Versprechen des Anfangs nicht ganz eingelöst
Was soll man schon zu einem Buch sagen, das u.a. den Pulitzer Preis gewonnen hat? Welche andere Meinung zu diesem pinkorangelilaverpackten Achthundertlangsam-Seiten-Ziegel wäre zulässig als die, sich dem Kanon des begeisterten Feuilletons anzuschließen und „Demon Copperhead“ als besten Roman mindestens der letzten zwölf, zwanzig Monate zu feiern?
Nunwohl.
Die Geschichte, die eine Adaption von Dickens‘ „David Copperfield“ ist, erzählt von Demon, der eigentlich Damon heißt, und der in einen erbärmlichen Trailerpark in Lee County, Kentucky hineingeboren wird. Seine alleinerziehende Mutter ist Alkoholikerin, ihr aktueller Freund ist ein Brutalo, und Damons einziger Lichtblick sind die Peggots nebenan, deren Sohn mit dem Spitznamen Maggot auch sein bester Freund ist. Aber der Brutalofreund der Mutter verändert das ohnehin krasse Setting noch einmal zum Schlechteren. Die junge Frau stirbt, und der Sohn – da gerade zehn Jahre alt – wird zum Pflegekind, herumgereicht von desinteressierten Jugendamtsmitarbeiterinnen, weshalb er rund um die Uhr unter kaum auszuhaltenden Bedingungen auf einer Farm schubbern muss (etwa Tabak ernten) oder vom Kopf einer ausgehungerten Familie täglich für acht Stunden zum Sondermüllsortieren auf einen unfassbaren Abfallhof geschickt wird. Was der Junge auf den ersten fulminanten und großartig verfassten 300 Seiten erleben muss, geht im direkten Wortsinn auf keine Kuhhaut, und es ist kaum möglich, den Buchklotz beiseitezulegen, weil man hofft, dass es besser wird, aber natürlich wird es immer grausamer. Getragen wird das von der Erzählstimme, mit der Kingsolver den späteren Damon von dieser Zeit erzählen lässt – in einer wirbelnden Mischung aus Slang und Soziolekt, präzisen, aber robusten Metaphern und sprachlich sauberen Anteilen, die das ganze lesbar machen. Für dieses erste Drittel würde ich mich der Feier anschließen – ich war begeistert, hatte manchmal Gänsehaut, und Schwierigkeiten damit, das Buch zuzuklappen, wenn eigentlich längst Schlafenszeit war.
Dann wird Damon vom Coach des nicht nur in dieser Saison ungeschlagenen Highschool-Footballteams aufgenommen. Der Coach hat eine Tochter in Damons Alter und ist, wie Damons Mutter damals, alleinerziehend, allerdings nicht besonders begabt, wenn es um Erziehungsfragen geht (außerdem ist er Alkoholiker), aber hier geht es Damon endlich besser, sogar deutlich besser – abgesehen vom omnipräsenten Drogenkonsum, denn quasi alle Mitschüler und anderen Jugendlichen sind mindestens auf Oxycodon, dem Opioid-Präparat, das Ende der Neunzigerjahre eine Krise in den U.S. of A. ausgelöst hat, vorangetrieben von „Purdue Pharma“, die das Medikament vor allem in den östlichen US-Provinzstaaten großflächig unter die Leute gebracht hatte. Aber Damon funktioniert trotz Oxy vorläufig noch so gut, dass er sogar zum Star der Footballmannschaft aufsteigt. Dann lernt er die feenhafte Dori kennen, und wieder ändert sich alles.
Dass ich mich so ungefähr ab der Mitte des Romans der Begeisterung nicht mehr vollumfänglich anschließen kann, liegt nicht nur daran, dass das zweite Drittel der Geschichte bezogen auf Tempo und dramaturgische Bewegung ein bisschen durchhängt. Es sind zwei andere Aspekte. Zum einen bleibt Damons Beobachtungsgabe jederzeit scharf und präzise; die Drogen nehmen den Jungen nie mit, außer bei den zwei, drei Blackouts, von denen erzählt wird. Und dann ist da das dritte Thema (neben dem Schicksal der Pflegekinder und der Opioid-Krise), nämlich das Verhältnis der so genannten Hillbillies zum Rest der Welt – und umgekehrt. Barbara Kingsolver, die selbst in Kentucky groß geworden ist, arbeitet die Geschichte der „Rednecks“ ein, klärt Vorurteile auf und vermittelt Hintergründe (etwa, woher diese Bezeichnung stammt), und sie lässt ihren Helden auch zum Helden, zum Fürsprecher dieser Gruppe werden. Hier gibt es einige Parallelen zu J. D. Vances „Hillbilly Elegy“; beide versuchen, gleichsam eine kulturethnische Theorie zu formulieren, aber immerhin widerspricht Damon gelegentlich der Behauptung, die Gründe für das immer wieder erlebte quasi-kollektive Scheitern und für den Opferstatus wären ausschließlich äußere. Bei dieser Gelegenheit: Kingsolvers Buch ist zweifelsfrei dasjenige, das bei einem direkten Vergleich vorne läge, und zwar mit großem Abstand.
Im letzten Viertel dieses Romans, in dem fast keine Figur auftaucht, die keine deutlichen oder sogar extrem heftigen Läsuren aufweist, versöhnt die Entwicklung mit den schwächeren Abschnitten zuvor, obwohl es genau genommen nicht mehr derselbe Roman ist wie am Anfang. Meine Copperfield-Lektüre liegt zu lange zurück, um beurteilen zu können, ob das der Vorlage geschuldet ist (immerhin erinnere ich mich noch gut genug an Figurennamen, um Dora, Agnes, Peggoty usw. wiederzufinden), und natürlich sind Niveau, Dramaturgie und Sprache dennoch einzigartig, aber am Ende war ich ein bisschen froh, den Ziegel geschafft zu haben, der zumindest bei mir das Versprechen, mit dem er begann, nicht ganz eingelöst hat.
