Ken Follett: Stonehenge – Kathedrale der Zeit

  • Was zum Kuckuck ist denn hier passiert?


    Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Ken Folletts Bücher liebe. Ich bewundere seine simple und teilweise auch grobklotzige Art, die Dinge in Worte zu fassen. Wo ich mich als Autorin bemühe, die Gefühlswelt meiner Figuren durch „Show Don’t Tell“ dem geneigten Leser nahezubringen (Herzflattern, Schweißausbrüche, Stottern …), heißt es bei Follett für gewöhnlich einfach: „… sagte sie aufgeregt.“ Damit ist dann alles gesagt, und es kann in der Geschichte weitergehen. Meistens (nicht immer, aber meistens) fällt das gar nicht weiter unangenehm auf, es ist klar, es ist leicht zu verstehen, man kann beim Lesen schon mal stellenweise eine Gehirnhälfte ausschalten und trotzdem der Geschichte folgen.


    Nicht so bei Folletts neuestem Roman „Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit“ (Original: Circle of Days). Kein Mittelalterepos (wie ich jetzt schon mehrfach im Internet lesen durfte), sondern ein Roman, der ca. 2.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung in Südengland spielt.


    Jedes Kind kennt natürlich Stonehenge: Das sind diese großen Steine, die kreisrund zur Zeit der Pyramiden von einem oder mehreren Völkern in vielen Phasen und über einen längeren Zeitraum für rituelle Zwecke aufgestellt wurden. Der Ort ist magisch (wie ich mich selbst überzeugen durfte), und er gibt nicht nur modernen Besuchern, sondern auch der Wissenschaft zahlreiche Rätsel auf. Deshalb war ich gespannt, was man mittlerweile so herausgefunden hatte, und wie ein profilierter Autor wie Follett das Ganze zu einem historischen Roman verarbeitet.


    Tja. Das hatte ich gehofft. Wurde ich enttäuscht? Ja. Follett ist der Meister des Simplizismus, aber das hier war selbst mir zu simpel. Fangen wir an mit der Weltengestaltung: Rund um Stonehenge leben drei große Völker: die Viehhirten, die Bauern und die Waldbewohner. Jedes dieser Völker hat ein wenig eine andere Lebensweise: Bei den Bauern zum Beispiel haben die Männer das Sagen. Die Wäldler müssen nicht so viel schuften, denn sie bedienen sich an den Früchten des Waldes. Und die Viehhirten … Ich glaube, die lebten in Polygamie oder so. Jedenfalls, die hierarchischen Strukturen sind äußerst flach, das Wetter nie ein Problem, die Leute entweder gut oder böse, die Konflikte vorherbestimmt (wer Folletts Bücher kennt, wird kaum überrascht werden).

    Stonehenge, so erfahren wir in diesem Roman, existiert bereits, aber als Holzstruktur. Als diese in einem Akt von Vandalismus niederbrennt, bestimmen die Priesterinnen, die sich um das Monument kümmern, dass Ersatz hermuss, und zwar ein Ersatz, den man nicht niederbrennen kann – aus Stein. So weit, so gut.


    Natürlich kommen jetzt Fragen auf. Woher soll der Stein kommen, wie soll man ihn transportieren, und wie soll man diese Felsenriesen nicht nur aufstellen, sondern auch stapeln? Kein Problem, nach Follett. Für jede dieser Hürden gibt es eine Lösung, die in Windeseile gefunden wird. Die Steine liegen praktisch vor der Haustür, die erste Theorie, wie sie bewegt werden, klappt fast sofort einwandfrei, die Steine wechseln in Rekordzeit und unter Aufwendung enormer menschlicher Kräfte den Ort.


    Das alles geht viel zu reibungslos und glatt. Ja, es gibt Krieg, ja, Figuren sterben, aber das Monumentale dieser menschlichen Anstrengung kommt beim Lesen nicht rüber. Keiner fragt sich, woher das Monument und das dazugehörige Wissen kommt: Es gibt keine Beziehungen zu anderen Monumenten (man denke an die Orkneys), kein Austausch mit anderen Völkern, die ähnliche Bauwerke errichteten.


    Gleiches fehlte mir generell bei den Erklärungen zum Ort Stonehenge. Follett hat versucht, so etwas wie Religion dazu zu erfinden (durch simple Märchen von reisenden Geschichtenerzählern vermittelt), aber eigentlich sind die Steine nur ein massiver Kalender und die Priesterinnen die großen Mathematikerinnen ihrer Zeit, die den Leuten helfen, zu verstehen, wann ausgesät und wann gejagt wird. Das ist alles. Aber das kann nicht alles sein. Mir fehlt da was. Mir fehlt das Mysterium, die Ehrfurcht, das Göttliche, das diese Menschen an diesem Ort empfunden haben müssen. Folletts Version kommt mir viel zu aufgeklärt daher.


    Apropos aufgeklärt: Wenn es um Sex geht, ist auf jeden Fall alles sehr aufgeklärt. Da darf man beim Lesen nicht zusammenzucken. Sexorgien zu zweit oder mehreren gehören zu den Sommersonnenwenden zweifellos dazu und sind dringend benötigt, um den Gen-Pool aufzustocken. Gleichgeschlechtliche Liebe ist kein Sonderfall, sondern die Norm (die Priesterinnen machen es vor), solange man es nicht mit Kindern probiert (Disclaimer: Ich habe überhaupt nichts gegen gleichgeschlechtliche Liebe und bin froh, dass wir mittlerweile als Gesellschaft ein wenig aufgeschlossener reagieren auf das Thema, aber bei einem Autor wie Follett drängt sich mir immer der Verdacht auf, dass er das in die Geschichte aufnimmt, weil er jüngere Leser ansprechen will, quasi wie ein marketingtechnischer Nachgedanke). Wer schwanger wird, na, der bekommt eben ein Baby. No Drama.


    Es gibt keine gesellschaftlichen Konfliktpotenziale, nichts Zwischenmenschliches, das einen bewegt; einzig die Geschichte um Han und Pia hat mir beim Lesen etwas abverlangt. Alle anderen Figuren (deren Namen übrigens in ihrer Einsilbigkeit beinahe lachhaft wirken und linguistisch überhaupt nicht durchdacht sind) ließen mich kalt.


    Am Ende bin ich wohl die Einzige, die unbefriedigt zurückbleibt (die Figuren schienen alle sehr befriedigt, auf mannigfache Weise). Die Geschichte ist so flach wie ihre Figuren. Schade, echt schade. „Stonehenge“ hatte so viel Potenzial, aber hier drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass jemand Follett gedrängt hat, das Thema in Angriff zu nehmen, aber er nicht wirklich Lust darauf hatte. Ein Glück, dass ich nicht die 36 Euro bezahlt habe, die der deutsche Verlag für das Hardcover verlangt. Schon die 15 Euro für das englische eBook waren eigentlich zu viel.


    Titel: Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit (Circle of Days)

    Autor: Ken Follett

    Übersetzer: Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt

    Verlag: Lübbe 2025

  • Ich habe von Follett nur "Die Säulen der Erde" gelesen, das reichte mir. Unterhaltsam, durchaus, aber schon im Moment des Zuschlagens vollständig vergessen.

    Hey, aber immerhin hat das Hörbuch von "Stonehenge" Julian Horeyseck eingelesen, der meinem "Landeier" die männliche Stimme verliehen hat. 8)


    Hier noch der Link zum Buch:


    ASIN/ISBN: 3757701232

  • Hey - was für eine Verbindung!

    Ich hatte mir das engl. Hörbuch dazu geholt (einfach, weil ich begann, mich durch die Seiten zu quälen und meine Augen schonen wollte). Habe aber letztlich nur 5 Minuten davon gehört und dabei immer wieder den Faden verloren, sodass ich das Hörbuch jetzt wieder zurückgegeben habe.

    Follett hat ein paar echt gute Romane geschrieben, die mir längerfristig in Erinnerung geblieben sind, vor allem die Thriller "Die Nadel", "Der Schlüssel zu Rebecca", "Der Mann aus Sankt Petersburg", "Die Löwen" sowie die Histos "Die Pfeiler der Macht", "Die Brücken der Freiheit", "Die Jahrhunderttrilogie" (zumindest Band 1 und 2) und natürlich die "Kingsbridge"-Saga (durchwachsen). Ich bewundere wirklich, wie er Spannung erzeugt, auch ganz ohne diese üblichen Stilmittel und psychologische Tiefe. Aber diesmal war es echt zum Abgewöhnen.

  • Seltsamer-, sehr seltsamerweise interessiert mich Deine Besprechung für "den neuen Follett", Silke.


    Ich kenne von ihm bisher nur "Der Mann aus St. Petersburg", woher die Rettungsszene in Anjas und meinem letzten BT inspiriert ist.


    Mich interessiert die Freiheit, eine Welt zu beschreiben, über die es nur archäologische Zeugnisse gibt. Wie ich im Radio hörte, hat war es für Mr. Follett schon eine Herausforderung, seinen Figuren glaubhafte Namen zu geben. Wir wissen ja einfach nicht, wie die Menschen damals geheißen haben.


    Warum? Warum Stonehenge? Das wissen wir ja nicht. Follett hat seine Antwort gegeben, und es kann gut sein, dass ich sie ebenso unbefriedigend finde wie Du, Silke. Nun schreibe ich gerade ein Buch über den Alten Orient, und darin kommt Göbekli Tepe vor. Diese Großanlage in Anatolien ist noch ein Semester älter als Stonehenge, aus der Zeit der Neolithischen Revolution, und zwar von Jägern und Sammlern erbaut. Die Forscher wissen einfach nicht genau, welche Funktion die tonnenschweren Pfeiler und ihre Reliefs hatten.


    Hier könnte man sich belletristisch voll und ganz austoben. Und wahrscheinlich werde ich mir mal angucken, wie Mr. Follett das getan hat. Ich habe mich hier schon einmal von einer ablehnenden Rezension zu einem Buchkauf inspirieren lassen - damals betraf es Robert Harris -, sodass Du in guter Gesellschaft bist, Silke. :-)

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Deine Reaktion finde ich jetzt gar nicht so überraschend, Alexander. Ich finde es sogar sehr wichtig, auch mal "schlechte" Bücher zu lesen.


    Ich glaube, was mich bei Follett so sehr gestört hat, war eben, dass er das Potenzial nicht ausgeschöpft hat. Hier war endlich mal die Möglichkeit, eine richtig bunte, vielfältige, komplexe Welt zu erschaffen. Und er hat es nicht getan. Als hätte der Mann keine Fantasie. Das war sehr unbefriedigend für mich. Vielleicht hat er sich nicht weiter vorgewagt, weil er sich nicht eine überbordende Fantasie vorwerfen lassen wollte (ein wenig hangelt es sich an den wenigen mageren Fakten entlang), und das eben macht die Welt und die Geschichte darin so flach und dröge.

  • Hallo Silke,


    mal kurz weg von Follett, von dem ich bisher nur zwei Romane kenne. "Die Säulen der Erde" fand ich damals, mit Mitte 20, unterhaltsam zu lesen, der "Mann von St. Petersburg" hat mich dagegen gelangweilt.


    Aber kennst Du die Cromwell-Trilogie von Hilary Mantel? Ich bin mir gar nicht sicher, ob man die drei wirklich als historische Romane einstufen kann, dazu sind sie zu eigenwillig geschrieben. Aber für mich, soweit ich sie bisher kenne, ganz große Kunst. Übrigens ist auch die Mini-Serie "Wolf Hall" gelungen, gibt's in der ARTE-Mediathek.

  • Ich habe den ersten Teil der Cromwell-Trilogie gelesen. Du hast recht, es ist sehr eigenwillig geschrieben, und man muss ein wenig mitdenken. Andererseits sehr gut recherchiert!


    Ich habe großen Respekt vor Mantell, aber es hat irgendwie nicht gereicht, dass ich mich gleich auf Band 2 gestürzt hätte. Ich mag es gern ein wenig bekömmlicher verpackt (das heißt nicht seicht, aber eben gut verdaulich).


    Insgesamt habe ich schon so viel über die Tudors gesehen und gelesen, dass es momentan nicht ganz oben auf meiner To-Do-Liste steht, dennoch Danke für den TV-Tipp!

  • Ich habe von Ken Follett nur die Jahrhundertrilogie gelesen (den 3. Band erst letztes Jahr). Mit dem 1. Band hat er mich noch beeindruckt, beim 2. Band hatte ich erkannt, dass vieles schabloniert war und den 3. Band, der über die Zeit handelt, die ich selbst teilweise miterlebt habe, betrachte ich inzwischen mit viel Skepsis, die sich auch auf die ersten beiden Bände überträgt. Ken Follett schreibt nicht literarisch, selbst wenn es um die bei ihm unvermeidlichen Sexszenen geht bleiben Gefühl, Emotionen und vor allem Poesie weitgehend außen vor. Ich habe nicht vor, ein weiteres Buch von ihm zu lesen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Monika Detering/Horst-Dieter Radke: Lebensgleise

    ASIN/ISBN: 3910971237


    Verengung des freien geistigen Horizontes ist eine Gefahr in Zeiten des Massenkultes.
    Emanuel von Bodmann


  • Ich habe mir seinen BBC-Schreibkurs geholt, der war sehr erhellend.


    Er ist sich natürlich absolut bewusst, dass er keine tragende und weltbewegende Prosa schreibt. Das ist nicht einfach nicht seine Intention. Er will eindeutig unterhalten. (Wobei das eine mit dem anderen sehr wohl kombinierbar ist, aber wenn man bereits eine Leserschaft von ein paar Millionen hat, warum etwas Neues probieren?)


    Er weiß auch, dass seine Art, über Sex zu schreiben, vielen bitter aufstößt. Aber er steht dazu und überlässt die Poesie lieber anderen Autoren.


    Was mich enttäuscht hat, war seine Art, historische Recherche zu betreiben. Denn eigentlich betreibt er keine Recherche. Er überlegt sich eine Geschichte, schreibt einen ersten Entwurf und gibt den dann den Experten, die sich mit bestimmten Themenbereichen auskennen. Als Beispiel nannte er eine Expertin für das viktorianische Zeitalter. Die musste ihn tatsächlich darauf hinweisen, dass eine Frau einen Mann nicht einfach so zur Frühstückszeit allein in seinem Haus aufgesucht hätte. Da hätte man auch selbst drauf kommen können.


    Zur Jahrhunderttrilogie: Lustig fand ich, dass er eine seiner Figuren einfach so von einem Band zum nächsten umbenannt hat. Aus Baby Helga wird, wenn ich mich recht entsinne, die junge Frau Clara oder ähnliches. Wahrscheinlich klang Helga für ihn noch hübsch deutsch für den 2. Band, aber dann ist ihm aufgegangen, dass der dritte Band wohl auch in Ost-Berlin spielen wird und Helga eine größere Rolle einnehmen muss, und da war der Name dann wohl zu uncool. Und ja, der dritte Band ist leider ein Griff ins Klo, die anderen beiden fand ich aber sehr gelungen.

  • Das würde mich eigentlich auch interessieren und ob es nun mehr Phantasie oder Recherche ist, wäre mir nicht so wichtig. (Solange nicht nur auf Klischees zu der Epoche rumgeritten wird.) Ist ja ein sehr entstellender Titel, weil es ja gerade nicht um "Kathedralen" gehen kann. Eindeutig beim Marketing reim dich oder ich schlag dich gespielt - meine, dass viel zu gezwungen auf den Erfolg der Pillars of the Earth angespielt wird.


    Kennst du eigentlich Shardik von Richard Adams? Sehr harte Kost, sehr ungewöhnlich und individuell. Ist zwar Phantastik, aber die Kulturen dort sind an Steinzeit und Bronzezeit angelehnt.


    Was mich enttäuscht hat, war seine Art, historische Recherche zu betreiben. Denn eigentlich betreibt er keine Recherche. Er überlegt sich eine Geschichte, schreibt einen ersten Entwurf und gibt den dann den Experten, die sich mit bestimmten Themenbereichen auskennen.


    Ah, interessant und sehr bedauerlich. Das kann aber nicht für Pillars gelten. Es gibt da ausfürliche und sehr unterhaltsame Interviews zur Entstehung des Buches, incl. dass der Verlag es eigentlich nicht veröffentlichen wollte, weil das Thema / Setting zu abwegig erschien. Zog sich über viele Jahre. Dem Buch liegt ja die Leidenschaft und Recherche des Autors zur Architektur zugrunde, genau das war wohl auch das Problem des Verlegers - weil die Entstehung eines Bauwerkes in seinen Augen kein Plot sei bzw. Leser sich nur für Figuren interessierten.

    Unterm Strich finde ich immer noch besser, Recherche erledigen zu lassen als gar keine zu verwenden.


    Den Film fand ich damals überraschend unterhaltsam (ich hatte mehr seichten Kitsch erwartet, was v.a. aber am Titel lag). Das Buch schiebe ich seitdem aber vor mir her. Vom Reinschauen her fand ich den Stil und die Erzählweise ganz süffig und auch nicht dumm.


    Wenn er dir zu flach ist, rate ich zu Luther Blissett: Q. ImA eines der wenigen perfekten Bücher, auch wenn ich auf das letzte Viertel gut hätte verzichten können. Luther Blissett ist ein anarchistisches italienisches Autorenkolletiv, dessen Mitglieder geheim sind bzw. auch wechseln, aber Umberto Eco soll dabei gewesen sein, was ich sofort glaube. Soweit ich weiß, ist dies ihr einziges fiktionales Werk, es gibt noch eine politische Analyse / Pamphlet.

    Ich habe den ersten Teil der Cromwell-Trilogie gelesen. Du hast recht, es ist sehr eigenwillig geschrieben, und man muss ein wenig mitdenken.

    Also Mantel fand ich ja wirklich grauenhaft platt - da die erste Staffel von Wolf Hall zu den besten Serien gehört, die ich je gesehen habe, hatte ich mir ihren Band 1 ausgeliehen gehabt und musste den irgendwann abbrechen.


    Was Wolf Hall imA wunderbar macht: Den Schauspielern Zeit geben, sodass auch mal einige Momente Schweigen möglich sind, auch (beredtes) Schweigen anstelle einer Antwort, wirklich kluge Wortduelle und kein dummes Gesabbel. Dann wurde ausschließlich bei natürlichem Licht gefilmt (Tageslicht oder Kerzen) und organisch gespielte Musik der Epoche, das auch nicht ständig als Soundteppich, sondern - soweit ich mich erinnere - nur, wenn in der Szene auch Musikanten auftreten. Last but not least sind einige der besten britischen Schauspieler dabei, allen voran Mark Rylance (Anonymous, Angels & Insects), Claire Foy (All of Us Strangers) und Anton Lesser (Endeavour, The Hollow Crown).

    Obwohl das nicht zu meinen historischen Haupinteressen gehört, hab ich natürlich auch schon einige Filme dazu gesehen und finde, dass dieser enorm positiv heraussticht. S2 ist leider absolut vergessenswert und hätte besser nicht gedreht werden sollen.

  • meine, dass viel zu gezwungen auf den Erfolg der Pillars of the Earth angespielt wird.

    Im Englischen ist es ja auch "Circle of Days". Der deutsche Verlag wollte schlauer sein.


    Kennst du eigentlich Shardik von Richard Adams? Sehr harte Kost, sehr ungewöhnlich und individuell. Ist zwar Phantastik, aber die Kulturen dort sind an Steinzeit und Bronzezeit angelehnt.

    Sagt mir leider gar nichts. Fantastik ist auch nicht so ganz mein Ding. :)


    Ah, interessant und sehr bedauerlich. Das kann aber nicht für Pillars gelten. Es gibt da ausfürliche und sehr unterhaltsame Interviews zur Entstehung des Buches, incl. dass der Verlag es eigentlich nicht veröffentlichen wollte, weil das Thema / Setting zu abwegig erschien. Zog sich über viele Jahre. Dem Buch liegt ja die Leidenschaft und Recherche des Autors zur Architektur zugrunde, genau das war wohl auch das Problem des Verlegers - weil die Entstehung eines Bauwerkes in seinen Augen kein Plot sei bzw. Leser sich nur für Figuren interessierten.

    Unterm Strich finde ich immer noch besser, Recherche erledigen zu lassen als gar keine zu verwenden.

    Bei "Säulen der Erde" war garantiert mehr Recherchearbeit dahinter. Mein Kommentar bezog sich auf "Waffen des Lichts". Natürlich ist es nicht in dem Sinne verwerflich, was er tut. Immerhin konsultiert er Experten. Es geschieht wohl nur mittlerweile recht spät in seinem Schreibprozess und involviert weniger das Wälzen von dicken Schinken als das Testlesen durch Experten, wenn die Geschichte bereits steht. Das finde ich ein wenig seltsam. Aber nun gut, jeder hat da so seine eigenen Prozesse.

    Den Film fand ich damals überraschend unterhaltsam (ich hatte mehr seichten Kitsch erwartet, was v.a. aber am Titel lag). Das Buch schiebe ich seitdem aber vor mir her. Vom Reinschauen her fand ich den Stil und die Erzählweise ganz süffig und auch nicht dumm.

    Der Mehrteiler musste naturgemäß einiges auslassen. Ich mag die Geschichte insgesamt, sie hat mich sehr geprägt. Natürlich gibt es immer ein paar Dinge, die hätte man anders gelöst, usw. Aber insgesamt fand ich sie persönlich spannend erzählt und unterhaltsam.


    Wolf Hall habe ich noch nicht geguckt. Wie gesagt, ich habe ein wenig die Schnauze voll von den Tudors.

  • Sagt mir leider gar nichts. Fantastik ist auch nicht so ganz mein Ding.

    Was ich hätte dazuschreiben wollen / sollen: Die allermeiste historische Fiktion ist auch spekulativ, im Sinne von: die literarische Welt ist eine phantasievolle Auskleidung der damaligen Realität bzw. eben unserer verzerrten Vorstellung davon. Gezwungenermaßen mit dem Blick und (Nicht)Wissen von heute - uns stehe nur Funde/Archäologie und die Schriften bestimmter Gruppen zur Verfügung.

    Shardik hat wenig von Fantasy, das wirkt alles extrem lebensnah, extrem harsch (eine Szene verfolgt mich bis heute). Ja, Menschen halten einen Bären für einen Gott, aber auch in historischer Fiktion glauben Menschen an einen Gott, obwohl keine existieren und es wird trotz des Paranormalen nicht als Phantastik gesehen.

    (Äh klar, ich will dir das Buch nicht aufschwatzen *shy*. Der Autor hat übrigens auch Watership Down geschrieben, das ja von den Bedingungen und Konflikten her nah an der Realität ist, obwohl Tiere in menschlicher Sprache kommunizieren).

  • Die allermeiste historische Fiktion ist auch spekulativ

    Absolut.


    Wenn du allerdings "Fantastik" sagst, dann denke ich zuallererst an Magie, Fabelwesen, erfundene Welten und Timelines usw.


    Ein sorgfältig recherchierter Roman sollte seine fiktive Handlung möglichst entlang der bekannten Fakten und Personen hangeln. Natürlich braucht es dann auch Fantasie, um die Lücken zu füllen (zum Beispiel können wir nur mutmaßen, was Heinrich VIII so durch den Kopf gegangen ist), und genau das ist, was ich hier bei Follett bemängele. Ich wünschte mir, er hätte diese Welt ein wenig schillernder gemacht.


    In deinem Beispiel mit dem Bären, der ein Gott sein soll. In der Fantastik wäre er dann tatsächlich ein Gott, könnte sprechen oder hätte menschliche Fähigkeiten oder so. In einem historischen Roman wäre er nur in der Vorstellung der Menschen ein Gott, wobei ihr Aberglaube auch tatsächlich Einfluss haben könnte auf ihre Wahrnehmung, aber als Leser erkennt man dann schon, dass es eben doch kein Gott ist.


    Liebe Grüße

    Silke

  • aber als Leser erkennt man dann schon, dass es eben doch kein Gott ist.

    Ich wünschte, das ginge sehr vielen Lesern auf der Welt bei sehr vielen Werken so, vor allem bei so genannten "heiligen" Schriften. 8)

    (Sorry für den Threadbranch. Ich konnte nicht widerstehen.)

  • Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. :sonne


    Oder auch: Und ich sah das Tier und die Könige auf Erden und ihre Heere versammelt, Krieg zu führen mit dem, der auf dem Pferd saß, und mit seinem Heer. Und das Tier wurde ergriffen und mit ihm der falsche Prophet, der vor seinen Augen die Zeichen getan hatte, durch welche er die verführte, die das Zeichen des Tieres angenommen und das Bild des Tieres angebetet hatten. Lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte. Und die andern wurden erschlagen mit dem Schwert, das aus dem Munde dessen ging, der auf dem Pferd saß. Und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.


    PEACE! :colts

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Ich wünschte, das ginge sehr vielen Lesern auf der Welt bei sehr vielen Werken so, vor allem bei so genannten "heiligen" Schriften. 8)

    (Sorry für den Threadbranch. Ich konnte nicht widerstehen.)


    Ein Kennzeichen von Fanatikern ist es, dass sie "nicht widerstehen" können, wenn sie Reizworte hören oder lesen. Kürzlich ließ ich beim Äthiopier in Berlin-Mitte unvorsichtigerweise die Bemerkung fallen, ich würde gern endlich mal nach Israel reisen. Nun ist es so, dass die Menschen in gewissen Gegenden dann sofort ein riesiges Fass aufmachen müssen ... und mir ging es eigentlich nur Hummus & Co.


    Lasst die Leute einfach glauben oder nicht glauben, was sie wollen. Tut euch ja nix. Dieses ewige Missionieren-Wollen von atheistischer Seite klappt sowieso nicht. Es nervt nur.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • P. S. Mit "Menschen in gewissen Gegenden" meinte ich gerade nicht den Chef de Cuisine. Der Äthiopier war der einzig Normale im Restaurant. Mit "Menschen in gewissen Gegenden" meinte ich solche in Deutschland, wo Stadtviertel gern recht uniforme Weltanschauungen hervorbringen.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)