Juan Rulfo - Pedro Páramo

  • "Es fehlte noch lange bis zum Morgengrauen. Der Himmel war voller Sterne, dicker Sterne, aufgebläht von so viel Nacht. Der Mond war aufgetaucht und bald wieder verschwunden. Einer dieser traurigen Monde, die keiner anschaut, auf die niemand achtet. Er hatte eine Weile verzerrt am Himmel gestanden, kein Licht ausgestrahlt und sich dann hinter den Bergen versteckt."


    Habe soeben mit Pedro Páramo von Juan Rulfo begonnen, aus dem obiges Zitat stammt. Ein berühmter Kurzroman, der zum magischen Realismus zu zählen ist, es blieb sein einziger. Besprechung folgt, wenn ich es schaffe, dieses literarische Meisterwerk angemessen zu präsentieren.

  • ASIN/ISBN: ‎ 3518461508


    Eine alte Frau liegt im Sterben und ringt ihrem Sohn das Versprechen ab, seinen biologischen Vater aufzusuchen, der irgendwo inmitten Mexikos als Patrón ein kleines Dorf namens Camala beherrscht. Es geht um die Einforderung eines Teils seines Vermögens, das, wie sie meint, ihrem gemeinsamen Sohn zusteht.

    Dort angekommen erfährt er die Geschichte dieses mittlerweile weitgehend verlassenen Dorfes, untrennbar mit der gnadenlosen Herrschaft des Patróns verbunden, der längst verstorben ist. Er begegnet teils seltsamen Dorfbewohnern, die ihm wichtige Details der dörflichen Historie mitteilen.

    Schon nach den ersten Seiten führt die Geschichte in eine magisch/realistische Welt, die dem Leser anfangs verwirrend erscheint. Einerseits wegen der perspektivischen Sprünge zwischen den handelnden Figuren, andererseits aufgrund von Rückblicken, die sowohl perspektivisch als auch zeitlich nicht sofort zuordenbar sind. Es bedarf eines gewissen Einlesens, sich mit dieser Erzähltechnik ständig wechselnder Figuren und Zeiten, vertraut zu machen. Manche der ersten Rezensenten verrissen diesen Roman als lose Sammlung inkohärenter Aufsätze. Heute gilt er als Meisterwerk mexikanischer Literatur.

    Seite für Seite verstärkt sich der Eindruck von Traumhaftigkeit. Immer tiefer taucht der Leser in eine magische Welt ein, in der Verstorbene miteinander kommunizieren, bis zuletzt auch der Erzähler erkennt, selbst einer dieser Toten zu sein. Im gesamten Dorf, das staubbedeckt, unter glühender Hitze langsam zerfällt, gibt es keinen einzigen lebenden Menschen mehr.

    Die Geschichte wird nahezu vollständig mittels Dialogen erzählt, es gibt kaum narrative Abschnitte. Bildhaft und enorm atmosphärisch transportiert Juan Rulfo diesen Plot, lässt ihn zugleich in selten gelesener sprachlich/literarischer Schönheit erstrahlen:

    (sic) Als die Wolken wichen, schlug die Sonne Licht aus den Steinen, tauchte alles in schillernde Farben, trank das Wasser von der Erde, spielte mit dem Wind und ließ die Blätter aufglänzen, mit denen der Wind spielte. (sic)

    Der Vergleich sei gestattet, mir erging es bei dieser Lektüre wie G. Garcia Márquez, der einst schrieb: „Ich konnte nicht zu Bett gehen, bevor ich Pedro Páramo ein zweites Mal gelesen hatte.“

    Nicht umsonst gilt dieser Roman, der einzige von Rulfo, als Vorlage vieler magisch/realistischer Werke. Die Handlung ist örtlich und zeitlich unbestimmt, zeigt schonungslos die Armut und Abhängigkeit der Bevölkerung von der Allmacht eines absolutistischen Herrschers.

    Der Autor lässt die Figuren über das Leben des Patróns, der einzigen Liebe seines Lebens, seiner unstillbaren Gier und zugleich wachsenden Einsamkeit erzählen.Ebenso von der Sehnsucht nach dem Vater, dem verlorenen Paradies, zwischenmenschlichen Katastrophen und nahender politischer Revolution. Das Dorf Camala, somit nichts anderes als eine Metapher für den Niedergang mexikanischer Feudalkultur, dem Verfall eines ganzen Landes.

    Über dem gesamten Werk liegt die Atmosphäre von trostloser Hoffnungslosigkeit und Zerfall, der zuletzt auch den Patrón ereilt. Er zerbricht, einsam und verlassen vor seinem Haus sitzend, in einen Haufen Steine.