richten sich an ambitionierte Amateure, und auch dieser hier fällt zu einem Teil in diese Kategorie, aber nicht nur. Ich habe mit dem Podcast-Zuhören die gleichen Schwierigkeiten wie Du, Silke, und ich lese tatsächlich auch lieber, aber beim Fahrrad- oder Autofahren sind Podcasts eine gute Alternative dazu, zum viertausendsten Mal das letzte "The National"-Album zu hören, obwohl das wirklich gut ist. Was mich noch mehr als die Zielgruppe stört, das ist die laienhafte Machart der meisten Podcasts. Einfach mit irgendeiner Open-Source-Software zwei Leute aufzunehmen, die irgendwas in ihre Billig-Computermikros quatschen, ohne es zu pegeln, nachzubearbeiten, überhaupt mal technisch-akustisch auf den Prüfstand zu stellen, das machen leider die meisten, und auch bei Diana und Wolfgang ist in dieser Hinsicht noch einige Luft nach oben. Das fängt schon beim Opener an.

    Die Autorin und "Schreibcoach" Diana Hillebrand und "Literaturcafé"-Betreiber Wolfgang Tischer haben einen Podcast rund um die Schriftstellerei aufgelegt, von dem die Vorstellung und die erste Runde über Buchanfänge bereits online sind. Ich habe mir beides angehört - es ist ambitioniert, um es nett zu sagen, hat aber, wie ich finde, leider technische Schwächen. Es ist ein wenig anstrengend, der Produktion zuzuhören. Allerdings haben Diana und Wolfgang inhaltlich einiges zu bieten, das sich vor allem für noch-nicht-arrivierte Autoren lohnen dürfte.

    Ich habe gerade mal meine Rezension von damals herausgekramt. Aber ich weiß wirklich nicht mehr, worum es auch nur in einer einzigen der Geschichten ging.


    Ich bin an Benjamin Lebert erinnert, der 1999 mit "Crazy" die Literaturrepublik gerockt hat und anschließend den bis dahin höchstdotierten Folgebuchvertrag (für drei Titel) bekam. "Crazy" habe ich nie gelesen, aber in zwei dieser Folgebücher hineingelinst, die ziemlich floppten. Eines davon war irgendwas mit einem Vogel, vom anderen weiß ich nicht einmal mehr, ob es Roman, Novelle, Kurzgeschichtensammlung, Comic oder Abreißkalender war. Ja, der Druck ist enorm, wenn man einmal sehr, sehr erfolgreich war, aber so ähnlich verhält es sich auch mit der Selbstein- und -überschätzung. Und möglicherweise war der unvergleichliche Erfolg nicht einmal so sehr Eigenleistung, wie man annahm oder einem suggeriert wurde.


    Ist ja auch egal, ich fand "Daheim" jedenfalls blöd, und ich bin es wirklich wohlwollend angegangen.

    Ich nehme mir als nächstes den ersten Olive Kitteridge-Roman vor, dann die anderen. @Ulrike: Ich habe am Samstag die ersten beiden Folgen der Miniserie gesehen - das ist ja fantastisch! Ich weiß nicht, ob es mit einer anderen Besetzung als vor allem mit Frances McDormand funktionieren würde, aber zum Glück stellt sich diese Frage nicht wirklich.

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    Das Wort, das den Titel dieser Besprechung bildet, ist eines, das deutschen Rechtschreibungsregeln genügt, das theoretisch sogar einen Sinn hat oder haben könnte, und das sich dadurch auszeichnet, als einzigen Vokal das E zu nutzen. Sicherlich gibt es längere und sinnvollere Wörter dieser Art, die noch mehr Es enthalten, aber das ist möglicherweise nicht der wesentliche Aspekt bei diesem Kunstwerk. Denn, ja, dieses Wort ist ein Kunstwerk. Behaupte ich. Aber auch ohne diese Behauptung wäre es eines. Denn was wir aus uns heraus schaffen, ohne dass es einen direkten Zweck hätte, ist Kunst.


    Eine ganz ähnliche, wenn nicht dieselbe Phänomenologie betrifft Judith Hermanns Texte, seit jenem überraschenden Erfolg mit „Sommerhaus, später“, der Anthologie, die im Jahr 2000 wochenlang die Bestsellerlisten anführte und das gesamte deutsche Feuilleton total kirre gemacht hat. Wer sich ein wenig in der Verlagsbranche auskennt, der weiß, dass Kurzgeschichtensammlungen nicht sonderlich weit über Lyrik rangieren, was die Verkäuflichkeit und also ihre Akzeptanz in den Programmsitzungen anbetrifft, wobei Lyrik als nahezu völlig unverkäuflich gilt. Was Frau Hermann da seinerzeit geschafft hat, gelingt normalerweise nur Nobelpreisträgern. Und ich gehörte auch zu den Lesern. Ich weiß noch ziemlich viel über die nicht wenigen Bücher, die ich außerdem im Jahr 2000 gelesen habe, aber fragte man mich, wovon die Storys in „Sommerhaus, später“ handelten, müsste ich passen.


    Ich fürchte, in weitaus kürzerer Zeit wird es mir ebenso gehen, wenn jemand von mir wissen will, worum es in „Daheim“ geht. Wenn ich mein Ich in, sagen wir, acht Monaten antizipiere, dann erinnert sich dieses Ich vielleicht noch an eine Frau, die in einem sehr heißen Sommer alleine am Deich wohnt. Möglicherweise weiß ich noch, dass sie Briefe an ihren Ex-Mann schreibt und auf Nachrichten von ihrer Tochter wartet.


    Aus der Nähe betrachtet erzählt „Daheim“ von einer Frau, die siebenundvierzig Jahre alt ist und mehr als zwanzig Jahre zuvor in einer Zigarettenfabrik gearbeitet hat. Eines nachts wurde sie an einer Tankstelle, wo sie sich in jenem auch sehr heißen Sommer allnächtlich Eis gekauft hat, von einem Zauberer gecastet, der sie für den Trick mit der zersägten Dame auf ein Kreuzfahrtschiff mitnehmen wollte. Sie ist damals allerdings nicht nach Singapur mitgefahren. An diese Sache erinnert sie sich jetzt, weil ihr Nachbar, der eigenbrötlerische, aber attraktive Bauer Ardil, eine Marderfalle anschleppt, weil die Frau im einsamen Haus irgendwo hinterm Deich Tiergeräusche hört, und der Schweinebauer vermutet, es wäre ein Marder - die Falle ähnelt jener Vorrichtung, in der Zauberer Damen zersägen. Der Bauer ist der Bruder von Mimi, der Nachbarin und bald besten Freundin, die nackt Rasen mäht. Der Bruder der erzählenden Frau betreibt eine Kneipe namens „Shell“, in der die Frau kellnert, während der Bruder nur die Kaffeemaschine anstarrt - oder sein Telefon, weil er hofft, dass sich Nike (Turnschuh oder Siegesgöttin oder bedeutungslos) meldet, die zwanzig Jahre alte, klapperdürre und äußerst eigenartige Frau, mit der dieser Bruder, der sechzig Jahre alt ist, eine Art Beziehung hat. Es geht in „Daheim“ möglicherweise um das Verhältnis zwischen Geschwistern. Es geht um Missbrauch, um Selbstverletzung, es gibt feministische Töne, aber eigentlich passiert in diesem eigenartigen, spröden, verkopften, langweiligen und hyperartifiziellen Text so gut wie nichts, das nachvollziehbar wäre, und all die Figuren mit ihren dick aufgetragenen, überdramatischen Eigenschaften tapern aneinander vorbei wie groteske Zombies in einem billigen Splatterfilm. Das plättet die Themen und Ambitionen; der Roman verströmt so viel Empathie wie der jüngst abgewählte Präsident der U.S. of A.. „Daheim“ ist reinste Reißbrettliteratur, ist ausgedachter Konflikt, zugekleistert mit dick aufgetragener Metaphorik, einer Flut von Andeutungen und Symbolen, all das vermengt mit kalter, übernüchterner und trotzdem manirierter Sprache. Ein Fest für Deutschlehrer der ausgehenden Siebziger, aber nicht unbedingt für die Leser. Erdbeercremebecherherstellwerkschefchefsessellehnenseelenklempner eben.


    ASIN/ISBN: 3103970358

    Gerne, Ulrike. Dass es diese Serie, die auf dem ersten Kitteridge-Roman "Mit Blick aufs Meer" basiert, überhaupt gibt, war mir bislang entgangen. Und dann ist sie auch noch mit der grandiosen Frances McDormand in der Titelrolle besetzt. Wird schnellstmöglich gestreamt! Danke meinerseits. :)


    ASIN/ISBN: 344274203X

    Danke, Freund


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    Ein Freund, der von mir weiß, dass ich die amerikanischen Erzähler sehr schätze, und dass ich den fantastischen Stewart O’Nan nachgerade verehre, hat mir Elisabeth Strout empfohlen. Es wäre schön, wenn alle literarischen Empfehlungen von Freunden so präzise Treffer sein würden.


    Die Neuengland-Staaten Maine, Connecticut, Massachusetts und, vor allem, New Hampshire haben sich als literarische Kulisse nicht erst durch das Wirken von John Irving etabliert, der mit „Das Hotel New Hampshire“ seinen Welterfolg begründete. Diese Region nördlich von New York, Ausgangspunkt der britischen Besiedlung Nordamerikas, verbindet die multikulturelle Urbanität der Metropole mit dem pittoresken, bildungsbürgerlich beherrschten, liberalen Lebensgefühl der Ostküste, deren Bewohner leicht abfällig als „Yankees“ bezeichnet werden bzw. wurden. Mit Yale, Harvard und dem MIT sind drei der weltbesten Universitäten in Neuengland angesiedelt. Für viele Westeuropäer gilt Neuengland als die Version der U.S. of A., die sie sich als Modell für das gesamte Land wünschen.


    Olive Kitteridge, die pensionierte Lehrerin, ist geneigten Strout-Lesern wohl bereits aus mindestens zwei Vorgängerromanen bekannt, die ich nun das Vergnügen haben werde, anschließend lesen zu können. Sie lebt im Küstenstädtchen Crosby, Maine (der fiktive Ort wurde übrigens nach einer Freundin Strouts benannt), war früher mit dem Apotheker Henry verheiratet, ist aber inzwischen verwitwet. Olive ist sehr empathisch und wortgewandt, sie ist aber auch ziemlich direkt und äußerst pragmatisch. Sie trifft auf Jack, der, wie sie, schon ein bisschen aus dem Leim geht. Der ehemalige Harvard-Professor, der aufgrund eines kleinen Skandals verfrüht in den Ruhestand gehen musste, ist seinerseits verwitwet, und er verliebt sich in das alte Mädchen.


    „Die langen Abende“ ist aber keine Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte vom langen Ende des Lebens - und davon, wie man mit dieser Schlussphase umgehen kann, was einen erwartet, was man fürchten muss. Es ist zugleich eine Erzählung von Eltern und Kindern, von Familien und Erwartungen, von der Kleinstadt, der Flucht aus ihr und von der Rückkehr in sie, von Migration, Diskriminierung, Traumata, Armut und Schönheit. Sich mit Episoden aus den Leben anderer Menschen abwechselnd, denen Olive Kitteridge begegnet oder früher begegnet ist, in deren Schicksale sie sich einmischt, wenn sie nicht ohnehin dazugehört, berichtet das Buch vom Alltags- und Sondertagsgeschehen an der Küste Maines, und davon, was am Schluss übrigbleibt.


    Es ist sehr stark und unprätentiös erzählt, anschaulich und einfühlsam, durchsetzt mit tollen Dialogen, die durch ihre spektakuläre Authentizität verblüffen. Der Vergleich mit Stewart O’Nan ist zulässig, aber da, wo O’Nan in die akribisch beobachtende Distanz geht, bleibt Strout direkt bei ihren Figuren, was nicht weniger reizvoll ist.


    „Die langen Abende“ bietet großartige Unterhaltung mit Anspruch, ist durchaus yankee (was der Überlieferung nach so viel wie „ausgezeichnet“ bedeutet), typisch neuenglisch, zugleich hochaktuell und den guten (Erzähl-)Traditionen treubleibend. Ein Buch, das zu Kaminfeuer, englischem Tee oder schottischem Whisky, buntem Herbstlaub und einem fernen Meeresrauschen passt.

    Danke, Freund.


    ASIN/ISBN: 3630875297

    Hey, Nils.


    Danke, das freut mich sehr. :) Ich will nicht behaupten, dass ich mich über die Leute ärgere, die sich darüber beklagen, dass der Film nicht jederzeit die Tonalität des Buches aufnimmt und gerade die ruppigeren Sachen weglässt (und den gesamten Mark), aber ich erkläre ihnen immer das gleiche: Dass die Motive des Romans durchaus umgesetzt sind, die wichtigsten Figurenkonflikte und die Rolle der Landschaft als Katalysator. Dass aus dem Erwachsenwerdenbuch aus Männersicht ein Wohlfühlfilm für die ganze Familie gemacht wurde. Und dass Filmadaptionen nur selten wirklich Ver-Filmungen sind. (Und dass Etats starken Einfluss auf die Dramaturgie haben können. ;) )


    Und es ist immer noch ein wirklich, wirklich erhabenes Gefühl, den eigenen Namen im Fernsehen zu sehen, und dabei daran zu denken, dass fast 200 Menschen teilweise anderthalb Jahre lang damit beschäftigt waren, diese 87 Minuten Film herzustellen, die es ohne mich und ohne mein Buch nicht geben würde. Feinkörnig.

    Der Artikel (und die Forschungsarbeiten, um die es darin geht) lässt (lassen) sich ziemlich viel Zeit damit, um auf einen vorhersehbaren Punkt zu kommen.


    Nach meiner persönlichen Erfahrung sind die Äh-Sager jene, die schnell antworten und also die Pausen zum Nachdenken innerhalb der Antworten nachholen, während jene, die seltener ähen, zögerlicher mit Antworten sind, also vorher überlegen, was sie sagen. Unterm Strich dürfte es auf eine Nullsumme hinauslaufen.

    darf man getrost auch jedem Menschen selbst überlassen.

    Nicht, wenn es als Totschlagargument verwendet wird. Und das ist es in beinahe jedweder Diskussion. Ich führe seit Jahren und Jahrzehnten religionskritische Auseinandersetzungen, bei denen das Persönlichnehmen - die ominöse "Verletzung religiöser Gefühle" - quasi zum Standardrepertoire gehört. Wenn Dir ein Gegenüber erklärt, Du würdest ihn mit Deiner Sachargumentation beleidigen und verletzen, endet das Gespräch, das damit nämlich auf der rein emotionalen Ebene ankommt, sich also der Argumentation aktiv entzogen hat. Wenn ich dem Gegenüber zubillige, diese Keule jederzeit herausholen zu können, was faktisch eine Verkehrung der Konnotationsebene darstellt (Nicht ich entscheide, ob ich jemanden beleidigen oder verletzen will, sondern jeder beliebige Empfänger darf mir diese Absicht unterstellen), endet der Diskurs, bevor er angefangen hat. Also, nein.


    Natürlich ist es so, dass jede Art der Auseinandersetzung Verletzungspotential hat, weil fast jede Thematik Opfer und Leidende kennt, mindestens negativ betroffene. Es mag sogar Leute geben, denen (wie sie glauben) deutsche Schlager das Leben gerettet haben, weshalb es sich verbieten würde, sich über diese grausigste Form der Gesangeskultur lustig zu machen, weil man sonst indirekt diesen Leuten den Tod wünschen würde (weniger absurde Beispiele gibt es zuhauf). Aber diese Dekonstruktion des Abstrakten in einer Debatte führt zu nichts weiter als einer komplett bescheuerten Befindlichkeitskultur, in der nichts mehr Thema ist, von Befindlichkeiten abgesehen.


    150 Jahre alt und so aktuell wie nie:

    "Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen - vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir." (Mark Twain)