Der auktoriale Erzähler

  • James Wood erklärt das echt toll, versuch es doch mal damit, Jo. (Gibt ja auch auf Deutsch). Es gibt ja so viele Mix-Varianten, die eben keine Fehler sind.


    Silke Das ist ja echt extrem gängelig, sowas mag ich auch nicht, selbst wenn ich dreist-freche Erzähler, die sich einmischen, durchaus mag. Der Nicht-Rote Rest ist auch schlimm. Erinnert mich an Bram Stoker, auch sehr steif, oder? So mit dem abgespreizten kleinen Finger erzählt.


    Ich kenne aus der britischen Schauerliteratur, dass häufig Ausblicke gegeben werden, so Art: An diesem letzten Tag seines Lebens ... (es ist besonders cool, wenn man dann durch die Erzählung den Eindruck hat, die Ankündigung wäre unzuverlässig, oder gelogen). Muss gestehen, dass ich es in dem Genre mit historischem Setting / Erzähler auch schon gemacht hab, ganz bewusst.


    Diese auktoriale Art des Foreshadowings kann imA auch funzen, z.B. Harlan Ellison: "The Whimper of Whipped Dogs" (Deathbird Stories, sicherlich in dem Ich habe keinen Mund auf deutsch.): 1. Satz:
    In the night after the day she had stained the louvered window shutters of her new apartment on East 52nd Street, Beth saw a woman slowly and hideously knifed to death in the courtyard of her building. She was one of twenty-six witnesses to the ghoulish scene, and, like them, did nothing to stop it.


    Das finde ich extrem effizient. Dann wird erzählt, dass sie gleichzeitig neugierig, fasziniert und gelähmt war, ohne dass man die Szene im Detail sieht. Und dann erst wird alles nochmal chronologisch aufgerollt von dem Moment, an dem das (zukünftige) Opfer den Hinterhof betritt, sodass der Leser nun zum ersten Mal wirklich 'sieht', was eigentlich passierte.

    Wenn auch nicht 100% zu den Bsp. identisch, ist es dennoch eine auktoriale Vorankündigung, die Ursache und Wirkung 1,5 Seiten lang ständig wechselnd vertauscht.


    Ich finde es ziemlich geil, wenn der auktoriale Erzähler aus seiner Rolle ausbricht, aber es darf selbstverständlich kein Fehler / Versehen sein und es muss auch zum Text passen.


    Dieses Vorausschauende kommentieren kann peinlich sein, aber auch - wenn es frech und selbstverständlich genug ist - ganz wunderbar.

    (Anders als bei einem 1.P. Erzähler, bei dem Kommentare zur Lage auch danebengehen können: "Und dann starb ich!" :rofl Obwohl: Zombies!)


    Antoine Volodine schreibt unter Heteronymen (selbst sein hauptsächlicher Autorenname ist ein Alias), er verwendet Icherzähler und/oder auktorialen Erzähler, der in den Kopf der Hauptperson sehen kann, das geht also teils ins Personale. Er gibt aber auch übergeordnete Statements zur Lage, fiktionaler Historie oder den Figuren ab, die deutlich neutral / meta sind.

    Alle Heteronyme erscheinen auch in einer Art übergeordneter, das Gesamtwerk umspannender Backstory in einigen Romanen als Figuren. Es ist ein politisch verfolgtes Autorenkollektiv (2. Sowjetunion, stalinesk), und da sich 'Volodine' auch dazuzählt, rutscht sein auktorialer Erzähler ab & zu in die 1. Person Plural, wir. Und spricht auch von *man fühlte sich ...* Somit wird das Ganze Metafiktion.


    Diese auktorialen Erzähler kommentieren nicht nur, als wären sie dabei, obwohl sie gleichzeitig Dinge wissen, die die Figuren nicht wissen - oder genauer gesagt weiß keiner irgendwas.


    Wirklich geflasht hat mich Dondog (Suhrkamp) , worin die Titelfigur etwas Vergangenes, nicht selbst Erlebtes wie ein neutraler auktorialer Erzähler erzählt. Und quasi über die Zeiten und Ebenen hinweg spricht ihn die Nebenfigur, die in dieser Szene allein vor Ort ist und um die es in seinem Bericht ging, wie von der Bühne direkt an. Wendet sich also an ihn wie an den sie erschaffenden Autor selbst, oder an die Titelfigur, als könnte er durch seinen Bericht noch im Nachheinein ihr Schicksal (eine Vergewaltigung) ändern:

    Sie wich etwas Scharlachrotem aus, das vor ihren Füßen lag, dann zog sie unter großer Anstrengung den Balken zur Seite, der die Tür versprerrte, und trat hinaus.
    Und nun, kleiner Bruder?, fragte sie.

    Kleine Ahnung, sagte Dondog. Nun, kleine Schwester, taumelst du in der Sonne über den Hof. Dein Haarknoten löst sich auf, dein Rock ist schmutzig und von entsetzlichen Spritzern übersäht.


    Seine Regieanweisungen ersetzen seine rückblickende, auktoriale Erzählung und beenden nach einer halben Seite das Kapitel.


    Volodine hat das alles fest im Griff, was diese Anarchie zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis macht. Es ist sogar schwer, danach Konventionelles zu lesen, das ist extrem immersiv.

  • Ich lese gerade von Irene Dische, Prinzessin Alice, und hier findet ein Wechsel der Perspektive innerhalb des ersten Kapitels statt, wie nebenbei, den ich überraschend und spielerisch fand.

    Zuerst wird eine ganze Weile aus der Sicht der allwissenden Erzählerin erzählt und dann folgt der Satz:


    „…dies ist übrigens eine wahre Geschichte. Von hier an gehören Sie zu den eingeweihten. Und da wir es nicht mit einer von diesen Illustrierten zu tun haben, verzichten wir künftig darauf, die Protagonistin als Prinzessin zu bezeichnen. Wir wollen auch nicht länger so tun als würde irgendeine Allwissende Erzählerinstanz dies niederschreiben. Ich, Alice, offiziell als wahnsinnig diagnostiziert, will endlich selbst erzählen. Von jetzt an geht es hier um mich…“