Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. 1.Teil: Die Geschichten Jaakobs.

  • Vorweg:

    1. Thomas Mann scheint kein Autor zu sein, den man gern liest oder nicht gern liest. Vielmehr scheint der Fall des Nicht-gern-Lesens oft mit einer leicht erhöhten Heftigkeit daherzukommen, der es gefällt, seinen Wert zu relativieren. Diese Haltung habe ich nie ganz verstanden.
    2. Mitunter wird sein Stil für schwülstig gehalten. Wenn man unter „schwülstig“ etwa „wolkig, sahnehaubig, klischeehaft“ versteht, ist das Urteil falsch. Mann scheint mir eher immer um größte Präzision bemüht, mit einer Differenzierungslust, die gern in ein fontanesches Sowohl-als-Auch gerät. Das sei zugestanden. Wenn unter „schwülstig“ allerdings verstanden wir, dass Mann das äußerlich Erzählbare gern in das weitläufige Netz seiner Begriffsdichotomien hängt, wenn man meint, dass er stets mit einem Fuß im Himmel der Ideen und des Geistigen baumelt, dass er - wie Carnap urteilen würde - ein Metaphysiker ist, dann ja, dann ist er schwülstig, was allerdings weniger ein Stilurteil wäre als die Beschreibung einer Weltanschauung.


    Als ich überlegte, in welche Rubrik ich meine Darstellung packen sollte, fand ich, dass ein Roman, der bald hundert Jahre alt ist, nicht gut in die „Vorstellungen“ passt. Bei der „Romananalyse“ passt es aber noch weniger. Daher also doch bei den Buchempfehlungen.


    Ähnlich wie beim „Zauberberg“ war der Josephsroman längst nicht mit dem tatsächlichen Umfang geplant, wucherte dann aber im Laufe der Jahre zu einer Tetralogie heran. Von 1926 bis 1942 tüftelte Thomas Mann an dem Roman bzw. an den Romanen. Ein Grund für die Ausuferung war Manns Überzeugung, dass er Josephs Geschichte, so wie er sie erzählen wollte, nicht ohne einen verdammt gründlichen Blick auf die Vorgeschichte ins Werk setzen könne. So kommt es, dass der erste Roman noch gar nicht oder nur weniger von Joseph handelt und mehr von seinem Vater Jaakob.

    Dieser erste Teil (Die Geschichten Jaakobs) erscheint 1933 (durchaus noch in Deutschland, auch wenn TM im Februar das Land verlassen hat).

    Jaakob, nicht ganz lauter, betrügt seinen Bruder Esau um den Vatersegen und somit um das Erstgeburtsrecht. Aus Angst vor Rache flieht Jaakob zu seinem Onkel Laban, in dessen Dienst er tritt. Er verliebt sich spornstreichs in Labans Tochter Rahel, muss aber, um sie als Ehefrau zu bekommen, sieben Jahre für Laban arbeiten. Dieser (gern auch mal als „Teufel“ bezeichnet) ist ebenfalls nicht frei von Tücke und schiebt verschleiert seine andere Tochter, Lea, als Braut unter. Was soll Jaakob tun? Er dient weitere sieben Jahre, um auch Rahel heiraten zu dürfen. Während der sieben und sieben Jahre wird Jaakob ziemlich wohlhabend. Mit seiner Rahel aber hat er weiterhin Pech. Sie bekommt nämlich - anders als Lea - keine Kinder. Ersatzweise gebären die Mägde Bilha und Silpa für sie Söhne. Dann jedoch, als Jaakob schon nicht mehr ganz daran glaubt, wird Rahel noch schwanger und bringt Joseph zur Welt. Es gibt dann sogar noch einen Nachzügler, Benjamin, bei dessen Geburt Rahel stirbt.

    Wohlhabend und mit stattlicher Nachkommenschaft kehrt Jaakob nach Kanaan zurück und versöhnt sich mit Esau.

    Dieser Handlung vorangestellt ist allerdings ein „Vorspiel: Höllenfahrt“. Jaakob trifft am Brunnen seinen hier bereits jünglingshaften Lieblingssohn Joseph. Im Gespräch kommt heraus, dass es zwischen Joseph und seinen Brüdern erhebliche Spannungen gibt.

    Überhaupt der Brunnen. Der ist Hauptmotiv oder - symbol nicht nur dieses ersten Romans (der zweite Teil - „Der junge Joseph“ - endet z.B. damit, dass die Brüder Joseph in einen Brunnen werfen). Im Vorspiel steht der Brunnen für Zeittiefe, ontologische Tiefe und psychologische Seelentiefe. Jaakobs Betrug an Esau ist - eschatologisch, wenn man so will - legitimiert, weil Jaakob im Vergleich zu seinem eher animalischen Bruder über die nötige Seelentiefe verfügt. Er ist der zartere, geistigere und weiß das auch.

    Gleichzeitig deutet der Brunnen in die bodenlose Vergangenheit, in die Menschheitsgeschichte, in der sich kein Anfang ausmachen lässt. Für jedes historische Ereignis muss es eine Ursache geben, so dass man am kausalen Gängelband umstandslos in einen unendlichen Regress gerät. Soweit die „wissenschaftliche“ Perspektive. Anders dagegen der Mythos. Er setzt zwar auch keinen Anfangspunkt, vielmehr nimmt er es mit der Chronologie nicht so genau, sondern konstituiert ein umfassendes „Zugleich“. Handlungen und Handelnde sind nicht so sehr individuell, sie folgen eher (mythischen) Mustern, von denen her sie ihre Bedeutungen erhalten. So ist Jaakob nicht nur Jaakob, sondern das Bruder-Verhältnis zu Esau spiegelt auch das Verhältnis von Kain und Abel wider, wie auch der sich andeutende Zwist zwischen Joseph und seinen Brüdern diesem Muster entspricht. Indem die Figuren sich als Repräsentanten solcher Traditionen sehen, erwächst für sie daraus Sinn und Verpflichtung (bei Joseph wird diese mythische Verankerung später allerdings brüchig).

    Wie schon bei seinen Vorläufern, die an einem „neuen Mythos“ basteln (Frühromantiker, Wagner, Nietzsche), ergibt sich natürlich auch für Thomas Mann das Problem, dass man nicht in naiver Weise an den Mythos glauben kann. Was er anstrebt, ist eine Synthese aus Wissenschaft (Psychologie) und Mythos, also eine aus jüdisch-christlichem Ursprung erwachsene Kultur, die trotz aller intellektueller „Entzauberung“ (Weber) Sinn- und Sittlichkeitsorientierung stiften kann.

    Was ist der Brunnen noch? Natürlich auch Zugang zur Unterwelt. Für die Motiv-Struktur des Romans bzw. der Romane ist der Komplex Unterwelt und Unterwelt-Gang prägend. Da verliert man schnell die Übersicht, weil Mann hier nicht nur den Persephone-Mythos heranzieht, sondern auch ägyptische und sumerisch-babylonische Mythen.

    Überhaupt hat Mann sich während der Jahre der Arbeit offenbar ein stupendes ägyptologisches etc. Wissen angeeignet und er selbst merkt in einem Brief die Gefahr an, dass im Roman das Akademisch-Wissenschaftliche zu Ungunsten des Erzählerischen ein Übergewicht bekommen könne. Tatsächlich ist die Ausbreitung des Bildungswissens, die Mann betreibt, mitunter ermüdend.

    Nicht so ansprechend finde ich auch den archaisierenden Mythenstil, den TM praktiziert. Das bezieht sich auf eine z.T. altertümelnde Wortwahl sowie auf Inversionen im Satzbau, die eine Anmutung von „Damals“ heraufbeschwören sollen (vielleicht). Freilich wird dieser Stil auch immer wieder ironisch gebrochen.

    Ist es also nun eine Buchempfehlung? Wenn man an die Josephsromane heran will, sollte man eine gewisse Investitionsbereitschaft mitbringen. Und das bezieht sich nicht nur auf Zeit und Mühe, sondern auch auf das Pekuniäre. Ich würde die Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe inklusive Kommentarband empfehlen. Dann wird das allerdings ein recht teurer „Spaß“.

  • Gefällt mir sehr, die Lanze, die du hier für Thomas Mann brichst.

    Als ich letztes Jahr in Lübeck war (dort spielt der Roman "Die Buddenbrocks" - diese Erklärung ist jetzt bestimmt nicht für tortitch, sondern für andere, die hier mitlesen), fing ich an zu überlegen, ob ich die Werke dieses Autors vielleicht von der Liste der Bücher, die ich niemals lesen werde, herunter nehme. Jetzt hat diese Überlegung eine Bestärkung erfahren.

    „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

    Samuel Beckett (1906–1989)

  • Die Buddenbrocks wären schon ein guter Einstieg, man kann eine Menge über Charakterisierungen von Personen (ich meine jetzt keine Schulaufsätze) lernen. Unter Buddenbrockianern reicht (wie bei Loriot) schon ein Stichwort:

    "Sei glöcklich, du gutes Kend."

  • Als ich letztes Jahr in Lübeck war (dort spielt der Roman "Die Buddenbrocks" - diese Erklärung ist jetzt bestimmt nicht für tortitch, sondern für andere, die hier mitlesen), …

    Wen meinst du? Gibt es noch jemanden, der nicht weiß, dass die Buddenbrocks mit Lübeck zu tun haben?

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass wir über Thomas Mann (u.a. auch über "Die Buddenbrooks") bereits hin und wieder im Forum diskutiert haben:


    Thomas Mann - Buddenbrooks


    Klassikerliste


    Jenseits des Bösen von Clive Barker


    Und viele, viele andere Threads. Ich hatte auch "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" und "Der Zauberberg" besprochen, aber damals noch nicht das Kopieren meiner Rezensionen ins Forum praktiziert.

  • Wen meinst du? Gibt es noch jemanden, der nicht weiß, dass die Buddenbrocks mit Lübeck zu tun haben?

    Bis zum Sommer 2020 wusste ich selbst es noch nicht. Aber vielleicht ist es ja vermessen zu unterstellen, dass andere genauso ignorant sind wie ich.

    „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

    Samuel Beckett (1906–1989)

  • Jedenfalls ist es schön, dass hier mal wieder ein Werk von Thomas Mann vorgestellt wird


    Ich schätze auch die Erzählungen von Thomas Mann, von denen mir Die vertauschten Köpfe (nach einer alten indischen Sage) und Das Gesetz (wie Mose die Gesetztafeln erfand) besonders gut gefallen. Sie gehören zu den späten Erzählungen (1940er Jahre). Wer lesefaul ist, kann sie sich auch vorlesen lassen.


    ASIN/ISBN: 3844511652

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


    Einmal editiert, zuletzt von Horst-Dieter ()

  • Ich schätze auch die Erzählungen von Thomas Mann, von denen mir Die vertauschten Köpfe (nach einer alten indischen Sage) und Das Gesetz (wie Mose die Gesetztafeln erfand) besonders gut. Sie gehören zu den späten Erzählungen (1940er Jahre).

    Na, das ist doch ein schön niedrigschwelliger Einstieg.

    „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

    Samuel Beckett (1906–1989)