Wenn Figuren keine Ruhe geben oder (fiktiver) nörgeliger Nachwuchs

  • Hallo ihr Lieben,

    ich habe mal wieder eine kleine Frage oder Anregung zum Austausch:


    Wie handhabt Ihr das mit Figuren, die keine Ruhe geben?

    Ich habe zum Beispiel eine Figur, deren Abschluss/Ziel ich eigentlich mit dem Schreiben eines zweiten Bandes einer nicht als Reihe gedachten Geschichte erfüllt haben wollte. Das hat sich zuerst auch richtig angefühlt. Nun hat sich die Figur aber wieder in meinem Hirn verbissen und sagt mir, dass noch was fehlt - sie sagt mir zwar nicht war, aber sie ist da ganz deutlich, dass es so ist.


    Kennt Ihr das auch? Wie geht Ihr damit um?


    Liebe Grüße!

  • Aufschreiben.


    Ein fiktives Interview mit ihr fühlen, meist kommt man der Figur damit auf die Schliche.


    Wenn alles nichts hilft: Ihren Tod aufschreiben.


    Allerdings gibt es dabei auch keine Garantie für eine 100%ige Beseitigung. Kandidaten wie Sherlock Holmes und Winnetou sind Beispiele dafür, wie Schriftsteller sich ihren Figuren entledigen wollten und quasi über die Hintertür ewiges (Figuren)Leben erreichten.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Nun, fiktive Figuren haben den Vorteil, dass man mit ihnen ungestraft so gut wie alles machen kann. Wenn sie also aufmüpfig sind, sich ihrer Bestimmung verweigern, nerven und stören, dann kann man ihnen jedes denk- und undenkbare Schicksal zukommen lassen. Ist die Figur also noch irgendwo im Kreativhirn zugange, widmet man ihr mal eben eine sehr kurze Kurzgeschichte und lässt sie darin sterben, beispielsweise.

  • Dichte ihr eine Eigenschaft an, die du weder gut noch krass noch originell noch aufregend oder irgendwie interessant findest, sondern einfach nur peinlich. Zum Fremdschämen. So dass es dich schüttelt, wenn du nur an sie denkst. Kennst du dieses Geräusch, wenn die Kreide zusammen mit dem Fingernagel über die Schultafel ...? Genau so. Dieses Gefühl muss sie bei dir auslösen.

    Und dann ab in irgendeinen Teich mit ihr. Mit ’nem Betonklotz an den Füßen. :evil

  • Dann wird es eben doch eine Reihe oder ein Ableger. Wenn diese "nörgelige" Figur weitere (spannende) Geschichten ermöglicht, dann freu dich doch drüber, dass sie da ist. ;) Und wenn sie nix Spannendes zu erzählen hat, dann haben ja die Vorredner schon andere Ideen geäußert.


    In meinem aktuellen Manuskript kommt auch eine Nebenfigur vor, die ich aber so interessant finde, dass ich mir gut vorstellen kann, zu dieser ein eigenes Buch zu schreiben.

  • Wenn alles nichts hilft: Ihren Tod aufschreiben.


    Vielleicht findest du paar dunkle Flecken, mit denen du sie unter Druck setzen und zum Schweigen bringen kannst. 8)


    Ist die Figur also noch irgendwo im Kreativhirn zugange, widmet man ihr mal eben eine sehr kurze Kurzgeschichte und lässt sie darin sterben, beispielsweise.


    Und dann ab in irgendeinen Teich mit ihr. Mit ’nem Betonklotz an den Füßen. :evil

    Ihr seid ja rabiat :D


    Ich habe mal zum Spaß ein Zusatzkapitel zu einer Geschichte geschrieben, in dem sich die Protagonistin bei einem Treppensturz das Genick gebrochen hat, nur um eine Testleserin zu schockieren...ich fand es amüsant...sie nicht so:)


    Zurück zum Thema:

    Zum umbringen bin ich noch nicht bereit. Wie beschrieben ist mir zwischenzeitlich auch klar, dass zum Abschluss noch was fehlt und wahrscheinlich wäre es meinen (zwar nicht übermäßig vielen) Lesern unfair gegenüber da ein offenes Loch zu lassen.

    Ich weiß nur nicht recht, wie ich die letzte Geschichte angehen soll. Aber vielleicht ist das mit dem Lebenslauf nochmal aufschreiben gar keine schlechte Idee. Vielleicht versteckt sich darin etwas, das zum Schluss führt.

  • Wenn mich eigene Figuren nicht loslassen, dann ist das ein gutes Zeichen, dann war ich ihnen besonders verbunden. Es gibt eigentlich keinen Grund, das literarisch noch zu verarbeiten.


    Vielleicht hilft der Konsum dieser thematisch passenden Schmachtnummer:


  • Ja, das Nörgeln kann auch eine Art Loslass-Schmerz sein. Mein einziger Tipp: Verbrate die Figur nicht um des Verbratens willen, bevor du weißt, was sie von dir will. Sie muss sich schon klarer äußern. Du musst sie auch nicht töten. Du kannst sie ghosten, oder du kannst so tun, als ob sie wegzieht und ihr euch aus den Augen verliert. Vielleicht trefft ihr euch mal wieder, und dann, mit der nötigen Distanz, erzählt sie dir alles. Vielleicht verstirbt sie aber auch. Einfach so, ohne dein Zutun. Eigentlich alles wie im echten Leben! ^^