Handlung, Plot, Prämisse

  • Abzweiger aus dem anderen Thread:

    Ob man immer die Handlung voranbringen muss und wie das geht und so weiter, sei mal dahingestellt.

    Der Kern der erzählenden Literatur ist in meinen Augen - immer noch - dass man etwas zu erzählen hat. Also etwa wie am Abendbrottisch, wenn man irgendwas von seinem Tag erzählt. Man berichtet, dann ja auch nicht, dass man morgens gefrühstückt und geduscht hat. Sondern irgendwas, was man für erwähnenswert hält. Ohne das wird es schwierig. Deswegen fällt mir der Zugang zu Sachen wie "Naked Lunch" oder "Ulysses" auch so schwer.

    Wie gesagt, dass ist der Kern der ganzen Angelegenheit, oder das sine qua non. Oder so. Insofern kann man auch von einem außergewöhnlichen Briefkasten erzählen. Das ist dann wahrscheinlich noch keine Literatur. ABer der Briefkasten darf gern im Rahmen von etwas Literarischem vorkommen. Bei einer 15-seitigen Erzählung wären 10 Seiten Briefkastenbeschreibung wohl etwas viel. Auf die Balance kommt es auch an. Was Längeres verkraftet dann auch ein paar Arabesken und Exkurse (wie z.B. in "Moby Dick" oder "Tristram Shandy").

    Und wahrscheinlich darf man auch Alltägliches erzählen, man muss es dem Leser nur als erwähnenswert verkaufen.

  • Der Kern der erzählenden Literatur ist in meinen Augen - immer noch - dass man etwas zu erzählen hat.

    Eine Lieblingsbeschreibung von mir für die Kurzgeschichte ist: Sie ist kurz und erzählt eine Geschichte. Wie wichtig der zweite Parameter ist, sieht man, wenn man mal ein kurzes Stück Prosa in die Hand bekommt, in dem keine Geschichte erzählt wird, sondern nur etwas beschrieben wird. Meinetwegen ein Briefkasten. Das kann ein ausgesprochen schöner Text sein, aber ohne Handlung funktioniert er nur, wenn er eben kurz ist (Sachtexte mal ausgenommen). Bei längeren Texten – bis hin zum Roman oder gar Mehrteilern – wird diese Geschichte immer wichtiger. Nur die hält überhaupt die Leser bei der Stange. Zu wissen, wie die Geschichte ausgeht, oder wenigstens, wie sie sich entwickelt, macht das Lesevergnügen aus. Auch oder gerade bei Grass, Wallace oder ähnlichen Autoren, die sich nicht durch kurze Sätze oder anderen Leseerleichterungen anbiedern. Henry Miller hat das manches Mal aus dem Auge verloren und dann sind selbst seine freizügigen Beschreibungen keine große Hilfe mehr, aber wenn er Geschichten erzählt hat, dann ist er einfach grandios.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Um den Begriff der Geschichte hatte ich nun ängstlich einen Bogen gemacht, weil mir da schon wieder zu viele Fragen dranhängen. (Was ist eine Geschichte? Muss sie einen Höhepunkt haben? Muss es einen (und nur einen?) Protagonisten geben? Muss es eine "Entwicklung" geben?...) Da lauert schon so viel Schreibratgeberwissen.

    Beim Schreiben darf es kein Schreibraterwissen geben. Der Intuition muss man folgen. Die Metaebene fliehen. Schreiben ist Jazz. Pure Improvisation. Geübt wird vorher (Konzeptionelles zurechtlegen, Techniken einschleifen). Im Rausch des Schaffens die schopenhauersche Qual der Individuation überwinden... na ja: vergessen.

  • und selbst die unterliegen Regeln.


    Geübt wird vorher (Konzeptionelles zurechtlegen, Techniken einschleifen).

    Aber das ist ja gerade der Punkt. Erzählendes Schreiben unterliegt auch Regeln, aber diese Regeln sollte man vorher verinnerlicht haben, damit man dann ganz natürlich und mit Spaß damit spielen kann. Ich finde das Bild in der Hinsicht schon treffend, Improvisation ist eine der entscheidenden Eigenschaften, aus denen sich Jazz definiert.

    Aber das bedeutet nicht, dass man das nicht üben oder strukturiert lernen kann. Es gibt ja auch in der Musik diese Leute, die meinen, man müsste nur ganz viele Platten hören und dann versuchen nachzumachen, was man da hört. Es mag ein paar Genies geben, bei denen das so läuft, aber für die Allermeisten ist es echt schon irgendwo ein Vorteil, wenn ihnen mal jemand das grundsätzliche Konzept von Dur und Moll erklärt8).


    Und genau deswegen mag ich auch Schreibratgeber sehr gerne. Schon klar, wer kennt die Romane, die Sol Stein geschrieben hat? Aber die Platten von Peter Bursch sind mir auch nicht geläufig und trotzdem hat der Mann einer ganzen Generation zu akzeptabler Schrammelgitarre verholfen.

    “Life presents us with enough fucked up opportunities to be evaluated, graded, and all the rest. Don’t do that in your hobby. Don’t attach your self worth to that shit. Michael Seguin

  • Genau. Üben kann nicht schaden (auch wenn es bei Musikern gern heißt, wer übt, kann nichts). Aber dann beim Schreiben selbst geht es darum, in diesen Schwebezustand zu gelangen. In den "Flow", wie man vielleicht auch sagt. Ins heilig-nüchterne Spiel, wo dann eben nicht mehr viel gegrübelt und gewollt, sondern improvisiert wird. Mit dem Vokabular und den Tools, die man sich vorher draufgeschafft hat. Um bei der Musik-Analogie zu bleiben: Wäre schon lästig, wenn man mitten in der Impro noch mal nachdenken muss, wie denn das mit Dur und Moll war.

  • …Schreiben ist Jazz. Pure Improvisation.

    Nur Freejazz ist pure Improvisation, und den versteht kaum jemand. ;)


    Die Improvisation im Jazz fußt immer auf etwas, auf Harmonien, auf Themen, auch auf Rhythmus. Nur ohne dies alles ist Improvisation "pur" – also Freejazz.


    Beim Schreiben ist es ähnlich. Ich empfehle gerne (und praktiziere auch) zu Beginn eines Schreibprozesses absichtsloses Schreiben. Das ist sozusagen der Freejazz beim Schreiben. Da kommt selten etwas vernünftiges bei raus, aber es macht warm und fördert das spätere absichtsvolle Schreiben.


    Klar, Ratgeberregeln kann man zur Kenntnis nehmen und, wenn man es braucht, auch diese und jene befolgen. Da ist nichts Falsches dran, außer wenn man es sklavisch tut. Es macht aber viel mehr Spaß, Regeln zu brechen. Um diesen Spaß zu haben, muss man jedoch die Regeln kennen.

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  • Um den Begriff der Geschichte hatte ich nun ängstlich einen Bogen gemacht, weil mir da schon wieder zu viele Fragen dranhängen. (Was ist eine Geschichte? Muss sie einen Höhepunkt haben? Muss es …

    In einer Geschichte passiert etwas.


    Mehr ist nicht nötig.


    Will man die Geschichte erzählenswert gestalten, lässt man sich dazu dies und jenes einfallen. Tricks sozusagen. Aber man muss das nicht. Man darf auch eine Geschichte langweilig – oder neutral ausgedrückt: – banal und sachlich erzählen.

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    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
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    aus: Demokritos


  • Aber dann beim Schreiben selbst geht es darum, in diesen Schwebezustand zu gelangen. In den "Flow", wie man vielleicht auch sagt.

    Ich weiß schon, so heißt es immer. Ich habe das auch schon erlebt, aber das allermeiste ist einfach Arbeit. Und in den Flow bin ich - wenn eben überhaupt - auch nur über Arbeit gekommen. Also: Hinsetzen, anfangen, zulassen, dass es erst einmal nur Sch*** zu sein scheint. Weitermachen. Überarbeiten. Vielleicht kommt dann ein Flow. Vielleicht entsteht aber auch eine Szene ohne Flow, sondern einfach nur durch Arbeit.

    So scheint es jedenfalls bei mir zu funktionieren.

  • Beim Schreiben ist es ähnlich. Ich empfehle gerne (und praktiziere auch) zu Beginn eines Schreibprozesses absichtsloses Schreiben. Das ist sozusagen der Freejazz beim Schreiben. Da kommt selten etwas vernünftiges bei raus, aber es macht warm und fördert das spätere absichtsvolle Schreiben.

    Ne, ich meine schon das absichtsvolle Schreiben. Mir geht es um die Magie der Inspiration. Wenn man sich bei der Improvisation in die Musik fallen lässt (auch in das, was man selbst gerade spielt). Das Absichtsvolle muss, damit der magische Augenblick funktioniert, vorher erledigt sein. Die Planung, das Plotten, Konzeptionelles. Und dann kommt eben dieser Moment der höchsten Konzentration, der Inspiration eben, das Fallenlassen in das Netz der Figuren, Orte, Atmosphären, in die Sprache.

  • Ich weiß schon, so heißt es immer. Ich habe das auch schon erlebt, aber das allermeiste ist einfach Arbeit. Und in den Flow bin ich - wenn eben überhaupt - auch nur über Arbeit gekommen. Also: Hinsetzen, anfangen, zulassen, dass es erst einmal nur Sch*** zu sein scheint. Weitermachen. Überarbeiten. Vielleicht kommt dann ein Flow. Vielleicht entsteht aber auch eine Szene ohne Flow, sondern einfach nur durch Arbeit.

    So scheint es jedenfalls bei mir zu funktionieren.

    So geht es mir auch. Der Flow entsteht, wenn überhaupt, durch das Arbeiten, nicht vorher. Am ehesten bei mir beim Überarbeiten.