Karen Duve: Macht

  • Beeindruckend, aber nicht Duves größter Wurf


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    Seit ihrem irrwitzigen „Regenroman“ (1999), der mir, um Herrndorf zu zitieren, damals echt den Stecker gezogen hat, habe ich hin und wieder geschaut, was die Duve so macht, deren Werk zu folgen in etwa so leicht ist wie eine bestimmte, einzelne Fliege in einem Pferdestall zu fangen. Nachdem sie im Jahr 1996 den „Gratwanderpreis“ des feministischen Kampfblatts „Playboy“ gewonnen hat, gab es von ihr neben vielen anderen Veröffentlichungen politische Essays, Sachen wie das ironische Märchen „Die entführte Prinzessin“, Romane wie „Taxi“ und das hinreißende „Dies ist kein Liebeslied“, das Selbstversuchs-Tagebuch „Anständig essen“ und zuletzt den historischen Roman „Fräulein Nettes letzter Sommer“ über Annette von Droste-Hülshoff. Duves im Jahr 2016 publizierter Langtext „Macht“ ging dabei fast an mir vorbei, aber nur fast.


    Der Roman spielt im Jahr 2031 und verdichtet sozusagen die Sachtexte „Anständig essen“ (2011) und „Warum die Sache schiefgeht“ (2014) zu einer fiktiven Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Sebastian Bürger, der in einem erfundenen Hamburger Vorort mehr oder weniger allein in einem ganz normalen Einfamilienhaus lebt. Mehr oder weniger, weil er im Keller seine Ex-Frau gefangen hält, die ihn verlassen hat und Ministerin in Berlin wurde. Bei einem Besuch hat er sie überwältigt und eingekerkert.

    Der Klimawandel hat inzwischen ordentlich zugeschlagen, die halbe Welt ist verwüstet, invasive Pflanzenarten verdrängen alles andere, und die Stürme, die über die Republik fegen, sind so stark, dass sich kaum jemand noch eine Gebäudeversicherung leisten kann. Für Fleischkonsum und Energie muss man rare CO2-Wertepunkte eintauschen. Das Land wird von einer feministischen Regierung verwaltet, geführt jedoch von einem Kanzler Olaf Scholz, und ganz allgemein gibt man dem, was vom Planeten übrig ist, noch höchstens eine Dekade. Andererseits: Die frei erhältliche Arznei „Ephebo“ erlaubt es, sich drastisch zu verjüngen, also beispielsweise wie Sebastian, der eigentlich in den Siebzigern ist, wie ein Spätdreißiger auszusehen und durchzugehen. Das Mittelchen hat allerdings einen Pferdefuß: Je jünger man sich damit macht, umso stärker wächst das Krebsrisiko. Und wenn man „Ephebo“ absetzt, wechselt man schnell vom Bio-Alter ins Chrono-Alter zurück.


    Unterm Strich geht es Sebastian richtig prima, der im „Demokratiezentrum“ arbeitet, wo die Kandidaten für das inzwischen drastisch eingeschränkte passive Wahlrecht auf Eignung getestet werden. Die Kinder kommen nur selten zu Besuch, und im Keller wartet Christine, die dort angekettet ist und alle denkbaren Erniedrigungen hinnehmen muss. Sebastian foltert, drangsaliert und vergewaltigt sie. All ihre Fluchtversuche enden böse für sie.

    Aber dann begegnet Sebastian auf einem Klassentreffen seinem Jugendschwarm Elli, und zu seiner Überraschung fängt Elli mit ihm eine leidenschaftliche Affäre an. Was das Arrangement mit der Ex im Keller eigentlich überflüssig macht ...


    Anfangs habe ich mit dem Text ganz schön kämpfen müssen, weil Sebastian ohne jeden Zweifel ein präzise skizzierter, widerlicher Drecksack ist, zugleich nach meinem Geschmack ein bisschen zu klug für die egoistischen, misogynen und in jeder anderen Hinsicht verachtenden Tiraden, die er so von sich gibt (und die Karen Duve übrigens ausnahmslos in Foren und Chats eingesammelt hat, in denen sich Männer treffen, die sich von Frauen unterdrückt fühlen) oder in die Praxis umsetzt, aber vielleicht wollte ich’s auch einfach nicht wahrhaben. Lässt man sich jedoch auf diese Konstellation ein, wird „Macht“ zu einer extrem originellen, oft amüsanten, zynischen, bösartigen, verblüffenden und nicht selten spannenden Dystopie, in deren Mittelpunkt die, äh, Kritik an patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen steht, um es möglichst nett zu sagen. Plakativer und direkter ausgedrückt erklärt der Roman, dass die Welt ohne die Hampel-Männer eine deutlich bessere wäre, und dass es vor allem die körperliche Überlegenheit ist, die dieses Ungleichgewicht und seine längst irreparablen Folgen aufrechterhält. Um das zu unterstreichen, zieht Duve wirklich alle Register, doch der fundamentale Kunstgriff besteht darin, die Argumentation der frauenfürchtenden Honks gegen sich selbst zu richten.

    Das funktioniert oft, aber nicht immer. Als erzählerisches Experiment ist „Macht“ durchaus beeindruckend, als Vision jedoch an zu vielen Stellen mit zu heißer Nadel und zu dünnem Faden gestrickt, zu sehr entlang der Prämisse, in Sebastian Bürger alle Spielarten toxischer Männlichkeit vereinen zu wollen, bis hin zu Figuren wie Josef Fritzl oder Wolfgang Přiklopil. Damit wird die Hauptfigur allerdings überfordert, dadurch knirscht das Konstrukt viel zu oft, aber ohne diese Überspanntheit wäre „Macht“ vermutlich nicht so irre lesbar, wie es das nun einmal ist, obwohl es in literarischer Hinsicht nicht zu den größten Würfen von Karen Duve gehört - und die Geschichte ein weniger schlichtes Ende verdient gehabt hätte.


    ASIN/ISBN: 3442472660

  • Danke für den Hinweis, Tom. Ich hätee das Buch sonst übersehen, keine Ahnung, warum. Ich schätze Karen Duve auch, nicht zuletzt deswegen, weil sich keines ihrer nächsten Bücher vorhersagen lässt. Das sorgt für nicht so überragende Werke, aber eben auch für ausgesprochene Glanzlichter wie der Regenroman und Annette. Deine Rezension liest sich so, dass es nicht schaden kann, den Roman zumindest mal anzulesen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • … jetzt nach ein paar Wochen stolpernden „AnlaufLesens“ … bin ich auf Seite 170.

    Anfangs habe ich ein wenig gefremdelt. Die Hauptfigur erscheint mir so ausgedacht, ich konnte ihr nur mit dem Kopf folgen. Mittlerweile, wo ich sie akzeptiert habe, gehe ich mit. Die Idee und das Setting sind einfach zu faszinierend.
    Und die „männliche Bundeskanzlerin“ ist tatsächlich Olaf Scholz? Wie visionär ist das denn? (2016)

    Ich habe die Stelle noch nicht gefunden wo er namentlich benannt wird.

    Ein empfehlenswertes Buch, auch wenn es schwer fällt, in diesen anstrengenden Zeiten auch noch anstrengende Visionen zu lesen.