Theres Essmann: Federico Temperini

  • Jürgen Krause fährt Taxi in Köln, anders als sein Vater, der Chauffeur war. Alle 14 Tage hat er Leo, seinen Sohn bei sich und zu seiner Ex pflegt er ein relativ entspanntes Verhältnis. Er hat sich eingerichtet. Da bekommt er einen Anruf von einem Fedrico Temperini, der ihn als Chauffeur bucht, für gelegentliche Fahrten ins Konzert und, wie sich später herausstellt, dann und wann auch einmal zum Friedhof. Das wäre alles auch mit einer regulären Taxifahrt regelbar gewesen, doch Temperini besteht drauf, Chauffeurdienstleistungen in Anspruch nehmen zu wollen. Sein Angebot ist gut und so stimmt Krause zu. Das mit diesem Temperini etwas nicht stimmt, merkt er schon bei der ersten Tour und sehr bald fährt ein weiterer, unsichtbarer Gast mit: Niccolo Paganini, der »Teufelsgeiger«. Krause ist bald neugierig und fasziniert und wechselt von der Clapton- zur Paganini-Biografie. Nach und nach kommt er auch hinter das Geheimnis von Temperini und damit nicht alles so schön gradlinig läuft bringen seine Ex und ihr Neuer auch sein Privatleben durcheinander. Sein Sohn Leo scheint ihm zu entgleiten. Glaubt er. Am Ende wird nicht alles gut, aber manches doch besser und Temperini verschwindet aus Krauses Leben fast so plötzlich, wie er hineingekommen ist.


    Der Ich-Erzähler ist einer dieser Protagonisten, denen man sich von Anfang an überlegen weiß, und dem man deshalb uneingeschränkte Sympathie entgegen bringt. Dem zweiten Protagonisten – Temperini - kann man dagegen gut ausgewogenes Mitleid gönnen. Das die Ex von Jürgen Krause anfänglich gern als Antagonistin genommen wird, ist fast zwangsläufig. Aber es entwickelt sich dann doch anders, so dass sie im Laufe des Buches ebenfalls zu einer Protagonistin mutiert, wenn auch nachgelagert, weil sie nicht so oft direkt auftaucht. Überhaupt ist es eine Geschichte, in der Beziehungen eine wesentliche Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht immer Jürgen K. Die Beziehung zu seiner Ex wird in der Rückschau geschildert, die zu seinem Sohn und Temperini bilden den Kern der Geschichte und in einem Moment berühren sich diese beiden Beziehungen, als Leo auf Temperini trifft. Auch eine neue Beziehung ergibt sich, nämlich die zu dem stillen »Mitfahrer« Paganini. Die Beziehungen Temperinis spielen ebenfalls eine Rolle und scheinen immer wieder auf, nicht nur zu Jürgen K., sondern auch solche aus der Vergangenheit. Das diese auch Temperinis Chauffeur nicht kalt lassen, sei nur am Rande erwähnt und soll hier nicht gespoilert werden.


    Die ganze Novelle durchweht eine leicht Traurigkeit, die manche skurrilen Momente etwas abmildert, so dass man am Ende der Lektüre das Gefühl hat, wieder einmal ein außergewöhnliches Stück Literatur gelesen zu haben, so unscheinbar es auch daher kommt.


    Theres Essmann hat mit dieser Novelle einen unspektakulären, aber durchaus beachtenswerten Erstling vorgelegt. Das Buch erschien bereits vor einem Jahr, ich habe es aber jetzt erst zur Kenntnis genommen, als es für den Thaddäus Troll Preis nominiert wurde. Nicht dies, sondern das Thema »Paganini« hat mich zum lesen bewogen – und ich habe es nicht bereut.


    ASIN/ISBN: 3749610266

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Räuber und Räuberbanden im deutschsprachigen Raum

    ASIN/ISBN: 3955402649


    "Einen Roman zu schreiben bedeutet vor allem einen massiven Organisationsaufwand."


    Zadie Smith

    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56

  • Ich hab's jetzt auch gelesen, aber mich konnte es nicht wirklich packen. Ganz böse gesagt, ich weiß nicht recht, warum mich die Geschichte interesseren sollte. Jürgen K. ist weder besonders amüsant, noch charmant, noch ist die Zeit der Handlung spannend. Sprachlich ist das Buch sauber und sicher gut gemacht, aber mir fehlte da einfach das gewisse etwas - ein bisschen mehr Paganini im eigentlichen wie im übertragenen Sinne hätte es sein dürfen. So blieb bei mir das Gefühl ein lauwarmes Glas sicher sehr hochwertigen Wassers getrunken zu haben ;)

  • Die in der Novelle erwähnte Paganini-Biografie von Fuld habe ich vor Zeiten hier im Forum schon vorgestellt.


    Auch die wirklich hervorragende Novelle um den Teufelsgeiger von Klaus Funke: Der Teufel in Dresden.

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    SZ Nr. 144, 26./27.6.2021, S. 56