U Are the Universe | Ty – Kosmos (Ukrainische SF, 2024)

  • U Are the Universe | Ty – Kosmos

    Ukraine 2024

    Regie & Drehbuch: Pawlo Ostrikow

    Kamera: Mykyta Kusmenko, Schnitt: Iwan Bannikow, Oleksij Schamin

    Mit: Wolodymyr Krawtschuk, Daria Plahtiy

    Sprechrollen: Leonid Popadko, Alexia Depicker

    Format: DCP, Länge: 90 Min., Ukrainisch mit UT & Dt. Synchr.


    Läuft ab heute deutschlandweit in einer Reihe schöner Filmkunstkinos, Programm hier.

    Teaser-Trailer Eng UT

    Trailer Deutsch

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    Ich hatte den Film im Frühjahr beim Night Visions Festival gesehen und war absolut hingerissen, obwohl er durchaus starke Anteile (meist schwarzen) Humors und einige Kitschmomente hat. Diese sind aber extrem gut ausbalanciert mit philosophischen Fragen zu Identität, Wertigkeit der eigenen Existenz und – ich sag mal – psychologischen Grundbedürfnissen, die mit Unabhängigkeit vs Sozialkontakten zu tun haben. Der Film hat einige vorhersehbare wie auch unvorhersehbare Twists, sodass letztlich in jedem Moment offen ist, was eintreten wird. Der Hintergrund des Krieges verleiht dem Ganzen eine ungeheure Tragik, ist subtiler Kommentar und eröffnet eine zweite Ebene. Das gebaute Set-Design im 70s Retro-Stil und die vielen praktischen Effekte sind nicht nur extrem charmant, sondern ein toller, selbstbewusster Gegenentwurf zum aktuellen CGI-Overkill.


    Pawlo Ostrikow schreib das Drehbuch bereits 2015, die Dreharbeiten begannen 2021 und fanden dann je zur Hälfte vor bzw. im Krieg statt. U Are the Universe ist Ostrikows Spielfilmdebüt; Produzent Volodymyr Yatsenko sagte: “It seemed absolutely unrealistic to create a real Ukrainian Sci-Fi with a small budget. All the production labs told me that. But we persevered and created the impossible.”

    Neben dem in liebevollen Detail gestalteten Set-Design, den Effekten, NASA-Filmmaterial und Wolodymyr Krawtschuks ungeheuer beeindruckender, nuancierter Schauspielleistung haben mir Kameraführung und Schnitt sehr gut gefallen. Klasse auch die Seitenhiebe auf Solaris (eine kleine Rache an Tarkowskis religiösem Wahn wie auch seinem erklärten Phantastik-Hass), sowie charmant-ironische Rückbezüge auf u. a. 2001 Space Odyssey. Die Musik hätte allerdings dezenter sein können.


    Plot:

    Andriy Melnyk ist ein Space-Trucker, der radioaktiven Schrott zur Müllhalde auf dem Jupitermond Kallisto bringen soll. An Bord ist außer ihm nur Roboter Maxim, der programmiert ist, den Menschen mit Witzen bei Laune zu halten oder auch in Notfällen am Leben zu erhalten. Andriy ist von seinem Job gelangweilt, tut nur das Nötigste und streitet sich per Videochat mit seinem Chef. Dann ist die Verbindung zur Erde unterbrochen und Andriys Schiff gerät in einen massiven Asterioidenhagel – Stücke seines explodierten Heimatplaneten. Andriy – der zu diesem Zeitpunkt noch leichtgestrickt und naiv erscheint – jubiliert: Er ist seinen Chef sowie alle Verantwortung los und kann endllich tun, was er möchte – Retroschallplatten hören, lecker essen, Tonfiguren modellieren. Ohne Familie und enge Freunde schreckt ihn die Vorstellung seines Todes nicht, Maxims Ratschläge, mit den Lebensmitteln zu haushalten und weiter Sport zu treiben, ignoriert er.


    Langsam aber schleicht sich Verzweiflung und Panik ein: Die Erkenntnis, dass seine Erinnerungen alles von der Erde Verliebene sind, dass er tatsächlich der letzte Überlebende ist. Er beginnt sich zu vernachlässigen, Maxim dringt nicht mehr zu ihm durch. Dann erhält er eine Textnachricht und später ertönt über Funk eine enthusiastisch-durchsetzungskräftige Frauenstimme – eine französische Astronautin befindet sich auf ihrer Raumstation in der Nähe des Saturns. Zeitverzögert um Wochen tauschen die beiden Nachrichten aus, erzählen immer mehr von sich, und Andriy legt nach und nach seinen wütenden Sarkasmus ab. Und schließlich trifft er die Entscheidung, die unüberwindbar erscheinende Distanz mit den letzten Treibstoffreserven seines Frachters zu überwinden ... Hier wird der Film nun richtig spekulativ, denn es ist unklar, ob die Frauenstimme existiert bzw. das ist, was sie vorgibt. Das ist äußerst klug aufgezogen und super spannend gemacht, zeigt auch immer wieder die nötige Tragik und Schwere.


    Selten ein Film, bei dem ich so derart emotional mitgegangen bin. Und wie gesagt immer die absolut fiese Doppelbedeutung von verlorener Heimat, Trauer, Stärke, aber auch Fatalismus. Allerfetteste Empfehlung.

    Auf der FB-Seite gibt es niedliche Sequenzen von ‘Hinter den Kulissen’, Interviews sowie lustige Gimmicks.


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