Besprechungsgruppen

  • Und ich gebe dir Recht, wer keine Empathie besitzt, kann auch nicht von ihr schreiben - somit fehlt die feine Würze im Buch.

    Empathie versetzt Dich überhaupt erst in die Lage, aus der Sicht von Menschen bzw. über Menschen zu schreiben, die anders als Du sind und/oder andere Schicksale und Hintergründe haben, oder simpel Dinge erleben, die Du noch nicht erlebt hast, etwa Angehöriger eines Mordopfers zu sein, oder ein Mörder. Ohne Empathie kann das nicht glaubwürdig funktionieren.

  • Hallo Tom,


    da gebe ich Dir zwar recht mit Deinen Äußerungen zur Empathie. Aber ... alles könnte ich nicht. Beziehungsweise in alle Menschen könnte ich mich nicht hineinversetzen. Zum Beispiel nicht in Techno-Fans. So wie Du Dich vielleicht nicht in Klassikhörer hineinfühlen kannst (ist aber nur eine Vermutung).


    Gerade bei Musik setzt meine persönliche Empathie völlig aus. Was fühlt jemand, der sich Sachen anhört, die für mich allenfalls als Urlaute durchgehen würden, aber nicht mehr als Melodie? Oder für den Musik gar nicht hart und aggressiv genug klingen kann, obwohl er oder sie selber gar nicht aggressiv ist, die Musik also gar nicht als Katalysator einsetzt?


    Aber das wäre eigentlich ein ganz eigener Thread, ich finde es nur gerade interessant.

  • Was fühlt jemand, der sich Sachen anhört, die für mich allenfalls als Urlaute durchgehen würden, aber nicht mehr als Melodie? Oder für den Musik gar nicht hart und aggressiv genug klingen kann, obwohl er oder sie selber gar nicht aggressiv ist, die Musik also gar nicht als Katalysator einsetzt?

    Meistens einen Schub voll positiver Energie, gefolgt von tiefer Entspannung. ;)

  • Wo wir schon mal dabei sind ...:

    Was ist denn von "fande" zu halten? Ich höre das immer wieder - in letzter Zeit so häufig, dass ich langsam den Verdacht hege, dass ich (Raum Köln) mit "fand" falsch liege ...? Heißt ja schließlich auch "dachte ich", nicht "dacht ich" ... Denken, dachte - Finden, fande ... ?!??

    (Ich weiß, ich könnte das jetzt googeln, aber ich würde gerne mal Eure Meinung hören :))

  • Oder Charlottes - im "Paardiologie"-Podcast habe ich "fande" zum ersten Mal von ihr gehört (oder es zumindest bewusst wahrgenommen). Seitdem andauernd. Vielleicht ansteckend?


    Noch so was: "Habt Ihr Euch alle schon geimpft?" "... impfen lassen", solle man meinen, im Großteil der Fälle.

  • Naja, stimmt schon. Aber wir sind ja alle so herrlich faul beim Sprechen. Das ist vergleichbar mit "Hast du dir die Haare geschnitten?"

    Das habe ich tatsächlich noch nie gehört. „Warst Du beim Friseur?“, fragt man hier - abgesehen von Zeiten, in denen niemand in diesen Genuss kam. Da wäre „hast Du Dir …“ aber ja wiederum richtig gewesen.

  • fande ist das mental simplifizierte Präteritum zu finde.

    Zitat

    "Da es taget / fuettert ich mich wieder mit Waitzen / begab mich zum naechsten auff Gelnhausen / und fande daselbst die Thor offen (...)"

    Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch, Erstes Buch, 19. Kapitel).

    "Fande" (3. Person Singular des Präteritums im Indikativ) war im 17. Jahrhundert bis in die Goethezeit ähnlich wie finge, sahe, sasse, triebe, empfande, kroche, begriffe, riete, liesse, schriebe, hielte, verbliebe, verwiese etc. (dies sind tatsächlich keine Konjunktivformen aus dem Simplicissimus) neben dem heute noch üblichen "fand" gebräuchlich. Die heutigen Sprecher aktualisieren damit also eine Form aus der Sprachgeschichte des Deutschen.

    8)

  • Wie ich anzudeuten versucht habe, Jürgen. Die Menschen, denen ich lausche, wenn sie etwa "fande" statt "fand" sagen, sind nach meinem unprofessionellen Dafürhalten keine Lingunostalgiker, die die Renaissance der Fassung des Deutschen aus dem siebzehnten Jahrhundert vorantreiben wollen, sondern Leute, denen das Sprechen wichtiger als die Sprache ist (also solche, die auch "zumindestens" oder "ebend" sagen).

  • Sprache ist ein überindividuelles System, das unabhängig von den Intentionen des individuellen Sprachnutzers funktioniert. Das "fande" ist kein einfacher Regelbruch, sondern gehört zum System der deutschen Sprache und folgt somit einer historischen grammatischen Gesetzmäßigkeit, die heute wieder zu wirken beginnt. Das hat nichts mit bewusster Nostalgie zu tun. Außerdem gehören auch die Wörter zumindestens und ebend zum System der gesprochenen Sprache, das heißt, auch sie unterstehen einer (vielleicht erst noch zu entdeckenden) Grammatik.


  • Rührt "Das gildet nicht" auch aus früheren Jahrhunderten oder ist wenigstens das dann doch schlicht verkehrt?

    Man kann wohl davon ausgehen, dass alles, was sich in unserem Sprechen verfestigt hat, eigenen Regeln folgt, die uns nicht bewusst sind. Sprechen ist ein halbbewusster Vorgang und steht nicht in unserer vollen Verantwortung, wie auch unsere Nasenform, Hautfarbe etc. Im Grimmschen Wörterbuch lässt sich dieses zwischen Konjunktiv und Indikativ schwebende "gülden" zum Beispiel von Luther finden:

    Zitat

    so merkt auch Jona selbst, es gülde ihm alleine

  • Sprechen ist ein halbbewusster Vorgang und steht nicht in unserer vollen Verantwortung

    Sprechen ist ein Vorgang, den wir mühevoll erlernen müssen. Es wird ein Zeitpunkt erreicht, ab dem wir uns über die Anwendung von Sprachregeln und über Formulierungen keine ständigen Gedanken mehr machen müssen, etwa wie bei der Bedienung komplexer Maschinen, aber genau wie hierbei legen wir Weg und Ziel vollständig bewusst selbst fest. Was wir unbewusst tun, das ist die Artikulation von Lauten, die wir für die Formung von gesprochenen Worten verwenden. Aber wir sprechen weder halb-, noch unbewusst, sondern in aller Regel vollständig kontrolliert. Weshalb wir selbstverständlich auch die volle Verantwortung für das tragen, was wir gesagt haben, notfalls vor Gericht.