Das Schreibprogramm, dein bester Feind

  • Schöne Grüße aus dem Reich der untoten, Arbeitsplatz der Höllenhunde, zu deren Art ich bekanntermaßen zähle.


    Nachdem ich mich wieder mit dem Verfassen von Texten befasse, stand nun die nächste große Investition ins Haus: Ein vernünftiges Programm, welches mich beim Schreiben meiner Manuskripte unterstützt und mir den Vorgang der digitalen Texterstellung so einfach wie möglich gestaltet.


    Von wegen!


    Meine Wahl fiel auf ein von vielen Autoren verwendetes Programm mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und stattlichem Preis.


    Stolz wie Bolle gab ich dem digitalen Helferlein einen Text, welchen ich "mal eben schnell" auf einer Zugfahrt in Word getippt habe.


    Der Lesbarkeitsindex lag auf einem sehr niedrigen Wert, es war also ein wenig Feinarbeit von nöten.


    Nach der Fehlerbehebung ist der Text für das Programm zwar in Ordnung, er liest sich aber bescheiden.


    Beispiel gefällig?


    "Wenn ich auf den Arbeitsplatz gegenüber blicke, verspüre ich einen starken Juckreiz in meinem Kopf, auf Lenas Schreibtisch regiert das Chaos. Essensreste, Akten und Zigarettenstummel bilden einen unübersichtlichen Dschungel, in dem sich vermutlich nur die schwedische Schlächterin zurechtfindet. Sie mag es nicht, wenn jemand an ihrem Platz für Ordnung sorgt, denn sie hat ihr ganz eigenes Ordnungsprinzip." - Original


    "Wenn ich auf den Arbeitsplatz gegenüber blicke, beginnt es in meinem Kopf zu kribbeln, denn auf Lenas Sekretär regiert das Chaos. Ein Dschungel bestehend aus Essensresten, Akten und Zigarettenstummeln, indem sich vermutlich nur die schwedische Schlächterin zurechtfindet. Obwohl ich dort gerne für etwas Struktur sorgen würde, bleibt meinereiner hinterm eigenen Schreibtisch sitzen. Lena hasst es, wenn andere ihren Platz aufräumen." - Mit allen Änderungen die das Programm vorschlug.

  • Ich habe genau die gleiche Erfahrung gemacht! Es tötet zielgerichtet den Sound... ich hatte schon eine Verschwörung dahinter vermutet, so eine Sachbearbeiterbewegung, die sich durch jedes Stilmittel bedroht fühlt und jetzt über diese Programme die Gleichschaltung anstrebt.:P

    Jedes Hilfsmittel ist halt doch nur eine Krücke.

  • Abgesehen davon, dass ich mir Juckreiz "im Kopf" nicht vorstellen kann, und auch das "einen" davor wegließe, komme ich mit dem von dir (vermutlich) angesprochenen Programm seit Jahren gut zurecht. Papyrus, wie ich vermute, angesichts des erwähnten Lesbarkeitsindex. Dass er ganze Sätze, bzw. Satzstellungen abändert, ist mir unbekannt. Man darf ihm, wie jedem Schreibprogramm, nicht blind vertrauen, aber es hilft gegen die Blindheit in eigenen Texten. Nicht mehr und nicht weniger. Schreiben muss man glücklicherweise noch selbst. Aber auch an der Beseitigung dieses Missstandes wird längst gearbeitet.

    LG

  • Hallo Vichara, da hast du natürlich prinzipiell recht, aber schau: Wenn ich genau das ausdrücken will, als Bild, dass es mich IM Kopf juckt, dass da ein Gefühl zum Gedanken wird, dass da was falsch ist, es aber noch nicht zur konkreten Benennung in die Großhirnrinde geschafft hat, dann muss man das Programm erst einmal wegdrücken. Aber natürlich kann uns so ein Programm bei der Sensibilisierung helfen, manchmal blockiert es aber auch.

  • Das Programm ist ja kein Diktator. Es ist ein Hilfsmittel, eine Stütze. Am Ende entscheidest immer noch du!


    Ich für meinen Teil habe durch die Kontrollfunktionen und Markierungen eine Menge darüber gelernt, wie man Texte leserlich und leicht verständlich verfasst. Das heißt nicht, dass ich sklavisch allem folge, was vorgeschlagen wird. Außerdem meine ich mich erinnern zu können, dass man die "Härte" der Prüfung einstellen kann. Wenn es etwas literarischer sein soll, dann muss man vielleicht am Rädchen drehen, um es passender zu machen?


    Papyrus hat noch so viele weitere Funktionen, die ich größtenteils sehr praktisch finde. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne zu schreiben.

  • Verzeihung, Tom, aber Word ist ein Büroprogramm und keine Autorensoftware. Und Papyrus ist ein Angebot, kein Zwang. Es stellt auch nicht automatisch Textpassagen um, sondern macht Vorschläge. Ob man sie annimmt, entscheidet der Autor. Mir hat es schon vielfach Fehler bzw. Textschwächen aufgezeigt, die ich ansonsten überlesen hätte. Ich kenne auch das angeschlossene Forum und einige der dortigen Schreiber. Einer davon gehört zur Crème de la Crème deutscher Schriftsteller und ist erklärter Fan dieses Schreibprogramms. Du hast ihn schon oft rezensiert. Auch hier. ;)

    Aber du hast schon Recht. Im Grunde genommen genügen Bleistift und Papier. =)

  • Vorschläge sind Vorschläge, man kann sie annehmen, muss aber nicht. Es lohnt sich, über Vorschläge nachzudenken, muss ihnen aber nicht sklavisch folgen. Beide Beispiele gefallen mir nicht, weder das Original noch die "Verbesserung". Ich würde zu einem neuen Versuch starten.


    Im Grund reicht für vernünftige Textarbeit ein einfacher Texteditor. Man sollte wissen, was man schreiben will, über grundlegende Grammatikkenntnisse verfügen, gescheite Handbücher besitzen (mindestens Duden, Synonymwörterbuch ist ideal, Dornseiff ein Schatz - gibt es auch alles digital). Word kann übrigens inzwischen eine ganze Menge. Wenn man den Editor zuschaltet, bekommt man Bewertungen, Hinweise zu Verfeinerungen und kann sogar den Text mit Onlinequellen abgleichen (Plagiat, ick hör dir trapsen). Siehe anhängende Screenshots.


    Ich nutzte Papyrus Autor inzwischen nicht mehr für belletristische Texte. Bei Sachtexten ist es mir eine große Hilfe, weil ich die Texte gut strukturieren kann und immer den Überblick behalte.

    Dateien

    • Word1.jpeg

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    • Word2.jpeg

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    Emanuel von Bodmann


  • Verzeihung, Tom, aber Word ist ein Büroprogramm und keine Autorensoftware.

    Verzeihung, Vichara, aber ich benötige keine Autorensoftware, weil ich ja selbst Autor bin und diese Aufgabe gerne übernehme. Und ich meine, auch keine stilstischen oder dramaturgischen Hilfsmittel zu benötigen, da ich mich diesbezüglich ausreichend sicher fühle und sogar das Gefühl hätte, Unterstützung würde meine Kreativität eher bremsen bzw. meinem Stil schaden. Ich brauche auch keine strukturellen Hilfsmittel, etwa bei Figurengestaltung, bei Chronologien und ähnlichem. Ich bin allerdings auch kein Purist oder Maschinenstürmer; ganz im Gegenteil - ich liebe Technik. Aber das Schreiben - mein Schreiben - ist für mich ein ganz besonderer, sehr persönlicher, äußerst direkter Vorgang, bei dem ich ein Schreibhilfsmittel (Stift, Maschine) und sonst nur sehr wenig brauche. Tatsächlich gilt das sogar für Orthographie und Grammatik, aber ich freue mich natürlich über Hinweise auf diesbezügliche Fehler, und ich nutze Thesauren, Wörterbücher und noch einiges mehr. Aber ich bin mein eigener "Lesbarkeitsindex" und brauche keinen maschinellen, so intelligent er auch immer sein mag (die Intelligenz, über die wir hier - wie ich auch im Fall von ChatGPT beispielsweise - sprechen, ist zumeist eine, die aus großen Datenmengen, Wahrscheinlichkeitsrechnung und willkürlichen Regeln besteht), ich brauche keine Zeitstrahlkontrolle, Figurenregister, Adjektivzähler oder ähnliches.


    Aber, nein, Word ist kein Büroprogramm, sondern eine Textverarbeitungssoftware. Es ist eine Schreibmaschine mit stark erweiterter Funktionalität. "Textverarbeitung ist die Erstellung und Bearbeitung von schriftlichen Texten mithilfe von organisatorischen und technischen Mitteln." (Wikipedia) Dabei kommt es nicht darauf an, welche Art von Text zu welchem Zweck erstellt oder bearbeitet wird.


    Die belletristischen Autoren und -innen, die ich kenne und dazu befragt habe, nutzen übrigens überwiegend keine "Autorensoftware", sondern Textverarbeitungsprogramme.

  • Ende letzten Jahres habe ich an einem Schreibtraining für Lesebühnen teilgenommen (Schriftstellerhaus, Stuttgart). Die Textaufgaben wollte ich auf meinem iPad schreiben, hatte aber die externe Tastatur zu Hause vergessen. Alles auf der virtuellen Tastatur eintippen? Ich musste nicht lange überlegen, packte das iPad weg und holte mein Notizbuch raus, das ich immer dabei habe und nutze, aber eher für Notizen und nicht für Texte. Ich legte das Notizbuch quer vor mich hin und war keine Minute später im Schreibprozess und es war sowas von egal, dass das nicht digital war. Am Ende habe ich mich gefreut, festgestellt, dass ich nicht abhängig von digitalen Werkzeugen bin. Das Übertragen zu Hause auf den Mac brachte nicht mehr Überarbeitungskorrekturen, als ich sie bei digitaler Erfassung auch gehabt hätte. Tatsächlich hat mich sogar das langsamere Verfassen des Textes in der Kreativität gefördert. Keine Autorensoftware hätte das leisten können.

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  • Tom

    Ich verwende den Lesbarkeitsindex so gut wie nie, selten die Stilanalyse. Beides lässt sich mit einem Klick ausschalten. Auch ich habe Vertrauen in meine schreiberischen Fähigkeiten und will hier bewusst keine Werbung machen, aber das Ding kann schon recht viel. Allerdings braucht ein Normalo etliche Tage, um sich mit dem Riesenprogramm halbwegs vertraut zu machen. Mir ging es jedenfalls so. Ob jeder sämtliche verfügbaren Features braucht, ist eine andere Frage.

    Ein Selfpublisher meinte einmal mir gegenüber: Mit Papyrus kann jeder Stümper einen lesbaren Roman schreiben. Diese Auffassung teile ich keinesfalls. Noch ist kreatives Schreiben IMHO eine Kunstform und kein maschinelles Produkt. Noch!

  • … Noch ist kreatives Schreiben IMHO eine Kunstform und kein maschinelles Produkt. Noch

    Nein, das wird sich auch nicht ändern. Kreativität lässt sich nicht durch KI ersetzen. Was passieren kann ist allerdings, dass das Lesepublikum auf Kreativität scheisst und sich mit KI-Ausschiss begnügt.

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  • Das meiste wurde schon gesagt, ich würde aber gern noch etwas Senf dazugeben.

    Mir persönlich hat die Software viel geholfen. Allein dadurch, dass mir Floskeln, Wiederholungen, bestimmte Wörter eher auffallen. Ich musste aber, genauso wie du, erst lernen, dass man nicht alle Anmerkungen des Programms übernehmen muss. Oder sollte. Es ist nur ein Programm. An manchen Stellen meiner Meinung nach sogar ein zu simples Programm. Kurzes Beispiel: Es unterscheidet nicht zwischen "als" im Zeitlichen oder im Vergleich. Sieh es nicht als Überarbeitungsvorschläge, sondern als Markierungen. An dieser Stelle ist dem Programm etwas aufgefallen. Mehr kann es nicht. Ob etwas verändert werden muss, entscheidest du. Es nimmt dir weder das Schreiben, noch das Denken, noch das Überarbeiten ab.

  • Da habe ich also einen Nerv getroffen.



    Nun, ich arbeite nach wie vor mit Word, allein schon, weil man auf jedem verknüpften Gerät seine Texte weiterschreiben kann. Wenn ich ein Kapitel fertiggestellt habe, übertrage ich es in Papyrus. Mir fehlt noch etwas Erfahrung mit diesem Programm, das wird sich mit der Zeit ändern.



    Mein alter Meister hat mich einmal ziemlich treffend als „digitalen Höhlenmenschen“ bezeichnet. Ihm war damals schon aufgefallen, dass ich mehr von mechanischen und realen Dingen angezogen werde, als von den Errungenschaften der Moderne.



    Ich bin eben kein Autor, meine Fähigkeiten liegen in einem anderen Gebiet. Ich kann beispielsweise jedem hier, den Aufbau eines elektrischen Regelspurtriebfahrzeuges erklären, oder erläutern, wie man den Bremsweg für Schienenfahrzeuge berechnet.


    Meinen Ausflug in die Welt des Schreibens würde ich als Horizonterweiterung bezeichnen, ich bin gespannt ob ich jemals mein Eigenes Buch in den Händen halten darf.

  • Hallo Garm,

    zur allgemeinen Info. Du kannst jeden Papyrustext in ein anderes Format wandeln und solcherart exportieren. Auch z.B. in Word. Mach ich auch, wenn ich jemandem einen Text schicke, der nur Word zur Verfügung hat. Libre Office geht nicht, es sei denn, Uli (Papyruschef) hat endlich diese Möglichkeit geschaffen, die viele gerne hätten. Aber ich glaube, er mag Libre nicht. Wie schon weiter oben erwähnt, muss man sich das Ding halt mal zur Brust nehmen. Und damit beende ich mein Statement. Bin ja kein Werbeträger. ;)

  • "Wenn ich auf den Arbeitsplatz gegenüber blicke, beginnt es in meinem Kopf zu kribbeln, denn auf Lenas Sekretär regiert das Chaos. Ein Dschungel bestehend aus Essensresten, Akten und Zigarettenstummeln, indem sich vermutlich nur die schwedische Schlächterin zurechtfindet. Obwohl ich dort gerne für etwas Struktur sorgen würde, bleibt meinereiner hinterm eigenen Schreibtisch sitzen. Lena hasst es, wenn andere ihren Platz aufräumen." - Mit allen Änderungen die das Programm vorschlug.

    Das ist hochgradig gruselig. Kannst Du das Programm noch umtauschen?

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    2 % aller Menschen besitzen einen IQ >130, die restlichen 98 % nicht. Das erklärt meine Skepsis gegenüber Mehrheitsmeinungen. (Kaelo)