Millionärskitsch
Der Schweizer Dr. Stotz war Nationalrat und im Vorstand von zig Firmen, er lebt in einer Villa in Zürich, wo er sich bedienen und, vor allem, bekochen lässt, aber Dr. Stotz ist auch ganz schön alt und sterbenskrank - sein Arzt gibt ihm bestenfalls noch ein Jahr. Um seinen Nachlass zu regeln, stellt er den jungen Tom Elmer ein, der zwar zwei Studiengänge erfolgreich absolviert, aber bislang keinen Job gefunden hat. Tom zieht in die Einliegerwohnung und wird – für relativ fürstlichen Lohn – mindestens ein Jahr lang die Belege für Stotz‘ Lebenswerk sichten, sortieren und katalogisieren, vor allem aber wird er viel Zeit mit dem alten Mann verbringen, der trotz des fehlenden Magens gerne exzellent isst und viel und gut trinkt, was detailliert geschildert wird. Während dieser Zeit wird der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer einen Großteil der Geschichte um die titelgebende Melody erzählen, die in Form von Malereien und Stickereien in der Villa omnipräsent ist, die aber vor vierzig Jahren vermeintlich spurlos verschwand, wenige Tage vor der geplanten Hochzeit. Melody kam aus Marokko und war zwanzig Jahre jünger als ihr Bräutigam. Um ihn heiraten zu können, sagte sie sich von ihrer Familie los, die deshalb ein wenig stinkig war.
Aus der Perspektive von Tom erzählt Suter vom Leben in der herrschaftlichen Villa, von einigen Protegés des prominenten Millionärs (darunter ein Schriftsteller), vom großartigen Essen und vom Schnaps, und eben von Melody. Die irgendwie total toll war und alle geflasht hat, deren Jugend aber auch kritisch gesehen wurde, denn die Altersdifferenz war erheblich. Ihr Verschwinden wird irgendwie im Mittelpunkt der Geschichte verortet, und es gibt noch eine andere Liebesgeschichte, eigentlich aber überhaupt keine Geschichte, denn wovon „Melody“ überhaupt erzählt, wird nie wirklich klar. Ja, es geht um das Alter, um das, was vom Leben bleibt, und darum, wie man das zu Lebzeiten möglicherweise selbst sieht, aber zwischen Berichten von opulenten Mahlen, dezidierten Aufzählungen irgendwelcher Reichtümer und überwiegend versandenden Episoden gibt es ansonsten wenig. Die Figuren bleiben blass, die Erzählung endet schließlich mit einer aus dem Hut gezauberten Erklärung (mir war letztlich egal, worin das Geheimnis bestand, denn die abwesende Melody hat mich an keiner Stelle interessiert), und zwischendrin gibt es akribisch aufgezählten Luxus, hier und da ein wenig Sex und die in Rückblenden ausgeführten Geschichtchen um diese einmalige Beziehung, die Stotz mit jener Melody hatte, und die ihn, obwohl sie nicht sehr lange dauerte und echte Gründe für die Einmaligkeit fehlen, seither nicht mehr losgelassen hat. Ein Konflikt ist weit und breit nicht zu finden, und die Entwicklung von Tom vermittelt auch nicht bedeutend mehr Spannung, als dem Gras beim Wachsen zuzugucken.
Auf mich wirkte „Melody“ leer und beliebig; der routinierte Text hat etwas Rausgerotztes, als wäre das eine Auftragsarbeit, als wäre Suter bedrängt worden, abseits der „Allmen“-Krimis doch mal wieder was Literarischeres zu schreiben, und er hätte dem Drängen nachgegeben und mal ein paar Tage lang durchgeackert, begleitet von viel guter Gastronomie. Herausgekommen ist ein etwas überhebliches Alterswerk des zum Entstehungszeitpunkt 75-Jährigen Schweizer Starautors, das als Jugendwerk irgendeines No-Names keinen Verlag gefunden hätte, weil es außer seiner in Millionärskitsch eingebetteten Belanglosigkeit nichts zu bieten hat.
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ASIN/ISBN: 3257072341 |
