Beiträge von Tom
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Szenen betrachte ich nicht als lineare Abfolge, die am Ende das Band ergeben, das zum Bogen gespannt ist. Ich sehe das eher zweidimensional, mindestens. Ich will ein Bild malen, keine bunte Linie.
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Ich finde, Figuren und Welt außen herum gehen prima zusammen, so man sich auf die Geschichte einlässt, was mir sehr leicht viel, und nicht mit sehr skeptischer Haltung jeden Schwefelstein dreimal auf die Goldwaage legt. Mich würden andere Meinungen dazu interessieren.
Alice und Peter sind durchaus die beiden sehr passenden Figuren für diese Erzählung, aber wären sie nicht so passend, gäbe es diese Erzählung auch nicht, die durchaus auch als aus den Figuren entwickelt durchgehen könnte. Darüberhinaus kann man sich x-beliebig viele Geschichten mit ähnlicher Exposition denken, die nicht erzählenswert sind, weil die Figuren aufgrund mangelnder Qualifikation den Trip nicht auf die Reihe gekriegt haben.

Vor allem aber kann man das genau umgekehrt ebenso denken. Und in sich sind sowohl Alice, als auch Peter absolut stimmig. An der Figurenzeichnung gibt es nichts auszusetzen, und kein einziger Aspekt fühlt sich an, als wäre er ins Personal geknetet worden, damit die Geschichte funktioniert. Das ist wirklich sehr, sehr kunstvoll.
Tatsächlich hatte ich beim Lesen zwei, drei deus-ex-machina-Anflüge, die aber sehr schnell wieder vorbei waren, weshalb ich mich auch nicht genau an die fraglichen Szenen erinnere.
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Gluchovsky hat nur z. B. seinen mit Abstand besten Roman (Metro 2033) mit 17 nach Jahren der Arbeit (auch mit Fremdhilfe editiert) fertiggestellt gehabt, danach noch einen zweiten interessanten geschrieben und über alles andere würde ich eher den höflichen Mantel des Schweigens breiten.
Dem stimme ich vollumfänglich zu, aber ich nehme das eigentlich für einen Off-Topic-Einwurf auf. Es war die Gründungsversammlung des PEN Berlin im LCB, und am Ende der Versammlung erklärten Eva Menasse und Alexandru Bulucz, dass sie jetzt, nach vollbrachter Gründung, zum Flughafen fahren würden, um Dimitri abzuholen, für dessen sichere Ausreise aus Russland man mitgesorgt hatte und der auf diese Weise zum ersten vom neuen Verein betreuten, sehr prominenten Exilanten wurde. Dafür gab es stehenden und dauerhaften Applaus - und zwar mehr davon als nach der Wahl von Menasse und Yücel zu den ersten Sprechern des PEN Berlin. Ein Gänsehautmoment, der nachhallt.
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Fantastisch.
Die Cambridge-Studentin Alice Law hat – mehr oder weniger versehentlich – ihren eigentlich angebeteten und vermeintlich genialen, zweifelsohne aber total widerwärtigen, übergriffigen, sexistischen, manipulativen Doktorvater umgebracht. Aber Alice Law ist ein Genie, und sie studiert im Oxbridge der Achtzigerjahre Analytische Magie, weshalb es kein Problem für sie ist, dem geliebten und zugleich verhassten Professor Jacob Grimes in die Hölle zu folgen und ihn von dort zurückzuholen. Auf dieselbe Idee ist Peter Murdoch gekommen, der auch ein „Schützling“ von Grimes ist, und also durchqueren sie zu zweit die Acht Höfe der Verdammnis. Das Eintrittsgeld dafür beträgt die Hälfte der Lebenszeit, die man noch hätte.
Was sich wie ein einigermaßen bizarrer Fantasyplot anhört, markiert eine scharfzüngige, unfassbar kluge, tiefgängige, wissensreiche, brillant geschriebene, literarisch extrem ambitionierte und unaufhörlich überraschende Satire auf den akademischen Lehrbetrieb, denn obwohl in Kuangs Höllenskizze alle bekannten Theorien über ihren Aufbau, ihr Personal, ihre Prüfungen und ihre Gestaltung einfließen, ist sie zugleich ein Spiegel der egomanen, selbstdarstellerischen, patriarchalischen, übertradierten, zwanghaften und oft sehr bösartigen Welt der Eliteuniversitäten, an denen junge Doktoranden von ihren Mentoren benutzt, missbraucht, ausgeblutet und jederzeit einer an Wahnsinn grenzenden Willkür ausgesetzt werden, gegen die es auch im dritten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht viel mehr Möglichkeiten geben dürfte als knappe fünfzig Jahre zuvor, denn nach wie vor zählt hier ein einziges Wort eines namhaften Mannes um ein Vielfaches mehr als tausende Worte von seinen um Anerkennung kämpfenden Schützlingen.
Ich gebe gerne zu, dass ich zu wenige Kenntnisse habe, um all die Verweise, Anspielungen, Zitate und Hinweise zu erkennen, die in diesem Text stecken, aber „Katabasis“ bietet nicht nur das, sondern eine Reise durch die Welt (und Abgründe) der Mythologie, der Philosophie und der Logik, und außerdem eine spannende Abenteuer- und sogar Liebesgeschichte. Dieser Koloss von einem Roman ist aber noch viel mehr als das. Atemberaubend, mitreißend, sensationell komponiert und unterm Strich eine Lektüre, auf die ich mich für ein paar Tage jeden Abend wie blöd gefreut habe.
Fantastisch! Lesen!
ASIN/ISBN: 3847902164 -
Antje Den Hustvedt-Film werde ich mir auf jeden Fall anschauen. "Was ich liebte" hat mich seinerzeit wochenlang nicht mehr losgelassen, und auch sie hat sich mit 13 entschieden, Schriftstellerin zu werden, genau wie ich.
Ich freue mich auf "Ghost Stories", das erscheint in knapp 4 Wochen.
ASIN/ISBN: 3498007882 -
Als ich vor so zwanzigplusminus Jahren mal mit Selim Özdogan eine Lesung hatte, am Bodensee im "Insel-Hotel", das damals (leider wohl vorübergehend) zum "Literaturhotel" wurde und dessen Zimmer Nr. 42 (unter dem Dach) meinen Namen erhielt (Schiefertafel mit Goldprägung), war Özdogan ziemlich bekannt und ich fast überhaupt nicht. Wir haben uns nach dem Event über Lesungen und Honorare und über Tantiemen usw. unterhalten (das letzte Thema wurde vor allem vom Ehepaar Iny Lorentz bespielt, das gastmäßig anwesend war und nicht genug davon bekommen konnte, die Höhe der verkauften Auflagen ihrer Bücher zu betonen), und Özdogan hat erklärt und ein wenig vorgerechnet, wie er es schafft, mit der Literatur seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, obwohl seine verkauften Auflagen im Vergleich zu denen der Wanderhurixe mikroskopisch waren. Er nahm einfach jeden angebotenen Lesungstermin und jeden Workshop an, und war mehr als die Hälfte des Monats unterwegs - im Zug schrieb er dann. Er las auch wirklich brillant, muss man dazu erwähnen - ich habe niemals wieder jemanden so gut lesen hören, selbst Roger Willemsen schaffte das nicht, mit dem ich mal eine Lesung in Hamburg hatte. Okay, menschlich war Özdogan ansonsten nicht so der Bringer, aber wie er das organisiert hatte, das war schon richtig klasse.
Er hat übrigens über diese Zeit ein Buch geschrieben, in dem dieses Gespräch auch vorkommt. Und die anderen Beteiligten nicht so gut weg.
ASIN/ISBN: 3936054053 -
Du bist ja auch eher ein Performer, ein Lesekünstler, und weniger ein Autory, das mit aktuellen Veröffentlichungen auf Lesetour geht oder ginge.

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Oder mit einer seriösen Lesungsagentur zusammenzuarbeiten, wie das unser Ex-Didi macht.
Bei Verlagsautoren und -innen sorgen eigentlich die Verlage dafür, dass es Termine gibt.
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8. Weil Du vielleicht ein, zwei Lesungen am Wohnort bekommst, aber keine zwei Dutzend
9. Weil das Presse nach sich zieht
10. Weil man auf diese Weise viel mehr Leute trifft, die einem Feedback geben
11. Weil es Dir eigentlich nicht um die Sache geht
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30 kleine Biere in einer halben Stunde zu trinken versucht.
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Ich kooperiere mit einem "Buchladen um die Ecke", wenn es um signierte Bücher geht - wenn man eines von mir haben will, kann man es dort bestellen, die rufen mich dann an und ich gehe bei Gelegenheit vorbei und schreibe was rein. Diese Zusammenarbeit hat auch dazu geführt, dass diese sehr kleine Buchhandlung trotz des begrenzten Platzangebots immer mindestens zwei, drei Titel von mir vorrätig hat, und wenn ich dann sowieso mal dort bin, decke ich mich zumindest mit prominenteren Titeln ein. Aber ich habe es aufgegeben, in Buchhandlungen zu marschieren, nach Titeln von mir zu suchen und mit den Leuten zu reden, wenn ich keine finde. Das habe ich in den Anfangsjahren gemacht, und es sind dabei sogar ein paar schöne Lesungstermine entstanden, doch unterm Strich war das irgendwann zu aufwendig. Allerdings habe ich rund um den Erscheinungstermin von "Leichtmatrosen" damals alle Buchhandlungen in der Zielregion (Waren/Müritz, Fürstenberg, Rheinsberg, Neustrelitz usw.) angerufen und mit den Leuten über das Buch gesprochen. Einige haben es wohl immer noch im Standardsortiment.
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Ich erwähne in meinen Texten auch gerne existierende Marken, was selbstverständlich zulässig ist und keine Schleichwerbung darstellt, wenngleich viele fälschlicherweise meinen, das wäre so (das wäre es nur, wenn es dafür Geld gäbe, aber auf diese Idee käme bei so geringer Reichweite niemand - und dann müsste diese Werbung als Werbung gekennzeichnet sein, dürfte sich also nicht "einschleichen", sonst wäre es ein Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz durch, Achtung, die beworbene Firma). Markenware ist Alltag und Kulturgut und gehört deshalb auch in die fiktionale Reflexion unseres Daseins. Romanfiguren dürfen Heineken trinken und Lord Extra rauchen, und sie dürfen sagen, dass es ihnen nicht schmeckt, dass es ihnen sogar richtig scheiße schmeckt. Heikel kann es bei unwahren Tatsachenbehauptungen werden (Firma XY finanziert Nazis, vom Bier AB bekommt man Krebs, Pizza von MN macht unfruchtbar) oder wenn man Marken/Firmen als Bösewichter skizziert. Da kann es dann u.U. zu Unterlassungs- und Schadenersatzforderungen kommen, und unter Umständen sogar zu Anzeigen wegen übler Nachrede und/oder Verleumdung.
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What? Es ist nicht mehr 2025? 😳
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Willkommen! 😎
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Zitat
Aber ich gehe mal davon aus, daß die meisten Autoren an ihrem Wohnort lesen und nicht für eine einzelne Veranstaltung quer durchs Land reisen.
Ich fürchte, Du hast einfach überhaupt keine Ahnung.
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Fünfhundert Euro ist jetzt auch nicht schlecht für zwei Stunden Arbeit.
Wie Beate ausgeführt hat.
Und außerdem: Autor oder -in zu sein, der/die zu Lesungen eingeladen wird und auch noch Resonanz generiert, das ist kein Ausbildungsberuf, das ist kein Job, für den man sich bewirbt, den also jede und jeder machen kann, sondern eine Präsenz, die etwas mit künstlerischer Darbietung zu tun hat, mit der Autorenpersönlichkeit und ihrem Werk, mit Einmaligkeit und vielem mehr dieser Art - es ist eine Begegnung mit Kunst aus der Sicht der Besucher. Es geht also nicht darum, ob diese "zwei Stunden Arbeit", die in aller Regel mit Vorbereitung und An- und Abreise und allem Pipapo bei einem ganzen Tag enden (also bei um die 20 € brutto pro Stunde (vor Steuern und allen weiteren Kosten wie KV und Altersvorsorge und so), wenn man schon das Milchmädchen bemüht), etwas über dem Mindestlohn liegen oder doch deutlich drüber. Und wir lesen ja auch nicht täglich, sondern rund ums neue Buch, in guten Fällen einem pro Jahr, wobei eine zwei Wochen andauernde Lesereise inzwischen schon eine krasse Ausnahme ist. Leute, die überhaupt für Lesungen angefragt werden, also gute Midlist und drüber, haben vielleicht ein Dutzend Lesungen im Jahr. Mit denen auch gegenfinanziert werden muss, dass man jahrelang an einem Buch gearbeitet hat, für das man 70 Cent pro Exemplar bekommt und inzwischen krass niedrige Garantien, mit und an dem man also weit weniger verdient, als die Grundsicherung bietet. Wenn man schon die - vorsichtig gesagt: etwas unangebrachte - Sozialneidkarte aus der Tasche ziehen will.
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Macht ja auch niemand.
Nur die Verweise auf andere Titel (derselben Autoren und -innen) aus dem Verlag, das isses dann.
Und auch diese Tütensuppensache bei Terry Pratchett war mit 99,98734535345-prozentiger Sicherheit ein Fake - ich habe das Original des fraglichen Buches, und es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass Pratchett deshalb von Heyne zu Goldmann gewechselt ist. Was es gab, war in den Siebzigern/Achtzigern Werbung für Bundesanleihen, in Taschenbüchern. Damals galten Taschenbücher noch als Wegwerfware.
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Die wurden kolossal überschätzt
Mmh. Ich habe eine Zeitlang u.a. "Diesel and Dust" rauf- und runtergehört und die Combo auch live gesehen, in der Berliner Deutschlandhalle, als es die noch gab, und das hat Spaß gemacht, ohne dass ich das Gefühl hatte, einem Überschätzungshype aufzusitzen. Und Peter Garretts politisches Engagement gefiel und gefällt mir.
Aber, ja, das ist keine Mucke, die in Diamant gegossen zum nächsten Sonnensystem mitgeschickt werden muss, aber das gilt für 99,999999999999999999 Prozent der Unterhaltungsmusik.
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Sondengeher Ich fürchte, ich kann Dir nicht folgen. Was hat "Wenn man nicht die Mitteln hat, einen Leitfaden Professional zu veröffentlichen" (?) mit der möglichen Blamage bei einem Literaturwettbewerb zu tun? Die im Übrigen nahezu ausgeschlossen ist, denn die Teilnahme ist bis zum Finale anonym, und wenn man aus 900 Beiträgen nicht unter diesen besten 6 ist, kann man sich unwidersprochen einreden, man wäre auf Platz 7 gelandet. Weil da alle landen, die nicht unter den besten 6 sind. Okay, es gibt eine Shortlist, aber von der werden nur die Codewörter veröffentlicht. Niemand erfährt, wer diese Texte eingereicht hat. Wer natürlich als Blamage begreift, nur Sechster von Neunhundert zu werden, der sollte das meiden.