Heiteres Beruferaten - oder - Haben Akademiker bessere Voraussetzungen Romane zu veröffentlichen als Nicht-Akademiker?

  • Und sehr erfolgreich drüber geschrieben

    Aber Bukowski war auch ein Akademiker. Er hatte zwar eine haarige Kindheit und konnte aus gesundheitlichen Gründen manchmal monatelang überhaupt nicht zur Schule gehen, aber er hat Journalismus studiert. Auch darüber hat er sehr erfolgreich geschrieben, also über die haarige Kindheit ("Das Schlimmste kommt noch ...").

  • Gute Idee, Tom.

    Mmh, na ja, dann hätte man einen (vermutlich nicht sehr repräsentativen) Überblick über die Berufsgruppen und Werdegänge der Menschen, die glauben, sie könnten Romane schreiben. Das ist nicht notwendigerweise deckungsgleich mit der Gruppe der Menschen, die tatsächlich (lesbare, interessante, wenigstens sprachlich halbwegs kompetente) Romane schreiben können. Um das herauszubekommen, müsste man die Einsendungen alle auch noch lesen. Mehrere Leute müssten das tun und ihre Urteile abgleichen. Aber es wäre noch eine Vielzahl weiterer Faktoren zu berücksichtigen.

  • Aber Bukowski war auch ein Akademiker. Er hatte zwar eine haarige Kindheit und konnte aus gesundheitlichen Gründen manchmal monatelang überhaupt nicht zur Schule gehen, aber er hat Journalismus studiert. …

    mit Abschluss? Oder nur ein paar Semester und ist dann abgegangen? Ist man schon Akademiker, wenn man sich mal an ihrgend einer Hochschule eingeschrieben hat?

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Ich stelle die Frage mal beim VFLL. Die freien Lektorinnen und Lektoren bearbeiten die unterschiedlichsten Manuskripte, und vielleicht gibt's zu der Frage auch Erhellendes. Auch die Agentinnen und Agenten könnten etwas dazu sagen.


    Übrigens: Bei Sach- und Fachbüchern zählt eine akademische Ausbildung auf jeden Fall. Aber das heißt nicht, dass daraus automatisch Lesbares entsteht. Wissenschaftliches unterhaltsam zu verpacken ist für WissenschaftlerInnen eine schwierige Übung.

  • Wissen die Verlage oder Agenten denn überhaupt, was für einen Beruf die Bewerber haben? Ein Manuskript verkaufen ist nicht das selbe wie eine Stellenbewerbung. Da schickt man keine Zeugnisse und keinen Lebenslauf ein. (Und wenn doch, dann vermutlich nicht selten einen frech erfundenen geschönten.) Und das was auf dem Buchumschlag oder in der Wikipedia steht, kann doch u.U. auch nur ein hübscher Werbetext eines Product Manages sein. Schließlich gibt man den Leuten, was sie gerne hören möchten: eine inspirative Lebensgeschichte. Ein spannender Thriller aus der Feder eines Ex-Geheimagenten und Weltenbummlers verkauft sich doch besser, als einer von einem Supermarktkassierer, der seine Freizeit vor dem Fernseher verbringt, auch wenn es dasselbe Buch ist.

  • Nicht immer, aber die meisten Autoren erwähnen in ihren Vitae auch den beruflichen Werdegang oder zumindest den aktuell ausgeübten Brotjob.

    … und unterschlagen auch gern, was nicht so in die öffentlichkeitstaugliche Vita passt. 8)

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  • Wo wir gerade über die Voraussetzungen dafür sprechen, gute Schriftsteller zu werden. Elke Heidenreich, die sich ja schon kürzlich zu ihren Bemerkungen zum Thema "Gendern" ein paar Scheißestürme eingefangen hat, prognostiziert der ihrer Meinung nach überbehüteten Generation (ich tendierte auch zu dieser Auffassung), die gerade heranwächst, eine geringere Quote an guten Künstlern, wenn man das so interpretieren will:


    https://www.spiegel.de/kultur/…10-4506-86b5-1bef9f81e90b


    Auch dafür - und die These, dass gelitten haben muss, wer richtig gute Kunst können will, ist nicht neu - tankt sie natürlich Hass und Häme, weil selbst kluge Leute heutzutage offenbar nicht umhinkönnen und Meinungen, die ihnen nicht gefallen, mit persönlichen Angriffen begegnen. Ist ein bisschen schade, finde ich.

  • Na ja, die "überbehütete Generation" hat es ja schon in vorigen Jahrhundert gegeben. Bereits in den 1980ern und 90ern wurden Kinder überversorgt, hatten zig Termine von der Musik- und Balletschule bis zum Sporttraining und selbstverständlich zum Nachhilfe- und Förderunterricht, damit es mit dem Abi und später dann der Eliteuniversität klappt. Und selbsthinlaufen mussten die wenigsten. Demnach dürfte es dann jetzt bereits keine herausragenden Künstler mehr geben. :kratz2

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  • Autorenjobs wie: Taxifahrer, Lagerarbeiter, Ölbohrer, Almsenn oder Holzfäller lese oder las ich immer wieder mal in Klappentexten. Hat für manche Leser einen gewissen Chic, ähnlich dem erotischen Reiz des Wilden im ausgehenden vorvorigen Jahrhundert. Es muss nicht immer ein Akademici sein. A working class hero is something to be, sang schon John Lennon. Und ich füge an: ... and has also a lot to tell.

  • Bereits in den 1980ern und 90ern wurden Kinder überversorgt, hatten zig Termine von der Musik- und Balletschule bis zum Sporttraining und selbstverständlich zum Nachhilfe- und Förderunterricht, damit es mit dem Abi und später dann der Eliteuniversität klappt.

    Das ist Leistungsoptimierung.


    Das Problem, über das ich weiter oben gesprochen habe, ist der überangestrengte Schutz des Nachwuchses vor Konflikten, Herausforderungen, Niederlagen, Unbequemlichkeiten und Unschönem.


  • Das Problem, über das ich weiter oben gesprochen habe, ist der überangestrengte Schutz des Nachwuchses vor Konflikten, Herausforderungen, Niederlagen, Unbequemlichkeiten und Unschönem.

    Auch das gab es nach dem 2. Weltkrieg in den ersten beiden Jahrzehnten, aber es stimmt schon, heute wirkt das anders und stärker, weil nicht die Beeinträchtigungen, die nach dem Krieg für alle sprübar waren, vorhanden sind.

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  • Ich habe ein wirklich interessantes und überaus lesenswertes Interview mit der Literatursoziologin (!) Carolin Amlinger zu diesem Thema gefunden, in dem sie die Historie, die Hintergründe und die Situation skizziert: https://www.welt.de/kultur/lit…ter-der-Gesellschaft.html

    „Soziale Passung“ - sieh mal einer an! Oder auch: Sag ich doch --u:-)


    Dorothée Letessiers „Eine kurze Reise“, in der eine bretonische Fabrikarbeiterin, Ehefrau und junge Mutter für ein Wochenende ans Meer flüchtet, wurde 1980 als autobiographisch verkauft, offenbar um die Diskrepanz „Facharbeiterin“ : „literarisches Talent“ kalkuliert als verkaufsfördernde Maßnahme einzusetzen. In Wahrheit hatte Letessier zwar Erfahrung mit der Arbeit in der Fabrik, war aber darauf nicht als Hauptbroterwerb angewiesen und hatte mit einiger Wahrscheinlichkeit – was ich aber nicht finde, da diese Autorin offenbar hierzulande in Vergessenheit geraten ist oder auch nie einen großen Bekanntheitsgrad hatte – eine Hochschulbildung durchlaufen (behaupte ich jetzt einfach mal!).


    An zeitgenössischen Autoren mit einer tatsächlichen Herkunft aus, wie es oft heißt, „einfachen Verhältnissen“, die diese Verhältnisse in ihren Büchern thematisieren, fallen mir ein:


    Édouard Louis („Das Ende von Eddy“, 1992 in der Picardie geboren, Soziologiestudium an einer Elite-Universität)


    Louis ist ein Schüler von Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“, 1953 in Reims geboren, abgebrochenes Philosophiestudium, was in Frankreich nicht daran hindert, an einer Hochschule zu lehren)


    Annie Ernaux („Erinnerung eines Mädchens“, 1940 in Lillebonne geboren, Lehrerin)


    J. D. Vance („Hillbilly Elegy“, 1984 in Middletown, Ohio geboren, studierter Jurist, Finanzmanager)


    Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“, 1985 in Kaiserslautern geboren, studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik)


    Ich habe – unabhängig von meiner Leseliste – Wikipedia mit weiteren Namen von aktuellen (Bestseller-) Autoren/Autorinnen gefüttert: Letztendlich habe ich jemanden gefunden: Wolfgang Hohlbein, Industriekaufmann. Mit Ulla Hahn dann gleich noch eine? Bürokauffrau, stand da zu lesen – aber nein, Hahn hat ihr Abitur nachgeholt und studiert. Ich hätte meinen Eindruck ja letztendlich doch nicht ungern korrigiert: Aber die Rubrik „Leben und Werk“ von Autoren und Autorinnen beginnt mit einiger Zuverlässig in der Art von: „studierte xyz … in …“.


    Die oben genannten fünf Schriftsteller sind augenscheinlich Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, die durch welche Wendungen in ihrem Leben auch immer in den Genuss einer Hochschulbildung gekommen sind.

    Es mag aber auch Autoren und Autorinnen geben, die ihre Herkunft aus ebensolchen Verhältnissen nicht an die große Glocke hängen: Tatsächlich interessiert das ja auch nicht, wenn man über diese Verhältnisse nicht schreiben will. Dass es aber doch relativ wenige tun, hängt meiner Meinung nach auch mit der eingangs von mir aufgeworfenen Fragestellung zusammen.

  • Ich denke, das hängt auch davon ab, welche Art Literatur sie schreiben. Wer Kinderbücher, SF oder Fantasy oder Romanzen schreibt, wird nicht unbedingt schief angeschaut, wenn er kein Abitur oder gar Studium hat. Die Leser interessiert das wenig, und das Feuilleton ignoriert diese Art Literatur ohnehin. Bei elitären Autoren ist da die Erwartungshaltung wohl anders.

  • Es wird niemand schief angeguckt, der was hat oder nicht.

    Ist das so? Das erscheint mir genauso verallgemeinernd zu sein, wie wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Dabei scheint es stark auf das Auftreten anzukommen. Vielleicht muss man nicht unbedingt ein Hochschulstudium vorweisen können - aber so zu erscheinen als ob, dürfte durchaus von Vorteil sein.


    Nachtrag zur oben angeführten Aufzählung:


    Pierre Michon („Leben der kleinen Toten“, Jahrgang 1945, Literaturstudium (abgebrochen))


    Lukas Rietzschel („Mit der Faust in die Welt schlagen“, Jahrgang 1994, Master in „Kultur und Management“, sein Verleger bei Ullstein fand ihn „spannend, weil er aus dem Niemandsland des Erzählens stammt.“. (Stern, 2018)

  • Ist das so?

    Es ist alles Kaffeesatzleserei, und ein sehr unwissenschaftliches Spiel mit angenommenen Kausalitäten. Ich wage die sehr, sehr ernsthafte Behauptung, dass die Anbahnung eines Verlagsvertrags über die Einsendung eines unverlangten Manuskripts praktisch und faktisch nichts mit Herkunft, Geschlecht, Ausbildung, körperlichen Merkmalen oder sonstigem zu tun hat, sondern nahezu einzig mit der Qualität der ersten Zeilen dieses Manuskripts. Welche Voraussetzungen man benötigt, um ein solches Manuskript herzustellen, und wie Leute in den Verlagen diese Qualität einschätzen (und welche Voraussetzungen sie selbst dafür mitbringen), das sind Fragen, die mit "schief angucken" nichts zu tun haben. Dieser Terminus klingt sehr nach Fünfzigerjahre, und ich bezweifle sehr stark, dass er noch zum Verhaltensorchester der aktuell in deutschen Verlagen und Agenturen tätigen Menschen zählt.

  • Es ist erstens keine Bewerbung, sondern eine Geschäftsanbahnung. Und zweitens handelt es sich nicht um einen klassischen Berufsbewerbungs-Lebenslauf, der da erwartet wird (genau genommen wird nichts präzise erwartet - es steht jedem frei, sich hier so zu verhalten, wie auch immer er Lust hat), sondern um eine Autorenvita. Also um den Werdegang als Schriftstellerin oder Schriftsteller. In der Hauptsache geht es dabei um bereits vorhandene Veröffentlichungen, Literaturpreise, Stipendien und schriftstellerische Qualifikationen anderer Art. Und Informationen darüber, inwieweit sich die Autorenpersönlichkeit vermarkten lässt, etwa Medienerfahrungen und ähnliches. Denn es geht natürlich - gerade bei potentiellen Spitzentiteln - auch darum, die Person zu etablieren und zu verkaufen, als Marke zu positionieren. Leute (Leser-Leute) kaufen gerne nach, lesen sogar lieber etwas Schlechtes von Lieblingsautoren als etwas von unbekannten Autoren auszuprobieren. Wenn eine Autorenpersönlichkeit besonders präsent und/oder umtriebig ist, hilft das. Aber auch das hat mit dem Bildungsweg bestenfalls am Rande zu tun.