Heiteres Beruferaten - oder - Haben Akademiker bessere Voraussetzungen Romane zu veröffentlichen als Nicht-Akademiker?

  • Hallo zusammen,


    da fing‘s schon an: Wie nenne ich diesen Thread?

    „Sind Akademiker die besseren Schriftsteller?“ - Nein, geht nicht! Was heißt schon „gut“ und wie definiert man „besser“?! Und „besser“ als was? Also: nein!

    „Schriftstellernde Akademiker“ - Das klingt arg nach einem peinlichen Hobby einer sonst seriösen Person, verbietet sich also auch.

    Der gewählte Titel ist dann auch angreifbar (und müsste treffender heißen „veröffentlicht zu bekommen“, denn Selbstverlag ist hier gerade nicht gemeint): Bestehen denn etwa Zweifel daran, dass es Vorteile hat, Akademiker zu sein (alle anderen Begleitumstände weggelassen)?Dann müsste die Antwort mit einiger Logik „ja“ heißen - oder nicht?


    Meine These ist: Ja, sie haben bessere Voraussetzungen. Ich meine natürlich nicht, dass ein Studium Voraussetzung dafür ist, einen Roman zu schreiben. Genauso wenig fiele mir ein zu behaupten, jeder Akademiker könne, wenn er denn wollte, einen Roman schreiben. Ganz sicher nicht! Aber: Ich meine, sie haben bessere Voraussetzungen, weil:

    Um die Herausforderung, einen Roman zu schreiben, zu bestehen, hilft es, und das mache ich als entscheidenden Faktor, aus, während die nachfolgenden Punkte dann eher Zuckerl on-top sind:

    - geübt darin zu sein, umfassende Denkprozesse a) anzustellen und b) niederzuschreiben/in Worte zu fassen/umzusetzen

    - Recherchemöglichkeiten/-ansätze zu kennen, die in einem Studium vermittelt werden

    - sich in einem Kreis anderer Akademiker zu bewegen, deren Sachkenntnis man bei Bedarf auf kleinem Wege abfragen kann


    Man könnte natürlich auch sagen: So ein Quatsch, jeder kann alles werden! Eine Frau von 1,90 Körpergröße wenn’s denn sein muss auch Primaballerina - man muss dann nur das Konzept von Ballett, wie wir es kennen, ändern! - DAS meine ich nicht! In dem Sinne kann (darf sowieso!) JEDER einen Roman schreiben. Ich gehe hier vom Buchmarkt aus, der der Definition folgt: Wir verlegen Romane, die sich mit einiger Sicherheit gut verkaufen werden.


    Ich habe dann mal ein bisschen gegoogelt. Hier also eine kleine, selbstverständlich NICHT repräsentative Stichprobe, nämlich bez. der Autoren und Autorinnen, von denen ich zuletzt Romane gelesen habe. (Ich bin dabei nicht tief in die Recherche eingestiegen, sondern habe schlicht Wikipedia befragt.) Es hat sich folgender berufliche Hintergrund/Werdegang der Verfasser herausgestellt:


    - Schauspiel

    - Geschichte, Philosophie, Germanistik, Theaterwissenschaft

    - Journalist

    - VWL, Journalismus

    - Literaturwissenschaft, Journalismus

    - Kommunikationswissenschaftlerin

    - Theaterwissenschaften, Literatur

    - Chemie, Physik, Englisch, Kreatives Schreiben

    - Journalist

    - Philologie, Germanistik

    - Jura

    - Literatur, Journalistin

    - Musikwissenschaftler, Journalist

    - Biologie

    - Germanistik, Philosophie (beides abgebrochen), Journalismus

    - Journalist

    - Journalismus

    - Kreatives Schreiben

    - Zootechnikerin/Mechanisatorin


    („Journalismus“ meint hier ein absolviertes Studium, „Journalist“ den Beruf, ohne Hintergrund, ob mit oder ohne Studium ausgeübt.

    Die Studiengänge Kreatives Schreiben betreffen nicht deutsche Autoren.)


    Es fällt auf: Eine Ausbildung (in dem Fall zwei) hat EIN Autor (in dem Fall eine Autorin) gemacht, bezeichnenderweise mit einer DDR-Herkunft. Alle anderen: Akademiker oder zumindest in einem schreibenden Beruf zuhause.


    Was heißt das? Womöglich nichts. Vielleicht lese ich bloß „die falschen“ Romane.


    Vielleicht heißt es auch: Es ist schwieriger, sich mit einem nicht-akademischen/nicht-musisch geprägtem Hintergrund auf die Reise Romanschreiben zu begeben. Es ist nicht unmöglich, es ist machbar, einige, vielleicht gar nicht wenige, haben es vorgemacht - deren Reise war dann womöglich etwas beschwerlicher. So, wie es immer angenehmer ist, in der Business oder gar der ersten Klasse zu fliegen als mit angezogen Beinen in der Holzklasse.


    Ein Resultat wäre dann aber womöglich, dass manche Themen/Lebensläufe/Figuren in der Literatur weniger vertreten sind, weil sie in der Lebensrealität des Großteils der Schreibenden nicht vorkommen.


    Nein?

    Nur so ein Gedanke.

  • Nicht jeder Akademiker ist ein Akademiker. Will sagen - wenn Studium angegeben ist, heißt das noch nicht, dass auch ein Abschluss gemacht wurde. Die Annahme, das alle, die ein Studium in ihrer Biografie erwähnen, auch durchgehalten haben, ist also nicht zwingend. Und wer nicht durchhält, hat u.U. auch nicht die besseren Voraussetzungen bei den Denkprozessen und Recherchefähigkeiten, wobei ich beides auch bei abgeschlossenem Studium nicht unbedingt für jeden Fall annehmen würde.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Ich denke, es kommt auf die Art der Literatur an. Es gibt elitäre, verkopfte Romane, die von studierten Germanisten für studierte Germanisten geschrieben wurden; und es gibt unterhaltsame, spannende, amüsante Geschichten, die in der Regel von Autoren mit etwas mehr Erfahrung in der Lebens- und Arbeitswelt stammen. Erfolgsautoren müssen so schreiben, daß viele Menschen mit ihren Geschichten etwas anfangen können. Nur dann erreichen sie auch die Massen. Aber zugleich müssen ihre Werke auch ein gewisses Niveau haben, damit sie Bestand haben.

  • Hallo,

    für mich scheint dies eine soziologische Fragestellung für ein ästhetisches Problem zu sein. Aus der soziologischen Tatsache, dass zum Beispiel Bert Brecht mit einem Semester Medizinstudium wohl kein Akademiker ist, kann doch nicht geschlossen werden, dass er sein Werk als NIcht-Akademiker, ohne Studium von Literatur, Kunst, Gesellschaft, Philosophie etc. etc. hätte schreiben können. Wenn man so will, ist er ein außeruniversitärer Akademiker, der in den Kaffeehäusern und Theatern in der Auseinandersetzung mit "richtigen" Akademikern (Korsch, Benjamin, etc etc) ein informelles Studium absolviert hat (wie es die Mann-Brüder und andere Literaten aus bildungsbürgerlichen Familien auch noch von zu Hause mitbekommen haben). Heutiges Beispiel: Dietmar Dath, der nach eigenen Angaben sein Studium in der Feuilleton-Redaktion der Faz nachgeholt hat. Gerade Nicht-Genre.Literatur, die Neues, neue Empfindungen und Gedanken, die bisher noch nicht verbalisiert wurden, ausdrücken will, muss doch, in welcher Form auch immer, die Geschichte von Literatur, Kunst, Philosophie, Gesellschaft etc. studieren, um neue Ausdrucksformen entwickeln zu können. Dies gilt aber auch für Genre-Autoren, die das Handwerk, also die Geschichte ihres Genres beherrschen sollten. Sollten, denn es zeigt sich ja, dass sich Genre-Romane mit groben handwerklichen Mängeln gut verkaufen. Dies liegt wohl unter anderem daran, dass sich die Leser an diesen Mängeln nicht stören, was zur Folge hat, dass Autoren auch ihr Handwerk nicht mehr studieren müssen.

  • Um die Herausforderung, einen Roman zu schreiben, zu bestehen, hilft es, und das mache ich als entscheidenden Faktor, aus, während die nachfolgenden Punkte dann eher Zuckerl on-top sind:

    - geübt darin zu sein, umfassende Denkprozesse a) anzustellen und b) niederzuschreiben/in Worte zu fassen/umzusetzen

    - Recherchemöglichkeiten/-ansätze zu kennen, die in einem Studium vermittelt werden

    - sich in einem Kreis anderer Akademiker zu bewegen, deren Sachkenntnis man bei Bedarf auf kleinem Wege abfragen kann

    Was du da auflistest, ist zweifellos zutreffend. Aber du schreibst selbst, dass diese Dinge helfen, was aber gleichzeitig auch bedeutet, dass ihr Zutreffen nicht in jedem Fall eine unabdingbare Voraussetzung sein muss. Am ehesten gilt das noch für den ersten Punkt. Aber wenn Akademiker das während ihres Studiums „einüben“ konnten, dann sollte es grundsätzlich möglich sein, das auch außerhalb eines regelrechten Studiums zu schaffen. Natürlich hat man es als Autodidakt immer etwas schwerer, ist der Weg mühseliger, schon allein deshalb, weil man nicht daran vorbeikommt, sich zum Verständnis des gesuchten Spezialwissens nachholend auch noch ein umfangreiches Grundwissen anzueignen.


    Aber "... geübt darin zu sein, umfassende Denkprozesse a) anzustellen und b) niederzuschreiben/in Worte zu fassen/umzusetzen" ist ja nur eine Bedingung unter vielen. Wesentlich sind für mich die nachfolgend aufgeführten Punkte und wird auch nur eine einzige dieser Voraussetzungen nicht oder nur unzureichend erfüllt, dürfte es schwierig werden, einen lesbaren und darüber hinaus auch lesenswerten Langtext zu schreiben:

    - Eine umfassende Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten des Schreibens.

    Die erwirbt man am ehesten durch möglichst viel Lesen, Schreiben, Lesen, Schreiben, Lesen ...

    - Ohne allzu viele blinde Flecken auszusparen, das Handwerk des Schreibens zu erlernen sowie die Fähigkeit, das Erlernte auch umsetzen zu können.

    - Ein ausgeprägtes Sprachgefühl.

    Das ist, wenn überhaupt, nur bedingt erlernbar. Allenfalls ist es möglich, das, was als Sprachgefühl bereits vorhanden ist, weiterzuentwickeln.

    - Neugier. Offenheit. Unvoreingenommenheit. Alles nicht erlernbar. Ein mit großer Aufmerksamkeit gelebtes Leben. Braucht seine Zeit.

    - Empathie.

    Auch die ist nicht erlernbar.

    - Ausdauer. Die Ausdauer, die es braucht, um ein oder zwei Jahre lang oder noch länger zu recherchieren, zu schreiben, zu überarbeiten, bis ein präsentationsreifes Manuskript vorliegt und das alles auch noch in weitgehender Selbstisolation zu tun und ohne darüber depressiv oder „sonderbar“ zu werden.


    Der einzige Punkt, bei dem ich Akademiker im Vorteil sehe, ist dieser letzte Punkt. Mein Eindruck ist allerdings, dass nur die Wenigsten diese Fähigkeit erst während des Studiums erwerben, sondern diese bereits „von Haus aus“ mitbringen.

    Und auch die Tatsache, dass die Mehrzahl der Akademiker selbst bereits aus einem Akademikerhaushalt stammt, halte ich in diesem Kontext für beachtenswert. Das Interesse für Kunst im Allgemeinen und für Literatur und nachfolgend auch für das Schreiben im Besonderen ist in diesem Milieu erfahrungsgemäß deutlich stärker ausgeprägt als meinetwegen in einer Arbeiter- oder Handwerkerfamilie. Gleiches gilt für die Ermutigung und die Unterstützung, die in einem Akademikerhaushalt häufig diejenigen erfahren, die den Wunsch äußern, einen künstlerischen Beruf zu erlernen und auszuüben – im Gegensatz zu bildungsferneren Milieus, in denen entsprechende Diskussionen sehr schnell mit dem Satz abgewürgt werden: „Lern erst mal wat Richtiges!“


    Ja, und ich denke, das macht dann in vielen Fällen und bereits vor dem Beginn irgendeines Studiums den entscheidenden Unterschied.

    Ein Resultat wäre dann aber womöglich, dass manche Themen/Lebensläufe/Figuren in der Literatur weniger vertreten sind, weil sie in der Lebensrealität des Großteils der Schreibenden nicht vorkommen.

    Daran kann kein Zweifel bestehen. Die Tatsache, dass unter Autoren und Autorinnen Akademiker überrepräsentiert sind, führt dann auch hinsichtlich der gewählten Themen und Stoffe unvermeidbar zu einer Verarmung und erzeugt zumindest in mir manchmal den Eindruck, die Welt wäre mehrheitlich von Akademikern bevölkert.

  • Nicht jede Korrelation, die man zu erkennen glaubt, ist auch eine. ;)


    Ich denke, beides hat einfach sehr ähnliche Voraussetzungen, weshalb nicht selten beides gewählt wird. Beziehungsweise das eine nach dem anderen, weil man Sicherheit braucht, bevor man dieses Wagnis eingeht. Und Erfahrungen. Damit man was hat, von dem man erzählen kann, oder eine Person geworden ist, die sich in derlei einfühlen kann.

  • @ Jürgen: Dein Beitrag, der den "abgebrochenen" (Medizin-)studenten Bertolt Brecht ins Spiel bringt, hat mich grübeln lassen. (Außeruniversitärer Akademiker – das gefällt mir :)) Hätte Brecht das Medizinstudium weiterverfolgt, wer weiß, vielleicht wäre das sogar das Ende seiner literarischen Arbeit gewesen ... Wenn man in die Waagschale legt, wie viel Zeit und Energie es braucht, einen Roman zu schreiben: Geht einer z. B. in einem sehr anspruchsvollen Beruf auf, könnte Literatur gut und gerne auf der Strecke bleiben. – Wie das so ist mit solchen Fragen: Sie führen nirgendwohin.


    Genre-Werke mit groben Mängeln verkaufen sich: aber hallo!

    (Was aber nun nicht ausschließt, dass prominente Vertreter „solcher“ sich gut verkaufender Romane ebenfalls studiert haben =))



    @ Jürgen P.: Nein, unabdingbar ist ein Studium fürs Schreiben nicht. Das würde ich nie behaupten, genauso wenig, dass jeder Akademiker automatisch in der Lage wäre, einen (guten) Roman zu schreiben. Ich glaube, es ist ein Puzzleteil, aber ein nicht unwichtiges. Und ein häufig vorkommendes.

    Deine Kriterien kann ich gut nachvollziehen. „Lebenserfahrung“ möchte ich noch hinzufügen, verwandt vielleicht mit Deinem „ein mit großer Offenheit gelebtes Leben“. Hier könnte man natürlich einwenden, dass Fantasie Erfahrung bis zu einem gewissen Grad wettmacht. Ich meine aber, dass man mit 20 womöglich andere Romane als mit 50 schreiben kann (nicht muss) – was natürlich auch wiederum von individuellen Erfahrungen abhängig ist.


    Durchaus: Akademikereltern = Akademikernachwuchs, eine Formel, die oft aufgeht. Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen wird wohl niemand in Abrede stellen. Wenn man bedenkt, dass Eltern, die eine Hochschulausbildung genossen haben, ihren Kindern (u. a.) wertvolle Informationen mit auf den Weg geben können, die Studienanfängern ohne akademisch gebildete Eltern schlichtweg fehlen (und das Studium zusätzlich erschweren), scheint es darauf hinauszulaufen, dass die Weichen bereits früher gestellt werden.

    Was nun aber NICHT heißt, dass es ohne nicht geht – es ist nur schwieriger. Eine Binse: Das Leben ist ungerecht.



    Ok, vielleicht führen Stichproben wie die meine nicht wirklich weiter – obwohl ich nicht glaube, dass man eine gehäufte Anzahl von – meinetwegen – Handwerkern unter den Romanautoren findet. Bei vielen hier sähe eine Stichprobe unter den letzten gelesenen Romanen womöglich ganz ähnlich aus.

    Möglicherweise ist das aber eine Art Bias. Es trifft möglicherweise zu, dass viele (die meisten, würde ich nach wie vor vermuten) in Publikumsverlagen veröffentlichte Autoren ein Studium welcher Art auch immer absolviert haben. Unabdingbar dafür – da sind wir uns wahrscheinlich einig? – ist die Fähigkeit, sich schriftlich verständlich, fesselnd, interessant (was auch immer das heißen mag – siehe „Genre-Werke mit groben Mängeln“) …, mitzuteilen. Und der Wunsch und der Wille, sich ans Schreiben zu geben.

    Ich bin überzeugt davon, dass Schreiben an sich eine verkopfte Sache ist.



    @ Tom: Die Nr. 7 meiner Liste, Studium der Theaterwissenschaften und Literatur, ist Katja Oskamp. Ausschließliche Fußpflegerinnen dürfte es wenige unter den Schriftstellerinnen geben.

    Ich halte fest: „Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin“ ist einer der wenigen Romane, die von einer ansonsten wenig beachteten Lebenswirklichkeit erzählen. Aber wenn Katja Oskamp nicht die Fähigkeiten gehabt hätte – woher auch immer - *so* darüber zu erzählen, würde es freilich auch keinen gesteigert interessieren.

  • Ausschließliche Fußpflegerinnen dürfte es wenige unter den Schriftstellerinnen geben.

    Dieses Thema ist nicht unheikel, das dünne Eis ist nicht fern. Ich denke, gutes schriftstellerisches Erzählen hat einige Voraussetzungen, wozu Empathie und Kreativität gehören, was auch immer "Kreativität" eigentlich ist, und Fantasie, dazu Disziplin, Kritikfähigkeit, Sendungsbewusstsein, Selbstkontrolle usw. usf. Man muss mit Sprache umgehen können und sich der Wirkung von Sprache bewusst sein, nicht nur im abstrakten und wissenschaftlichen Sinn, sondern konkret und jederzeit - was umgekehrt bedeutet, dass man dazu in der Lage ist, die richtigen Worte zu wählen, um etwas auszudrücken, nein, nicht nur etwas, sondern genau das, was man ausdrücken möchte. Man muss etwas Erlebtes oder Erdachtes so adaptieren können, dass es unter Verwendung des Hilfsmittels (Schrift-)Sprache bei jemandem restauriert werden kann. Man muss Planungs- und Strukturierungsfähigkeiten besitzen oder sich angeeignet haben, dasselbe gilt für Dramaturgie und all die vielen Elemente, die eine Erzählung ausmachen, stilistische wie strukturelle. Schreiben oder schriftstellerisches Erzählen ist nicht einfach Losplappern, bis die Geschichte zuende ist.


    Der berufliche Werdegang unterschiedlicher Menschen ist oft sozial geprägt, aber auch durch die Fähigkeiten, die man mitbringt, erwirbt, verfeinert. Ich glaube nicht, dass es Akademiker - also Leute, die ein Studium abgeschlossen haben - einfacher haben, an Verlagsverträge zu kommen, im Sinne von: Diese Leute werden den anderen gegenüber bevorzugt. Ich könnte den Gedanken aber nachvollziehen, den ich oben schon angedeutet habe. Wer die Fähigkeiten und die Chance hat, ein Hochschulstudium abzuschließen, wird es tun, und diese Fähigkeiten ähneln jenen, die man dafür braucht, marktfähige schriftstellerische Arbeiten abzuliefern.

  • Ich bin Diplom-Kauffrau, das hat mir bislang nullkommanix genützt, was den Verlagsvertrag für meinen Roman angeht. Das BWL-Studium bestand aus Vorlesungen und Klausuren, und abgesehen von der Diplomarbeit habe ich kaum Fachliches geschrieben oder strukturiert bearbeitet. Meine Eltern sind bzw. waren keine Akademiker, aber mein Vater und vor allem mein Opa (beide Mauerer) haben mich sehr früh für Bücher begeistert. Lesen - viel und möglichst querbeet - ist für mich die essenzielle Voraussetzung für das eigene Schreiben.


    Viele technische Grundlagen kann man lernen, sich in Schreibkursen von Trainern und Gleichgesinnten mitziehen und kritisieren lassen. Dass sich sprachlich trotzdem die Geister scheiden, weiß ich als (spät berufene) Lektorin nur zu gut. Auch AkademikerInnen schaffen es übrigens nicht auf Anhieb, leicht Lesbares, Unterhaltsames zu produzieren.


    Zuallererst steht die Geschichte, stehen also Fantasie, Empathie, ein Gefühl für Erzählenswertes und für die Struktur guter Geschichten. Es braucht Biss, das Vorhaben durchzuziehen, und die Fähigkeit, mit Kritik und Misserfolgen umzugehen. Eine Fantasy-Autorin, deren Reihe ich im letzten Jahr gelesen habe (querbeet, siehe oben), ist laut meiner schnellen Recherche Einzelhandelskauffrau. Ich ziehe meinen Hut vor ihrem Ideenreichtum und weiß, dass ich Studierte das im Leben nicht könnte.

  • Ich verstehe den Gedankengang, er ist mir aber zu allgemein. Die Studienfächer sind sehr verschieden und erfordern unterschiedliche Fähigkeiten. Die Buchwelt ist außerdem riesig, und für jede Nische braucht's wahrscheinlich eine andere Nuance an Können und Wissen.


    In BWL waren nicht die großen Denker die besten Studenten, sondern die früheren Bankkaufleute. Und ich habe hier einen Informatiker, der zwar gern liest, aber mit Sprache ansonsten nicht viel am Hut hat.

  • Mal angenommen, wir befänden uns hier nicht in einem virtuellen Raum, sondern auf einer Party. Die Gäste kennen sich nicht alle untereinander, außerhalb kleinerer Gruppen trifft man zum ersten Mal aufeinander. Ein höflicher Herr gesellt sich zu einer Gruppe und stellt sich vor. Man kommt ins Gespräch und landet bei den Berufen. Ich bin Postbote, sagt unser fiktiver Gast, dem folgen ein paar Sätze, in denen es hauptsächlich um Ärgernisse um fehlgeleitete Sendungen geht, bevor man sich wieder interessanteren Dingen zuwendet. Neue Party, derselbe Mann, nennen wir ihn Gert. Ich bin Chefarzt einer psychiatrischen Klinik. Welcher Gert ist wohl der begehrtere Gesprächspartner?

    Ich weiß nun nicht, ob Agenturen - nehmen wir diesen Weg, weil er der professionellere ist im Vergleich zu ins Blaue verschickten Manuskripten - den Beruf ihres Klienten nennen. Ich könnte es mir aber vorstellen. Und jetzt ist es absolut egal, ob in dieser Vorstellung steht, „mein Klient ist Briefzusteller“ oder „… Dr. med. und Dr. phil., Chefarzt im Klinikum …“?!


    Das dünne Eis ist mir bewusst. Aber ich behaupte nicht, dass ein Studium unabdingbar ist. Mir geht es auch um Rüstzeug, das manche mitbekommen und andere nicht. (Wozu auch Mentoren gehören: Menschen in wegweisenden und - bestenfalls - einflussreichen Positionen.) Es nützt nichts, so zu tun, als ob es keine gesellschaftlichen Unterschiede gäbe. Oder als ob jeder mit den selben Chancen ins Leben geht. Als ob - gerechtfertigt oder nicht - in den Köpfen der meisten Menschen nicht bestimmte Vorstellungen vorhanden sind. Akademiker profitieren - vielleicht ja sogar teils unbewusst - von Vorstellungen, die andere sich von ihnen machen, zurecht oder auch nicht. Während Leute in nicht-akademischen Berufen Türen erstmal überhaupt öffnen müssen.


    Natürlich KANN das echte Manuskript eines echten Postboten besser sein als das eines Chefarztes. Es könnte aber auch sein, dass es der Postbote schwerer hat, sich überhaupt Gehör zu verschaffen? Nein? Weil Lektoren anders als der überwiegende Rest der Menschheit gerade nicht Vorurteilen gesellschaftlicher Art unterliegt? Mag ja sein, dass es auf den Verlag ankommt: in einem, der hochgeistige Literatur vertreten möchte, wird der Postbote es definitiv schwer haben, überhaupt die erste Hürde zu nehmen - behaupte ich jetzt natürlich nur. Es muss ja auch etwas zu bedeuten haben, wenn einem Fälle/Personen einfallen, die Ausnahmen darstellen. Denn das bestätigt doch: Die Regel ist es nicht. Die „Postboten“ sind in der Minderzahl.

  • Ich hatte auch schon, äh, alle möglichen Jobs. ;)


    Edit: Clemens Meyer ("Als wir träumten") hat auch eine ziemlich illustre Vita. Andreas Eschbach hat sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik nicht beendet - aber ich habe mir gerade die Biografien einiger deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller angeschaut, und es scheint tatsächlich so zu sein, dass (erfolgreiche) Schriftstellerei und Hochschulstudiengänge korrelieren. Ich wage es, zu verneinen, dass das daran liegt, dass Hochschulabsolventen aus welchen Gründen auch immer leichteren Zugang zum Buchmarkt erhalten, oder dass sie interessantere Vitae besitzen.


    Es ist eine Typensache. Und auch nichts Soziales.


    Die Entscheidung, freiberuflich künstlerisch tätig zu werden, ist eine Entscheidung für die Selbständigkeit in einer besonders harten und isolierten Form, denn man erzeugt weitgehend ohne Hilfe Dritter und vollständig auf eigenes Risiko Produkte, die dann gleich zweimal verkauft werden müssen - zuerst an Verlage und anschließend an Leser. Für beides sind die Chancen außerordentlich gering, betrachtet man die Menge der Menschen, die sich diesen Lebensweg wünschen (wobei sich an dieser Stelle natürlich die ungeheuer interessante Frage aufdrängt, wie die berufliche Verteilung bei den Einsendern unverlangter Manuskripte aussieht).


    Ich habe ein wirklich interessantes und überaus lesenswertes Interview mit der Literatursoziologin (!) Carolin Amlinger zu diesem Thema gefunden, in dem sie die Historie, die Hintergründe und die Situation skizziert: https://www.welt.de/kultur/lit…ter-der-Gesellschaft.html

  • Ich habe sehr viele Jahre im Vertrieb in amerikanischen IT-Firmen gearbeitet, deshalb sind mir Titel und Ausbildungswege nicht wichtig. Bestimmt bin ich nicht frei von Dünkel, aber wenn der Postbote Gert oder die Kosmetikerin Ilse Unterhaltsames zu erzählen hätte, würde er oder sie mich nicht weniger interessieren als der Chefarzt Gert. Geschichten entstehen aus Kontrasten. Wie langweilig wäre es, wenn es nur um Intellektuelle ginge. 8)


    Wir vermischen auch einiges. Sprechen wir über das Schreiben generell, über das Publiziertwerden oder über den Beruf des Schriftstellers oder der Schriftstellerin (wie Frau Amlinger)? Bei Letzterem kann ich mir auch vorstellen, dass der Weg für Studierte naheliegender ist, die vielleicht auch schon in einem gut bezahlten Job gearbeitet haben oder noch arbeiten. Aber dass Studierte die gefragteren Autorinnen oder Autoren bzw. die interessanteren oder leichter zu vermarktenden Personen sind, glaube ich nicht.