Donna Tartt: Die geheime Geschichte

  • Donna Tartt - Die geheime Geschichte


    Im Prolog deutet der Erzähler Richard Schlimmes an, "die geheime Geschichte", und dass er Jahre später um Verständnis des Geschehenen ringt. Seine Erzählung beginnt weit davor, in einer eintönigen und lieblosen Kindheit. Erst als Zwanzigjähriger, nach gescheiterten Studienversuchen, findet er am ländlichen College Hampton in Neuengland Sinn und Geborgenheit, als ihm die Aufnahme in den elitären Griechischkurs des faszinierenden Dozenten Julian gelingt. Die Gemeinschaft der fünf Mitstudierenden schenkt Richard bisher unbekannte Lebensfreude: der übergeschnappte Henry, die innig verbundenen Zwillingen Camilla und Charles, der labile Francis und der geschwätzige Bunny. Doch liegt über der für Richard prägendsten Zeit der Schatten düsterer Dinge, die die Clique vor ihm verbirgt. Richard verschließt lange die Augen davor, ehe er mit in die Folgen der "geheimen Geschichte" hineingezogen wird.


    Die von Andeutungen erzeugte Spannung über die Geschehnisse bzw. wie es zu diesen kam trägt als Spannungsbogen über große Strecken. Donna Tartts Roman ist letztlich einer von Schuld und Sühne (der Name Dostojewski taucht an einer Stelle auf), ausgetragen in der Gruppe mit ihren Ränkespielen und emotionalen Abhängigkeiten. Tatsächlich aber verhandelt der für Manipulation besonders anfällige Mit- und hinter der Handlung herlaufende Richard das Passierte verspätet und vor allem mit sich selbst.


    Tartt taucht ausführlich und genau beobachtend ein in die Psychologie der aufregendsten Lebensphase, die auch die größten Abgründe mit sich bringt (einer ist sehr wörtlich). Sie tut es mittels fein Gefühltem und toll Reflektiertem - entlang der Handlungsebene der von der Clique studierten altgriechischen Literatur. Philosophie im jugendlichen Überschwang, begleitet von Unmengen Alkohol und Drogen, auf dem schmalen Grat zwischen Erkenntnis und Größenwahn - in der Beschreibung von bemerkenswerter Tiefe.


    Dazu bietet das Buch, wo es nötig ist, sehr sehr gute Sprachbilder, die in ihrer starken Wirkung verblüffend einfach sind. Was das angeht, sozusagen italienische Küche der Belletristik. Dazu ganz viel amerikanische Erzähltradition im allerbesten Sinne. Nicht ganz so leuchtete mir ein, dass die Figur des Dozenten zwischendurch ziemlich abtaucht, während das Treiben der anderen durchgehend sehr ausgebreitet wird. Manchem in dem wechselhaften Verhältnis der Gruppenmitglieder konnte ich auch nicht ganz folgen. Ich habe die 22 Stunden ungekürztes Hörbuch ziemlich schnell während Rekonvaleszenz weggehört. Trotz oder auch wegen der morbiden Handlung ein hervorragender Zeitvertreib.