Die hässliche erste Fassung

  • Letztens habe ich gelesen: „Man kann eine schlechte Seite überarbeiten, aber keine leere.“


    Da ich gerade an einem Manuskript sitze, das ich tatsächlich bereits verkauft habe (Yeay me), spüre ich diesen enormen Druck, wenigstens schon mal ETWAS zu Papier zu bringen. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, an Formulierungen oder Sätzen oder Bildern bis zur gefühlten Unendlichkeit zu feilen. Jeden Morgen graut es mir dafür, überhaupt den Laptop zu öffnen aus Angst vor meinem eigenen Perfektionismus. Daher würde mich mal interessieren, wie ihr mit der ersten Fassung (der Rohfassung) umgeht:


    Perfektionisten oder Sprinter? Schreibt ihr direkt „sauber“ oder ist euer Ziel erst einmal, die Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste aufs Papier zu bringen?

    Arbeitet ihr mit Platzhaltern? Also sowas wie: [Hier passiert ein genialer Kampf, bei dem er fast stirbt, mir fällt nur gerade nicht ein, wie] oder [Ein sehr kluges Argument einfügen]).

    Könnt ihr weiterschreiben, wenn ihr wisst, dass das Kapitel davor eigentlich noch eine Katastrophe ist?


    Ich bin gespannt auf eure Prozesse und Beichten!


    Silke

  • Das hängt bei mir von der Situation ab. Wenn ich Abgabedruck habe, wenn ich in Schreibklausur bin, dann zwinge ich mich, weiterzuschreiben, dann gibt es auch mal Platzhalter oder Szenen, die noch nicht vorbereitet sind, weil die Vorbereitung weniger Spaß macht als die Szene dann. Da lasse ich auch mal Viere gerade sein und zwei, drei Absätze stehen, von denen ich weiß, dass jede Stilistin davon Würfelhusten bekäme. Da freue ich mich dann aber auch aufs Laptopaufklappen am nächsten Morgen, weil ich weiß, dass ich es schaffen werde, dem die Substanz zu extrahieren und eine bessere Form zu geben, beziehungsweise eine richtig gute.


    Ich bin heute perfektionistischer als früher. Meine ersten drei Romane habe ich nach dem Drei-Seiten-vor-zwei-zurück-Prinzip entstehen lassen, und vor der Abgabe habe ich sie kein einziges Mal am Stück gelesen. Heute gehe ich über den bislang entstandenen Korpus mehrfach, lese auch gerne nochmal fünfzig Seiten, bevor ich die nächsten zehn schreiben, und schleife, schleife, schleife. Es soll nicht mehr so schnoddrig rüberkommen, ohne weniger frech oder aneckend zu sein. Ich will Unangreifbarkeit auf der handwerklichen Seite.

  • Ich schreibe erst mal die Geschichte. Ohne Platzhalter. Aber ich achte nicht darauf, dass ich es bereits ausgefeilt erzähle, den treffendsten Ausdruck nehme oder auf Rechtschreibfehler achte.

    In meinem Schreibprogramm habe ich ein festes Tagesziel an Anschlägen eingestellt, das ich versuche zu erreichen.

    Wenn es schließlich an die Überarbeitung geht, habe ich ziemlich viel zu feilen, aber das macht mir dann auch am meisten Spaß, denn der Druck ist weg. Die Geschichte ist zu Ende erzählt.

  • Ich stehe mir mit meinem Perfektionismus selbst im Weg (wie bis vor 15 bei der Arbeit, im Alltag und beim Schreiben). Tatsächlich muss ich mich ZWINGEN, Platzhalter in eckigen Klammern zu setzen. Das kann dann aber so weit gehen, dass schließlich fast ein ganzes Kapitel in eckigen Klammern steht. Ich habe gerade drei angefangene Kapitel in der Mache, was jetzt nicht sooo schlimm ist, weil es bei dem Roman nicht so genau auf die Chronologie ankommt.


    Allerdings: Ich hatte vor einigen Monaten ein Aha-Erlebnis, dass es in Ordnung ist, ein Kapitel zu Ende zu schreiben, auch wenn das Geschriebene erst einmal arg hilflos wirkt. ich saß in der Sonne auf einer Parkbank, und dort durchzuckte mich auf einmal eine Idee zu diesem Kapitel. Aber ich tu mich da wirklich schwer

    Literatur ist die angenehmste Art, die Realität zu ignorieren (Pessoa)

  • Ich finde es bewundernswert, daß manche Leute auf Bestellung Romane schreiben können. Ich könnte das nicht. Ich hätte zu viel Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden, und daß der Verleger merkt, daß ich ein Betüger bin, der gar nicht schreiben kann, und er seinen Vorschuß zurückverlangt... ^^"


    Meine Arbeitsweise ist ziemlich ineffizient und intuitiv. Die Rohfassung schreibe ich von Hand mit dem Füller, ohne allzuviel nachzudenken. Danach übertage ich es in den PC und formuliere einiges um, und ergänze. Wenn alles fertig und ausgedruckt ist, gehe ich noch einmal darüber und schaue, was ich ggf. löschen sollte.

    Wenn ich direkt am PC schreibe, neige ich dazu, zu viel Zeit mit Korrigieren zu vergeuden, was meinen Gedankenfluß hemmt. Irgendwie macht es einen großen Unterschied, ob ich einen Text geschrieben oder gedruckt vor mir sehe.

    "Im Internet weiss keiner, dass du eine Katze bist." =^.^=

  • Ich schreibe keine Romane "auf Bestellung". Ich biete ein Konzept an, wenn ich die Geschichte bis zu einem gewissen Grad fertig im Kopf habe*, und wenn es dann gekauft wird, fange ich mit der Umsetzung an. Ich habe einmal einen Auftragsroman geschrieben, das war ein Film-Tie-In, aber da hatte ich den Rohschnitt des Films als Vorlage. Würde ich aber nicht noch einmal machen.

    (*in aller Regel halte ich mich daran bei der Umsetzung dann aber nicht mehr allzu genau)

  • Ist das nicht prinzipiell das gleiche? Man verplichtet sich etwas abzuliefern, was zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses noch nicht existiert. Ideen und Konzepte sind billig. Davon habe ich ein ganzes Notizbuch. Aber ein fertiger Roman von mehreren hundert Seiten daraus zumachen, der etwas taugt, ist eine andere Hausnummer.

    Vielleicht liegt es auch einfach daran, daß ich nicht routiniert genug bin, und daß es mir an der notwendigen Disziplin und Zielstrebigkeit gebricht. Es gibt Geschichten, die ich in vier Monaten fertigstellte, und andere, da dauerte es sechs Jahre. ^^"

    "Im Internet weiss keiner, dass du eine Katze bist." =^.^=

  • Ich schreibe eigentlich direkt am Notebook, nur wenn es allzu sehr hakt, schreibe ich Passagen mit der Hand, um wieder in den Fluss zu kommen. Manchmal hilft eine Deadline aber auch, denke ich. Aber das ist eine Typfrage, ebenso, wie die der Art des Schreibens. ...

    Meine Arbeitsweise ist ziemlich ineffizient und intuitiv. Die Rohfassung schreibe ich von Hand mit dem Füller, ohne allzuviel nachzudenken. Danach übertage ich es in den PC und formuliere einiges um, und ergänze. Wenn alles fertig und ausgedruckt ist, gehe ich noch einmal darüber und schaue, was ich ggf. löschen sollte.

    Wenn ich direkt am PC schreibe, neige ich dazu, zu viel Zeit mit Korrigieren zu vergeuden, was meinen Gedankenfluß hemmt. Irgendwie macht es einen großen Unterschied, ob ich einen Text geschrieben oder gedruckt vor mir sehe.

    Ich schreibe eigentlich direkt am Notebook, nur wenn es allzu sehr hakt, schreibe ich Passagen mit der Hand, um wieder in den Fluss zu kommen.

    Ist das nicht prinzipiell das gleiche? Man verplichtet sich etwas abzuliefern, was zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses noch nicht existiert. Ideen und Konzepte sind billig. Davon habe ich ein ganzes Notizbuch. Aber ein fertiger Roman von mehreren hundert Seiten daraus zumachen, der etwas taugt, ist eine andere Hausnummer.Vielleicht liegt es auch einfach daran, daß ich nicht routiniert genug bin, und daß es mir an der notwendigen Disziplin und Zielstrebigkeit gebricht. Es gibt Geschichten, die ich in vier Monaten fertigstellte, und andere, da dauerte es sechs Jahre. ^^"

    Ja, das kenne ich. Und dann gibt es Texte, die irgendwie nie fertig sind, an denen man immer wieder aufs Neue arbeitet, obwohl sie so gesehen schon fertig sind (mit Anfang, Konflikt, Auflösung ...) Aber vielleicht muss man dann einfach einen Schlussstrich. Vielleicht ist es bei Dir gar nicht mangelnde Disziplin? Seit Jahren werde ich das Urteil meiner Familie (obwohl die sich schon recht drastisch verringert hat) nicht los, dass ich erst Schreiben darf, wenn ich Tagespflichten erledigt habe. Meistens klappt das ganz gut, erst die Pflicht, dann das Schreiben, aber immer noch zu oft, grätscht etwas dazwischen. Und ich finde es echt schwer, wieder ins Schreiben zu kommen, wenn ich einmal rausgerissen worden bin. Dann muss ich erst das gerade Geschriebene lesen, und dann bin ich wieder im Teufelskreis: "Nee, das liest sich holprig, da muss ..." und dann fängt das Korrigieren/Überarbeiten wieder an. ...

    Literatur ist die angenehmste Art, die Realität zu ignorieren (Pessoa)

  • Ist das nicht prinzipiell das gleiche? Man verplichtet sich etwas abzuliefern, was zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses noch nicht existiert.

    Ja, das ist durchaus "auf Bestellung", wenn man so will, aber man bietet ja auch erst an, wenn man zu der Überzeugung gelangt ist, das Buch dann auch wirklich (fertig)schreiben zu können. Zumindest mache ich das so, und die meisten Leute, mit denen ich mal über sowas gesprochen habe. Schließlich hat man auch schon entsprechende Erfahrungen gesammelt. Man macht den Job ja nicht erst seit gestern. Und es ist ein Job.


    Andererseits kann das auch für Menschen, die sich nicht vorstellen können, so zu arbeiten, ein überraschendes Experiment werden. Ich habe früher auch gedacht, dass ich nur schreiben könne, wenn ich irgendwie inspiriert bin, wenn mich die Muse nass abschleckt und so Sachen. Dabei geht es in aller Regel überhaupt nicht so sehr um Inspiration - die kommt zumindest meiner Erfahrung nach sowieso nie dann, wenn man sie braucht. In die Arbeit an Langtexten fließen alle möglichen Aspekte ein, und Inspiration ist nur einer davon. Jedenfalls fällt es mir leicht, macht es mir sogar Spaß, unter Druck am Stück zu schreiben, weil sich diese Arbeit dann auch wirklich wie eine richtige Arbeit anfühlt. Eine ganz großartige, weil das, was dabei entsteht, absolut einmalig ist - und später möglicherweise einigen Menschen Freude machen wird. Sich das zu vergegenwärtigen, das hilft dann auch über Durststrecken unter Druck hinweg. Tatsächlich schreibe ich viel zu wenig, wenn ich keinen habe.

  • Bei mir kommt es auch auf die Situation an. Und auf den Typ Buch. Bei Sachbüchern schreibe ich an sich gleich "ins Reine" und überarbeite nachher noch mal gründlich. Da empfinde ich das Schreiben aber auch als recht einfach und ich denke, dass ich inzwischen auch viel Routine habe.

    Bei Romanen mit Vertrag und Abgabedatum bemühe ich mich auch darum, gleich eine Version zu schreiben, die mit Überarbeitung so funktioniert. Da habe ich beziehungsweise haben im aktuellen Fall Alexander und ich aber auch ein fertiges Konzept.

    Und dann gibt es noch die Sorte Belletristik, die ich "einfach so" schreibe, ohne Vertrag und auch ohne komplett ausgearbeitetes Konzept, und bei der ich dann mal schaue, ob ich das unterbringen kann. Und bei diesen Texten geht nichts voran! Ich überarbeite, feile und habe das Gefühl, jeden Tag Text zur Welt zu bringen (Geburten sind anstrengend).


    Merke: Ohne Zeitdruck wird das bei mir gar nichts, da ich dann zum Perfektionismus neige. Und diesen Ansprüchen genügt man ja ohnehin nie.

    Früher, zu Zeiten des Journalismus, habe ich es mir zur Regel gemacht, jeden Text maximal dreimal zu überarbeiten, dann ging der raus. Aber das war Tagesjournalismus, da musste ich um Punkt ... Uhr fertig sein. Eigentlich die beste Art, um mich selber auszutricksen. Und es hat mir auch zu der Routine verholfen, aus der ich jetzt bei Sachbüchern schöpfe.

  • Bei mir ist es paradox: Je perfektionistischer ich an den ersten Entwurf gehe, desto lebloser wird der Text. Darum gibt es nur eine Variante für mich...

    Und Zeitdruck funktioniert bei mir auch am besten.

  • Da ich gerade an einem Manuskript sitze, das ich tatsächlich bereits verkauft habe (Yeay me),

    Go, you! :lal


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    Die (imA) besten Texte sind immer die, von denen ich direkt beim Start meine, dass ich es niemals nie schaffe. Und das vllt. bis kurz vor Schluß denke. Wobei ich schon aufgeben wollte, oder es einige Tage hab.


    Die schlechtesten sind die, bei denen ich denke, dass ich alles ja gut im Griff hab, es schon irgendwie funzen wird und ich es ja "nur noch" aufschreiben muss. Das passiert aber eher bei Flash Fiction, weil ich da weniger kompliziert vorplane oder mich zu stark auf Einzelsegemente verlasse.



    Ich bin eindeutig Team Zeitdruck. Wobei ich es (Recherche / Rumdaddeln bis es fünf vor - oder auch mal nach - zwölf ist) manchmal auch übetreibe und dann dieses Reh vorm Scheinwerfer Gefühl eintritt, bei dem ich erst mal ein paar Tage gar nix machen kann. Völlig bekloppt, bin auch ganz langsam dabei, das geändert zu bekommen.

    Hab ich nicht genug Druck (Was, nur drei Deadlines?), reiße ich mir was Neues auf.

    Mir ist klar, warum ich Dussel das so mache: Der Text funzt in meinem Kopf. Ich hab Schiß, dass ich ihn auf dem Papier nicht hinkriege. Wenn ich nicht anfange, sehe ich nicht, wie er nix werden könnte. Hab ich gegen Ende nicht mehr genug Zeit, ist es kein Wunder, dass er nicht wird, wie idealerweise vorgestellt, also ist es ein erklärbares Scheitern. Dann merke ich mittendrin, dass der Text doch nicht so scheiße ist und bereue, dass ich mich ständig boykottiere. Eigentlich nur die Angst zu versagen, dabei hab ich zum Glück gar nicht so viele schlechte Erfahrungen. Ist eben mein Anspruch, oder besser: Meine Idee ideell und dann faktisch auf dem Papier.


    Ich schreib fast alles mit Füller in ein großes Linienbuch. Hat den Vorteil, dass man Varianten drüberkritzeln kann und unterlinieren, was gleich nicht so gut aussieht (aber dann steht da erstmal was, das die Sätze zusammenhält), auch kann man sehen, was man vorher schreiben wollte und manchmal war das doch besser. Man kann Verbindungspfeile setzen und sowas. Ich bin stark visuell-räumlich orientiert, daher funzt die Erstfassung in word /am Monitor nicht so gut, weil in den Zeilen alles auf einer Ebene ist. Und alles sieht gleich aus. Monitor verzeiht zu viel, weil es schon fertig wirkt.


    Das erste Abtippen ist mein größter Editing-Schritt. Danach ist v.a. Kürzen / Streichen, Umstellen von Szenen oder Kapiteln und Polieren. Richtig neu schreibe ich ab dem Punkt selten, jedenfalls nicht raumgreifend.

    Größte Eingriffe mache ich - wenn - vorab im Konzept / der Gesamtplanung, da nach Rückmeldungen, dass was nicht funktioniert. An dem Punkt hab ich schon ganze Plots geändert, Figuren kamen dazu oder flogen raus, andere Motive, Themen ... Allerdings gibt es da nicht mehr als ein Konzept und ein, zwei Szenen.


    Manchmal schreibe ich - ohne die alte Fassung zu lesen - eine ganze Szene neu. Das ist zum einen gut, weil der Sound besser werden kann, zum anderen schlecht, weil ich plötzlich mit zwei Fassungen dastehe, die sich in Details anders entwickelten und nicht zu splicen sind. Ich hab grad ein Kurzessay mit dem Mittelteil in 5 Fassungen und keine Ahnung, wie ich das in eine sinnvolle Form bringen kann. (Der Verleger wartet seit fast 3 Jahren ...) Nie wieder mehr als zwei!


    Schreibt ihr direkt „sauber“ oder ist euer Ziel erst einmal, die Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste aufs Papier zu bringen?

    Möglichst beides, 50/50. Da ist Papier eben perfekt, wegen der noch später auf einen Blick sichtbaren Alternativen, die ich gleich drübergekriztelt hatte. Hat mich schon so oft gerettet, das sind Sachen, die hätte ich am näxten Tag / bei näxter Schreibsession längst vergessen.

    Arbeitet ihr mit Platzhaltern? Also sowas wie: [Hier passiert ein genialer Kampf, bei dem er fast stirbt, mir fällt nur gerade nicht ein, wie] oder [Ein sehr kluges Argument einfügen]).

    Absolut. Da sind aus der Not auch echt schon coole Sachen rausgekommen, durchaus im Sinne von plotverändernd, die mir nicht eingefallen wären, hätte ich alles in einem Fluss geschrieben.

    Finde Platzhalter auch wichtig, um nicht unbewusst von der Planung auszuscheren (siehe Essay mit 5 Mittelteilen!).

    Könnt ihr weiterschreiben, wenn ihr wisst, dass das Kapitel davor eigentlich noch eine Katastrophe ist?

    Bei Katastrophe kille ich alles. Das können im Ernstfall mehrere Seiten Handschrift sein, die ich nicht abtippe. Manchmal suche ich mir daraus einzelne Sätze, die klingen, und die dann woanders rein kommen.

    Katastrophen schreibe ich ganz neu (oder ich merke, dass sie schlecht sind, weil sie eh unnötig waren). Ich hab immer den Eindruck, etwas Schlechtes 'infiziere' den guten Rest, weil ich mich aus einem Klang schlecht lösen kann. Deshalb muss das getötet werden, und eben sauber von Null an gedacht / formuliert.

  • Für den Quatsch, den ich schreibe, brauche ich ein bestimmtes Mindset aus Intuition, Schalk, Anarchie, keine Ahnung. Technisch betrachtet muss mein Gehirn wahrscheinlich in einem weitvernetzten Modus sein und hinter das Konkrete zurück treten können. Gelingt das nicht, ist sowohl die erste Version als auch eine Überarbeitung Mist. Ohne diesen Modus kann ich allenfalls objektive Fehler korrigieren, schon bei der Wortwahl (systematisch nach Synonymen schauen, um das beste Wort zu finden) greife ich dann erfahrungsgemäß daneben. Glücklicherweise betrifft das Wegwerfen auch von Überarbeitetem bei mir wegen Kürzestprosa höchstens ein paar Sätze :sonne.

  • p.s. Silke Wenn ich genau drüber nachdenke, ist - nach der ganzen Konzeptionsplanung - im ersten Schritt die gesamte Erzählung durch einen Platzhalter ersetzt: Ich schreibe immer erst den Anfang und dann direkt das Ende (oder umgekehrt, aber die beiden Segmente vor allem anderen). Weil das imA die stärkste Verbindung / Konsequenz zeigen muss.


    Das sollte imA auch in der selben Stimmung, Tonfall / Stimme sein, die ich ggfs. nicht immer durchhalten kann. Dann steht diese Klammer und wie es sich von A nach Z entwickelt, lässt sich stärker modellieren, umstrukturieren, aber eben innerhalb des Rahmens.

  • Interessant zu lesen, wie ihr mit diesem unerschöpflichen Thema umgeht. Jeder hat seine eigene Art, das Beste aus einem Text herauszukitzeln. Ich bin als literarisches Mauerblümchen in der Position, niemanden beeindrucken zu müssen. Renomierte Verlage erscheinen für mich so weit entfernt wie die Milchstraße am wolkenlosen Abendhimmel.

    Geschichten schreibe ich schnell und ohne viel zu feilen. Füge eher etwas hinzu, als Sätze zu verändern. Ein Beispiel. Nachdem ich eine Reportage auf Arte über die Auswirkungen der steigenden Temperaturen gesehen hatte, schrieb ich direkt danach eine Kurzgeschichte. Postete sie in einem Forum. Ein User merkte an, sie erscheine ihm im leeren Raum zu schweben. Die Bolt-Markierung zeigt, was ich am nächsten Morgen ohne Zögern hinzufügte:


    Mein Name ist Adul. Ich soll sechsundzwanzig Jahre alt sein und lebte in Neu-Delhi. So steht es zumindest auf der kleinen Karte, die sich in dem Jutebeutel findet, der, bildhaft beschrieben, mit meinem hageren Körper verwachsen ist. Es finden sich weitere Dinge in diesem fleischlosen Körperteil, dem Rest meiner Vergangenheit, der mich stets begleitet. Das Foto einer Frau, daneben ein fremder Adul. Ein Adul, der lacht und volle Wangen zeigt. Wo wurde das Bild aufgenommen? Es muss Neu-Delhi sein, es ist der gleiche Himmel. Alles andere hat sich verändert. Meine Lider zittern, ein Nachhall des Übergangs einer traumlosen Nacht in einen weiteren Tag.

    Der Lehmboden unter meinem Körper ist mit Lagen bräunlicher Pappe ausgelegt. Ich weiß, dass darin teure Dinge verpackt waren. Die Stelle, auf der ich die Nacht verbracht habe, zeigt ein feuchtes Abbild meiner abgemagerten Gestalt. Es war eine gute Nacht. Die brütende Hitze des vergangenen Tages wurde von einem Vorläufer des drohenden Monsuns weggeweht. Über mir, wie das innere Dach des Shiva Mandir, sehe ich die Streben der Brücke. Es ist mein Schlafplatz, mein kleines Reich.

    Ich bin früh aufgewacht. Wie ein einsamer, knorriger Baum stehe ich inmitten schlafender Körper. Bald werden sich die Tore öffnen, und die Körper werden sich, sorgsam am Rand des schlafenden Teppichs beginnend, in das Umland ergießen, und alle werden das gleiche Ziel haben. Ich mag es nicht, über schlafende Menschen zu steigen. Daher warte ich, bis sich Namib erhebt, dessen Atem mir diese Nacht in den Nacken blies.

    Neben den Ausgabestationen für Leichensäcke stehen einige gelbe Trucks. Gelb wie Hoffnung, auch die Lebensmittelrationen sind mit gelber Folie verschweißt. Die Robs erwarten keinen Dank. Ihnen ist es gleichgültig, ob ich lebe oder Namib sich einige hundert Rupien verdient, indem er meine dürren Überreste in einem der schwarzen Leichensäcke abgibt. They Take Care For Us, in Gelb auf Schwarz, lese ich jeden Morgen auf einem Plakat, das nicht verrotten will.

    Da ist was dran. Sie sorgen für uns.

    Mir bleibt die Entscheidung, wie ich heute meinen Tag verbringe. Am Fluss Yamuna werden wie in alten Zeiten Leichen verbrannt. Ich mag die Gerüche von Weihrauch und knusprigem Fleisch. Selbst die Blumen sind dort noch echt. Es ist das Privileg der wenigen Auserwählten, nach den alten Bräuchen begraben zu werden. Kollaborateure, die den Robs die Türen öffneten. Sagt Namib, und der war früher Lehrer. Hat er in einer schlaflosen Nacht erwähnt.

    Ich beschließe, zur Mauer zu gehen, bevor die Mittagssonne mir die Kopfhaut verbrennt. In ihrem Schatten finde ich manchmal Dinge, die mich an mein anderes Leben erinnern. Entsorgt von glücklichen Menschen, so bilde ich es mir ein. In meinen Gedanken färbt dieses erkaufte Glück auf mich ab, kühlt meine verbrennende Existenz.

    Auf den umlagerten Bildschirmen am Rand der Shahdara Road sehe ich zwischen verstaubten Haarschöpfen den Wetterbericht. Es wird kühler werden, und auch Regen wird wie ein Geschenk des Gottes Parjanya in Aussicht gestellt. Ich habe für heute genug erlebt und beschließe zu gehen.


    Die Kühle des Invasivraums dringt durch den Anzug, der meine Nerven mit Eindrücken versorgte. Ich zwänge mir den Helm vom Kopf, schüttle die Haare.

    »Du bekommst auch gar nicht genug. Beeil dich, deine Mutter hat Rogan Joh Curry gemacht.«

    Ich brauche eine Sekunde, um die Stimme meinem Vater zuzuordnen.

    »Wann beabsichtigt der junge Herr, etwas für die Schule zu tun?«

    Er musste das sagen, erkläre ich mir, so sind die Regeln, mit denen er seine Rolle als Vater verbindet.

    »Noch nie was von Anschauungsunterricht gehört? So paukt man heutzutage Geschichte.«

    Ich trag’ voll auf, wiederhole Details zur Erderwärmung, zur Robokalypse, habe mir sogar die Straßennamen gemerkt. Er nickt zufrieden.

    »Was jetzt mit Essen?«

    Nicht, dass ich mich groß darauf freue, auf das allabendliche Sit-in bei Reis und gebratenem Huhn. Es erfordert die Kunst der Vermeidung. Meine Tabuthemen sind anders als ihre.

    Mom erscheint, frisch abgenabelt von ihrer Arbeit. Tabuthema Nummer eins. Koordinatorin für den automatisierten Abbau von Ressourcen, auf deren Vorhandensein uns erst die guten, alten Robs gebracht haben. Früher nannte man das einen Kumpel unter Tage. Heutzutage fliegen wir dafür zum Jupiter und plündern seine Asteroiden.

    Mein Dad, der seine laute Stimme nun mit seiner imposanten Erscheinung manifestiert, ist Biologe. Er nennt das so, weil er mit Pflanzen arbeitet. Unsere Pflanzen, selbst gezogen, selbst geerntet, selbst gekocht.

    Das Zeug, das in der Schüssel vor mir grünlich schimmert.

    Tabuthema Nummer zwei.

    Unser Haus ist autonom. Wir sind autonom. Ach fuck, die ganze Welt ist jetzt autonom. Wir haben die Kurve gekriegt, aber letztendlich nur, weil die Robs beschlossen, die Biege zu machen. Das ist das Thema, das meine Eltern vermeiden. Ich denk’ mir, sie leben in der Vorstellung, dass die Menschheit überlegen war. Ich denk’ mir, den Robs war es bei uns zu langweilig.

    Eines Tages waren sie weg.

    Na ja, nicht ganz. Sie haben ihren Abfall dagelassen. Gute Sachen, so viel ist klar. Leere Batterien, deren chemische Raffiniertheit zunächst Rätsel aufgab. Sonnenkollektoren, deren mineralischer Aufbau jedes auf Silizium basierende Solarpanel zu einem Spiegel degradierte.

    Okay, jetzt kommt Mom mit ihrem Lieblingsthema dazu. Extraterrestrische Mineralien, die niemand auf dem Schirm hatte. Sie kann stundenlang darüber reden.

    Ich kaue das Rogan Joh Curry und schaue durch die Kuppel auf unsere Felder, lasse mich von dem beruhigenden Kreiseln der Windrotoren einlullen, während mir Mom von Startsequenzen und Abbaumethoden erzählt.

    Ich bin woanders.

    Eigentlich stecke ich gedanklich schon wieder in meinem immersiven Anzug und pauke Geschichte.

    Diese Simulation ist so cool. Knowing India, Delhi Edition. Ein echter Geheimtipp.

    Meine Freunde werden begeistert sein …

  • "Der erste Entwurf ist immer Mist", sagt Hemingway. Was mich angeht, hat er recht.

    Ich plotte meine Krimis und habe, bevor es losgeht, einen Kapitelplan.

    Hässliche erste Fassung - oh ja!

    Ein einzelnes Kapitel schreibe ich runter, dann gibt es einen Ausdruck und die erste Überarbeitung. Diese mache ich inzwischen zügig, denn wenn ich länger warte, bekomme ich ganz fürchterlich schlechte Laune beim Anblick der hässlichen ersten Fassung, in der es häufig noch von Logikfehlern und dramaturgischen Schwächen wimmelt.

    Rechtschreibfehler und stilistisch Unschönes bessere ich aus, wenn es mir in die Augen springt, aber ich suche in diesem Stadium nicht danach. Ich mache erstmal Strecke - also alles ohne Rücksicht auf Verluste in den PC, dann die erste Überarbeitung, um das Gröbste auszumerzen.

    Lücken - ja. Platzhalter - wenige

    Ja, ich springe bei Kapiteln. Inzwischen schreibe ich den Schluss ziemlich früh, weil ich es ungemein beruhigend finde, zu wissen, dass ich jetzt "nur noch" die MItte ausfüllen muss. Manchmal gibt es auch Erzählstränge, die ich hintereinander weg schreibe, auch wenn sie nicht als lineare Folge im Text erscheinen. In den einzelnen Kapiteln habe ich wenig Platzhalter, weil ich mit inhaltlichen Lücken nicht die Tragfähigkeit der Kapitelstruktur überblicken kann. Ich markiere jedoch Schwachstellen bei den Formulierungen, um mich später darum zu kümmern.

    Katastrophale Kapitel - kommt drauf an.
    Manchmal hilft es mir, an anderer Stelle weiterzumachen, um mir bessere Laune (und Selbstvertrauen) zu verschaffen, und die Katastrophe später zu beseitigen.


  • Ich bin als literarisches Mauerblümchen in der Position, niemanden beeindrucken zu müssen.

    Ich denke Perfektionismus hat an sich nix mit Verlegern oder Herausgebern zu tun, zumindest ich hab das immer schon gehabt - ich will sehen, wie gut ich werden kann im Sinne von: Handwerk beherrschen, meine Vorstellungen adäquat umzusetzen, Strukturen finden etc.

    Das Gedrucktwerden ist nicht Auslöser, aber verstärkt Perfektionismus, weil Zine- oder Buchdruck jede kleine (und große, haha) Schwäche gnadenlos deutlich werden lässt. Und dann steht es da, quasi eingemeisselt.

    Der Monitor und sogar das selbstausgedruckte Dokument machen das bei weitem nicht in in dem Umfang deutlich, da sieht vieles vllt. erstmal ganz okay aus.