Gerhard Henschel: Kindheitsroman

  • Sensationell


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    Viele Autoren, die ihre Geschichten in bestimmten Epochen verorten möchten, würzen sie deshalb mit einigen ausgewählten Details und Elementen aus der fraglichen Zeit. Spielt also ein Roman in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Rubik’s Cube, Lederschlipse, Nena und vielleicht noch „Back to the Future“ erwähnt. Dazu jubelt man den Figuren ein paar typische Formulierungen aus der fraglichen Ära unter, und fertig ist der Brei. Die eigentliche Handlung und das Verhalten des Personals demgegenüber sind dann meistens eher zeitlos gestaltet. Dass sich die Achtziger von unserer Gegenwart aber nicht nur dadurch unterscheiden, dass Rubik’s Cube damals neu war und heute vierzig Jahre auf dem Buckel hat, erkennt man den Texten nicht immer an. Die Epoche ist oft nichts weiter als eine Kulisse, und die Figuren wirken wie Zeitreisende.


    Auch in diesem hinreißenden Buch, dessen Handlung Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger spielt, gibt es Product-Namedropping (und davon sogar reichlich), aber anders als die oben genannten Autoren belässt es Gerhard Henschel nicht auf der Dekorationsebene, sondern zeichnet mit Hilfe dieses Elements einen detailreichen kulturellen Hintergrund, vor allem aber lebt und agiert sein Romanpersonal ganz und gar in seiner Zeit. „Kindheitsroman“ (2004) atmet die Atmosphäre der Sechziger und Siebziger, was durch den unglaublich originellen Aufbau noch verstärkt wird - es liest sich quasi wie ein Livebericht, wie ein Tagebuch - und zwar ein sehr unterhaltsames.


    In dem allerdings so gut wie nichts passiert. Fast fünfhundert Seiten lang erzählt Gerhard Henschel von nichts anderem als von einer ganz normalen, überaus mediokren Mittelschichtkindheit im Rheinland bei Koblenz. In der Familie Schlosser ist nichts spektakulär, niemand ist hochbegabt oder todkrank oder behindert oder Inhaber einer magischen Eigenschaft oder wenigstens besonders sportlich, ganz im Gegenteil. Die Schlossers sind Durchschnitt pur - der Vater ist im öffentlichen Dienst und klettert gemächlich die Karriereleiter empor, die Mutter ist Hausfrau, die Kinder entwickeln sich. Ich-Erzähler Martin, dessen Lebensjahre vier bis dreizehn in diesem Buch geschildert werden, hat einen älteren Bruder namens Volker und eine ältere Schwester, die Renate heißt, später folgt noch die jüngere Schwester Wiebke. Die Familie wohnt erst in einem Vorort von Koblenz, später dann im selbstgebauten Einfamilienhaus in einer etwas besseren Gegend, nämlich in Vallendar, auf der anderen Rheinseite. Die Eltern streiten manchmal, und der Vater schließt sich dann in der Garage ein, wo er unter Einsatz des Ratgebers „Jetzt helfe ich mir selbst“ am Auto herumpfriemelt. Verwandte kommen zu Besuch, oder man fährt zu den Großeltern nach Jever. Man feiert Geburtstage und Weihnachten und Fasching oder man fährt in die Ferien. Fernsehen, Bücher und die Freunde sind das Wichtigste für Martin.


    Das ganz Besondere an diesem Buch ist, dass Henschel die stark autobiografische Geschichte in wirklich glaubhafter Weise aus der Sicht und in der Sprache eines anfangs Vier- und am Ende Dreizehnjährigen erzählt. Auf den ersten Seiten sind die Abschnitte sehr kurz, und mit Martins Bewusstwerdung und Größerwerden wachsen auch die Zusammenhänge, werden die Episoden länger, was nicht heißt, dass man sich plötzlich in einer klassischen Erzählung wiederfindet. Es bleibt sprunghaft, sozusagen unkonzentriert; „Kindheitsroman“ liest sich, als wenn das Buch ADHS hätte, aber es ist trotzdem oder deswegen irre fesselnd. Das liegt auch an Henschels lakonischem Stil, der vor Witz und Ironie nur so sprüht, was umso lustiger ist, weil durch das Einsprengseln einzelner Sätze - zumeist aus dem Mund der Erwachsenen -, Werbeslogans und Zeilen aus Liedtexten eine vielschichtige Collage entsteht, die sehr ergreifend, anschaulich und, vor allem, verblüffend ist. Beim Lesen habe ich mich das eine ums andere Mal gefragt, wie zur Hölle sich der Mann (gemeint ist Henschel) an all diese Details erinnern konnte, vor allem aber an das Zeitgefühl, das er wie eine akribisch und bis ins kleinste Element stimmige Modelllandschaft wiedergibt.



    Henschel, der der „Neuen Frankfurter Schule“ entstammt und in einem Atemzug mit Henscheid, Droste und vielen anderen zu nennen wäre, hat mit „Kindheitsroman“ ein vollständig beglückendes literarisches Experiment vollbracht. Selbst die Tatsache, dass es auf den letzten vierzig Seiten überwiegend um Bundesligaergebnisse und Torschützen geht, nimmt man hin, kauft man ab, weil auch das zu den Elementen gehört, die dieses zum Niederknien perfekte Buch abrunden.


    Und weil ich jetzt natürlich unbedingt wissen will, wie es mit Martin Schlosser weitergeht, liegen „Jugendroman“ und „Liebesroman“ schon bereit für die Lektüre.


    ASIN/ISBN: 3455005977