Barbara Kingsolver: Demon Copperhead

  • Versprechen des Anfangs nicht ganz eingelöst


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    Was soll man schon zu einem Buch sagen, das u.a. den Pulitzer Preis gewonnen hat? Welche andere Meinung zu diesem pinkorangelilaverpackten Achthundertlangsam-Seiten-Ziegel wäre zulässig als die, sich dem Kanon des begeisterten Feuilletons anzuschließen und „Demon Copperhead“ als besten Roman mindestens der letzten zwölf, zwanzig Monate zu feiern?


    Nunwohl.


    Die Geschichte, die eine Adaption von Dickens‘ „David Copperfield“ ist, erzählt von Demon, der eigentlich Damon heißt, und der in einen erbärmlichen Trailerpark in Lee County, Kentucky hineingeboren wird. Seine alleinerziehende Mutter ist Alkoholikerin, ihr aktueller Freund ist ein Brutalo, und Damons einziger Lichtblick sind die Peggots nebenan, deren Sohn mit dem Spitznamen Maggot auch sein bester Freund ist. Aber der Brutalofreund der Mutter verändert das ohnehin krasse Setting noch einmal zum Schlechteren. Die junge Frau stirbt, und der Sohn – da gerade zehn Jahre alt – wird zum Pflegekind, herumgereicht von desinteressierten Jugendamtsmitarbeiterinnen, weshalb er rund um die Uhr unter kaum auszuhaltenden Bedingungen auf einer Farm schubbern muss (etwa Tabak ernten) oder vom Kopf einer ausgehungerten Familie täglich für acht Stunden zum Sondermüllsortieren auf einen unfassbaren Abfallhof geschickt wird. Was der Junge auf den ersten fulminanten und großartig verfassten 300 Seiten erleben muss, geht im direkten Wortsinn auf keine Kuhhaut, und es ist kaum möglich, den Buchklotz beiseitezulegen, weil man hofft, dass es besser wird, aber natürlich wird es immer grausamer. Getragen wird das von der Erzählstimme, mit der Kingsolver den späteren Damon von dieser Zeit erzählen lässt – in einer wirbelnden Mischung aus Slang und Soziolekt, präzisen, aber robusten Metaphern und sprachlich sauberen Anteilen, die das ganze lesbar machen. Für dieses erste Drittel würde ich mich der Feier anschließen – ich war begeistert, hatte manchmal Gänsehaut, und Schwierigkeiten damit, das Buch zuzuklappen, wenn eigentlich längst Schlafenszeit war.


    Dann wird Damon vom Coach des nicht nur in dieser Saison ungeschlagenen Highschool-Footballteams aufgenommen. Der Coach hat eine Tochter in Damons Alter und ist, wie Damons Mutter damals, alleinerziehend, allerdings nicht besonders begabt, wenn es um Erziehungsfragen geht (außerdem ist er Alkoholiker), aber hier geht es Damon endlich besser, sogar deutlich besser – abgesehen vom omnipräsenten Drogenkonsum, denn quasi alle Mitschüler und anderen Jugendlichen sind mindestens auf Oxycodon, dem Opioid-Präparat, das Ende der Neunzigerjahre eine Krise in den U.S. of A. ausgelöst hat, vorangetrieben von „Purdue Pharma“, die das Medikament vor allem in den östlichen US-Provinzstaaten großflächig unter die Leute gebracht hatte. Aber Damon funktioniert trotz Oxy vorläufig noch so gut, dass er sogar zum Star der Footballmannschaft aufsteigt. Dann lernt er die feenhafte Dori kennen, und wieder ändert sich alles.


    Dass ich mich so ungefähr ab der Mitte des Romans der Begeisterung nicht mehr vollumfänglich anschließen kann, liegt nicht nur daran, dass das zweite Drittel der Geschichte bezogen auf Tempo und dramaturgische Bewegung ein bisschen durchhängt. Es sind zwei andere Aspekte. Zum einen bleibt Damons Beobachtungsgabe jederzeit scharf und präzise; die Drogen nehmen den Jungen nie mit, außer bei den zwei, drei Blackouts, von denen erzählt wird. Und dann ist da das dritte Thema (neben dem Schicksal der Pflegekinder und der Opioid-Krise), nämlich das Verhältnis der so genannten Hillbillies zum Rest der Welt – und umgekehrt. Barbara Kingsolver, die selbst in Kentucky groß geworden ist, arbeitet die Geschichte der „Rednecks“ ein, klärt Vorurteile auf und vermittelt Hintergründe (etwa, woher diese Bezeichnung stammt), und sie lässt ihren Helden auch zum Helden, zum Fürsprecher dieser Gruppe werden. Hier gibt es einige Parallelen zu J. D. Vances „Hillbilly Elegy“; beide versuchen, gleichsam eine kulturethnische Theorie zu formulieren, aber immerhin widerspricht Damon gelegentlich der Behauptung, die Gründe für das immer wieder erlebte quasi-kollektive Scheitern und für den Opferstatus wären ausschließlich äußere. Bei dieser Gelegenheit: Kingsolvers Buch ist zweifelsfrei dasjenige, das bei einem direkten Vergleich vorne läge, und zwar mit großem Abstand.


    Im letzten Viertel dieses Romans, in dem fast keine Figur auftaucht, die keine deutlichen oder sogar extrem heftigen Läsuren aufweist, versöhnt die Entwicklung mit den schwächeren Abschnitten zuvor, obwohl es genau genommen nicht mehr derselbe Roman ist wie am Anfang. Meine Copperfield-Lektüre liegt zu lange zurück, um beurteilen zu können, ob das der Vorlage geschuldet ist (immerhin erinnere ich mich noch gut genug an Figurennamen, um Dora, Agnes, Peggoty usw. wiederzufinden), und natürlich sind Niveau, Dramaturgie und Sprache dennoch einzigartig, aber am Ende war ich ein bisschen froh, den Ziegel geschafft zu haben, der zumindest bei mir das Versprechen, mit dem er begann, nicht ganz eingelöst hat.


    ASIN/ISBN: 3423283963

  • Sehr gut zusammengefasst. Meine Einschätzung deckt sich. Ich habe das Vorbild nicht gelesen, fand den Transport in die heutige Zeit aber gut umgesetzt, vor allem, wie Oxy durch die (unteren Schichten der) Gesellschaft fetzt und alles zerstört. Allerdings ist diese Geschichte mit Dori am Ende irgendwie seltsam und schwer verdaulich. War auch ein bisschen froh, als alles vorbei war.

  • Wenn ein Roman mit vielen Preisen ausgezeichnet wird und sich die Kritiker mit Lob überschlagen, bin ich von Natur aus sehr skeptisch. Hier allerdings war es vollkommen unbegründet, weil Barbara Kingsolver einen am Anfang mitreißt und später komplett umhaut. Zumindest erging es mir so. Hauptperson des Romans ist die Titelfigur Demon Copperhead. Zu Beginn der Geschichte ist es ein kleiner Junge, der in einem Trailerpark in Virginia aufwächst und von einem Übel ins nächste gerät. Sein Vater ist bereits tot, seine drogensüchtige Mutter stirbt ausgerechnet an seinem elften Geburtstag. Demon wird in die Obhut eines mittellosen Bauern gegeben und muss auf den Feldern von dessen Tabakfarm schuften. Später kommt er zu geizigen Pflegeeltern, wo er im Hundezimmer schläft und nebenbei auf der Müllhalde arbeitet. Als die geizigen Pflegeeltern ihn bestehlen, haut er ab, wird an einer Raststätte überfallen, macht sich auf die Suche nach seiner Großmutter. Schließlich kommt er bei einem Highschool-Football-Trainer und dessen Tochter unter, doch auch dort ist nicht alles rosig. Am Anfang des Buches ist Demon noch voller Kleiner-Jungs-Träume, wie Carol Danvers zu heiraten oder ein Avenger zu werden. Mit jedem Schicksalsschlag verdüstert sich sein Weltbild und er driftet immer weiter auf die schiefe Bahn ab. Die ganze Zeit über hofft man, dass es für Demon und all die Leute in seinem Umfeld, die einem alles ebenfalls rasch ans Herz wachsen, gut ausgeht. Neben der einfühlsamen Story sind es die vielen Verflechtungen in Demons Leben, die immer wieder Bezug auf zurückliegende Ereignisse nehmen, und so die Handlung angenehm komplex machen. Stellenweise gibt es im Roman recht derbe männliche Jugendsprache. Umso erstaunlicher ist es, dass das Buch von einer älteren weißen Frau stammt. Sie taucht mit ihrer Erzählung dermaßen tief in die Geschichte ab, dass man ihr bereitwillig überallhin folgt. Da vergibt man gleich kleine Längen im zweiten Drittel gerne.

  • Umso erstaunlicher ist es, dass das Buch von einer älteren weißen Frau stammt.

    Ich finde es erstaunlich, wenn Autoren erstaunt sind, wenn andere Autoren und -innen schlicht und ergreifend ihr Handwerk verstehen.


    Was ich sagen will: Diese Deine Anmerkung hätte ich in einer Laienrezension überlesen, aber hier finde ich sie irritierend und in mehrerlei Hinsicht falsch.

  • Ich finde es erstaunlich, wenn Autoren erstaunt sind, wenn andere Autoren und -innen schlicht und ergreifend ihr Handwerk verstehen.


    Was ich sagen will: Diese Deine Anmerkung hätte ich in einer Laienrezension überlesen, aber hier finde ich sie irritierend und in mehrerlei Hinsicht falsch.


    Natürlich verstehen viele Autoren ihr Handwerk. Dennoch verfügen die meisten jüngere Autoren über anderen Wortschatz als ältere Autoren, ebenso wie weibliche Autoren den Fokus meist auf andere Dinge als männliche Autoren legen. Das ist keinesfalls abschätzig gemeint, sondern betrifft nur die Einflüsse, die uns als Autoren begleiten. Selbstverständlich schreibt Mann anders, wenn er eine weibliche Perspektive einnimmt. Umgedreht genauso. Auch das ist nicht der Punkt. Mir geht es nur darum, dass Barbara Kingsolver bei Schreiben aus Demons Perspektive nicht hundert, sondern hundertzehn Prozent gegeben hat. DAS ist das Bemerkenswerte, auf das ich hinaus wollte.

  • Mir sind die körperlichen Eigenschaften von Leuten, die gute Fiktion schreiben, grundsätzlich völlig egal. Also können sie in aller Regel auch kein Erstaunen auslösen. Aber das Erstauntsein kann das schon.


    Und einfach alle alles machen.


    Der große Philosophiekatalysator Mattel formulierte das bereits, als er das feministische Spielzeug "Barbie" erfand: Du kannst alles sein. Okay, das folgte dem Zeitpunkt des Erfindens in einigem Abstand. Aber es war vermutlich von Anfang an mitgemeint.

  • In der Mitte war die Luft durchaus raus, und ich habe mich gefragt, was in den zehn verbleibenden Hörbuchstunden noch passieren könnte. Doris Absturz bringe ich auch nicht ganz damit zusammen, wie sie anfangs beschrieben wird, aber die Umstände erklären es ganz gut. Den zweiten Teil der Geschichte finde ich letztlich sehr überzeugend, aber wenn er vielleicht nicht so viele Tote gebraucht hätte. Und neben den von euch genannten Qualitäten sehr erfrischend, einen Roman des Erwachsenwerdens mit so einer Stimme einer Frau gehört zu haben.

  • Mich hat das Schicksal des tapferen Jungen auch sofort in den Bann gezogen. Man fühlt so schnell mit ihm mit, weil er dermaßen tapfer ist. Letztlich sind die Umstände übermächtig, und das Thema der mehrfach missbrauchten Kinder weiter sich immer mehr aus und erreicht seine politische Dimension. Das ist oft unglaublich gut erzählt.