Der vermaledeite erste Satz

  • Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, aber ich bastle immer WOCHEN an der ersten Seite herum, und natürlich auch am ersten Satz. Ist er wirklich so wichtig oder ist das alles überbewertet?


    Viele sagen ja, der erste Satz ist die Visitenkarte eines Textes. Er muss nicht alles verraten, aber er muss eine Tür öffnen. Er setzt den Ton, etabliert oft schon eine Perspektive und entscheidet im Idealfall darüber, ob ein Leser (oder ein Lektor) dranbleibt. Das ist eine ganz schön heftige Verantwortung für so einen ersten Satz, findet ihr nicht? Man will ihn ja auch nicht überladen, in einen Bandwurm verwandeln oder in Klischees verfallen.


    Daher: Wie erreicht man es, dass der erste Satz gleich den zweiten fordert?


    Ich würde gern mal eure ersten Sätze eurer derzeitigen Projekte hören! Natürlich fange ich an :blume und nehme gern Kommentare und Hinweise entgegen.


    Meile um Meile erstreckte sich das Gras, gelb und brüchig wie Stroh.

  • Es ist schon fein, wenn man einen ersten Satz findet, der gleichermaßen schön, andeutungsvoll und nicht zu lang ist. (Bei dem Quatsch, den ich in meiner 1min-Form schreibe, entsteht oft alles aus einem griffigen Satz, der mir mal eingefallen ist.) Andererseits muss das auch nicht und kann nach hinten losgehen, wenn so ein Satz bemüht wirkt und nicht die Leichtigkeit hat, die Kunst braucht. (Mir fällt gerade das auf poetisch gedrillte Satzungetüm am Anfang des mMn eh nicht gelungenen, aber tausendfach besprochenen "Der Turm" ein.)

  • Zum "Turm"


    Meinst du: "Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm."?

    Da "Revolvermann" ja ein wenig komisch klingt (oder nicht?), hier das Original: "The man in black fled across the desert, and the gunslinger followed."

  • Der erste Satz ist eine – die – Chance den Leser anzufixen.



    Als genauso wichtig erachte ich spannende Überschriften. Während jeder Autor großen Wert auf einen Aufmerksamkeit heischenden Buchtitel legt, vernachlässigen viele die Chance von anregenden Kapitelüberschriften, die einen potentiellen Leser bannen können.



    Nun zu deinem angeführten Beispiel: Meile um Meile erstreckte sich das Gras, gelb und brüchig wie Stroh.



    In meinen Augen verträgt sich der Vergleich von dünnen Gräsern mit den dicken Halmen des Korns nicht.



    Falls du auf eine Australische Landschaft anspielst, würde ich mit konkreten Namen arbeiten, wie z.B. Ein Meer von Spinifex-Gräser flutete gelb und dürr bis zum Horizont.



    Frank

  • Falls du auf eine Australische Landschaft anspielst, würde ich mit konkreten Namen arbeiten, wie z.B. Ein Meer von Spinifex-Gräser flutete gelb und dürr bis zum Horizont.

    Verstehe die Intention dahinter, es würde sich allerdings mit der personalen Perspektive brechen. Die Wahrnehmung geschieht durch die Augen eines neu aus der Uckermark eingetroffenen Bauernmädchens. Sie würde ganz sicher nicht wissen, was Spinifex ist, sondern das Gesehene mit dem vergleichen, das sie kennt.

  • Das ist wirklich viel Verantwortung für den armen ersten Satz … Als hastige potenzielle Leserin, ob in der Buchhandlung oder angesichts digitaler Leseproben, gebe ich meist dem ersten Absatz eine Chance, glaube ich. Das Zusammenspiel der ersten Sätze finde ich wichtig.

    Und handwerklich ist es oft so, dass der erste Satz von allein kommt und dann auch bleibt, ich feile selten im Nachhinein noch einmal intensiv daran …

    Zwei aktuelle, Jugendbuch mit Liebesstory:

    „Obwohl es schon Juni war, wurde es langsam kühl, und das war schön.“

    Und Kurzgeschichte: „Bequem ist es nicht in diesem Gebüsch.“

  • Ja, das stimmt schon. Es ist mehr als nur der erste Satz, der ziehen muss. Und doch ...


    Man denke mal an Ken Folletts "Der Schlüssel zu Rebecca" - "Das letzte Kamel brach am Mittag zusammen." Ich liebe diesen ersten Satz. Sofort hat man Kopfkino, man hat Drama, man hat Fragen.


    Deine ersten Sätze erfüllen das auch, denke ich. Ich mag sie auf jeden Fall.

  • Oh je, der erste Satz ...

    Mein aktuelles Projekt ist auf Verlagssuche und deshalb habe ich eine befreundete Bloggerin den Anfang Probe lesen lassen. Sie war ganz begeistert und freut sich schon auf die Veröffentlichung - doch der erste Satz :-)
    Den müsse ich ändern. Es scheint wohl wirklich viel Gewicht darauf zu liegen und Dein Beitrag verunsichert mich abermals, ob ich das richtig gemacht habe.


    Ich schreibe aber bereits an was Neuem und gebe mal diesen ersten Satz als Beispiel an, auch wenn ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht habe, ob der funktioniert. Während ich ihn eben kopierte, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass ich mir noch mal Gedanken machen muss :-)


    Mary hockte auf dem Rand ihres schmalen Bettes, die Knie angezogen, den Blick auf die zerknitterten Blätter fixiert, die ausgebreitet vor ihr lagen.

  • Ich mache mir immer viel zu viele Gedanken über Satz 1, glaube ich. Ich habe dann diese Legenden von ersten Sätzen bei Kafka & Co. im Kopf, und dabei werde ich stets unterliegen. Dieser ist aus meinem Herzensprojekt, das nie veröffentlicht werden wird: "Die Nacht roch nicht koscher."

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Man denke mal an Ken Folletts "Der Schlüssel zu Rebecca" - "Das letzte Kamel brach am Mittag zusammen." Ich liebe diesen ersten Satz. Sofort hat man Kopfkino, man hat Drama, man hat Fragen.

    Haha, das ist sehr cool! Harlan Ellison hat auch so ähnliche Sachen.


    Viele sagen ja, der erste Satz ist die Visitenkarte eines Textes. Er muss nicht alles verraten, aber er muss eine Tür öffnen. Er setzt den Ton, etabliert oft schon eine Perspektive und entscheidet im Idealfall darüber, ob ein Leser (oder ein Lektor) dranbleibt.

    Ja, gutes Thema. Dem kann ich von Konsumentenseite her zustimmen: Ich entscheide Bücherkäufe im Grunde nach den ersten drei Sätzen. Wenn mich das beginnt zu interessieren oder ich Grund hab, das Thema / Setting spannend zu finden, lese ich noch an maximal zwei Stellen irgendwo mittig, willkürlich.


    Das mache ich seit Jahrzehnten und es gibt soweit ich mich erinnere nur zwei oder drei Bücher, bei denen ich vom Fließtext begeistert war, obwohl mich die ersten Sätze massiv abturnten.


    Jeff Vandermeer schrieb mal, dass es sinnvoll wäre, in den ersten Sätzen eine physische Bewegung zu haben, weil der Leser damit in die Geschichte gezogen / getragen würde. Das funzt bei mir tatsächlich, hab da mal drauf geachtet. Ebenso mag ich aber auch abstrakte, statische Statements.


    Ich denke auch, dass man a) 2-4 Sätze braucht anstatt einem einzigen, und b) dass man schauen muss, ob der nachfolgende Text das Level halbwegs halten kann. Ich hab lieber einen ersten Satz / erste Passage, die interessant, aber bissl meh ist, dafür aber harmonisch zum Rest; als einen Hammereinstieg und dann kommt Larifari.


    Das würde ich sogar aufs ganze Intro ausweiten, da hab ich ein Bsp, das mich doch echt nach X Jahren immer noch fuchst: Clive Barkers Coldheart Canyon. Das Intro beschreibt ein Zimmer (im Untergeschoss), das mit Delfter Kacheln ausgekleidet ist, die Kacheln zeigen szenische Figuren (Wilde Jagd) & Landschaften. Und die eröffnen eine eigene verrückte Welt, bisschen wie Alice in Wonderland. Das ist sehr organisch, fast würde ich sagen erotisch-orgiastisch. Ich dachte also: Wow, total abgefahren, das wird ein wilder Ritt! Was folgt ist aber biederes, moralisch ärgerlich konservatives Gut/Böse-Blabla, das echt komplett vergessenswert ist. Hab den Eindruck, er hat die Teile mit Jahren Abstand dazwischen geschrieben. Also, dann hab ich lieber ein Intro, das mich nicht fesselt, dann brauche ich mich durch keine 400 Seiten quälen, in der Hoffnung, XY spielte da noch mal eine Rolle.


    Ähnlich ging es mir mit Angela Carters Love. Der Einstieg hat mich mit dieser Mischung aus Skurrilität, Mega-Drama und feiner Ironie damals total geflasht, leider dödelt das Buch dann so vor sich hin. Mir war lustigerweise (ich war um die 20) vorher nie aufgefallen, dass Mond und Sonne gleichzeitig am Himmel stehen können, oft sogar. Und immer wenn ich es sehe, denke ich an das Buch. Ich mag, wie es so knapp-neutral beginnt und dann atemlos aus dem Ruder läuft (ohne Punkt und Komma, sozusagen).


    One day, Annabel saw the sun and moon in the sky at the same time. The sight filled her with a terror which entirely consumed her and did not leave her until the night closed in catastrophe for she had no instinct for self-preservation if she was confronted by ambiguities.



    Clive Barker mal positiv (das haben inzw. auch schon viele andere gemacht, aber damals Ende 80er war mir das neu): Weaveworld, der das gut halten kann. Es schließt dann an mit dem Motiv des (Story)Webens und im Buch geht es auch um einen Teppich, in den eine ganze Welt verwebt ist - also imA Form Follows Function vom Allerfeinsten:


    Nothing ever begins.

    There's no first moment, no single word or place from which this or any other story springs.

    (...)
    It must be arbitrary then, the place at which we choose to embark. Somewhere between a past half forgotten and a future yet only glimpsed. This place for instance.



    Einer meiner Favoriten und das wird im Buch (eine Autobiographie) auch durchweg eingelöst: Lydia Lunch: Paradoxia. APredator's Diary:


    No names have been changed to protect the innocent, they're all fucking guilty.


    Meile um Meile erstreckte sich das Gras, gelb und brüchig wie Stroh.

    Landschaft / Naturbeobachtung finde ich immer gut, das ist auch eine gute Verortung, hat schon gleich Atmo, ist gleichzeitig auch was Greifbares.

    Aber ist Stroh nicht eine Art Gras? Dann würde ich bevorzugen, ein vorstellbares Wort gleich zu Anfang zu haben (Meile um Meile ist abstrakt und da kann dann alles sein, da bekomme ich kein Bild - also, überspitzt gesagt, es sind die ersten 3 Worte, aber trotzdem.) Fast würd ich raten, die Adjektive voranzustellen: Gelb (fahl?) und brüchig wie Stroh erstreckte sich die XY (bissl konkrter vllt? Weideland, Tundra, Ebene ...). Meile um Meile (als neuer Satzanfang und dann was Aktives / Bewegtes / Lebendes in Kombi.) Nur ne Idee. Als Bild selbst finde ich es sehr gut.


    Andererseits muss das auch nicht und kann nach hinten losgehen, wenn so ein Satz bemüht wirkt und nicht die Leichtigkeit hat, die Kunst braucht.

    Ja, das ist auch ein Problem. Ich bin noch in einem Hochfrequenz-Textforum unterwegs und da hatten wir das Thema auch - zu der Zeit friemelten wir alle am ersten Satz und das wurde irgendwann mega-krampfig und teils auch schon absurd fantasievoll-marketingmässig. Da hats mir bei vielen Texten schon sofort gereicht, weil es total unorganisch klang, null Bock da weiterzulesen.


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    Oh weia, immer toll, wenn man grad :thumbup:/:thumbdown: gepielt hat - hier was ich in letzter Zeit so verbrochen hab:
    1. "Die Lichter von Merihaka". Hab mir ein Genre ausgedacht: Sword, Concrete & Sorcery. :D Hommage-Antho, 2026.


    Vier Orte der Magie existieren nahe unserer Heimstatt: Die geborstene Eiche am Waldrand, der nördliche Meeresausläufer, der Menhir jenseits der Wolfsgrotten und Merihaka, der verlassene Betonkomplex mit seinen Rampen, Verbindungsbrücken und Hochdecks, die unsere Pferde nur ungern betreten.

    [Konzipiert mit den Folgesätzen:] Dort pfeift der Wind durch Häuserschluchten, tropft Wasser aus geborstenen Trägern und wandern Schatten über Wände, ohne einen Körper, der sie geworfen haben könnte. Manchmal besitzen diese Schatten eine ölige Dichte, bewegen sich wie angetrieben von eigenem Willen.Und dann überlassen wir ihnen das Terrain.



    2. "Unter dem Eis die Finsternis", Novelette, in Hellbound (Whitetrain 2025)


    An der frostgeschüttelten Küste liegt ein Eisbrecher vertäut, ruht als mächtiger Schatten über dem Weiß.



    3. Das ist noch nicht rund, der erste ist okay, der dritte Satz ist imA gut, der dazwischen zu laberig-detailliert, da ist auch der nah/fern-Zoom kaputt. Leseprobe für einen Kaiju-Kurzroman. Es soll also bissl trashig sein, neben dem Pathos. Setting hier: hypothetischer Planet X jenseits des Pluto.


    Aždajah öffnet ein purpurnes Auge. Der Drache ruht wie ein Chamäleon auf aschegrauem Fels, hebt den Kopf über Sandwirbel, die sich an seinem Schuppenkörper fangen und beobachtet die Landschaft – geröllübersäte Schluchten und zerklüftete Bergketten. Doch nicht der Sturm weckte ihn, sondern das Gefühl, die Achse seines Planeten hätte sich verschoben.

  • Ja, der erste Satz ...

    Darüber, dass der in Literatur- und Autorenforen wiederkehrend Thema wird, wundere ich mich jedes Mal von Neuem. Sogar Wettbewerbe werden dazu veranstaltet.


    Natürlich ist es hilfreich, wenn schon der erste Satz Interesse weckt, den Ton setzt. Aber ich habe noch nie einen Text nur deshalb weitergelesen, weil ich den ersten Satz als genial empfunden hätte und ebenso wenig habe ich ein Buch ungelesen wieder zurückgelegt, weil der erste Satz ein wenig blass oder sperrig war.


    Eine Lektorin schrieb mir mal: "Spätestens mit dem vierten Satz müssen Sie den Leser am Haken haben." Aus der Sicht einer Lektorin mag das sicherlich zutreffen. Aber als konsumierender Leser bin ich da deutlich konzilianter, gestehe jeder Autorin und jedem Autor mindestens vier oder fünf Seiten zu, bevor ich mich für oder gegen den Kauf des entsprechenden Buchs entscheide und manchmal sind es auch deutlich mehr als fünf Seiten.


    Meine Vermutung ist, dass Menschen, die berufsmäßig Texte analysieren und sezieren wie z.B. Literaturwissenschaftler, dem ersten Satz eine Bedeutung zumessen, die er für Leserinnen und Leser niemals hat. Warum sollte er das auch? Aber weil die immense Wichtigkeit des ersten Satzes immer wieder so hervorgehoben wird, glauben es die armen Autorinnen und Autoren irgendwann und zermartern sich wochenlang das Hirn, um einen nobelpreiskompatiblen ersten Satz auszubrüten, statt ihren Fokus auf andere Dinge zu richten, die meines Erachtens ungleich wichtiger sind, wie z.B. an den Figuren zu feilen.

    Und als Leser will ich auf eine sprachlich und stilistisch anspruchsvolle Weise gut unterhalten werden. No more, no less. Was kümmert mich ein genialer erster Satz, wenn der Rest zäh, sperrig, belanglos, sinnfrei, konfliktfrei, langweilig, verkopft, belehrend, kurzum: weder lesenswert noch lesbar ist.


    Um noch mal auf besagte Wettbewerbe zurückzukommen. Lustigerweise teilen sich regelmäßig die immer gleichen Uralt-ersten-Sätze die vorderen Plätze: "Nennt mich Ismael" ... "Ilsebill salzte nach" ... Ich denke da spontan jedes Mal an die in Stein gemeißelten Zehn Gebote vom Berg Sinai. Sind denn in den letzten fünfzig Jahren keine guten erste Sätze mehr geschrieben worden?

    "Bibbidi-Bobbidi-Boo!" (Die Gute Fee in Cinderella)

  • Kleiner Nachtrag, weil ja nach den ersten Sätzen unserer derzeitigen Projekte gefragt wurde. In diesem Fall ist das "Projekt" zwar schon abgeschlossen und ganz ernstgemeint ist es auch nicht. Aber manchmal überkommt es mich und dann schreibe ich solchen Quark. 8)


    Der Flüsterbaum

    Das Rezept (statt Prolog)


    Maria guckte in Spiegel ... Maria guckte aus Fenster ... War dunkle, stürmische Nacht.


    Iss natürlich totale Quatsch, Roman so beginne lassen. Weil, erste Satz iss ganz wichtige Satz, wenn heftige Ambition da. Vielleicht wichtigste Satz überhaupt, sagt Maria. Andere Maria. Deshalb nochmal neue Beginn.


    Nennt mich Maria. Weil, ich heiß ja Maria ... ... ...


    Sorry. Aber sicher finde ich auch noch ein paar andere und dieses Mal ernsthafte erste Sätze. :)

    "Bibbidi-Bobbidi-Boo!" (Die Gute Fee in Cinderella)

  • Ich bin ein großer Fan des ersten Satzes, aber ich komme ja auch von der Kurzgeschichte, da hat er, finde ich, eine sehr große Bedeutung.

    Einer meiner Lieblingssätze, weil so überraschend, ist in "Tschick": Als Erstes ist da der Geruch von Kaffee und Blut. Herrlich, mit paradoxen Gerüchen anzufangen, ganz nah und prosaisch am Menschsein. Und natürlich Frischs: Ich bin nicht Stiller. Alles drin, um was es in Zukunft geht.

    Meile um Meile erstreckte sich das Gras, gelb und brüchig wie Stroh.

    Ich finde diesen ersten Satz wunderbar, er hat etwas Poetisches, verortet atmosphärisch in eine karge, trockene, endlose Landschaft, damit spür ich auch schon einen Konflikt im Sinne von "hier bekommt man nichts geschenkt, hier muss sich die eigene Existenzberechtigung schon selber beweisen". Ich erwarte jetzt tatsächlich Brüche, Konflikte, ein hartes Dasein. Das erwarte ich jetzt im zweiten/dritten Satz. Also keine endlosen Landschaftsbeschreibungen, das kann noch später, sondern jetzt will ich die Person sehen, die sich auf dieser Reise(?) befindet. Der Satz gibt aber den Sound vor, leicht melancholisch, vielleicht beunruhigend, fast fatalistisch.

    Wenn du das wolltest, finde ich das super. Wenn nicht, schenk ihn mir;) Scherz.


    Zu meinem letzten Ringen:

    In meinem letzten Blogbeitrag wollte ich eigentlich mit dem Satz "Wir wollten nur ans Meer" beginnen, der ist dann dem Thema Raunacht gewichen. Das tut mir immer ein bisschen weh, wenn der erste Satz erst später kommt, oft steht für mich der erste Satz zuerst und macht für mich die Atmosphäre für alles Spätere.


    Aber ob ich einen Roman weglegen würde, weil der erste Satz nicht zieht, würd ich bezweifeln. Wenn auf der ersten Seite allerdings immer noch nichts ist, was mich fesselt, bin ich weg.

  • Ich halte diese Erster-Satz-Sache für überbewertet und mache mir da schon lange keine gesteigerten Gedanken mehr drüber, es sei denn, ich hatte wirklich einen Gedankenurknall für einen Einstiegssatz - dem von den Leserinnen und Lesern m.E. aber selten so viel Beachtung geschenkt wird. Dass die Eröffnung insgesamt stimmen muss, dass die ersten Absätze und Seiten einfangen müssen, das ist allerdings zweifelsfrei zutreffend. Dass der erste Satz aber irgendwie allesentscheidend sei, das halte ich für eine Legende, auch aus eigener Wahrnehmung. Man gibt allem im Leben ein bisschen Vorlauf, eine gewisse Beschleunigungs- und Aufwärmzeit, und erst dann schaut man, ob die Reise lohnen und Spaß machen wird.


    Mein liebster erster Romansatz von mir selbst ist nach wie vor "Scheiße, der fickt das Huhn tatsächlich." Den dazugehörigen Roman habe ich allerdings auslisten lassen.

  • Ich gehöre auch zu den Leuten, die sich über gelungene erste Sätze freuen und die viel über so etwas nachdenken. Ich habe deutlich mehr erste Sätze konstruiert als Geschichten.=)

    Was mir gefällt ist dieser Hyperfokus auf die kleinsten Details, die winizigsten Bedeutungsschattierungen einzelner Worte. In erste Sätze wird so viel Mühe investiert, wie sonst nur in Lyrik. Dabei ist natürlich auch immer die Gefahr, dass man es übertreibt und viel zu viel Bedeutung in den Satz packen will. Die besten ersten Sätze kommen unschuldig und beiläufig daher. Mir gefallen erste Sätze, die eher kurz sind, und bei denen ich mir erst einmal nicht viel denke, die aber dann eine weitere Bedeutungsebene haben (wie das mit dem Gras - super)


    Allerdings würde ich denken, dass dieser Fetisch um den ersten Satz nur eine Tradition ist und rein gar nichts damit zu tun hat, wie sich ein Buch verkaufen lässt. Zu dem Thema könnte man vielleicht mal einen Marketingspezialisten fragen. Ich selbst kaufe Bücher jedenfalls nicht so, dass ich in einer Buchhandlung zufällig ein Buch aus dem Regal ziehe und dann am Anfang anfange und schaue, wie lange mich der Text fesseln kann. Ich kaufe meist eher gezielt, weil mir jemand etwas empfohlen hat, oder weil ich vom selben Autor schon mal etwas gelesen habe, das mir gefallen hat. Oder weil mich gerade ein bestimmtes Thema interessiert, sagen wir mal - irgendwie sowas wie - Aquarienkultur in der Renaissance oder so. Dann würde ich auch erste Sätze verzeihen die mich nicht direkt am Haken haben. ("Der Fisch war tot") Überhaupt diese Geschichte mit dem Anfang - wenn ich grob den Stil eines Buches abschätzen will, dann lese ich doch nicht nur den Anfang! Macht das irgendjemand so? Dann hätte "Das Foucaultsche Pendel" unmöglich ein Bestseller werden können, die ersten zehn Seiten sind nur akademisches Geschwurbel aus Bandwurmsätzen. Ich selbst blättere meistens überall mal rein und lese ein paar zufällige Absätze.


    Und noch was. Ich bin in den letzten Monaten kaum hier gewesen. Das hat genau was damit zu tun. Mit Marketing. Mit KI-Texten. Mir hängt das alles so zum Hals raus, diese Jagd nach dem Markt, nach Anerkennung und Likes. Und es ist leider doch auch irgendwo in den frühen Tagen dieses Forums mal die Grundidee gewesen - Dass man lernen kann, Texte so zu schreiben, dass sie gut ankommen und dass man dann im besten Fall tatsächlich bei Verlagen unterkommt und was verkaufen kann. Aber dieses "sich dem Markt anpassen" hat sich für meinen Geschmack völlig ins Absurde gedreht. Das machen ja inzwischen Algorithmen mit riesigen Datenmengen und am Ende kriegst du keinen Verlagsvertrag mehr, nur weil du nicht über pokerspielende Drachen schreiben willst oder sowas. Außerdem ist "Verlagsvertrag" ungefähr so ein antiquiertes Konzept wie Lehnswesen, stattdessen jagen wir ja eher nach Sternchen, Bewertungen, Subscribers und Likes. ("Wenn euch das Video gefallen hat, gebt mir gerne einen Daumen hoch und schreibt was in die Bewertungen" <X)

    Vielleicht liegt das auch alles an meinem Alter. Der Zug mit dem Verlagsvertrag ist für mich abgefahren und jetzt sind mir die Trauben zu sauer.


    Aber ich liebe erste Sätze. Um ihrer selbst willen. Ohne irgendeinen Sinn oder Zweck.

    "I spent a great deal of my life being ignored. I was always very happy that way. Being ignored is a great privilege." Saul Leiter