Beiträge von Tom

    Du hast den Link nicht vollständig kopiert, Amos, aber Du meinst vielleicht die Doku, die Zwitscherlerche weiter oben schon erwähnt hatte, über "Die letzten Tage in Paris" von Jim Morrison.

    Nur 240 im Winter? Da kommt man doch nie an.


    Spaß beiseite (ich hoffe, es war erkennbar, dass es um Spaß ging). Ich gehe mal die Dokumente durch, über die wir bei der VG Wort-Vollversammlung abgestimmt haben, da müsste auch ein bisschen was zu den Sonderausschüttungen gewesen sein.

    Da steckt fraglos eine Menge Genialität drin, obwohl ich manch ein Wortbild als massiv zu dick aufgetragen empfand (siehe Beispiel in der Rezension). Aber Juli Zeh hat m.E. inzwischen gelernt, das der Erzählung selbst unterzuordnen, was ihr damals noch nicht so gut gelungen ist. Wobei natürlich die Besonderheit dieses Plots - sie erzählt immerhin von hochintelligenten und im Wortsinn asozialen Menschen - da auch eine gewisse Rolle spielte.

    Ich bewundere Juli Zeh sehr, für ihren Umgang mit Sprache, für ihr anschauliches und wohlgeplantes und durchdachtes Erzählen, aber zu diesem Buch hat sich meine Meinung nicht geändert. Ich hatte es nach "Unterleuten" noch einmal angefasst, aber alsbald wieder weggelegt.

    Cordula: Man kann EBooks nur melden, wenn sie DRM-frei verfügbar sind, und eben im Internet. Grundsätzlich handelt es sich ja ansonsten um Ausleihvergütungen. Und die nächste Sonderausschüttung ist meines Wissens noch nicht terminiert.


    Kerstin: Ich muss mal nachforschen, ob Winterreifen für Ferraris überhaupt verfügbar sind. Wäre für mich ja ein Ausschlusskriterium bei der Kaufentscheidung.

    Bei Morrison geht's mir ähnlich wie z.B. bei Amy Winehouse. Der Nachtodhype kommt mir deutlich größer als die Lebensleistung vor. (Allerdings finde ich die Mucke beider Musiker auch höchstens so mittelhalbgut, um es noch nett zu sagen.)

    Ein wesentlicher Reiz dieser Geschichte besteht wohl eben darin, dass das eine Kurzgeschichte ist, die sich selbständig gemacht hat.

    Genau. Der genannte freundliche Mensch hatte mir dieses Zitat von Gaiman zum "Ozean" zukommen lassen. (Wobei ich bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen möchte, dass ich Gaimans andere Bücher wie "American Gods" oder "Good Omens" nicht so superprickelnd fand. Gute Ideen, die in guter Erzählweise trotzdem irgendwie verreckt sind, in beiden Fällen. Der Versuch, Douglas Adams's Ironie und Terry Pratchetts Humor und beider Fantasie und ein bisschen was von Tad Williams mit klassischer, aber teilmodernisierter Erzählweise zu verbinden, funktioniert für mich nicht. Ich habe Gaiman deshalb immer ein wenig als Trittbrettfahrer empfunden.)


    "Really, I kept a sort of open mind until I got to the very end, and then looked at what I'd done. ... It was meant to be just about looking out at the world through the kind of eyes that I had when I was 7, from the kind of landscape that I lived in when I was 7. And then it just didn't quite stop. I kept writing it, and it wasn't until I got to the end that I realized I'd actually written a novel. ... I thought — it's really not a kids' story — and one of the biggest reasons it's not a kids' story is, I feel that good kids' stories are all about hope. In the case of Ocean at the End of the Lane, it's a book about helplessness. It's a book about family, it's a book about being 7 in a world of people who are bigger than you, and more dangerous, and stepping into territory that you don't entirely understand." (https://www.wbur.org/npr/19135…w-ocean-is-no-kiddie-pool)

    Lohnt sich


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    Ein Mann - ungefähr in den Vierzigern - flieht von einer Beerdigung, irgendwo im britischen Sussex, und er fährt dorthin, wo er seine Kindheit verbracht hat. Es wird nicht verraten, wie der Mann heißt, und auch nicht, welche nahestehende Person da zu Grabe getragen wird.


    Er sucht das Grundstück auf, das am Ende jener Straße liegt, an der früher sein Elternhaus stand, das längst abgerissen ist. Auf diesem weitläufigen Grund befindet sich ein kleiner Weiher, ein Teich - jener Teich, den die elfjährige Lettie Hempstock, die dort mit ihrer Mutter Ginnie und ihrer Gramma lebte, als „Ozean“ bezeichnet hat. Damals, als der Mann noch sieben Jahre alt war und ein fürchterliches Abenteuer erlebt hat, woran er sich nun plötzlich und detailreich erinnert. Und in dem dieser Ozean, der vielleicht nur ein Teich ist, eine besondere Rolle spielte.


    Der freundliche Mensch, der mir empfohlen hat, dieses Buch zu lesen, sagte mir, er selbst würde Rezensionen zu diesem Roman meiden, was ich verstehen kann, obwohl ich gerade selbst eine verfasse. Da ist die Rede davon, dass es sich um ein Buch über große Freundschaft handeln würde, um einen Coming-of-Age-Roman und ähnliches. Mit enormer Selbstverständlichkeit hat seinerzeit, als der Roman erschien und schließlich - als große Überraschung - den britischen National Book Award gewann, auch das Feuilleton solche Behauptungen aufgestellt, wovon nicht wenige einander widersprachen. Das liegt daran, dass diese Geschichte viele Lesarten ermöglicht, und sie bietet reichlich Raum für Spekulationen und Interpretationen, aber nur wenig für eindeutige Schlussfolgerungen. Zuerst empfand ich das als unbefriedigend, diese Uneindeutigkeit, doch mit jedem Tag wächst gleichzeitig mit der Entfernung zur Lektüre auch das Gefühl, ein ganz besonderes Buch gelesen zu haben, dessen Stärke genau darin, also in dieser Offenheit und Deutungsfreiheit besteht. Allerdings ist das Gefühl, möglicherweise ein bisschen hinters Licht geführt worden zu sein, noch immer nicht ganz verschwunden.


    Der Siebenjährige, dessen Eltern sein Kinderzimmer an einen „Opalschürfer“ vermietet haben, weshalb der Junge im Zimmer seiner nicht besonders liebenswürdigen Schwester schlafen muss, lernt die vier Jahre ältere Lettie Hempstock kennen, und die beiden Frauengenerationen vor ihr, mit denen Lettie zusammenlebt. Diese eigentümliche Damen-WG ist wie aus der Zeit gefallen, und ihr Haus wird für den Jungen zu einem Flucht- und Rückzugsort, zu einem traumhaften Idyll, in dem es neben schmackhafter Kost und heimeliger Gemütlichkeit viele Geheimnisse und eigenartige Dinge zu entdecken gibt. Dann erwacht der Junge eines Nachts - er steht kurz vor dem Erstickungstod, weil sich merkwürdigerweise eine Silbermünze in seinem Hals befindet, die der Junge noch nie gesehen hat. Wie kommt sie dorthin? Und von wem stammt sie? Lettie Hempstock kennt die Antwort, und auch die große Gefahr, die mit dieser Antwort verbunden ist, aber die Gefahren, die bewältigt werden müssen, um die damit einhergehende Drohung abzuwehren, sind auch nicht eben ohne.


    „Der Ozean am Ende der Straße“ ist vieles zugleich, aber vor allem ist diese nicht sehr lange (und in der aktuell erhältlichen Ausgabe deshalb um zwei Kurzgeschichten ergänzte) Mystery-Geschichte sehr berührend, spannend, bilderreich und originell. Ich habe diesen Kampf des Jungen gegen die Dämonen als etwas gelesen, das mit häuslicher Gewalt, familiären Krisen, Vernachlässigung und Traumatisierung zu tun hat, und ich habe die Hempstocks einer erträumten Zwischenwelt zugeordnet, aber das ist nur meine persönliche Lesart, die ich keiner anderen über- oder unterordnen würde. Was mir besonderes Vergnügen bereitete, das war der Austausch mit dem oben erwähnten freundlichen Menschen über dieses Buch, eine Art von Austausch, die man in dieser Weise nicht oft erlebt. Und alleine deswegen hat sich die Lektüre gelohnt.


    ASIN/ISBN: 3404173856

    Zu diesem Buch kann man wirklich eine Menge Blickwinkel finden. Ich habe gerade auf Empfehlung ein anderes gelesen, für das das auch, gilt nämlich Neil Gaimans "Der Ozean am Ende der Straße" (Rezension folgt), aber bei Gaiman habe ich mich deutlich besser gefühlt, während ich bei Judith Hermann das Gefühl nicht loswurde, dass die vielen Eigentümlichkeiten und vermeintlichen Rätsel lediglich ein großes Nichts dekorieren. :achsel

    Hermann gehört zu jenen begnadeten Literaten, die in knapper Sprache, mit wenigen Worten, wie einzeln hingeworfene Farbtupfen, lebendige, hochemotionale Bilder schaffen können:

    Mit Verlaub, Zwitscherlerche, aber diesem Satz folgt als Beleg ein Zitat, das bitte an welcher Stelle "hochemotional" ist? :/

    Ich kneiste mich mit meinem Filius gerade durchs MCU, überwiegend in 3D (was leider nur geht, wenn man Bluray-Discs kauft, denn es gibt keinen Streamingdienst, der 3D-Filme anbietet) auf der großen Beamerleinwand, und ansonsten alldort in 4K von Disney+ aus, wo das gesamte Marvel-Oeuvre (einschließlich aller Spin-Offs und Serien) enthalten ist. Das ist schon sehr, sehr dicht an einem Kinoerlebnis, und es verbrennt diese Art von Filmen für alles unter einer Bildschirmdiagonalen von, sagen wir: mindestens 75 Zoll. ;)


    "Justice League" als Bestandteil des DC-Gegenentwurfs zu den Avengers von MCU ist bei mir komplett durchgefallen, allerdings habe ich auch nur die Normalversion gesehen, die mich gelangweilt hat, und ich fand das Personal lahm. Ob mich die Figuren in einer vierstündigen Version mehr begeistert hätten, wage ich allerdings sehr stark zu bezweifeln. Trotzdem fand ich die Besprechung sehr interessant, tortich. Danke!

    Vom Altwerden der Rituale, der Gefühle, der Überzeugungen und Beziehungen


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    Über diesen einfach ungeheuer guten Roman lässt sich wenig sagen, das nicht bereits von jemandem gesagt wurde, nicht zuletzt von den Juroren der vielen Literaturpreise, die ihm – zu Recht – zuerkannt wurden. „Mit Blick aufs Meer“ erzählt vom Altwerden – nicht nur vom Altern der Menschen, die darin vorkommen, sondern auch vom Altwerden der Rituale, der Gefühle, der Überzeugungen und Beziehungen. Er macht das auf so vortreffliche Art, dass es ein Vergnügen ist, ihn zu lesen, obwohl die Grundstimmung einer eher depressive ist. Schließlich geht es ums Altwerden. Und das wiederum ist wahrlich kein Vergnügen, jedenfalls in aller Regel.


    Hauptfigur ist die im amerikanischen Original titelgebende Olive Kitteridge, eine etwas ruppige, aber kluge und lebenserfahrene Frau im Rentenalter, die im kleinen Ostküstenort Crosby, Maine, früher Lehrerin war. Olive trägt das Herz sprichwörtlich auf der Zunge, die sie allerdings sparsam einsetzt; sie pflegt eine Form von Ehrlichkeit, die bloße Unhöflichkeit locker in den Schatten stellt, und die es auch ihren beiden Familienmitgliedern schwermacht. Henry, der Ehemann, der Apotheker ist, trägt es mit stoischer Freundlichkeit, aber Christopher, der Sohn, der das College längst hinter sich hat und als Podologe praktiziert, distanziert sich, später auch physisch. Doch die Familienverhältnisse der Kitteridges sind nur ein Teil der Erzählung, in die einige Episoden mit anderen Figuren eingestreut sind, die das Leben der Kitteridges mal stärker und mal weniger stark tangieren. Aber auch in diesen Abschnitten geht es um dieselbe Thematik. Und um Kleinstädte an der amerikanischen Ostküste.


    Elisabeth Strout hat einen direkten, sehr genauen, aber keineswegs sterilen Stil; sie findet tatsächlich exakt die richtigen Worte, schafft also das, was Mark Twain seinerzeit als das Ideal für Schriftsteller skizziert hat: „Schreiben ist einfach, man muss nur die falschen Worte weglassen.“


    Angesiedelt in der Nähe des großen Stewart O’Nan, aber auch in der erzählerischen Tradition von Leuten wie Irving, Updike und Roth findet Elisabeth Strout mit ihrer zugleich empathischen und leicht distanzierten Erzählweise einen modernen Weg, um ohne jede Parteinahme große Nähe zu ihren Figuren aufzubauen. Man muss Olive Kitteridge nicht mögen, aber man versteht sie, und am Ende wünscht man sich, sie mal zu treffen.


    Ich habe diesen Roman gelesen, nachdem ich bereits die Fortsetzung „Die langen Abende“ gelesen hatte, in Unkenntnis davon, dass es sich um eine handelte, und ich hatte auch die großartige Miniserie mit Frances McDermond in der Titelrolle schon gesehen, aber all das machte nichts. „Mit Blick aufs Meer“ ist so große und so gute Literatur, die all das leicht wegsteckt. Ein Buch, mit dem man Freundschaft schließt. Ich habe es im Regal neben die Romane von Johan Harstad gestellt, was die größte Ehrenbezeugung ist, die mir auf diese Weise zur Verfügung steht.



    ASIN/ISBN: 344274203X

    Sehr solide - macht Lust auf mehr


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    Nach dem „Spannungsroman“ „Drakon - Tod unter Segeln“, der im August 2020 erschienen ist, legt Vielschreiber Neumann schon wieder nach. „Haie unter dem Eis“ eröffnet eine Krimireihe, von der bislang drei Teile geplant sind, und in deren Mittelpunkt die Video-Journalistin Kira Lund steht, die (zumindest im ersten Teil) für einen norddeutschen Regional-Fernsehsender arbeitet. Aber wer nach den sechs Krimis rund um die Flensburger Mordkommissarin Helene Christ Entzugserscheinungen hat, der sei getröstet: Sie hat zwar nicht die Haupt-, aber eine wichtige Nebenrolle in diesem Roman inne, der überwiegend auch in Flensburg spielt, und teilweise an der Nordsee.



    Die Geschichte beginnt, wie der Titel verspricht, unter dem Eis - bei einem Tauchgang mitten in einem Winter, in dem die Flensburger Förde ausnahmsweise zumindest in Teilen zugefroren ist. Es ist ein bisschen eigenartig, davon im Juni zu lesen, während die Temperaturen allmählich hochsommerlich werden, aber der Autor schafft es, dass man tatsächlich ein wenig fröstelt. Jedenfalls: Die Kommunalbeamtin Carola Hansen wagt mit ihrem Mann Jesper – beide sind erfahrene Taucher – das Abenteuer, bei mäßiger Sicht im kalten Ostseewasser zu tauchen, während über ihnen die Schollen treiben, und man verrät nicht zu viel, wenn man anmerkt, dass dieser Ausflug für einen von beiden tödlich endet, während der andere unter dringenden Mordverdacht gerät. Kira Lund, die Journalistin, ist mit dem Ehepaar und vor allem mit Carola Hansen befreundet, und sie will sich mit den Indizien, die ziemlich erdrückend sind, nicht abfinden. Außerdem gibt es da noch dieses gigantische Grundstücksgeschäft, über das Kira Lund fürs Fernsehen berichtet, und das irgendwie mit dieser Sache in Verbindung zu stehen scheint, denn es fiel teilweise in Carola Hansens Zuständigkeit.



    H. Dieter Neumann erfindet das Krimi-Genre mit dieser routiniert, professionell, spannend, an den richtigen Stellen augenzwinkernd und beeindruckend detailreich erzählten Geschichte nicht neu, und tatsächlich hat auch seine neue Hauptfigur ein paar Ähnlichkeiten mit der eigenen Heldin älterer Romane, vom Hund bis zur Liebe zur Segelei (hier allerdings noch im Anfangsstadium), aber an den richtigen Stellen und in der richtigen Dosierung befreit sich diese flockig erzählte Ouvertüre vom Erbe der Helene-Christ-Krimis. „Haie unter dem Eis“ ist also zugleich ein Nachhausekommen und eine Reise ins Unbekannte. Das Buch trägt nicht ohne Grund den Untertitel „Kira Lunds erste Reportage“, denn die Hauptfigur ermittelt nicht, sondern sie recherchiert. Während Helene Christ kriminalistische Methoden anwendet, sind es bei Kira Lund journalistische – ein durchaus spannender Perspektivwechsel.



    Und der Fall selbst? Nun, Neumann präsentiert ein klassisches Whodunnit, und auch wenn man am Ende kein ehrfürchtig dahingehauchtes „Also damit hätte ich ja nie gerechnet!“ auf den Lippen hat, führt einen der Autor doch hier und da ziemlich aufs Glatteis, ohne dass die Verstrickungen unübersichtlich werden.



    Die beiden Folgebände sind jedenfalls schon auf der Leseliste.

    ASIN/ISBN: 3492504949