Die erste Zusammenarbeit mit einem Verlagslektor

  • Ich habe schon einige Male gehört, dass man bei der ersten Zusammenarbeit mit einem Verlagslektor ziemlich viel Rot im Text sieht.

    Mein Krimi-Debüt wird im Herbst diesen Jahres bei einem mittelgroßen Verlag erscheinen und ich wurde schon vorgewarnt, dass das recht kurzfristig ist mit dem Termin, aber ich freue mich natürlich sehr, dass ich nicht (wie manch anderer Autor) 1,5 Jahre – oder länger – auf die Veröffentlichung warten muss.

    Da ich Vollzeit berufstätig bin, interessieren mich eure Erfahrungswerte mit den Aufwänden bei eurem ersten veröffentlichten Buch.

    Vielleicht mag da ja mal jemand aus dem Nähkästchen plaudern. ;)

  • Ich spitze ebenfalls die Ohren, denn meine Veröffentlichung ist auch fürs Herbstprogramm geplant.


    Aber ehrlich gesagt, ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn das Lektorat alles durchwinkt (was ich mittlerweile befürchte, jetzt, wo ich ein paar der Bücher gelesen habe, die in meinem Verlag erschienen sind).

  • Das lässt sich nicht generalisieren.


    Ich mag es am liebsten, wenn das Lektorat begleitend stattfindet, wenn also nicht erst nach Abgabe des fertigen Manuskripts gemeinsam daran gearbeitet wird, sondern schon vorher, am allerbesten bereits in der Projektierungsphase. Das ist allerdings selten. Mein letzter und immerhin schon elfter Roman kam als rote Flut vom Lektor zurück. Das war die erste Zusammenarbeit mit einem Außenlektor - mit Heiko Arntz, dem ehemaligen Cheflektor von Wagenbach. Ich war zuerst schockiert, aber dann wurde mir klar, was die Absicht dahinter war. Ich bin allerdings grundsätzlich extrem vorschlagsaffin - ich winke meistens mehr als neunzig Prozent der Sachen durch, die man mir vorschlägt. Ich will ja niemanden vor den Kopf stoßen. ;) Außerdem hasse ich Überarbeitung. Wie die Pest und Cholera und Corona, mindestens. 8)


    Ich habe auch schon Verlagslektorate erlebt, die aus wenigen Korrekturen bestanden haben, und im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, es wäre intensiver an und um den Text gegangen, der, wie ich bei Lesungen gemerkt habe, doch noch einige Längen hatte. Und ich habe die Zwischentöne erlebt. Ich habe auch schon mit einer Lektorin tagelang um ein einziges Wort gestritten, und dann wieder achtzig Seiten lang "Änderungen annehmen" geklickt.


    Die Zusammenarbeit mit dem Lektorat ist sehr wichtig, aber mit der Zeit versteht man auch, worum es geht, und schreibt dann halt so, wie es sein muss. Dachte ich. Dann wechselt die Zusammenarbeit und man fängt wieder von vorne an.


    Das lässt sich nicht generalisieren.

  • Ich habe auch unterschiedliche Erfahrungen und bin sehr dankbar wie es meistens läuft. Es ist so, dass es mindestens sechs DurchLäufe gibt. Die ersten beiden bestehen aus Gesprächen und da geht es um die gesamte Dramaturgie, vermutlich das, was Tom als Projektierungsphase beschreibt. Also da geht es um Inhalte und Fragestellungen wie: was ist die Essenz? was wird hier erzählt?, was gehört an welche Stelle und warum? … ect. … und wo werden wir später im Detail noch viel zu tun haben oder eben auch nicht. Bei den hinteren Durchsichten geht es in die Mikrodramaturgie und in Richtung Korrektorat und ganz zum Schluss schauen da wieder mindestens zwei andere Augen auf den Text, die ihn noch nie gesehen haben da geht es dann um AnschlussFehler und die letzten Korrekturen. So in etwa habe ich das erlebt bei meinem Ich sage mal, Herzensverlag. 🙂Aber ich kenne es auch anders.

  • Mein erster Verlagslektor, mit dem ich immer noch befreundet bin, den ich allerdings viel zu selten treffe, hat nach fünf gemeinsamen Romanen das Haus gewechselt, und ich war zu Tode betrübt. Wir haben wirklich intensiv zusammen an meinem Zeug gearbeitet, das er zudem sehr gemocht hat, was nicht immer so ist. Beim fünften Roman waren wir so eingespielt, dass die Arbeit immer weniger wurde, aber immer mehr Spaß gemacht hat. Er war der Ideengeber für zwei Romane und hat mich damals auch bei allem anderen begleitet, was die Kommunikation mit dem Verlag anbetraf. Das war wirklich sensationell, und ich vermisse es immer noch. Ich habe darüber nachgedacht, ihm zu folgen, was aus verschiedenen Gründen nicht ging. Nicht zuletzt hätte ich einfach nicht ins Programm des neuen Arbeitgebers gepasst, außerdem habe ich mich bei seinem alten Arbeitgeber sehr, sehr wohl gefühlt.


    Andererseits wächst man mit der Zeit auch in diese Aufgabe und ihre pragmatischen Anforderungen hinein, und das Lektorat wird zu einer Phase, die dazugehört, aber Bedeutungsschwankungen unterliegt. Wie sehr das der Fall ist, hängt aber auch von jedem einzelnen Projekt ab. Wenn man Genre schreibt, und die Kontinuität zur Arbeit gehört, ist es anders als wenn man sich mit jedem Roman ein klein wenig neu erfindet und letztlich eine diffuse Zielgruppe hat.


    Der größte Schock war der Wechsel in ein sehr, sehr großes Haus, wo das Lektorat eingetaktet ist, wo es zum Workflow bei der Buchproduktion gehört. Das verhindert zwar zuweilen sehr intensive Beziehungen und Zusammenarbeit nicht, aber es hat eine andere Qualität, und wenn die Leute hundert Bücher im Monat raustun, von denen Du alle zwei Jahre eines geschrieben hast, dann ist das einfach anders als wenn Du einer von vierzig Titeln im Jahr bist.


    Aber, wie oben gesagt. Das mit dem Generalisieren, meine ich.

  • Ich hatte - zum Glück - vorwiegend sehr gute Erfahrungen gemacht. Und ja: in der Regel kommt der erste Durchgang ziemlich rot daher. Aber (fast) immer waren das kleine Verbesserungen, Korrekturen etc., die man in der Schreibblindheit gegenüber dem eigenen Text irgendwann nicht mehr selbst sieht. Größere Dinge (Inhalt, Figurenausarbeitung) wurden meist telefonisch kurz erörtert, dann gab es eine entsprechende Textergänzung meinerseits. Nur einmal habe ich schlechte Erfahrungen machen müssen, und zwar hinsichtlich Dialogen und Inhalten dieser Dialoge in einem Roman in der Nachkriegszeit. Sie wollte alles streichen, was heute niemand mehr sagen, denken oder fühlen würde, und hatte zudem leider auch wenig Ahnung in Geschichte und Gesellschaft der Berliner Nachkriegszeit. Es war eine externe Lektorin (die der Verlag danach auch nicht wieder bemühte ;-). Aber bis auf diese eine Ausnahme war ich immer happy mit dem Lektorat. Zeit musst Du Dir nehmen, denn in der Regel sind es schon mehrere Durchgänge, die naturgemäß immer schneller laufen.


    Viel Glück und Erfolg :blume

  • Bei Lektoraten, egal von welchem Lektor, mache ich folgende Beobachtung:

    1. Der Lektor bemerkt eine Schwachstelle im Text und weist darauf hin.

    2. Er macht einen Verbesserungsvorschlag.

    Punkt 1 funktioniert meistens gut. Man kann die herausgehobenen Stellen als AutorIn dann nochmal überdenken, und kommt entweder zum selben Schluss wie der Lektor oder eben nicht. Ich bin in 80% der Fälle dankbar für die Hinweise und stimme dem Lektorat zu.


    Punkt 2 funktioniert nur bedingt. Das hängt dann wirklich sehr vom Lektor ab. Meine Erfahrung ist leider die, dass Lektoren oft ein anderes Sprachgefühl haben als der Autor, bisweilen in ihrer Wortwahl auch weniger wendig sind und Vorschläge machen, die keinen Sound haben. Punkt 2 funktioniert bei mir in höchstens 50% der Fälle.


    Trotzdem läuft das Lektorat immer reibungslos. Ich bin für jeden Hinweis auf Schwachstellen im Text dankbar, aber die meisten verbessere ich dann lieber selbst. Für die LektorInnen ist das so auch in Ordnung.


    Berichte doch mal, Kiana, wie es bei Dir gelaufen ist.

  • Vielen Dank für eure Antworten. :)

    Interessant auch, wie ihr mit den Anmerkungen des Lektors umgeht.

    Ich vermute, dass ich auch dazu neigen werde, viele Vorschläge anzunehmen, es sei denn Formulierungen/Hinweise passen mir gar nicht. Daher bin ich wirklich sehr gespannt auf diese erste Zusammenarbeit und wie die Lektorin tickt.


    So, wie es der Verlag angekündigt hat, klingt das schon nach einer sehr intensiven Zusammenarbeit. Daher würde ich mich wundern, wenn die mein Manuskript mit nur wenigen Anmerkungen durchwinken. Lieber investiere ich da nun noch mal einige Zeit, als dass ich später unzufrieden bin. Im besten Falle gelingt es mir, im Hauptjob dann mal Überstunden abzubauen, wenn es sonst zu viel wird.


    Silke Welcher Verlag ist das denn? Falls du es nicht hier schreiben möchtest, dann ja vielleicht per PN? ;)

  • Ich verstehe nicht, wieso man sich als Autor diese Mühe machen sollte. Der Verlag hat das Manuskript gekauft und bezahlt, also kann er schauen, wie er es redigiert. Wenn er glaubt, daß es sich in veränderter Form besser verkauft, warum sollte ich ihm da dreinreden und auf meiner Fassung beharren? Und wenn es sich nicht verkauft, kann ich später immer noch eine Originalausgabe meines Urtextes herausbringen.

  • Ich verstehe nicht, wieso man sich als Autor diese Mühe machen sollte.

    Kommt auf den Text an. Wenn der Anspruch dahinter stehen sollte, durch seinen Roman/sein Sachbuch/seine Erzählung (was auch immer) auch ein Stückweit mit der „Welt“ zu kommunizieren, wäre es ein Unding, einfach jede Änderung durchzuwinken. Selbst wenn nicht, wenn der Verfasser gut daran tut, aus berufenem Munde Rat anzunehmen, käme für mich nicht infrage, zwei Fassungen zu publizieren (vom vertragsrechtlichen mal ganz abgesehen). Hop oder top sozusagen, entweder die Änderungen tun dem Text gut oder nicht.

  • Ein Verlag oder Verlagslektor darf keine eigenmächtigen Änderungen an einem Manuskript vornehmen, vor allem nicht solche, die über reine Korrekturen (oder Kürzungen, das aber nur bei Adaptionen) hinausgehen - das wäre eine Verletzung des Urheberrechts. Wenn Änderungen an einem Manuskript gewünscht sind, geht das nur in Rücksprache mit den Autoren und -innen. Und obwohl Verlage Manuskripte kaufen, aus denen sie Bücher machen möchten, heißt das nicht notwendigerweise, dass das direkt geschehen soll. Es gibt tatsächlich Autoren, die sich Lektorat verbitten (und trotzdem veröffentlicht werden), aber die Erkenntnis, dass die Betriebsblindheit der Schaffenden zuweilen Auswirkungen hat, die Verbesserungsbedarf generieren, ist eigentlich unter der Autorenschaft sinnvollerweise weit verbreitet. Und das ist ja auch das schöne bei unserer Art von Kunst - Texte sind vorerst nicht in Stein gemeißelt, wie etwa Skulpturen, an denen man nachträglich nur wenig machen kann. Zusammen mit Profis können wir aus unseren ohnehin guten Texten sehr gute Texte machen. Das ist auch eine ziemlich bewährte Herangehensweise.


    Wenn "Bewerbungsschreiben" herumgereicht werden, also Fundstücke und Stilblüten, die auf Lektorentischen gelandet sind, finden sich immer wieder Formulierungen wie "Der Text ist fertig und kann sofort gedruckt werden" darin. Ich fürchte, die meisten Projekte, die mit solchen Begleitschreiben angeboten werden, schaffen es nie von dort auf einem Neuerscheinungentisch.

  • …Der Verlag hat das Manuskript gekauft und bezahlt, also kann er schauen, wie er es redigiert. …

    Verlage kaufen in der Regel keine "Manuskripte". Sie machen mit Autoren Verträge, in denen geklärt wird, das und wie veröffentlicht wird und welche Rechte der Autor an Verlage überträgt. In den Verträgen steht i.d.R. auch drin, dass der Autor an der Überarbeitung mitzuwirken hat (zusammen mit dem Lektor). Außerdem steht drin, welches Honorar der Autor bekommt. Das ist in der Regel ein prozentualer Anteil am Nettoverkaufspreis (bei Belletristik). Es sollte auch ein nichtzurückzahlbares, aber mit dem Umsatzhonorar verrechenbares Garantiehonorar im Vertrag vereinbart werden.


    Das ein Verlag für einen fixen Betrag ein Manuskript kauft und der Autor danach nichts mehr damit zu tun hat, ist nicht die Regel. Und wenn es vorkommt, ist der Autor oder die Autorin meistens angeschissen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Wobei ich mich über den Begriff "Honorar" in jedem Verlagsvertrag ein klein wenig ärgere. Es findet tatsächlich ein Rechteerwerb bzw. eine Rechteübertragung statt, die, das ist durchaus richtig, honoriert wird, aber im wirtschaftssprachlichen Gebrauch ist ein Honorar eine Vergütung für die Ausführung eines Auftrags. Das Honorar gemäß Verlagsvertrag wird allerdings sowohl für die Rechteeinräumung, als auch für die von Horst-Dieter erwähnten Tätigkeiten (etwa die Korrektur und Durchsicht des Umbruchs), die die Autoren und -innen weiterhin zu erbringen haben, vereinbart.

  • Es ist etwas differenzierter anzuschauen, als ich es beschrieben habe, da hast du Recht Tom. Mir ging es im wesentlich darum, dass ein "Manuskriptverkauf" in der Regel nicht stattfindet. Verlage kaufen kein Packen Papier und kein Dokument voller Zeichen.

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    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Wenn ich das Wort Ende" unter einen Text schreibe, bin ich damit fertig. Das ist mein Werk, zu dem ich 100% stehe. Wenn jemand (ein Verleger) daraus ein Produkt für den Markt machen möchte, und findet, daß es Verbesserungen bedürfe, damit es sich besser verkauft, dann erlaube ich ihm gerne, alles so zu ändern, wie er es sich vorstellt, denn vom Verkaufen versteht er zweifellos mehr als ich. Mich selber an diesen Änderungen zu beteiligen, hieße jedoch meine künstlerische Autonomie aufzugeben, und u.U. sogar jemanden zum Co-Autor zu machen. Das daraus entstandene Werk wäre dann aber nicht mehr zu 100% mein eigenes. Werden die Änderungen jedoch von einem anderen eigenständig vorgenommen, beeinträchtigen sie die Integrität meines Originalwerkes nicht.

    (Es ist ungefähr so, als würde jemand statt der "Mona Lisa" (bzw. den daraus abgeleiteten Kunstdrucken) nachträglich einen Schnauzbart aufzumalen, vom Künstler verlangen, daß er selbiges täte, und damit das Original unwiederbringlich veränderte.)

    Ich brauche keinen Verlag und keinen Lektor, um ein Buch zu schreiben, das mir gefällt; ich brauche diese Leute, um damit (möglichst viel) Geld zu verdienen, indem sie es in ein Produkt, eine Handelsware, vewandeln. In der Praxis bedeutete das für mich, einfach alle Änderungswünsche unbesehen abzunicken. Dann habe ich keine zusätzliche Arbeit und verdiene mehr.

  • Ich habe noch nie das Wort Ende unter ein Manuskript oder einen Text von mir geschrieben und werde das auch nie tun.


    An den Werken Leonardo da Vincis haben auch andere Maler (meist Schüler) mitgearbeitet.

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    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

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  • Zitat

    Wenn ich das Wort Ende" unter einen Text schreibe, bin ich damit fertig. Das ist mein Werk, zu dem ich 100% stehe.

    Wow. Beneidenswert. Irgendwie scheinst Du es geschafft zu haben, den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Bei mir sitzt der leider immer auf meiner Schulter und fragt: Kannst Du das nicht noch besser? Ist der Text dicht genug? Solltest Du hier nicht ein anderes/besseres Wort finden? ...

    Wenn meine Lektoren und Lektorinnen etwas von ihrem Handwerk verstanden, war ich jedenfalls stets dankbar für ihre Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge.